Fredrik Backman

Ein Mann namens Ove

Roman

Aus dem Schwedischen
von Stefanie Werner

FISCHER E-Books

Inhalt

Über Fredrik Backman

Fredrik Backman, 33, war Journalist und Gabelstablerfahrer - heute ist er Familienvater und einer der erfolgreichsten Autoren Schwedens. Sein Debüt ›Ein Mann namens Ove‹ eroberte auch in Deutschland die Bestsellerliste. Mit seinem zweiten Roman ›Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid‹ zeigt Backman erneut seine schriftstellerische Vielfalt. In Schweden hat auch sein drittes Buch schon wieder Platz 1 erreicht. Der Autor lebt mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern in Solna bei Stockholm. Er muss immer noch daran arbeiten, es zu sagen, wenn ihm etwas leidtut.

 

Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de

Impressum

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel ›En man som heter Ove‹ im Bokförlaget Forum, Stockholm

© Fredrik Backman 2012

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2014

nach Vereinbarung mit der Bonnier Group Agency, Stockholm

 

Covergestaltung: www.buerosued.de
nach einer Idee von Alan Dingman
unter Verwendung von Motiven von Getty Images und Shutterstock

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-402806-4

Für Neda.
Alles nur, um dich zum Lachen zu bringen.
Nur dafür.

1 Ein Mann namens Ove kauft einen Computer, der kein Computer ist

Ove ist 59. Er fährt Saab. Er ist so ein Mann, der mit dem Zeigefinger auf Leute zeigt, die er nicht mag, als wären sie Einbrecher und als wäre Oves Zeigefinger die Taschenlampe eines Polizisten. Er steht vor einem Tresen in einem Geschäft, in dem Leute, die japanische Autos fahren, weiße Kabel kaufen. Ove beobachtet den Verkäufer eine ganze Weile, dann wedelt er mit einem mittelgroßen, weißen Karton vor dessen Nase herum.

»Hallo! Ist das hier denn wohl so ein Eipääd?«, möchte Ove wissen.

Der Verkäufer, ein junger Mann mit einstelligem Body-Mass-Index, sieht ihn misstrauisch an. Kämpft ganz offensichtlich gegen den Impuls, ihm den Karton auf der Stelle aus der Hand zu nehmen.

»Ja, richtig. Ein iPad. Aber es wäre wirklich super, wenn Sie damit nicht so herumfuchteln würden …«

Ove betrachtet den Karton, als könnte man ihm nicht trauen. Als wäre er so ein Vespa-fahrender, Jogginghosen-tragender Karton, der Ove gerade »mein Freund« genannt und dann versucht hat, ihm eine Uhr anzudrehen.

»Aha! Und das ist also ein Computer?«

Der Verkäufer nickt. Doch dann überdenkt er seine Reaktion und schüttelt den Kopf.

»Ja … oder, ja, na ja, es ist ein iPad. Manche sagen ›Tablet‹ dazu, andere ›Surfpad‹. Man kann das so oder so sehen …«

Ove schaut den Verkäufer an, als hätte der gerade rückwärts gesprochen.

»Ach so!«

Der Verkäufer nickt unschlüssig.

»Jaaa …«

Ove schüttelt den Karton noch einmal.

»Und – ist der gut?«

Der Verkäufer kratzt sich am Kopf.

»Ja. Oder – wie meinen Sie das genau?«

Ove seufzt und spricht mit einem Mal ganz langsam. Er artikuliert die Worte überdeutlich, als wäre die Diskussion nur deshalb so schwierig, weil der Verkäufer unter Schwerhörigkeit leidet.

»Ist. Der. Guuut? Ist das ein guter Computer?«

Der Verkäufer kratzt sich am Kinn.

»Na ja … ja … er ist sehr gut … aber es kommt darauf an, was für eine Art von Computer Sie suchen.«

Ove starrt ihn an.

»Ich will einfach einen Computer! Einen ganz normalen!«

Kurzzeitig schweigen sich die Männer an. Der Verkäufer räuspert sich.

»Na ja, ein ganz normaler Computer ist das eigentlich nicht. Vielleicht möchten Sie lieber einen …«

Der Verkäufer verstummt und sucht ganz offensichtlich nach einem Wort, von dem der Mann vor ihm möglicherweise irgendeine Vorstellung hat. Dann räuspert er sich noch einmal und sagt:

»… einen Laptop?«

Ove schüttelt fanatisch den Kopf und beugt sich drohend über den Tresen.

»Nein, den will ich ver-FLUCHT nochmal nicht. Ich will einen Computer!«

Der Verkäufer nickt verständnisvoll.

»Ein Laptop ist ein Computer.«

Ove stiert ihn beleidigt an und drückt seinen Taschenlampenzeigefinger demonstrativ auf den Tresen.

»Das weiß ich wohl!«

Der Verkäufer nickt.

»Okay …«

Wieder Schweigen. Wie zwischen zwei Revolverhelden, die plötzlich bemerken, dass sie ihre Revolver vergessen haben. Ove schaut den Karton eine ganze Weile an, fast so, als würde er darauf warten, dass dieser ein Geständnis ablegt.

»Und wo klappt man die Tastatur aus?«, brummt er dann.

Der Verkäufer reibt mit seinen Handflächen über die Kante des Verkaufstresens und verlagert sein Gewicht nervös von einem Fuß auf den anderen, so wie es junge Männer, die im Verkauf arbeiten, tun, wenn ihnen klar wird, dass die Sache wesentlich länger dauern wird, als sie anfangs gehofft haben.

»Na ja, das iPad hat doch keine Tastatur.«

Ove zieht die Augenbrauen hoch.

»Ach wirklich! Dann muss man die wieder für teures Geld extra kaufen, stimmt’s? Für ein verdammt teures Geld!«

Der Verkäufer reibt seine Handflächen wieder über die Kante.

»Nein … oder … es ist so: Dieser Computer hat keine Tastatur. Weil man alles direkt auf dem Bildschirm steuert.«

Ove schüttelt müde den Kopf, als hätte er gerade zusehen müssen, wie ein Eisverkäufer Eis von der Glasscheibe seines Standes ableckt.

»Aber ich brauche nun mal eine Tastatur. Das ist Ihnen doch hoffentlich klar?«

Der Verkäufer seufzt tief, so wie wenn man im Stillen bis mindestens zehn zählen will.

»Okay. Ich verstehe. Aber ich würde sagen, dann sollten Sie nicht diesen Computer nehmen. Dann würde ich vorschlagen, dass Sie zum Beispiel lieber ein MacBook kaufen.«

Oves Gesichtsausdruck verrät, dass ihn das möglicherweise nicht sehr überzeugt.

