Werke, Band 7: Essays, Reden, Interviews

Wolfgang Hilbig

Werke, Band 7: Essays, Reden, Interviews

Herausgegeben von
Jörg Bong, Jürgen Hosemann und Oliver Vogel

Unter Mitarbeit von Volker Hanisch

Mit einem Nachwort
von Wilhelm Bartsch

Essays

FISCHER E-Books

Inhalt

Über Wolfgang Hilbig

Wolfgang Hilbig, geboren 1941 in Meuselwitz bei Leipzig, gestorben 2007 in Berlin, übersiedelte 1985 aus der DDR in die Bundesrepublik. Er erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen, darunter den Georg-Büchner-Preis, den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Bremer Literaturpreis, den Berliner Literaturpreis, den Literaturpreis des Landes Brandenburg, den Lessing-Preis, den Fontane-Preis, den Stadtschreiberpreis von Frankfurt-Bergen-Enkheim, den Peter-Huchel-Preis und den Erwin-Strittmatter-Preis.

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

In der siebenbändigen Wolfgang-Hilbig-Werkausgabe sind die Essays der unverzichtbare Schlussstein. Dazu gehören nicht nur Hilbigs Poetikvorlesungen und andere Texte zur Kunst, sondern auch die zahlreichen Dankreden, die Hilbig hielt, wenn er mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Hatte seine Kamenzer Rede mit ihrer herben Kritik an der deutschen Wiedervereinigung 1997 noch für einen Skandal gesorgt, wurde die Büchner-Preis-Rede von 2002 zu einem melancholischen Rückblick auf die Rolle der Literatur. Hilbigs eigentliches Talent aber leuchtet in jenen traumschönen Essays, die Beobachtung und Reflexion mit der Kraft und dem Ton seiner Erzählungen verbinden. Darüber hinaus enthält dieser Band Wolfgang Hilbigs wichtigste Interviews – sie sind die beeindruckende Selbstauskunft eines unverwechselbaren Dichters.

Impressum

Originalausgabe

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: Hißmann, Heilmann, Hamburg / Imke Schuppenhauer

Coverabbildung: Horst Hussel

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-400995-7

In diesem Gedicht will der Dichter eine bestimmte Stimmung ausdrücken, die ihn erfaßt hat, in einer »Zeit, wo alles neu beginnt«. Diese Zeit macht ihn glücklich, und er möchte noch alt werden in dieser Zeit.

Um das bildhaft auszudrücken, wählt er den Vergleich mit einem alten Baum, der schon viele Zeiten gesehen hat – ein sehr treffender Vergleich, denn es ist kein morscher Baum, dem Zusammenbrechen nahe, sondern einer, der sehr fest in seiner Erde steht, dessen Wurzeln so tief sitzen, daß sie kein Spaten sticht, der also tief in seiner Zeit verwurzelt ist, dessen Rinden sich immer wieder schälen. Er hat sich schon oft verändert, und die Zeit bringt mit sich, daß er sich noch oft verändern muß, stets gilt es, sich neu der Umwelt anzupassen, der Stamm aber, das Innere, muß stets gleich und unbeugsam bleiben. In der ersten Strophe hat Louis Fürnberg sein Ja-Wort zum Leben abgegeben, indem er sagt, daß er es möglichst lange besitzen will, in der zweiten Strophe sagt er uns, was ihm sein Leben in dieser Zeit so wertvoll macht. Das geschieht sehr folgerichtig, denn der Leser ist durch das Bekenntnis der ersten Strophe darauf neugierig geworden. Es heißt: »In dieser Zeit, wo alles neu beginnt.« Das ist die Zeit, die mit Beendigung des Krieges das schrecklichste Kapitel der deutschen Geschichte vergehen ließ. Der Dichter hat erkannt, daß erst jetzt das eigentlich wahre Leben anfängt, das Leben, das so lange erträumt war, »wo die Saaten alter Träume reifen«. In dieser Zeit, die ihm endlich Frieden und Glück verheißt, begreift er den Tod nicht, empfindet er den Tod als das Unglück, das ihm das nun so geliebte Leben nehmen will. Doch bei diesem großartigen Bekenntnis bleibt es nicht. Die schöpferische Seele des Dichters duldet nicht das tatenlose Genießen. Er, der die bösen

Der von Louis Fürnberg verwendete metrische und reimtechnische Aufbau kommt seiner beabsichtigten Aussage sehr entgegen und gibt dem Gedicht eine großartige Einheit.

