Wolfgang Herrndorf
Arbeit und Struktur
Rowohlt E-Book
Wolfgang Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren und 2013 in Berlin gestorben, hat Malerei studiert. 2002 erschien sein Debütroman «In Plüschgewittern», 2007 der Erzählband «Diesseits des Van-Allen-Gürtels», 2010 und 2011 folgten die Romane «Tschick» und «Sand».
«Dann Telefonat mit einem mir unbekannten, älteren Mann in Westdeutschland. Noch am Tag der Histologie war Holm abends auf einer Party mit dem Journalisten T. ins Gespräch gekommen, dessen Vater ebenfalls ein Glioblastom hat und noch immer lebt, zehn Jahre nach der OP. Wenn ich wolle, könne er mir die Nummer besorgen.
Es ist vor allem dieses Gespräch mit einem Unbekannten, das mich aufrichtet. Ich erfahre: T. hat als einer der Ersten in Deutschland Temodal bekommen. Und es ist schon dreizehn Jahre her. Seitdem kein Rezidiv. Seine Ärzte rieten nach der OP, sich noch ein schönes Jahr zu machen, vielleicht eine Reise zu unternehmen, irgendwas, was er schon immer habe machen wollen, und mit niemandem zu sprechen.
Er fing sofort wieder an zu arbeiten. Informierte alle Leute, dass ihm jetzt die Haare ausgingen, sich sonst aber nichts ändere und alles weiterliefe wie bisher, keine Rücksicht, bitte. Er ist Richter.
Und wenn mein Entschluss, was ich machen wollte, nicht schon vorher festgestanden hätte, dann hätte er nach diesem Telefonat festgestanden: Arbeit. Arbeit und Struktur.»
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Dezember 2013
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Umschlaggestaltung Anzinger | Wüschner | Rasp, München
(Umschlagabbildung: View of Haarlem from the Northwest, with the Bleaching Fields in the Foreground, Jacob Isaacksz. van Ruisdael, ca. 1650–ca. 1682/Rijks Museum, Amsterdam/Legat von L. Dupper Wzn., Dordrecht)
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ISBN Printausgabe 978-3-87134-781-8 (3. Auflage 2013)
ISBN E-Book 978-3-644-11741-9
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Hinweis: Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.
ISBN 978-3-644-11741-9
The survival of patients treated with TMZ plus radiotherapy according to MGMT promoter status, nach: Monika E. Hegi, Annie-Claire Diserens, Thierry Gorlia et al., «MGMT gene silencing and benefit from temozolomide in glioblastoma», in: The New England Journal of Medicine 352 (2005), S. 997–1003 (www.nejm.org/doi/full/101056/NEJMoa043331#t=articleTop).
Das Blog verlinkt an dieser Stelle auf den Artikel «Glioblastome: Forscher nehmen ‹vergessene› Zellen unter die Lupe», in: Ärzte Zeitung online, 13.4.2010 (www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/krebs/zns-tumoren_hirntumor/default.aspx?sid=597974).
Kris Stelzl (1973–2007).
«Der Weg des Soldaten» ist eine Erzählung des Autors aus dem Band «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» (Berlin 2007).
Hier befindet sich im Blog der Link zu einem Interview, das Jelenia Gora mit Jens Friebe geführt hat (www.dailymotion.com/video/xewbzj_jens-friebe-abandern-interview_music).
Im Blog wird hier auf einen Artikel des Journalisten Tom Lubbock verlinkt, in dem dieser – ebenfalls in tagebuchartiger Form – über seine Krankheit schreibt (Tom Lubbock: «a memoir of living with a brain tumour», in: The Observer, Sunday 7 November 2010, www.guardian.co.uk/books/2010/nov/07/tom-lubbock-brain-tumour-language).
Hier verlinkt das Blog auf die englische Originalversion des Textes «Am Beispiel des Hummers» von David Foster Wallace aus dem Jahr 2004 (www.gourmet.com/magazine/2000 s/2004/08/consider_the_lobster).
An dieser Stelle befindet sich im Blog der Link zu einem Video, in dem Wolfgang Herrndorf das Gedicht «An der Weser, Unterweser» von Georg von der Vring aufsagt und dabei Ravioli isst (www.wolfgang-herrn dorf.de/wp-content/uploads/2011/08/Film-am-06-09-2011-um-18.25.mov).
Das Zitat ist einem Interview Alexander Kluges mit dem Kulturwissenschaftler Josef Vogl entnommen: «Was Herman Melvilles Wal-Roman heute bedeutet», in: Die Welt vom 18.10.2012.
Der Autor bezieht sich hier auf ein tags zuvor in der Buchmessenzeitung der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» unter der Überschrift «Seinetwegen musste mein geliebter Chef gehen» erschienenes Interview mit Monika Kunz, der, wie es dort heißt, «geheimen Chefin der Literaturredaktion der F.A.Z. seit 1967».
Die Schauspielerin Natasha Little hat in der BBC-Verfilmung des Romans «Jahrmarkt der Eitelkeit» von William Thackeray aus dem Jahr 1998 eine Szene, in der sie das Stück «When I Am Laid in Earth» von Henry Purcell singt und auf dem Klavier spielt.
Zu den Symptomen der Depersonalisation verlinkt das Blog hier auf Wikipedia (de.wikipedia.org/wiki/Depersonalisation#Symptome).
Aus einem Interview, das die Buchmessenzeitung der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» mit dem Medienwissenschaftler Harun Maye geführt hat. Die zitierte Passage fehlt indessen im gedruckten Text, vgl. «Ein zarter Flirt mit dem Warenfetisch», in: Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse (15.10.2011), S. 19.
Gemeint ist das Internetforum «Wir höflichen Paparazzi».
Im Blog wird hier auf das Interview verlinkt, das der Journalist André Müller 1989 mit seiner Mutter Gerta geführt hat (www.a-e-m-gmbh.com/andremuller/gerta%20mueller.html).
Das Blog verlinkt hier zur Verdeutlichung auf den entsprechenden Wikipedia-Eintrag (de.wikipedia.org/wiki/Was_gesagt_werden_muss).
Quelle für diese Angaben: Geo Stone, Suicide and Attempted Suicide, Methods and Consequences, New York 1999.
Die Therapie mit Avastin wurde, nach einem Wechsel der Krankenkasse, am 9. September 2013 bewilligt, zwei Wochen nach Wolfgang Herrndorfs Tod.
«Spätestens letzten Sommer wäre es da gewesen.» Laut mündlicher Erläuterung des Autors ist damit gemeint, «Isa» hätte fertiggestellt werden können, wären nicht der Unfall mit Schulterverletzung und die Episode vom 22.2.2013 dazwischengekommen.
«Das kann ich nicht noch mal lernen, ich hab nicht noch mal sechs Jahre.» – Hier verlinkt das Blog zu einer Konjugationstabelle des Verbums «lieben» (brockhaus1952.blogspot.de/2013/07/z07.html).
