Friedrich Mülln
Soko Tierschutz
Wie ich undercover
gegen den Wahnsinn der
Massentierhaltung kämpfe
Knaur e-books
Friedrich Mülln, Jahrgang 1980, entdeckte bereits als Schüler sein Interesse an der Natur und begann sich für den Schutz von Tieren in der Massentierhaltung zu engagieren. Schon während der Schulzeit wurden seine ersten Rechercheergebnisse in TV-Magazin-Sendungen veröffentlicht. Neben und nach seinem Politikstudium arbeitete er als Contract Investigator für große Tierschutzorganisationen im In- und Ausland. 2012 gründete er die Soko Tierschutz. 2019 wurde er für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen.
Droemer eBook
© 2021 Droemer eBook
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit
Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Redaktuion: Dr. Ulrike Strerath-Bolz, Friedberg
Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Coverabbildung: Archiv des Autors
ISBN 978-3-426-46206-5
Ich stehe als Sechzehnjähriger in der Dunkelheit, ein ziegelsteingroßes Funkgerät in der Hand, und starre in die Finsternis. Hinter mir quietschen Hunderte Pelztiere in Käfigen. Ich zittere, nicht vor Kälte, sondern davor, dass ich gleich Alarm in das Funkgerät sagen muss, wenn der Pelztierzüchter mit seinem Auto angerast kommt.
So fängt meine Geschichte an. Eigentlich hat sie aber schon früher begonnen, in Kroatien mit der Familie im Urlaub. Damals verteilte ich meine ersten auf der Schreibmaschine meines Vaters getippten Flugblätter an Touristen. Ich wollte die beim Schnorcheln lieb gewonnenen Tiere retten: die Kugelfische, die sich panisch aufblasen und dann mit heißem Sand gefüllt werden, um als Mobile irgendwann an einem Wohnzimmerfenster zu baumeln. Die Seesterne und die Korallen.
Oder nein, noch früher: Eigentlich begann es mit meinem Opa. Mit dem ging ich, bevor mich meine Eltern aus beruflichen Gründen nach Bayern verschleppten, viel im Schwarzwald spazieren. Er ließ mich die Natur entdecken, kleine Wunder wie schmackhafte Morcheln im sanften Moos, Kaulquappen im Tümpel und glitzernde Kristalle auf der alten Abraumhalde.
Damals war mir noch nicht klar, dass auch der Beruf meines Vaters als Industrieberater der Fleisch- und Fischbranche in argen Konflikt mit meiner Liebe zur Natur geraten sollte. Fast jeden Tag lag bei uns ein Schnitzel auf dem Teller, und ich empfand es nicht als Widerspruch, Tiere und die Natur zu lieben und trotzdem Lebewesen zu essen. Bis ich herausfand, dass meine hoch geschätzten Meerestiere, die ich nahezu täglich zwischen Nintendo und meiner stets total vernachlässigten und mit Desinteresse gestraften Schule in Sachbüchern studierte, an mein Lieblingsessen, das zukünftige Putenschnitzel, verfüttert wurden.
Damals fuhr ich mit dem Fahrrad in ein kleines bayerisches Dorf namens Schönram, und was ich dort bei meiner ersten Putenmastanlage auf Zehenspitzen stehend sehen musste, brauste durch meine Jugendwelt wie ein Orkan. Die geschundenen Puten, diese armen, leidenden Tiere mit den verstümmelten Schnäbeln, von denen ich vorher nicht einmal wusste, wie sie aussehen, machten plötzlich alles andere nebensächlich: den 8. Palast in Zelda 2, die Deklination von filius in Latein und auch meine Hobbys wie das Ausgraben von uralten Haifischzähnen oder das Schnorcheln im Mittelmeer.
Ich musste mich neu orientieren, und wie das so ist, wenn man ein Teenager ist, denkt man radikal. Ich besorgte mir Literatur über Tierrechte, ich sog Artikel über Aktionen und Anschläge gegen Tierlabore und Pelzgeschäfte in England in mich auf und gewann neue Freunde, mit denen ich bald des Öfteren nachts verschwand, um zu sehen, wie es Tieren geht, die für den Menschen ausgebeutet werden. Und auch, um einigen dieser Tiere die Freiheit zu schenken.
