Jürgen Schreiber

Ein Verräter wie er

Die Geschichte eines kaltblütigen Doppelmords
und wie ihn die Stasi vertuschte

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Über Jürgen Schreiber

Jürgen Schreiber, geboren 1947, ist einer der besten investigativen Journalisten Deutschlands. Nach Stationen bei der Frankfurter Rundschau, der Stuttgarter Zeitung und dem SZ-Magazin war er Chefreporter beim Tagesspiegel. Für seine herausragenden Arbeiten auf dem Gebiet Reportage und Enthüllung wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet, außerdem erhielt er zweimal den Wächterpreis der deutschen Tagespresse. Der renommierte Autor und DDR-Kenner hat bisher drei Bücher veröffentlicht, darunter »Die Stasi lebt. Berichte aus einem unterwanderten Land«. Jürgen Schreiber lebt in München.

Impressum

© 2019 der eBook-Ausgabe Droemer eBook

© 2019 Droemer Verlag

Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit

Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Zitatnachweis: John le Carré: Eine kleine Stadt in Deutschland.
Aus dem Englischen von Dietrich Schlegel und Walther Puchwein.
© 2002 List Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Covergestaltung: Isabella Materne

Coverabbildung: BStU – Die Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen

ISBN 978-3-426-45234-9

Hinweise des Verlags

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»Und dann kam er langsam auf die Spur,

die er gesucht hatte.«

 

John le Carré,

Eine kleine Stadt in Deutschland

Prolog

Nebenan wartet schon die Guillotine. Ein Begleitkommando hat den Häftling Nr. 5788 vom Stasi-Knast Berlin-Hohenschönhausen in die zentrale Hinrichtungsstätte nach Leipzig überstellt. Das geschieht gegen Abend des 23. Mai 1967.

Leipzig liegt mitten in der DDR. Für Delinquenten ist das Gefängnis in der Südvorstadt das Endziel. Der Konvoi nutzt den Hintereingang in der Arndtstraße. Die Pforte des Todes. Wer hier ankommt, ist auf der Durchreise zum Friedhof.

Der 37 Jahre alte Major vom Geheimdienst des Ministeriums für Nationale Verteidigung hatte den perfekten Doppelmord inszeniert. Vollständig von seiner Unfehlbarkeit beherrscht, hielt er es für undenkbar, sich seinen Taten je stellen zu müssen.

Die Abfahrt aus dem Gefängnis Hohenschönhausen kündigt ihm die Vollstreckung an. So sicher, wie das Bemühen um Aufschub in den meisten Fällen der Exekution vorausgeht. Gewöhnlich gibt es kein Zurück. Weder über den Zielort noch die Tötungsart ist er informiert.

Aufknüpfen? Erschießen? Geköpft werden wie ein Huhn? Eins grässlicher als das andere. Hätte der Soldat die Wahl, wollte er, dass man ihm den Gnadenschuss gibt. Kugeln sind schneller als der Schmerz. Aber Todesurteile sind kein Wunschkonzert.

Draußen gleitet die Industrielandschaft vorbei. Unterwegs schnurrt sein Dasein auf eine winzige Überlebenschance zusammen. Zurückgeworfen auf sich selbst, auf die eingeätzten Taten, den Irrwitz des Ganzen. In einsamster Einsamkeit kann der Mörder überhaupt nicht mehr begreifen, warum er mit überlegter Gnadenlosigkeit zwei Mitarbeiter beseitigte. Er will sich kaum mehr erinnern können, aus welchem Motiv heraus er zur Pistole gegriffen hatte, mit welchen Worten, wenn überhaupt. Wie hat es dazu kommen können?

Aber jetzt ist er der Staatsfeind Nummer 1.

Am 21. April hatte er ein Gnadengesuch an den Staatsrat der Deutschen Demokratischen Republik gerichtet. Walter Ulbrichts Entscheid darüber steht noch aus. Ein Fünkchen Hoffnung, nicht mehr. Der Angeklagte habe mit diesen Taten »die Sicherheit der DDR gefährdet«, hatte das Oberste Gericht in der Berliner Scharnhorststraße 37 geurteilt.

Das Leben des Offiziers hängt an einem seidenen Faden. Noch darf er das Wunder seiner Verschonung für möglich halten. Ein Machtwort des Großen Vorsitzenden könnte ihn erlösen.

Rundum ist die Stadt vollends still. In dem verschwiegenen Bau ist jedes Geräusch erstorben. Gäbe es Zeugenberichte, stünde da geschrieben: »Das Leben selbst hielt den Atem an.« Die Ruhe ist gewalttätig. Den Häftling gelüstete es nach Regen, er möchte noch einmal von Sommersonne überflutet werden, gäbe sonst was für die Aussicht auf den bestirnten Himmel. Manchmal liest man, die Nacht schütze einen. Hier quält sie. Der Scharfrichter hat sich eingefunden, belebt mit seinen Leuten die Korridore und rüstet sich, dem Gesetz Genüge zu tun. Auf seiner traumlosen Reise spürt der Todeskandidat durch die Kerkermauern eine Geschäftigkeit, die jede Vollstreckung begleitet. Oder sollte es doch noch die Nachricht sein, dass er am Leben bleiben darf?

Der Offizier war allzeit vom Sieg des Sozialismus ausgegangen. Jetzt vertraut er in eigener Sache der sozialistischen Gerichtsbarkeit. Staatsanwalt Volker Hinze wird den Bescheid überbringen.

Am Morgen erwartet er zitternd die Nachricht. Tritte und Geflüster auf dem langen Korridor. Lauschen. Er nimmt das leiseste Geräusch wahr. Da kommt Bewegung in die Sache. Es ist 23.15 Uhr an diesem 23. Mai. Von außen wird hart der Schlüssel ins Schloss der Zellentür gestoßen. Boten der Rettung? Boten des Todes? Anstaltsleiter Karl Adams tritt mit dem Staatsanwalt ein. Hinze hält ein Dokument in der Hand. Der Anblick trifft ihn ins Innerste.

Zeit zu gehen? Das Kalenderblatt fällt. Panik fasst nach seiner Kehle wie schon einmal, als er auf den Hinterkopf seiner Opfer zielte. Wellen von Selbstmitleid überfluten ihn. Hat seine letzte Stunde geschlagen? Ob sich für ihn ein neuer Tag anschließen würde oder keiner, ist eine reine Formalität.

Leben? Tod? Dazwischen liegt dieser eine Federstrich des allgewaltigen Ulbricht.

Die Hoffnung, und sei sie noch so minimal, stirbt zuletzt.

Teil I
Die Anbahnung

1

Der Mann ohne Kopf hat einen weiten Weg hinter sich.

Nun ist er an seiner Endstation angekommen. Der helle Sarg mit der namenlosen Leiche rollt am 15. September 1961 im Berliner Norden auf der Holzkarre zur Erdbestattung. Sein Torso soll in Abteilung 17, Reihe 11, Grab 10, die letzte Ruhe finden.

