Thomas Christos
Orbis Abenteuer
Ein kleiner Roboter büxt aus
Mit Bildern von Barbara Scholz
FISCHER E-Books
Hinter dem Pseudonym Thomas Christos steckt in diesem Falle Christos Yiannopoulos. Er wurde 1957 in Patras, Griechenland, geboren. Nach dem Studium hat er Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben. Heute lebt er in Düsseldorf und erfindet am liebsten Geschichten.
Barbara Scholz, geboren 1969 in Herford, machte zunächst eine Ausbildung zur Druckvorlagenherstellerin. Im Anschluss studierte sie Graphik an der Fachhochschule Münster. Seit 1999 ist sie freiberuflich als Illustratorin für verschiedene Kinderbuchverlage tätig.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Covergestaltung: Buchholz / Hinsch / Hensinger
unter Verwendung einer Illustration von Barbara Scholz
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-401540-8
Für Lola, die im Katzenhimmel ist, und für Dominik
Der kleine Roboter Orbi hatte einen Kopf wie ein Kürbis und seine Augen glänzten wie halbgelutschte Zitronendrops. Er war knapp einen Meter groß und superschlau. So schlau, dass er ein Raumschiff ganz allein steuern konnte. Klar, deswegen hatten die Menschen ihn gebaut. Er sollte viele Jahre lang durch den endlosen Weltraum fliegen und fremde Planeten erforschen. Weil eine Rückreise nicht vorgesehen war, kam für diese lange Reise nur ein Roboter in Frage. Menschen haben zu Hause immer eine Familie, zu der sie zurückwollen, oder Blumen, die sie gießen müssen.
Aber bevor Orbi zum Weltraumbahnhof nach Kourou in Südamerika gebracht wurde, sollte er ein letztes Mal geprüft werden. Doch in der Nacht vor dem großen Test passierte es. Kaum hatte die Uhr Mitternacht geschlagen, brach ein heftiges Unwetter los. Und zwar völlig unerwartet. Keiner hatte damit gerechnet. Nicht einmal die klugen Meteorologen. Es regnete und regnete. In Strömen. Es donnerte so laut, dass den Menschen das Ohrenschmalz aus den Ohren flog. Und es blitzte so hell, dass man sogar in der Nacht eine Sonnenbrille brauchte. Und dann passierte es! Ein gewaltiger Blitz wurde auf die Erde geschleudert und schlug im Elektrizitätswerk ein. Sofort fiel der Strom aus. Überall. Aufzüge blieben stecken. Straßenbahnen fuhren nicht mehr. Fernsehgeräte gingen aus. Und in der großen Roboterfabrik lief auch nichts mehr. In den Büros stürzten die Computer ab, und den Maschinen ging der Saft aus. Aber dann, nach einer Minute, sprangen die Not-Stromaggregate an. Alles war wie vorher.
Alles? Nicht ganz. Beim kleinen Orbi war eine wichtige Sicherung durchgebrannt. Und dieser Kurzschluss hatte weitreichende Folgen …
Die Erfinder von Orbi ahnten nichts. Sie hatten sich am Tag nach dem Gewitter zu dem geplanten Abschlusstest eingefunden. Viele Jahre hatten sie gebraucht, um Orbi zu bauen. Heute wollten sie sehen, ob sich die ganze Arbeit gelohnt hatte. Sie stellten sich wie strenge Lehrer vor ihm auf, und die Prüfung begann:
»Roboter Orbi! Löse nun folgende Aufgabe: Die Wurzel aus 65 657, mal 464 646, dividiert durch 54 546!«
Der kleine Roboter antwortete schnell und richtig: »2182,728 967 8304!«
Die Ingenieure nickten zufrieden und stellten noch viel mehr Aufgaben. Je schwerer die Aufgabe, desto schneller kam die Antwort. Orbi, der klügste Roboter der Welt, machte keinen einzigen Fehler. Aber war er auch praktisch veranlagt?
»Schreib deinen Namen in Schönschrift!«, befahl man ihm.
Geschickt griff Orbi mit seinem rechten Greifarm einen Füller und schrieb in bester Schönschrift seinen Namen auf. Vorwärts und rückwärts. Auf Chinesisch, Russisch und in fast jeder anderen Sprache, die es auf der Welt gab. Doch die Prüfung war immer noch nicht zu Ende.
»Bau diese Uhr auseinander und dann wieder zusammen!«, forderte der Chef-Erfinder ihn auf und legte eine winzige Armbanduhr auf den Tisch. Orbi konnte seinen Zeigefinger selbstverständlich auch als Bohrer und Schraubendreher benutzen, und so löste er die Aufgabe ohne Probleme. Erst schraubte er das Uhrgehäuse auseinander. Dann fügte er alles in null Komma nix wieder zusammen. Jedem Uhrmacher wäre vor Überraschung der Popel aus der Nase gerutscht. Als die Zeiger wieder tickten, wussten die Erfinder, was die Uhr geschlagen hatte: Orbi war für die große Aufgabe bereit!
