Wesley Chu

Die Tode des Tao

SF-Thriller

Aus dem Amerikanischen
von Simone Heller und Susanne Gerold

FISCHER E-Books

Inhalt

Über Wesley Chu

Wesley Chu (*1976) wurde in Taiwan geboren und ist in Chicago aufgewachsen. Nach seinem Informatikstudium arbeitete er unter anderem als Bankangestellter, Schauspieler und Kung-Fu-Lehrer. Für seinen Debütroman ›Die Leben des Tao‹ erhielt er den Young Adult Library Services Association Alex Award und den John W. Campbell Award als »Best New Writer«.

Über dieses Buch

Noch immer kämpfen zwei Fraktionen der Außerirdischen um die Weltherrschaft. Die Genjix glauben, dass eine Rückkehr zu ihrem Heimatplaneten nur möglich ist, indem sie einen kleinen Kollateralschaden in Kauf nehmen – der in der Vernichtung der Menschheit besteht. Die Prophus setzen dagegen weiter auf eine friedliche Koexistenz zwischen Menschen und Außerirdischen und versuchen mit aller Macht, die perfiden Pläne der Genjix zu durchkreuzen.

Mit Hilfe von Taos harten Trainingseinheiten konnte sich Roen zwar vom Vollzeit-Nerd zum durchtrainierten Geheimagenten der Prophus mausern, aber so richtig wohl fühlt er sich nicht in seiner Haut. Als er dann auch noch mit seiner Exfrau Jill zusammenarbeiten muss, sind Spannungen vorprogrammiert. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um die Menschheit zu retten …

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.tor-online.de und www.fischerverlage.de

Impressum

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

 

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel ›The Deaths of Tao‹ bei Angry Robot, Nottingham.

© 2013 Wesley Chu

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Guter Punkt, München unter Verwendung mehrerer Bilder von Thinkstock

 

ISBN 978-3-10-403647-2

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403647-2

Für meine Frau und den mir liebsten Menschen auf der Welt, Paula Kim

Kapitel 1 Vergeltungsmaßnahmen

Der Pfad eines Gefäßes ist von Toten gesäumt. Und erst recht die Reise eines Quasing, denn nur ein stetiger Zyklus von Leben und Tod wird uns letztlich nach Hause führen.

Huchel, Rat der Genjix – Östliche Hemisphäre,

Quasing von König Salomo

Das schwarze Auto schlich durch finstere, unbeleuchtete Straßen in den Außenbezirken von Washington D.C. Jill Tan schaute durch die abgedunkelten Scheiben auf die düsteren, schneebestäubten Umrisse einer wie ausgewaschen wirkenden Welt. Das Treffen mit Andrews am Abend war schon wieder ein Reinfall gewesen. In letzter Zeit hatten sich viel zu viele Abende zu Enttäuschungen entwickelt. Und mit jedem Mal wurde ihr klarer, dass die Prophus bereits mit einem Bein im Grab standen.

Dass sie sich mit dem gerade erst gewählten Senator von Idaho zusammensetzen mussten, dem Vorsitzenden des nicht sonderlich angesehenen Trinity-Ausschusses, sagte einiges über die prekäre Lage der Prophus in den Vereinigten Staaten aus. Wäre ihr Einfluss auf die amerikanische Politik größer, wären sie nicht gezwungen, mit solchen Flachpfeifen an der Peripherie des Machtapparats zu verhandeln. Jill wusste nur zu gut, dass sie in Schwierigkeiten steckten, wenn jemand wie Andrews ihr Bedingungen stellen konnte.

Du hättest beim Poseidon-Gesetzesentwurf mehr Druck machen müssen.

»Seine Stimme ist den Sitz im Gremium einfach nicht wert, Baji. Ich werde Wilks oder die Prophus nicht von diesem Frischling in Geiselhaft nehmen lassen.«

Wir haben den Befehl, dafür zu sorgen, dass das Gesetz unter allen Umständen durchkommt. Wir sind auf die Ressourcen dringend angewiesen. Was bedeutet da schon ein Sitz für zwei Jahre?

»Ich werde dafür nicht Haus und Hof verkaufen. Damit schafft man nur einen negativen Präzedenzfall.«

Uns fehlen im Senat immer noch drei Stimmen.

»Die grabe ich schon noch irgendwo aus«, murmelte Jill, während sie im Geiste die Fraktionsmitglieder durchging. Sie war nicht annähernd so zuversichtlich, wie sie sich gab – was Baji natürlich wusste. Es war Jill einfach in Fleisch und Blut übergegangen, die Fassade zu wahren. In der Politik überlebte man nicht lange, wenn man Schwäche zeigte.

Sie schaute wieder nach draußen. Das war typisch Andrews, ein Treffen an so einem Ort anzuberaumen. Er wollte nicht mit ihr gesehen werden, hatte er gesagt. Das würde seinem Ruf schaden. Für wen hielt er sich eigentlich? Das Treffen hatte drei Stunden gedauert, und dabei hatte er sie nur hingehalten und unverschämte Forderungen gestellt, auf die sie – wie er sehr wohl wusste – nicht eingehen konnte. Die Verhandlungen mit ihm kosteten Zeit und Mühe, und Jill verlor langsam die Geduld.

Sie schaute auf die Uhr; es war 21.14 Uhr. Im Büro wartete ein Berg Arbeit auf sie. Sie konnte von Glück reden, wenn sie um drei ins Bett kam. Nun ja, ihr Privatleben war ohnehin nicht der Rede wert.

Vielleicht solltest du noch mal über dieses Date mit Dr. Sun nachdenken. Er ist Arzt, und dazu noch einer von Wilks’ großen Spendern.

»Baji, ich weiß, was das Dr. med. vor dem Namen eines Kerls bedeutet. Der Mann ist langweilig, egozentrisch und vermutlich ein Soziopath. Und er hat Pranken wie ein Yeti. Hast du keine anderen Kriterien für die Partnerwahl, als dass sie Ärzte sind?«

Wieso, das reicht doch. Das und dass sie keine Wirte sind.

»Das sind die schlechtesten Kriterien, die mir je zu Ohren gekommen sind.«

Von wegen. Schau dir doch Roen an. Er ist ein Wirt und kein Arzt. Und was hat es dir gebracht?

Jill brummte missbilligend und widmete sich wieder ihrer Arbeit. Ihr persönliches Alien mochte die Weisheit und Bildung aus Jahrtausenden besitzen, aber als Kupplerin gehörte Baji eindeutig ins 11. Jahrhundert. Jills durchschnittliche Trefferquote in Liebesangelegenheiten war in letzter Zeit regelrecht verheerend gewesen. Allein schon der Gedanke, sich mit jemandem zu treffen, fühlte sich mittlerweile falsch an.

»Roen, du Dreckskerl«, fluchte sie in sich hinein.

Im Rückspiegel tauchte plötzlich ein blendendes Licht auf, und etwas rammte ihren Wagen von hinten. Von der Seite preschte ein weiteres Fahrzeug heran und prallte gegen den vorderen Kotflügel, so dass ihr Fahrzeug herumgeschleudert wurde.

