Sinclair - Underworld

Dennis Ehrhardt | Sebastian Breidbach

Sinclair - Underworld

Roman

Roman

FISCHER E-Books

Über Dennis Ehrhardt & Sebastian Breidbach

Dennis Ehrhardt ist Verleger, Hörspielschaffender und Autor. Er schrieb die Krimi-Reihe »Sonderberg & Co.« und produzierte für Universal Music die Hörspielserien »Dorian Hunter« und »Die Elfen«. Für die John-Sinclair-Hörspiele von Lübbe Audio zeichnet er als Skriptautor und Regisseur verantwortlich.

 

Sebastian Breidbach ist Tontechniker und Sounddesigner. Neben zahlreichen Hörspiel-Vertonungen wie »Star Wars – The Clone Wars« und »Die Elfen« kümmert er sich seit Jahren um die akustische Gestaltung der John-Sinclair-Hörspiele. Zusammen mit Dennis Ehrhardt entwickelt er die Geschichte von »Sinclair«.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.tor-online.de und www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Ein neuer Fall für John Sinclair. Dennis Ehrhardt und Sebastian Breidbach erzählen in ihrer Horror-Serie die Entstehungsgeschichte des Geisterjägers von Anfang an. Noch nie war Sinclair zeitgemäßer, unheimlicher und düsterer.

In London werden zahlreiche Leichen gefunden, allesamt auf grausame Weise entstellt. Vom Täter fehlt jedoch jede Spur.

Ein kleines Ermittlerteam um Detective Inspector John Sinclair und Detective Constable Sadako Shao nimmt die Fährte des Mörders auf – und muss erkennen, dass es keinen Menschen jagt, sondern unheimliche, körperlose Wesen, die unsere gesamte Existenz bedrohen.

Impressum

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2021 Dennis Ehrhardt und Sebastian Breidbach

Deutsche Erstausgabe:

© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München

Covergestaltung: Guter Punkt; München unter Verwendung von Motiven von Shutterstock und Getty Images

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490555-6

An Heiligabend 2018 werden Detective Inspector John Sinclair und Detective Sergeant Zuko Gan im Pub »Duke of Dublin« Zeuge, wie die Archäologin Rachel Briscoe vor ihren Füßen verblutet. John Sinclair folgt der Spur des vermeintlichen Mörders, Sergeant Linus Finneran, zu einem Anleger in Creekmouth, wo die Reederei Seaways mit Hilfe des Drogenbosses Logan Costello einen übermannsgroßen Würfel aus unbekanntem Material von Bord der Baltimore schaffen will. Sinclair beobachtet, wie ein mysteriöser Schatten aus dem Körper von Linus Finneran auf einen der Wachleute auf der Baltimore überspringt, der daraufhin seine eigenen Leute tötet. Sinclair folgt dem Amokläufer in den Bauch des Schiffes und findet den Würfel, in dessen Oberfläche geheimnisvolle Schriftzeichen integriert sind. In diesem Augenblick explodiert die Baltimore. Sieben Menschen sterben, einschließlich Sinclair, dessen Leiche mit Hilfe medizinischer Unterlagen identifiziert wird. Die Explosion brennt sich als »Weihnachtsattentat von Creekmouth« in das Kollektivgedächtnis der Londoner Bevölkerung ein.

Detective Sergeant Zuko Gan glaubt nicht an Johns Tod. Zusammen mit seiner neuen Partnerin Detective Constable Sadako Shao nimmt er die Ermittlungen auf, die schon bald von offizieller Seite torpediert werden. Auf Druck von Staatssekretär Paul F. Hammerstead überträgt Superintendent James

Zuko und Shao ermitteln auf eigene Faust weiter und stoßen auf die Spur einer mutierten Kreatur, halb Mensch, halb Spinne, die im Schacht unterhalb der U-Bahn-Station Aldwych entstanden ist und von jenem Schattenwesen befehligt wird, das nach Rachel Briscoe und Linus Finneran nun den flüchtigen Security-Mitarbeiter von Seaways, Russell Lynch, in Besitz genommen hat. Lynch ist für Shao kein Unbekannter. Vor seinem Engagement für Seaways hat er sich als Leibwächter um Logan Costellos Geliebte Deirdre Watkins gekümmert, die von Shao als Informantin rekrutiert wurde. Mit Geldern, die Costello mit dem exklusiven Verkauf der Synthetikdroge »Harmony« verdient hat, richtete Deirdre im Lund Point Tower in Stratford ein Refugium für Drogensüchtige ein, in dem diese mit Stoff versorgt wurden. In Deirdres Haus stoßen Shao und Zuko auf Lynchs Leiche. Um mehr über die Schatten herauszufinden, sucht Shao einen der höchsten »Mitarbeiter« von Logan Costello, Big Jellyfish, auf, doch offenbar wissen weder Logan Costello noch Jelly Näheres.

Da erhalten Shao und Zuko Hilfe von unerwarteter Seite: Ihr Kollege George Dixon gibt zu, dass Aldous Lockhart von Seaways geschmiert wurde und die Ermittlungen im Auftrag von Hammerstead behindert hat. Die Beweise dafür habe Lockhart zusammen mit den »echten« Ermittlungsergebnissen in einem Schließfach deponiert. Ehe Dixon ihnen mehr darüber sagen kann, wird er vor ihren Augen eliminiert. Der mutmaßliche Täter Vincent Costigan wird festgenommen, doch auf Hammersteads Hinwirken auf freien Fuß gesetzt. Auch Lockharts Schließfach ist leer. Shao und Zuko ahnen nicht, dass Bill Conolly sich der Unterlagen bemächtigt hat – ein Reporter, der mit finanzieller Unterstützung des »Daily Globe« einen Youtube-Kanal betreibt und der kurz darauf in der U-Bahn-Station Aldwych verschwindet …