»Ein Meck-Book?«

Der Verkäufer nickt voller Hoffnung, als hätte er soeben einen Durchbruch in den Verhandlungen erzielt.

»Ja.«

Ove runzelt skeptisch die Stirn.

»Ist das dann so ein verflixtes E-Book-Ding, von dem die Leute reden?«

Der Verkäufer seufzt mit der Tiefe eines epischen Gedichts.

»Nein. Ein MacBook ist einfach ein … ein … Laptop. Mit Tastatur.«

»A-ha!«, zischt Ove postwendend.

Der Verkäufer nickt. Reibt seine Handflächen.

»Ja.«

Ove sieht sich im Laden um. Schüttelt den Karton, den er in der Hand hält, noch einmal.

»Und die taugen was?«

Der Verkäufer schaut vor sich auf den Tresen. Man sieht ihm an, dass er inständig gegen den Impuls kämpft, sich das Gesicht zu zerkratzen. Dann lächelt er mit einem Mal voller Energie und strahlt.

»Wissen Sie was? Ich schaue mal nach, ob mein Kollege jetzt frei ist, dann kann er Ihnen weiterhelfen!«

Ove wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. Schüttelt den Kopf.

»Manche Leute haben Besseres zu tun, als den ganzen Tag hier herumzustehen und zu warten, wissen Sie!«

Der Verkäufer nickt beiläufig. Dann verschwindet er hinter dem Tresen. Ein paar Sekunden später kommt er mit seinem Kollegen zurück. Der Kollege sieht ganz fröhlich aus. Wie jemand, der noch nicht sehr lange im Verkauf arbeitet.

»Guten Tag! Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

Ove pflanzt seinen Taschenlampenzeigefinger fordernd auf den Tresen.

»Ich will einen Computer!«

Der Kollege sieht nicht mehr ganz so fröhlich aus. Dann wirft er dem ersten Verkäufer einen Blick zu, der sagt, dass er ihm das heimzahlen wird.

»Oookay. Einen ›Computer‹, ja. Dann gehen wir doch zuerst mal rüber in unsere Abteilung mit den tragbaren Geräten«, sagt der Kollege nicht gerade begeistert und dreht sich zu Ove um.

Ove starrt ihn an.

»Sie! Ich weiß verdammt nochmal, was ein Läbbdobb ist! Sie können sich das ›tragbar‹ sparen!«

Der Kollege nickt hilfsbereit. Hinter ihm brummelt der erste Verkäufer zwischenzeitlich: »Ich halt das nicht mehr aus, ich mach jetzt Mittagspause.«

»Mittagspause, ja, das ist auch das Einzige, woran die Leute heute noch denken«, schnaubt Ove.

»Was?«, fragt der Kollege und dreht sich um.

»M-i-t-t-a-g-s-p-a-u-s-e!«, antwortet Ove überdeutlich.

Drei Wochen zuvor

2 Ein Mann namens Ove dreht eine Kontrollrunde durch die Siedlung

Es war fünf vor sechs am frühen Morgen, als Ove und die Katze das erste Mal aufeinandertrafen. Die Katze mochte ihn von Anfang an nicht. Was absolut auf Gegenseitigkeit beruhte.

Ove war wie immer zehn Minuten zuvor aufgestanden. Er verstand die Leute nicht, die verschliefen und es darauf schoben, dass der »Wecker nicht geklingelt habe«. Ove hatte in seinem ganzen Leben noch keinen Wecker besessen. Um Viertel vor sechs wachte er auf, und dann begann sein Tag.

Er hatte die Kaffeemaschine angestellt und genau die Menge eingefüllt, die er zusammen mit seiner Frau an jedem Morgen in den letzten vier Jahrzehnten, in denen sie in der kleinen Reihenhaussiedlung gewohnt haben, getrunken hat. Ein Löffel pro Tasse und einen extra für die Kanne. Nicht mehr und nicht weniger. Das konnte ja heute keiner mehr, richtigen Kaffee kochen. Genau wie man heute auch nicht mehr mit der Hand schreiben konnte. Heute hatte man nur noch Computer und Espressomaschinen. Und wohin bewegte sich eine Gesellschaft, in der keiner mehr vernünftig mit der Hand schreiben und Kaffee kochen konnte? Wohin? Das fragte sich Ove.

Während seine richtige Tasse Kaffee durchlief, zog er die blaue Hose und die blaue Jacke an, fuhr in die Holzclogs, steckte die Hände in die Hosentaschen, so wie es ein Mann mittleren Alters tat, der ständig darauf gefasst sein musste, von einer durch und durch unfähigen Umwelt enttäuscht zu werden, und machte sich auf seine Kontrollrunde durch die Siedlung. So wie jeden Morgen.

In den anderen Reihenhäusern war es noch still und dunkel, als er aus der Tür ging. Hätte man sich denken können. In diesem Viertel gab es wirklich niemanden, der sich die Mühe machte, früher aufzustehen als nötig, das kannte Ove. Hier wohnten heutzutage ja nur Selbständige und andere unzuverlässige Typen.

Die Katze saß mit gleichgültiger Miene mitten auf dem Weg zwischen den Häusern. Oder was man so Katze nennen konnte. Sie hatte nur noch einen halben Schwanz und ein Auge. Und hier und da fehlten ihr ganze Fellstücke, als hätte jemand faustdicke Büschel herausgeschnitten. Deshalb konnte von einem ganzen Katzenvieh eigentlich kaum die Rede sein, fand Ove.

Er stapfte ein paar Schritte auf sie zu. Die Katze erhob sich. Ove blieb stehen. Da standen sie und musterten sich ein paar Augenblicke lang gegenseitig, wie zwei potentielle Raufbolde spätabends in einer Kneipe auf dem flachen Land. Ove spielte mit dem Gedanken, einen seiner Holzclogs nach ihr zu werfen. Die Katze sah aus, als verfluche sie die Tatsache, dass sie selbst keine Holzclogs besaß, um sie zurückzuschleudern.

»Schsch!«, brüllte Ove so plötzlich, dass die Katze zusammenfuhr.

Sie machte einen Schritt zurück. Sah den 59-Jährigen von oben bis unten an, betrachtete seine Holzclogs. Dann zuckte sie leicht, drehte sich um und trottete von dannen. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte Ove schwören können, dass sie erst noch die Augen verdreht hatte.

»Blödes Vieh«, dachte er und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Zwei Minuten vor sechs. Zeit, in die Gänge zu kommen, damit sich nicht die ganze Kontrollrunde wegen des Katzenviehs verschob. Das wäre ja noch schöner.