Ein Hinterhalt!

»Alles in Ordnung?«, fragte Shunn, ihr Fahrer, obwohl ihm selbst das Blut über die Stirn lief. Chevoen, ihr Leibwächter, hatte sich schon aus dem Auto befreit. Jill hörte Schüsse, die in die Seitenverkleidung einschlugen.

»Kümmern Sie sich nicht um mich – machen Sie, dass sie rauskommen«, fuhr sie ihn an und zog ihre Ruger. »Benachrichtigen Sie das Oberkommando. Verteidigungsring bilden. Wir ziehen uns zurück, folgen Sie mir.« Sie stieg aus und ging hinter der Autotür in Deckung. Um sie herum prasselten Schüsse, während sich schemenhafte Umrisse aus der Dunkelheit schälten. Jill beugte sich über den Kofferraum und nahm die dunklen Gestalten ins Visier. Nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt schlugen Kugeln in die Karosserie ein.

Einer ist seitlich von dir auf dem Dach.

Sie lehnte sich mit dem Rücken ans Auto und warf gerade noch rechtzeitig einen Blick nach oben, um zu sehen, wie eine dunkle Gestalt in Deckung ging.

»Prophus!«, ertönte eine Stimme. »Wir wollen verhandeln.«

Wir sind umzingelt. Auf dem Dach gegenüber sind auch zwei Genjix.

»Sie haben uns gerade überfallen, Baji. Weshalb sollten sie jetzt plötzlich verhandeln wollen?«

Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Sieh zu, dass du etwas Zeit rausschindest. Chevoen hat bestimmt schon ein Notsignal abgesetzt.

»Was gibt’s denn zu besprechen?«, brüllte sie.

Einer der Genjix trat vor, ein Telefon in der erhobenen Hand. Jill ließ ihn nicht aus den Augen. Als er auf fünf Meter heran war, warf er ihr das Telefon zu. Sie fing es auf und ging ran.

»Hallo, Jill«, sagte eine aalglatte Stimme am anderen Ende der Leitung.

Sie runzelte die Stirn. »Simon.«

Ich habe Biall schon verabscheut, bevor ich eine Prophus wurde.

»Du hast auf meine Anrufe im Büro nie reagiert, deshalb musste ich zu drastischeren Maßnahmen greifen. Wie war dein Treffen mit Andrews? Unergiebig? Natürlich. Wir haben ihn schon seit zwei Monaten in der Tasche. Ihr Prophus seid im Moment wirklich nicht die Schnellsten.«

Jill biss sich auf die Lippe. »Wie schön für euch. Wir wissen beide, dass Andrews nur für eine Amtszeit im Senat sitzen wird. Ich hoffe, ihr habt nicht zu viel für ihn bezahlt. Gibt es sonst noch was, oder bist du nur hier, um mir eure Überlegenheit unter die Nase zu reiben?«

Rechts sind noch zwei. Macht insgesamt acht im Sichtbereich. Schalte zuerst den auf dem hinteren Dach aus.

»Wie sieht dein Fluchtplan aus, Baji?«

Lauf in die Seitenstraße hinter dir.

Simon schwafelte einfach weiter. »Das ist nur etwas für Menschen. Die Unsterblichen verlangen von ihren Gefäßen schon etwas mehr Selbstdisziplin. Ich möchte dir vorschlagen, mit mir zusammenarbeiten. Überparteilich sozusagen.«

Das kaufte Jill ihm nicht ab. Beim letzten Mal, als Simon im Kongress das Wort »überparteilich« in den Mund genommen hatte, waren die Genjix gerade drauf und dran gewesen, die nächste Immobilienkrise auszulösen. Ein Move, der sie um einige Milliarden reicher gemacht hatte.

»Eigentlich würde Hogan gern mit deinem Boss verhandeln«, sagte Simon. »Ob der ehrenwerte Senator Wilks wohl zwei Stunden für ihn erübrigen könnte?«

Jill stieß empört die Luft aus. »Das ganze Theater, weil ihr ein Treffen wollt?«

»Ruf mich nächstes Mal einfach zurück, ja?«

»Lass mich raten. Geht es um den Südkorea-Zerstörer-Vertrag? Die Ostmeer-Mineralien-Sanktion? Oder den japanischen IEC-Standard-Zoll?«

»Unter anderem. Sagen wir, es ist ein großes Paket.«

»Was bietet ihr?«

»Ich schicke deiner Assistentin heute Nacht die Spezifika. Du wirst sie Wilks im bestmöglichen Licht präsentieren, und dann bekommen wir beide ein Lob, weil wir über die Kluft zwischen den Lagern hinweg zusammengearbeitet haben. Wie hört sich das an?«

»Weshalb sollte ich dir helfen wollen?«, fragte Jill.

»Weil meine Männer euch sonst alle umbringen.«

»Dann habe ich wohl keine andere Wahl. Ich werde aber Zeit brauchen, dein Angebot zu prüfen.«

»Du bist nicht in der Position, Bedingungen zu stellen, aber nimm dir ruhig Zeit und denk drüber nach«, sagte er. »Nächste Woche erwarte ich eine Antwort. Übrigens, Baji, Biall schuldet dir noch was für den Unabhängigkeitskrieg. Heute kriegst du eine Teilzahlung.« Dann legte er auf.

»Was ist während des Krieges geschehen?«

Bialls damaliges Gefäß war der Neffe von Lord Sandwich, dem Admiral of the Fleet, wie sein Rang in der Royal Navy seinerzeit hieß. Er wurde zum Kapitän befördert und in die Staaten geschickt. Mein Wirt, John Paul Jones, hat seine Fregatte erbeutet. Als Nächstes bekam er eine Schaluppe. Die habe ich versenkt. Dann haben sie ihm einen Schreibtischjob im Hafen von Yorktown gegeben. Als ich den Hafen plünderte, habe ich ihn gekidnappt. Lord Sandwich musste für den Knilch dreimal Lösegeld zahlen. Das trägt er mir immer noch nach.

»Würde ich an seiner Stelle auch tun.«

Jill warf dem Genjix-Agenten das Telefon wieder zu. »Ihr habt euer Treffen bekommen. Und jetzt, husch, husch, zurück ins Körbchen.«

Der Genjix-Agent blickte sie an und lächelte selbstgefällig. »Wir haben den Befehl, dich am Leben zu lassen, wenn du keine Schwierigkeiten machst. Für die anderen gilt das nicht. Tötet sie!«, brüllte er.

»Nein!«

Der folgende Schusswechsel war ohrenbetäubend. Beide Seiten eröffneten gleichzeitig das Feuer. Die Prophus-Leute waren waffentechnisch unterlegen und hatten die deutlich schlechtere Position. Es dauerte nicht lang, bis nur noch Jill am Leben war, die sich hinter die Autotür kauerte und nachlud.

