Fernando Pessoa
Genie und Wahnsinn
Schriften zu einer intellektuellen Biographie
Aus dem Portugiesischen und Englischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Steffen Dix
FISCHER E-Books
Basierend auf der von Jerónimo Pizarro herausgegebenen Kritischen Ausgabe
Fernando Pessoa (1888–1935), der wohl bedeutendste moderne Dichter Portugals, ist auch bei uns mit dem ›Buch der Unruhe‹ bekannt geworden. Er gehört zu den großen literarischen Erneuerern, ist nicht nur der Begründer der modernen Dichtung seines Landes, sondern eine der Schlüsselfiguren in der Entwicklung der zeitgenössischen Dichtung überhaupt. Er schuf nicht nur Gedichte und poetische Prosatexte verschiedenster, ja widersprüchlichster Art, sondern Verkörperungen der Gegenstände seines Denkens und Dichtens: seine Heteronyme. Er gab seinem vielfältig gespaltenen Ich die Namen Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos und eben Pessoa, das im Portugiesischen so viel wie »Person, Maske, Fiktion, Niemand« bedeutet.
Steffen Dix, 1968 geboren, studierte in Tübingen, Berlin und Lissabon Vergleichende Religionswissenschaft und Philosophie. Nach mehrjähriger Forschung am Nachlass Fernando Pessoas promovierte er zu dessen Neopaganismus und Heteronymie. Er übersetzte und editierte im deutschsprachigen Raum einige seiner wichtigsten theoretischen Werke und beschäftigt sich gegenwärtig mit seinen philosophischen und kunsttheoretischen Fragmenten. Neben zahlreichen Artikeln in internationalen Fachzeitschriften ist er (gemeinsam mit Jerónimo Pizarro) Herausgeber mehrerer Buchpublikationen zu Fernando Pessoa und allgemein zur portugiesischen Moderne. Zur Zeit ist er Fellow am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lissabon.
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Der Verlag dankt der Equipa Pessoa
unter der Leitung von Prof. Dr. Ivo de Castro
(Grupo de Trabalho para o Estudo do Espólio e Edição
da Obra Completa de Fernando Pessoa)
Funded by the Direcção-Geral do Livro
e das Bibliotecas/Portugal
Neuausgabe des Titels, der 2010 im Ammann Verlag, Zürich, erschienen ist.
Herausgegeben von Egon Ammann und Marie-Luise Flammersfeld.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Fernando Pessoa. Escritos sobre Génio e Loucura,
Edição Crítica de Fernando Pessoa, Série Maior, vo. VII,
Edição de Jerónimo Pizzaro
© 2006 Imprensa Nacional – Casa da Moeda, Lisboa
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2010
Covergestaltung: Beate Becker
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403322-8
Alexander Search ist eines der frühesten Präheteronyme Pessoas, das vorwiegend in englischer Sprache schrieb.
Edgar Allan Poe (1809–1849) veröffentlichte 1835 die Erzählung Berenice, in welcher der Ich-Erzähler Egaeus durch übertriebene Konzentration auf banale Dinge langsam in eine geistige Krankheit hinübergleitet.
Maine de Biran (1766–1824), französischer Philosoph und Mitglied des Rats der Fünfhundert, dessen kompletter Name Marie François Pierre Gonthier de Biran war. Setzte sich mit den Theorien Condillacs auseinander und betonte die Wichtigkeit des inneren Selbstbewußtseins.
Henri Frédéric Amiel (1821–1881), schweizerischer Schriftsteller, dessen Werk insbesondere in Pessoas (Bernardo Soares’) Buch der Unruhe einen bleibenden Eindruck hinterließ.
Charles Robert Richet (1850–1935) erhielt als französischer Mediziner und Psychologe im Jahre 1913 den Nobelpreis. War ab 1905 Präsident der Society for Psychical Research.
Alfred Fouillée (1838–1912), französischer Philosoph, der zu seiner Zeit ausgesprochen einflußreich war und sich insbesondere durch seine Platon-Interpretationen einen Namen machte. In Pessoas Privatbibliothek sind heute noch anzutreffen: Esquisse psychologique des peuples européens, Paris, 1903; und: La philosophie de Platon: théorie des idées et de l’amour, Paris, 1904. In einem anderen Fragment schreibt Pessoa: »Als ein eminent französischer Geist in seinem subtilen und enthusiastischen Verständnis, und mehr noch als französisch – nahezu als genial – in seinem tiefen Verständnis, ist Herr Fouillée, als ein Philosoph von heute, einer derjenigen, dessen Name in der Philosophiegeschichte mehr sein wird als nur eine einfache Anmerkung.« [15B3-53v]
»Der denkende Mensch ist ein entartetes Tier.« Rousseau behauptete in seinem Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes: »j’ose presque assurer que l’état de réflexion est un état contre nature, et que l’homme qui médite est un animal dépravé.« Wobei es jedoch Chateaubriand ist, der im Vorwort zu seinem Roman Atala kommentiert: »Bien loin d’être d’opinion que l’homme qui pense soit un animal dépravé, je crois que c’est la pensée qui fait l’homme.«
Pessoa bezieht sich hier auf ein Vorwort von M. Charles Richet zum Werk L’Homme de Génie von Cesare Lombroso (Paris 1889). Im Zusammenhang mit den geometrischen Fähigkeiten Pascals spricht Richet vom Unterschied zwischen »dégénéré« und »progénéré«.
João Ferreira Franco Pinto Castelo Branco (1855–1929) war Premierminister (1906–1908) in den letzten Jahren der portugiesischen Monarchie und wurde von Pessoa in seinen Nachlaßschriften als intellektuell ausgesprochen mittelmäßig bezeichnet.
»A little learning is a dangerous thing; / Drink deep, or taste not the Pierian spring: / There shallow draughts intoxicate the brain, / And drinking largely sobers us again.« Alexander Pope (1688–1744), Essay on Criticism (II, 15–18). Pope wird allgemein als der wichtigste englische Dichter des frühen 18. Jahrhunderts angesehen und ist bekannt für seine satirischen Verse oder seine Übersetzung Homers.
Gemeint ist eventuell der Bezug auf ein Zitat von Charles Stuart Calverley (1831–1884), viktorianischer Dichter, der für seine humoristischen Verse berühmt war.