«Den ganzen Winter habe ich’s gefunden.» Laut mündlicher Erläuterung des Autors ist damit der von ihm ausgewählte Sterbeort am Hohenzollernkanal gemeint. Der tatsächliche Ort seines Todes liegt etwa hundert Meter von dieser Stelle entfernt.
Almut Klotz (1962 bis 15.8.2013).
Marga Berck ist das Pseudonym der Bremer Autorin Magdalene Pauli. Deren in Briefen erzählte Geschichte einer unglücklichen Liebe, «Sommer in Lesmona», findet sich im Eintrag vom 19.4.2010 in der «Liste der Bücher, die mich in verschiedenen Phasen meines Lebens aus unterschiedlichen Gründen am stärksten beeindruckt haben und die ich unbedingt noch einmal lesen will».
«Kopfleuchten» ist ein deutscher Fernseh-Dokumentarfilm von Mischka Popp und Thomas Bergmann (Buch und Regie) aus dem Jahre 1998, der sich mit den Themen neurologische Erkrankungen, Hirnverletzungen, Schlaganfälle und Psychosen beschäftigt.
Ich bin vielleicht zwei Jahre alt und gerade wach geworden. Die grüne Jalousie ist heruntergelassen, und zwischen den Gitterstäben meines Bettes hindurch sehe ich in die Dämmerung in meinem Zimmer, die aus lauter kleinen roten, grünen und blauen Teilchen besteht, wie bei einem Fernseher, wenn man zu nah rangeht, ein stiller Nebel, in den durch ein pfenniggroßes Loch in der Jalousie bereits der frühe Morgen hineinflutet. Mein Körper hat genau die gleiche Temperatur und Konsistenz wie seine Umgebung, wie die Bettwäsche, ich bin ein Stück Bettwäsche zwischen anderen Stücken Bettwäsche, durch einen sonderbaren Zufall zu Bewusstsein gekommen, und ich wünsche mir, dass es immer so bleibt. Das ist meine erste Erinnerung an diese Welt.
Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet. Als in Garstedt das Strohdachhaus abbrannte, als meine Mutter mir die Buchstaben erklärte, als ich Wachsmalstifte zur Einschulung bekam und als ich in der Voliere die Fasanenfedern fand, immer dachte ich zurück, und immer wollte ich Stillstand, und fast jeden Morgen hoffte ich, die schöne Dämmerung würde sich noch einmal wiederholen.
Gestern haben sie mich eingeliefert. Ich trug ein Pinguinkostüm. Jetzt habe ich einen Panoramablick über ein trapezförmiges Stück Spree, den Glaszylinder des Hauptbahnhofs, einen Kanal und klassizistische Gebäude. Auf dem Mäuerchen um die Neuropsychiatrie herum sitzt eine Schulklasse. Mein Bedürfnis, unter Zucken und Schreien einen Zettel durchs Fenster hinunterzuwerfen, wächst: «Hilfe! Ich bin nicht verrückt! Ich werde gegen meinen Willen hier festgehalten! Das mit dem Pinguin war nur ein Scherz, ihr könnt Marek fragen oder Kathrin!» Aber erstens kann man die Fenster nicht öffnen, und zweitens, fürchte ich, würden sie den Witz nicht kapieren.
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Gestern noch lag ich auf der Psychiatrie, ich kann mich aber nicht mehr an viel erinnern, außer an den sehr unaufgeregten Morgenkreis. Eine Patientin wollte für eine andere beten, die sich umgebracht hatte, es wurde aber entschieden, das im Stillen zu tun, jeder für sich. Und an den Zimmergenossen Iwan erinnere ich mich und an die Frage: «Darf ich das Bild über deinem Bett verändern?» Klar, warum nicht. Dann Verlegung.
Gespräche mit den Ärzten laufen darauf hinaus, dass sie versuchen, mir Erinnerungslücken nachzuweisen, weil ich mich an sie und ihre Namen nicht erinnere. Mich nennen sie grundsätzlich Hernsdorf.
Tests vom Kaliber «Ich sage Ihnen drei Gegenstände: Tennisschläger, Apfel, Omnibus. Was ist dreizehn zum Quadrat? Fünfzehn zum Quadrat? Was waren die drei Gegenstände?» bestehe ich aber. Die Gespräche kommen mir mehr als einmal wie Dialoge aus dem Krimi vor, an dem ich die letzten Jahre gearbeitet habe. Der beginnt mit einem Mann, der ungeheuere Kopfschmerzen hat, dann wird ihm der Schädel eingeschlagen, er erleidet eine Totalamnesie und unterhält sich achtzig Seiten lang mit einem Psychologen, der ihm erklärt, dass man von einem Schlag auf den Kopf keine Amnesie bekommt. Am Ende stirbt er.
«Fällt Ihnen auf, wie schnell Sie sprechen?»
Ja, ich denke aber auch schnell. Ich schreibe auch schnell, ungefähr dreimal so schnell wie sonst, und zehnmal so viel.
Als es nachmittags anfängt, süßlich zu riechen und ich im Gemeinschaftsraum ein junges Mädchen am Waffeleisen entdecke, kriege ich einen kleinen, privaten Lachanfall. Sieben oder acht Patienten bekommen reihum Herzchen mit Puderzucker. Die Leute sind sehr freundlich. Außer mir sind alle sediert.
Die ältere Frau, deren Essen von Scientology vergiftet wird und die bedrohliche Symptome entwickelt (sonst wäre sie wohl auf der Psychiatrie und nicht auf der Neuropsychiatrie), protokolliert minuziös ihren Tagesablauf. Ihr Essen. Sie ist witzig und beredt, und ich frage sie: Sind wir verrückt, weil wir alles aufschreiben, oder schreiben wir alles auf, weil wir verrückt sind? Man sieht, ich nehme doch besser meinen Roman in Angriff als einen Aphorismenband.
Zum Lesen und Schreiben sitze ich an dem kleinen Tisch mit Spreeblick direkt vor ihrem Einzelzimmer, und wenn sie an mir vorbeikommt, nennt sie mich Schatzi und schenkt mir ein Duplo: «Originalverpackt.» Das erste Duplo werfe ich in eine Zeitschrift gewickelt in den Papierkorb. Kuchen, Schokolade und weitere Duplos, die in den nächsten Tagen folgen, esse ich. Und nein, ich glaube nicht an die Sache mit Scientology. Meine Amateurdiagnose war Münchhausen oder so was. Aber ich muss es nicht herausfinden.
Lars fährt mich zum Planungs-CT, eine Kunststoffmaske wird angefertigt, damit bei der Bestrahlung mein Kopf fixiert ist. Anschließend gehen wir in ein Schreibwarengeschäft und sind beide der Ansicht, dass Schreibwarengeschäfte mit die tollsten Geschäfte sind.