Am Tag zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Potsdam die Leiche freigegeben. Man brachte sie vom Ost-Berliner »Institut für Gerichtliche Medizin« in den Ortsteil Rosenthal zum evangelischen Friedhof »Frieden«, den Trauernde durch ein schmiedeeisernes Tor betreten. Auf der Ziegelsteinmauer liegt Sonnenschein. Die Einfriedung schirmt gegen die holprige Blankenfelder Straße ab. Dicht stehende Bäume und Gestrüpp bieten zusätzlichen Schutz vor Neugierigen. Auch aus diesem Grund hatte man von Amts wegen diesen Gottesacker für die Beerdigung bestimmt. Wie schon der Name sagt, ein Ort des Friedens, in dessen Weite man vom Getriebe draußen absehen kann.

Im weitläufigen Biotop wählen die Sargträger die kürzeste Verbindung. Unter Last im Trott vorbei an blühendem und vertrocknetem Grabschmuck, vorbei an der prächtigen Feierhalle, die sich inmitten der Anlage erhebt. Beim Einschwenken nach rechts zum Feld 17 a knirschen die Speichenräder im weichen Boden. Die Grube für die »Sozialbestattung« ist ausgehoben.

Die Träger bringen das Ritual schnell hinter sich. Eine Angelegenheit von 43 DDR-Mark nach Tarif »mit allem drum und dran«, wozu laut Rechnungsbeleg vom 9. Oktober die garantierte Liegezeit von 25 Jahren gehört. Das Porzellanschildchen zur Kennzeichnung des Grabes ist in den Kosten inbegriffen, aber nun zwischen malerisch zerborstenen Steinen verschüttet. Mit oder ohne Kopf – nichts ist gebührenfrei, acht Mark fallen für Beisetzungsgebühren an, weitere acht für das Bepflanzen. Für Letzteres sind drei Prozent Umsatzsteuer angerechnet.

Für die paar Mark ist keine Begräbnisstimmung und keine Abschiedsrede zu haben. Außer den vier Männern in gedeckten Anzügen verirrt sich niemand zur Beerdigung. Von einem Trauerzug kann man nicht sprechen. Vielleicht ist der Kapellenwart, Frau Kulke, noch hinzugetreten. Den Wärtern wäre es kalt den Rücken runtergelaufen, hätten sie geahnt, wen man ihnen untergeschoben hatte. Nichts ist jedenfalls falscher als der Hinweis auf seine Wohnung in »Rädigke, Kreis Belzig«. Den Ortsnamen vernahm der Tote zu Lebzeiten nie. Von den hier versammelten 40000 Toten hatte er die bei Weitem längste Anreise.

Wo mögen die Angehörigen sein, die sonst wenigstens ein Schäufelchen Erde auf den Sarg werfen? Wo ist der Pastor, der das ewige Leben verheißt und ein Amen spricht? Was üblicherweise damit verbunden ist, entfällt heute ersatzlos. Keine letzte Rose, kein gutes Wort für den Unbekannten, es sei denn, das hohe und klagende Rufen des Bussards ist letzter Gruß für einen Menschen, von dem mit Bestimmtheit behauptet werden kann, er sei viel zu jung gestorben.

Mit auf Neutralität geeichten Gesichtern erfüllen die Träger unbeeindruckt ihre Pflicht. Auf den prekären Moment konzentriert, heben sie die Kiste mit dem »unbekannter Mann von ca. 25« an. Kurzes Verschnaufen, ehe sie den Sarg am Seil in die Grube hinablassen und murmeln, »möge er in Frieden ruhen«.

Der geschändete Leib, unbetrauert dem Sandboden übergeben, zerfällt unter dem dichten Bewuchs von Blaustern, Efeu, Immergrün, duftendem Jasmin und Haselnussgesträuch zu Staub.

Sein Schädel geistert weiter herum. Er wird noch benötigt.

2

Es war der 29. Tag nach dem Berliner Mauerbau. Der 10. September 1961 ist ein vielversprechender Sonntag. Fast zu schön, um wahr zu sein. Nicht so für Hauptmann Ebert von der Potsdamer »Morduntersuchungskommission«, MUK. Die Kollegen hatten frei, er spekulierte auf einen Flautentag. Dann der Alarmbefehl.

Nach einem unbehaglichen August lastete die Hitze wie eine Plage auf der Region. Selbst Windstöße kamen träge und schwach. In den Wäldern Brandenburgs umschwirrten Mücken schon die Lebenden wie toll, erst recht die Toten. In Sichtweite zur Autobahn Berlin–Leipzig, auf der Gemarkung von Groß-Marzehns im Kreis Belzig, näherte sich Ebert achtsam einer Leiche. An manchen Tagen hatte er seinen Beruf satt. Heute zum Beispiel.

Unbeirrt auf Aas wartend, hing in den Bäumen schwer ein Trupp Rabenkrähen, denen höhnisches Krächzen eigen ist. Bussarde näherten sich in engeren und weiteren Kreisen. Im Gestank von Fäulnis beugte sich Ebert über einen Menschen, den Füchse, Wildschweine, Mäuse (und welche Nager sich sonst noch über Eingeweide hermachen) heimgesucht und übel zugerichtet hatten. Was die Räuber beim großen Fressen von den Weichteilen übrig ließen, erledigten Myriaden von Würmern und Ameisen.

Seit der Offizier des Kriminaldienstes um 16.30 Uhr Alarm geschlagen hatte, herrschte ein größeres Durcheinander. Die MUK wurde mit dem Standardsatz »Fall liegt vor! Ausschwärmen!« aufgescheucht. Circa zwei Kilometer hinter der Autobahnabfahrt Rabenstein sei eine »Leiche männlichen Geschlechts« gefunden worden, besagte die Nachricht: »der Verdacht besteht, dass er einem Verbrechen erlegen ist«. Eine »Einser-Meldung«! Der Code 01 bedeutet im Deliktschlüssel »Mord und Totschlag«.

Theoretisch konnte die aus drei Dienstgraden und einem Fahrer bestehende Crew den Tatort nicht verfehlen. Ein Schupo warte und werde sie in die Örtlichkeit einweisen, lautete die Order. Ihr Ziel war eine Waldschneise 400 Meter westlich der Autotrasse Berliner Ring–Leipzig, die in südwestlicher Richtung den Raum quert, wo Groß-Berlins Siedlungsbrei sich allmählich im Grünen zerstreut.

Der Abzweig »in Höhe des Kilometersteines 43,5« war kaum zu übersehen. Die Brückenruine in Fahrtrichtung linker Hand diente als Wegweiser. Aber draußen im Gelände sahen sie vor lauter Bäumen den Wald nicht. Trotz Schritttempos wirbelte ihr Fahrzeug auf pulvertrocknen, mit Schlaglöchern übersäten Pisten Staub auf. Ein Messtischblatt hatten sie nicht zur Hand und verfranzten sich völlig. Sprechfunk knisterte. Die Leitstelle rief. Ebert hing fluchend der Frage nach, warum bei Leichenfunden immer schönstes Wetter war.