Louis-Claude de Saint-Martin (1743–1803) war Anhänger von Martinez de Pasqually (1727–1774), einem französischen Mystiker, den man auch den »Unbekannten Philosophen« nannte.
Wahrscheinlich Bezug auf das Buch des Gesetzes (»Do what thou wilt shall be the whole of the law. Love is the law, love under will.«) des englischen Okkultisten Aleister Crowley (1875–1947), zu dem Pessoa zwischen 1930 und 1931 engen persönlichen Kontakt hatte.
Eigentlich Benjamin Jonson (1572–1637), englischer Bühnenautor, der als Gegenspieler zu William Shakespeare in die Literaturgeschichte eingegangen ist.
»Who, born within the last forty years, has read one word of Collins, and Toland, and Tindal, and Chubb, and Morgan, and that whole race who called themselves Freethinkers? Who now reads Bolingbroke? Who ever read him through?« Edmund Burke (1729–1797), Reflections on the French Revolution, London, J. M. Dent & Sons, 1955, S. 86.
Pessoa bezieht sich an dieser Stelle auf das letzte Kapitel (XIX. The Eclipse of Genius) im zweiten Band von Alfred William Benns (1843–1915) Modern England: a record of opinion and action from the time of the French revolution to the present day, London, Watts & Co., 1908.
Der deutsche Philosoph und Biologe Ernst Haeckel (1834–1919) entwickelte von der Evolutionslehre ausgehend eine religiöse oder zumindest philosophische Weltanschauung, die er »Monismus« nannte und von der auch Pessoa lange Zeit beeindruckt war.
Die folgenden Fragmente sind stark von Pessoas Lektüre von Max Nordaus (1849–1923) Buch Entartung (1892) geprägt, das Pessoa in der französischen Übersetzung unter dem Titel Dégénérescence kannte. In diesen zumeist englischsprachigen Texten benutzt Pessoa abwechselnd und eigentlich nie systematisch die Begriffe »degeneration« und »degeneracy«. Da die Übergänge zwischen »degeneracy« und »degeneration« bei Pessoa oft fließend und nicht deutlich zu erkennen sind und um gegebenenfalls Zweideutigkeiten zu vermeiden, wurde in der Übersetzung durchgehend das Wort »Degeneration« gewählt.
Gustave Le Bon (1841–1931), französischer Psychologe mit hohem Einfluß auf das damalige intellektuelle Leben in Frankreich. Sein Werk La psychologie des foules (1895) wurde kritisch von Sigmund Freud aufgegriffen und steht teilweise an der Basis zu dessen Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921).
Anspielung auf Adonais: An Elegy on the Death of John Keats (1816) von Percy Bysshe Shelley (1792–1822).
Maurice Rollinat (1846–1903), französischer Dichter und Anhänger Baudelaires.
Einige Fragmente Pessoas lassen darauf schließen, daß er ein Essay über Shelley plante. Zumindest zeigt sich Pessoa ungefähr um 1906 als Leser der Biographie Shelleys von Edward Dowden, The Life of Percy Bysshe Shelley (1896).
Bénédict Augustin Morel (1809–1873), französischer Psychiater, der den Begriff »dementia praecox« einführte, um auf emotionale und mentale Abweichungen mit beginnender Pubertät hinzuweisen. Diese Bezeichnung wurde später in »Schizophrenie« umbenannt.
Elizabeth Barrett Browning (1806–1861), englische Dichterin und herausragende Vertreterin des Viktorianischen Zeitalters. Der hier von Pessoa zitierte Vers stammt aus The Drama of Exile and Other Poems (1845): »Eve. I am renewed. / My eyes grow with the light which is in thin; / The silence of my heart is full of sound. / Hold me up-so! Because I comprehend / This human love, I shall not be afraid / Of any human death; and yet because / I know this strength of love, I seem to know / Death’s strength by that same sign.«
Eigentlich Antero de Quental (1842–1891), ein von den Azoren stammender Dichter, der von Pessoa geschätzt wurde, als einer der wichtigsten Überwinder der veralteten Romantik in Portugal gilt und politisch ausgesprochen aktiv war. Gehörte zur in Portugal einflußreichen »Geração de 70« und nahm sich in Ponta Delgada in einem öffentlichen Park durch einen Revolverschuß das Leben.
Eigentlich Jacques-Joseph Moreau (1804–1884), war französischer Psychiater, der den Effekt von Marihuana im Zusammenhang mit Wahnsinn oder Träumen studierte. Moreau de Tours war Gründer des sogenannten »Club des Hashischins«, zu dem auch Baudelaire, Delacroix oder Alexandre Dumas gehörten.
Pessoa beruft sich an dieser Stelle konkret auf seine Lektüre des Buches La famille névropathique. Théorie tératologique de l’hérédité et da la prédisposition morbides et de la dégénérescence (Paris 1894) von Charles Féré (1852–1907).
Ulysse Trélat (1795–1879), französischer Arzt und Politiker, der 1861 in Paris das Werk La folie lucide, étudiée et considérée au point de vue de la famille et de la société publizierte.
Joseph Grasset (1849–1918), französischer Neurologe, dessen Werk von Pessoa häufig zitiert wird. Der Begriff »demifou« geht allerdings auf das Buch Les Demifous (Paris 1905) von Michel Corday zurück.
Jean Etienne Dominique Esquirol (1772–1840), französischer Psychiater, der in seiner Monomanielehre von einer partiellen Störung der psychischen Funktionen des Menschen ausging.
Cesare Lombroso (1836–1909), italienischer Arzt und Psychiater, der als der Begründer der Kriminalanthropologie gilt. Pessoa war mit dessen Werk sehr gut vertraut und bezieht sich auf ihn in überwiegend negativer Form.
Pessoa beruft sich hier, wie auch an vielen anderen Stellen, auf seine Lektüre des Buchs Demifous et Demiresponsables (Paris 1907) des französischen Neurologen Joseph Grasset.
Etienne Rabaud (1868–1956), französischer Biologe und Autor des Buches Le génie et les théories de M. Lombroso (Paris 1908), das mit dem Kapitel »Les idées de Moreau, de Tours« beginnt.
»Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit.« (»Es gibt keine große Fähigkeit ohne eine Vermischung mit dem Wahnsinn.«) Seneca, De Tranquillitate Animi (XVII, 10).
»genus irritabile vatum« (»Das reizbare Geschlecht der Dichter«). Horaz, Epistulae (II, 2, 102).
John Dryden (1631–1700), einflußreicher englischer Dichter, Dramatiker und Literaturkritiker. Pessoa zitiert aus dem 1681 erschienenen Werk Absalom and Achitophel (I, 1163).
Bei diesem Buch handelt es sich konkret um The Insanity of Genius and the General Inequality of Human Faculty (London 1893) des schottischen Autors John Ferguson Nisbet (1851–1899). Dieses Buch war um die Jahrhundertwende überaus einflußreich und hinterließ auf Pessoa großen Eindruck.
In Pessoas Nachlaß gibt es ein Gedicht mit dem Titel Nomen et praeterea nihil, welches auf den 30.7.1917 datiert ist.
Eleftherios Venizelos (1864–1936) war Premierminister Griechenlands, der 1913 die Union zwischen Griechenland und Kreta erreichte.
John Pentland Mahaffy (1839–1919), irischer Klassisizist, von dem Oscar Wilde behauptete, er wäre dessen »erster und größter Lehrer« gewesen.
Paul Richer (1849–1933), französischer Anatom und Physiologe. Anhänger von Jean-Martin Charcot.
Mário de Sá-Carneiro (1890–1916), portugiesischer Dichter und einer der engsten Freunde Pessoas. Er war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Orpheu und beging 1916 in Paris Selbstmord, was bei Pessoa einen nachhaltigen Schock verursachte.
William Cowper (1731–1800), englischer Dichter, der durch seine teilweise sehr volksnahe Dichtung ausgesprochen populär war. Pessoa besaß sowohl das dichterische Werk Cowpers als auch dessen Übersetzung der Odyssee.
Mark Akenside (1721–1770), englischer Dichter und Mediziner.
Bezug auf Eugène de Roberty (1843–1915) und dessen Buch Frédéric Nietzsche: contribution à l’historie des idées philosophiques et sociales à la fin du XIXe siècle (Paris 1902).
An dieser Stelle handelt es sich um einen direkten Lektürebezug Pessoas zu José Caetano de Sousa Lacerda (1861–1911), Os Neurasthenicos: Esboço d’um Estudo Médico e Philosóphico (Lissabon 1895).
Pessoa beruft sich an dieser Stelle sehr wahrscheinlich auf das Prinzip der Widerspruchslosigkeit des deutschen Physikers und Naturphilosophen Gustav Theodor Fechner (1801–1887).
Hierbei handelt es sich um einen Verweis auf den Artikel »Folie« im Dictionnaire encyclopédique des sciences médicales (Paris 1879) des französischen Neurologen Jules Cotard (1840–1889).
Im Jahre 1908 erschien der erste Band von La Folie de Jésus des französischen Schriftstellers Charles Binet-Sanglé (1868/–?). Dieser Text wurde ins Portugiesische übersetzt, wodurch sich Pessoa veranlaßt fühlte, seinem Präheteronym Alexander Search die Autorschaft von kritischen Anmerkungen zu übertragen. Diese sollten sich vornehmlich an ein englisches Publikum richten. In Pessoas Privatbibliothek befinden sich heute der zweite (1910) und der dritte (1912) Band von diesem Werk.
Gilbert Ballet (1853–1916), französischer Psychiater und Neurologe, der unter Jean-Martin Charcot am berühmten Hospital Salpêtrière in Paris tätig war. Pessoa meint an dieser Stelle sicher Ballets Hauptwerk Traité de pathologie mentale (Paris 1903), das in Frankreich lange als ein Standardwerk der modernen Psychiatrie galt.
Pessoa bezieht sich hier anhand seiner Lektüre von Binet-Sanglé einerseits auf David Strauss (1808–1874) Das Leben Jesu (Tübingen 1835), andererseits auf Ernest Renan (1823–1892) Vie de Jésus (Paris 1863).
Dom Carlos (1863–1908) war der vorletzte König Portugals, er geht zurück auf das Haus Sachsen-Coburg und Gotha und fiel einem Attentat zum Opfer. Ihm wurden teilweise Vorwürfe gemacht, an den damals chaotischen innenpolitischen Zuständen Portugals, die 1891 zu einem Staatsbankrott führten, mitschuldig zu sein.
João Ferreira Pinto Castelo Branco Franco (1855–1929) wird von Pessoa allgemein als teilweise kriminell, teilweise als geistig und intellektuell ausgesprochen schwächlich dargestellt. Diese Textfragmente rechtfertigen einerseits die hier vorliegende Inhaltsangabe, andererseits den Titel Die Geschichte der Diktatur für das hier geplante Projekt. Allerdings wurde auf die Übersetzung einiger nur auf Franco bezogener Fragmente verzichtet, da für ihr Verständnis eine weitergehende Vorkenntnis der portugiesischen Politikgeschichte notwendig wäre.
Jean-Baptiste Joseph Emmanuel Régis (1855–1918), französischer Autor, der verschiedene Werke zur Psychologie von Kriminellen und zu mentalen Krankheiten publizierte.
Pierre-Marie-Félix Janet (1859–1947), französischer Psychiater und Mitarbeiter von Jean-Martin Charcot (1825–1893). Gilt als ein wesentlicher Begründer der heutigen Psychotherapie und übte starken Einfluß auf die Werke von Freud, Jung und Adler aus.
Im Nachlaß Pessoas befindet sich das auf 1909 datierte Buch Gallery of Literary Portraits des schottischen Autors George Gilfillan (1813–1878) mit folgender Unterstreichung auf Seite 190: »This unconsciousness, or impersonality, I have always held to be the highest style of genius. I am aware, indeed, of a subtle objection. It has been said by a high authority – John Sterling – that men of genius are conscious, not of what is peculiar in the individual, but of what is universal in the race; of what characterizes, not a man, but man; not of their own individual genius, but of the Great Spirit moving within their minds.«
William Barnes (1801–1886), englischer Schriftsteller und Philologe, der sich durch seine Dialektdichtung hervortat.