Natürlich wurde ich auch vegan, sozusagen über Nacht. Dabei half sicher, dass ich Käse immer schon eklig fand. Ein Flyer von einem Infostand in der Münchner Fußgängerzone war der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte, denn dort erfuhr ich, dass zum Beispiel für die Produktion eines einzigen Hühnereis 200 Liter Wasser vergeudet wurden, und viele andere erschreckende Fakten.
Für mich als Naturfreund und Umweltschützer war diese Kehrtwende ganz folgerichtig. Meine Eltern hingegen dachten erst einmal, ich wäre einer Sekte anheimgefallen, und versuchten den frischgebackenen Veganer erst mit dem Lieblingslachsschinken, dann mit Reiswaffeln ohne alles als Pausenbrot zurück in die Normalität zu führen. Sie merkten aber schnell, dass mein Abschied vom zerlegten Tier endgültig war, und sie machten das Beste daraus, denn immerhin hatte ich mir gemäß dem Motto der strengen Veganer auch die Lebensweise Straight edge, also den Totalverzicht auf Drogen, auf die Fahnen geschrieben.
In den nächsten Monaten lernten fast alle Bewohner von Laufen, der kleinen hübschen Stadt im Chiemgau, den frischgebackenen Tierschützer persönlich kennen. Ich klingelte an jeder Tür und sammelte Unterschriften gegen Tierquälerei. Bei meinem ersten, kleinen Infostand, den ich gemeinsam mit meiner Schulfreundin und Mathenachhilfe Flavia aufbaute, kam es dann zu einer weiteren Begegnung, die alles verändern sollte. Ich geriet beim Thema Käfighühner an einen Legebatterienbesitzer, der mich mit seinen Argumenten ernsthaft in die Ecke drängte und mit dessen aggressiver Sprache ich nicht fertigwurde. Danach schwor ich mir, dass so was nicht wieder passieren darf, und lernte alles, was ich wissen musste, um nie wieder in einer Diskussion mit einem von denen den Kürzeren zu ziehen.
Ich begann auch schnell, meine alten Hobbys mit dem neuen Kampf für die Tiere zu verbinden. So wurde der berüchtigte Umweltschützer – böse Zungen bezeichnen ihn als Ökoterroristen – Paul Watson mein Vorbild. Während ich eigentlich für Mathe lernen sollte, träumte ich davon, mit der Sea Shepherd Treibnetzfischer zu rammen und Walfänger zu versenken.
Als mein bester Kumpel eines Tages von der Polizei festgenommen wurde, war das ein Bruch für mich. Er hatte Buttersäure in ein Pelzgeschäft gespritzt und sich mit der riesigen Spritze in der Hand erwischen lassen. Mein Freundeskreis schrumpfte, denn auch Georg, meine zweite Bezugsperson im neuen Leben als Tierrechtler, saß plötzlich in U-Haft. Die Polizei räumte das Büro der Tierschutzgruppe leer, und ich blieb allein übrig. Meine Mitschüler, die mich ohnehin mobbten – rote Haare, Sommersprossen, Hochdeutsch und bleiche Haut! – und mir heimlich stinkende Wurstsemmeln unter die Schulbank legten, fragten am nächsten Tag höhnisch, ob die Polizei mich auch hopsgenommen hätte. Mein Bezugskreis hatte sich in Luft aufgelöst. Wer sollte jetzt in Pelzfarmen filmen und damit öffentlichen Druck erzeugen, wer sollte den Leuten zeigen, wie es in Legebatterien zugeht, und so manchem Käfighuhn die Freiheit schenken? War Gewalt gegen Sachen wirklich der Weg, mit dem man die Qual der Tiere beenden konnte, oder gab es bessere Methoden?
Schon ein paar Jahre zuvor hatte mein Vater mir ein Nachtsichtgerät zu Weihnachten geschenkt, ein Relikt des Kalten Krieges, gefunden auf einem Flohmarkt und jetzt doch irgendwie ein Zeichen, wohin meine Reise gehen könnte. Funkgeräte, ein verschlissener Bundeswehrparka, meine erste vernünftige Fotokamera und eine gewaltige Stabtaschenlampe vervollständigten über mehrere Geburtstage hinweg meine Ausrüstung.
Zum Glück hatte ich Eltern, die mich respektierten und nicht verbiegen wollten. Mein Vater dachte im Zweifel immer, wenn der Junge schon was macht, dann soll er es so machen, dass es nicht schiefgeht. Seine Geschäftspartner in Ungarn bekamen meinen ersten Besuch als Undercover-Tierschützer, und er half mit – auch und gerade weil er wusste, dass in der Fleischindustrie vieles völlig außer Kontrolle geraten war.