Heftiger Kopfschmerz und abermals positive Gedanken, die in der Nacht von der Festplatte gelöscht werden wie alle positiven Gedanken zuvor. Unter unendlicher Anstrengung baue ich die Gedankenkette wieder zusammen und gehe auf Zehenspitzen auf Toilette, um sie aufzuschreiben. Im Moleskine steht am nächsten Morgen: «1. Den andern mitteilen, die Todesangst sei vorüber. 2. Aus dem Widerstand gegen den Gedanken seine Richtigkeit ableiten. 3. Leichter Kopfschmerz bleibt. 4. Werde dennoch ohne Tavor schlafen, womit 2. seine Bestätigung erfährt.» usw.
Später noch mehr Gedanken ähnlicher Art, diesmal schreibe ich unter der Bettdecke im Licht des Handydisplays, um meinen Zimmernachbarn nicht zu wecken.
Verabredung mit dem Waffelmädchen zum Tischtennis. Im Innenhof gibt es eine Platte, und die Sonne scheint. X. hat verwirrende Ähnlichkeit mit Ira, Mimik und Stimme fast komplett, aber auch Gesprächsführung, Interessen, teilweise Aussehen.
Mein Sichtfeldausfall macht sich nicht bemerkbar. Wir zählen keine Punkte, auch geschmettert wird nicht, die Gefahr ist zu groß: Der Ball ist alt, und es ist der einzige auf der Psychiatrie. Nur schnelles, kontemplatives Hin- und Herspiel, dazwischen gelegentlich Stillstand, da gleichzeitig konzentrierter Austausch der Biographien, der Ereignisse rund um den Anfall. Dabei so starke Übereinstimmung des gegenseitig mitgeteilten Wahns (X.: Beherrscherin der Sonne, ich: Seher der Zukunft. X.: Unendliche Funktion gelöst, ich: Die Weltformel ein endloser Zirkelschluss etc.), dass ich, der ich immer noch keine klare Diagnose habe (Manie wurde mittlerweile ad acta gelegt), einfach mal ihren Befund anprobiere: Schizoaffektive Störung. Um zu gucken, wie sich das anfühlt. Schizoaffektive Störung. Und wie fühlt sich das an? Manie infolge Schlaflosigkeit infolge Todesangst war mir lieber.
Längere Ballwechsel, und dann geht es rasant über die Dörfer. X. hat gerade Nietzsche komplett. Wir kommen von Heidegger (fraglich) über Grass (Arschloch) zu Salinger (groß) und Piaget (groß). Die Sonne wärmt, wir freuen uns an der Übereinstimmung und rufen die Namen großer Geister. Jetzt bin ich endgültig in der Klapse angekommen.
Ebenfalls im Garten anwesend: 1 Maiglöckchen, einige Krokusse, später zwei Blaumeisen.
Hier wohne ich jetzt also.
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Sitze im Garten in der Sonne mit Dostojewskij, Der Spieler. Mein bester Freund Rolf Müller empfahl mir das Buch, als ich noch irgendwo zwischen Enid Blyton und Karl May steckte. Als ich es dann mit Mitte zwanzig las, fand ich es deutlich schwächer als die anderen Dostojewskijs. Jetzt bin ich so begeistert von den ersten acht Sätzen, dass ich nicht weiterlesen kann. Die superelegante und indirekte Mitteilung der Informationen, das perfekte Handwerk. Wer es übersetzt hat, steht leider nicht dabei. Kunstleder, seinerzeit im Billigangebot: Sieben Russen zum Preis von einem.
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Das ist alles, und das alles war wichtiger als der Übersetzer. Während ich lese, verzweifeltes Schluchzen aus dem Gebäude neben mir. Das Gefühl, es könne jemand von unserer Station sein, jemand, dessen Gesicht ich aus dem Gemeinschaftsraum, vom Essen, kenne, ist zutiefst deprimierend.
Dann sich verdichtende Angst, es könne X. sein. Ich gehe auf Station, um Tee nachzuholen, begegne der Ärztin-Praktikantin und stelle so neutral wie möglich die Frage (nachdem ich darauf hingewiesen habe, dass mich das Schluchzen beim Lesen störe), ob es jemand von unserer Station sein könnte. Die Ärztin-Praktikantin verneint und fügt hinzu: «X. ist es jedenfalls nicht. Die ist ausgegangen.»
Abends ist es ruhig. Wer wach ist, sieht im Gemeinschaftsraum fern, über das Programm wird abgestimmt. Ich trinke Tee und lese. Raise High the Roof Beam, Carpenters.
Einer geht immer auf und ab. Das ist der Traurigste.
Zolpidem reduziert. Mache im Bett Yoga-Übungen in Erinnerung an die einzige Stunde Yoga, die ich vor 27 Jahren im Rahmen einer Projektwoche am Gymnasium bei der Mutter von Anja Kranz machte. Jeder Körperteil einzeln ansprechbar. Konzentriert entspannen. Danach zwar immer noch schlaflos, aber entspannt und schwer wie Blei. Unser Projekt damals hieß Gesundheitswoche, und ich hatte mich dafür gemeldet, weil ich dachte, dass B. daran teilnehmen würde, die sich das ausgedacht hatte. Sie machte dann aber Skifahren, und ich ernährte mich eine Woche von Gemüse und lernte Yoga.
Was macht mein Zimmernachbar da eigentlich? Zähneknirschen?
Wach. Aufstehen. Draußen Schnee. SCHNEE. Eine dünne, weiße Schicht über dem Garten zwischen den roten Ziegelbauten aus wilhelminischer Zeit. Arbeite im Gemeinschaftsraum. Sonst ist keiner wach.
Muss für die Ärzte Stimmungstagebuch führen, jeweils um 8, 13, 19 Uhr Check: Bin ich sehr fröhlich, fröhlich, mittel, bedrückt, sehr bedrückt? Durchgehend «sehr fröhlich» und ein durchgestrichenes und durch «sehr fröhlich» ersetztes «fröhlich» bisher. Da die Kategorie «hocheuphorisch» fehlt, die ich während jener Tage hätte ankreuzen müssen, vermute ich, dass sich hinter dem Begriff «sehr fröhlich» eine Falle verbirgt. Wenn ich durchgehend «sehr fröhlich» ankreuze, lassen sie mich nie wieder raus. Deshalb das versuchsweise Kreuz bei «fröhlich». Dann aber entschieden, ehrlich zu antworten. Die Ärzte sind ja nicht blöd.
Im Gemeinschaftsraum der Neuropsychiatrie gibt es:
Fernseher
VHS-Gerät
VHS-Kassetten (Blockbuster)
Computer (Windows XP, kein Internet)
Bücher
Von Frl. Smillas Gespür für Schnee übers Moppel-Ich bis Tzvetan Todorov (Die verhinderte Weltmacht, Reflexionen eines Europäers) ist es genau das Zusammengewürfelte, das man erwartet. Überraschung: «Frei erfunden» von Jochen Reinecke. Hey, Jochen! Du auch hier!
Arbeite an drei Textstellen, frühstücke und unterhalte mich mit Pfleger und Patienten gleichzeitig, ohne irgendwo den Faden zu verlieren. Auch nicht normal.