Eigentlich Mário Paes da Cunha e Sá (1893–1971), portugiesischer Schriftsteller, der 1925 in Lissabon das Buch A Invasão dos Judeus publiziert, in dem Fernando Pessoa als typischer Vertreter eines jüdischen Intellektuellen dargestellt wird.
Eigentlich António Perreira Nobre (1867–1900), portugiesischer, zum Symbolismus gerechneter Dichter. Sein 1892 zunächst in Paris herausgegebenes Hauptwerk Só (Allein) gilt gemeinhin als das traurigste Buch Portugals.
David Garrick (1717–1779), englischer Schauspieler und Theaterleiter, der nachhaltigen Einfluß auf die gesamte englische Theaterlandschaft des 18. Jahrhunderts ausübte.
John Greenleaf Whittier (1807–1892), amerikanischer Dichter, der sich stark für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte. Pessoa zitiert an dieser Stelle dessen Überlieferung: »Whether Bacon wrote the wonderful plays or not, I am quite sure the man Shakspeare neither did nor could.«
John Bright (1811–1889), englischer Staatmann, von dem folgender, von Pessoa oft zitierter und variierter Satz überliefert ist: »Any man that believes that William Shakespeare of Stratford wrote Hamlet or Lear is a fool.«
Thomas Ebenezer Webb (1821–1903), englischer Universitätsprofessor, Richter und Autor von: The Mystery of William Shakespeare, A Summary of Evidence (London 1902).
Eigentlich John Campbell, Lord Campbell (1779–1861), liberaler Politiker und von 1859–1861 oberster Richter Englands.
Eigentlich James Plaisted Wilde, Lord Penzance (1816–1899), war englischer Richter, der als wichtigster Fürsprecher der hier von Pessoa erörterten Theorie gilt, nach welcher die wahre Autorschaft des Werks von William Shakespeare eigentlich beim Philosophen Francis Bacon liegt.
Frederick James Furnivall (1825–1910), englischer Literaturwissenschaftler, der sich als Förderer der Mittelalterstudien hervortat.
Richard Grant White (1822–1885), amerikanischer Philologe und Essayist, der in den Vereinigten Staaten als einer der wichtigsten Herausgeber und Experten Shakespeares galt.
Die einzige zu Shakespeares Lebzeiten veröffentlichte Version der Sonette (1609) war einem »Mr. W. H.« gewidmet. Bis heute gibt es keine endgültige Klärung, wer mit diesen Initialen gemeint sein könnte.
Pessoa spielt hier auf Oscar Wildes Kurzgeschichte The Portrait of Mr. W. H. an, in der William Hughes zu einem jungen Schauspieler in Shakespeares Theatergruppe wird.
Walter Begley (1845–1905). Pessoa bezieht sich sehr wahrscheinlich auf den 1905 erschienenen Band Bacon’s Nova Resuscitatio or The Unveiling of His Concealed Works and Travels; The Exit of Shakespeare.
John Mackinnon Robertson (1856–1933), englischer Essayist und ausgesprochen vielseitiger Schriftsteller, der auf Pessoa großen Einfluß ausübte. Robertson war u.a. auch Herausgeber (inklusive Einleitung) von The philosophical works of Francis Bacon (London 1905).
Dieses Fragment endet an dieser Stelle, und es wurde im Nachlaß keine weitere Fortführung dieses Textes gefunden.
Debrett’s ist eine 1769 ins Leben gerufene Publikation, die sich auf den Stammbaum der britischen Aristokratie spezialisiert hat. Darüber hinaus werden diese Ausgaben als wesentliche Anleitungen für die traditionell britischen Umgangsformen angesehen.
Obwohl die Lesart des Namens an dieser Stelle etwas zweifelhaft ist, handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen Bezug auf Georges Pellissiers (1852–1918) Shakespeare et la superstion shakespearienne (Paris 1914).
David Garrick (1717–1779) gilt als einer der berühmtesten englischen Schauspieler des 18. Jahrhunderts. Darüber hinaus war er als Theaterautor bekannt und geschätzt.
Robert Clive, Baron Clive of Plassey (1725–1774), englischer Militär, der die militärische und politische Oberhoheit der East Indian Company begründete.
Gemeint ist an dieser Stelle der französische Dramatiker Henry Bataille (1872–1922), dessen prunkvolle Stücke gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr beliebt waren.
Pessoa bezieht sich auf ein Buch aus seiner Privatbibliothek mit dem Titel Regeneration. A Reply to Max Nordau (Westminster 1895). Dieses mit vielen Marginalien versehene Buch enthält keine Angabe zur Autorschaft, als Besitzer des Buches ist allerdings das Präheteronym Alexander Search angegeben.
Eigentlich Júlio de Matos (1857–1923), portugiesischer Psychiater, der offiziell an der Medizinfakultät der Lissabonner Universität das Fach Neuropsychiatrie einführte. Gilt in Portugal als einer der wichtigsten Pioniere der forensischen Psychiatrie.
Heinrich der Seefahrer (1394–1460) war Sohn des portugiesischen Königs Johann I. und gilt als der wichtigste Auftraggeber und Organisator der portugiesischen Entdeckungsfahrten im 15. Jahrhundert.
Joaquim Nunes Claro (1878–1949), portugiesischer Mediziner und Schriftsteller.
Silvio Rebello (1879–1933), portugiesischer Dichter.
João de Barros (1881–1960), portugiesischer Dichter und Pädagoge.
Eugénio de Castro e Almeida (1869–1944), portugiesischer Schriftsteller, der sich zunächst am französischen Symbolismus orientierte und später der klassischen Antike und der portugiesischen Vergangenheit zugewandt hat.
António Joaquim de Castro Feijó (1859–1917), portugiesischer Dichter und Diplomat, der sich an den Parnassiens orientierte.
Alfredo Pedro Guisado (1891–1975), portugiesischer Dichter, der auch unter dem Pseudonym Pedro de Meneses publizierte. Er war enger Mitarbeiter von Pessoa und Mário de Sá-Carneiro hauptsächlich bei der Publikation der für Portugal bedeutsamen modernistischen Literaturzeitschrift Orpheu.
