Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, November 2019
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Die Geschichte «Staaken/Erzgebirge, 1973» ist bereits 2018 im von Dinah Sophie Fischer und Marcus Gärtner herausgegebenen Band «Weihnachten mit Punkt Punkt Punkt» (Rowohlt Polaris) erschienen.
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Covergestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt
Coverabbildung Rudi Hurzlmeier
Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.
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ISBN 978-3-644-00410-8
www.rowohlt.de
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.
ISBN 978-3-644-00410-8
Guten Tag,
hier schreibt Renate Bergmann. Sind Se mir nicht böse, wenn ich nebenher noch ein Auge auf den Herd haben muss, aber hier simmert der Grünkohl für Weihnachten auf kleiner Flamme. Da muss ich nebenher ab und an umrühren, nicht, dass der ansetzt. Er braucht seine vier Stunden auf kleinem Feuer, damit er richtig schmeckt, aber man muss aufpassen, dass er nicht anbrennt. Die Beilagen sind doch das Beste!
«Zum Weihnachtsbraten?», werden Se sagen, «Jetzt? Es ist doch gerade Oktober!» Ja, die Sprüche kenne ich! Ihr jungen Dinger, die ihr immer alles auf den letzten Drücker erledigt. Grünkohl hält sich eingefroren nicht nur prima, der schmeckt sogar besser, wenn man ihn aufwärmt. Wenn überhaupt, gibt es bei so Grünschnäbeln höchstens Grünkohl aus dem Glas. «So billich kannste alleine gar nicht kochen!», sagt meine Nachbarsche, die Meiser, immer, wenn sie wieder den Büchsenöffner ansetzt. Das mag stimmen, aber wissen Se, wenn ich koche, dann koche ich und mache nicht warm. Ich will schließlich, dass die Teller hinterher blitzeblank sind und nicht, dass nur appetitlos in meinem Essen rumgestochert wird. Laden Se sich wenigstens bei der Mutti oder der Omi ein, bevor Se Fertigzeugs essen, kann ich nur mahnen. Die freuen sich zudem noch, wenn Besuch kommt, gerade über die Feiertage. Wer ist da schon gern allein?
Weihnachten. Ach, da kriege ich gleich so ein Huchgefühl, wenn ich nur dran denke.
Hochgefühl.
Hihi, ein Huchgefühl hatte ich letzthin, als so ein Bengel an der Bushaltestelle in die Pfütze hüpfte und mich nass gespritzt hat.
Nee, an Weihnachten wird mir immer ganz wohlig ums Herz. Es ist das Fest der Liebe, der Wärme und der Hoffnung. Und auch das Fest des guten Essens. DAS darf nämlich nicht fehlen, wenn die Lieben zusammenkommen. Man will sich schließlich nichts nachsagen lassen, nich wahr? Wie unangenehm ist es doch, wenn der Kuchen abgezählt ist. Wie anno – lassen Se mich überlegen – anno ’81 bei meiner Frau Liebeldank-Henning. Das war die Kulturtante bei der Reichsbahn, die hatte uns, die örtliche Frauengruppe, zu sich eingeladen. Stellen Se sich mal vor, da saßen tatsächlich 12 Personen bei Tisch. Und für eine Gruppe dieser Größe hatte die Liebelzank nur vier Kuchen gebacken! Ich kriege bis heute eine aufsteigende Hitze, wenn ich an die unangenehme Situation denke, als man schon fast das Muster auf der Tortenplatte sehen konnte, weil so viel weggegessen war. So eine Schmach. Die Gäste mussten ja denken, sie hatte nicht satt zu essen! Wochenlang wurde geredet, bis zum Fasching hin. Nee, Weihnachtszeit ist Dehnbundzeit. Da lässt sich eine Renate Bergmann nichts nachsagen.
Wenn die Familie da ist, wird aufgetischt. «Liebe geht durch den Magen», heißt es, und ich habe bis auf den heutigen Tag noch nie gehört, dass das Sprichwort «aber nur ein schmales Stückchen» weitergeht. Auch in schweren Zeiten, wenn wir übers Jahr manchmal gehungert haben (na ja, wissen Se, ganz ehrlich: Wir wohnten auf dem Land, wir hatten immer satt zu essen. Aber manchmal gab es keinen Nachtisch! Und auch keinen Nachschlag) – zum Weihnachtsfest wurde nur das Beste aufgetragen. Selbst im Hungerwinter 46/47, als Mutter die Hennen und Karnickel alle an die Berliner vertauscht hatte, die in voll besetzten Zügen zu uns rauskamen, selbst da hat sie für uns was zurückbehalten und ein Festmahl gezaubert. Opa Strelemann hat seinerzeit Biber gewildert. Wissen Se, wie soll so ein Städter denn einen abgezogenen Biber von einem gehäuteten Karnickel unterscheiden? Oma und Mutter haben die Dinger gut verhökert und noch Rezeptempfehlungen mitgegeben, und ich bin mir sicher, die hatten alle schöne Festtage.