»Deine Leute sind tot, Verräterin«, rief der Genjix-Agent. »Wirf deine Waffe weg und tritt vor. Ansonsten ist dein Leben verwirkt.«

Lass deine Waffe fallen. Anders kommst du hier nicht raus.

»Schnauze, Baji. Sie haben Shunn und Chevoen getötet, nur weil sie die Möglichkeit dazu hatten. Zeig mir ihre Positionen. Jetzt!«

In ihrem Geist blitzten Bilder der Genjix auf – von dem, der auf dem Dach hinter ihr kniete, von den beiden rechts von ihr, die an dem Lieferwagen lehnten, der sie gerammt hatte, und dann vom Anführer des Hinterhalts, der sich mit ihr unterhalten hatte. Jill stand auf und verschoss ihr Magazin auf die drei Gruppen. Dann rannte sie auf die Seitenstraße zu.

»Feuer!«, brüllte jemand.

Überall um sie herum schlugen Kugeln ein, während sie den schmalen Bürgersteig entlangsprintete und in eine Gasse bog.

Ein Schatten an der Dachkante eines der Gebäude zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie drückte sich an die Wand und suchte nach weiteren Bewegungen. Dann hörte sie rechts von sich Schritte. Alles in allem mussten es etwa zehn Genjix sein. Jill kauerte sich hinter einen Müllcontainer und blickte über den Rand. Ungefähr ein Dutzend Männer und ein weißer Lieferwagen ohne Aufschrift bogen in die Gasse ein, in der sie sich versteckte.

Sieht aus wie ein Penetra-Van.

»So viel also zum Thema verstecken.«

Das Aufkommen der mobilen Penetra-Scanner hatte den Verlauf des Krieges in den letzten drei Jahren verändert. Anfangs waren die Scanner – Maschinen so groß wie Häuser – bedeutungslos gewesen. In den letzten Jahren war es den Genjix allerdings gelungen, die Scanner zu verkleinern. Nun gab es überall Penetra-Vans, und für die Prophus wurde es immer schwieriger, unentdeckt zu bleiben.

Es sind zu viele.

»Ich habe schon Schlimmeres erlebt.«

Damit wollte sich Jill jedoch nur selbst Mut machen, und das wussten sie beide. So viel sie im Lauf der Jahre auch trainiert hatte, sie würde niemals eine zweite Sonya werden. Bajis frühere Wirtin hatte Roen zum Agenten ausgebildet und war einer ihrer Lieblinge gewesen. Sie war von den Genjix gefangen genommen und umgebracht worden, nachdem sie versucht hatte, Jill und Roen während der Dezennalien zu retten. Baji hatte Roen den Tod von Sonya nie verziehen, und in gewisser Weise trug sie ihn auch ihrer neuen Wirtin noch nach.

Jill spähte um die Seite des Müllcontainers und schoss dreimal. Einmal traf sie, während die anderen Schüsse harmlos vom Lieferwagen abprallten. Sie ging in Deckung, kurz bevor ein Kugelhagel auf den Container niederprasselte.

Zwei schleichen sich auf deiner Seite an der Mauer an.

Ein Bild blitzte in ihrem Kopf auf: zwei Männer, die sich im Sichtschutz des Containers geduckt auf sie zuschoben. Jill atmete wieder aus und zielte auf die Position, die sie in Gedanken gesehen hatte. Sie erwischte einen Genjix mitten im Gesicht. Weitere Kugeln schlugen um sie herum ein, und sie hörte jemanden nach Feuerschutz rufen.

»Ich hätte jetzt gern eine Granate.«

Und warum nicht gleich noch einen Raketenwerfer, wenn wir schon dabei sind?

Jill biss sich auf die Lippe, ihre Gedanken rasten, um einen Ausweg zu finden. Vielleicht hatte sie etwas, das an eine Granate herankam. Die Genjix-Agenten rückten näher. Jill wühlte in ihrer Tasche und zog eine kleine Dose Pfefferspray heraus. Mit der Spraydose in der Hand lehnte sie sich zur Seite.

So ein guter Schütze bist du nicht.

»Positiv denken, Baji.«

Baji hatte recht: Jill war bestenfalls ein durchschnittlicher Schütze. Aber was blieb ihr anderes übrig? Sie beugte sich wieder zur Seite, ließ die Dose auf die Agenten zurollen, nahm sie ins Visier und drückte mehrmals in rascher Folge ab. Die ersten drei Schüsse gingen daneben. Die Genjix eröffneten das Feuer.

Zieh dich zurück!

Jill hörte nicht auf Baji und konzentrierte sich weiter auf die Dose. Der fünfte Schuss fand endlich sein Ziel. Die Pfefferspraydose explodierte, und eine OC-Wolke breitete sich aus. Sofort begannen die Genjix in diesem Teil der Gasse zu husten. Jill zog sich zurück – aber nicht schnell genug, um verhindern zu können, dass eine Kugel ihre Wange streifte. Mit zusammengebissenen Zähnen unterdrückte sie einen Schrei. Das war knapp gewesen.

Im Augenblick waren die Genjix abgelenkt. Jill musste hier verschwinden, bevor die Wolke sich auflöste. Sie verließ ihre Deckung, sprintete zum Ende der Gasse und schoss dabei blindlings nach hinten. Plötzlich spürte sie einen brennenden Schmerz im Oberschenkel. Durch die Wucht des Treffers verlor sie das Gleichgewicht und fiel hin. Ihre Pistole schlitterte über den Boden.

Jill fluchte und zog sich auf Händen und Füßen durch die Gasse, um sie zu erreichen. Ihre Gedanken kreisten ausschließlich um ihren Sohn Cameron und Baji. Sie hatte beide enttäuscht. Einer der Genjix-Agenten tauchte vor ihr auf und kickte die Pistole zur Seite. Dann spürte sie, wie ihr die Luft aus der Lunge gepresst wurde, als ein anderer ihr kräftig auf den Rücken trat.

»Gib auf, Prophus«, sagte eine Stimme. Die Lichter des Lieferwagens näherten sich. Sie war umzingelt. Jill trat mit dem gesunden Bein zu und brachte einen der Agenten zu Fall, grapschte nach dem Fuß des anderen. Ein heftiger Schlag auf den Kopf machte ihrem letzten, verzweifelten Fluchtversuch ein Ende. Betäubt und mit geschlossenen Augen wartete sie auf den Fangschuss.

Plötzlich ertönte ringsum ein leises Prasseln, und sämtliche Genjix-Agenten kippten schlagartig um. Der Van änderte quietschend die Richtung und krachte gegen die Mauer. Der Fahrer stieg aus, fasste sich an die Schulter und sackte in sich zusammen. Weitere schallgedämpfte Schüsse ertönten, und er rührte sich nicht mehr.

Jill setzte sich und blickte auf das Dutzend regloser Körper. Es sah aus wie in einem Kriegsgebiet. Sie rappelte sich auf, verzog das Gesicht und betastete ihr verletztes Bein. Die Kugel hatte den Knochen verfehlt. Sie nahm ein Tuch aus ihrer Tasche und band die Wunde ab. Dann humpelte sie zum Ende der Gasse auf die größere Straße. Ihr Telefon klingelte.