Fünf Männer auf der Station teilen sich Toilette und Dusche. Außer mir sind das: der Zimmernachbar, der Geher, der Küchenaufräumer, der Zucker. Einer von ihnen hat offenbar ein Problem mit dem Klopapier. Er zieht nie die Spülung, und jedes Mal, wenn ich in die Kabine komme, liegt ein Muster aus (meist unbenutztem) Toilettenpapier am Boden: geheime Botschaften aus einer anderen Welt.
Eine einzige Patientin entspricht dem Hollywood-Klischee der Irren: nachlässige Kleidung, schlappe Haltung, wirre Haare. Nun sitzt sie zusammengesunken auf dem Sofa und starrt auf den nicht eingeschalteten Fernseher, während vor dem Fenster große Flocken fallen.
Jack-Nicholson-Momente:
der Bällekorb in der Psychiatrie, insbesondere der fast braune, abgegriffene Basketball
die Diskussion ums Fernsehprogramm
der Duschraum
Einladung zum Gesprächskreis
Einladung zum Töpfern und Basteln
Einladung, am Ausflug in die Stadt teilzunehmen (sehe mich schon den Bus zum Hafen steuern, wo Max’ Boot liegt)
Was fehlt: Mildred Ratched.
Jemand hat den Fernseher eingeschaltet. Der Hollywood-Irren ist es egal. Sie guckt trotzdem hin.
Ganzen Tag geschrieben. Die Visite kommt, der Stationsärztin Dr. Eins macht mein haltbar fröhlicher Affekt Sorgen. Hypomanie ist das Wort. Sie würde mich gern länger hierbehalten, und das ist genau das, was ich mir auch wünsche. Ich nenne meine Gründe, Räumlichkeiten hier vs. Ein-Zimmer-Loch zu Hause, phantastisches Essen, Ruhe, konzentriertes Arbeiten und ein Garten praktisch für mich allein; füge hinzu, dass es wie Urlaub für mich sei, ich es aus demselben Grund für Verschwendung von Steuergeldern hielte, und habe mit dieser Gesamteinschätzung ihre Diagnose der Hypomanie offenbar befestigen können. Merkwürdiger Rat: Man hält meinen Aktivismus für ein gefährliches Symptom, rät jedoch zur Aktivität, da Stillstand eine Rückkehr des noch Schlimmeren bedeute.
Für das Wochenende erkläre ich vorauseilend meine Bereitschaft, mich mit Zyprexa abschießen zu lassen, falls die Manie wiederkäme. Wochenende gefürchtet wegen Ärztemangel. Manie mein Arsch.
Ich darf nirgends allein hin. Mit der Praktikantin bei der Strahlentherapeutin Dr. Zwei, Bilder abholen. In der Angst, die ich noch vom letzten Mal her verspüre («Sie haben da einen zweiten Herd, falls Sie’s nicht wussten»), klammere ich mich am Arm der Praktikantin fest. Befund nach MRT weiter unklar, Dr. Zwei macht mir einen Termin am PET-CT, das ich selbst bezahlen muss, die Rede ist von 1000 Euro. Meine Frage, ob ich nächstes Jahr noch da bin, bleibt ohne Antwort. Natürlich will keiner falsche Prognosen abgeben, aber sie sagt weder ja noch nein, sagt auch nicht «Ich weiß es nicht» oder «Das kann man nicht wissen», ignoriert die Frage einfach, sodass ich in der Nacht abermals damit beschäftigt bin, mich auf drei Monate, wahlweise dreißig Tage runterzurechnen. Meine spätere Vermutung, dass die richtige Antwort gewesen wäre: «Ich weiß es nicht, weil ich beim Glioblastom inkompetent bin und meine Strahlen auf alles richte, was da kommt zwischen Prostata und Frontallappen, weshalb ich Ihnen auch ein Faltblatt in die Hand drücke, auf dem erklärt wird, wie Sie währenddessen mit einer Magensonde ernährt werden», wird sich noch als falsch herausstellen.
Auch hat Dr. Zwei etwas nicht ganz und gar Unbewundernswertes an sich, etwas von einer mittelalterlichen Rüstung und Waffe. Sie schenkt mir einen Kugelschreiber.
Erster Besuch zu Hause ohne Begleitung, der beruhigende Anblick vertrauter Gegenstände. Die Waschmaschine, die meine Eltern beim Aufenthalt in meiner Wohnung zerstört zu haben glaubten und die mehrere Waschgänge lang nicht tat, was sie tun sollte, tut es wieder. Einfach so. Miele. Die Maschine wurde noch von meiner Großmutter erworben, ein Waschautomat der 1968er-Baureihe, also aus einer Zeit, als der Mond noch nicht betreten, Borussia Neunkirchen noch in der Bundesliga und das elektronische Signallämpchen nicht erfunden war.
Das mechanische Äquivalent zum Signallämpchen ist die Überschwemmung des Fußbodens, die den Besitzer darauf hinweist, dass das Flusensieb voll ist. Man muss das Sieb dann rausnehmen und entflusen, etwa alle fünf Jahre, was bedeutet, dass dies im Leben des Automaten sieben oder acht Mal geschah, und ich erinnere mich, wie gerührt ich immer beim Entflusen war: Wie die Zeit vergeht. Die Maschine wurde nie gewartet und war nie defekt. Die vollständige Aufschrift lautet: MIELE AUTOMATIC W 429 S.
Summe von mir selbst unbemerkt seit Tagen «Bunte Schlangen, zweigezüngt, Igel, Molche, fort von hier! Dass ihr euren Gift nicht bringt in der Königin Revier!» Text kannte ich nur bis zweigezüngt, musste ich googeln. Seit dem Aufenthalt im Bundeswehrkrankenhaus laufen in Endlosschleife zwei Kassetten bei mir, Kassette 1: Dowland, Handford, Rosseter, Lawes, Monteverdi, Bachchoräle. Aufgenommen von Calvin, meinem besten Freund aus der Nürnberger Zeit, der sich mit Holm die Figur des Desmond in den «Plüschgewittern» teilt (ohne die Zwielichtigkeiten, die erfunden sind). Jetzt Orchestermusiker in Christchurch, NZ. Seit Jahren nicht gesehen. Schrieb zuletzt gegen Weihnachten, lud mich wie immer ein, ihn zu besuchen.
Weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll. Wahnsinnig empfindlicher Mann, kann nicht mal Blut sehen.
