Roberto Bolaño
Monsieur Pain
Roman
Roman
Aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg
FISCHER E-Books
Roberto Bolaño ist eine der großen Entdeckungen der Weltliteratur; seine Romane verweben »schlechterdings alles Essentielle der vergangenen Jahrtausende« (Die Zeit). Roberto Bolaño wurde 1953 in Santiago de Chile geboren, lebte in seiner Jugend lange in Mexiko-Stadt und siedelte später mit seiner Familie nach Spanien um. Dort starb er 2003, im vergeblichen Warten auf eine Lebertransplantation, als er gerade an seinem Meisterwerk »2666‹«arbeitete.
In der Werkausgabe von Roberto Bolaño sind im Fischer Taschenbuch bisher folgende Titel erschienen: »Stern in der Ferne«, »Die Naziliteratur in Amerika«, »2666«, »Amuleto«, »Das dritte Reich«, »Lumpenroman«, »Der unerträgliche Gaucho«, »Die wilden Detektive« und »Telefongespräche«. Im S. Fischer Verlag erschien 2018 erstmals auf Deutsch der Roman »Der Geist der Science-Fiction«.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Deutsche Erstausgabe
Erschienen bei FISCHER E-Books
Covergestaltung: hißmann, heilmann, Hamburg
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-490991-2
Für Carolina López
P: Und ist Ihnen der Gedanke an den Tod sehr schmerzlich?
V: Nein – nein!
P: Freuen Sie sich gar über die Aussicht?
V: Wenn ich in wachem Zustand wäre, würde mir der Tod willkommen sein, doch jetzt gilt er mir nichts. Das mesmerische Befinden ist dem Tode so nahe, dass es mich befriedigt.
P: Ich wünschte, Sie wollten sich näher erklären, Mr. Vankirk.
V: Das will ich gern, doch erfordert es eine Anstrengung, die, so fühl ich’s, im Augenblick über meine Kräfte geht. Sie fragen mich nicht in der rechten Weise.
P: Was soll ich Sie denn fragen?
V: Sie müssen mit dem Anfang beginnen.
P: Mit dem Anfang! – ja, doch wo ist der Anfang?
Edgar Allen Poe, Mesmerische Offenbarung
Übersetzt von Hans Wollschläger und Kuno Schuhmann Zürich 1994
Vor vielen Jahren, 1981 oder 1982, schrieb ich Monsieur Pain. Sein Schicksal war ebenso wechselhaft wie abenteuerlich. Unter dem Titel La senda de los elefantes gewann der Roman den Premio de novela corta Félix Urabayen, den die Stadtverwaltung von Toledo vergibt. Kurz zuvor hatte er, unter anderem Titel, eine ehrenvolle Erwähnung bei einem anderen Wettbewerb in der Provinz erhalten. Mit dem ersten Preis gewann ich dreihunderttausend Peseten. Mit dem zweiten einhundertzwanzigtausend, wenn ich mich recht erinnere. In Toledo publizierten sie das Buch für mich und ernannten mich zum Mitglied der Jury für den nächsten Wettbewerb. In der anderen Provinzhauptstadt vergaßen sie mich noch schneller, als ich brauchte, um sie zu vergessen, und ich habe nie erfahren, ob das Buch publiziert wurde oder nicht. Über all das berichte ich in einer Erzählung in Telefongespräche. Die Zeit, ein echter Witzbold, hat dafür gesorgt, dass ich später noch ein paar bedeutende Auszeichnungen gewann. Dennoch ist mir keiner so wichtig gewesen wie jene über die Landkarte Spaniens verstreuten Preise, lauter Büffel, die eine kleine Rothaut erst einmal erlegen musste, denn damit bestritt sie ihr Leben. Nie wieder bin ich so stolz gewesen, und so unglücklich, ein Schriftsteller zu sein, wie damals. Über Monsieur Pain kann ich nicht viel mehr sagen als dies. Fast alles, was erzählt wird, hat sich in Wirklichkeit so zugetragen: Vallejos Schluckauf, der Lastwagen – von Pferden gezogen –, der Curie überfuhr, seine letzte oder zumindest eine seiner letzten Arbeiten, eng verbunden mit einigen Aspekten des Mesmerismus, die Ärzte, die Vallejo so schlecht behandelten. Auch Monsieur Pain hat es gegeben. Georgette erwähnt ihn irgendwo in ihren leidenschaftlichen, zornigen, hilflosen Erinnerungen.