Jill zog es aus der Handtasche und nahm den Anruf an. »Hallo?«

Am anderen Ende der Leitung ertönte eine barsche Stimme. »Richte dem Oberkommando aus, dass sie nächstes Mal bessere Security schicken sollen, oder ich ramme ihnen ein paar Essstäbchen in die Augen!« Dann legte er auf.

»Arschloch«, murmelte sie und suchte die Dächer ab.

Immerhin hat dir das Arschloch gerade das Leben gerettet.

»Er hätte mir zumindest anbieten können, mich mitzunehmen.«

Jill verließ den Schauplatz so schnell, wie es ihr humpelnd möglich war. Die Genjix würden bald ein Aufräumteam schicken, und es war klüger, bis dahin möglichst weit weg zu sein. Fünfzehn Minuten später hatte sie es bis zu einer großen Kreuzung geschafft. Sie wollte schon weitergehen, blieb jedoch stehen, als ihr Blick auf das Neonschild einer Bar fiel. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»O verdammt, das habe ich mir verdient«, sagte sie und ging hinein.

Du blutest. Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für einen Drink.

»Das ist genau der richtige Zeitpunkt für einen Drink.«

Sie ging zum Tresen und bestellte sich eine Margarita.

Du verhältst dich unklug.

»Ich verhalte mich sogar sehr klug. Beinah hätte ich mir einen Tequila bestellt.«

Baji war schlau genug, das Thema fallenzulassen. Der Barkeeper musterte das Blut auf ihrer Wange neugierig, ließ sie aber ansonsten in Ruhe. Nach der zweiten Margarita ließ Jill alle Klugheit fahren und wechselte zu Tequila, von dem sie gleich zwei Shots hintereinander kippte. Es half, den Schmerz zu betäuben. Sie konnte an nichts anderes denken als daran, wie knapp es gewesen war: dass sie Baji beinahe verloren und Cameron nie wiedergesehen hätte. Und dann dachte sie an Roen. Sie ballte die Faust, stürzte einen letzten Tequila hinunter und knallte das Glas auf den Tisch. Mit neuentfachter Zielstrebigkeit eilte sie aus der Kneipe und winkte ein Taxi heran.

Je schneller wir wieder in einer sicheren Umgebung sind, desto besser.

»Ich werde in kein Safe House gehen.«

Wohin denn sonst?

»Ich mache mich auf die Suche nach meinem Ehemann.«

Kapitel 2 Buck’s Bar

Der Absturz. Eine Katastrophe. Mit über sechs Millionen Quasing an Bord war das Schiff versehentlich durch ein Asteroidenfeld geflogen und schwer beschädigt worden. Es blieb länger intakt, als wir für möglich gehalten hatten. Tapfer schleppte es sich durch den Raum, sterbend und auf der verzweifelten Suche nach einem Landeplatz. Bis wir in eure Galaxie vordrangen.

Der Hohe Rat hatte einen Planeten in diesem Sonnensystem ausfindig gemacht, auf dem es Atmosphären gab, in denen wir überleben konnten. Atmosphären, die allerdings in der Form von Milliarden winziger, beweglicher Einheiten auftraten – die indigenen Lebensformen des Planeten. Wir hatten eigentlich keine andere Wahl und setzten Kurs auf den Planeten, den wir jetzt Erde nennen.

Tao

Der größte Fehler des 20. Jahrhunderts. Los.

»Wurde von der Kunstschule begangen, die Hitlers Bewerbung abgelehnt hat, woraufhin er eine Karriere als Massenmörder einschlug. Das oder New Coke. Und du?«

Den japanischen Überraschungsangriff auf Pearl Harbor 1941 oder die Präsidentschaftswahl 1948, als die Demokraten es nicht schafften, Henry Wallace zum Vizepräsidenten zu machen.

»Du bist immer noch nicht drüber weg, was? Es ist ein halbes Jahrhundert her, und du bist immer noch verbittert.«

Wallace war Roosevelts geistiger Nachfolger. Die Welt wäre eine andere geworden.

»Du bist doch nur sauer, weil du nie wieder so nahe dran warst, Präsident zu werden.«

Ich habe zwei Jahrzehnte damit verbracht, ihn darauf vorzubereiten.

Roen Tan bog mit seinem Chevy Impala auf den Schotterplatz ein und musterte die Autos, die dort parkten, um zu sehen, wer da war: Jimmy, Amy, der komische Typ mit einer Stimme wie die von Alvin von den Chipmunks, der Besitzer, Dan und Hutzel. Er prüfte im Spiegel, ob er Blut im Gesicht hatte. Die Kämpfe auf dem Dach waren recht ruppig gewesen.

Ihm fielen seine eingesunkenen Wangen und der fusselige Viertagebart auf. Seine schwarzen Haare, gestutzt zu einer Art Beckham-Welle, standen unordentlich ab. Zufrieden stellte er den Motor ab, nahm den Cowboyhut vom Rücksitz und stopfte sich die Pistole in die Jeans.

Er stieg aus und ging um das Gebäude herum zur Vorderseite. Bars an einer Landstraße abseits des Highways mitten in den Appalachen hatten ihre Vorteile – man traf meistens die gleichen Gäste an, und es gab keinen Türsteher, der einen abtastete. Letzteres war besonders wichtig. Roen spürte, wie sein Messer ihm am Knöchel entlangrutschte. Er würde bald ein weiteres Loch in den Riemen machen müssen. Seine neue Diät, bei der er nur einmal am Tag etwas aß, war jetzt wohl auch an den Waden angekommen.

Er stieß die Schwingtür auf und tippte sich an den Hut, als er Amy sah, die Barkeeperin. Sie war der heißeste junge Feger im Umkreis von hundert Kilometern – was aber, um die Wahrheit zu sagen, auch nicht allzu schwer war. Bei den tausend Leuten, die überhaupt hier in der Gegend lebten, handelte es sich zum Großteil um Männer. Roen vermutete außerdem, dass sie so jung nicht war, sondern stramm auf die vierzig zuging.

»Charlie.« Sie nickte ihm zu. »Spät geworden heute? Wir schließen bald.«

»Howdy, nur ein oder zwei Drinks, Ma’am«, erwiderte er.

»Kein Problem, Cowboy.« Sie lächelte schief.

Dir ist schon klar, dass sie dir den Akzent keine Sekunde abnimmt …

»Ich übe für den Moment, in dem ich ihn wirklich mal brauche.«

Dann hoffen wir, dass dein Leben nicht davon abhängt, wenn es so weit ist.