Kassette 2, Seite A: Campian, Marchant, Corkine, Dowland, Morley, Perrichon, Hume, Anne Boleyn. Seite B: Mendelssohn-Bartholdy, Sommernachtstraum, von mir selbst aufgenommen zu Zeiten, als ich in A. verliebt war. Fünfzehn Jahre grässlicher Liebeskummer um einer Frau willen, die ich in all den Jahren, seit ich sie zum ersten Mal besuchte, nicht länger als acht Stunden gesehen habe. Nie ein Bild von ihr besessen. Hunderte Briefe geschrieben, entsetzliche Briefe. Sie vor Beginn meines Studiums einmal besucht, um sie zu zeichnen: komplett misslungen. Schwärzester Tag meines Lebens. Abends ihren Vater mit dem Auto abgeschleppt, der liegengeblieben war und anrief. Dann im Haus übernachtet, weil schon spät. Keine Sekunde geschlafen, hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Vernunft. Am nächsten Tag peinliches Geständnis, mit dem ganzen Furor meiner sozialen Inkompetenz. Dann mit 150 km/h zurück nach Hamburg, über die kurvigen Landstraßen der Holsteinischen Schweiz, und ich erinnere mich noch genau, wie überrascht ich war festzustellen, dass Autos seitlich gleiten können wie Schlittschuhläufer, und an das Gefühl in meinem Magen. Dass man es danach noch ein Vierteljahrhundert aushält in dieser Welt, auch eine Leistung.
Übrigens bin ich völlig unmusikalisch. Dass Emma Kirkby phantastisch singt, weiß ich von Calvin. Glaube auch, hören zu können, dass sie phantastisch singt, weiß aber aus Erfahrung, dass ich mittelprächtige Ausübung von Musik nicht von guter unterscheiden kann. Ähnlich schwach ausgeprägte Sinne: Geschmack, Geruch. Der Rest ist okay.
Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten.
Aus meinem letzten Brief an Calvin, 27.12.2009: «Meine Vorstellung des Lebens war immer die einer Parabel: Von der Geburt leicht geschwungen ansteigend bis zum Höhepunkt, dann ebenso leicht geschwungen und immer rascher abfallend bis zum Ende. Wobei dieser Höhepunkt nicht als Höhepunkt der Vitalität oder dergleichen vorgestellt werden kann, lediglich als geometrische Mitte des Lebens, als statistische Marke; und seit ich diese statistische Marke sicher überschritten habe und mich nun Tag für Tag und Nacht für Nacht auf absteigender Linie mit zierlichem Schwung dem Grab entgegenrutschen sehe, hat es meine ohnehin nie geringe Thanatophobie noch einmal in ganz andere Dimensionen katapultiert. Da sich die Psychologie der Behandlung dieser Angst wegen erwiesener Berechtigung und Realitätsnähe nicht widmet, hab ich in den letzten Monaten eine Selbstmedikamentierung mit Salmiak-Wodka nicht ohne Erfolg in die Wege geleitet.» Drei Wochen bevor alles losgeht.
Wenige Minuten nachdem ich über meine Waschmaschine schrieb, trete ich in meinem Badezimmer in eine Pfütze. Das Flusensieb ist voll. Es ist nicht der einzige Zufall der letzten Tage. Die Begegnung mit X., der Entschluss, am Jugendroman weiterzuarbeiten, auf den Tag genau sechs Jahre nachdem ich ihn begonnen hatte, heute Morgen die Lektüre der «Blume von Tsingtao», die auf der Irrenstation der Charité spielt und lauter Sätze enthält, die ich im Wahn auch sagen musste, etc. Die Häufung der Zufälle offensichtlich Folge eines überwachen Zustandes, in dem alles genau miteinander verglichen wird. Ich kenne das sonst nur aus den Phasen starker Verliebtheit. Trotzdem verwirrt es mich.
Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem. (geweint)
Die anzugtragenden Türsteher oder Gäste vor dem BABALU halten Sektgläser auf Bauchhöhe und schauen stumpf gen Reinhardstraße. Da geht’s mir doch vergleichsweise gut.
Nach «Blume von Tsingtao» auch «Diesseits des Van-Allen-Gürtels» noch mal Korrektur gelesen. Um zu gucken: Lohnt sich das überhaupt? Kann ich das? Oder mache ich lieber eine Weltreise? Aber die Geschichte ebenfalls völlig okay, sogar gut (und überraschenderweise ziemlich genau das, was ich schreiben wollte, während ich über der Fahnenkorrektur immer dachte: Das ist nicht zu zehn Prozent das, was es sein soll). Mir schleierhaft, wie ich damit in Klagenfurt gegen den handwerklich grotesken und pathetischen Tellkamptext verlieren konnte. Entweder bin ich immer noch vollkommen größenwahnsinnig und dies wird ein Helmut-Krausser-Journal (sagt Bescheid, nebenan gibt’s noch Zyprexa) oder –
Arzttermin bei Gott, er versteckt sich hinter dem nom de plume Prof. Drei. Kurz vor der Rente oder drüber, Jahrzehnte Erfahrung, arbeitet zwölf Stunden am Tag, jeden Tag, schiebt mich am Sonntag in der Sprechstunde dazwischen. Wartezimmer voll mit Hirntumoren, die sein Loblied singen. Inoperable Gliome, die er operiert hat, vor neun Jahren. Der erste Arzt, der redet, wie mir das gefällt: in Zahlen, in Prozenten, in Wahrscheinlichkeit und Wirkungsgrad. Auch in Graden der Wirkungslosigkeit (80 % der Bestrahlten zeigten überhaupt keine Wirkung, null, lediglich Spätfolgen in zwei bis vier Jahren). Dass er überhaupt mit Spätfolgen rechnet: Bis heute Morgen war ich nicht sicher, ob ich im Sommer noch da bin. Weitere Zahlen, die ich nicht kannte: Tumor war acht Zentimeter groß, gewachsen in ca. sechs Monaten. Prof. Drei empfiehlt Angiogenesehemmer (Hypericin = Johanniskraut), Apoptoseauslöser (Resochin), EGFR-Blocker, spricht von einer Studie in Denver und einem Mann, der mit Hypericin geheilt wurde. Geheilt? Widerspricht das nicht der Wissenschaft? Er nimmt sich Zeit, erklärt alles, gibt mir zum Abschied die Hand und zieht mich gleichzeitig mit dem Händedruck aus dem Sprechzimmer: nächster Patient.
In der U-Bahn vor Glück außer mir.
Entlassung aus der Psychiatrie, poststationäre Behandlung. Adresse einer Psychologin, an die ich mich ggf. wenden kann. Ich glaube sicher, es nicht nötig zu haben, behalte diese Einschätzung aber lieber für mich.
Zu Hause begeistertes Auf- und Umräumen der Wohnung, zentimeterdicke Staubschichten, stelle den Computer ans Fenster und frage mich, warum ich fünfzehn Jahre in der dunklen Ecke gesessen habe. Ach ja: Damals hab ich noch gemalt. Da brauchte ich auch Licht.
Bunnyshow. Phantastisch. Bunnys gut, Gäste gut, keine Hänger, alles richtig. Erkundige mich bei anderen, die die Show auch okay fanden, aber nicht so okay. Bin offenbar deutlich kritikloser als sonst, sollte also weiter vorsichtig sein, was den Schwanzvergleich mit Tellkamp angeht.