Das fing ja gut an. »Auf Grund ungenügender Einweisung« durch die Schutzpolizei irrten sie in der Pampa umher. Die Bürgerin Horn aus Senst im Kreis Roßlau war morgens in die Pilze gegangen und gegen 10 Uhr auf die Leiche gestoßen. Erst roch es stechend nach Verwesung, dann sah sie den Korpus. Als seien Leichen nichts Bemerkenswertes, füllte sie ihren Korb weiter, ließ sich mit dem Anruf bei der Volkspolizei bis 13.45 Uhr Zeit. Dass die Frau schreckensblass davongestürzt sei, stimmt also nicht. Bis die MUK endlich im Forst stand, war es 21.30 Uhr geworden. Die Sicht lag bei acht Metern, die Temperatur betrug 12 Grad Celsius.

Der schleppende Auftakt widersprach schon mal der »Sozialistischen Kriminalistik«. Eine erfolgreiche Fahndung stehe und falle mit dem »ersten Angriff am Ereignisort«. Gefordert seien Schnelligkeit« und »unbedingte Rechtzeitigkeit«. Fehler seien danach auch durch methodische Sorgfalt nicht wettzumachen. Sofern die Theorie stimmte, sah das hier mau aus. Solche Fälle ufern mehr und mehr aus und bleiben meist für immer offen. Das ist die Regel.

Der Einsatzführer war ziemlich bedient. Obwohl ihm das widerstrebte, blies der Hauptmann »wegen der ungünstigen Lichtverhältnisse« die Suche ab und befahl »Fundstelle sichern!«. Da nützten auch Scheinwerfer nichts. Bis der gnatzige Ebert seinen Wagen gewendet hatte, lag der Mordplatz in schemenhaftem Dunkel. Am nächsten Morgen sollte es in aller Herrgottsfrühe weitergehen. Allerdings ließen sich auch am Tag »keine verwertbaren Spuren feststellen«.

Für den Bildbericht nahm sich Unterleutnant Sauter Zeit. Ein einheitliches Format von 13 × 18 war gewünscht. Er wollte bald »Fallführer« werden und pflegte vorerst sein Interesse an gut fasslichen »Fundortskizzen« im Maßstab 1:7500 und 1:75, die er mit prächtigen Windrosen garnierte. Liebevoll zeichnete er Stromtrassen, Feld- und Fußwege, Grenzsteine, Bahnlinien und Blutlachen in das beherrschende Buchen- und Erlengrün. »Die optische Umsetzung unterstützt die Durchdringung von Fakten«, betonte er. Nach getaner Arbeit setzte er in kaum leserlichen Buchstaben »gez. Sauter. U-Ltn.d.VP« unters »Fundortuntersuchungsprotokoll«.

Die Pilzsammlerin war nicht mehr die Jüngste. Im ersten Moment hatte sie gemeint, die Augen spielten ihr einen Streich, als sie beim Herumsuchen abseits des von jungen Birken gesäumten Pfads das Bündel entdeckte. Weggeschmissen wie ein Müllsack. Aber das war ein Mensch, nicht ganz ausgestreckt und nicht ganz bäuchlings, mehr gekrümmt in Fötalstellung und wie angeschwemmt. Derjenige, der ihn ins Schattige gezerrt hatte, wollte ihm dabei nicht in die Augen sehen. Unter den Ästen eines »Kiefernbäumchens von ca. 160 cm Länge« lugten Halbschuhe hervor. Einem Laien hätte der Vergleich mit Tieren kommen können, die sich zum Sterben im Unterholz verkriechen.

Sonst hatte der sachliche Ebert an Symbolik kein Interesse. Doch nachdem die in kniehohem Gras liegende Person freigelegt war, kam ihm das von Blaubeeren und wucherndem Hartschwengel getarnte Versteck wie ein Sinnbild vor. Über den Toten war ein grünes Bahrtuch aus Zweigen drapiert, die rechte Hand war im Heidekraut zu liegen gekommen, als habe er nach einem Ruhekissen getastet. Erika ist die für den sauren Boden typische Vegetation, Ebert hatte kein Auge dafür. Er sah das Arrangement eines sehr gewaltsamen Sterbens.

Die Kollegen vergleichen Ermittlungen mit dem Öffnen unerforschter Pyramiden, gigantisch und unheimlich in ihrem Inneren. Der Mut konnte einem sinken beim Gedanken, wie Archäologen Raum für Raum durchkämmen zu müssen, bis ein Verdächtiger aufgespürt wäre, der mit dieser Unübersichtlichkeit kalkulierte. Plätze, Hinterhöfe, Kneipen als Tatorte geben wenigstens was her. Trauben von Gaffern können bei der Polizeiarbeit wirklich lästig sein, sind aber immer noch besser als einsame, von Gewalt beschmutzte Flächen wie dieses Schauerfeld, das mit einem Schlag seine Vertrautheit eingebüßt hatte. Es gibt dankbare und undankbarere Fälle, dieser hier fiel für Ebert in die dritte Gruppe, nämlich »beschissene Fälle«.

Bei der »Versionsbildung« kribbelt es ihn. Auf der Szenerie lastete etwas und unterschied sie von den Bluttaten, mit denen er schon zu tun gehabt hatte. Nur was? Noch war ihm nicht bewusst, dass sich das anfangs für simpel erachtete Tötungsdelikt zu einem hoch diffizilen Fall auswachsen würde, der in seiner Explosivität einzig in der DDR-Geschichte dastand und darüber hinaus das Zeug zur Staatsaffäre hatte. Die fortschreitende Dramatik des zeitaufwendigsten, aufreibendsten und vertracktesten Falls mit vielen Verästelungen hätte keiner für möglich gehalten.

Mordkommissionen bekommen stündlich Ungeheuerliches vorgesetzt. Aber jetzt musste Ebert doch schlucken. Unter der Linse des Fotoapparats wirkte der Leichnam wie ein lebendiger Organismus. Pulsierende Maden, Geflatter von Faltern diverser Größen, Fliegenschwärme in metallischen Farben, die sich am Menschenfleisch gütlich taten. In der Morgensonne packte die Gruppe das Grausen. Dass es sich um einen Mann handelte, so viel schien sicher. Wo sein Mund gewesen war, klaffte ein mit krummen Hauern bewehrter schwarzer Schlund. Der Kopf war fast völlig skelettiert und ohne Ohren, lediglich im Bereich der rechten Wange hingen lederartige Hautreste.