Paris 1938
Am Mittwoch, dem 6. April, am späten Nachmittag, als ich mich soeben anschickte, meine Wohnung zu verlassen, erhielt ich ein in dringlichem Ton abgefasstes Telegramm von meiner jungen Freundin Madame Reynaud, in dem sie meine Anwesenheit noch für den gleichen Abend im Café Bordeaux erbat, einem Lokal in der Rue Rivoli, nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernt, und zwar für eine Uhrzeit, zu der ich, wenn ich mich beeilte, noch pünktlich erscheinen konnte.
Das erste Anzeichen für die Besonderheit der Geschichte, auf die ich mich einzulassen im Begriff war, zeigte sich sogleich, als ich nämlich die Treppe hinunterging und auf Höhe des dritten Stocks zwei Männern begegnete. Sie sprachen Spanisch, eine Sprache, die ich nicht verstehe, und trugen dunkle Regenmäntel sowie breitkrempige Hüte, die, weil sie von mir aus gesehen weiter unten auf der Treppe standen, ihre Gesichter verdeckten. Aufgrund des üblicherweise in Treppenhäusern herrschenden Halbdunkels und wegen meiner geräuschlosen Annäherung, nahmen sie erst von meiner Anwesenheit Notiz, als ich ihnen, nur drei Treppenstufen entfernt, fast gegenüberstand; daraufhin hörten sie auf zu sprechen, und anstatt zur Seite zu treten, damit ich meinen Abstieg fortsetzen konnte (die Treppe ist breit genug für zwei Personen, nicht aber für drei), starrten sie einander an, und zwar für einige Augenblicke, die mir zusammengefasst wie ein Simulakrum der Ewigkeit vorkamen (ich stand, muss ich betonen, einige Stufen höher), ehe sie extrem langsam ihre Blicke voneinander ließen und auf mich richteten. Polizisten, ging es mir durch den Kopf, nur Polizisten haben sich diese Art zu schauen bewahrt, Erbteil aus in schattigen Wäldern verbrachten Jäger- und Sammlerzeiten; dann fiel mir wieder ein, dass sie Spanisch gesprochen hatten und es sich nicht um Polizisten handeln konnte, zumindest nicht um französische Polizisten. Ich dachte, sie würden mich ansprechen, mit dem unvermeidlichen Gestammel verirrter Ausländer, aber stattdessen drückte sich der mir direkt gegenüberstehende der beiden auf die denkbar ungeschickteste Art zur Seite, gegen die Schultern seines Begleiters, so dass er sich und seinen Kollegen in eine für beide gewiss denkbar unbequeme Lage brachte und ich, nach einer grüßenden Handbewegung, die nicht erwidert wurde, meinen Abstieg fortsetzen konnte. Aus Neugier drehte ich mich auf dem nächsten Treppenabsatz noch einmal um: Da standen sie immer noch, auf der gleichen Treppenstufe, im trüben Licht einer Glühbirne, die von der Decke hing und, wirklich erstaunlich, in der nämlichen Position, die sie eingenommen hatten, um mich vorbeizulassen. Als sei die Zeit stehengeblieben, dachte ich. Unten, beim Heraustreten auf die Straße, sorgte der Regen dafür, dass ich den Vorfall rasch vergaß.
Madame Reynaud saß ganz hinten im Restaurant, vor der Wand, hoch aufgerichtet wie immer. Sie wirkte ungeduldig, obwohl ihre Miene sich entspannte, als sie mich entdeckt hatte, so als sei eine plötzliche Erschlaffung die angebrachte Art und Weise, mir zu bedeuten, dass sie mich wiedererkannt hatte und mich erwartete.
»Ich möchte, dass Sie den Ehemann einer Freundin aufsuchen«, waren ihre ersten Worte, kaum dass ich ihr gegenüber Platz genommen hatte, vor mir den riesigen Spiegel, durch den ich fast das gesamte Restaurant überblicken konnte. Weiß der Himmel, welche verquere Analogie mir das Antlitz ihres jugendlichen Ehemannes in Erinnerung brachte, der erst vor kurzem gestorben war.
»Pierre«, wiederholte sie, indem sie jedes Wort betonte, »Sie müssen dringend, und zwar im beruflichen Auftrag, den Ehemann meiner Freundin aufsuchen.«
Ich glaube, ich bestellte einen Pfefferminzlikör, ehe ich fragte, woran er denn leide, dieser Monsieur …
»Vallejo«, sagte Madame Reynaud, und dann, kurz und bündig: »Schluckauf.«
Ich weiß nicht, warum die unzusammenhängenden Bilder eines Gesichts, welches zu dem verstorbenen Monsieur Reynaud hätte gehören können, sich über all jene Gestalten legten, die ein, zwei Tische weiter tranken und redeten.