Die letzten Tage «Loslabern» von Goetz. Bizarrer Text über Tellkamps «Turm», er habe jetzt endlich Thomas Mann begriffen oder in Tellkamp Thomas Mann gelesen oder begriffen. Vermute, dass er weder das eine noch das andere wirklich gelesen hat, wenn er schon bei Kracht nur bis zu dem Wort Menschentalg kam. Wobei er mit dem Feuilleton ja übereinstimmt. Wenn man in Deutschland Geschichten schreibt, kommt man um Carver nicht herum, Adoleszenz immer Salinger, und beim ganz großen Wurf rauscht das alte Doppelgespann zum Einsatz: «Uwe Johnson: nur mit Proust und Joyce vergleichbar.» Aber am schlimmsten erwischt es immer Thomas Mann. Alles über 600 Seiten und Familie: Thomas Mann. Ja, richtig, der hat mal diesen einen Roman über eine Familie geschrieben. Gesellschaft kommt auch vor. Und? Ich kann mich nicht erinnern, schon mal einen einzigen Mann-Vergleich gelesen zu haben, der darauf hinauswollte, dass der zu Vergleichende ein unfassbar großartiger Trickser sei. Schlagt mich tot mit der Hans-Carossa-Gesamtausgabe, aber ich halte die Trickserei für die Hauptsache bei Mann.
Letztes Jahr hab ich «Buddenbrooks» und «Zauberberg» wiedergelesen im Rahmen des Projekts: Ich überprüfe mein Urteil mit zwanzig. Da gab es in diesem Fall ausnahmsweise nicht viel zu korrigieren, nur die Reihenfolge hatte sich geändert: Jetzt waren mir die «Buddenbrooks» noch lieber. Aber was mich killt an Mann und immer gekillt hat, sind seine formalen Tricks, diese kleinen Hebel zum Beispiel, die er im Text einbaut, um Hunderte Seiten später mit einem einzigen Ruck und Satz und Wort ganze Figuren, Handlungsstränge und Lebenskonzepte im Abgrund zu versenken, Desillusionsmaschine aus der Hölle. Und ich erwarte nicht, dass das einer genauso macht oder kann, Desillusion ist vielleicht auch nicht jedermanns Sache, obwohl ich nicht weiß, wie man über 300 Seiten gehen soll ohne das. Aber eine wenigstens spürbare, wie auch immer geringe Aufmerksamkeit der Form und Struktur widmen und meinetwegen scheitern, das sollte doch wohl drin sein, bevor man den Mann-Vergleich rausholt. Und Tellkamp hat ihn ja selbst rausgeholt, im Doppelpack mit dem Goethe-Schwingschleifer, und wenn man dann diesen – ja – Familienroman liest: Himmel. Nichts. Nada. Nicht mal der Versuch zu irgendwas. Dieses ganze Gedödel um Uhren und Brötchen ist ja das Eigentliche, der existenzielle Kern dieses sprachlich verlotterten Scheißdrecks. Uhren und Brötchen und Mädchen hätte ich am liebsten geschrieben, aber selbst das Mädchen, den Selbstläufer einer wie auch immer vermurksten Adoleszenzgeschichte kriegt er nicht hin, versackt im Nichts. Der Flugzeugbauer versackt im Nichts. Die Familie, die in den Westen ausreist, versackt im Nichts. Was man ja im Fall dieser Ausreisenden, wenn’s einen nur für fünf Pfennig interessieren würde, zu einem spürbaren Nichts auszubauen versucht haben würde. Aber die Familie wird vorher nicht eingeführt und hinterher nicht vermisst, und das Ganze darf man jetzt vergleichen mit einem – Entschuldigung – Zauberer, der Clawdia Chauchat 120 Seiten vor Schluss in einem Nebensatz aus dem Roman eskamotiert, um das Elend ihrer Nichtanwesenheit, den Liebeswahnsinn und die fiebrige Erwartung ihrer Rückkehr gezielt aus Hans Castorp hinaus- und in den Kopf des Lesers hineinzuprügeln. Und während man noch vergeblich auf ein Lebenszeichen der Angebeteten wartet, flackert ein Schwarz-Weiß-Film vom Ersten Weltkrieg über die Leinwand. Als ich das das erste Mal gelesen hab, bin ich fast gestorben.
Drei Sachen, die Tellkamp hinkriegt: Unterwasserfahrt des Panzers (wo er sich dankenswerterweise auch sprachlich dem B-Picture nähert), Chirurgenszene («der Operateur setzt den Haken» o.s.ä.), die Reden vorm Schriftstellerverband. Wo ich wirklich gern wüsste, inwieweit die recherchiert oder selbst ausgedacht sind. Weil, wenn selbst ausgedacht: groß.
Zum Schluss der Bunnyshow einen Kompass gewonnen, «showing direction of al-kaaba». Der Kompass teilt den Umkreis in 40 Abschnitte zu 9 Grad, ein Begleitheft informiert über die Kennzahl des jeweiligen Standorts auf der Weltkugel, nach dem sich die Qibla errechnet. Schwer zu sagen, ob man mit seinem Körper so präzise hinbeten kann. Die Frage, ab wie viel Grad Abweichung das Gebet ungültig wird, bleibt unbeantwortet. Vier Komma fünf?
Bei Recherche zum Wüstenroman immerhin gefunden: «Wenn ein Hase, eine Ziege oder ein anderes Tier sich vor einem Betenden bewegen, bleibt das Gebet gültig. Die Rechtsgelehrten sind sich darüber einig, dass nur drei Wesen das Gebet ungültig machen: Eine erwachsene Frau, ein schwarzer Hund und ein Esel.» (Abd al-Aziz ibn Baz)
Tatsächlich brauche ich dringend einen Kompass, wenn ich nachts durch Berlin laufe, kein Mond und keine Sterne zu sehen sind und ich nicht weiß, ob ich nach Ost oder West unterwegs bin: Ich bin unglaublich orientierungslos. Vom NBI zu mir nach Hause sind es zwei lange gerade Straßen, die im rechten Winkel zueinander stehen. Letztes Jahr versuchte ich das mit der Diagonalen Richtung Südwesten abzuschneiden, anderthalb Stunden später stand ich nördlich vom NBI. Thema der Bunnyshow übrigens Buchvorstellung Passig/Scholz: Verirren.
Vier Ratten auf dem Bürgersteig. Sie laufen nicht weg, als ich stehen bleibe, sie laufen nicht weg, als betrunkene Passanten vorbeikommen. Sie laufen nicht weg, als ich mich nähere, als ich mich niederknie und die Hand ausstrecke. Eine schnuppert an meinem ausgestreckten Finger und trottet zurück in ihre Wohnung: Torstraße 203.
Letzter Termin in der Psychiatrie. Ja, es geht mir gut, ja. Bringe X. wie versprochen «Nine Stories» in der Tagesklinik vorbei.