Im Süden soll es den Aberglauben geben, das Gesicht von Mördern erstarre in den Pupillen ihrer Opfer. Dieses Opfer hatte keine Pupillen. Wo die Augen sein sollten, glotzten zwei wie ausgebrannte Höhlen. Den Polizisten kam es vor, als würden sie klagend angestiert. Die Nase war zerfressen, der Schädel kahl und blank. Vom Hals des Jammerwürdigen blieben allein die Wirbelknochen.

Die Offiziere fühlten sich wie in einem Gruselfilm. Unter den schütteren Baumwipfeln erinnerte der Tote eher an eine Mumie aus dem Sarkophag. Die hatte ein durchgeknallter Zeitgenosse mit dunkelgrauer Tuchhose und dunkelblauem Jackett kostümiert. Als besonderer Hingucker blitzte frivol ein Ring an der linken Hand. Die Accessoires dienten nicht mehr dazu, einen Körper zu verhüllen, geschweige zu verschönern. Die Staffage betonte das Makabere.

Was der Unbekannte am Leib hatte, war in mehreren Schichten mit Fäulnisflüssigkeit durchtränkt. Braun-rötliche Flecken an Hose und Hemd, das ursprünglich weiß gewesen sein musste. Darüber der besudelte Wollpullover, anthrazitfarben, bei der Temperatur übertrieben, aber das spielte keine Rolle mehr. Auf den Socken klebten fette Auflagerungen von Fliegeneiern. Die matt glänzenden, schwarzen Halbschuhe waren von Wurmfraß befallen. Die Kluft des Getöteten erlaubte den Schluss auf eine gewisse Saturiertheit.

Gleich ob der Tote sozialistische oder kapitalistische Wertarbeit trug, er war leichte Beute für die Aasfresser. Beim Schlachtfest hatten die Viecher nichts verschmäht.

Der Zustand der Leiche ließ eine »Liegezeit« von 14 Tagen bis drei Wochen vermuten. Der Mann war mithin schon den Regengüssen des Augusts ausgesetzt. Die Schwüle danach ließ die Wälder dampfen, das Laub modern. Träge Luft, um schlapp zu machen. Berlin war am Verschmachten. Jeder Tag brachte neue Hitze, beschleunigte den Verfallsprozess. Witterung und Tiere hatten dem Toten so zugesetzt, dass vom rechten Daumen, Zeige- oder Mittelfinger keine Abdrücke mehr zu nehmen waren. Die Haut ließ sich wie ein guter Handschuh abstreifen, auch an den Füßen. »Tatopfer sind der am wichtigsten zu bewertende Spurenträger«, hatte Ebert gelernt. Dieses hier wohl nicht.

Man war noch im »Täterunbekanntenstadium« oder »Vorkommnisuntersuchungsprozess«, wie das im Kripo-Rotwelsch hieß. Wer dort zugange gewesen war, musste gewusst haben, was Geschosse in einem Körper anrichten. Für Ebert war das keiner dieser Fälle, wo einem Täter die Sicherung durchgebrannt war, weil er mit einem Knäuel von Gefühlen nicht mehr klarkam. Während der Offizier im Insektengezirpe die Kollegen dirigierte, beschlich ihn bei der »gedanklichen Rekonstruktion des Ereignisablaufes« der Verdacht, der Fall werde die Kripo in krasser Weise herausfordern.

Den Fundort maßen seine Leute auf den Skizzen »08.20 Meter nördlich der Wegmitte« ein und markierten die Leiche für den Bildbericht mit der Nummer 2. Das Gelände war in das messinggelbe Licht des Brandenburger Altweibersommers mit seinen überscharfen Schatten getaucht. Ebert folgerte aus der Lokalität, der Täter sei nicht aufs Geratewohl dorthin gefahren. Die Landschaft habe ihn wegen ihrer Leere angelockt. Er hatte seinem Opfer nichts gelassen, was die Identifizierung erlauben konnte, nichts. Der Mörder hatte ihn gefilzt, deshalb hing am Jackett das Futter der rechten Außentasche zwei Zentimeter heraus. Bis auf das in der rechten Gesäßtasche steckende Taschentuch mit dem rosa gestickten Monogramm »E.R« hatte er ihn ausgeraubt. Mit den Initialen war freilich nichts anzufangen.

Nachdem er seine Mordlust gestillt hatte, ließ dieser Jemand sein Opfer wie eine verstoßene Kreatur in der gleichmütigen Natur liegen. Einen Meter hin oder her, ein schlecht gewählter Mordplatz, meinte Ebert aus Erfahrung, während von nah der Kuckuck rief.

Länger erörterten die Kollegen ein neben der Leiche liegendes Stück Stoff mit vier eingestanzten Löchern. Auf einer Nahaufnahme ist das zusammengeknüllte Tuch neben der Spurentafel mit der weißen Nummer »1« gut zu erkennen. 49,5 × 46 cm groß, »ohne augenscheinliche Besonderheiten« steht protokolliert, ohne dass ein Bezug zu dem Erschossenen klar war. Den kannte nur der Täter. Der Lappen trug vorerst zur erheblichen Irritation der Verfolger bei.

Angesichts der unsicheren Lage und einer Flut von Möglichkeiten, die sich gegenseitig widersprachen oder blockierten, ließen sich darüber alle möglichen Vermutungen anstellen. Die Befürchtung drängte sich auf, dass ein ziemlich arroganter Verbrecher unterwegs gewesen war. Das Werk eines bezahlten Schützen womöglich? Der räumte nicht mal hinter sich auf, ließ ein starkes Beweismittel liegen – wenn es denn dazugehörte –, weil er sich seines Entkommens gewiss war. Dass jemand eine falsche Spur legen, vom eigentlichen Motiv ablenken und die Polizei auf eine falsche Fährte locken wollte, bezog man mit ein.

Was auch immer der Täter bezwecken wollte, überlegte Ebert, vorerst blieb es schleierhaft. Wie bei den meisten ihrer Fälle konnte ein einleuchtendes Motiv vieles bedeuten: Verbrechen aus Liebe, Lust, wegen Geld oder verlorener Ehre. Eine perfide inszenierte Verdeckungstat, um einen Nebenbuhler aus dem Weg zu räumen und seinen Hass zu befriedigen, Raubmord oder Streit, für den sich immer ein Beweggrund findet und der zu weit gegangen war? Das Tuch konnte zu einem Zeremoniell gehört, freilich ebenso zufällig dagelegen haben oder zur Ablenkung dienen.

3

Ein Blick auf den Kartenausschnitt Berlin-Brandenburg genügte. Von der Fundstelle aus boten sich diverse Fluchtwege an, gedeckt durch den Wald und die weitläufige Flur. Wer diesen Mordplatz wählte – keiner bezweifelte, dass Mord vorlag –, achtete das Eigenrisiko gering und musste sich verdammt sicher gefühlt haben. Wer das getan hatte, suchte die Nähe der zu DDR-Zeit oft surreal leeren Autobahn, die schnurstracks Richtung Bundesrepublik führte. Nur wer sich seines Erfolgs gewiss wäre, handelte so, echoten die Ermittler im Chor. Kein landläufiger Tod also, hier hatte jemand im sicheren Schutz des Mischwaldes nicht etwa blindwütig abgedrückt, vielmehr mit brutaler Kraft und von langer Hand geplant.