»Schluckauf?«, fragte ich mit einem traurigen Lächeln, das respektvoll wirken sollte.
»Er stirbt«, erwiderte heftig meine Gesprächspartnerin, »niemand weiß woran, das ist kein Scherz. Sie müssen ihn retten.«
»Ich fürchte«, murmelte ich, während sie nervöse Blicke durchs Fenster auf den Fluss der Passanten in der Rue Rivoli schoss, »wenn Sie sich nicht etwas genauer ausdrücken könnten …«
»Ich bin kein Arzt, Pierre, ich weiß so gut wie gar nichts von diesen Dingen, es ist ja bekannt, dass darin mein Unglück liegt, ich wollte immer Krankenschwester werden.« Ihre Augen funkelten wütend. Und in der Tat hatte Madame Reynaud keine höheren Studien absolviert (genau genommen hatte sie überhaupt nicht studiert), was nicht verhinderte, dass man sie für eine Frau mit aufgeweckter Intelligenz halten konnte.
Sie verzog etwas das Gesicht und senkte den Blick, und dann sagte sie, und es klang, als hätte sie etwas auswendig gelernt:
»Seit Ende März befindet sich Monsieur Vallejo im Krankenhaus. Die Ärzte wissen immer noch nicht, was ihm fehlt, dass er aber sterben wird, ist gewiss. Gestern begann er unter Schluckaufbeschwerden zu leiden …« Sie stockte, ihr Blick flog hin und her, als wollte sie unter den Gästen jemanden erspähen. »Das heißt, gestern bekam er einen Schluckauf, der nicht wieder weggeht, und niemand kann irgendetwas zur Linderung beitragen. Sie wissen ja, an Schluckauf kann man sterben. Aber damit nicht genug, er hat auch Fieber, immer vierzig Grad. Heute Morgen rief mich Madame Vallejo an, mit der ich seit einigen Jahren bekannt bin. Sie ist ganz allein, sie hat niemanden, außer den Freunden ihres Mannes, lauter Südamerikaner. Als sie mir ihre Lage schilderte, fielen Sie mir ein, obwohl ich ihr selbstverständlich nichts gesagt oder versprochen habe.«
»Ihr Vertrauen ehrt mich«, gelang es mir zu seufzen.
»Ich glaube an Sie«, kam sogleich die Antwort.
Glaube, so ging es mir durch den Kopf, ist das wichtigste Requisit, um zu lieben. Irgendwie wirkte sie zerbrechlich. Die Augen waren trocken (warum auch nicht?) und studierten mit einer gewissen Müdigkeit die Schulterpolster meines Jacketts.
»Was die Ärzte nicht geschafft haben, können Sie mit Akupunktur zustande bringen.«
Und sie legte ihre Hand auf meine; mich schauderte ein wenig; für einen Moment kamen mir Madame Reynauds Finger wie durchsichtig vor.
»Glauben Sie mir, Sie sind die einzige Person, die den Gatten meiner Freundin zu retten vermag, aber wir müssen uns beeilen, wenn Sie einwilligen, müssen Sie Vallejo gleich morgen besuchen.«
»Selbstverständlich, wie könnte ich mich weigern«, sagte ich, aber ich wagte nicht, sie anzusehen.
Ihr Ausruf erregte Aufmerksamkeit an den benachbarten Tischen.
»Ich wusste es! O Pierre, ich vertraue Ihnen, ich vertraue Ihnen so sehr!«
»Was muss ich als Erstes tun?«, schnitt ich ihr das Wort ab, während ich im Spiegel mein errötetes, möglicherweise glückliches Gesicht sah und auch den Kellner, der mit zwei großgewachsenen, dünnen und schwarzgekleideten Individuen mit ausgemergelten Gesichtern neben der Kasse sprach, es sah aus, als würden sie etwas bezahlen oder ihm eine vertrauliche Mitteilung machen.
»Ich weiß es nicht, mein Freund. Erst muss ich mit Georgette sprechen, Madame Vallejo«, präzisierte sie, »und gleich für morgen früh eine Verabredung abstimmen.«
»Sehr gut. Je früher ich eine Vorstellung über den Zustand habe, in dem sich der Mann Ihrer Freundin befindet, desto besser«, versicherte ich.