So marschierte er also den Weg zwischen den Häusern entlang bis hoch zum Parkplatz, wie jeden Morgen. Machte halt vor dem Schild, das den Autoverkehr innerhalb der Wohngegend untersagte. Trat ein bisschen provokativ gegen den Pfosten, auf dem es befestigt war. Nicht weil er schief stand oder so, sondern weil es nie schaden konnte, die Dinge zu kontrollieren. Und Ove war so ein Mann, der den Zustand von Dingen überprüfte, indem er dagegentrat.

Dann ging er auf den Parkplatz und lief alle Garagen ab, um zu kontrollieren, ob irgendwo nachts eingebrochen worden war oder etwa Vandalen Feuer gelegt hatten. Nicht dass das hier in der Siedlung schon einmal vorgekommen wäre. Aber Ove hatte ja auch nie einen seiner Inspektionsgänge ausgelassen. Zur Kontrolle zog er dreimal am Griff seines eigenen Garagentores, hinter dem sein Saab stand. Genau wie jeden Morgen.

Danach drehte er eine Runde über den Besucherparkplatz, auf dem man höchstens 24 Stunden stehen durfte, und notierte auf einem Block, den er in seiner Jackentasche trug, jedes einzelne Kennzeichen. Verglich dann mit seinen Notizen vom Vortag. Jedes Mal, wenn dasselbe Kennzeichen an zwei Tagen nacheinander in Oves Notizblock auftauchte, ging er nach Hause, rief die Zulassungsstelle an und verlangte die Informationen über den Halter des Fahrzeugs, und dann rief er den Betreffenden an und informierte den Betreffenden, dass der Betreffende ein unfähiger Blödmann sei, der keine Schilder lesen könne. Nicht dass es Ove wirklich interessierte, wer auf dem Besucherparkplatz stand. Natürlich nicht. Aber hier ging es ums Prinzip. Wenn »24 Stunden« auf dem Schild stand, dann hat man das zu akzeptieren. Denn wo kämen wir hin, wenn jeder nach Lust und Laune überall parkte? Das wäre ein heilloses Chaos, das war Ove klar. Überall nur noch Autos.

Aber heute standen keine Fahrzeuge unrechtmäßig auf dem Besucherparkplatz, also setzte Ove seine Notizen beim täglichen Abstecher zum Wertstoffraum fort. Im Grunde war das gar nicht sein Ding, von Anfang an hatte er lautstark gegen diesen Blödsinn protestiert, den die neu zugezogenen Typen in der Versammlung durchgeboxt hatten, nämlich dass jedes kleine Stückchen Abfall sortiert werden musste. Aber wenn es nun beschlossene Sache war, dass man den Müll trennen sollte, dann musste das auch jemand kontrollieren. Nicht dass jemand Ove damit beauftragt hätte, aber wenn nicht Männer wie Ove in solchen Angelegenheiten selbst die Initiative ergriffen, dann würde die Anarchie über alles siegen. Ove wusste das. Dann läge überall Müll herum.

Er trat gegen die Mülltonnen. Fluchte und angelte ein Glas aus dem Glascontainer, murmelt so was wie »Nichtsnutze« und schraubte den Metalldeckel ab. Schmiss das Glas zurück in den Glascontainer und den Metalldeckel in den Metallsammelbehälter.

Als Ove noch Vorsitzender des Eigentümervereins war, kämpfte er hartnäckig darum, dass der Wertstoffraum kameraüberwacht wurde, damit man sichergehen konnte, dass niemand »Müll falsch entsorgte«. Zu seinem Ärger erhielt Oves Vorschlag nicht die Mehrheit der Stimmen, weil die anderen Nachbarn fanden, dass sie dabei »kein gutes Gefühl« hätten und es außerdem lästig sei, die ganzen Videos zu archivieren. Und das, obwohl Ove jedes Mal wiederholte, dass der, der keinen »Dreck am Stecken« habe, sich vor der »Wahrheit« nicht fürchten müsse.

Zwei Jahre später dann – Ove war als Vorsitzender des Eigentümervereins abgewählt worden (was Ove immer als »den Putsch« bezeichnet, wenn er davon spricht) – kam die Frage erneut auf den Tisch. Offenbar gab es nun so eine neumodische Kamera, die von Bewegungsmeldern aktiviert wurde und ihre Bilder direkt ins Internet stellte. Das erklärten die neuen Vorsitzenden ihren Mitgliedern im Viertel in einem forschen Brief. Mit der Kamera könne man sowohl den Wertstoffraum als auch den Parkplatz überwachen, um Vandalismus und Einbruch vorzubeugen. Und darüber hinaus löschten sich die Videoaufnahmen selbständig nach 24 Stunden, um die »Integrität der Anwohner« zu wahren. Es war ein einhelliges Abstimmungsergebnis nötig, um die Kameras zu installieren. Ein einziges Mitglied stimmte dagegen.

Ove traute dem Internet nämlich nicht. Er betonte es auf »net«, obwohl seine Frau ihn dann immer korrigierte und erklärte, man betone das Wort auf »Inter«. Und dieses »Inter-NET« würde Ove erst überwachen, wenn er selbst tot im Müll läge, das merkte der Vorstand bald. Und deshalb wurde aus den Kameras nichts.

Die täglichen Kontrollrunden waren sowieso besser. Da wusste man doch gleich, wer hier zugange war, und hatte einen Überblick. Das musste wohl jeder einsehen.

Als er also mit seiner Wertstoffrauminspektion fertig war, schloss er die Tür ab, so wie jeden Morgen, und drückte die Klinke zur Kontrolle noch dreimal. Dann drehte er um und sah auf einmal ein Fahrrad, das von außen an die Wand des Fahrradschuppens gelehnt stand. Obwohl ein großes Schild mit der Aufschrift »Fahrräder abstellen verboten« klar und deutlich genau darüberhing. Neben dem Fahrrad hatte einer der Nachbarn einen handgeschriebenen, bösen Zettel hingehängt: »Hier ist kein Fahrradparkplatz! Können Sie keine Schilder lesen?« Ove murmelte etwas wie »Idioten«, öffnete den Fahrradschuppen und hob das Fahrrad sauber in eine Reihe. Schloss dann wieder ab und kontrollierte den Türgriff dreimal.

Dann riss er den Zettel von der Wand. Er hatte nicht übel Lust, beim Vorstand einen Antrag einzureichen und zu fordern, dass man dort ein ordentliches »Plakatieren verboten«-Schild anbrachte. Die Leute meinten offenbar, man könnte heutzutage durch die Gegend ziehen und überall seine Schmähzettel aufhängen. Diese Wand war doch verflixt nochmal kein Schwarzes Brett.