De Lucy bittet Zuko und Shao, der Spinnenmutation zu folgen, die nur die Abtei von St. Lesnes zum Ziel haben könne, wo auch der geheimnisvolle Würfel liegen soll. Shao und Zuko folgen der Spinne und werden aus einem Polizeihubschrauber unter Beschuss gesetzt. An der Abteiruine erwarten sie statt der angeforderten Verstärkung nur Lockhart und Ashley. Dennoch gelingt es Shao und Zuko, die Spinne zu töten. Kurz danach wird Ashley Opfer einer Schrotladung aus dem Hinterhalt. Zuko wird ebenfalls mit einem Kopfschuss zu Boden gestreckt. Shao flüchtet sich ins Innere der intakten Abtei, die wie aus dem Nichts entsteht. Die Killer, darunter Costigan, kreisen Shao ein, als ihr Lockhart zu Hilfe kommt. Costigan stirbt, aber auch Lockhart wurde tödlich getroffen. In einem Nebenraum hinter dem Altar, der Lady’s Chapel, entdeckt Shao einen Schacht, der zu einer geheimnisvollen unterirdischen Anlage führt – und zum Würfel, der zwei Wochen zuvor aus dem Wrack der Baltimore verschwunden ist. Zu seinen Füßen liegt John Sinclair, der sich nicht daran erinnern kann, was seit der Explosion geschehen ist. Als Shao zusammen mit ihm die Anlage verlässt, stoßen sie auf einen Jungen, der Richard de Lucy wie aus dem Gesicht geschnitten ist …

3. April 2018, 2.56 Uhr, Central Park, East Ham, London, 265 Tage vor dem Weihnachtsattentat in Creekmouth

Shao ignorierte ihren nassen Arsch und duckte sich vor das Fenster, so dass sie das Gittertor genau im Blick hatte. Unter ihr knirschte etwas, und dann wackelte das Baumhaus auf einmal, als ob King Kong an der Eiche gerüttelt hätte. Ein paar Sekunden später steckte Amphibien-Eddie seinen Kopf durch die viel zu kleine Tür. Zugegeben, die Bezeichnung war gemein, aber sein Schädel glich tatsächlich dem einer Echse – vor allem, wenn er im Büro abtauchte, während sie mal wieder Stress mit Shepherd hatte. Was regelmäßig der Fall war. Beides.

»Eddie, bist du bescheuert? Sie haben gesagt, immer nur eine Person!«

Sie, das waren Harold und Sally Beecham, die so freundlich gewesen waren, ihr Grundstück an der Grenze zum Park für eine Operation des Drug Squad zur Verfügung zu stellen. Und ihr Sohn Andy, der Shao höchstpersönlich erlaubt hatte, den Eingang zum Park von seinem Baumhaus aus im Blick zu behalten.

»Ich dachte, du willst vielleicht auch ’n Burger.«

»Stimmt, und du hast seit acht Stunden nichts mehr gegessen.«

Genau genommen seit sie sich auf diesen schmalen Holzbalken gesetzt hatte, der inzwischen vermutlich mit ihrem Körper verwachsen war. Leider hatte Deirdre nur aufgeschnappt, dass die Übergabe »diese Nacht« stattfinden würde. Und das Schlimmste: Sie war sich nicht mal sicher gewesen, ob wirklich diese Nacht gemeint war.

Eddie schob die Tüte mit den Pommes und dem plattgedrückten Burger zwischen ihre Füße. »Mit Käse. Haben sie jedenfalls gesagt.«

Sie wollte gerade zugreifen, als es in ihrem Ohr klingelte.

»Shao. Sagen Sie doch bitte Dayton, er soll sein verdammtes Handy einschalten!«

Superintendent Shepherd, der klang, als ob er sich gerade zu Hause aus seiner Satin-Bettwäsche gewühlt hätte. Und trotzdem diesen Tonfall draufhatte – dass sie verdammt nochmal stolz darauf sein durften, um drei Uhr nachts einen Anruf von ihm zu erhalten.

Sie zog eine pappige Fritte aus der Tüte. »Mach ich, Sir.«

»Sonst irgendwas Neues?«

»Bis jetzt nicht.«

Shepherd schnaubte. »Ich hab ja gleich gesagt, dass wir hier unsere Zeit verschwenden.«

Shao zermalmte das Gemisch aus Kartoffeln und Fett zwischen ihren Backenzähnen. Wir.

»Bleiben Sie noch ein, zwei Stunden, dann blasen Sie die Sache ab, okay?«

Ihr blieb die Fritte fast im Hals stecken. »Warten Sie mal, Sir! Ich glaube, da tut sich was.«

Ein schlanker Typ, der auf O-Beinen herbeigeschlichen kam und sich am Gittertor zu schaffen machte. Während er den Riegel löste, glich Shao seine Silhouette im Geiste mit den Fahndungsfotos auf der Wand im Hauptquartier ab.

»Was ist da los, Shao?«

»Hast du das gesehen?« Eddies Stimme zitterte, und er schob seinen Burger zurück in die Tüte. »Ich glaub, wir sind doch richtig heute!«

»Was hat er gesagt?«, krächzte Shepherd.

»Da ist einer, Sir«, antwortete Shao. »Ich glaub, es ist Sean Miller.«

Sean Miller war nicht so gut wie Big Jellyfish oder Logan Costello persönlich, aber trotzdem gut.

Shepherd schnaufte auf einmal wie ein Walross. »Bleiben Sie, wo Sie sind! In einer halben Stunde bin ich da!«

Scheiße, nicht das noch.

Er hatte aufgelegt.

»Was hat er gesagt?«, raunte Eddie.

Shao drückte ihm die Tüte in die Hand und zwängte sich an ihm vorbei zur Tür. »Dass du hierbleibst und alles im Blick behältst.«

»Und du?«

»Und schalt dein Handy ein! Oder Shepherd dreht durch, wenn er hier auftaucht.«

 

Jack Bannister warf zum vierten Mal innerhalb der letzten Minuten einen Blick durch den Spalt der Gardine, hinaus auf den verwilderten Parkplatz vor der Fabrikhalle. Die Auffahrt wurde gesäumt von zwei »Privatbesitz! Betreten verboten!«-Schildern, die den Anwohnern klarmachten, dass es klüger war, die eigene Nase nicht in ein Gebäude zu stecken, in dem Logan Costellos Leute ihre Geschäfte abwickelten. Keine einzige verfluchte Karre weit und breit auf der verfluchten Gibbons Road, die hier entlang der DLR-Gleise verlief und direkt vor dem Grundstück der Halle einen Knick machte.