Die zwei Strophen (1+3), die das Gleichnis des Baumes enthalten, sind beide im Dreierrhythmus gebildet und haben so einen ruhigen, fast erzählenden Tonfall. Sie sind dadurch als zusammengehörig erkenntlich. Die anderen beiden verwenden zu Beginn einen Jambus und haben dadurch einen gemäß ihrer Aussage schnelleren Rhythmus. In der Weiterführung bleibt der Dichter aber nicht schematisch, sondern durchbricht diesen Rhythmus.

Eine eigenartig schöne Variante gebraucht Louis Fürnberg bei der Art des Reimschemas. Die erste Zeile der Strophe bleibt jeweils ungereimt, die nächsten beiden reimen sich dann, und die vierte Zeile reimt sich mit der nächsten Strophe. Dadurch verkettet der Dichter das Gedicht in sich enger.

In der vierten Strophe durchbricht er aber diese Form noch einmal und läßt die erste mit der dritten Zeile gereimt, während die zweite plötzlich auf die erste der vorhergehenden Strophe paßt und sich somit noch einmal fester an diese hängt.

Ich bin der Meinung, daß dieses Gedicht von der technischen sowie von der bildhaften Seite her als sehr gelungen bezeichnet werden kann.

Alt möcht ich werden

Alt möcht ich werden wie ein alter Baum,

mit Jahresringen, längst nicht mehr zu zählen,

mit Rinden, die sich immer wieder schälen,

mit Wurzeln tief, daß sie kein Spaten sticht.

In dieser Zeit, wo alles neu beginnt

und wo die Saaten alter Träume reifen,

mag wer da will den Tod begreifen – –

ich nicht!

Alt möcht ich werden wie ein alter Baum,

zu dem die sommerfrohen Wandrer fänden,

mit meiner Krone Schutz und Schatten spenden

In dieser Zeit, wo alles neu beginnt.

Aus sagenhaften Zeiten möcht ich ragen,

durch die der Schmerz hinging, ein böser Traum,

In eine Zeit, von der die Menschen sagen:

Wie ist sie schön! O wie wir glücklich sind!

Im Sommer nach Rom zu reisen, ist wenig empfehlenswert; äußern Sie nur diese Idee und man wird Ihnen vieles nennen, was dagegen spricht, man wird Ihnen erschrocken abraten, fahren Sie ebensowenig im Frühling. – Die Lage der Stadt ist die ärgerlichste, das Klima ist bösartig. Irreführend schon durch die Bezeichnung, da es eigentlich Die Sieben Städte Rom heißen müßte, finden sich Roms ungeheure Ansammlungen von Gestein auf einer ebensolchen Anzahl von Erhebungen in einem Gelände, das von den Ausbrütungen einer hydrischen Flora vollkommen vergiftet ist.

Es ist vergessen, wie die Sümpfe in den Niederungen zwischen den sieben Stadtkernen entstanden sind, vergessen, das läßt uns nicht zweifeln, daß politische Verfehlungen die Schuld dafür tragen müssen. Verfehlungen solcherart sind unter den wechselnden Dynastien, die diese Region beherrschten, nichts Ungewöhnliches, die mangelhafte oder nur schematische Ausführung des berühmten römischen Wasserleitungssystems, eines Projektes von historischer Einmaligkeit, verdankt ihr Ende der fruchtlosen Plänemacherei einander ablösender Regierungen, deren eine den Wahnwitz der vorhergegangenen jeweils noch zu übertreffen suchte, so daß schließlich nichts mehr im Verhältnis zu seinen Möglichkeiten stand, das Verlorengehen aller Unterlagen bezeichnet die notwendige Folge solcher Politik. Ebenso unerforschbar bleibt es, wann das Sumpfland der Geschlossenheit der Stadt bedrohlich wurde. Nun sind da Ebenen, deren Ausdehnung nur nach Tagesmärschen zu messen wäre, aber es wagt sich auch zu Fuß kaum ein Mensch in diese Gebiete, die Fahrzeugen aller Art gänzlich unpassierbar sind. In der Morgenkühle (wenn dieses Wort auch nur im Sinne