Dann ging Ove den kleinen Weg zwischen den Häusern zurück. Machte vor seinem eigenen Haus halt, beugte sich zu den Pflastersteinen seines kleinen Weges hinunter und schnüffelte an den Fugen. Pisse. Es stank nach Pisse. Und nach dieser Beobachtung ging er zurück in sein Haus, schloss hinter sich die Tür ab und trank seinen Kaffee.

Als er damit fertig war, kündigte er telefonisch das Abonnement seiner Tageszeitung und seinen Telefonanschluss. Reparierte die Mischbatterie im kleinen Badezimmer. Montierte neue Schrauben am Griff der Terrassentür in der Küche. Ölte die Holzarbeitsplatte ein. Räumte die Kisten auf dem Dachboden zur Seite. Sortierte das Werkzeug im Vorratsraum und schob die Winterreifen des Saabs an eine andere Stelle.

 

Und jetzt steht er hier. Es war nicht vorgesehen, dass es so weit kommen würde mit seinem Leben. Das ist alles, was Ove fühlt.

 

Es ist ein Dienstagnachmittag im November, vier Uhr, und er hat alle Lampen ausgemacht. Die Heizung abgeschaltet und die Kaffeemaschine auch. Die Arbeitsplatte in der Küche geölt, obwohl diese Esel bei IKEA sagen, man müsse die Platten nicht ölen. In diesem Haus werden die Arbeitsplatten einmal im Halbjahr geölt, egal, ob es sein muss oder nicht. Egal, was irgendein clownsartig geschminktes Mädel in gelbem Polohemd ihm im Warenlager erzählt.

Er steht im Wohnzimmer des zweistöckigen Reihenhauses mit unausgebautem Dachboden und starrt aus dem Fenster. Der 40-jährige Spinner mit Dreitagebart vom Haus schräg gegenüber joggt die Straße entlang. Anders heißt er. Neu zugezogen, soviel Ove weiß, wohnt hier sicher noch keine vier, fünf Jahre. Und hat sich bereits erfolgreich beim Vorstand des Eigentümervereins eingeschleimt. Glaubt wohl, ihm gehöre gleich die ganze Straße. Ist hier angeblich nach seiner Scheidung eingezogen und hat einen unverschämten Wucherpreis gezahlt. Typisch, solche Kerle, kommen her und treiben den Einheitswert für die ehrlichen Leute in die Höhe. Als ob sie hier in einem Upperclass-Viertel wären. Audi fährt er auch noch, hat Ove gesehen. Hätte man sich ja gleich denken können. Selbständige und andere Idioten, die fahren alle Audi. Sie wissen es eben nicht besser.

Ove steckt die Hände in die Taschen seiner dunkelblauen Hose. Tritt ein bisschen provokativ gegen die Fußleisten. Das Reihenhaus ist für Ove und seine Frau eigentlich etwas zu groß, das muss er zugeben. Aber es ist abbezahlt. Nicht eine Krone Hypothek ist mehr auf dem Haus. Was man von diesem Spinner garantiert nicht sagen kann. Heutzutage kaufen alle alles nur noch auf Pump, man kennt das ja. Aber Ove hat alles getilgt. Es so gemacht, wie es sich gehört. Ist zur Arbeit gegangen. War nicht einen Tag krank, sein ganzes Leben lang. Hat sein Päckchen getragen. Ein Stück Verantwortung übernommen. Das tut heute doch keiner mehr, Verantwortung tragen. Heute dreht sich alles nur um Computer und Berater und Kommunalbonzen, die in Pornoklubs gehen und Mietverträge schwarz verkaufen. Steuerparadiese und Aktiendepots. Keiner, der noch arbeiten will. Ein ganzes Land voll von Leuten, die den ganzen Tag lang nur an ihre Mittagspause denken.

»Ist doch schön, wenn man einen Gang runterschalten kann!« Das hat Ove gestern bei der Arbeit zu hören bekommen. Als sie ihm erklärten, es sei gerade »zu wenig Arbeit« da und dass sie »die ältere Generation auslaufen lassen« wollten. Ein Dritteljahrhundert am selben Arbeitsplatz, und jetzt nennen sie Ove so. Eine verfluchte »Generation«. Denn heute sind sie alle 31, haben zu enge Hosen an und trinken keinen normalen Kaffee mehr. Und keiner will Verantwortung übernehmen. Überall Unmengen von Männern mit affigen Bärtchen, die den Job wechseln und die Frau wechseln und die Automarke wechseln. Jederzeit. Sobald es ihnen in den Kram passt.

Ove starrt durch die Fensterscheibe. Der Spinner joggt. Aber nicht das Joggen ist es, das Ove provoziert, nein, gar nicht. Ove sind Leute, die joggen, völlig egal. Er begreift nur nicht, warum man darum so viel Tamtam machen muss. Dieses selbstgefällige Lächeln im Gesicht, als ob man draußen wäre, um sein Lungenemphysem zu bekämpfen. Sie gehen schnell oder sie rennen langsam, das ist joggen. Es ist die Art, wie 40-jährige Männer ihrer Umwelt mitteilen, dass sie im Moment nichts auf die Reihe bringen. Aber muss man sich dafür als zwölfjähriger rumänischer Turner verkleiden, ist das wirklich nötig? Muss man aussehen wie die Olympia-Rodelmannschaft, nur damit man rausgehen und planlos eine Dreiviertelstunde umhertraben kann?

Und eine Freundin hat er, der Spinner. Zehn Jahre jünger. »Das blonde Schaf« nennt Ove sie. Spaziert hier durch die Gegend und wackelt wie ein besoffener Panda auf Absätzen, die so hoch sind wie Steckschlüssel, dazu eine Indianerbemalung über das ganze Gesicht und so eine riesige Sonnenbrille, dass man nicht sagen kann, ob es sich um eine Brille oder einen Helm handelt. Und so ein kleines Handtaschenhündchen hat sie auch noch, das rumläuft und grundlos bellt und auf die Platten vor Oves Haus pisst. Sie glaubt, Ove merke es nicht, aber Ove merkt es.

Es war nicht vorgesehen, dass es so weit kommen würde mit seinem Leben. Das ist alles.

»Ist doch schön, wenn man einen Gang runterschalten kann«, haben sie ihm gestern bei der Arbeit gesagt. Und jetzt steht Ove hier mit seiner geölten Arbeitsplatte. Es ist nicht Sinn der Sache, dass man dienstags für so etwas Zeit hat.

Er sieht aus dem Fenster und betrachtet das identische Haus nebenan. Offenbar ist doch eine Familie mit Kindern eingezogen. Ausländer, soviel Ove weiß. Noch hat er keine Ahnung, was für ein Auto sie fahren. Immerhin besteht wohl Hoffnung, dass es kein Audi ist, wenigstens das. Oder noch schlimmer: ein Japaner.