Unten eine Ausstellung der Bildhauerin Dorothea Buck, die Psychose für unter anderem Selbstfindung hält und Psychoseinhalte als religiöse Erfahrungen verstanden wissen will. «Könnte es sein, dass Schizophrene manchmal die vom christlichen Glauben eigentlich begabten Menschen sind? Welches Wissen über den Menschen, über seine Abgründe, über seine Sehnsucht und Religiosität ginge verloren, wenn es die Schizophrenie nicht gäbe?» Wohl wahr. Aber für alle reichen die Medikamente halt nicht.
Erster Sommertag, ganzen Tag Kopfschmerzen. Drei Tage kein tierisches Eiweiß, heute überhaupt nichts gegessen wegen PET-CT. Kostet 2000 Euro: «Zahlen Sie bar oder mit Karte?» Tut mir leid, könnte man mir das vorher sagen, dass ich hier mit Plastiktüten voller Geld in die Arztpraxis kommen muss? Jetzt kann ich morgen wieder hin und meinen Befund kaufen. Erster relativer Scheißtag, wegen Kopfschmerz. Um acht bringt mich C. ins Bett. Bin allerdings nicht hypochondrisch genug, es auf etwas anderes als das Wetter zu schieben.
Wache von allein um 6:50 auf. 73 Kilo, sechs bis sieben Kilo unter normal. Sieht gut aus.
Schon der Lerche Morgensang. Hüpfen wir denn, Königin, schweigend nach den Schatten hin!
Das PET-CT zeigt keinen zweiten Herd vorne rechts. Ich erzähle Dr. Zwei von den Einwänden Prof. Dreis. Sie nennt ihn einen charismatischen Mann, der nicht auf dem neuesten Stand der Forschung sei. Seine Zahlen seien falsch. Sie beruft sich auf die NOA.
Eine CD vergessen, erneut zum PET-CT. Die Praxis ist ganz in der Nähe von Marek, ich gehe zum Schachspielen vorbei. Spiele deutlich schneller, aber auch deutlich waghalsiger als sonst. In der Spielstärke am Ende kein Unterschied.
Prof. Drei und seine Medikamente, hauptsächlich Hypericin, bei gleichzeitiger Ablehnung der Bestrahlung, gegoogelt. «Für die Wirksamkeit von Hypericin gibt es keine Nachweise.» Quelle: NOA. Die Suche nach neuesten Studien macht nicht glücklicher. Überhaupt: Ich finde fast keine «neuesten Studien». Bei der Suche nach zuverlässigen Angaben lande ich immer wieder auf Wirtschaftsseiten. DCVax-Brain von Northwest Biotherapeutics, Impfung mit dendritischen Zellen, phantastische Studien aus dem Jahr 19** etc., wo bleibt die Folgestudie? Die Börse rät ab.
Traum: Ich gehe an einer Reihe von Rassehunden mit schönem Fell vorbei. Eine Stimme sagt mir, die Hunde hörten auf mein Kommando. Ich befehle einem zu verschwinden, er rührt sich nicht. Ich gehe einen Hügel hinauf und schaue mich nach den Tieren um, von denen ich weiß, dass jemand sie gleich auf mich hetzen wird. Ich verstecke mich in einem Kellereingang, und die Stimme sagt, dass dort der größte, schrecklichste Hund wohnt. Ich kehre zurück zu den Hunden, die in Reihe stehen.
Traum: Bei der Entlassung geben die Ärzte mir sieben Valium, die «sicher tödlich sind». Ich schlucke zu Hause zwei oder drei, um mich zu beruhigen. Dann fürchte ich, sie könnten mich in dieser Dosierung bereits einschläfern, und pule den zerkauten Rest aus der Mundhöhle. Wie viel habe ich jetzt genommen? Ich frage die Ärzte, ab wie viel Tabletten genau es aus ist. Zwei, sagen sie. Ich trinke eine Schüssel Salzwasser und weiß: Ich brauche eine Waffe.
Vier Stunden warten auf Prof. Drei. Zwei Patienten waren gestern schon da, haben fünf Stunden gewartet und wurden dann nach Hause geschickt. Diesmal keine beeindruckenden Langzeitpatienten, dafür viele aus dem Ausland, ein Schwede oder Niederländer, ein Italiener, ein Russe, eine Vietnamesin.
Prof. Drei hat keine Einwände gegen meine Strahlentherapie am Montag. Spricht nur abermals von Wirkungslosigkeit, allerdings mit anderen Zahlen: Lebensverlängerung um 2 Monate. Stützt sich auf NOA 1, 2 und 3, worauf auch Dr. Zwei sich stützt. Ihm geht es nach wie vor um Jahre. Will nach 6 Wochen ein MRT und mich dann wiedersehen. Empfiehlt die Kombination aus Hypericin, Thalidomid (Contergan-Wirkstoff, Angiogenesehemmer) und Resochin (Chloroquin) als Apoptoseauslöser.
Dass ich keine Studien zu Hypericin finden konnte, wundert ihn nicht: Es gibt keine. Zu dem, was er macht, auch nicht. Googelt man die Medikamentenkombination, findet man nichts.
Ich frage, wo im Krankenhaus ich meine AOK-Karte vorzeigen soll, weil sie schon letztes Mal keiner sehen wollte. Er sagt: Ist alles umsonst. Klingt phantastisch und macht mich noch misstrauischer. Wieder der Händedruck, der einen hinauszieht.
Beginn von Temozolomid und Bestrahlung im Clinac 3 der Charité. Schönes Gerät, könnte für meinen Geschmack noch futuristischer sein. Der Kopf wird in der vor zwei Wochen hergestellten Maske fixiert, die Kanone wandert um den Tumor herum und verschießt aus verschiedenen Winkeln hochenergetische Photonen mit 1,5 Gray. Zweimal täglich. Es piepst, dann werde ich gedreht, dann piepst es wieder, und wenn die Assistentin unter großem Applaus das schwarze Tuch von der Kiste zieht, ist der Krebs verschwunden.
Strahlender Sonnenschein, fast blauer Himmel. Clinac 3 liegt an der Spree, es sind nur ein paar Meter bis zum Hauptbahnhof, und da stehe ich jetzt in dem Panorama, das ich von der Neuropsychiatrie aus noch sehen konnte. Das Fenster, an dem ich stand, kann ich nicht mehr identifizieren.
Sitze am Wasser mit Salinger. Jogger im T-Shirt, eine Frau, die sich auf der Bank ausgestreckt sonnt, Skater mit Slalomhütchen und Zeitmessanlage.
Jetzt zeig mal, was du kannst, Karnofsky. Los.
In der Bestrahlung vor mir ein etwa gleichaltriger Mann mit einer senkrechten Narbe auf der Stirn. Sieht deutlich attraktiver aus als bei mir, wo ich vorgestern beim Haareschneiden feststellen musste, dass meine Seite wirkt wie ein von Andy Warhol gestaltetes, von behinderten Kindern abgezeichnetes Rolling-Stones-Cover.
