Hamed Abdel-Samad
Abschied vom Himmel
Mein Leben zwischen
Gewalt und Freiheit
Knaur e-books
Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 bei Kairo, studierte Englisch, Französisch, Japanisch und Politik. Er arbeitete für die UNESCO, am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität München. Abdel-Samad ist Mitglied der Deutschen Islam Konferenz und zählt zu den profiliertesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Erweiterte eBook-Ausgabe März 2019
Droemer eBook
© Droemer Verlag
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Coverabbildung: Peter Schinzler
ISBN 978-3-426-42624-1
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Für Connie, die Liebe,
die mich stützt und schmerzt
Vor zwölf Jahren saß ich in einer geschlossenen Anstalt am Rande der Stadt Erfurt und konnte mit niemandem reden. Mein Psychiater und mein Psychotherapeut wünschten sich, dass ich ihnen etwas über mein Leben erzähle und darüber, was mich gerade bedrückt, damit sie mich besser einschätzen und die richtigen Maßnahmen ergreifen konnten. Doch ich blieb stumm, obwohl es in mir vor lauter Geschichten, Bildern und unterdrückten Schreien brodelte. Also beschränkte sich meine Therapie auf die Gabe von Psychopharmaka, und mein Alltag bestand im Wesentlichen aus stundenlangem Starren an die Decke meines Zimmers.
Es war nicht das erste Mal, dass ich mich in so einer Situation befand, zehn Jahre war ich in einer ähnlichen Klinik in München gewesen, auch dort war ich mit Medikamenten vollgestopft worden, die mein Gehirn lähmten. Nun war ich zum zweiten Mal Gefangener meiner Geschichte und meiner Gedanken geworden. Doch diesmal spürte ich ein Funken von Widerstand in mir. Ich fragte mich, warum ich erneut in dieses dunkle Loch gefallen war, obwohl sich meine Lebensumstände wesentlich verbessert hatten. Denn anders als vor zehn Jahren war ich gut integriert in Deutschland, hatte einen guten Job an der Universität und gerade meine Traumfrau geheiratet. Warum hatte ich erneut die Kontrolle über mein Leben verloren? Was war schiefgelaufen?
Diese Frage beschäftigte mich Tag und Nacht. Was war schiefgelaufen? Mir war klar, dass das Ganze wenig mit Deutschland und meinen aktuellen Lebensumständen zu tun hatte. Sondern mit Ägypten und meinem früheren Leben dort. Dorthin zurück reichten die Wurzeln jenes Übels, das mich immer wieder lähmte. Es war wie eine Höhle, die zu betreten ich bisher nie gewagt hatte. Im tiefsten Inneren wusste ich, dass ich genau das tun musste, wenn ich geheilt werden wollte.
Ohne mir darüber im Klaren zu sein, welche Konsequenzen das haben könnte, welche Probleme sich daraus ergeben könnten, fing ich eines Tages an, mir selbst Geschichten aus meinem Leben zu erzählen. Ich besorgte mir Papier und einen Stift, und ein Diktiergerät. Wie besessen schrieb ich stundenlang, mal auf Arabisch, mal auf Deutsch, mal auf Englisch und gelegentlich auf Japanisch. Wenn meine Hand zu verkrampfen drohte, die Buchstaben immer unleserlicher wurden, wechselte ich auf das Diktiergerät. Wenn meine Stimme brüchig wurde, die Emotionen mich überwältigten, nahm ich wieder Stift und Papier zur Hand. So entstanden die ersten Skizzen, aus denen später dieses Buch wurde.
Da ich nie vorhatte, die Texte zu veröffentlichen, konnte ich alles erzählen, ohne Hemmungen und ohne Rücksicht auf Verluste. Als ich sie später zu einem Buch bündelte, stand ich vor der Entscheidung, alles so zu belassen, wie ich es niedergeschrieben oder aufgenommen hatte, oder einige Erzählungen zu streichen, um mich nicht bloßzustellen oder angreifbar zu machen. Ich habe mich nach reiflicher Überlegung entschieden, nichts zu verändern. Mir war klar, dass die Texte aus einer persönlichen Notsituation heraus entstanden waren, geschrieben mit einem Tunnelblick. Nicht alle Dimensionen meiner Geschichte konnte ich erfassen, nicht alle Facetten abdecken, dennoch waren die darin enthaltenen Reflexionen authentisch und hatten es verdient, auch so gehört zu werden.
Das Buch war ein Erfolg sowohl in Ägypten als auch in Deutschland. Es wurde viel besprochen und diskutiert. Doch erstaunlicherweise wurde es in Ägypten positiver aufgenommen als in Deutschland. In meinem Heimatland würdigten die Rezensenten sowohl die literarische Qualität als auch den Mut, den ich gezeigt hatte, indem ich das Schweigen über hartnäckige Tabuthemen wie die Vergewaltigung von Kindern gebrochen hatte. Natürlich gab es auch wütende Reaktionen, vor allem in jenem Dorf in Ägypten, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Von Menschen, die sich in meiner Erzählung wiedererkannten. Aber Intellektuelle und Literaturkritiker begrüßten das Buch als eine neue Form von Literatur, erkannten darin eine ernstzunehmende Gesellschaftskritik.