Ove nickt, als ob er gerade etwas gesagt hätte, hinter dem er selbst voll und ganz steht. Schaut im Wohnzimmer hinauf an die Decke. Heute wird er dort einen Haken befestigen. Und da denkt er nicht an irgendeinen Haken. Jeder IT-Berater mit Aufmerksamkeitsstörung und so einer weibischen Strickjacke, wie sie die heute alle tragen, kann einen stinknormalen blöden Haken montieren. Aber Oves Haken wird stabil sein wie ein Felsen. Er hat vor, ihn so gut zu befestigen, dass der Haken das Letzte sein wird, das untergeht, wenn das Haus einmal abgerissen wird.

In ein paar Tagen wird hier so ein Makleraffe mit babykopfgroßem Krawattenknoten stehen und von »Renovierungspotential« und »Flächeneffektivität« faseln, und er wird viel über Ove, den Mistkerl, sagen können, aber kein schlechtes Wort über seinen Haken. So viel steht fest.

Auf dem Boden des Wohnzimmers steht Oves kleiner »Brauchbar«-Kasten. So haben sie das Haus aufgeteilt. Alle Dinge, die Oves Frau gekauft hat, sind »schön« oder »nett«. Alle Dinge, die Ove gekauft hat, sind Dinge, die man gut gebrauchen kann. Dinge, die eine Funktion besitzen. Er hat sie in zwei verschiedenen Kästen verstaut, dem großen und dem kleinen »Brauchbar«-Kasten. Dies hier ist der kleine. Mit Schrauben und Nägeln und Steckschlüsseln und dergleichen. Die Leute haben keine Dinge mehr, die nützlich sind. Heutzutage haben die Leute nur Mist. Zwanzig Paar Schuhe, aber wissen nie, wo der Schuhanzieher ist. Das ganze Haus voller Mikrowellen und Flachbildschirme, aber keinen ordentlichen Betondübel anbringen können, selbst wenn man sie mit dem Teppichmesser bedrohen würde.

Ove hat in seinem »Brauchbar«-Kasten ein ganzes Fach für Betondübel. Er steht da und schaut sie an, als wären es Schachfiguren. Er mag es gar nicht, Dübel unter Zeitdruck auszuwählen. So was braucht Zeit. Jeder Dübel ist eine Sache für sich, jeder einzelne hat sein Anwendungsgebiet. Die Leute haben heute keinen Respekt mehr vor einer ehrlichen, soliden Funktionalität, heute soll alles nur gut aussehen und auf dem Computer abgespeichert sein. Doch Ove macht die Dinge so, wie man die Dinge machen muss.

»Schön, wenn man einen Gang runterschalten kann«, haben die doch bei der Arbeit gesagt. Sind am Montag in sein Büro gekommen und haben ihm mitgeteilt, dass sie es ihm am Freitag noch nicht sagen wollten, um »Ove nicht sein Wochenende zu vermiesen«. »Ist jetzt doch schön für dich, einen Gang runterzuschalten«, haben sie gesagt. Haben die eine Ahnung, wie es ist, an einem Dienstagmorgen aufzuwachen und keine Funktion mehr zu haben? Die mit ihrem Internet und ihrem Espresso, was wissen die schon davon, wie es ist, wenn man für etwas Verantwortung übernimmt?

Ove schaut hoch zur Decke. Blinzelt. Wichtig ist, dass der Haken mittig sitzt, sagt er sich.

 

Und so steht er da und ist in Gedanken versunken, als er völlig rücksichtslos von einem langen, schabenden Geräusch unterbrochen wird. Nicht ganz unähnlich dem Geräusch, das man hören würde, wenn ein Volltrottel versuchte, ein japanisches Auto mit Anhänger rückwärts einzuparken, und dabei die komplette Seite von Oves Reihenhaus schrammen würde.

3 Ein Mann namens Ove parkt mit Anhänger rückwärts ein

Ove schiebt die grüngeblümten Gardinen zur Seite. Jahrelang hat ihm seine Frau in den Ohren gelegen, sie auszutauschen. Jetzt sieht er eine kleine schwarzhaarige, offenbar ausländische Frau, so um die dreißig. Sie steht da und gestikuliert wild in Richtung eines gleichaltrigen, viel zu groß gewachsenen blonden Trottels, der auf dem Fahrersitz eines viel zu kleinen japanischen Autos mit Anhänger klemmt und gerade die komplette Außenseite von Oves Haus angeschrammt hat.

Der Trottel scheint der Frau gerade mit subtiler Gestik und verschiedenen Zeichen verständlich machen zu wollen, dass es in Wirklichkeit nicht so leicht ist, wie es aussieht. Die Frau scheint dem Trottel mit keineswegs subtiler Gestik verständlich machen zu wollen, dass dies höchstwahrscheinlich damit in Zusammenhang steht, dass er ein echter Volltrottel ist.

»Das ist doch nicht zu …«, brüllt Ove durch das Fenster, als das eine Rad des Hängers in Oves Beet rollt.

Er lässt den »Brauchbar«-Kasten auf den Boden fallen und ballt die Fäuste. Ein paar Sekunden später fliegt seine Haustür auf, als hätte sie sich freiwillig geöffnet aus Angst, Ove könnte sonst geradewegs durch sie durchbrechen.

»Was zum Teufel treiben Sie da?«, brüllt Ove die schwarzhaarige Frau an.

»Ja, das frage ich mich auch!«, brüllt die Frau zurück.

Ein paar Sekunden ist Ove völlig perplex. Er starrt sie an. Sie starrt zurück.

»Man darf hier in der Siedlung nicht Auto fahren! Sie können wohl keine schwedischen Schilder lesen?«

Die kleine ausländische Frau macht einen Schritt auf ihn zu, und erst da registriert Ove, dass sie entweder ziemlich schwanger ist oder – wie Ove es sehen würde – ziemlich ungleichmäßig fett.

»Ich sitze doch nicht am Steuer!«

Ove starrt sie schweigend an. Ein paar Sekunden vergehen. Dann wendet er sich dem großen blonden Trottel zu, der sich soeben aus dem Japaner gequält hat, beide Hände zur Entschuldigung in der Luft. Er trägt eine Strickjacke, und seine Körperhaltung gleicht der einer Person mit offensichtlichem Kalziummangel.

»Und wer sind Sie?«, will Ove wissen.

»Ich bin der Fahrer«, nickt der Trottel aufgeregt.

Er muss an die zwei Meter groß sein. Ove steht jedem Menschen, der größer als 1,85 m ist, instinktiv skeptisch gegenüber. Das Blut schafft es dann nicht bis ins Gehirn, das weiß er aus Erfahrung.