Eine Stunde warten auf die zweite Bestrahlung. Zeichne einen Mitwartenden mit Kugelschreiber in mein Notizbuch. Erstes Porträt seit, ich glaube, Tiina, fünfzehn Jahre ist das her. Nicht gut, ich habe den abstrakten Zugang zu den Linien und Winkeln nicht mehr, aber dass ich überhaupt wieder Freude am Zeichnen verspüre: eine der vielen Merkwürdigkeiten der letzten Wochen.
Der Jugendroman, den ich vor sechs Jahren auf Halde schrieb und an dem ich jetzt arbeite, ist voll mit Gedanken über den Tod. Der jugendliche Erzähler denkt andauernd darüber nach, ob es einen Unterschied macht, «ob man in 60 Jahren stirbt oder in 60 Sekunden», usw. Wenn ich das drinlasse, denken alle, ich hätte es nachher reingeschrieben. Aber soll ich es deshalb streichen?
Noch mal googeln: eine Hypericin-Studie an Mäusen mit gutem Erfolg. Eine Chloroquin-Studie an Menschen vom National Institute of Neurology and Neurosurgery of Mexico, 2005: Die Chloroquin-Gruppe überlebt im Schnitt 24 Monate, die Placebos 11 Monate. Dreißig Teilnehmer, und etwas verwirrend: die randomisierte Chloroquin-Gruppe ist durchschnittlich fünf Jahre jünger, bei gleichem Karnofsky. Was mir nicht ganz unerheblich vorkommt. Folgestudien?
Ansonsten wenig zu Chloroquin, außer dem Treffer in der «Blume von Tsingtao». Da wirft der Erzähler sich damit zu, nachdem er seinen Fieberanfall hatte und in einer Gedankenschleife aus der Welt zu verschwinden glaubte.
Apoptoseauslöser: Das Protein CD95 ist ein wichtiges Schaltmolekül, um den programmierten Zelltod auszulösen, wofür sich die Krebsforschung logischerweise interessiert. Schalter anschalten, und der Krebs macht sich selber weg. So die Idee. Martin-Villalba vom Deutschen Krebsforschungszentrum findet 2008 (?) heraus, dass die Aktivierung von CD95 beim ausgerechnet Glioblastom zu explosionsartigem Wachstum des Tumors führt.
Jetzt in Heidelberg in der Entwicklung: APG 101 von Apogenix, das den Apoptoseschalter CD95 über die Neutralisierung des Liganden CD95L auszuknipsen versucht. Verträglichkeit des Medikaments erwiesen, zurzeit Phase-II-Studie an Rezidiven in Heidelberg.
«Ligand CD95L», «Rezeptor mit pleiotroper Funktion» – mittlerweile gehen mir die Worte so leicht über die Lippen wie «Schmetterlinge im Bauch». Ich weiß sogar teilweise, was sie bedeuten.
Laut Apogenix-Website überleben weniger als 30 % der Glioblastome das erste Jahr. Bisher waren es immer siebzig. Dreißig, siebzig, whatever: Old Karnofsky und ich fahren eh mit dem Taxi.
Nach einer Woche Chemo und Bestrahlung keine Nebenwirkungen, vielleicht ein leicht benommenes Schwindelgefühl.
Die letzten Tage den Jugendroman gesichtet und umgebaut, Übersicht erstellt, einzelne Kapitel überarbeitet, neue entworfen. Jetzt von Anfang an: jeden Tag mindestens ein Kapitel. In spätestens 52 Tagen ist es fertig. Heute: Kapitel 1.
Je länger man googelt, desto sicherer sinkt die Wahrscheinlichkeit, ein Jahr zu überleben, unter 50 Prozent. Immer noch ohne Schlafmittel.
The survival of patients treated with TMZ plus radiotherapy according to MGMT promoter status.[1]
Termin bei Prof. Moskopp und ein Treffer im Gen-Lotto: Ich hab die Scheißmethylgruppe. Ich bin hypermethyliert. Der entscheidende Marker dafür, ob der Körper auf Temodal wahrscheinlich überhaupt anspricht. Und jetzt fick dich in deinen kleinen, gottlosen, unhypermethylierten Arsch, du Dreck von einem Krebs. Die Wahrscheinlichkeit war 45 %. Die Folge sind ein paar Wochen oder Monate. Statistisch. Statistisch ist es aber auch so: Nach zwei Jahren wird die Kurve flach.
Auf dem Rückweg von Moskopp sehe ich aus der Straßenbahn Holms Büro am Alexanderplatz. Ich steige aus, um ihn zu besuchen, kann das Bürogebäude aber nicht mehr finden.
Der vielleicht senilste Sack der deutschen Literatur redet eine Stunde lang über sein bevorzugtes, seit dem Ende des Judenthemas einziges Thema: Wie ungerecht er um 1924 herum einmal kritisiert worden sei von der Kritik für seinen Roman «Hans» oder «Dörte», während aufmerksame Geister doch schon auch damals und von den Übelmeinenden leider verdeckt und überschattet hinter ihm gestanden hätten wie selbstverständlich auch jederzeit sein Publikum, beispielsweise jener Studienrat aus München, von dem es folgende herzstärkende Anekdote zu erzählen gebe, wodurch in diesem ganzen Prozess nicht zuletzt auch noch einmal der demokratische Gedanke selbst gegen die Verschwörung der Cliquen sich ausgedrückt und ihn seelisch aufgebaut und sein Tun abermals zu Recht bestätigt habe usw.: Walser auf 3sat. Vielleicht sollte er zu dem Judenthema zurückkehren, das war irgendwie noch weniger anstrengend.
Sechs Kohlenstoff, sechs Wasserstoff, sechs Stickstoff, zwei Sauerstoff zu zwei Ringen gebogen: Temozolomid. Fünf Tabletten 1189,17 Euro. Danke, AOK. Im Ernst: Ich weiß nicht, wie das Gesundheitssystem ausgesehen hat, bevor alle anfingen, sich zu beschweren, wie sehr runtergerockt es nun sei, aber was dieses System schon in die Errettung und Erhaltung einer flackernden Kerze investiert hat, die sich um das Bruttosozialprodukt dieses Landes bisher auch noch nicht so verdient gemacht hatte: erstaunlich.
Danke, Staat, danke, Gesellschaft, danke, AOK, danke, danke.
«Du wirst sterben.»
«Ja, aber noch nicht.»
«Ja, aber dann.»
«Interessiert mich nicht.»
«Aber, aber.»
Der Komödienstadel führt sein tägliches Stück zum Weckerklingeln auf, fünf Sekunden später beendet der Intendant die Vorstellung. Work!
Krebs und Reiki: der tägliche Irrsinn der Mailingliste.
Ich kann nicht mehr googeln, es zieht mich runter. Organspendeausweis im Portemonnaie gefunden und weggeworfen. Der genetische Schrott, der meinen Geist beherbergt, ist jetzt wertlos.
Prassnik. Normalität. Gut.
muss