Die Kunstrichtung »Paulismus« ist vorwiegend eine Erfindung Pessoas, die auf einer Verfeinerung symbolistischer Prozesse beruht. Zum Ausdruck sollen hierbei das Vage, das Komplexe oder das Subtile gebracht werden, wobei es beständig zu einer Vermischung zwischen Objekt und Subjekt kommt und zu einer Verbindung von nicht zusammenhängenden Ideen. Das von Pessoa in diesem Text erwähnte Wort ›pauis‹ (Plural vom ›paul‹ = Sumpf, Pfuhl) geht auf das erste Wort des Gedichts Impressões do Crepúsculo zurück (»Pauis de roçarem ânsias pela minh’ alma em ouro …«), das 1914 in der einzigen Ausgabe der Zeitschrift A Renascença erschien. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sollte dieses Gedicht an dieser Stelle eingefügt werden.
Die beiden einzigen Ausgaben der von Fernando Pessoa und Mário Sá-Carneiro gegründeten Zeitschrift Orpheu erschienen im Jahre 1915. Beide gelten heute als der entscheidende Ausgangspunkt für die literarische Moderne in Portugal.
Saudosismus war eine portugiesische Literaturbewegung des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, deren Name vom portugiesischen saudade abgeleitet wurde, was nur annähernd mit Sehnsucht oder Schwermut übersetzt werden kann.
Ronald de Carvalho (1893–1935), brasilianischer Dichter und Diplomat, der während seines Aufenthalts in Portugal sich der Gruppe um Pessoa anschloß. Gilt als ein wichtiger Begründer der literarischen Moderne Brasiliens.
Armando César Côrtes-Rodrigues (1891–1971), portugiesischer Dichter und Mitglied der Gruppe um den Orpheu.
José Sobral de Almada Negreiros (1893–1970), portugiesischer Maler und Schriftsteller, der als einer der wichtigsten Vertreter des portugiesischen Modernismus gilt. Ausgesprochen bekannt sind einige seiner Bildnisse Pessoas und seiner Heteronyme.
Júlio Dantas (1876–1962), portugiesischer Schriftsteller und Politiker, dessen nahezu jeden literarischen Bereich umfassendes Werk von Fernando Pessoa und dessen Mitstreitern als der höchste Ausdruck für die Rückschrittlichkeit der portugiesischen Kultur angesehen wurde. Bezeichnend diesbezüglich ist das sogenannte Manifest Anti-Dantas von José Almada-Negreiros.
António Caetano de Abreu Freire Egas Moniz (1874–1955) war portugiesischer Neurologe und Politiker, gilt als Begründer der Psychochirurgie oder der heftig umstrittenen Lobotomie. Erhielt 1949 den Nobelpreis für Medizin, was als eine Entscheidung angesehen wird, gegen die noch heute starke Einwände erhoben werden.
Ernesto Rodolfo Hintze Ribeiro (1849–1907), portugiesischer Politiker mit deutscher Abstammung.
Der Ratgeber Accaio ist eine literarische Figur, die in den Cartas de Fradique Mendes von Eça de Queiroz anzutreffen ist.
João Gaspar Simões (1903–1987), portugiesischer Schriftsteller und Herausgeber der Literaturzeitschrift presença. Publizierte die ersten Einzelausgaben Pessoas nach dessen Tod und schrieb seine erste Biographie (Vida e Obra de Fernando Pessoa, Lissabon 1950). Der hier übersetzte Brief wurde an dieser Stelle eingefügt, da Pessoa allgemein zum aufgeführten Thema Stellung nimmt und eine deutliche Beschreibung seiner eigenen Freud-Rezeption gibt.
Hierbei handelt es sich um das Gedicht Hymn to Pan des englischen Magiers Aleister Crowley, das Pessoa auf dessen Wunsch hin und nach einem persönlichen Zusammentreffen übersetzte und in Portugal publizierte.
Gemeint ist die Zeitschrift Descobrimento – Revista de Cultura, für die Pessoa 1931/32 einige kurze Beiträge verfaßte.
Die beiden von Pessoa erwähnten Essaybände O Mistério da Poesia und Temas erschienen jeweils 1931.
Eigentlich Abílio Guerra Junqueiro (1850–1923), portugiesischer Dichter, dessen schriftstellerisches Schaffen teilweise die republikanischen Umbrüche in Portugal vorwegnahm. Pessoa bezieht sich an dieser Stelle insbesondere auf das 1885 erschienene Werk A Velhice do Padre Eterno, welches heftigen Widerstand im portugiesischen Klerus hervorrief.
Das Gedicht »Sino da minha aldeia« wurde 1913 geschrieben und erschien 1914 in der Zeitschrift Renascença. Pessoa spielt in diesem Gedicht auf Kindheitserinnerungen an und bezieht sich auf die Kirchenglocken der Igreja dos Mártires, die in unmittelbarer Nähe seines Geburtshauses steht.
Eigentlich Camillo de Almeida Pessanha (1867–1926), gilt als wichtigster Vertreter des portugiesischen Symbolismus. Lebte den größten Teil seines Lebens in Macao und assimilierte sich völlig mit dem chinesischen Leben. Als sein wichtigstes Werk gilt der 1920 publizierte Gedichtband Clepsydra. Pessoa gibt an mehreren Stellen seiner aufrichtigen Bewunderung gegenüber dem Schaffen Pessanhas Ausdruck.
Thomas Babington Macaulay (1800–1859), englischer Dichter und Historiker, der von Pessoa enorm geschätzt wurde wegen des literarischen Stils seiner Geschichtsschreibung.
The Germ war eine kurzlebige Literaturzeitschrift der Präraffaeliten, die von William Michael Rossetti publiziert wurde und zwischen Januar und April 1850 erschien.
Émile Faguet (1847–1916), französischer Schriftsteller und Kritiker, der 1899 einige Studien zu Flaubert veröffentlichte.
Ramón María de las Mercedes de Campoamor y Campoosorio (1817–1901), spanischer Romantiker, dessen Werk von eingehenden metaphysischen und philosophischen Fragestellungen geprägt ist.
Eigentlich José Ignacio Javier Oriol Encarnación de Espronceda y Delgado (1808–1842), spanischer Romantiker, der oft gesellschaftlichen Außenseitern die Stimme verlieh.
