Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel «Demon Dentist» bei HarperCollins Children’s Books, London.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Juli 2017
Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
«Demon Dentist» Copyright © 2013 by David Walliams
Cover-Lettering des Autorennamens Copyright © 2010 by Quentin Blake
David Walliams und Tony Ross sind als Autor und Illustrator dieses Buches urheberrechtlich geschützt.
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt, nach einem Entwurf von HarperCollins Publishers 2013
Umschlagillustration Copyright © by Tony Ross
Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.
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Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen
ISBN Printausgabe 978-3-499-21743-2 (1. Auflage 2017)
ISBN E-Book 978-3-644-56031-4
www.rowohlt.de
ISBN 978-3-644-56031-4
Mehrfach-Alarm vor zusammenfabulierten Wörtern und Ausdrücken.
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm. Gebt nicht mir die Schuld daran, sondern Mr. Kraushaar.
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm. (Beschwerdebriefe bitte an Raj schicken.)
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm
Fabelwort-Alarm.
Doppelter Fabelwort-Alarm
Für meine fest verschlossene Knospe …
Einige sehr wichtelante* Bedankeschöns.[*]
Zu allererstens* für den großbedeutenden* Tony Ross, der meinen Text mit seinen wunderfantasionellen* Illustrachnungen* wieder einmal zum Leben erweckt hat.
Dankeschöns* gebühren auch der Leiterin des Kinderbuchprogramms von HarperCollins, Ann-Janine Murtagh, für ihre Glaubung* an mich und meine Buchichten*.
Bei der Lektorin Ruth Alltimes bedankete* ich mich für ihre gründfältige* Textdurchsichtbarung*.
Kate Clarke und Elorine Grant verdienen mein Bedankeschön für den superdolliosen* Umschlag und die Textgestaltlichkeit*.
Die Werbation* für diese Buchichte* wurde von Sam White und Geraldine Stroud orgaminiert*. Beidheiten* ein herzliches Bedankeschön*.
Ein weiteres Bedankeschön* geht an die Schlussredakteurin Lily Morgan.
Und schlussletztens* ein gigantströses* Bedankeschön* an meinen Agenten Paul Stevens von Independent. Du bist phänosupastisch*.
VORSICHT!
DIES IST EINE HORRORGESCHICHTE.
MIT ZIEMLICH VIELEN ZUSAMMENFABULIERTEN WÖRTERN.
Dunkelheit hatte sich über die Stadt gelegt. Mitten in der Nacht geschahen merkwürdige Dinge. Kinder legten beim Zubettgehen einen Zahn unter ihr Kopfkissen und erwarteten aufgeregt, dass die Zahnfee ihnen dafür ein Geldstück zurücklassen würde. Doch stattdessen fanden sie am Morgen nach dem Aufwachen etwas Unsägliches: eine tote Schnecke, eine lebende Spinne, Aberhunderte Ohrwürmer, die unter dem Kissen herumkrabbelten. Oder Schlimmeres. Viel Schlimmeres …
Jemand oder etwas hatte sich in den dunklen Stunden in ihr Zimmer geschlichen, sich den Zahn geschnappt und eine grauenerregende Visitenkarte zurückgelassen.
Hier war Böses am Werk.
Aber wer oder was steckte dahinter?
Wie gelangten sie ungesehen in die Kinderzimmer?
Und was hatten sie mit all diesen Zähnen vor …?
Diese Personen kommen in der Geschichte vor:
Alfie hasste es, zum Zahnarzt zu gehen. Deshalb waren die Zähne des Jungen fast alle gelb. Diejenigen, die nicht gelb waren, waren braun und trugen die Spuren der vielen Naschereien, die Kinder so lieben und Zahnärzte hassen: Süßigkeiten, Brausegetränke, Schokolade. Diejenigen Zähne, die weder gelb noch braun waren, gab es schlichtweg nicht mehr. Sie waren ausgefallen. Einer hatte sich in ein Karamellbonbon gegraben und war dortgeblieben. Verschiedene Fruchtgummi-Kaubonbons hatten die anderen einkassiert. So sah Alfie aus, wenn er lächelte …
Der zwölfjährige Junge war nämlich schon seit seinen Kindertagen nicht mehr beim Zahnarzt gewesen.