Natürlich wusste Roen, dass sie ihn nicht deshalb Cowboy nannte, weil sie ihn tatsächlich für einen hielt. Er gab sich zwar alle Mühe, aber sein Akzent klang albern. Die Ortsansässigen amüsierte er im besten Fall mit seinem Gehabe, aber im Laufe des letzten Jahres hatten sie seine Anwesenheit nach und nach zu tolerieren gelernt. Wenn man schon ein Fremder war, konnte man zumindest versuchen, sich so gut wie möglich anzupassen. Trotzdem fiel er auch nach einem Jahr noch auf, und immer wieder versuchten die Einheimischen herauszufinden, was er verbrochen hatte, dass er sich hier verstecken musste. Die meisten tippten auf Steuerhinterziehung.

Du solltest es einfach aufgeben.

»Andere Länder, andere Sitten, Tao.«

Ich habe schon Jahrhunderte in anderen Ländern verbracht. Und das Letzte, was die meisten wollen, ist, dass man sie nachahmt.

Es gab eine alte Anlage, auf der Buck Owens auf Kassette lief. Dass es Buck Owens war, wusste Roen, weil die Bar jeden Abend dieselben vier Kassetten spielte und er beim ersten Mal, als er sich nach diesem Giganten der Countrymusik erkundigt hatte, ausführlich für seine Wissenslücke gerügt worden war. Eigentlich fand er, dass Buck ein bisschen ausdruckslos klang, was aber auch daran liegen konnte, dass das Band schon hunderttausendmal abgespielt worden war.

Die Hintertür steht etwas offen. Die Mülltonne blockiert den Ausgang. Schrotflinte hinter der Bar. Zwei Männer in der Nische ganz hinten. Sieht aus, als wären Howie und sein unzertrennlicher Freund wieder da.

Alvin von den Chipmunks saß wie immer am anderen Ende der Bar, den Blick fest auf den Bildschirm gerichtet, eine museumsreife Röhre, die noch eine Skalenscheibe hatte. Jedes Mal, wenn er hereinkam, rechnete Roen halb damit, dass der Fernseher kaputt war, aber bislang hielt er durch.

Hutzel saß allein in der Nische, die der Tür am nächsten war. Er versuchte, Roen zu sich herüberzuwinken, der aber den Blick abwandte und so tat, als würde er den alten Mann nicht bemerken. Stattdessen setzte er sich so an den Tresen, dass er sowohl den Ein- als auch den Ausgang im Auge behalten konnte.

»Was soll’s sein, mein Hübscher?«, fragte Amy mit ihrer Reibeisenstimme. Sie nannte jeden hübsch. Trotzdem hegte Roen insgeheim den Verdacht, dass sie es bei ihm ernst meinte. »Wie immer?«

Er nickte. »Warte.« Er klopfte sich die Taschen ab – sie fühlten sich leer an. Er hatte heute Abend einen seiner falschen Ausweise mitgenommen und vergessen, auch Geld dazuzupacken. »Cutty«, sagte er niedergeschlagen. »Unverdünnt. Nein, lieber on the rocks.«

Davon kriegst du Kopfschmerzen.

»Von einem leeren Magen auch.«

Nein, davon bekommst du nur miese Laune.

Amy stellte zwei Gläser mit brauner Flüssigkeit auf den Tresen und schob ihm eins davon hin. »Da hast du deinen Glen, wie immer. Ich setz ihn auf die Rechnung – und den hier auch.« Sie zwinkerte.

Er unterdrückte den Gedanken an das Geld und hob das Glas. »Auf die schönste Frau diesseits der Berge.« Sie stießen an und leerten die Gläser.

Wenig später holte sie die Flasche aus dem Regal und schenkte nach. Das hier versprach langsam, ein teurer Spaß zu werden. »Warum kommst du erst so spät, Charlie?«, fragte sie und drehte die Flasche in der Hand.

»Musste noch ein Dutzend Typen abknallen« klang irgendwie nach der falschen Antwort.

Roen hob das Glas auf Höhe ihrer Augen und tippte sich an den Hut. »Musste den Chemikalienspiegel in der Anlage checken.« Chemische Aufbereitung war in dieser Gegend die gängigste Branche, und man arbeitete häufig zu merkwürdigen Zeiten. Gewöhnlich zuckte dabei niemand auch nur mit der Wimper.

Amy beugte sich über den Tresen, ihre Finger spielten am Rand des Glases. »Und was hast du heute Abend noch vor, mein Starker? Diese alte Flasche und ich sind nämlich ganz allein.«

Roen zögerte, und noch bevor er antworten konnte, öffnete sich mit einem lauten Quietschen die Tür. »Er hat eine Verabredung mit mir«, unterbrach eine starke, klare Stimme seinen Entscheidungsprozess. Roen musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, zu wem sie gehörte. Stattdessen nahm er Amy die Flasche aus der Hand, schenkte sich einen Doppelten ein und stürzte ihn hinunter.

Amy schaute träge zur Tür und wandte ihr dann den Rücken zu, während sie so tat, als würde sie den Tresen abwischen. »Sorry, Süße, wir haben geschlossen.«

»Ich bin nicht hier, um was zu trinken«, erwiderte Jill, die sich neben Roen setzte.

»Gib ihr trotzdem einen. Tequila für den tobenden Sturm«, meinte Roen.

»Ich bin hier, um mit diesem Drecksack zu reden.« Sie deutete vage in seine Richtung.

»Willst du, dass ich sie für dich abwimmle, Hübscher?«, fragte Amy. »Wer ist sie überhaupt?«

»Sie ist nur eine …«, begann Roen.

»… Ehefrau«, knurrte Jill.

Und damit löste sich das ganze Wohlwollen, das Amy ihm entgegengebracht hatte, in Rauch auf. Sie warf ihm einen Blick zu, der einen Bison hätte umhauen können. »Du miese kleine Sumpfnatter«, zischte sie und schenkte Jill einen Tequila ein. »Da, für dich, Süße. Geht auf seine Rechnung.«

Jill lächelte Amy freundlich an. Die beiden tranken gemeinsam auf Roens Kosten und verbrachten eine gute Viertelstunde damit, über ihn zu lästern, als wäre er gar nicht da. Als er sein Glas schüttelte, um noch einen Drink zu bekommen, zuckte Amy nur mit den Schultern. »Zahl erst mal deine Rechnung, Kleiner«, antwortete sie, nur um Jill dann noch einen einzuschenken.

Mein Rat: Nichts wie weg. Ich glaube nicht, dass du hier noch was reißen kannst.

»Danke, Dschingis. Bei dem Tempo, das die beiden vorlegen, muss ich am Ende Gläser spülen, wenn ich diese Rechnung je begleichen will.«

Als Amy die Bar dichtmachte, umarmte sie Jill noch einmal: »Pass auf dich auf, Süße, und achte auf die Schlangen, die sich zurück in dein Leben schlängeln.«

Und dann standen Jill und Roen allein auf dem verlassenen Schotterparkplatz vor Buck’s Bar. Sie gingen schweigend zu Jills Auto. »Sie ist niedlich«, sagte Jill und lächelte süßlich. »Jetzt verstehe ich, warum du mich verlassen hast.«

»Ich habe dich verlassen?« Roens Stimme schoss um zwei Oktaven nach oben.