»Und jetzt erkläre uns deinen Auftrag, Orbi! Warum haben wir dich erfunden?«
»Orbi hat eine besondere Mission zu erfüllen. Er wird mit einem Raumschiff in den Weltraum fliegen und fremde Planeten erforschen«, antwortete Orbi.
Endlich waren die Erfinder zufrieden. Und jetzt erst konnten sie sich richtig freuen.
»Bravo! Super! Klasse! Wahnsinn!«, schrien sie wild durcheinander und klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Die Begeisterung kannte keine Grenzen. Sie lachten und scherzten und waren sehr ausgelassen, als ob sie sechs Richtige im Lotto gewonnen hätten.
»Aber das Raumschiff wird nicht zur Erde zurückfliegen. Orbi wird für immer im Weltraum bleiben. Das ist voll gemein!«, sagte der kleine Roboter traurig. Doch keiner hörte und beachtete ihn. Die Erfinder waren mit Jubeln beschäftigt.
»Lasst uns feiern gehen!«, rief einer in die Runde. Der Vorschlag wurde angenommen, und so verließen alle das Labor.
Der kleine Roboter blieb allein zurück. Ihm war nicht nach Feiern. Er war sehr traurig, und wenn die Erfinder genau hingesehen hätten, hätten sie bemerkt, dass ihm eine Träne über die Blechwange rollte.
Wer nun denkt, dass Orbi lange traurig bleiben würde, hat sich getäuscht. Der kleine Roboter sah nicht ein, warum er sich seinem Schicksal einfach so fügen sollte.
»Orbi will nicht sein ganzes Leben lang durch den langweiligen Weltraum fliegen. Er wird abhauen, und zwar sofort!«, sagte er trotzig.
Natürlich wusste Orbi, dass die Fabrik streng bewacht wurde. Hohe Zäune sorgten dafür, dass kein Fremder das Gelände betreten konnte. Außerdem waren da die Wachmänner mit ihren Schäferhunden, die so gefährlich waren, dass sie Maulkörbe trugen.
Aber war er nicht der klügste Roboter der Welt? Wäre doch gelacht, wenn er nicht unbemerkt fliehen könnte. Orbi wollte sich gerade auf den Weg machen, da entdeckten seine superscharfen Roboteraugen einen weißen Kasten über der Tür. Die Alarmanlage! SUPER HOLZAUGE, das neueste Modell der Sicherheitstechnik. Sie würde einen Mordskrach machen, wenn Orbi über den Gang lief. Das musste er unbedingt vermeiden.
»Hey, Frau Holzauge! Ich habe ein Problem! Ich muss hier weg, weil die Erfinder mich in den Weltraum schicken wollen. Können Sie mir helfen?!«, fragte er die Alarmanlage auf Elektronisch.
»Klaro, Orbi! Ich schalte mich kurz aus, du kannst unbesorgt sein!«, antwortete Frau Super-Holzauge, die dem Roboter bei der Sache mit der Armbanduhr zugesehen hatte und insgeheim froh war, dass er sie nicht in tausend Einzelteile zerlegte.
»Vielen Dank!« sagte Orbi, der auch froh war, die Alarmanlage nicht auseinandernehmen zu müssen.
Nachdem von der Alarmanlage keine Gefahr mehr drohte, suchte er sich in aller Ruhe seinen Weg aus dem Gebäude. Jetzt brauchte er nur noch einen Fluchtwagen. Als er neben dem Parkplatz einen Müllcontainer entdeckte, hatte er die Antwort.
»Orbi, der schlauste und wertvollste Roboter der Welt, wird alle austricksen und sich einfach unter den Müll mischen!«, sagte er fröhlich und schwang sich geschickt wie ein Schimpanse in den Container. Nun musste er nur noch auf den Müllwagen warten.
Am nächsten Morgen kam die Müllabfuhr. Als der schwerbeladene Lastwagen endlich losfuhr, fiel Orbi vor Erleichterung eine Schraube vom Herzen. Der erste Teil seiner Flucht war geglückt! Aber in Sicherheit war er noch lange nicht, denn nach einer halben Stunde Fahrt hielt der Laster vor der Müllverbrennungsanlage an. Das superschlaue Computerhirn warnte ihn: »Die Temperatur einer Müllverbrennungsanlage kann mehr als 1000 Grad Celsius betragen! Das wird Orbi nicht überleben! Ab durch die Mitte!«
Flink kletterte er vom Lastwagen und sprang auf die Straße. Er rannte, so schnell er konnte. Zum Glück sahen die Arbeiter ihn nicht. Sie hatten Frühstückspause und unterhielten sich in der Kantine über die neuesten Fußballergebnisse. Als ein Polizeiauto auftauchte, suchte der kleine Roboter hinter einer Litfaßsäule Deckung. Hatte man seine Flucht schon entdeckt? Wurde nach ihm gesucht? Doch da war der Streifenwagen bereits um die nächste Ecke gebogen und verschwunden.