Gemäß Charles Maurras eine Mischung aus Absinth und Bier. Pessoa zitiert an dieser Stelle sicher aus Joseph Grassets Demifous et Demiresponsables (Paris 1907, S. 157).
Die kurze Erzählung Lucios Bekenntnis von Mário de Sá-Carneiro erschien erstmalig 1913 und wurde 2003 vom Suhrkamp Verlag in einer deutschen Übersetzung publiziert.
Beim Intersektionismus handelt es sich um eine der von Pessoa ins Leben gerufenen Kunstrichtungen, bei der es um die Überlagerung von zwei unterschiedlichen oder sogar gegenteiligen Wirklichkeiten geht. So können sich eine reale und eine unwirkliche Landschaft überschneiden, ebenso wie eine gegenwärtige mit einer vergangenen Zeit. Ein berühmtes Zeugnis dieser Kunstrichtung ist Pessoas Gedicht aus dem Jahre 1915 Chuva Oblíqua (Schräger Regen).
Pessoa meint an dieser Stelle sicher die von Hector Durville (1849–1923) und seinem Sohn Henri Durville (1887–1963) in Paris gegründete »Ecole pratique de Massage et de Magnétisme«. Beide gelten als Begründer des sogenannten Magnetismus und publizierten umfangreich zur experimentellen Psychologie. Ihre Schriften werden heute in den Bereich der Grenzwissenschaften eingeordnet.
Die Mouraria und die Alfama sind zwei sehr typische Stadtviertel Lissabons, die überwiegend von ärmeren Bevölkerungsschichten bewohnt werden.
Vergleiche hierzu die 2006 im Ammann Verlag erschienene Übersetzung des Briefes in António Mora et al. – Die Rückkehr der Götter/Erinnerungen an den Meister Caeiro, S. 22.
Benevenuto Cellini (1500–1571), berühmter italienischer Goldschmied und Bildhauer der Renaissance, der wegen angeblichen Diebstahls für zwei Jahre in der römischen Engelsburg inhaftiert war und ansonsten auch des Mordes und der Sodomie bezichtigt wurde.
John Churchill, erster Herzog von Marlborough (1650–1722), englischer Feldherr, der durch seine Verbindungen mit dem Königshaus (insbesondere mit Prinzessin Anne, die 1702 zur Königin gekrönt wurde) zum Oberbefehlshaber der englischen Truppen im spanischen Erbfolgekrieg ernannt wurde.
Diese Bewegung begründet sich im Sensationismus als eine von Pessoa selbst hervorgerufene Kunstrichtung. Mitglieder waren im wesentlichen nur seine Heteronyme, und als wichtigster Vertreter des Sensationismus gilt Álvaro de Campos, dessen Vers »Alles zu fühlen auf alle Weisen!« als Leitsatz für diese Kunstrichtung gilt.
(Der Verrückte reist zur Anschauung des Universums)
Die Verrückten haben ein klares Gehirn; verwirrt und wahnsinnig ist das Gehirn derer, die nicht verrückt sind.
Das Mysterium des Universums, die Komplexität des Lebens, die Zukunft eines jeden einzelnen (…), all dies sind Probleme, die bei wacher Betrachtung zum Wahnsinn führen werden. Nur wenn man sie auf verwirrte Weise betrachtet, bleibt der Geist heil.
Jeder Stein auf dem Boden ist ein Mysterium, der vom Mysterium unseres mysteriös voranschreitenden Körpers auf mysteriöse Weise erfaßt wird. Dies deutlich zu sehen ist bereits ein Symptom des Wahnsinns …
Der Verfolgungswahn? Ist nicht der universale Überlebenskampf eine Tatsache? Sind wir nicht alle bewußte – oder unbewußte – Feinde der anderen? Der Verfolgungswahn ist das korrekte Verständnis der natürlichen Feindschaft im Angesicht all der Dinge, die nicht von mir sind.
Die reine Erregung? Die närrische Eingebung vom Mysterium des Lebens, welche wie ein Vogelschwarm unbewußt und beschwingt frohlockend zum Gehirn emporsteigt.
Der Größenwahn? Das Empfinden unserer göttlichen Erhabenheit, da wir existieren, nur da wir existieren.
Die Melancholie? Die unverständliche Wahrnehmung der Bestürzung und des Mysteriums von der Welt und vom Leben.
Alle Formen des Wahnsinns sind Formen einer klaren Sicht. Die Gesunden des Geistes sind die Blinden und Verwirrten der Seele.
Verrücktwerden bedeutet, sich dem Mysterium entgegen zu bewegen, es von weitem zu erblicken. Verrücktwerden bedeutet, daß man zu leben beginnt.
Wer verfügt über die Anschauung des Lebens – des Mysteriums? Die genialen Menschen. Und wer sind sie? Menschen auf dem Weg zum Wahnsinn, unvollständige Verrückte.
Wie viele von uns, die sich mit dem Studium der Psychologie beschäftigen, haben tatsächlich eine Idee von dem, was die Psychologie augenscheinlich ist; oder vielmehr sollte ich anfügen, wie viele, die über sie oder von ihr schreiben, haben auch eine wirkliche Wahrnehmung vom Objekt ihrer Abhandlung? Wenn wir in Betracht ziehen, daß nur wenige, nur sehr wenige Leute eine Idee von der Wirklichkeit vergangener Perioden in der Geschichte haben, eigentlich nur so wenige Leute, daß ich schon geneigt bin, eine solche Wahrnehmung als ein festes Anzeichen für Talent oder gar für Genie zu betrachten; wenn wir dies in Betracht ziehen, können wir uns schwerlich wundern (…).
Es war eine Art Krankheit – das andauernde Schmachten nach etwas, ich fühlte es, Unerreichbarem; das Sehnen nach etwas so Ungewissem, so unbeschreiblich Schönem, das die Welt nicht enthalten kann. Zärtlichkeiten, Liebe, sexuelle Beziehungen – all das scheint mir so kalt, völlig kalt. Genie ist eine Krankheit, sicher eine prächtige Krankheit, aber eine gewaltige.