Den letzten Besuch hatte Alfie mit etwa sechs Jahren gemacht. Es war ein einfacher Fall von Zahnschmerzen gewesen, doch er endete in einer Katastrophe. Der Zahnarzt, Mr. Weiland, war ein uralter Mann. Auch wenn er die besten Absichten hatte, hätte er schon vor Jahren in Rente gehen sollen. Der Zahnarzt sah aus wie eine Schildkröte und eine uralte Schildkröte noch dazu. Seine Brillengläser waren so dick, dass seine Augen dahinter wie Tennisbälle wirkten. Mr. Weiland erklärte Alfie, dass der besagte Zahn verfault und mit einer Füllung nicht mehr zu retten sei. Er habe keine andere Wahl, als ihn zu ziehen.
Der Zahnarzt zog und zog mit seiner riesigen Stahlzange. Doch der Zahn wollte nicht heraus. Mr. Weiland stemmte sich sogar mit dem Knie an Alfie ab, um das verflixte Ding herauszureißen. Aber der Zahn kam trotzdem nicht heraus.
Dann holte der alte Zahnarzt seine noch ältere Sprechstundenhelferin dazu. Miss Prahl wurde angewiesen, den Zahnarzt festzuhalten und mit aller Kraft zu ziehen. Selbst damit kam der Zahn nicht heraus.
Kurz darauf wurde die kräftige Empfangsdame, Miss Kalbfleisch, hereingebeten. Miss Kalbfleisch wog mehr als Mr. Weiland und Miss Protz zusammen. Doch auch mit ihrem Gewicht kam der Zahn nicht heraus.
Auf einmal kam dem Zahnarzt eine Idee und er trug Miss Prahl auf, eine besonders dicke Zahnseide zu holen. Das eine Ende der Zahnseide wickelte er um die Zange und das andere Ende um den üppigen Leib von Miss Kalbfleisch. Dann befahl der Zahnarzt seiner rundlichen Empfangsdame, bei drei aus dem Fenster zu springen. Doch selbst als Miss Kalbfleischs enormes Gewicht am Zahn des Jungen zerrte, kam dieser nicht heraus.
Während der arme kleine Alfie von Grauen erfüllt auf dem Zahnarztstuhl lag, ging Mr. Weiland ins Wartezimmer, um Verstärkung anzufordern. Die immer größer werdende Schar von Patienten, die auf ihre Behandlung wartete, wurde samt und sonders um Unterstützung gebeten. Ob jung oder alt, dick oder dünn, der alte Zahnarzt konnte jede helfende Hand gebrauchen.
Doch selbst mit einer langen Menschenkette und einer ganzen Armee von Ziehern[*] blieb der Zahn felsenfest an seinem Platz. Inzwischen litt der arme kleine Alfie Höllenqualen. Die Schmerzen des Zahnziehens waren hundertmal schlimmer als seine Zahnschmerzen. Aber Mr. Weiland war wild entschlossen, zu beenden, was er angefangen hatte. Der heftig schwitzende Zahnarzt trank gierig einen Schluck Mundwasser und packte die Zange, so fest er konnte.
Nach gefühltem tage-, wochen-, ja monatelangem Zerren hörte Alfie ein ohrenbetäubendes KKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKNNNNNNNNNNNNIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIRRRRRRRRRRRRRRRRSSSSSSSSSSSSSSSSSSCCCCCCCCCCCHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Der Zahnarzt hatte so fest zugedrückt, dass der Zahn zersprang und in Alfies Mund in tausend winzige Stücke explodierte.
Als die Tortur endlich vorüber war, lagen Mr. Weiland und sämtliche Helfer in einem wirren Haufen auf dem Boden der Praxis.
«Gut gemacht, alle miteinander!», erklärte Mr. Weiland, während seine Helferin Miss Prahl ihm auf die Beine half. «Das war vielleicht ein bockiger kleiner Kerl!»
Genau in diesem Moment bemerkte Alfie etwas. Er hatte immer noch Zahnschmerzen.
Der Zahnarzt hatte ihm den falschen Zahn gezogen!