Jack sah auf die Uhr und überlegte schon, Jelly anzurufen, als endlich die Kegel eines Scheinwerferpaares auftauchten.

Bannister atmete aus, während die dunkelblaue Limousine

Ein Typ Mitte zwanzig stieg aus, weizenblondes Haar und breite Schultern. Er lief mit federnden Schritten um den Wagen herum und öffnete die linke Hintertür.

Eine Frau erschien, vielleicht Mitte vierzig und mit einer Figur, die für ihr Alter ziemlich ansehnlich war. Allerdings fiel Jack sofort der blasierte Gesichtausdruck auf, derselbe Blick wie bei den Studentinnen oben in Stokey, jedenfalls am Anfang, bevor sie ihn irgendwann auf Knien anflehten, ihm einen blasen zu dürfen, damit er ihnen das nächste Kügelchen Harmony rüberschob. Na ja, Stokey war lange her, fast drei Monate. Mittlerweile hatte sich Greater H etabliert, und der Geldsegen, der damit verbunden war, hatte Bannister auf der Karriereleiter nach oben getragen, mitten hinein in dieses Drecksloch hier, wo er sich mit einem alten Sack namens Gregory Turbin und einem Neuling namens Cliff um die armen Seelen kümmern durfte, die Deirdre Watkins in ihr kleines Charity-Projekt aufgenommen hatte.

Deirdre, die in letzter Zeit immer häufiger den Eindruck machte, selbst von dem Zeug zu naschen, mit dem ihr Lover ihr Geld verdiente. Aber sie war nun mal Costellos Königin, und Jack hätte sich niemals erlaubt, deswegen auch nur einen dezenten Seufzer der Kritik anzubringen.

Zumal er sich ja noch um die ganz speziellen Gäste im ersten Stock kümmern musste, die übrigens der Grund dafür waren, dass die brünette Schnalle da draußen ihr Kammerkonzert in Chelsea oder Kensington abgesagt hatte, um den kleinen geschäftlichen Termin hier wahrzunehmen.

Durch den Gardinenspalt beobachtete er, wie sie den Blick über die Fassade der Fabrikhalle schweifen ließ wie über eine faulige Frucht. Die Gibbons Road war nicht die beste Adresse, zugegeben, aber dank des unverbaubaren Blicks auf die Bahngleise war jeder Streifenwagen schon zu sehen, bevor er

Der Fahrer hatte einen handlichen Metallkoffer aus dem Kofferraum geholt und folgte der Frau zum Eingang.

Jack war schneller und öffnete die Tür.

»Dr. Lancashire? Sie können mich Jack nennen.«

»Jack.«

»Mr. Beaufort hat Sie schon angekündigt. Folgen Sie mir bitte.«

 

Shao verließ das Baumhaus und kletterte über die rückwärtige Mauer des Grundstücks, hinter der sich der Park erstreckte. An der Mauer entlang schlich sie in Richtung des asphaltierten Weges, der sich im Schutz weiterer Eichen hinter dem Gittertor quer durch den Park erstreckte.

Aus südlicher Richtung näherte sich ein schwarzer Fleck, schneller, als ein Mensch hätte laufen können. Als er nur noch hundert Yards entfernt war, erkannte Shao, dass es sich um einen Fahrradfahrer handelte.

Er bremste vor Sean Miller, und sie tauschten flüsternd einige Worte aus. Der Typ mit dem Fahrrad zückte ein Handy. Kurz darauf rollte eine breitere Silhouette heran – ein Transportwagen, auf dessen offener Ladefläche sie Schaufeln, Spaten und Rechen erkannte.

Shao wählte Eddies Nummer. »Siehst du den Transporter?«

»Bisschen früh, um Geranien zu pflanzen.«

»Wenn Deirdre recht hatte, dann befindet sich auf der Ladefläche die Ware. Ich seh mal, dass ich ein bisschen näher rankomme.«

»Mach keinen Scheiß. Shepherd hat gerade angerufen, er rollt mit Verstärkung an.«

»Bis der hier ist, sind die über alle Berge.«

»Also soll ich runterkommen?«

»Bleib oben und sag Bescheid, wenn dir was auffällt.«

»Mach ich.«

Sie wählte erneut seine Nummer.

»Ist was passiert?«

»Halt die Leitung offen! Oder willst du, dass sie mich umlegen, wenn sie den Vibrationsalarm hören?«

»Klar. Ich meine, nein. Mach ich. Also, du weißt schon, was ich meine.«

Sie näherte sich dem Asphaltweg. Eine der Eichen ragte genau zwischen dem Transporter und ihr empor und verdeckte das Führerhaus. Geduckt schlich Shao darauf zu und drückte sich gegen den Stamm.

»Da kommt noch einer!«

Eddie hatte den Satz kaum beendet, als Shao neben dem Grundstück auf der Bartle Avenue das Schmatzen von Reifen vernahm. Die Silhouette eines Wagens. Ein dunkelroter Maserati Quattroporte, allerdings nicht das neueste Modell. Er blieb auf Höhe des Gittertors stehen. Die Seitenscheibe wurde runtergefahren.

Sean Miller ging dem Wagen entgegen und steckte seinen Kopf durch die Beifahrertür. Einen kurzes Gespräch, dann kehrte er zum Transporter zurück.

»Was ist los? Worauf warten die?« Eddies Stimme, gefolgt von einem Knacken.

»Eddie?«

Im nächsten Moment ertönte ein Krachen und Poltern – in ihren Ohren wie im Garten der Beechams, wo das Baumhaus mit Eddie darin sich verabschiedete und in seine Einzelteile zerfiel.