Wir meinen, daß die Behauptung, der Anblick dieser Bewegung sei täuschend und viel leichter erklärlich, sie entstünde in Wahrheit durch das Auf- und Niederfluten ungeheurer Insektenschwärme, noch nicht einmal den Vorwand für eine Beruhigung über dieses Phänomen darstellen kann. – Nur wenige der kurzen Winter noch hatten die Hoffnung zugelassen, daß die Sümpfe ein paar Tage lang zur Gänze eingefroren seien, und kaum jemand hat den Weg von einem Stadtteil zum anderen sich zugetraut; man weiß von einzelnen Unternehmungen, doch wer von diesen Wahnsinnigen wäre im heimatlichen Viertel wieder aufgetaucht, bestenfalls den Hinweg bewältigend und vom Auftauen der Sümpfe an der Rückkehr gehindert, beklagt man sie alle als verschollene Opfer der Niederungen. – Hinzukommt, und schließlich klingt es glaubhaft, daß nur noch ein paar wenige, und gerade die unerreichbarsten, einander entferntesten Stadtteile die eigentliche Stadt Rom ausmachen. Mit der Zeit sind die am dichtesten beisammen liegenden Hügel im Westen in den Besitz der katholischen Kirche gefallen und, wie man wissen will, von einem waffenstarrenden Militär abgeriegelt; als schwacher Trost nur erscheint, daß diese, dem Meer am nächsten gelegenen Teile die bedrohtesten sind, während die weiter dem Innern Italiens zugewandten als die widerständigsten gelten. Man rätselt, was der Vatikan gegen das Vordringen des Meeres unternimmt, um seine Bastionen zu halten, morgens, in der aufgehenden Sonne, kann man ein Blitzen in westlicher Richtung gewahren, mittels starker Fernrohre will man erkannt haben, daß es sich dabei um Lichtreflexe handelt, die aus mächtigen schwenkbaren Hohlspiegeln oder Radarschirmen zurückschlagen, die man zwischen den Ruinen installiert hat. Wenn man nicht spottete, daß diese Anlagen den Zweck einer Kontaktaufnahme mit der höheren Welt haben, meinte

Indessen gibt es aber einige Fremde – sie sind von auffälliger Hellhäutigkeit, stets entzündeten Augen, und [an] ihrem vergleichsweise riesenhaften Wuchs zu erkennen (zudem sind sie beinah ausnahmslos Glatzenträger) –, entweder Einwanderer oder notgedrungen hier Sitzengebliebene, die einen geheimnisvollen, schwer verständlichen Unmut schüren. Ausgerechnet im östlichsten und sichersten Stadtteil (dem natürlich am häufigsten besuchten) sind sie zahlreich und aktiv. Unter den breitrandigen Hüten, die ihre kahlen Köpfe schützen sollen, bilden sie in den Gärten der Weintavernen wahre Zusammenrottungen, geben sich kaum mit der von ihnen verachteten Bevölkerung ab und haben nur Kontakt zu den Mitgliedern der Contraverdura, einer längst verbotenen, radikalen Organisation, die, seit der Bürgermeister auf einem anderen Hügel festsitzt, und sich nur mehr durch Funksprüche bemerkbar macht, wieder ganz offen auftreten. Mit ihrem dilettantischen [Wappen] auf den Ärmeln, das ein grünes, von dicken roten Balken durchkreuztes Ulmenblatt darstellen soll, wären diese Gestalten, die die Rettung Roms auf ihre nichtvorhandenen Fahnen geschrieben haben, und, dauernd betrunken, von einem Marsch auf dasselbe singend, nichts weniger als ernstzunehmen, wenn man nach einer Verfolgungsjagd nicht entdeckt hätte, daß sie Waffenlager angelegt haben, wenn sich nicht herausgestellt hätte, daß sie nach der sagenhaften römischen Wasserleitung suchen, eben jener, deren nie gelungene Vollendung unter Cato in Angriff genommen worden sein soll. So hat man Lagepläne dieses Kanalsystems gefunden, die sie, allerdings in den

 