Irgendwo stand zu lesen, dass es »keine Wahrheit gibt, außer unter freiem Himmel«. Die Sonne brannte, als sei sie wütend auf das Land. Dem Kollegen Ebert troff der Schweiß von der Stirn. Genervt, aber klar vertrat er zur nicht geringen Verblüffung der Gruppe die Meinung, wie sich ihm die Szenerie darbiete, habe »der Täter unter höchstem Druck gehandelt«. Er behauptete, der Schütze scherte sich in dem Moment nicht mehr ums Gitternetz der Straßen, Wege und Pfade in Hörweite des tödlichen Schusses. Auch nicht um die Jäger auf Pirsch, die gute Ohren haben und Waffentypen am Mündungsknall erkennen.

Entweder konnte der Täter seine elementare Wut nicht mehr unterdrücken, oder eine Störung beschleunigte den Ablauf. Er hatte die Sache – welche Sache? – selbst in die Hand genommen! Eher kein unterbelichteter Gangster und eher kein Raubmord, witterte Ebert. Bei den Gegebenheiten musste mehr dahinterstecken.

Vielleicht war es jemand, dem der zum Mauerbau verhängte Alarmzustand zupasskam. Die akute Mobilmachung am 13. August des Jahres 1961, das Drohbild eines Dritten Weltkriegs, ausgelöst durch die Demonstration vermeintlicher Stärke des Zonenregimes. Der Unbekannte sei sich gewiss gewesen, dass die SED über 10000 Volks- und Grenzpolizisten, mehr als 7000 Soldaten bis hin zur einige Tausend Köpfe starken »Kampfgruppe der Arbeiterklasse« zusammengezogen hatte. Das marode Regime benötigte jeden Mann zu Bau und Bewachung der neuen Grenzanlagen.

Wer die aufgeheizte Weltlage dieses Augusts für ein Kapitalverbrechen ausnutzte, konnte nur aus dem Westen kommen. Im Schablonendenken der Ost-Ideologen hatten »staatsfeindliche Elemente«, sprich Auftragskiller, auf DDR-Territorium getötet. Ein »organisiertes Verbrechen« aus dem »Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet«, NW, lediglich zur Tarnung ins Arbeiter-und-Bauern-Paradies verlegt! Getreu parteilicher Denke fielen ihnen sofort »Fluchthelfer« ein, die es gewesen sein könnten: »Täter und Opfer rechnen zu ein- und derselben Clique!« Mit bedenklichen Mienen erörterten sie diese Thesen. Außer dem bisschen Verdacht auf die von den Bonner »Kryptofaschisten« finanzierten »Schleuserbanden« hatten die Ermittler nichts. Ihre unverkennbar erfundene Ansicht leistete freilich der zählebigen Idee Vorschub, von hausgemachten Schwierigkeiten ablenken zu wollen.

Jede abweichende Interpretation wäre politisch nicht opportun gewesen. Dabei lag es viel näher, auf Räuber im dichten Gestrüpp zu tippen. Die Fahndung nach »westdeutschen, westberliner oder ausländischen Fahrzeugen, welche die Autobahn verließen« sprang an. Aussichtsreich hörte sich das nicht an, brachen in dem Bereich doch Legionen von Reisenden zum Wasserlassen durchs Gebüsch.

Hinter der Tat musste eine Strategie gestanden haben. Der Schlussakt, wie er sich im »Jagen 55« darbot, gehörte nicht mehr dazu. Dessen war sich Hauptmann Ebert sicher. Etwas war faul an der reißerischen Inszenierung, so geschickt sie auf den ersten Blick wirkte. Als die Alternative »Jetzt oder nie!« im Täter reifte, musste ihn etwas aufgescheucht haben. Irgendwas, aber was? Offensichtlich blieb keine Zeit mehr, die Vor- und Nachteile des Orts abzuschätzen, sonst hätte er sein Opfer nicht übereilt und wie Ballast hingekippt. Ein Anfängerfehler?

Trotz roboterhafter Präzision, der Unbekannte war bei der Ausführung unterbrochen worden, hatte die Leiche notdürftig weggeräumt und einige Meter ins üppige Laubwerk geschleift. Dort sollte der Unbekannte liegen, bis eine Identifizierung unmöglich wäre. Feigheitsmörder schnüren ihren Opfern die Luft ab. Dass hier einer von dieser Spezies »unter Situationsdruck« jemanden von hinten erschossen hatte, war schon spektakulär genug.

Der Ermittlungsführer hatte inzwischen im Archiv stöbern lassen. Kriminalisten suchen stets nach Ähnlichkeiten, vergessen aber nie die Unterschiede. Vergleichbares war ihm noch keinmal begegnet. Sein vorläufiges Resümee: Der Verbrecher bot kein offenkundiges Motiv an, lieferte mithin keinen Ansatz für die Fahndung. Womöglich ein Rachefeldzug? Doch gegen wen und wegen was? Jedenfalls war er wie vom Erdboden verschluckt. Also jemand, der sich mit uneinholbarem Vorsprung davonstehlen konnte. Wahrscheinlich auf der Autobahn Richtung Nürnberg. In der BRD stand auf Mord jedenfalls keine Todesstrafe. Die DDR exekutiert noch durch das Fallbeil.

Bei der Ausgangslage war es längst zu spät für Kontrollen an den Verkehrsknotenpunkten. Die Fährtenhunde kamen wieder in die Zwinger. Die vier Tage später rausgeschickten Volkspolizisten aus Belzig in der Stärke von 28 Mann mit Spaten durchkämmten das in Suchgitter eingeteilte Terrain und rückten erfolglos wieder ein.

4

Im »vorläufigen Lagebericht« schlossen die Fahnder aus der Seitenlage, das Opfer müsse sorglos spaziert sein, als man seinen Kopf als Zielscheibe benutzte, ihm hinterrücks mit einem einzigen Schuss den Mund verschloss und er mit unkontrolliertem Stolperschritt stürzte. Treffer aus der Nahdistanz von 15 Zentimetern, dazu muss man kein Präzisionsschütze sein: Kein Eins-zu-eins-Duell, der Mann ohne Namen ist eiskalt hingerichtet worden! Zu schnell, als dass er noch um Hilfe hätte schreien können. Geschweige, dass er beim Sekundentod mit verfliegenden Sätzen den verdammen konnte, der ihn in dieses Gefilde gelockt hatte. Ein Schuss im heiteren Grün. Kaum geschossen, schon verhallt. Kein Verzweiflungsakt, ein Könner hatte zugeschlagen. Ohne das greifen zu können, vermutete Ebert, der Showdown verrate Elemente von Rache.