»Eddie! Alles in Ordnung?«

Ein schmerzerfülltes Stöhnen im Kopfhörer. Sean Miller rief etwas in Richtung des Maserati und rannte zum Gittertor. Der Maserati raste rückwärts die Bartle Avenue hoch, Sean Miller hinterher. Der Transporter setzte sich ebenfalls in Bewegung – in die andere Richtung, aber der Fahrer schaffte es in seiner Aufregung, den Motor abzuwürgen.

Der Typ geriet in Panik und sprang aus dem Wagen. Hinter sich vernahm sie eine Bewegung. Eddie, der keuchend herbeistolperte.

»Tut mir leid, aber das Scheißding ist einfach unter mir zusammengebr…«

Sie warf den Kopf herum und sah den Fahrer zwischen den Sträuchern untertauchen. Unwichtig, Hauptsache, sie hatten die Ware. »Bleib hier und lass die Karre nicht aus den Augen, bis Shepherd auftaucht!«

»Was?«

Aber da war Shao schon unterwegs in Richtung Bartle Avenue, wo der Maserati in dieser Sekunde wendete und auf die Hauptstraße einbog.

 

Bannister führte Dr. Shirley Lancashire und ihren Begleiter durch den verfallenen Eingangsbereich der Fabrikhalle zu einem Korridor. Er endete an einer Tür zu den »Apartments«, vor der Greg und Cliff bereits Aufstellung genommen hatten.

Gewissenhaft tasteten sie zuerst Shirley Lancashire und dann ihren Begleiter nach Waffen ab, während Jack sich eine Kippe anzündete und gelangweilt auf die Glut starrte. Vor einer Woche hatte er selbst zum ersten Mal Harmony ausprobiert und verstand seitdem, was die Mädchen in Stokey so scharf darauf gemacht hatte. Das Dumme war nur, dass seine stinknormalen Kippen seitdem schmeckten, als würde er leeres Zeitungspapier rauchen.

Cliff deutete auf den Koffer. »Aufmachen.«

Der Blonde ließ die Verschlüsse aufschnappen.

Cliff warf einen Blick hinein und nickte. »In Ordnung.«

Jack Bannister drückte erleichtert die Kippe aus. »Tut mir leid wegen der Umstände, Dr. Lancashire, aber Vorschrift ist Vorschrift. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«

Er trat in einen weiteren Korridor, der durch den

»Das ist der reguläre Bereich«, erklärte Jack und versuchte dabei, seiner Stimme einen fröhlichen Klang zu verleihen. Herrgott, Greg und Cliff hätten wenigstens mal die Türen zumachen können. »Wir kümmern uns natürlich um alles, Essen, Trinken, Medikamente … der perfekte Room-Service in unserer hübschen kleinen Hotelanlage!«

»Wo sind die Probanden?«

»Die, äh, sind im ersten Stock, wo wir auch die Kameras angebracht haben. Ist praktisch ’ne ganz eigene Abteilung. Erste Klasse sozusagen.«

Shirley Lancashire schritt mit ihrem arroganten Lächeln an ihm vorbei zu einer offenen Fahrstuhlkabine, deren Filztapete den Geruch von Erbrochenem verströmte.

Bannister drückte auf die Taste für den ersten Stock. »Wenn der Boss mir gesagt hätte, dass Sie heute kommen, hätte ich noch mal feucht durchgewischt, ist ja klar. Aber oben ist natürlich alles tippi-toppi, so wie Sie es sich gewünscht haben.«

»Davon bin ich überzeugt, Mr. Bannister.«

»Auf den Aufnahmen sehen Sie ja selbst, dass wir alles im Griff haben. Keine Ausfälle, keine Verluste, keine Unannehmlichkeiten, alles hochprofessionell.«

»Wir machen uns gern persönlich ein Bild.«

Bannister nickte. »Das versteh ich natürlich. Klar.«

Die Fahrstuhltüren öffneten sich.

»Bitte sehr.«

Er führte sie über einen dunklen Korridor, der mit grauem Linoleum ausgelegt war, zu einer weiß lackierten Tür. Dahinter

Darin lagen vier Männer und drei Frauen im Alter zwischen zwanzig und vierzig Jahren. Sie alle waren abgemagert und trugen abgerissene Jogginghosen und Sweatshirts, die von Schweißflecken übersät waren. Auch wenn hin und wieder ein Finger oder ein Augenlid zuckte, verweilten die Blicke doch an einem imaginären Punkt an der Decke, der außerhalb der wahrnehmbaren Welt lag.

Lancashire trat an eines der Betten und musterte den Mann darin. Er war höchstens Ende zwanzig, doch seine Haut wirkte dünn wie Pergament. Die Oberlippe hatte sich zurückgezogen und offenbarte vereinzelte dunkle Zähne, die der intensive Harmony-Konsum übrig gelassen hatte.

Jack kratzte sich im Nacken. »Wie gesagt, wir haben uns um alles gekümmert, aber das Zeug ist schon heftig, vor allem in dieser Dosierung.«

»Dauer?«

»Seit Beginn der, äh, Studie? Zwei Monate.«

Lancashire ging zum nächsten Bett. Eine Frau von achtzehn oder zwanzig Jahren mit langen, verfilzten Haaren. Ihr Shirt war hochgerutscht, so dass die Schwangerschaftsstreifen auf dem Bauch zu erkennen waren.

»Wir haben es natürlich wegmachen lassen, bevor wir angefangen haben. Aber sie war vorher schon schwach und macht’s bestimmt nicht mehr lange.«

»Wir brauchen weitere Probanden, vor allem jünger.«

»Noch jünger?«

»Der Organismus im Ausgangszustand muss stark sein, um den Verlauf bestmöglich abschätzen zu können.«

Lancashire deutete auf den Mann, den sie zuerst inspiziert hatte. »Den hier nehmen wir.«

Der Fahrer stellte den Koffer vor dem Bett des Mannes ab.