So schnell ihn seine kleinen Beine trugen, rannte Alfie aus der Zahnarztpraxis. An jenem schicksalhaften Nachmittag schwor sich der Junge, niemals wieder zum Zahnarzt zu gehen. Woran er sich bis zum heutigen Tag gehalten hatte. Die Zahnarzttermine waren gekommen und gegangen und Alfie hatten jeden einzelnen davon verpasst. Im Laufe der Jahre schickte der Zahnarzt einen ganzen Sack voller Erinnerungsschreiben, die Alfie allesamt vor seinem Dad versteckte.
Alfies Familie bestand aus zwei Personen. Es gab nur ihn und seinen Vater. Seine Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Er hatte sie nie kennengelernt. Manchmal fühlte sich Alfie traurig, als würde er seine Mutter vermissen, doch dann fragte er sich, wie er jemanden vermissen konnte, den er nie kennengelernt hatte.
Wenn er einen Brief vom Zahnarzt verstecken musste, zog der Junge leise einen Hocker über den Küchenboden. Alfie war klein für sein Alter. Genau genommen war er sogar das zweitkleinste Kind seiner Schule. Deshalb musste er sich auf dem Hocker auf die Zehenspitzen stellen, um mit den Händen bis oben auf den Vorratsschrank zu reichen, wo er die Briefe versteckte. Inzwischen mussten dort um die hundert Briefe liegen, von denen Alfie wusste, dass sein Vater sie nicht finden konnte. Der Grund dafür war, dass es seinem Dad schon seit Jahren nicht gutging und er seit neuestem an den Rollstuhl gefesselt war.
Bevor sein schlechter Gesundheitszustand ihn zwang, mit dem Arbeiten aufzuhören, war Alfies Dad Bergarbeiter gewesen. Ein Bär von einem Mann, der gern im Bergwerk arbeitete und für seinen geliebten Sohn sorgte. Doch die vielen Jahre in der Kohlenmine forderten von seiner Lunge einen schrecklichen Preis. Dad war ein stolzer Mann, der sich seine Krankheit viele Jahre lang nicht anmerken ließ. Er arbeitete immer härter und härter, um noch mehr Kohle abzubauen, und übernahm sogar Sonderschichten, damit sie genug zum Leben hatten. Währenddessen wurde seine Atmung immer flacher, bis er schließlich eines Nachmittags bei der Arbeit zusammenbrach. Als Dad im Krankenhaus wieder zu sich kam, erklärten ihm die Ärzte, dass er niemals wieder in eine Mine hinunterdürfe. Ein weitere Ladung Kohlenstaub in der Lunge könnte für ihn das Aus bedeuten. Dads Atmung wurde im Laufe der Jahre immer schlechter. Er konnte sich keine neue Arbeit mehr suchen, und selbst alltägliche Aufgaben, wie sich die Schuhe zu binden, wurden zum Kampf. Bald konnte sich Dad nur noch im Rollstuhl fortbewegen.
Da er weder eine Mutter noch Geschwister hatte, musste sich Alfie allein um seinen Vater kümmern. Neben der Schule und den Hausaufgaben erledigte er den gesamten Einkauf, die Putzarbeiten, er kochte alle Mahlzeiten und machte den Abwasch. Doch Alfie beklagte sich nie. Er liebte seinen Dad von ganzem Herzen.
Dads Körper mochte gebrochen sein, aber sein Geist war es nicht. Er hatte ein großes Talent zum Geschichtenerzählen. «Hör zu, Bärchen …», begann er oft.
So nannte Dad seinen Sohn häufig, und Alfie liebte es. Das Bild, das er dann vor sich sah – einen großen liebevollen Bären, der sich mit seinem Jungen zusammenkuschelte –, gab Alfie ein Gefühl der Geborgenheit und Wärme.
«Hör zu, Bärchen …», sagte sein Dad. «Du musst einfach nur die Augen zumachen und glauben …»
Von ihrem kleinen Bungalow aus brachen Dad und sein Sohn zu allen möglichen aufregenden Abenteuern auf. Sie ritten auf fliegenden Teppichen, tauchten durch die Ozeane und trieben sogar Holzpflöcke in die Herzen von Vampiren.
Es war eine bunte Phantasiewelt, eine Million Meilen entfernt von ihrem Leben in Schwarzweiß.
«Nimm mich wieder mit in dieses Spukhaus, Daddy!», bettelte der Junge manchmal.
«Na, dann unternehmen wir heute vielleicht eine Reise zum alten Spukschloss, mein Bärchen …!», neckte Dad ihn dann.