Der Kellner und die beiden Männer blickten jetzt in unsere Richtung. Die Unbekannten mit der so ungewöhnlich bleichen Miene, nickten, unisono und wie zustimmend. Mich beschlich ein seltsames Gefühl: In diesem Moment erschienen sie mir beide wie eine Inkarnation der Frömmigkeit. Ich fragte mich, ob Madame Reynaud sie kannte.
»Sie beobachten uns.«
»Wer?«
»Da, an der Kasse, schauen Sie nicht so hin, zwei schwarzgekleidete Männer. Mir kommen sie wie zwei Engel vor, finden Sie nicht?«
»Aber ich bitte Sie, seien Sie nicht töricht, Engel sind jung und haben rosige Haut. Die beiden Männer da sehen doch aus, als kämen sie aus dem Gefängnis.«
»Oder aus einem Keller.«
»Wahrscheinlich einfach zwei müde Büroangestellte, vielleicht sind sie krank.«
»Stimmt. Kennen Sie sie?«
»Nein, natürlich nicht«, erwiderte sie mit Blick auf meine Krawattennadel.
Meine Freundin schien irgendwie kleiner geworden zu sein.
All meinen Bemühungen zum Trotz war Madame Reynauds Mann vor einem halben Jahr mit vierundzwanzig Jahren gestorben. Madame Reynaud war genau eine Woche vorher mit einem Empfehlungsbrief von Monsieur Rivette zu mir gekommen, und vom ersten Moment an wusste ich, dass nichts mehr zu machen war; die Ärzte hatten Reynaud längst aufgegeben, und es war klar, dass Madame Reynauds letzte Hoffnung hinsichtlich einer möglichen Genesung ihres Mannes allein ihrer jugendlichen Verzweiflung zuzuschreiben war. Entgegen meiner Gewohnheit, auch trotz meiner Müdigkeit, wie ich zugeben muss, entsprach ich ihren Bitten. Noch am gleichen Tag besuchte ich Monsieur Reynaud in der Salpetrière, wo ich mich schon seit langem der Wertschätzung einiger Ärzte erfreute, denen ich von Zeit zu Zeit mit meinen elementaren Kenntnissen auf dem Gebiet der Akupunktur bei verschiedenen Heilungsverfahren geholfen hatte.
Monsieur Reynaud, schwarze Haare, dunkelgrüne Augen, ein gewissermaßen südlicher Typ, hatte es mit beträchtlichem Geschick zuwege gebracht, sich über seinen Gesundheitszustand hinwegzutäuschen. Ich fand ihn gleich sympathisch; er war wunderschön, ein wenig täppisch, und es genügten fünf Minuten an seiner Seite, um zu verstehen, warum seine Frau ihn liebte.
»Sie sind alle verrückt, die meinen, ich würde mich erholen«, gestand er mir am zweiten Abend, nachdem ich ihn über ein paar unwesentliche Details meines alltäglichen Geschäfts ins Bild gesetzt hatte, um ihn aufzuheitern und eine Aura gegenseitigen Vertrauens herzustellen.
»Aber nicht doch«, lächelte ich.
»Ach Pain, das verstehen Sie nicht«, sein Gesicht leuchtete, er hatte sich leicht an mich gelehnt, während seine Augen etwas zu suchen schienen, das ich nicht sehen konnte.
Ich blieb an seiner Seite, bis er starb.
»Machen Sie sich keine Vorwürfe, da war nichts zu machen, alle hier wussten es«, tröstete mich Doktor Durand am Abend, als Reynaud seinen letzten Atemzug getan hatte.
Von da an begann ich, mich mit Madame Reynaud alle zwei, drei Wochen zu treffen. Eine Freundschaft? Ich weiß es nicht. Vielleicht etwas mehr, obwohl sich unsere Treffen auf Spaziergänge mit eingestreuten Gesprächen beschränkten, in denen niemals gefühlsbezogene oder politische Andeutungen zur Sprache kamen, zumindest nicht von ihrer Seite; fast immer war ich es, der sprach, und die Themen beschränkten sich, durchaus zu meinem Leidwesen, auf meine nun schon etwas zurückliegende Jugend, den Großen Krieg, an dem ich als Soldat teilgenommen hatte, mein Interesse für die okkulten Wissenschaften und unsere gemeinsame Liebe zu Katzen. Wir gingen auch zu Kinovorführungen, stets auf meine Anregung hin, und suchten Zuflucht in Restaurants in irgendeinem Stadtviertel, wo wir dann üblicherweise schweigend beieinandersaßen. Es war ein Schweigen, das für uns beide etwas Tröstliches hatte. Nie kam es zu irgendwelchen intimen oder sentimentalen Anspielungen, es sei denn, man wollte die eine oder andere harmlos vertrauliche Einlassung über ihren verstorbenen Mann als solche gelten lassen. Schließlich hatten wir einander nicht ein einziges Mal in unseren Privatwohnungen aufgesucht (außer beim ersten Mal, als Madame Reynaud kam, um mir die Visitenkarte von Monsieur Rivette zu überreichen), obwohl wir beide über unsere Adressen Bescheid wussten.