Mit großen Augen verfolgte Bannister, wie er ein weißes Gerät herausholte, das in Form und Größe einem Blutdruckmessgerät entsprach. Mit einer winzigen Nadel stach er dem Mann in den großen Zeh und trug den Blutstropfen auf einen Papierstreifen auf, den er in das Gerät einführte.

»Wir haben übrigens einen Hinweis erhalten, dass dieser Standort nicht mehr sicher sein könnte.«

Der Apparat gab ein Fiepen von sich, und auf dem Display tauchte eine kurze Zahlenkolonne auf.

»Wie?« Bannister riss den Kopf hoch und musterte Lancashire. »Äh, was haben Sie gerade gesagt?«

»Möglicherweise haben Sie einen Spitzel in Ihren Reihen.«

Bannister lachte hilflos. »Das ist bestimmt ein Irrtum. Aber wenn es Sie beruhigt, der Boss denkt durchaus darüber nach, den Laden … an eine andere Adresse … Hey, was zum Teufel macht er da?«

»Wir ermitteln die Thromboplastinzeit der Versuchsperson, um nachzuprüfen, ob der regelmäßige Konsum von Harmony die Blutgerinnung herabsetzt.«

Jack nickte, obgleich er nichts verstanden hatte.

Der Blonde zog den Papierstreifen heraus und zerknüllte ihn. »INR bei sieben.«

Dr. Lancashire nickte.

»Und, äh, was bedeutet das genau?«

»Dass wir jetzt noch prüfen müssen, ob die Viskosität anderer Körperflüssigkeiten ebenfalls herabgesetzt ist – was unserer Hoffnung entsprechen würde.«

Der Blonde verstaute das INR-Messgerät im Koffer und zog eine zweite, kleinere Apparatur heraus, die über einen Schlauch mit einer beinahe handlangen Kanüle verbunden

Bannister fühlte, wie sich auf seiner Stirn Schweißperlen bildeten. »Also, wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich lieber draußen warten …«

»Es dauert nicht mehr lange, Mr. Bannister.«

Er nickte und blieb stehen.

Der Fahrer drückte den Kopf des Mannes nach vorn, bis die Halswirbelsäule maximal gestreckt war, suchte den Punkt zwischen dem obersten Wirbel und dem Hinterhauptbein des Schädels und setzte die Spitze der Kanüle senkrecht auf. Ein leises Kratzen, als sie über die Halswirbel schabte.

Jack kicherte. »Wollen Sie ihm das Rückenmark aussaugen, oder was?«

»Das Rückenmark befindet sich weiter unten, Mr. Bannister.«

»Ach ja. Richtig.«

Der Fahrer legte den Handballen auf das Kolbenende der Spritze – und trieb die Kanüle mit einem Ruck zwischen den beiden Knochen hindurch eine Handbreit tief ins Gehirn. Die Glieder des Probanden zuckten, und Jack starrte wie hypnotisiert auf den Hohlraum der Spritze, der sich zügig mit einem dunkelroten Gemisch aus Blut und Gehirnflüssigkeit füllte. Er sah, wie die Lider des Probanden flatterten, die Pupillen verdrehten sich, zuerst synchron, dann gingen sie ihrer eigenen Wege. Der Fahrer drückte den Kopf des Mannes in das Kissen, so dass er keine Luft mehr bekam, schraubte das Röhrchen von der Kanüle und ersetzte es durch ein zweites. Danach schob er die Kanüle noch tiefer ins Hirn, bis zum Anschlag, und zog den Kolben aus dem Röhrchen. Die Flüssigkeit, die in das Röhrchen spritze, war jetzt heller, dickflüssiger. Der Proband rührte sich nicht mehr.

»Tut das eigentlich weh?«, fragte Jack.

Der Fahrer nahm auch das zweite Röhrchen ab, zog die Kanüle aus dem Schädel und verstaute die Einzelteile seiner Apparatur zusammen mit den Proben in seinem Koffer.

»Ich denke, wir nehmen zur Sicherheit noch eine weitere Probe«, sagte Lancashire und deutete auf das junge Mädchen.

Jack keuchte auf, stolperte nach draußen und lehnte sich gegen die Wand. Irgendwas in seiner Brust bäumte sich auf, und dann spritzten die Überreste der Pizza, die er sich heute Nachmittag reingeschoben hatte, über den Türrahmen.

 

Shao erreichte die Ecke Bartle Avenue und Central Park Road und sah den Quattroporte gerade noch an der nächsten größeren Kreuzung in östlicher Richtung auf die High Street abbiegen. Mit ein paar Sätzen war sie bei ihrem CR-Z, den sie gegenüber in der Bartle Avenue versteckt hinter einem Lieferwagen geparkt hatte. Der Motor heulte auf, als sie den Wagen aus der Parklücke bugsierte und rückwärts in Richtung Central Park Road jagte.

»KF-854 an MP. Verfolge einen Verdächtigen in East Ham, wahrscheinlich Richtung Nordosten auf der … Scheiße, verdammt nochmal!«

Ein Golf, der hinter ihr in die Einbahnstraße einbog. Der Fahrer legte im letzten Moment eine Vollbremsung hin. Shao gab ihm mit der Hand zu verstehen, dass er sich verpissen sollte, aber der Blödmann hämmerte nur wutentbrannt auf die Hupe.

Also andersrum und über die Barking. Ihr Vorteil, dass sie die Nebenstraßen hier aus ihrer Zeit am Forest Gate kannte.

Und aus der Zeit, in der sie ein paar Straßen weiter westlich zusammen mit ihrer Mutter in Canning Town gewohnt hatte – einem Menschen, an den sie seither möglichst keinen Gedanken mehr verschwendet hatte.

»MP an KF-854, wiederholen Sie bitte.«

Zwei Autospiegel, die nicht eingeklappt waren, flogen über den Asphalt, dann hatte sie die Barking Road erreicht und bog nach rechts ab.