«O bitte, bitte, bitte …», flehte Alfie. Dann schlossen Vater und Sohn die Augen und trafen sich in ihren wilden Träumen wieder. Zusammen
machten sie einen Tagesausflug zum Angeln nach Schottland und fingen das Monster von Loch Ness.
ritten sie auf dem Rücken von Pegasus, dem geflügelten Pferd aus der griechischen Mythologie.
erklommen sie im Himalaya hohe Berge und begegneten dem schrecklichen Yeti.
erschlugen sie einen riesigen feuerspuckenden Drachen.
versteckten sie sich auf einem Piratenschiff und wurden als blinde Passagiere über die Planke geschickt, um dann von wunderschönen Meerjungfrauen gerettet zu werden.
rieben sie an einer Wunderlampe und begegneten einem Flaschengeist, der jedem von ihnen drei Wünsche gewährte, wobei Dad alle seine Wünsche an seinen Sohn weitergab.
kletterten sie über eine Bohnenranke ins Land der Riesen, wo sie einem ausgehungerten Zyklopen über den Weg liefen, der einen mickrigen Zwölfjährigen für die perfekte Zwischenmahlzeit hielt, sodass Dad Alfie retten musste.
wurden sie von einem bösen Werwolf durch ein nebliges Moor gejagt.
wurden sie das erste Vater-Sohn-Team, das in einer selbstgebauten Rakete eine erfolgreiche Mondlandung hinlegte.
Das war die Welt ihrer Phantasie. In Dad und Alfies Abenteuern war alles möglich. Nichts, aber auch gar nichts konnte sie aufhalten.
Doch je älter Alfie wurde, desto schwerer fiel es ihm, diese Dinge zu sehen. Während sein Dad Geschichten erzählte, öffnete Alfie oft die Augen, seine Gedanken wanderten ab, und er wünschte sich, am Computer spielen zu können wie die anderen Kinder aus seiner neuen großen Schule.
«Mach einfach die Augen zu und glaube …», sagte sein Vater dann. Doch Alfie fand, dass er mit fast dreizehn Jahren allmählich zu alt wurde, um an Mythen, Magie und Phantasiewesen zu glauben.
Er sollte bald herausfinden, welch ein schrecklicher Irrtum das war.
Sämtliche Klassen der Unterstufe hatten sich in der Aula versammelt. Hunderte Kinder saßen in den Stuhlreihen und warteten auf den Gastredner. Es kamen nie interessante Leute an Alfies Schule. Bei der jährlichen Schulpreisverleihung war der Ehrengast ein Mann gewesen, der Kartons für Cornflakes-Packungen herstellte. Die Rede des Karton-Manns war so todlangweilig gewesen, dass er beim Vortrag selbst eingeschlafen war.
Heute würde die neue Zahnärztin der Stadt eine Rede halten, die von richtiger Zahnpflege handeln sollte. Nicht wahnsinnig spannend, aber wenigstens würde der Unterricht für eine Weile ausfallen, dachte Alfie. Da er Zahnärzte nicht leiden konnte, setzte er sich in seiner ramponierten Schuluniform gleich in die letzte Reihe. Sein ehemals weißes Hemd war schon lange grau. Sein Pullover hatte jede Menge Löcher. Sein Blazer war an mehreren Stellen zerrissen und seine Hose viel zu kurz. Trotzdem hatte Alfies Vater ihn gelehrt, die Schuluniform mit Stolz zu tragen; sein ausgefranster Schlips war immer perfekt gebunden.
Neben Alfie kauerte das einzige Kind der Schule, das noch kleiner war als er. Ein winziges Mädchen namens Gabz. Sie schien sehr schüchtern zu sein, denn obwohl sie die Schule schon ein ganzes Trimester lang besuchte, hatte sie noch niemand sprechen hören. Die meiste Zeit versteckte sich Gabz hinter einem Vorhang aus Rastalocken, ohne irgendjemandem in die Augen zu sehen.