Auf dem Heimweg begann ich, mir gerührt noch einmal das geschwächte Antlitz von Monsieur Reynaud zu rekonstruieren, während ich gleichzeitig den Schluckauf des unbekannten Monsieur Vallejo bedachte. Ein wiederkehrendes Bild. In den letzten Monaten fiel es mir schwer, Krankheit und auch Schönheit nicht mit der Erinnerung an Monsieur Reynaud zu verbinden. Jetzt war es fast Mitternacht, ich hatte den Rest des Abends in einem Café im Stadtviertel Passy verbracht, in Gesellschaft eines alten Bekannten, eines ehemaligen Schneiders, der einen großen Teil seiner Zeit dem Studium des Mesmerismus widmete. Es hatte aufgehört zu regnen. Irgendwie, dachte ich, enthüllen uns jene Personen, die uns den Zugang zu den Patienten eröffnen, deren innersten Zustand. Vermittler als Radiographien. Eine gewagte Theorie, gewiss, und eigentlich glaubte ich selbst nicht daran. Was hatte mir Madame Reynaud über meinen künftigen Patienten verraten, wenn nicht ihren Wunsch, ihren krankhaften Wunsch, mich endlich jemanden heilen zu sehen? Und was bedeutete dies, wenn nicht den gerechtfertigten Wunsch, ihr Vertrauen in mich abgesichert zu sehen? Da ich ihren Mann nicht retten konnte, dies aber meine Rolle und meine Aufgabe gewesen war, als ich in ihr Leben trat, sollte ich nun den Mann ihrer Freundin retten und mit diesem Akt eine Wirklichkeit, eine logische und höhere Ordnung beglaubigen, innerhalb derer wir weiterhin als die existieren konnten, die wir waren. Und uns vielleicht endlich selbst erkennen und auf dem Weg dieser Selbsterkenntnis verändern und, in meinem Fall, das Glück suchen (ein vernünftiges Glück, sowas wie Sorgfalt und Vertrauen). Aber da war etwas, das nicht passte und das ich in Madame Reynauds Schweigen vermutete, und in meinem eigenen Sensorium, das sich, aus Gründen, die mir selbst verborgen waren, im Alarmzustand befand.
Und plötzlich, wie um meine Angst bestätigt zu wissen, vernahm ich, als ich in meine Straße einbog, wo sich normalerweise um diese Zeit keine Menschenseele findet, Schritte, die rascher wurden. Ich ging noch etwas weiter und blieb dann stehen. Sie sind hinter mir her, stellte ich fest, mit der nämlichen Gewissheit und dem Erstaunen, mit dem ein Soldat feststellt, dass sein Bein vom Wundbrand befallen ist. War das die Möglichkeit?
Vorsichtig blickte ich über meine Schulter zurück; zwei Männer, sie waren etwa zwanzig Meter entfernt, liefen in meine Richtung, sehr aneinander gedrückt, einer wie der andere, fast wirkten sie wie siamesische Zwillinge, riesige breitkrempige Hüte, ihre Silhouetten waren im Licht der Straßenlampe auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig klar und deutlich zu erkennen.
Ich wusste, dass sie, während sie liefen, mich nicht aus den Augen ließen. Das Gefühl, beobachtet zu werden, tat fast weh, ein Schmerz, der mir geradezu die Lebenskraft wegzusaugen schien. Eilig legte ich die Wegstrecke zurück, die noch zwischen mir und dem Haus lag. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich sie laufen hörte, weshalb ich annehme, dass meine Reaktion sie unvorbereitet traf. Nachdem ich die Türschwelle hinter mir gelassen und die Haustür durchaus heftig zugeschlagen hatte, stellte ich fest, dass ich in Schweiß gebadet war. Mit dem Rücken an die Tür gelehnt, kam mir der Gedanke: Schweiß ist ein untrügliches Anzeichen für Gesundheit. Dann aber durchfuhr mich tiefe Scham; ich muss gelaufen sein, sagte ich mir, und die beiden Männer müssen der vollkommen berechtigten Meinung gewesen sein, ich liefe vor ihnen davon et cetera. Als ich mit diesen Selbstvorwürfen, die, außer einem Gefühl der Demütigung, gar nichts zur Folge hatten, fertig war und schon wieder Atem schöpfte, um die steile Treppe bis zum fünften Stock emporzusteigen, hörte ich, auf der anderen Seite der Tür, praktisch auf Ohrenhöhe, die Stimmen zweier Personen, die irgendetwas auf Spanisch brabbelten.