»Ach so? Tatsächlich? Sieht nicht so aus!«, schimpft die schwangere schwarzhaarige Frau, die schätzungsweise einen halben Meter kleiner ist, sofort und schlägt dem Trottel mit beiden Handflächen auf den Arm.

»Und wer ist das?«, fragt Ove und starrt sie an.

»Das ist meine Frau«, nickt der Trottel freundlich.

»Sei dir nicht so sicher, dass ich das bleibe«, wettert sie, so dass ihr Schwangerenbauch auf und nieder wippt.

»Das ist nicht so einfach, wie man denk–«, setzt der Trottel an, doch wird von ihr sofort unterbrochen.

»Ich habe RECHTS gesagt! Und du fährst einfach weiter nach LINKS! Du hörst mir überhaupt nicht zu! Du hörst mir NIE zu!«

Dann lässt sie eine halbminütige Tirade los, von der Ove annimmt, dass es sich um eine ausführliche Schmährede in arabischer Sprache handelt.

Der blonde Trottel nickt seinerseits nur mit einem unbeschreiblich harmonischen Lächeln. Genau so ein Lächeln, das anständige Leute dazu verleitet, buddhistische Mönche ins Gesicht zu schlagen, denkt Ove.

»Äh, entschuldigen Sie. Das war wirklich ein kleines Missgeschick, aber wir regeln das«, sagt er fröhlich zu Ove, als seine Frau endlich Ruhe gibt.

Dann fischt er sorglos eine runde Dose aus der Tasche und schiebt sich eine Portion Snus, groß wie ein Handball, unter die Lippe. Er sieht aus, als wolle er Ove auf die Schulter klopfen.

Ove schaut den Trottel an, als hätte ihm dieser gerade auf die Motorhaube seines Saabs gekackt.

»Regeln!? Sie stehen in meinem Beet!«

Der Trottel betrachtet das Rad des Anhängers.

»Aber das ist doch kein Beet«, lächelt er unbekümmert und schiebt den Snus mit der Zungenspitze zurecht.

»Das IST ein Beet!«, stellt Ove klar.

Der Trottel nickt. Betrachtet eine Weile den Boden. Sieht Ove an, als würde er meinen, Ove mache Späße mit ihm.

»Neee, hören Sie mal, das ist doch nur Erde.«

Oves Stirn schiebt sich zu einer einzigen bedrohlichen Falte zusammen.

»Das. Ist. Ein. BEET

Der Trottel kratzt sich skeptisch am Kopf, so dass etwas Snus in seinem zerzausten Pony hängen bleibt.

»Aber Sie haben da doch gar nichts eingepflanzt …«

»Das geht Sie einen feuchten Kehricht an, was ich mit meinem Beet mache oder nicht mache!«

Der Trottel nickt rasch, jetzt offenbar in der Absicht, den fremden Mann nicht noch mehr zu provozieren. Dann dreht er sich zu seiner Frau um, als könne er erwarten, dass sie ihn verteidigt. Sie sieht aber gar nicht so aus, als würde sie das wollen. Der Trottel schaut wieder zu Ove.

»Schwanger, wissen Sie. Die Hormone und das alles …«, setzt der Trottel an und grinst.

Die Schwangere grinst nicht. Ove auch nicht. Sie verschränkt die Arme. Ove stemmt die Hände in die Hüften. Der Trottel weiß offenbar nicht recht, was er mit seinen riesigen Fäusten machen soll, also lässt er sie etwas verlegen neben dem Körper baumeln, als wären sie aus Stoff und flatterten im Wind.

»Ich fahre vor und versuche es noch einmal«, schlägt er schließlich vor und lächelt Ove schon wieder entwaffnend an.

Ove schaut nicht entwaffnet zurück.

»Im Wohngebiet ist das Autofahren untersagt. Deswegen stehen hier die Schilder.«

Der Trottel macht einen Schritt zurück und nickt eifrig. Eilt zu seinem Wagen und quetscht seinen überdimensionierten Körper in sein wirklich unterdimensioniertes japanisches Auto.

»Mein Gott«, murmeln Ove und die Schwangere gleichzeitig. Was bewirkt, dass Ove sie nun nicht mehr ganz so unsympathisch findet.

Der Trottel fährt ein paar Meter vor, wobei Ove deutlich erkennen kann, dass er den Hänger nicht richtig geradezieht. Dann beginnt der Trottel wieder rückwärtszufahren. Geradewegs in Oves Briefkasten, so dass die Kante des Anhängers das grüne Blech aufschlitzt und verbiegt.

»Nein … das ist doch …«, bringt Ove mit einem einzigen langen Zischlaut hervor, stürzt zum Wagen und reißt die Tür auf.

Der Trottel gestikuliert wieder entschuldigend mit den Armen.

»Mein Fehler! Alles mein Fehler! Sorry, wissen Sie, ich habe den Briefkasten im Rückspiegel nicht gesehen. Das mit dem Anhänger ist wirklich schwierig, ich weiß nie, in welche Richtung ich lenken soll …«

Ove knallt seine geballte Faust so heftig auf das Autodach, dass der Trottel zusammenfährt und sich den Kopf im Türrahmen anschlägt. Ove beugt sein Gesicht so weit zu ihm hinunter, dass die Worte kaum an die Luft kommen, bevor sie im Gehörgang des Trottels wieder verschwinden.

»Raus aus dem Wagen!«

»Was?«

»Raus aus dem Wagen, habe ich gesagt!«

Der Trottel sieht Ove etwas ängstlich an, aber riskiert kein einziges Wort mehr. Stattdessen steigt er aus seinem Auto und stellt sich neben den Wagen wie ein Schuljunge, der zur Strafe in die Ecke muss. Ove zeigt auf den kleinen Weg zwischen den Reihenhäusern, hinüber zum Fahrradschuppen und zum Parkplatz.

»Gehen Sie zur Seite und stellen Sie sich irgendwo hin, wo Sie nicht im Weg sind.«

Der Trottel nickt ein wenig irritiert.

»Mein Gott. Ein Unterarmamputierter mit grauem Star hätte den Hänger schneller eingeparkt«, brummt Ove, als er in den Wagen steigt.

Wie kann es sein, dass man es nicht schafft, mit einem Hänger einzuparken?, fragt er sich. Hm? Wie schwer kann es denn sein, die Abstände links und rechts einzuschätzen und umgekehrt? Wie kommen diese Menschen eigentlich sonst durchs Leben?