Als sämtliche Kinder das Herumalbern eingestellt und sich hingesetzt hatten, bestieg der Direktor die Bühne. Sollte es jemals einen Wettbewerb geben, um die für einen Schulleiterposten am wenigsten geeignete Person zu ermitteln, würde Mr. Grau den ersten Preis gewinnen. Er fürchtete sich vor Kindern, vor Lehrern ebenfalls, selbst sein eigenes Spielbild machte ihm Angst. Sein Beruf mochte nicht zu Mr. Grau passen, doch sein Nachname tat es umso mehr. Schuhe, Socken, Hose, Gürtel, Hemd, Schlips, Jackett und Haare, selbst seine Augen waren in den verschiedensten Grautönen gehalten.
Mr. Grau deckte alle Schattierungen des grauen Farbspektrums ab:
«K-k-kommt schon, setzt euch h-h-hin …»
Wenn er nervös war, stotterte Mr. Grau. Und nichts machte ihn nervöser, als vor der ganzen Schule sprechen zu müssen. Es ging das Gerücht, er hätte sich beim Besuch der Schulaufsicht unter dem Schreibtisch versteckt und so getan, als wäre er ein Fußschemel.
«S-s-setzt euch h-h-hin, ha-ha-hab ich ge-ge-s-s-sagt …»
Wenn überhaupt, wurde das Gemurmel der Kinder noch lauter. In diesem Moment stieg Gabz auf ihren Stuhl und brüllte aus vollem Hals …
«Macht schon! Lasst den alten Furzknoten mal ran!!!»
Auch wenn es womöglich nicht die schmeichelhafteste Wortwahl war, gestattete sich der Schulleiter den Anflug eines Lächelns, als die Schülerschar endlich verstummte. Alle starrten Gabz an, die sich wieder hinsetzte. Durch ihren Auftritt umwehte sie mit einem Mal der seltsame Glanz des Ruhms.
«Schön …», fuhr Mr. Grau mit seiner grauen, eintönigen Stimme fort. «Das ‹alt› hättest du dir vielleicht sparen können, Gabriella. Aber jetzt präsentiere ich euch als besondere Belohnung unsere neue Schulzahnärztin, die eine Rede darüber halten wird, wie man seine Zähne richtig pflegt. B-b-bitte einen herzlichen Applaus für die entzückende Miss W-W-Wurzel …»
Während der Schulleiter davonschlurfte, setzte ein kurzer Applaus ein, der bald darauf von einem schrillen Kreischen aus dem hinteren Teil der Aula übertönt wurde. Ein Kind nach dem anderen drehte sich um. Eine Frau schob einen glänzenden Metallwagen durch das geteilte Stühlemeer. Eines seiner Räder schleifte über den Holzboden und quietschte so laut, dass sich einige Kinder die Finger in die Ohren steckten. Es hörte sich an, als kratze jemand mit den Fingernägeln über eine Tafel.
Das Erste, was einem an Miss Wurzel auffiel, waren ihre Zähne. Sie hatte ein strahlend weißes Lächeln. Weißer als weiß. Wie ein fluoreszierendes Licht. Ihre Zähne waren absolut makellos. So makellos, dass sie unmöglich echt sein konnten. Das Zweite, was einem auffiel, war ihre unglaubliche Größe. Ihre Beine waren so lang und dünn, dass man das Gefühl hatte, sie ginge auf Stelzen. Sie trug einen weißen Laborkittel, wie ihn Physiklehrer anziehen, wenn sie ein Experiment durchführen wollen. Als sie an ihm vorüberging, schaute Alfie zu Boden und bemerkte auf der Spitze eines ihrer leuchtend weißen Stöckelschuhe einen großen roten Fleck.
Ist das Blut?, fragte er sich.
Miss Wurzel hatte weißblonde Haare, die zu einer perfekten Frisur aufgesteckt und festgesprüht worden waren, wie man sie sonst nur auf den Köpfen von Königinnen und Premierministerinnen zu sehen bekam. Die Frisur hatte fast die Form eines Softeises – ohne die Waffel, versteht sich.
Bei bestimmten Lichtverhältnissen wirkte Miss Wurzel sehr alt. Ihre Züge waren schmal und spitz und ihre Haut weiß wie Schnee. Allerdings hatte sich die Zahnärztin mit großer Sorgfalt so viel Make-up ins Gesicht gekleistert, dass es unmöglich war, ihr Alter zu schätzen.
50?
90?
900?
Schließlich erreichte Miss Wurzel das vordere Ende der Aula. Mit einem Lächeln drehte sie sich um. Ihre Zähne reflektierten die Strahlen der Wintersonne, die durch die hohen Fenster hereinfielen, sodass sich die Schüler in den vordersten Reihen die Hände vor die Augen halten mussten.