Ich stieg die Treppe hinauf, ohne Licht zu machen, so leise wie möglich, und schloss hinter mir die Wohnungstüre ab. Schon im Bett, nachdem ich mir auf dem Öfchen noch einen Tee gewärmt hatte, sagte ich mir, dass zwischen gestern und heute einige neuartige Dinge aufgetaucht waren, die mein alltägliches Leben durcheinanderbrachten. Bewegung, ging es mir durch den Kopf. Der Kreis öffnet sich an dem Punkt, wo man es am wenigsten erwartet hätte. Ich habe einen Patienten, der am Schluckauf stirbt; zwei Spanier (und mein Patient ist, wenn auch kein Spanier, so doch einer aus der spanischsprachigen Welt), die mir ohne jeden Zweifel folgen; Madame Reynaud, die der Anblick zweier hochgewachsener Herrschaften im Café Bordeaux nervös macht, die zwar nicht die Spanier sind, die mir folgen, die aber Madame Reynaud zu kennen, oder deren Identität sie zumindest zu erraten, und die sie zu fürchten scheint.
April, dachte ich, ein neuer Lebenszyklus. Irgendwann schlief ich ein.
Ich erwachte mit Kopfschmerzen. Es klopfte. Madame Grenelle, die Vermieterin der nebenan liegenden Wohnungen, stand vor der Tür und balancierte zwischen ihren Fingern zwei Briefumschläge aus ganz normalem Papier, einen blauen und einen weißen. Als sie mich erblickte, unterdrückte sie ein Kreischen.
»Monsieur Pain, Sie haben mir aber einen ordentlichen Schrecken eingejagt!«
»Aber ich habe doch nur die Tür geöffnet«, sagte ich, und in der Tat, ohne jede Heftigkeit, eigentlich fast zu vorsichtig, als hätte ich sie gewissermaßen resigniert geöffnet. Und die Grenelle hatte einen Schreck bekommen.
»Es ist Mittag«, sagte sie und reckte den Hals, in der vagen Hoffnung, irgendeine nächtliche Begleitung in meiner Behausung zu entdecken.
Um Würde zu bewahren, schloss ich die Tür bis auf einen Spalt und fragte, ob die Briefe für mich seien.
»Aber natürlich«, sagte sie, »mir schreibt ja keiner und wenn, dann ist es ein Brief vom Land, von meiner Schwester oder von der meines verstorbenen Ehemanns, aber aus Paris kommt nie was.«
Sie grinste herausfordernd, ihr Doppelkinn auf Höhe meiner Brust. Auch ich versuchte, ein verständnisvolles Lächeln aufzusetzen.
»Hat jemand persönlich überbracht. Dieser hier«, und sie wedelte mit dem weißen Umschlag, »stammt von zwei ausländischen Individuen, Spanier oder Italiener, und diesen hier«, sie ließ den blauen Umschlag in Form einer Spirale durch die Luft sausen, »hat ein Bote überbracht. Aber riechen Sie mal. Parfüm, nicht wahr?«
Ich blieb gleichmütig, versuchte, entgegen meinen wahren Gefühlen, so desinteressiert wie möglich zu wirken, die Hände in den Taschen meines Morgenmantels, den Blick ins Nirgendwo des menschenleeren, kalten Flurs gerichtet.
»Haben Sie die beiden ausländischen Herren gesehen?«
»Ja, und mit dem Boten habe ich auch geredet, ein armer Junge, der gerade aus Albi gekommen ist und sich noch gar nicht auskennt in der Stadt.«
»Haben Sie mit den Spaniern geredet?«
»Ach, Spanier?«
»Ich glaube«, sagte ich unsicher, »haben Sie mit ihnen gesprochen?«
»Ein wenig. Sie haben lange bei Ihnen geklopft, es wird so gegen neun Uhr gewesen sein. Sie haben wirklich einen gesegneten Schlaf, Monsieur Pain.«
»Was haben sie gesagt, Madame Grenelle?«