Wir glauben uns keiner Unwahrheit schuldig zu machen, wenn wir, mangelnden Überblicks zum Trotz, uns festzustellen erlauben, daß die kommunistische Weltpresse bisher von der physischen Degeneration des römischen Menschentypus keinerlei Notiz genommen hat. Untersuchungen, die uns nicht zugänglich sind, die wir nur vom Hörensagen kennen, datieren den etwaigen Beginn dieser Erscheinungen bis zum Jahre 1945 zurück, bis in jenes Jahr also, das man als das erste eines neuen Zeitalters bezeichnet hat, die Gründe für eine so emphatische Hypothese haben wir uns erfolgreich zu vergessen bemüht. Wir haben uns [daran] gewöhnt, die damalige [Zeit], die graue Vorzeit der jetzigen zu nennen, es bleibt uns verborgen, ob jener Gongschlag, den wir aus dem Wort neu zu hören meinen, mit der Entdeckung des Rückwachstums der Angehörigen verbreiteter, südlich plazierter Bevölkerungsgruppen in Europa zusammenhängt. Es ist offensichtlich, daß der Stil eines Journalismus, der von da ab immer blumiger geworden ist, die Bedeutung solcher Wörter wie groß oder klein in einen dem Verständnis ganz unzugänglichen Bereich entrückt hat. Stünden uns die Archive offen, würden wir womöglich erkennen müssen, daß jene beiden Epitheta schon dazumal sich immer mehr in begriffliche Relationen wie neu oder alt zu verwandeln begannen, in Begriffe also, deren kosmologisch nicht zu begründende Stichhaltigkeit sie uns von allem Anfang an als unbrauchbar hätte kennzeichnen müssen. Übrigens läßt der Blick auf die in jener Zeit sich zu festigen beginnende materialisierte Weltsicht der oben erwähnten Sektion des Nachrichtenwesens den Schluß zu, daß ein unbedingter Fortschrittsglaube, der religiöser Natur war, und gerade deshalb um seinen physiologischen Nachweis in einem fort zu bangen

Was zu einem bestimmten Zeitpunkt an der Entwicklung des Zeitungswesens sich als neu herauszukristallisieren begann – wobei wir, die einmal vorgegebene Reihenfolge beachtend, uns der Rückübersetzung des Wortes neu in das Wort groß nicht entschlagen können, weil der Umfang und die Menge der von diesem Apparat ausgestoßenen Produkte eher wuchs als sich verringerte – war die fortgesetzte Gebundenheit der gesamten Presse an ihre Archivierung. Als diese Erzeugnisse sofort aus den Druckereien – mitnichten blieben von dieser Anordnung die der Presse unterstellten Nebenmedien, wie etwa die Bücherherstellung, ausgenommen – in die Archive zu wandern begannen, gab ein italienischer Ethnologe in einem Fernsehinterview (dessen Wiederholung untersagt wurde) den allerdings schaurig klingenden Witz zum Besten, daß sich der Informationshaushalt der Menschheit konträr zum Geist in den Köpfen entwickele. So wie sich ersterer aufblähe, um mit ungeheuren Mengen nichtssagenden Papiers unterirdische Lagerhallen zu füllen, verdichte sich der letzte noch vorhandene Esprit in immer kleineren Zellen kleiner werdender Köpfe. Da es abzusehen sei, daß die Vergnügen des Denkvermögens bald in Stecknadelköpfe verbannt würden, sei das entgegengesetzte Erscheinungsbild, das die Erde als einen ausgehöhlten Schädel vorstelle, der mit Tausenden und Abertausenden Tonnen von faktisch leeren, sinnlos feuergefährlichen Druckerzeugnissen zum Bersten angefüllt sei, ebensogut vorhersagbar. – Als das Betreten der

 

Wir haben mit Schreckensbildern von dieser ehemals so mächtigen und herrlichen Stadt Rom nicht gespart. Dennoch wäre dieser Bericht nicht wahrhaftig, er wäre sogar eine Beschönigung, würden wir nicht auch über den Lärm sprechen, von dem diese Stadt beherrscht ist. Er ist im Grunde das häßlichste der Übel, und das Ärgste daran ist, er ist das getarnte, hinter allem Anschein von Wirklichkeit am besten verborgene Übel, er ist wahrscheinlich sogar unhörbar. – Nur wenn Sie sehr früh am Morgen Ihr Hotelfenster öffnen, werden Sie einen Augenblick lang das Kreischen und Dröhnen zu gewahren glauben, das aus den Niederungen, womöglich direkt aus den Sümpfen hervorsteigt. Um jene Stunde, in der die Nebel über der Vegetation verfliegen, die Hitze aber noch nicht jede Regung der Atmosphäre auf den Boden herabdrückt, ist man plötzlich umgeben, eingehüllt von einer so undefinierbaren Vielfalt gleichzeitiger Geräusche, daß man glaubt wahnsinnig zu werden und seine Sinne dieser Wahrnehmung sofort verschließt. Sicher würde man wirklich wahnsinnig, überließe man sich diesem Lärm, glaubte man gar an ihn, so wäre man es bereits. Ursache und Wirkung fielen in eins zusammen, man hörte den wahnsinnigen Lärm, und man wäre wahnsinnig, weil man ihn gehört hat. Die Psychiatrie von Rom, die ein Gebäudekomplex von nicht enden wollender, irreführendster Ausdehnung ist – Gebäude, die irgendwann inmitten von Ruinen auslaufen, um plötzlich, nach zerstörten Straßenzügen, nach einem Gelände zertrümmerter Tempel, gefällter Säulenreihen, wieder neu zu beginnen – ist voll von den bemitleidenswerten Opfern dieses Lärms. Dicke Tücher um die schmerzenden Köpfe gewunden, straucheln diese Rasenden durch Gärten und Wandelgänge, verstopfen sich die Ohren und Münder mit Fingern, Fäusten,