Ruhig Blut. Mach den Countdown.

Roen schloss die Augen und zählte von vierzehn abwärts, wobei er jede Silbe einzeln betonte. Früher hatte er bei zehn angefangen, aber im Lauf der Jahre waren ein paar Zahlen dazugekommen. Als er sich beruhigt hatte, öffnete er die Augen langsam wieder und musterte ihr Gesicht. Sie hatte dunkle Augenringe, und ihr normalerweise glattes braunes Haar war wirr. Roen streckte die Hand nach ihr aus und berührte die verletzte Wange. »Das muss behandelt werden, sonst gibt das eine Narbe. Wie geht es dir?«

Sie schlug seine Hand weg. »Ich denke, du wolltest eigentlich fragen, wie es unserem Sohn geht?« Dann atmete sie tief ein und sagte: »Ich lebe. Im Augenblick zumindest.«

»Wie geht’s Cameron? Vermisst er seinen Vater?«

»Er kennt seinen Vater gar nicht!«, fuhr Jill ihn an.

»Ich bin nicht derjenige, der mir das Besuchsrecht entzogen hat«, fauchte er zurück. »Dürfte ich …«

Halt.

»Tao, verzieh dich.«

Hört sofort auf damit. Ihr Idioten streitet euch um zwei Uhr morgens auf einem Parkplatz in Highwaynähe. Könntet ihr euren gemeinsamen Trip in die Idiotie bitte zumindest an einem sicheren Ort fortsetzen?

Roen seufzte. »Komm schon, Jill, es ist spät. Wir haben beide was getrunken. Unterhalten wir uns doch bei mir.«

Sie kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, und ihre Mundwinkel wölbten sich nach oben. Einen Augenblick lang war sie wieder die alte schelmische Jill, die er von früher kannte. »Du lädst mich zu dir ein? Das ist kühn. Hast du keine Angst, dass ich meinem Vater verrate, wo er dich finden kann?«

»Was treiben Louis und Lee Ann so?«, fragte Roen. Zweifellos würden ihre Eltern am liebsten eine Piñata aus ihm machen. Es war alles einfach dumm gelaufen.

»Sie sind damit beschäftigt, sich um deinen Sohn zu kümmern«, erwiderte Jill, die jetzt plötzlich gar nicht mehr kämpferisch wirkte. »Ich konnte es nicht. Bei allem, was seit einer Weile abgeht, konnte ich mich nicht mal um meinen eigenen Sohn kümmern. Ich bin eine furchtbare Mutter.«

Roen sah, wie sich eine Träne aus ihrem Augenwinkel stahl und die Wange hinablief. Als er Anstalten machte, sie zu umarmen, boxte sie ihm auf die Schulter. Roen biss sich auf die Lippe und hielt die Hände kapitulierend hoch. Zumindest hatte sie nicht gelernt, wie man jemanden richtig verprügelte, sonst wäre diese Unterhaltung womöglich noch richtig schmerzhaft geworden.

Ihm war nicht ganz wohl dabei, dass Jills Eltern sich um Cameron kümmerten. Er wusste zwar, dass Jill trotz allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, niemals schlecht über ihn reden würde. Aber wer konnte schon sagen, welches Gift seine Schwiegereltern verspritzten? »Woher wusstest du eigentlich, dass ich in Buck’s Bar war?«, fragte er.

»Du bist nach deinen Jill-Bewachungs-Eskapaden immer hier.« Sie zuckte mit den Schultern. »Glaub nur nicht, die Prophus würden dich nicht im Auge behalten. Du bist nicht so unerreichbar, wie du vielleicht denkst.«

Da hat sie recht. Du bist in letzter Zeit unerträglich vorhersehbar.

»Wo wir übrigens gerade davon sprechen«, fuhr sie fort, »wer ist eigentlich dein Maulwurf im Oberkommando?«

Roen zuckte mit den Schultern und tat so, als wüsste er von nichts.

»Wer ist unsere undichte Stelle?«, wiederholte sie und betonte dabei jedes Wort. »Komm schon, dass du Zugang zu den Taktikplänen meiner Missionen hast und bei manchen meiner Aufträge den Schatten spielst, bedeutet, dass irgendein Arsch dir aus falsch verstandener Loyalität Informationen zusteckt. Wer ist dieser Schwachkopf?«

»Nicht bei manchen deiner Aufträge«, murrte er. »Bei allen. Ich habe dir bei allen zwölf Blödsinnsmissionen, auf die dich das Oberkommando im letzten Jahr geschickt hat, den Rücken gedeckt.«

»Vierzehn«, verbesserte sie.

Roen schüttelte den Kopf. »Costa Rica zählt nicht. Du hast nicht mal deine Knarre mitgenommen. Und was Paris betrifft, habe ich dafür gesorgt, dass man dich im Auge behält.«

»Ich brauche deine Hilfe nicht.«

»Hab ich gesehen«, sagte er missgelaunt. »Du hattest das heute Abend vollkommen im Griff. Komm, steig ins Auto und fahr mir nach. Lass uns diese Unterhaltung an einem sicheren Ort weiterführen.«

Jill sah aus, als wollte sie widersprechen, überlegte es sich dann aber anders. Baji hatte wohl erkannt, dass es ein schlauer Vorschlag war. Wahrscheinlich brachte es sie fast um, mit ihm einer Meinung zu sein. Ein kleiner Sieg. Baji hatte schon kaum ein gutes Haar an ihm gelassen, als Sonya noch gelebt hatte. Jetzt war es bestimmt zehnmal so schlimm.

Sie stiegen in ihre Autos und fuhren sechs Kilometer nach Westen, tiefer in die Appalachen hinein, zwei einsame Paar Scheinwerferkegel, die sich zwischen den düsteren Hügeln hindurchschlängelten. Schließlich bog er ab und fuhr über einen Schotterweg in eine Schlucht. Er parkte unter einem kleinen Überhang und stieg aus. Augenblicke später hielt Jill neben ihm.

»Entweder lebst du in einem Zelt, oder du hast mich hierhergelockt, um mich zu ermorden«, sagte sie, als sie sich umschaute.

»Nach dir«, sagte Roen mit schiefem Lächeln, während er auf einen krummen Lorbeerbaum zeigte, der aus dem Hang wuchs.

Jill verdrehte die Augen, stieß dann aber einen Pfiff aus, als sie unter dem Baum einen Betontunnel entdeckte, der sich in die Schlucht grub und von einem rostigen Tor verschlossen war. »Als du gesagt hast, du würdest untertauchen, hast du das wohl wortwörtlich gemeint«, bemerkte sie beeindruckt. »Lebst du jetzt unter deinesgleichen?«

»Bezeichnest du unseren Sohn etwa als Halbratte?«, scherzte er.

»Immerhin hat er mein Aussehen und meine Intelligenz«, erwiderte sie.