Der baldige Abgleich des lädierten und deformierten Schädels mit dem »Zentralen Vermisstenregister« durch die »Kriminaltechnische Untersuchungsstelle« ergab »in keinem Fall eine Identität mit dem unbekannten Toten«.

Dem Hauptmann waren seltsame Anwandlungen nicht fremd. In der Tannenschonung war ihm, als hätte der patschende Schuss die Waldstille vertieft. Ebert benützte den Krimisatz, der Fremde sei in »sprachloser Verwunderung« gestorben.

Bei der Arbeit von Mordermittlern sind die Schauplätze und Opfer austauschbar. Darum bleiben nur schwache Abdrücke von Bildern zurück. In diesem Fall war das anders. Die Austrittsöffnung auf der Stirn des Getöteten erschien ihm wie ein fragendes, drittes Auge.

Alltägliche Gewalt war schon schlimm. Das blutige Ende hier ging weit darüber hinaus. Ebert fühlte sich außergewöhnlich herausgefordert. Die Spurenlage war miserabel. Aus dem wenigen was zu machen würde die Abteilung strapazieren. Bis aus Indizien Festnahmen würden, könnte dauern.

Zum Abtransport legte man den Erschossenen in einen Zinksarg, die rechte Hand wie am Rand festgekrallt. Der Unbekannte nahm sich darin klein aus.

Die Ermittler packten ihre Utensilien weg. Die Fragen blieben. Männer töten, um Frauen festzuhalten. Frauen töten, um Männer loszuwerden. Um Kränkungen zu rächen, schießen sie ihnen ins Gesicht oder stechen mit dem Messer zu. Warum hatte der Tod diesem Mann hier einen Hinterhalt gestellt? Was war das Motiv?

Ebert gehörte zum Schlag von Ermittlern, die nach der Arbeit völlig abschalten können. Noch nie hatte er von einem Fall geträumt. Von diesem hier schon. Vom geschätzten Alter her war das Opfer noch lange nicht zum Sterben an der Reihe.

Die Jagd war eröffnet.

5

Das Berliner »Institut für Gerichtliche Medizin« hat etwas von einem Herrenhaus. Gediegene Architektur mildert die Unheimlichkeit etwas. Allerdings hebt das Ambiente je länger, desto mehr das Deprimierende hervor. Die auf dem früheren Grund des Charité-Friedhofs errichtete Hannoversche Straße 6 ist eine Geisterstätte. Die Geschichte der international bekannten Einrichtung ist mit Blut geschrieben. Heerscharen von Toten gehen in dem Klinkerbau um. Über 600 »unnatürliche Todesfälle« anno 1961 (darunter 14 »unbekannte Leichen«) kommen einem als eine nicht enden wollende Leidensprozession vor.

Alles in dem nach der Wende abgewickelten Institut ist überlagert vom beißenden Geruch nach Chemie und Schimmel. Als verfaule mit dem Gemäuer auch die SED-Zeit. Wände sind durchbrochen, schwer beschlagene Türen verrammelt. Der Präparierraum ist durchweht vom Flüstern Geschundener. Im kühlen Dämmerlicht der von Tragödien besetzten Räume vermischen sich die Mordgeschichten. Man hat die Befürchtung, hier würden Tote klagend herumstreichen. Im Zimmer der Sektionsgehilfen überdauert eine durchgesessene Couch neben dem Herd in der Kochecke die Erosion der Jahre.

Im leer stehenden Westflügel wird unterm Dach der Regen in Plastikwannen eingefangen. Mauerwerk bröselt. In meistenteils leer geräumten Etagen schält sich an vielen Stellen die Tapete ab. Selbst als die Möbel noch nagelneu waren, wirkten sie auf Besucher, als hätten sie schon bessere Tage gesehen.

Am 12. September 1961, Tag zwei nach dem Auffinden, hat die Leiche von Groß-Marzehns immer noch keinen Namen. Aber bereits mehrere Nummern. Im Hauptaufnahmebuch der Rechtsmedizin die »984«, die mit dem Status »Unbekannt« auf der am großen Zeh befestigten Erkennungskarte steht. Die laufende Nummer 519/61 kommt auf das Formular für die Obduktion, am Tag der Freigabe folgt noch die »54« für den Weg zum Friedhof »Frieden«. In der »Hinterbliebenenstelle« im Keller, mit separatem Eingang, niedrigen Decken und stumpfem Linoleum wie eine Krypta, hatte bisher kein Angehöriger wegen des Toten vorgesprochen.

Schlag acht. An diesem Dienstag greift Professor Otto Prokop zum Skalpell. Er bewohnt im Areal eine großzügige Parterrewohnung, geht über den Hof mit der An- und Abfahrt für die Leichenwagen und den Kaninchenställen, schon steht er im Sektionssaal. Ein Mann von frappierender Schaffenskraft. Vor einem Jahr hatte er im VEB Verlag Volk und Gesundheit das Lehrbuch der gerichtlichen Medizin veröffentlicht. Aktuell bereitet er den Atlas der gerichtlichen Medizin vor. Laien hüten sich besser vor den 1660 Abbildungen, ein Kompendium des Katastrophischen und Gnadenlosen. Keine Abscheulichkeit bleibt ausgespart. Beim Blättern kann sich einem der Magen umdrehen.

Strangulierte. Verhungerte. Ertrunkene. An Ästen Baumelnde. Von Sprengstoff Zerfetzte. Bis zur Unkenntlichkeit Verkohlte. Erwürgte, Vergiftete, Nackte, Bekleidete. Aus Gruben Gefischte. Fotos von Gemetzeln, von Bisswunden. Gemansche von Innereien, Fleischklumpen. Von Zügen Überfahrene, die Glieder wahllos verteilt. Aufgeschlitzte, Zersägte und sonst wie Zerstückelte, ein Kaleidoskop, das einem den Schlaf raubt. Gerichtsmediziner firmieren redensartlich als »Totensammler«.

Malt man sich das Übermaß an Leid hinter diesen Bildern aus, muss ein Prosektor eingedenk seiner Pflichten über eine besondere Gabe des Vergessens verfügen. Wie könnte man sich sonst Tag für Tag sachlich-unvoreingenommen mit der unglaublichen Vielfalt abstoßender Delikte auseinandersetzen. In der Gesamtsumme sprechen Mordstatistiken für die Annahme, der Homo sapiens sei in seiner Brutalität das kreativste aller Tiere.