Bald gab es auch die ersten Anrufe – heute nenne ich sie Informantenanrufe –, die mir von verwahrlosten Tieren, Hühnerfarmen voller Ratten und auch einer kleinen Nerzfarm berichteten. Es war eines meiner ersten großen Projekte, um die Pelzindustrie mit ihren Käfigbatterien zumindest in Süddeutschland zu Fall zu bringen. »Der Biolehrer mit dem Todeskäfig« titelte die Bild-Zeitung. Die Kampagne gegen den Lehrer an einer Klosterschule im Voralpenland sollte Jahre dauern. Erste Erfolge stellten sich ein, der Pelztierlehrer gab auf, und die Bilder von Rindern, die beim Schlachten brüllen, erschütterten die Menschen.
Ich hatte mich also entschlossen, einen anderen Weg als andere Tierschützer zu gehen: friedlich, mit der Kamera, nicht mit der Brechstange oder Buttersäurespritze. Mit dieser Entscheidung hatte ich mein Leben entscheidend verändert. Sie brachte mich in fast alle Winkel der Erde, nur mit Kameras bewaffnet.
Eigentlich hat sich seit den Anfängen auch nicht viel verändert. Aus den Diskussionen am Schulhof und dem ersten Artikel in der Südostbayerischen Rundschau wurden Live-Diskussionen bei Stern TV und weltweite Medienberichterstattung. Ich scheitere immer noch am 8. Palast in Zelda 2, ich sammle meine Pilze nach wie vor selber, gehe glitzernde Steine suchen, und ich jage Tierquäler. Nicht als Hobby, sondern als Lebensinhalt. Dieses Buch erzählt von meinen härtesten und gefährlichsten Einsätzen für die Tiere rund um die Welt.
Im Jahr 2000, als ich gerade mit der Schule fertig war, erreichte mich die Anfrage einer großen internationalen Tierschutzorganisation aus den USA, die mich überraschte, aber auch sehr reizte. Durch den Schweinemastskandal, über den ein späteres Kapitel berichtet, waren solche Tierschutzorganisationen endgültig auf mich aufmerksam geworden. Sie fragten mich, ob ich nicht Lust hätte, nach Indien zu fahren, um dort undercover in der Lederindustrie zu ermitteln. Denn große Mengen des Leders, das in Deutschland verarbeitet wird, kommt von indischen Kühen – obwohl diese Tiere auf dem Subkontinent heilig sind.
Man musste mich nicht lange überreden. Ich war so begeistert, dass ich sogar sehr schlecht über das Honorar verhandelte, das ich bekommen sollte. Viel Zeit blieb nicht, weder um zu überlegen noch für die Vorbereitung. Es sollte möglichst sofort losgehen, tatsächlich brach ich so schnell auf, dass ich nicht mal Zeit hatte, die notwendigen Impfungen zu machen. Meine Mitschüler gingen zur Abi-Feier, ich fuhr beladen mit Ausrüstung zum Flughafen, Ziel Mumbai.
Dort wurde ich am Flughafen von einem Fahrer abgeholt, den mir die Organisation stellte. Schon im ersten Augenblick war ich wie vor den Kopf geschlagen. Auf Indien war ich nicht vorbereitet. Ich kannte Kroatien, England und Italien, und so war Indien ein echter Kulturschock für mich. Überall lagen Menschen auf der Straße, und ich fragte mich, ob die alle tot seien. Aber tatsächlich schliefen sie nur; sie legten sich einfach irgendwohin und schliefen ein. Für mich sah es jedoch so aus, als ob dort gerade eine Seuche grassierte. Und so roch es übrigens auch.
Ich war zwar in einem Luxushotel einquartiert, aber das lag inmitten von Slums. Als ich mir die Umgebung des Hotels anschaute, war ich wie erschlagen. Ich hatte mir so etwas einfach nicht vorstellen können. Der Strand war knietief bedeckt mit Plastik, Kinder mit zerfetzten Kleidern verfolgten mich auf Schritt und Tritt und bettelten. Da ich mir anders nicht zu helfen wusste, verteilte ich ein paar Dollarscheine.