Sie passierten das Tor und durchquerten den dunklen Tunnel. Roen betätigte einen Schalter, und eine Reihe von trübgelben Lampen gingen brummend nacheinander an und beleuchteten einen gut fünfzig Meter langen Tunnel. Sie gingen eine Weile schweigend weiter, und die dumpfen Geräusche ihrer Schritte hallten von den Wänden wider.

»Wie hast du das hier gefunden?«, fragte sie schließlich.

Roen kickte einen Stein aus dem Weg und sah zu, wie er von den runden Tunnelwänden abprallte. »Nachdem ich die Prophus verlassen hatte, brauchte ich einen neuen Lieferanten. So lernte ich Old Alex kennen, einen Einsiedler, der illegal Munition verkaufte. Er war ein Prepper, der sich auf den Weltuntergang vorbereitet, in den Achtzigern dieses alte Atomraketensilo gekauft und es in eine dieser unterirdischen Festungen verwandelt hat. Wir gehen gerade durch den Abluftschacht von Startrampe 2.

Der alte Mann hasste die Regierung und war ein Verschwörungstheoretiker vor dem Herrn. Stundenlang laberte er davon, dass sie kommen würden, um ihm seine Waffen, seine Bibeln und seinen Whiskey wegzunehmen. Als er versuchte, einen sowjetischen Panzer zu kaufen, hat man ihn schließlich verhaftet. Ist dann im Knast an Lungenkrebs gestorben. Er hatte keine Familie, und als ich mitbekommen habe, dass er gestorben ist, bin ich hier eingezogen. Jetzt habe ich einen lebenslangen Vorrat an Munition.«

Sie erreichten das Ende des Tunnels, wo eine große verrostete Tür mit einem Tastenfeld ihnen den Weg versperrte. Roen murmelte etwas in ein Mikrophon und präsentierte dem Scanner sein Auge. Die Tür piepte und glitt zischend auf. Sie traten in einen Raum, der nur ein Wohnzimmer sein konnte.

Ein verdammt großes Wohnzimmer. Die Decke ließ sich nur erahnen, und der ganze Raum stand voller nicht zusammenpassender Möbelstücke. Es gab eine Couch, von der Jill geschworen hätte, dass sie eine echte Antiquität aus der französischen Kolonialzeit war, und einen billigen Kaffeetisch aus Kutschenrädern. Drei Bücherregale reihten sich an der einen Seite des runden Raums auf. Am anderen Ende standen ein Airhockey-Tisch und eine Hantelbank. Gleich am Eingang befand sich ein Set aus sechs übereinandergestapelten LCD-Fernsehern.

»Hmm, eine Bat-Höhle«, bemerkte sie. »Das ist in der Tat recht beeindruckend. Ich habe die letzten beiden Jahre gedacht, du würdest an irgendeinem Strand in Panama leben, den ganzen Tag surfen und nachts die Chicas anbaggern.«

»Das waren die ersten sechs Monate«, erwiderte er grinsend. Er deutete auf die karge Küche. »Mi casa es su casa.«

»Gibt es was Anständiges zu trinken, oder hast du dich an den Mist gewöhnt, den die Leute hier selbst brennen?«, fragte sie.

Er holte eine halbe Flasche Bourbon und zwei Gläser heraus. »Das Eis ist etwas knapp«, entschuldigte er sich, während er ihr ein Glas einschenkte und es mit Wasser mischte. »Bleibst du heute Nacht hier?«

Jill schüttelte den Kopf. »Ich muss wieder auf dem Hill sein in …«, sie schaute auf die Uhr, »sieben Stunden.«

Roen nahm ihr das Glas weg. »Ich hol dir ein Wasser. Bist du sicher, dass du nicht bleiben kannst? Tao würde vermutlich gern ein paar Worte mit Baji wechseln.«

»Ich bin nicht sicher, ob Baji das genauso sieht. Gib mir den Drink. Ich bin ein großes Mädchen.«

Roen zögerte, ehe er ihr das Glas wieder überließ. Er setzte sich ihr gegenüber auf die Couch und beugte sich vor. »Also, wie geht es Cameron?«

»Schießt hoch wie Unkraut. Tritt und schlägt mit drei besser um sich als sein Vater mit dreißig.« Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Jill richtig ehrlich. Für ein paar Minuten vergaßen sie ihre Vergangenheit und versanken in der Welt ihres Sohnes. Jill erzählte davon, wie Cameron das erste Mal auf einem Fahrrad mit Stützrädern gefahren war, und ein paar Augenblicke verdrängten sie die Probleme der letzten beiden Jahre und waren einfach stolze Eltern, die sich gemeinsam Bilder ihres Sohnes ansahen.

Eine Stunde später redeten sie immer noch über Cameron. Es war spät geworden, und sie waren beide so erschöpft, dass sie kaum noch die Augen offen halten konnten. Sie saßen aneinandergeschmiegt da. Roen konnte den schwachen Geruch nach Rauch, Blut und Alkohol an ihr wahrnehmen, während er sie sanft festhielt.

»Das ist die ganze Zeit dein Plan gewesen«, murmelte sie schläfrig. »Ich muss zurück nach Washington.«

Roen murmelte etwas Unverständliches, während er ihr den Arm um die Schulter legte und die Augen schloss. Für diesen kurzen Moment waren sie wieder ein Paar.

Kapitel 3 Baji und Tao

Als das Schiff in die Erdatmosphäre eintrat, verbrannte es und zerbrach in etliche Stücke, die auf die Oberfläche des Planeten hinabprasselten. Wir hatten es so gezüchtet, dass sich seine Membran verhärtete, wenn es großer Hitze ausgesetzt wird. Das hat uns vor der kompletten Auslöschung bewahrt.

Die meisten unseres Volkes verdampften mit dem Hauptteil des Schiffes, kaum dass es auf den Ozean auftraf. Doch einige hunderttausend von uns überlebten in den Fragmenten, die über die ganze Erde verstreut wurden. Ich befand mich in einem Abschnitt des Schiffs, der in den Tiefen des heute als Afrika bekannten Erdteils abstürzte.

Tao

»Hallo, Baji.«

Jills Augen gingen flatternd auf und richteten sich auf Roen, der auf sie herabschaute. Sie zog sich vor ihm zurück ans andere Ende der Couch, das Gesicht von Wut verzerrt. »Was willst du, Tao?«

Tao sorgte dafür, dass Roen sich nach vorne beugte. »Im Augenblick will ich mit einer alten Freundin sprechen. Wie geht es dir?«

Baji schüttelte ungläubig den Kopf. »Du hast Nerven, dass du das fragst. Es läuft furchtbar. Eigentlich ist es so schlimm wie in der ganzen sechshundertjährigen Geschichte unseres Krieges nicht, inklusive der fünfzig Jahre, die ich im Tower von London verbracht habe. Und das wüsstest du, wenn du uns nicht im Stich gelassen hättest.«

»Komm schon, verglichen mit anderen Gefängnissen war der Tower ein Ponyhof«, sagte Tao leichthin. »Außerdem kennst du mich doch besser. Bin ich je vor diesem Krieg davongelaufen?«

»Wo warst du dann, als Capulets Skiresort fiel? Wo warst du bei der Invasion von Dubai und Ankara? Warst du während der Verteidigung der Zentrale in Denver bei uns? Nein, warst du nicht. Als die Genjix losschlugen, bist du verschwunden.«

»Unsere Stützpunkte in diesen Städten waren verloren, von dem Augenblick an, als die Genjix unser altes Netzwerk infiltriert hatten. Meine Anwesenheit dort hätte keinen Unterschied gemacht.«

Baji stach Tao mit dem Finger in die Brust und schob ihn nach hinten. »In Boulder haben sechs Prophus und ein dreißigköpfiger Trupp vierhundert Genjix fünf Tage lang aufgehalten. Die Verstärkung kam drei Stunden zu spät. Wage es ja nicht, mir zu sagen, dass die Anwesenheit des großen Tao keinen Unterschied gemacht hätte.«

Sie lehnte sich zurück und vergrub das Gesicht in den Händen. Tao erkannte, dass Baji erschöpft war.