Die Ursache davon in den Bewegungen und Verschiebungen suchen zu sollen, die in den sumpfigen Ebenen vor sich gehen, ist eine anfechtbare These, sind doch diese Bewegungen so wenig bewiesen wie die Existenz des Lärms selber. Aber es ist an die Behauptung zu erinnern, daß sich in den unteren Dschungeln riesige Insektenvölker eingenistet hätten. Wenn die Wolken dieser Schwärme gleichzeitig sich in die Luft höben, entstünde dieses Schrillen und Kreischen, das wie Hunderte auf ein Kommando gezogener Dampfpfeifen klinge, um Rom augenblicklich in eine förmliche Kuppel von gellendem Geheul in den höchsten, unerträglichsten Tönen einzuschließen; sei die Jagd dieser Myriaden beendet, senkten sie sich in der Breite von Gewitterfronten nieder, und es werde ein schmetterndes Knattern, berstendes Dröhnen und Donnern ausgelöst, das mit dem fernen Niederstürzen von Lawinen nur ungenügend zu vergleichen sei. Überhaupt sei das Ganze unvergleichbar, einem Vergleichen stünden lediglich irdische [Wörter] zur Verfügung, während das Geschehen um Rom mit all seinen Gewaltsamkeiten einem kolossalerem Universum als diesem entspreche. So sei auch die feuchte giftige Hitze, in der selbst Wolkenbrüche keine Erleichterung brächten, eine die menschliche Leidensfähigkeit ebenso übersteigende, wie die Idee, daß man praktisch im unablässigen, sich überschneidenden Auf- und Niederebben

 

Nichtsdestoweniger gilt Rom noch immer als der Mittelpunkt der Welt. – Irreparable Unbelehrbarkeit unserer Gattung … unbeeindruckt wie unser Glaube, ist Rom endlich seine Fleisch- und Steinwerdung: einstmals in glänzendem Aufstieg, nun gleich unseren Anschauungen, in völligem Zerfall. Finden sich doch alle Kategorien, die wir zu bilden uns befleißigt haben, finden sich doch Ursprung und Ende wieder an diesem Ort, schließlich sind auch die Wölfe in diese Stadt zurückgekehrt. Furchtsam und ahnungsvoll haben sie sich in den Kellern und Katakomben unsichtbar gemacht. Nelson Leopardi nennt sie eine Hoffnung, ihre Instinkte verböten es ihnen, die eigene Brut zu fressen, andererseits seien sie so unbedarft, sich im Notfall mit vegetarischer Nahrung zu begnügen, wie er seine Worte aufs Merkwürdigste begründet. – Nichts von alledem begriffen aber hätten die Barbaren, was den Römern das Überleben gestatten wird, ihre zielsichere Entwicklung einer schon absehbaren Körperlosigkeit entgegen, empfinden sie als bloßen Rückschritt. Wenn sie nicht, wie seit den grauen Zeiten einer sich wirksam wähnenden Pseudorenaissance, von Riesenhüten beschattet, die

Wenn diese Wendung der Dinge auch noch in der Ferne liegt (vermutlich, denn es gibt in Rom keine Zeitung, die es anders wissen will oder kann), wäre Rom, schon des malerisch goldenen, zwiefach besonnten Himmels dieser Landschaft, des berühmten Latium halber, immer eine Reise wert. – Nietzsche, der eines in Ihren Breiten so seltenen, boshaften Urteile über Rom fällte, hatte vollkommen Unrecht: Rom ist von der unberechenbarsten, unwiederbringlichsten Eigenart und Schönheit. Lassen Sie sich also nicht den Mut nehmen, reihen Sie sich ein in die Schlangen vor den Reisebüros, vor den Fahrkartenschaltern, drängen Sie sich in die Foyers der Flughäfen, drängen Sie sich vor, buchen Sie noch heute … die Tarife sind erschwinglich, Sie werden durch Schönheit entschädigt.