Klar, auch noch Automatikschaltung, stellt er fest. Das hätte man sich denken können. Am liebsten würden diese Stümper ihre Autos gar nicht mehr selbst lenken, denkt Ove, als er auf »Drive« schaltet und vorfährt. Am liebsten wäre es denen, die Autos würden sich von allein steuern. Wie Roboter. Man müsste nicht einmal mehr lernen, rückwärts einzuparken, aber braucht man dann wirklich einen Führerschein, wenn nicht einmal feststellbar ist, was der Fahrer wirklich kann? Hm? Ove findet, nein. Er steht auch dem allgemeinen Wahlrecht skeptisch gegenüber, solange diese Frage nicht geklärt ist.

Als er den Wagen vorgesetzt und den Anhänger geradegezogen hat, so wie es zivilisierte Menschen tun, wenn sie mit Anhänger rückwärtsfahren wollen, legt er den Rückwärtsgang ein. Das japanische Auto fängt sofort an, aufgeregt zu hupen. Ove sieht sich wütend auf dem Armaturenbrett um.

»Was zum Teufel … was hast du, warum machst du solchen Lärm?«, wettert er zur Instrumentenanzeige und haut auf das Lenkrad. »Hör auf, sage ich!«, brüllt er eine besonders hartnäckig blinkende rote Lampe an.

In dem Moment taucht der Trottel neben dem Fahrzeug auf und klopft vorsichtig an die Scheibe. Ove fährt sie herunter und schaut ihn wütend an.

»Das ist der Rückfahrradar, der gibt die Signale ab«, nickt der Trottel.

»Das weiß ich wohl!«, zischt Ove.

Der Trottel räuspert sich.

»Dieses Auto ist etwas anders, ich dachte, wenn ich Ihnen vielleicht die Bedienung erklären soll …«

Ove schnaubt.

»Ich bin doch kein Blödmann!«

Der Trottel nickt eifrig.

»Nein, nein, natürlich nicht.«

Ove schielt auf die Instrumentenanzeige.

»Was zeigt das da gerade an?«

Der Trottel nickt enthusiastisch.

»Er misst, wie viel Ladung die Batterie noch hat. Wissen Sie, bevor er von Elektromotor auf Benzinmotor umschaltet. Wissen Sie … das ist ein Hybrid …«

Ove gibt keine Antwort. Er fährt nur die Scheibe hoch. Der Trottel bleibt mit offenem Mund stehen. Ove schaut in den linken Rückspiegel. Dann in den rechten. Dann, während das japanische Auto angstvoll piept, parkt er den Anhänger perfekt ausgerichtet zwischen seinem Haus und dem des Trottels und der Schwangeren rückwärts ein.

Er steigt aus und wirft ihm den Schlüssel hin.

»Rückfahrradar und Parkassistent und Kameras und all so ein Mist. Ein Mann, der so etwas braucht, um rückwärts einzuparken, sollte verflucht nochmal ganz die Finger davon lassen.«

Der Trottel nickt ihm nur erleichtert zu.

»Danke für Ihre Hilfe«, ruft er, als würde Ove ihn nicht seit zehn Minuten anhaltend beleidigen.

»Sie sollten nicht einmal eine Kassette zurückspulen«, antwortet Ove und stiefelt an ihm vorbei.

Die schwangere Ausländerin steht noch immer mit verschränkten Armen da, aber sie sieht längst nicht mehr so böse aus.

»Danke!«, ruft sie und lächelt ein bisschen schief, als Ove an ihr vorbeigeht, so dass Ove das Gefühl hat, sie versuche sich das Lachen zu verkneifen.

Sie hat die größten braunen Augen, die Ove je gesehen hat.

»In dieser Siedlung fahren wir nicht in der Wohngegend Auto, das sollten Sie verdammt nochmal akzeptieren«, antwortet er.

Sie sieht aus, als hätte sie bemerkt, dass er »akzeptieren« wie »asseptieren« ausspricht, doch sie hält den Mund. Ove zischt und dreht ab und bewegt sich zurück zu seinem Haus.

Auf halber Höhe des kleinen Weges zwischen seinem Haus und dem Schuppen bleibt er stehen. Er rümpft die Nase so intensiv, dass man meinen könnte, sein ganzer Oberkörper schöbe sich ineinander. Dann geht er in die Knie, legt das Gesicht ganz nah an die Platten auf der Erde, die er ausnahmslos jedes zweite Jahr neu verlegt, egal, ob es nötig ist oder nicht. Er schnüffelt noch einmal. Nickt sich selbst zu. Steht wieder auf.

Die schwangere Schwarzhaarige und der Trottel beobachten ihn.

»Pisse! Hier ist überall Pisse!«, schnauzt er sie an.

Und zeigt auf die Platten.

»O…kay«, sagt die schwarzhaarige Frau.

»Nein! Das ist nirgendwo okay!«, antwortet Ove.

Und dann geht er wieder in sein Haus und schlägt die Tür zu.

 

Er lässt sich auf den Schemel im Flur fallen und sitzt dort eine ganze Weile, bis er sich so weit beruhigt hat, dass er sich etwas anderes vornehmen kann. »Verdammtes Frauenzimmer«, denkt er. Was machen sie und ihre Familie hier bei uns, wenn sie nicht einmal ein Schild lesen können, obwohl es direkt vor ihrer Nase steht? Man darf hier in der Siedlung nicht Auto fahren. Jeder weiß das.

Ove steht auf und hängt seine blaue Jacke an seinen Haken, mitten ins Meer all der Jacken seiner Frau. Schimpft »Idioten« durch das geschlossene Fenster, sicherheitshalber. Dann stellt er sich mitten ins Wohnzimmer und schaut hoch zur Decke.

 

Er weiß nicht, wie lange er dort steht. Er versinkt ganz in Gedanken. Fließt dahin wie im Nebel. Das war nie seine Art, er ist kein Tagträumer, aber in letzter Zeit kommt es ihm so vor, als ob mit seinem Kopf etwas nicht stimmt. Es fällt ihm zunehmend schwerer, sich auf Dinge zu konzentrieren. Das gefällt ihm ganz und gar nicht.

 

Als es an der Tür klingelt, fühlt es sich an, als würde ihn jemand aus einem süßen Schlaf wachrütteln. Er reibt sich kräftig die Augen und sieht sich um, als könnte ihn jemand beobachtet haben.

Es klingelt noch einmal. Ove dreht sich um und starrt die Tür an, als sollte sie sich schämen. Er geht ein paar Schritte und merkt, dass sich sein ganzer Körper steif wie Gips anfühlt. Er hat keine Ahnung, ob das Knarren von den Dielen oder von ihm selbst kommt.

»Und was ist jetzt los?«, fragt er die Tür, bevor er sie überhaupt geöffnet hat, als ob die Tür darauf antworten könnte.