Der Künstler mag wohl vom alltäglichen Menschen etwas Abstand haben; das Genie kann es nicht. Es sollte auch nicht. Des Künstlers oberstes Ziel ist die Erschaffung des Schönen, des Genies oberstes Ziel ist es, dem Guten weiter zu verhelfen, eine zivilisierte Lebenswelt gegenüber dem Übel zu schaffen.
Es gibt drei Formen des Übels: die Ignoranz, die Ungeschliffenheit, die Böswilligkeit.
Gegen das eine setzt die Wissenschaft das Wahre,
gegen das andere setzt die Kunst das Schöne,
gegen das letzte setzt die Religion das Gute, aber all die Dinge, die zum Wahren, zum Schönen, zum Guten tendieren, tendieren auch zum Fortschritt und zur Entwicklung.
Der große, überlegene Mensch – der Übermensch – ist derjenige, in dem folgende Dinge in einem höheren Stadium gegenwärtig sind: Reflexion, Gewissen und Tatkraft, die drei Zustände des höheren Bewußtseins, beinahe ausschließlich menschlich. Jedoch sollte man sagen, auch wenn diese Dinge (…) vorhanden sind, sind sie unterschiedlich; der überlegene Mensch denkt genauer, er fühlt tiefer, er will sofort, (…). Er ist nicht kalt, hart, im Gegenteil, er ist ein Denker, ohne rein ein Denker zu sein, er ist gefühlvoll, ohne rein gefühlvoll zu sein, er ist ein Mann der Aktion, ohne dabei jedoch einer Maschine zu gleichen. Er ist nicht degeneriert wie Napoleon, der eine reiche Reflexion (im Gefühl), einen großen Willen hatte, dem aber völlig das moralische Gefühl abhanden kam, der ein Krimineller (ein Epileptiker) war und der eigentlich hätte im Asyl (…) bleiben sollen. Napoleon war eine Gefahr für die Gesellschaft. Er war jedoch nicht so entartet wie der tief gefühlvolle, aber asexuelle J. Christus, der zu einer gesunden Reflexion nicht fähig war, sondern der wie alle Mystiker und die meisten Metaphysiker krankhaft und obskur dachte. Nein, der überlegene Mensch ist mehr als dies. Er ist nicht asexuell wie Christus. Er ist sexuell, allerdings nicht erregbar oder übererregbar.
Die Stärke des Übermenschen begründet sich in seiner Macht, ungeordnete Instinkte und Impulse zu kontrollieren. Sein Gewissen erkennt sie als schlecht, seine Reflexion betrachtet sie und überlegt die beste Methode, sie auszugleichen, und sein Wille führt dieses Unternehmen dann aus.
Die Hemmungszentren in seinem Gehirn sind (…).
Auch wenn er begeistert und enthusiastisch ist (da er gesund ist), verfällt er nicht dem Rausch, dem Zorn, dem Laster. Er unterwirft sich keinen Meinungen und attackiert sie auch nicht. Er erschafft Meinungen. Sein hauptsächlicher Wunsch ist das Verstehen. Aber weder wünscht er die Schöpfung oder die Ewigkeit zu verstehen, noch will er unendliche Dinge verstehen, Dinge sub specie aeternitatis et necessitatis.
Er ist phantasievoll. Er ist inständig schöpferisch, zutiefst originell. Was er sieht, was er liest, das läßt in seinem Gehirn keine einfache und mechanische Ideenassoziation entstehen. Er denkt darüber nach, kritisiert es, in zauberhaften und wunderlichen Kombinationen läßt er daraus neue Gedanken, neue Ideen, neue Dinge entstehen.
Er ist mitfühlend, leidenschaftlich in seiner Liebe zur Menschheit. Aber er beschäftigt sich nicht mit ihr anhand von Theorien zum Guten und Bösen im Menschen, sondern durch ein Studium der bestehenden Bedingungen – ein sorgfältiges, vorurteilloses, vernünftiges Studium.
In all diesen Dingen ist er durch seine Liebe zur Humanität beflügelt. Und diese Liebe zur Humanität, die nichts mit Wahnsinn (wie ich von ihm rede) zu tun hat, die kein Instinkt oder Impuls ist, ist (…) bezüglich dieser Worte die höchste Form der Aktivität des moralischen Sinnes.
Er erfreut sich an reinen Dingen. Er sagt nicht wie Proudhon »le vrai amour n’a pas d’orgueils«. Würde er dies sagen, wäre er verrückt.
Reinheit, Menschenfreundlichkeit, all diese Dinge sind Träume – vielmehr der traurige Reigen von Onanisten, impotenten Leuten, Wahnsinnigen und degenerierten Pessimisten (…).
Ihn verbindet eine warme Freundschaft zu seiner Liebe zur Menschheit. Im Gegenteil ist jeder Liebhaber der Menschheit ein Misanthrop. Diese Liebe zum Menschen entstammt dem Anarchismus, und Anarchismus ist das mentale Stigma der Degeneration.
These – Zur Natur des Genies
Genie ist eine Umwandlung, eine Form der Psychopathie des Zweifels.
Was sind die allgemeinen Charakteristiken eines genialen Menschen?
Tiefgründiges Denken: Eine Form der Psychopathie des Zweifels.
Worin unterscheidet sich die Psychopathie vom Genie? (In der Qualität des Gehirns.)
Mystizismus ist die Verwirrung von überlegenen Gehirnen, so wie Dummheit die Verwirrung von geläufigen Gehirnen ist und Idiotie die Verwirrung von minderwertigen Gehirnen.
Des genialen Menschen ewige Unruhe bezüglich der Gründe und Ursprünge der Dinge.
Die Arten des Genies: Dichter, Philosoph, Wissenschaftler (…).
Was das dichterische Denken ausmacht: Liebe zur Schönheit.
Die pathologische Basis des Rhythmus und des Reims (Dies ist musikalisch). Ist Musik in ihrem Ursprung selbst psychopatisch?
Philosophen: Die psychopathische Basis der Metaphysik.
Künstler:
Die Dichter, selbst die einfachsten, müssen selbstverständlich über eine Hypererregbarkeit des Nervensystems verfügen. Nun ist aber ein hypererregbares Gehirn ein anormales Gehirn.
(Physiologie der Inspiration.)