Es war laut und heiß, und wir wurden dauernd angesprochen und angestarrt. Die Menschen schienen das, was Fotografen Nahabstandsgrenze nennen, nicht zu kennen. Beim Fotografieren und Filmen wird in so einem Fall nur das Bild unscharf. Im wirklichen Leben wird der Umgang einfach unerträglich. Auch sonst waren die Umstände für meine Recherchen nicht gerade günstig, denn in Indien herrschte damals gerade Wahlkampf, und das bedeutete, dass es jederzeit zu Unruhen und Ausschreitungen kommen konnte. Einmal durfte ich drei Tage lang nicht das Hotel verlassen, weil der Anführer einer Sekte verhaftet worden war und die Sicherheitsbehörden Unruhen und Jagd auf Ausländer befürchteten.
Im Büro der Organisation in Mumbai bekam ich eine Karte in die Hand gedrückt, die ich heute noch besitze, weil sie einfach so unglaublich ist. Es handelte sich um eine schwarz-weiße Kopie eines Stadtplans von Mumbai mit seinen damals vielleicht 15 Millionen Einwohnern in DIN-A4-Größe. Irgendwo auf diesem Blatt Papier war ein Kreuz eingezeichnet – an diesem Ort sollte ich mit meiner Recherche anfangen. Das war der Hauptbahnhof von Mumbai. So richtig erfuhr ich auch erst jetzt, wie eigentlich mein Auftrag lautete. Ich sollte Kuhtransporte dokumentieren, die ziemlich brutal sein sollten und bei denen auf die Kühe keinerlei Rücksicht genommen wurde.
Mein Fahrer brachte mich also, ständig wild hupend, zum Bahnhof. Auch hier erschlug mich das Chaos förmlich. Ich fragte auf Englisch einfach ein paar Passanten, an welcher Stelle denn wohl die Tiertransporte starteten, aber die allermeisten verstanden mich überhaupt nicht. Schließlich gelang es mir doch, herauszufinden, dass dieser Bahnhof lediglich ein Passagierbahnhof war und kein Güterbahnhof. Tiertransporte gab es hier ganz gewiss nicht.
In Mumbai stieß ich durch Zufall dann doch noch auf etwas Interessantes. Mein Fahrer brachte mich zu einer riesigen Wasserbüffelfarm für die Produktion von Milch. Dort erlebte ich grauenhafte Bedingungen: Die Tiere waren alle angekettet, und Krähen pickten Fleisch aus ihren offenen Wunden. Als die indischen Arbeiter merkten, dass ich mich dafür interessierte, zeigten sie mir gleich noch mehr verletzte Tiere und führten mich auch zu ihrem stattlichen Vorrat an Antibiotika.
Besonders schlimm war das Schicksal der Kälber. Da sie – wie auch bei uns – für die Milchproduktion überflüssig waren, wurden sie einfach irgendwo mit kurzen Stricken angebunden und verdursteten oder verhungerten. Ich sah ein Tier, das versuchte, einen Jutesack zu fressen. Leider passten diese Bilder nicht zum Plan meines Auftraggebers und wurden deshalb nie verwendet. Dabei wäre eine Kampagne gegen den Milchkonsum in einem Land, das zumindest einen gewissen religiös motivierten Respekt gegenüber Tieren und speziell Rindern aufbringt, sicher sinnvoller gewesen als die damalig geplante Kampagne »Jesus was a vegetarian« in einem Land, das im Wesentlichen hinduistisch und islamisch geprägt ist.
Ich fuhr ins Büro zurück und informierte die Mitarbeiter über meine Erkenntnisse. Sie waren ziemlich erstaunt. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass diese US-Amerikaner dort wie in einer Blase lebten. Ihre Hauptsorge war: »Was, du warst noch nie mexikanisch essen?« Nach meinem ersten mexikanischen Essen nahmen sie immerhin Kontakt zu der Informantin auf, die ihnen den Tipp mit den Tiertransporten gegeben hatte. Es handelte sich um eine Vertreterin der indischen Regierungspartei, und daher hatte man eigentlich annehmen können, dass ihre Informationen Hand und Fuß hätten. Nun besann die Dame sich und gab uns eine neue Information: Diese angeblich skandalösen Tiertransporte sollten gar nicht in Mumbai stattfinden, sondern in Kalkutta. Das waren ja auch nur eben mal 2000 Kilometer Entfernung. Sie behauptete, die in Indien heiligen Kühe würden auf glitschigen Holzrampen mit Chilipulver in den Augen in die Züge getrieben, wobei sich die Tiere zum Teil schwer verletzten. Krass, dachte ich, das klingt ja furchtbar. Ich buchte also kurzfristig einen Flug und flog die mehr als 2000 Kilometer nach Kalkutta.