Der Quattroporte war nicht zu sehen, aber Shao konnte sich nicht vorstellen, dass er auf der High Street weiter Richtung Norden durch die Tempo-20-Einkaufszone gebrettert war.

»Hier KF-854 an MP. Wo seid ihr, verdammt nochmal? Ich sagte, ich verfolge einen Verdächtigen, dunkelroter Maserati Quattroporte, 5er Modell, fährt vermutlich auf der Barking Richtung Osten.«

Der CR-Z jagte quer über die High Street und am Backsteinturm der Town Hall vorüber. Eine Kreuzung später verengte sich die Fahrbahn, doch Shao behielt das Tempo bei, bis sie hinter einer Linkskurve in dreihundert Yards Entfernung die Rücklichter des Maserati entdeckte, der gerade auf den Kreisel unter der Autobahn einbog.

»KF-854 an MP. Hab ihn. Er ist am Kreisel! Am Kreisel unter der North Circular!«

Shao erreichte den Kreisverkehr, als der Quattroporte gerade gemütlich vor der Auffahrt Richtung Norden blinkte. Sie schloss unauffällig auf – aber im letzten Augenblick überlegte der Penner es sich anders und blieb auf dem Kreisel. Der Mistkerl fuhr eine zweite Runde, und damit war klar, dass er sie entdeckt hatte. Als er die Auffahrt zum zweiten Mal erreichte, ließ er den Motor aufbrüllen, und der Quattroporte jagte wie von der Zwille geschossen die Rampe hoch.

Shao gab Gas, doch trotz des Elektroantriebs, der den Benzinmotor ihres Hybriden verstärkte, schien der CR-Z wie mit Blei gefüllt zu sein. Ihr Glück, dass oben gerade ein Lkw vorbeiraste, der den Maserati zu einer Vollbremsung zwang – zumindest bis der Fahrer erneut auf das Gaspedal tippte, links

Jetzt hatte sie wenigstens schon mal das Kennzeichen – LM 62 FTG –, aber sie musste warten, bis der Laster vorbei war. Zeit, sich das Blaulicht aufs Dach zu kleben. Mit aufheulender Sirene wechselte sie auf die mittlere Spur. Der Maserati war inzwischen an zwei Pkws vorüber und schob sich hinter einem Van noch weiter nach rechts, bis er freie Fahrt hatte.

»KF-854 an MP, er ist jetzt auf der North Circular Richtung Norden! Kann vielleicht mal jemand an der Ilford Road die beschissene Straße sperren? Wenn möglich, noch diese Woche!«

Das Funkgerät blieb still, und der Fahrer eines Autotransporters, der anscheinend Tomaten auf den Augen hatte, wechselte vor Shao auf die mittlere Spur. Der Van hupte und wich nach rechts aus. Shao blendete auf, aber der Fahrer des Van hatte nicht die Absicht, gegen den Lkw-Fahrer klein beizugeben. Im Schneckentempo schob er sich an dem Laster vorbei und gab endlich die Fahrbahn frei.

»Dämliches Arschloch!«

Die Straße vor ihr war jetzt komplett frei, aber der Maserati hatte fast schon eine halbe Meile Vorsprung.

»KF-854 an MP, verdammt, hört ihr mich? Ich brauche eine Straßensperrung und Verstärkung auf der North Circular Richtung Norden!«

»MP an KF-854. Verstärkung ist unterwegs.«

Wie nett, danke!

Der CR-Z fegte über die rechte Fahrbahn. Fünfzig PS Leistungssteigerung, die sie vor einem halben Jahr in Form eines Kompressors hatte einbauen lassen – aber gegen die brachiale Kraft des Ferrari-Motors, der in dem Maserati arbeitete, war das nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Allein, das Glück war ihr weiterhin hold, denn weiter vorn setzte der nächste Lkw zum Überholen an und scherte dabei so weit nach rechts aus, dass der Maserati eine Vollbremsung

Der Wichser versuchte tatsächlich, sie abzudrängen, aber sie zog auf der linken Spur mit ihm gleich. Durch die verdunkelten Scheiben sah sie nicht mehr als die Silhouette eines Fahrers – als ihr CR-Z plötzlich nicht mehr zog. Reflexartig trat Shao das Gaspedal bis aufs Bodenblech durch, aber genauso gut hätte sie einer Schildkröte die Sporen geben können. Die Raserei hatte den Akku leergesaugt, und damit hatte der Elektromotor vorübergehend den Dienst quittiert.

Im selben Moment gab der Lkw die Bahn frei, und der Maserati schoss an der Abfahrt zur Ilford Road vorbei und verschwand in der Nacht.

»Scheiße, scheiße, scheiße, scheiße, scheiße – Mann!«

Aus dem Funkgerät quäkte die Stimme aus der Zentrale. »MP an KF-854, die Verstärkung ist gleich an der Ilford Road.«

Sie riss den Apparat aus der Halterung. »Ganz klasse, Jungs, super gemacht – vielen Dank auch

 

Jack versuchte, sich am Türrahmen festzuhalten, und glitt an der eigenen Kotze ab. Der Gang vor ihm drehte sich wie auf einem scheiß Harmony-Trip.

Einfach nur atmen.

Kügelchen in Stokey zu verticken war eine Sache, aber die Sache, die diese Lancashire und ihr blonder Adlatus da drin am Laufen hatten, war eine ganz andere Nummer. Er musste dringend mit Greg reden, vielleicht konnte der ihn aufklären, warum es keine Möglichkeit gab, den Stoff von einem anderen Lieferanten zu beziehen.

Jack schrak zusammen, als sich die Tür öffnete und Dr. Lancashire heraustrat. Der Blondschopf mit seinem Metallköfferchen folgte ihr.