«Guten Morgen, Kinder …!», begrüßte die Zahnärztin die Schüler strahlend. Sie sprach in einer Art Singsang, als sage sie einen Kinderreim auf. Alle Schüler stöhnten, weil sie wie Kleinkinder angesprochen wurden.
«Ich sagte: Guten Morgen, Kinder …», wiederholte die Zahnärztin und fixierte die Schar mit einem so eindringlichen Blick, dass sich sekundenlang Stille über den Saal senkte. Dann sagte die versammelte Schülerschaft im Chor:
«Guten Morgen!»
«Ich möchte mich vorstellen. Ich bin eure neue Schulzahnärztin. Mein Name ist Miss Wurzel, aber ich bitte alle meine kleinen Patienten, mich ‹Mami› zu nennen.»
Alfie und Gabz schauten sich ungläubig an.
«Also, kann ich ein lautes, deutliches ‹Hallo, Mami› hören? Bei drei! Eins, zwei, drei …»
Miss Wurzel bewegte stumm die Lippen, während die Kinder mit einstimmten.
«Hallo, Mami», murmelten sie.
«Ausgezeichnet! Also, ich bin in die Stadt gekommen, als Mr. Weiland einen äußerst tragischen, ja sogar fatalen Unfall erlitten hat. Der arme Kerl muss in eines seiner eigenen Instrumente gestürzt sein. Welche Ironie des Schicksals! Es ist nicht nötig, euch sämtliche blutigen Details zu enthüllen, es reicht wohl, wenn ich sage, dass man Mr. Weiland auf dem Boden seiner Praxis in einer riesigen Blutlache gefunden hat. Die Dentalsonde steckte tief in seinem Herzen …»
Ohrenbetäubendes Schweigen legte sich über den Saal. Alfie schluckte. Es war eine schreckliche Vorstellung. Mr. Weiland mochte uralt und tattrig gewesen sein, aber hätte er sich wirklich aus Versehen selbst ins Herz stechen können?
«Und jetzt bittet Mami euch um eine Schweigeminute für Mr. Weiland. Schließt die Augen, Kinder. Alle miteinander. Es wird nicht gelinst!»
Alfie traute Miss Wurzel nicht genug, um die Augen ganz zu schließen. Gabz ging es nicht anders. Die beiden verzogen das Gesicht und kniffen die Augen zusammen. Durch die winzigen Schlitze seiner Lider beobachtete Alfie etwas sehr Seltsames. Statt selbst mit geschlossenen Augen vorn in der Aula zu stehen, schlich Miss Wurzel durch den Raum und inspizierte die Zähne der Kinder. Als sie schließlich Alfies Reihe ganz hinten erreichte, schloss er aus Angst, erwischt zu werden, schnell die Augen. Miss Wurzel schien beim Anblick seiner faulen Zähne ein wenig innezuhalten, denn der Junge spürte eine ganze Weile ihren kalten Atem im Gesicht, ehe sie wieder nach vorn trippelte.
«Die Minute ist vorbei!», verkündete die Zahnärztin dann. «Danke, Kinder, ihr könnt die Augen wieder aufmachen …»
Alfie und Gabz sahen sich abermals an. Sie waren die Einzigen, die Miss Wurzels seltsames Verhalten beobachtet hatten …
«Natürlich werden wir Mr. Weiland schmerzlich vermissen», schloss Miss Wurzel. «Aber als eure neue Schulzahnärztin habe ich euren wunderbaren Direktor gebeten, heute herkommen zu dürfen. Mami wollte euch Gelegenheit geben, mich kennenzulernen, damit ich später jeden von euch in meiner Praxis begrüßen kann. Und jetzt werde ich meine heutige kleine Rede mit einer klitzekleinen Frage beginnen. Wie viele von euch hassen es, zum Zahnarzt zu gehen, Kinder?»
Alle, bis auf ein Kind, hoben die Hände. Niemand ging wirklich gern zum Zahnarzt. Im besten Fall nahm man es hin. Der einzige Junge, der sich nicht meldete, war zu sehr damit beschäftigt zu simsen.
Alfie reckte den Arm, so hoch er konnte.
ABSOLUT NICHTS MEHR