1961 ist Prokop vierzig Jahre alt. Gebürtig im österreichischen St. Pölten, der prominenteste Repräsentant seiner Zunft, angesehen in Ost und West. Das lag nicht an den Fliegen, die er mit einer Nonchalance trug, als sei er mit den Schleifchen geboren. Der Rechtsmediziner gab eine Stelle in Bonn auf, folgte dem Ruf der DDR, wo ihn Pionierarbeit erwartete. Der zuweilen exzentrische Chef, mit Hang zu flotten Autos, vertrug sich äußerlich nicht mit dem sozialistischen Mief. In seiner Ägide wuchs der Laden auf über ein halbes Hundert Mitarbeiter, BRD-Einrichtungen hatten zehn. Bei durchschnittlich 2,5 Toten am Tag und einer über 100-jährigen Tradition war das Institut so was wie ein Beinhaus mit Tausenden Geheimnissen und Heimlichkeiten. Nicht wenige davon teilte man mit der DDR-Staatssicherheit. Mielke ließ trotzdem die Diensttelefone mit den Nummern 4227725 und 2827725 abhören.

Ohne Aussicht auf Besserung nagte vom Keller bis zum Dach der Mangel in seinem ganzen Ausmaß an der Einrichtung. Manchmal fehlten sogar die Reagenzien. Von Vertragspartnern in der BRD mussten Kopierer und Papier erbettelt werden. Die Ammoniak-Eismaschine zur Kühlung von bis zu 60 Toten fauchte schauderlich und strömte Verfall aus. Die Räume waren heiß und miserabel durchlüftet. Das Piefige konterkarierte Prokops internationales Renommee, Autor von Standardwerken, 1100 Aufsätzen, Vorträgen und Auftritten. Kollegen schildern ihn wie ein Naturereignis.

Der Professor legte Wert darauf, dass seine Helfer bereits im Sektionssaal standen. Sie hätten wetten können, er würde mit Blick auf die vier Keramik-Seziertische (der fünfte stand im Waschraum) mit der Standardfrage anheben: »Was ist aufgelegt?« Umhergehend pendelte Prokop mit dem Schlüsselbund über Aufgebahrten und ratschte in niederösterreichischem Idiom, das die Situation entspannen konnte: »Woas moag dös sein?«

Zu Füßen der Leiche hatte sich Fräulein Zacharias, Hausapparat 336, einen kleinen Schreibplatz eingerichtet. Sie trug den dunkelgrünen Langarmkittel der Ärzte, eng am Hals anliegend, auf dem Rücken zu schließen. Plastik- oder Gummischürzen und Schlappen vervollständigten die Kluft. Die große Blonde mit dem Vornamen Lore tippte für Geld, pro Seite Medizinerprosa gab es einen Zuschlag von einer Mark, bei »fortgeschrittener Leichenfäulnis« und stärkerem Madenbefall das Doppelte.

Mit ihren vierundzwanzig war »das Frl. Zacharias« durchaus »leichenfest«. Nie sah man sie speigrün im Gesicht; sie muss einen unempfindlichen Magen gehabt haben. Herumstehende Schalen, in denen Gehirne, Leber oder Herzen schwammen und schwappten, brachten sie nicht aus dem Takt. Sie war an diesen Karbolgeruch gewöhnt, den Moder und betäubenden Brodem, der Berufsfremde in die Flucht schlug. Sie lebte und liebte auf vertrautem Fuß mit dem Tod, heiratete den Sektionsgehilfen Bernd Karsch, der bereits in erster Ehe mit einer Kollegin im Leichenschauhaus gewohnt hatte. Unter der Telefonnummer 4224312 war er Tag und Nacht für den Transport von Mauertoten im Institut zu erreichen. Das Stasi-Losungswort für die Vertuschungsaktion lautete »Patient«.

In die altersschwache Adler-Schreibmaschine war Durchschlagpapier für fünf Ausfertigungen eingespannt. Die »Fäulnisleiche« aus dem »Jagen 55« stank bestialisch. Dazu die stotternden Apparaturen der altersschwachen Be- und Entlüftungsanlage. In der Regel diktierte Prokop bei »Kapitalen«, Kapitalverbrechen, das Gutachten selbst. Assistent Hauser setzte den Y-förmigen Schnitt vom Schlüsselbein bis zum Schambein und öffnete den Brustkorb mit der Rippenschere.

Der Obduzent spricht in Richtung von Fräulein Zacharias. Jedoch konnte man meinen, Prokop halte eindringliche Zwiesprache mit dem Toten. Kein Mensch war dem zu Lebzeiten so nah gekommen wie jetzt der Star der Forensik. Ihre ziemlich einseitige Unterredung wurde untermalt vom Geräusch gewetzter Knochensägen und Meißel, dem von Verwünschungen begleiteten Vertippen und Radieren, dem Herumfummeln mit verrutschendem Pauspapier, das verwendet wurde, bis es von Schreibmaschinentypen durchsiebt war.

Draußen überschlugen sich seit dem Mauerbau die Ereignisse. Truppenverlegungen in Ost und West hielten die Menschen in Atem. Eine fast greifbare Unruhe lastete auf der Metropole. Dem Kristallisationspunkt des Kalten Krieges.

Drinnen in der klinischen Intimität referiert Prokop die Befunde direkt in die Maschine. Trotz aller Betriebsamkeit, bei Obduktionen herrscht nicht die wilde Hektik von Polizeieinsätzen, hier kommt es auf unbedingte Prägnanz an. Hätte der Professor bei der Arbeit einen Blick dafür, sähe er durchs Fenster den angrenzenden Friedhof, auf dem er begraben werden sollte. Bis heute bringt ihm eine Mitarbeiterin jeden Tag eine Blume hin. Sein mit neun Seiten bemerkenswert ausführlicher Bericht zu Händen der Staatsanwaltschaft Belzig ist von strenger Wissenschaftlichkeit, die sich von Widrigkeiten nicht aufhalten lässt. Die Fachterminologie wehrt dem Entsetzen.

Punkt »A«, »Äußere Besichtigung«. Nach dem Motto »Man beschreibt, was man sieht, nicht was man riecht!«, waltet bis zur letzten Faser Sorgfalt, ja Pingeligkeit. Prokop ist auch in dieser Beziehung ein Ass. Befunde deklamiert er mit erschöpfender Gestikulation. Schon was die Bekleidung des Getöteten betrifft, lässt er kein Fädchen aus. Im Jackett des Opfers fällt sofort das Etikett auf: »Spezialanfertigung für Hirmer und Co, reine Wolle«, der Einnäher der Münchner Traditionsfirma, ein Emblem mit Wappen und Krone. Vier Büroklammern sind daran geheftet. Prokop bittet das zu notieren.

Beim Oberhemd mit dem Firmenzeichen »Television R« stechen kupferfarbene Manschettenknöpfe ins Auge, »Sterling Mexico« ist gut lesbar auf der Innenseite eingraviert. An den auffallend feingliedrigen Händen trägt der Tote links einen Schmuck mit dem Stempel 333. Zwei weiße Steine rahmen einen grünen. »Eigentümlich geformt«, bemerkte die Polizei und stufte ihn als »goldenen Damenring« ein.