»Was ist jetzt los?«, wiederholt er, als er sie aufstößt, so plötzlich, dass das dreijährige Mädchen vom Windzug nach hinten kippt und völlig perplex mit dem Popo auf dem Boden landet. Neben ihr steht ein siebenjähriges Mädchen mit verängstigtem Gesicht. Die beiden sind total schwarzhaarig. Und haben die größten braunen Augen, die Ove je gesehen hat.

»Und?«, fragt Ove.

Das siebenjährige Mädchen sieht ihn erwartungsvoll an. Sie hält ihm eine Vorratsdose hin. Ove nimmt sie widerwillig. Sie ist warm.

»Reis!«, ruft das dreijährige Mädchen glücklich und kommt schnell wieder auf die Beine.

»Mit Safran. Und Hühnchen«, nickt ihm das siebenjährige Mädchen deutlich skeptischer zu.

Ove betrachtet sie misstrauisch.

»Verkauft ihr etwas oder so?«

Das siebenjährige Mädchen sieht sauer aus.

»Wir WOHNEN hier!«

Ove sagt einen Moment lang nichts. Nickt dann nur. Als könne er sich vorstellen, diese Aussage als Erklärung zu verstehen.

»Ach so.«

Das dreijährige Mädchen nickt zufrieden und wedelt mit den etwas zu langen Overallärmeln.

»Mama hat gesagen, du bis hungrich!«

Ove sieht den kleinen, wiegenden Sprachfehler verständnislos an.

»Was?«

»Mama hat gesagt, dass Sie hungrig ausgesehen haben. Deshalb sollten wir Ihnen Abendessen bringen«, erklärt das siebenjährige Mädchen verärgert. »Jetzt komm, Nasanin«, sagt sie dann und fasst das dreijährige Mädchen fest an der Hand, wirft Ove einen richtig bösen Blick zu und geht.

Ove steckt den Kopf aus der Türöffnung und sieht den beiden hinterher. Er sieht die schwarzhaarige schwangere Frau in ihrer Haustür stehen und ihm zulächeln, als die Kinder in ihr Haus hüpfen. Das dreijährige Mädchen dreht sich noch einmal um und winkt ihm fröhlich zu. Die Schwangere winkt auch. Ove macht die Tür zu.

 

Dann steht er wieder im Flur. Glotzt das warme Gefäß mit Hühnchen und Safranreis an, so wie man ein Gefäß mit Nitroglycerin anstarren würde. Dann geht er in die Küche und stellt es in den Kühlschrank. Nicht weil es seine Gewohnheit wäre, alles Mögliche zu essen, was fremde ausländische Kinder an seinem Hauseingang abgeben. Sondern weil in Oves Haus kein Essen weggeworfen wird. Aus Prinzip nicht.

Er geht hinüber ins Wohnzimmer. Steckt die Hände in die Hosentaschen. Sieht hoch zur Decke. Steht dort eine ganze Weile und überlegt, welcher Betondübel sich für sein Vorhaben wohl am besten eignet. Steht so lange da, bis ihm die Augen weh tun, weil er sie zusammenkneift. Er wendet den Blick wieder ab und schaut etwas verwirrt auf seine verbeulte Armbanduhr. Dann sieht er wieder aus dem Fenster und bemerkt plötzlich, dass es in der Zwischenzeit dunkel geworden ist. Resigniert schüttelt er den Kopf.

Man kann nicht anfangen zu bohren, wenn es dunkel ist, das weiß ja wohl jeder. Dann muss er die Lampen anschalten, und dann weiß man ja gar nicht, wann sie wieder ausgemacht werden. Und diesen Spaß will er dem Elektrizitätswerk gern vermiesen. Zu glauben, er würde sich nicht um seine Rechnung kümmern und den Strom weiterlaufen lassen für Tausende von Kronen. Das können sie vergessen.

Ove räumt seinen »Brauchbar«-Kasten auf. Trägt ihn ins Obergeschoss in den großen Flur. Dann holt er den Schlüssel für den Dachboden, der an seinem Platz im kleinen Flur hinter der Heizung liegt. Geht zurück und reckt sich, um die Dachbodenluke zu öffnen. Zieht die Falttreppe herunter. Steigt hinauf auf den Dachboden und stellt den »Brauchbar«-Kasten an seinen Platz hinter die Küchenstühle, die er wegen seiner Frau hier abstellen musste, weil sie ihr zu laut knarrten. Sie knarrten eigentlich kein bisschen. Ove war vollkommen klar, dass das nur eine Ausrede war und seine Frau einfach nur neue Stühle kaufen wollte. Als ginge es im Leben nur darum. Küchenstühle kaufen, essen gehen und weitermachen.

Er geht wieder die Treppe hinunter. Legt den Dachbodenschlüssel zurück an seinen Platz hinter dem Heizkörper im kleinen Flur. »Einen Gang runterschalten«, haben sie bei der Arbeit zu ihm gesagt. Ein Haufen 31-jähriger Spinner, die am Computer arbeiten und keinen normalen Kaffee mehr trinken. Eine ganze Gesellschaft, die nicht mehr mit Anhänger rückwärts einparken kann, und das sind dann diejenigen, die zu ihm sagen, dass er nicht mehr gebraucht werde. Ist das gerecht?

Ove geht nach unten ins Wohnzimmer. Schaltet den Fernseher an. Nicht dass er irgendetwas anschauen will, aber er kann ja nicht den ganzen Abend allein herumsitzen und die Wand anglotzen wie ein Idiot. Er holt sich das ausländische Essen aus dem Kühlschrank und isst es mit der Gabel direkt aus dem Plastikgefäß.

Er ist 59 Jahre alt. Es ist Dienstagabend, und er hat seine Zeitung abbestellt. Alle Lampen ausgemacht.

Und morgen muss dieser Haken an die Decke.

4 Ein Mann namens Ove bezahlt keine drei Kronen Gebühr

Ove hält ihr die Blumentöpfe hin. Zwei Stück. Eigentlich sollten es gar nicht zwei sein. Man musste es ja nicht übertreiben. Doch hier sei es ums Prinzip gegangen, erklärt Ove ihr. Deshalb seien es eben zwei geworden.

»Nichts ist im Lot, wenn du nicht da bist«, murmelt er dann und tritt mehrmals in die gefrorene Erde.

Seine Frau antwortet nicht.

»Heute Nacht wird es schneien«, sagt Ove.

In den Nachrichten heißt es, es werde nicht schneien, aber das ist ja der beste Hinweis darauf, dass es eben doch schneien wird, meint Ove immer. Also sagt er es ihr. Sie antwortet nicht. Ove steckt die Hände in die Hosentaschen und nickt kurz.

»Es ist einfach nicht normal, den ganzen Tag allein durchs Haus zu wandern, und du bist nicht da. Mehr sage ich gar nicht. Das ist kein Leben.«

Sie antwortet auch darauf nicht.