In Deutschland gab es zwar ebenfalls einige lobende Artikel, eine Reihe von Rezensenten warf mir aber vor, mit dem Buch Vorurteile über den Islam und über Muslime zu schüren. Ein Vorwurf, der mir seitdem bei jeder Veröffentlichung begegnet. Was mich dagegen überwältigte, waren die vielen persönlichen Zuschriften, die ich sowohl aus Deutschland als auch aus der arabischen Welt bekam. Darin bedanken sich viele Menschen bei mir dafür, dass ich diese Geschichte mit ihnen teilte. Manche erkannten darin ihre eigene Geschichte wieder, für einige war die Lektüre dieses Buches Anlass, über sich selbst und die Gesellschaft, in der sie leben, zu reflektieren.
In meiner neuen Heimat wurde ich durch die Veröffentlichung beinahe schlagartig bekannt. Ich wurde Teil des Diskurses über Islam und Migration und bekam den medialen Titel »Islamkritiker« verliehen, obwohl ich in erster Linie ein Gesellschaftskritiker bin. Es folgten einige Bücher über Ägypten, die islamische Welt und die islamische Geschichte. Später unternahm ich im Auftrag der ARD eine Reise mit dem Journalisten Henryk M. Broder durch Deutschland und Europa, um die Seele und die Probleme des alten Kontinents zu erforschen. Für Arte reiste ich mit einer Kollegin durch Europa, um die Vielfalt muslimischen Lebens dort aufzuzeichnen. Ich wurde Mitglied der Islamkonferenz und hatte dort mit den Vertretern der konservativen Islamverbände viele Auseinandersetzungen über die Zukunft des Islam in Deutschland. 2011 wurde ich Zeuge der Revolution in Kairo und war Teil der Massen, die den Präsidenten Husni Mubarak zum Sturz brachten. Voller Hoffnung sehnte ich mich nach einer demokratischen Zukunft meines Landes, einer Zukunft, in der Freiheit und Menschenrechte endlich Fuß fassen würden. Doch es kam anders. Auf die Mubarak-Diktatur folgte die religiöse Diktatur, dann kam die Armee zurück und nahm den Bürgern wieder jene Freiheiten, die sie sich am Tahrir-Platz erkämpft hatten. Ich selbst geriet ins Visier, weil ich den politischen Islam mit dem Faschismus verglich. Im ägyptischen Fernsehen sprachen drei prominente Geistliche 2013 eine Fatwa gegen mich aus. Da ich Morddrohungen auch aus Deutschland bekam, stehe ich seitdem unter Polizeischutz.
Als Opfer sehe ich mich deswegen nicht. Im Gegenteil, zeigen die Überreaktionen konservativer Kreise doch, wie sehr man dort einen offenen Diskurs fürchtet. Im Jahr 2015 startete ich einen YouTube-Kanal mit dem Titel »Box of Islam«, in dem ich mich an die arabische Welt richte. Innerhalb kurzer Zeit erreichte der Kanal hunderttausend Abonnenten, meine Vorträge dort kamen auf über zwanzig Millionen Klicks, was extrem ungewöhnlich ist bei historischen oder religionskritischen Themen. Ich erhielt Einladungen nach Marokko, Tunesien, in den Irak, nach Kanada und die USA, um dort Vorträge zu halten. Einige dieser Einladungen nahm ich an. Muslime dort empfingen mich als Aufklärer und diskutierten mit mir leidenschaftlich über das, was sich in muslimischen Gesellschaften ändern muss. In Deutschland haftet mir dagegen leider immer noch das Etikett Islamkritiker an, für manche Kreise bin ich sogar ein Islamhasser. Auch wenn mich diese Reduzierung manchmal ärgert, erzählt sie doch mehr über meine Kritiker als über mich. Ich werde meine Gedanken trotz aller Anfeindungen, trotz aller Drohungen weiter mitteilen.
Deshalb hat das Schreiben heute für mich auch einen anderen Stellenwert als vor zehn Jahren. Ich schreibe heute nicht mehr, um einen Weg aus dem dunklen Tunnel der Krankheit zu finden. Es ist zu einer anderen Form der Befreiung geworden. Heute verstehe ich meine Geschichte und auch das Leid, das mir zugefügt wurde, in einem größeren Kontext. Aber weil mir diese Sichtweise erst mit dem nötigen Abstand möglich geworden ist, habe ich die ursprüngliche Fassung des Buches weder verändert noch kommentiert. Mit den neu hinzugekommenen Kapiteln will ich nicht nur ergänzen, was in den letzten zehn Jahren geschah, sondern auch Denkprozesse erläutern und einen kritischen Blick zurückwerfen.