Metaphysiker sind angetan von der Manie des Zweifels.
Was sind die mentalen Krankheiten, gefunden in jedem:
Maler – Bildhauer – Architekt. Die am wenigsten nervösen unter den Künstlern.
Musiker. Nervöser; zumindest sehr nervös.
Dichter. Wenn weniger nervös, dann weil der Intellekt gemeinsam mit der Imagination existiert.
Was verstand man unter dem Genie?
Schöpferisches Genie. Wissenschaftliches Talent; innerhalb der Normalität.
Dann: Wie viele Arten des Genies gibt es?
Das Genie des Denkens: (Philosophen; Denker; (…))
Das Genie des Gefühls: (Dichter; (…))
Das Genie des Willens: (Christus?; Napoleon; (…))
Der gesunde Mensch fühlt die Notwendigkeit, jedem Ding eine Bedeutung beizumessen. Der ungesunde Denker strebt eher danach, die Bedeutung eines Dinges vage zu machen, »tiefgründig«.
Die Beziehung zwischen dem Genie und der Manie des Zweifels.
Die Manie des Zweifels ist übrigens die »halluzinatorische Intensität der intellektuellen Wahrnehmung« (Alexander Search[1]). (Während logisches Denken eventuell wirklich höhere Wahrnehmung besagt.)
Wenn Lord Byron sagt: »Ich habe gedacht etc.« Wenn Keats von einem »tiefen oder gehobenen Denken« spricht. Wenn Dichter zu Dichtern sprechen von einem nachdenklichen (…), was meinen sie dann damit?
Sicher meinen sie damit kein logisches Denken. Das ist erst einmal klar. Sie meinen damit eins von zwei Dingen: daß diese Dichter über Dinge nachdenken, über die ein normalerer Geist nicht nachdenken würde, oder daß sie über Dinge nachdenken, über die zwar ein gewöhnlicher Mensch auch nachdenkt, sie jedoch in einer tiefsinnigeren Art und Weise. Oder sie machen dieses zur selben Zeit. Auf der einen Seite gibt es eine Ausdehnung (Quantität), auf der anderen Seite gibt es eine Tiefgründigkeit (Qualität) der Überlegung.
Wir sollten den inneren Charakter von dieser Überlegung für später belassen, wir sollten jedoch den äußeren Sinn davon untersuchen. Was ist also die Bedeutung davon: daß der geniale Mensch mehr und tiefgründiger denkt als der gewöhnliche Mensch? Das bedeutet nur, daß der geniale Mensch (…) und intensiver an die Dinge denkt als der alltägliche Mensch.
All die Dinge, die nicht nach der Bewahrung des Lebens streben, werden als ungesund und anormal betrachtet, als unnatürlich in der Art, wie sie sich nicht dem Lebenskampf anpassen.
Dies kann man daran sehen, daß alle unpersönlichen Fähigkeiten unnatürlich sind (ausgenommen wenn sie Wissenschaft erzeugen, wenn sie sich um das Gute in der menschlichen Rasse bemühen). (Das Gute einer Rasse hat aus einer persönlichen Aufopferung zu entstehen. Nun ist das soziale Gute zwar normal, die persönliche Aufopferung aber anormal. Daher muß also das Normale durch das Anormale erreicht werden. Das Gute durch das Schlechte. Das ist alles schlecht, da überall, wo das ultimative Ende unerreichbar ist, die Bedeutung ewig wird. So ist das Schlechte also niemals das Gute.)
Das Nachdenken über die besondere Schönheit einer speziellen Sache, das Auffinden einer geheimen Liebenswürdigkeit in den nahestehenden Objekten sind definitive Symptome der Manie des Zweifels.
Schließlich ist die Betrachtung des Schönen in speziellen Sachen immer nur ein Teil ihres Mysteriums.
Die Wahrnehmung der Schönheit in den Dingen ist nur eine Seite in der Wahrnehmung ihres Mysteriums. Bedeutet nun die eindringliche Versenkung in das Mysterium der Dinge Wahnsinn, dann ist die anhaltende Obsession bezüglich der Schönheit auch Wahnsinn.
Die Beziehung zwischen der Manie des Zweifels, Symbolismus, Mystizismus etc.
Was sind die hauptsächlichen Charakteristiken der Manie des Zweifels? Mysterium? Das Unbekannte?
Was ist das?
»Die halluzinatorische Intensität der intellektuellen Wahrnehmung«. Cf. Poe: »Berenice«. Egaeus’[2] Aufmerksamkeit im Hinblick auf die kleinen Dinge ist in der Tat der Tod einer normalen Aufmerksamkeit. Es ist also entweder eine wirkliche Aufmerksamkeit oder keine. Ist es keine, dann ist es nichts anderes als ein Umherstreifen des Geistes, während das Auge auf ein äußeres Objekt fixiert ist. Wenn sie wirklich ist, bedeutet sie eine mentale Krankheit. Für die Aufmerksamkeit gibt es entweder eine Ausrichtung oder keine. Wenn sie eine Ausrichtung hat, betrifft sie entweder das innere oder äußere Verständnis des Objekts. Wenn äußerlich, dann zur Handlung, wenn innerlich, dann zum eigenen Verständnis.
Wenn es keine Ausrichtung gibt, ist sie auch keine wirkliche Aufmerksamkeit, und sie ist damit tatsächlich nur jenes geistige Umherstreifen, von dem ich eben sprach.
Scheint der Geist von einem äußeren Objekt verschlungen zu sein, dann zeigt dies genau, wie er tatsächlich völlig von sich selbst vereinnahmt ist; daß (dies bemerke man wohl) je wirklicher solche Aufmerksamkeit ist, um so unwirklicher ist sie als Aufmerksamkeit, um so weniger Aufmerksamkeit ist sie.
Hier besteht die äußere Tendenz darin, mehr Objekte zu sehen, als ein normaler Mensch wahrnimmt. Beschreibt nun Shelley, wie er Grashalme etc. mit nahezu übermenschlicher Klarheit sieht, dann haben wir die äußere Tendenz, in den Objekten mehr zu sehen als bei einem normalen Blick. (Entspricht dies mentalen, als Zweifel angenommenen moralischen und physischen Gefühlen?)