»Sie können Mr. Costello ausrichten, dass der Test zu unserer Zufriedenheit ausgefallen ist.«

»Außerdem haben wir soeben einen Anruf erhalten. Anscheinend hat es bei der Übergabe in East Ham Probleme gegeben.«

»Probleme? Was für Probleme?«

»Aber wir stehen zu unserer Vereinbarung. Falls also nichts dazwischenkommt, erhalten Sie die nächste Lieferung in einem Monat. – Auf Wiedersehen, Mr. Bannister.«

Jack sah den beiden nach, wie sie in der Fahrstuhlkabine verschwanden. Die Türen schlossen sich, und der Lift rauschte nach unten.

»Schön«, wiederholte Jack heiser. »Das ist doch schön.«

 

Blaulichter zuckten über das Gittertor am Ende der Bartle Avenue. Eddie stand vor dem Transporter und versuchte, ein schlaues Gesicht zu machen, während Shepherd ein paar Uniformierte mit großer Geste antrieb, den Tatort abzusperren.

Die Beechams standen zusammen mit ein paar Nachbarn am Gitter und tuschelten.

»Entschuldigen Sie, Detective, aber was ist denn jetzt mit unserem Baumhaus?«

Shao winkte ab. »Einen Moment, Madam.«

Sie schlüpfte durch das Tor und passierte das Absperrband.

»Scheiße, da sind Sie ja, Shao«, röhrte Shepherd.

Sie war zu aufgewühlt, um sich für das höhnische Funkeln in seinen Augen zu interessieren. »Hab ihn leider verloren, Sir.«

»Verloren? Wen haben Sie verloren?«

Shao warf Eddie einen fragenden Blick zu, aber bevor er antworten konnte, legte Shepherd ihr auch schon den Arm um die Schulter und schleifte sie zur Ladefläche des Transporters.

»Scheißegal, mit wem Sie da draußen Fast & Furious gespielt haben – in der Zwischenzeit hat unser guter Eddie hier die richtige Polizeiarbeit erledigt und uns einen wahren Schatz an Land gezogen … Na, was sagen Sie dazu?«

Eins davon war aufgerissen. Es enthielt wiederum Hunderte kleiner Kügelchen, jedes sorgfältig in ein kleines Stückchen Alufolie eingeschlagen.

Harmony. Mindestens fünfzig Kilo.

Der Jackpot.

Und Eddie hatte ihn gewonnen.

Kyvos

10. Januar 2019, 18.02 Uhr, Rainham, London, 17 Tage nach dem Weihnachtsattentat in Creekmouth

»Diese komischen bleichen Typen, die hinter uns her sind – die sind überall!«

Dr. Tarek Kashani schloss erschöpft die Augen – und riss sie wieder auf, als er den Seat Alhambra um ein Haar in das Schild vor dem Kreisverkehr zwischen Bridge und Rainham Road gesetzt hätte. Er riss das Steuer herum, und der Van rumpelte vom Bürgersteig. Hinter ihm hupte jemand.

»Wirklich, Dad, sie sind überall, verstehst du? Ihre Gesichter sind soo … als ob sie tot wären, verstehst du? Total bleich!«

»Bleich?«

»Und sie haben überall Wunden! Sie verfolgen mich, Dad!«

Kashani quälte weniger die Frage, wovon genau Navid redete, als die Sorge, dass sein Sohn sofort auflegen würde, wenn er ihm von der neuen Studie erzählte, die er zusammen mit Dr. Jeremias Brent, dem Leiter der Rainham-Recovery-Klinik, entwickelt hatte und die morgen anlaufen würde. Natürlich waren so kurzfristig keine Plätze mehr frei, aber in Navids Fall würde Brent sicherlich ein Auge zudrücken.

»Wenn du mir nicht hilfst, bringen sie mich um! Sie töten uns alle!«

»Hörst du mir überhaupt zu, Dad? Diese bleichen Typen, die jagen uns! Sie wollen uns verschleppen! Bei Lesley haben sie’s schon geschafft!«

»Bei wem?«

Navids Stimme erstickte in Tränen, und Tarek Kashani hasste sich dafür, dass er diese Stimme hasste. Er versuchte, es zu überspielen, sich selbst gegenüber zu leugnen, aber es war die Wahrheit. Er hasste sie, weil sie aus der Vergangenheit kam.

»… doch von ihm erzählt. Ich wollt es ja auch nicht glauben, aber jetzt ist Lesley verschwunden! Sie haben ihn weggebracht, verstehst du? Und das nächste Mal … das nächste Mal kommen sie und holen mich!«

»Hör auf, Navid.«

»Doch, sie sind …«

»Navid, hör auf, das ist Unsinn. Es gibt keine bleichen Menschen mit Wunden im Gesicht, die dich verfolgen.«

»Ich hab sie aber gesehen! Sie sind …«

»Brauchst du etwa Hilfe? Hast du darum angerufen?«

Ein Seufzen von Navid, weil sie beide wussten, dass »Hilfe« nur ein anderes Wort für »Geld« war. Gefolgt von einem zweiten Seufzen, der offenbarte, dass Navid den Faden verloren hatte. Süßes Greater H. »Gary haben sie auch schon mitgenommen!«

Kashani hielt vor der Ampel am Manor Way. Die leere Straße vor ihm glitzerte wie ein schwarzes Band, von den Lichtinseln der Laternenmasten wie mit einer Perlenkette geschmückt.