»Allein dieses Jahr haben wir zweihundert Quasing an die Ewige See verloren. Nach neuesten Informationen gibt es ein Gefängnis in Tibet, in dem sich etwa zweitausend Agenten und Wirte befinden. Was konnte so wichtig für dich sein, dass du uns im Stich lässt?«

»Die Genjix spielen jetzt ein anderes Spiel, und es geht dabei nicht um die Kontrolle über die Menschheit.« Tao verzog das Gesicht. »Obwohl wir dabei auch schon keine besonders gute Figur gemacht haben.« Er stand auf und bewegte sich ein Stück weg, dann drehte er sich zu ihr um, plötzlich wütend. »Nach dem Fall von Toronto habe ich sie gewarnt. Ich habe diesen Narren gesagt, sie sollen das Guerillaprotokoll initiieren und in den Untergrund gehen!«

Baji stand auf und machte ein finsteres Gesicht. »Und als die Hüterin nicht auf dich gehört hat und dir andere Befehle gab, bist du beleidigt abgezogen. Und mit dir auch Jills Ehemann und Camerons Vater.« Sie warf die Hände in die Luft. »Jill und Cameron waren Roens Familie. Habt ihr beiden Schwachmaten euch eigentlich mal überlegt, was das für Konsequenzen hat? Habt ihr beiden selbstsüchtigen Bastarde je daran gedacht, was Jill euretwegen durchmacht?«

»Schieb das nicht Roen in die Schuhe. Sie hat ihn rausgeworfen!«

»Weil er monatelang in der Weltgeschichte unterwegs war. Auf deinen Wunsch hin, wie ich hinzufügen möchte!«, keifte sie. »Er war nicht da, als sie sich damit herumschlug, seinen Neugeborenen aufzuziehen.«

Tao senkte den Blick und flüsterte: »Damit hat Roen mehr zu kämpfen, als du dir vorstellen kannst, aber es war wichtig. Er hat es verstanden.«

»Du glaubst vielleicht, dass es wichtig war! Und es besteht gar kein Zweifel, dass du dabei die Strippen gezogen hast. Roen gehorcht dir doch wie ein abgerichteter Köter, deswegen ist es ziemlich sicher nicht auf seinem Mist gewachsen.«

»Ich konnte nicht anders«, sagte er noch nachdrücklicher. »Die Information, die ich aus Südkorea erhalten hatte, war zu wichtig, als dass man sie hätte ignorieren können. Die Hüterin entschied, keine Ressourcen dafür einzusetzen. Ich tat, was getan werden musste. Das Oberkommando verliert den Ball inzwischen immer öfter an den Gegner.«

»Und du willst das ändern, indem du dich in einem verlassenen Raketensilo mitten in den Bergen versteckst?« Sie wurde lauter. »Indem du unsere Kommunikationskanäle ausschnüffelst und auftauchst, wann immer es dir passt?« Baji schüttelte den Kopf und wandte sich ab. »Ich kenne dich seit der Inquisition. Du warst nie vorhersehbar. Gewissermaßen hat dich das zum Menschlichsten von uns allen gemacht. Und Sonya hat dafür bezahlt.«

»Es läuft immer auf Sonya hinaus, nicht wahr?«, fuhr Tao sie an. »Menschen sterben im Krieg. Edward ist gestorben. Glaubst du, ich habe nicht um ihn getrauert?«

Sie marschierte wieder auf ihn zu. »Ja, es läuft immer auf Sonya hinaus. Edward ist auf einer Mission bei der Ausübung seiner Pflichten gestorben. Er hatte die Risiken akzeptiert. Du hattest zwanzig Jahre mit ihm. Sonya hatte ihre Berufung gerade erst gefunden. Sie wäre einer meiner bedeutendsten Wirte geworden, und Roen hat mir dieses Potential genommen. Sie hat während der Dezennalien das Hotelzimmer verlassen, um ihn zu retten. Er war der Grund, weshalb sie in Gefangenschaft geriet. Sie starb für deinen idiotischen Wirt, weil er an Gehirnlähmung litt und seiner dummen Freundin nachrannte.«

Tao runzelte die Stirn. »Der dummen Freundin, die jetzt dein Wirt ist? So wie du mit Menschen umgehst, solltest du vielleicht für die Genjix kämpfen.«

Bajis linker Haken zischte dicht an Roens Nase vorbei. Tao hatte den Angriff abblocken können, wenn auch nur knapp, da die Quasing lediglich eine schwerfällige Kontrolle über die Körper ihre Wirte ausüben konnten.

Baji kam mit dem Gesicht sehr nah an seines heran, und ihre Augen blitzten vor Zorn. »Wie kannst du es wagen!«

Tao lag eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, aber er hielt sich zurück. »Es tut mir leid, Baji. Sonya hat auch Roen viel bedeutet. Seine Schuld nagt noch immer an ihm.«

»Das sollte sie auch.« Baji zog sich zurück und setzte sich wieder auf die Couch. Sie schaute an den hohen, gerundeten Wänden empor, die einst eine Atomrakete beherbergt hatten, und dann auf die Bilderrahmen, die die Wand zierten. Es gab ein Bild von Jill, vier von Jill und Roen und beinahe ein Dutzend von Cameron und Jill. An der anderen Wand, gegenüber vom Eingang, hing eine Weltkarte. Ein paar Dutzend verschiedenfarbige Reißzwecken waren über die Karte verstreut. Daneben befand sich noch eine kleinere Karte der Ostküste. Auch darin steckten etliche Reißzwecken.

Baji zögerte und verzog das Gesicht. »Mir gefällt, was Roen aus diesem Ort gemacht hast«, sagte sie schließlich. »Zumindest ist er nicht mehr so ein Chaot.«

Tao zuckte mit den Schultern. »Er spült sogar jeden Abend das Geschirr.«

»Das macht er nur, weil sie nicht da ist, um ihm hinterherzuräumen.«

Baji nahm wieder auf der Couch Platz. »Hast du denn gefunden, wonach du gesucht hast? War es das wirklich wert?«