Unter Punkt »B« endet die »Innere Besichtigung« mit dem wesentlichen Punkt: Dem Toten wird zum Präparieren der Schädel »abgesetzt« und als Beweismittel ins Asservatenbuch eingetragen. Das Auskochen, die von ekelerregenden Schlachthofgerüchen begleitete Mazeration, erfolgt in einem hohen Topf im gekachelten Präparierraum rechter Hand auf demselben Stock. Viele der Schädel wandern hernach in die Schausammlung und bekommen mit wischfester Tinte die Sektionsnummer aufgemalt.

Das »vorläufige Gutachten« spricht von der Leiche eines 165 cm großen, unbekannten jungen Mannes. Erhebliche Fäulnisveränderungen der Gewebe und Organe, teilweise hochgradig von Fliegen und Larven bevölkert, ausgedehnte Madenfraßveränderungen insbesondere des Kopfes mit der 9 mm breiten, schwarzrandigen, trichterförmigen Einschussöffnung an der Hinterhauptschuppe. Im Stirnbein mittig die ebenso trichterförmige Ausschussöffnung, auf Fotos mit roten Pfeilen hervorgehoben. In Krimis gern zur »brennenden Rose der Schusswunde« stilisiert. Keine Hinweise auf körperliche Gebrechen. Kurzum, der Ermordete war zum Zeitpunkt des Todes kerngesund gewesen.

Ein pathologisches Institut, in dem Leichen aller erdenklichen Stadien zur Routine gehören, ist nicht der Ort, sich lange mit den Irrungen und Wirrungen des Lebens zu beschäftigen. Ohne von Frösteln ergriffen zu werden, analysiert man im Haus der Toten unter hellem Röhrenlicht krasseste Verbrechen und erhebt in stickiger Luft seine Befunde. So auch an diesem Vormittag, wo man nach drei Stunden fertig ist und Prokop bilanziert:

Selbstmord scheidet bei einem Schusskanal mit derartiger Verlaufsform aus. Die Einschussöffnung lag relativ tief, der Kanal stieg ziemlich steil an, der Betroffene muss in dem Moment den Kopf nach vorne geneigt haben. Nahschusszeichen wie Beschmauchung oder ein Schmutzsaum an der Wunde fehlten. Ein aufgesetzter Schuss hätte die Wucht einer Elefantenbüchse und unweigerlich den Schädel zertrümmert, Blut und Hirnmasse verspritzt. Der Täter muss Vorkenntnisse haben und verhinderte dies durch seine »Begehensweise«. Die hatte Mafiöses.

Prokop hält fest, Ober-, Unterbekleidung und Schuhe stammen ausnahmslos »von Firmen der Bundesrepublik und Westeuropas«.

Handschriftlich steht oben rechts auf dem Bericht: »Persönlich von Hauptmann Ebert abgeholt«. 13.9.61.

Mit dem Briefkopf des Instituts, Telefon 420641, ergeht alsbald die Kostenrechnung an die Staatsanwaltschaft Potsdam. Für die »Leichensache unbekannte männliche Person« werden 58 Mark fällig, die sich durch »Fäulniszuschlag« verdoppeln. Von dem Betrag gehen 20 Prozent Honorarsteuer ab. Die Sektionsgehilfen dürfen ihr Honorar auf 20 Mark erhöhen. Für die Präparation des Kopfes sind – ohne Steuern – 15 Mark zu zahlen. Wechselweise auf das Konto des Direktors oder des Dr. Kurt Riedel, Postscheckamt Berlin, Konto 292 68b. Einmal monatlich hebt Assistentin Lore das Geld von der Bank ab und verteilt es in Briefkuverts für die Mitarbeiter.

Der Kopf verbleibt zunächst im Institut.

6

In diesem verdammten Sommer 61 spielte dann die ganze Welt verrückt. Am Brennpunkt Berlin steht das »Gleichgewicht des Schreckens« auf dem Prüfstand. In seinem vom Wachregiment Eggersdorf und Hundeführern gesicherten Dienstsitz an der überbreiten Schnellerstraße 139 in Berlin-Treptow hatte der Berufsoffizier Hellmut Scheithauer keine ruhige Minute mehr. Die mit dem Mauerbau verbundene Hektik war in der über 400 Kader starken »Verwaltung Aufklärung« mit Händen zu greifen. Hinter der Scheinfirma in dem dunkelroten Gebäude am Spreeufer verbirgt sich der »Militärische Nachrichtendienst der Nationalen Volksarmee«, vulgo: die Militärspionage, Kürzel: »Mil-ND«. Der Laden war geheimer als geheim, an der Anstaltsarchitektur kündete nichts von seiner Funktion. Ein Termitenbau mit unbekannten Strukturen, in der DDR bekam kein Unbefugter jemals das Organigramm des Betriebs zu Gesicht. Die Stasi kannte (und fürchtete) jeder. Der »Mil-ND« blieb ein Gerücht, ein Laden im Zwielicht. Zur besseren Tarnung zogen extra Militärstaatsanwälte mit in das »Objekt B 2« ein.

»Firmen« dieser Art findet man in keinem Telefonbuch. Jedenfalls nicht mit echter Bezeichnung oder Funktion. Scheithauers Chefs wollten durch dauernde Umbenennungen die Bonner Gegenspionage verwirren. Überdies stand auf dem Torschild »Mathematisch-Physikalisches Institut der Nationalen Volksarmee«.

In dem weiträumigen Areal handelte jedes Planspiel von der »Erkundung und Ausspähung militärischer, rüstungstechnischer und forschungstechnischer, sowie strategischer und taktisch-operativer Geheimnisse im kapitalistischen Ausland mit dem Schwerpunkt Westdeutschland«. Im Vergleich mit der Stasi galten die Militärs als eingerostet. Allein 32 Genossen beschäftigten sich mit Gefechtsköpfen der NATO-Streitkräfte in der BRD. Wie jeder Agent träumte auch Scheithauer davon, den Bonner »Kriegshetzern« im »Bonner Kriegsministerium« wohlgehütete Top-Secret-Papiere zu entreißen und beim »Hauptfeind« die Dossiers mitzulesen.

Der Sommer 1961 stand im Zeichen der Geburt von Scheithauers viertem Kind. Der Nachzügler sollte im September kommen. Bei der Truppe ist der Agentenführer mit seinen 31 noch ein kleines Licht. Anno 56 eingetreten, wuchs Scheithauer allmählich ohne besondere Bravour in die Funktion eines Führungsoffiziers und Unterabteilungsleiters, der Spione in der BRD, in Holland, Frankreich oder Spanien anwarb und betreute. Der Rang eines »Oberoffiziers« wäre fällig, aber sonst lief es in festen Bahnen. Wie jeder Spion hielt er seine Firma für einen großartigen Laden und die dem Untergang geweihten Gegner in Bonn für Laienspieler im Vergleich dazu.