Kashani fuhr sich über die Augen. Er holte tief Luft, fasste sich ein Herz und begann zu erzählen. »Ich will dir wirklich helfen, Navid, das musst du mir glauben, und darum musst du mir jetzt ganz genau zuhören!« Er erzählte von der Studie, in deren Verlauf Harmony-Abhängige in geschlossenen Zimmern der Klinik untergebracht werden würden, tägliches medizinisches und psychologisches Monitoring, Einzelzimmer mit Chefarztvisite und zwei warme Bio-Mahlzeiten am Tag inklusive. Natürlich kostete die Teilnahme Geld, viel Geld, was die private Klinik vor der Insolvenz und Kashani vor der Aussetzung der Raten retten würde. Beim letzten Treffen mit Navid vor sechs Wochen hatte er wirklich Mühe gehabt, die Contenance zu bewahren, als der Junge ihm offenbart hatte, dass er den größten Teil der tausendzweihundert Pfund, die Kashani ihm monatlich zukommen ließ, zuletzt in kleine, braune, in Aluminiumpapier eingewickelte Kügelchen investiert hatte. Andererseits war es nur die konsequente Fortsetzung einer Karriere, die vor fünf Jahren mit Gras und dem Abziehen von Handys ihren Anfang genommen hatte. Wenn sie überhaupt je einen Anfang gehabt hatte und nicht einfach wie ein schwarzer Schwan in Dr. Tarek Kashanis Leben geplatzt war, der zuerst seine Nerven, dann seine Karriere und am Ende seine Familie zerstört hatte. Irgendwie war es fast schon komisch, dass er sein Berufsleben dem Kampf gegen die Abhängigkeit gewidmet hatte, nur um durch die Extraschichten und die Wochenendarbeit vor dem Rechner zu Hause den eigenen Sohn an die Drogen zu verlieren.

Der Fahrer hinter ihm betätigte die Lichthupe.

Kashani gab Gas. »Also, Navid. Es ist wirklich eine einmalige Gelegenheit. Wir könnten uns am Wochenende treffen und die Details besprechen.«

»Ja, Dad.« Navids Stimme klang lahm. »Ich red noch mal mit Mum drüber, wenn ich sie s…«

Kashani sah noch das hohlwangige, von grauen Haaren umrahmte Gesicht hinter der Windschutzscheibe, als der Kühler des Porsche Cayenne sich auch schon in die Beifahrertür bohrte, Kashanis Alhambra wie ein Stier auf die Hörner nahm und in Richtung der Betonbarriere der U-Bahn-Station schleuderte.

Kashani knallte mit der Schläfe gegen die Seitenscheibe, dann gegen die Nackenstütze und dann mit dem Gesicht nach vorn in den Airbag. Als er den Kopf hob, stand der Wagen quer auf der Gegenfahrbahn. Kashani fühlte sich, als hätte jemand seinen Schädel zu einem Ballon aufgeblasen. Druck von allen Seiten. Blut lief ihm aus der Nase.

Irgendwo draußen schlug dumpf eine Autotür zu. Schritte näherten sich, und der Strahl einer Taschenlampe stach ihm ins Gesicht. Kashanis Pupillen zogen sich zusammen.

»Licht aus«, röchelte eine Stimme, die so klang, wie Kashanis Schädel sich anfühlte.

Dann ein Gesicht.

Bleich.

Und voller Wunden.

Im nächsten Moment erlosch die Taschenlampe, und etwas Schwarzes kroch durch das zerstörte Fenster ins Innere des Wracks, huschte über Kashanis Gesicht und bahnte sich durch den Rachen den Weg in seinen Körper.

2

»Oookay, da sind wir wieder, Brüder, eure Helden Danger und Menace berichten live vom Ort des Geschehens.« – »Was denn für ein Geschehen, Danger?« – »O Mann, mach die Augen auf, Menace. Und dann sag mir, wo wir hier sind, hm? Erkennst du den Bauzaun?« – »Hm, warte mal …« – »Mach ich, Menace. Schon die ganze Zeit. Und so viele Bauzäune gibt’s nicht in London, die außerdem mit Stacheldraht gesichert sind.« – »Stimmt, Danger! Also halt mich für

3

In der Finsternis wühlte der Bohrer.

John Sinclair stellte sich vor, dass es ein Bohrer war, der dieses tieffrequente, gleichförmige Wummern verursachte, indem er sich tief in der Erde durch wechselnde Gesteinsschichten grub.

Sogar der Boden unter seinen Füßen bebte.

Er bestand aus einem Gitter, das rechts und links von einem hüfthohen Geländer begrenzt wurde. Es schützte Sinclair davor hinabzustürzen, auf eine tiefere Ebene der Metallkonstruktion, die wie die Spitze einer versunkenen Bohrinsel aus der schwarzen Flut ragte. Über hundert Yards unter ihm spiegelten sich Lichtreflexe ohne Ursprung auf der Oberfläche einer schimmernden Flüssigkeit. Aus der finsteren Substanz, die viskoser und zähflüssiger schien als Wasser, ragten Quader, paarweise nebeneinander angeordnet, haushohen Grabsteinen gleich,

Eine Stimme?

Worte? In welcher Sprache?

In dem Versuch, den Halt zurückzugewinnen, schlug er mit der Hand gegen das Geländer. Er wollte zugreifen, aber als hätten der Schwindel und die klirrende Stimme sein Nervensystem in Brand gesetzt, reagierten die Muskeln falsch, und er packte erst zu, als es zu spät war.

Für eine Sekunde schwebte er über dem Abgrund, über der tiefschwarzen, öligen, leimartigen, alles verschlingenden Substanz.

Dann …

 

»Detective Sinclair? Sie müssen sich schon ein wenig konzentrieren.«

Das Leder des Sessels knarzte, als er den Rücken durchdrückte. Mit einem Nicken signalisierte er seinem Gegenüber, dass er voll bei der Sache war.

»Natürlich, Doc.«

Campbell warf ihm über die schwarzen Hornränder ihrer Brille hinweg einen Blick zu, der ihn früher vielleicht sogar interessiert hätte. Jetzt war in seinem Kopf nur noch

das Wummern der Maschinen

das nüchterne Bild von Dr. Zelma Campbell – brünettes, schulterlanges Haar, braune Augen, perfekt sitzendes anthrazitfarbenes Kostüm –, die mitsamt dem Schreibtisch und dem Zimmer, in dem sie saß, einer Welt angehörte, die Sinclair vor drei Tagen, mit seinem Erwachen neben dem Würfel unterhalb der Abteiwiese von Abbey Wood, auf einen Schlag fremd geworden war.

Campbell blätterte in seiner Akte, als müsste sie sich noch einmal vergewissern, wer da eigentlich vor ihr saß, und tippte sich mit dem Bleistift gegen ihre Wange. »Sie sind nicht