Als meine Tochter Kirsten noch richtig gegessen hat und nicht nur Salatblätter und Körner zermalmte, da hat es auch noch Spaß gemacht, für sie zu kochen. Trotzdem musste ich uns mal vegetarisch machen am ersten Feiertag, weil ich in der Aufregung am Tag vorher – wir wollten in die Kirche, der Rotkohl drohte anzusetzen, und die Gans musste begossen werden, alles gleichzeitig, und dazu hatte ich noch die Wickler im Haar, keine Brille auf und das gute Kleid schon an! – na ja, da habe ich zwei Teelöffel Schayennpfeffer auf den Vogel getan statt Beifuß. Bis Silvester hin habe ich fast nur geweint wegen der Schande. Dass das einer gestandenen Hausfrau und Köchin wie mir passiert, nee, der Makel sitzt mir bis heute auf der Seele wie ein Fettspritzer auf der ansonsten blütenweißen Kochschürze meiner Mutter. Aber eine Renate Bergmann ist eine ehrliche Person, die auch mit solchen Dingen nicht hinterm Berg hält, sondern sie offen einräumt. Wir haben Kartoffeln mit Rotkohl gegessen, der war nämlich wunderbar weich wie immer, und zum Nachtisch gab es Götterspeise mit Vanillesoße. Das ging auch mal. Wir haben in dem Jahr Kaffee und Torte – es muss ’83 gewesen sein, auf jeden Fall gab es hinterher noch «Die Peter-Alexander-Show» im Pantoffelkino – eine Stunde vorgezogen, sodass der Hunger nicht allzu groß war. Bis heute habe ich nicht darüber gesprochen, aber nun, wo Gras über die ollen Kamellen gewachsen ist, kann ich es wohl zugeben.
Aber das reicht nun auch, mehr sage ich nicht über den Vorfall!
Im Gegensatz zu der Geschichte, die erst letztes Jahr passiert ist, die schreibe ich Ihnen in Gänze auf. Vorab nur so viel: Kurt hatte zwei Gänse bei seinem Karnickelzüchterfreund Lothar bestellt. Sie wissen ja, wie das ist, die zähen Viecher aus dem Gefrierer in der Kaufhalle kann man nicht essen. Wenn man sie aufgetaut hat, sehen sie schon grau und nicht sehr appetitlich aus. Gleich beim Anbraten entlassen sie so viel Fett, dass man Schmalz bis zum Frühjahr hin hat, und je länger man den Vogel brät, desto mickriger und zäher wird er. Wie Gummi! Nee, so was kommt mir nicht in die Pfanne. Da gebe ich sehr gern ein paar Mark mehr aus und kaufe eine Gans vom Bauern. Euro, wir haben ja den Euro. Bei Lothar haben die Tiere das ganze Jahr Auslauf, die baden sogar im Anger, fressen grünes Gras von der Wiese und kriegen sonst nur Kartoffeln, die Lothars Inge ihnen jeden Tag mitgekocht hat. Gläsers und ich hatten die Gänse von Lothar schon jahrelang abgenommen. Im Frühjahr haben wir bestellt, Lothar hat uns aufgeschrieben und zwei Gössel mehr gekauft, und wenn das Fest ran war, sind Kurt, Ilse und ich mit dem Koyota los und haben die Vögel abgeholt, küchenfertig geschlachtet und ausgenommen, den Hals, den Bürzel und die Innereien beigelegt, damit es eine schöne kräftige Soße gibt, so wie es abgemacht war. Bis Lothar im letzten Jahr ausfiel und wir unsere Gans bei einem anderen Kurt-Kumpanen namens «Keule» bestellen mussten.
Ich mache das hier mal kurz und erzähle später ausführlich: Kurt wusste am Heiligen Abend nur, dass Keule «eine gute halbe Stunde» außerhalb von Berlin wohnte. Er war nie bei ihm gewesen und hatte auch keine Telefonnummer. Die sahen sich ja immer nur bei der Rammlerausstellung! An dem Tag sind wir mit dem Koyota in mehr märkischen Dörfern gewesen als der Fontane bei seinen Wanderungen, sage ich Ihnen. Fix und fertig bin ich gewesen und sah mich am Festabend schon Kirstens Smufies mit dem Trinkhalm schlürfen. Ach, das war eine Aufregung! Wie wir doch noch zu einem butterzarten und wunderbar saftigen Gänsebraten kamen, davon berichte ich Ihnen. Nur Geduld.
Ja, sehen Se, und so drehen sich viel Geschichten, an die ich mich erinnere, wenn ich an Weihnachten denke, um den Festtagsbraten und um das Essen. Sehr gern schreibe ich Ihnen davon auf, wissen Se, was sollen die im Schatzkästchen meiner Erinnerungen verdörren? Wenn Sie Freude daran haben, lasse ich Sie gern teilhaben. Man muss nicht alles mit ins Grab nehmen, die netten Geschichten kann man doch teilen. Es gibt genug dunkle Geheimnisse, die ich nicht ausplaudere, auch, wenn Se gerade die vielleicht hören wollen. Hihi.
Nun wollen wir mal loslegen. Ich schreibe Ihnen jetzt nicht noch lange auf, wie alt Ilse und Kurt sind und wer noch so alles vorkommt in dem Büchlein. Da mache ich Ihnen auf den Vorsatz so kleine Biographien, da können Se nachgucken, wenn Se jemanden nicht kennen. Aber Sie kennen doch meine Leutchen schon, oder?
Huch, jetzt muss ich aber dringend den Grünkohl umrühren, sonst setzt der doch noch an. Währenddessen können Sie ja anfangen zu lesen.
Ihre Renate Ber…
(Herrje. Jetzt ging doch glatt der Brandmelder an.)