Wenn ich bis dahin gedacht hatte, dass Mumbai der schlimmste Kulturschock sei, den man sich vorstellen könnte, so wurde ich nun eines Schlechteren belehrt. Hier war alles noch chaotischer, lauter, schmutziger. Wenn man mit dem Taxi fuhr, musste man stets die Fenster geschlossen halten, weil sonst zum Beispiel Leprafinger ins Auto griffen und Menschen um Geld bettelten. Dies alles steckte ich nicht gut weg, es belastete mich sehr. Immerhin wurde ich auch hier ganz gut untergebracht. Ich wohnte im Calcutta Swimming Club, der auf mich wirkte wie ein Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit, was er wohl auch war. Um bezahlen zu können, trug ich eine Kiste Bargeld bei mir, darin mehrere Millionen Rupien. Wenn ich überfallen worden wäre, hätte man von dem Geld ein halbes Dorf sanieren können.
In Kalkutta schien ich erfolgreicher zu sein als in Mumbai. Ich fand tatsächlich einen Bahnhof, auf dem Tiere für den Transport verladen wurden. Um gute Fotos machen zu können, postierte ich mich auf einer Brücke – ein krasser Anfängerfehler, wenn man sich in Indien bewegt. Sofort wurde ich von einem Soldaten bedroht, der mir einen Karabiner aus dem Zweiten Weltkrieg vor die Nase hielt, weil er mich verdächtigte, ein pakistanischer Spion zu sein. Wenn man auch nur ansatzweise das schlechte Verhältnis der beiden Nachbarländer Indien und Pakistan kennt, die ja auch schon Krieg führten, kann man erahnen, welch schlimmer Verdacht das war. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass ich die Brücke keineswegs zerstören wollte. Das wäre auch kaum möglich gewesen, denn sie war ohnehin weitgehend kaputt mit ihren großen Löchern im Boden. Ich hatte Glück, der Soldat ließ mich schließlich gehen.
Ich lernte aus meinem Fehler. Am nächsten Tag befestigte ich mir mit Klebeband eine versteckte Kamera am Bein und fuhr wieder zum Bahnhof, wo ich heimlich Filmaufnahmen machen wollte. Doch schnell spürte ich auf der Haut, dass die Kamera immer heißer wurde. Es war bald nicht mehr auszuhalten, sodass ich zu meiner Unterkunft zurückkehrte, um sie auszutauschen. Des Rätsels Lösung, warum es zu dieser Erhitzung kam, erkannte ich bald: Ich hatte den Plus- und Minuspol vertauscht. Ich war technisch damals wirklich nicht sehr versiert und bezahlte das jetzt mit Schmerzen am Bein, denn ich hatte Verbrennungen an der Stelle, an der die Kamera befestigt gewesen war. Außerdem war die Kamera kaputt. Irgendwo im Kamerahimmel gibt es sicher eine ganze Region mit meinem ehemaligen Equipment.
Ich biss die Zähne zusammen, begab mich mit einem anderen Apparat erneut zum Bahnhof und schaffte es auch tatsächlich, ein paar gute Aufnahmen zu machen. Was ich sah, entsprach einerseits durchaus dem, was die Informantin in Mumbai vorhergesagt hatte. Ich sah einen Arbeiter, der ein totes Kalb in den Fluss warf, und ausgemergelte Kälber, die eine Rampe in den Zugwaggon hochgejagt wurden – nur glitschig war diese Rampe nicht. Sie war aus Beton, also ganz professionell. Zurück im Calcutta Swimming Club rief ich das Büro in Mumbai an, berichtete, was ich gesehen und gefilmt hatte, und erzählte, dass es keine Holzrampen gab. Die Antwort irritierte mich: »Wir brauchen unbedingt diese Holzrampen!«
Hinter dem ganzen Chaos steckte ein Problem, das ich immer wieder erlebte: Die Organisation hatte sich völlig auf die Informantin verlassen, die behauptete, dass Kühe qualvoll über glitschige Holzrampen getrieben wurden. Und nun wollten diese Leute unbedingt Aufnahmen von solchen Holzrampen. Ich war erschüttert, und ich sagte ihnen das, was ich seitdem immer wieder sage: »Bitte, bestimmt nicht das Ziel der Recherche, bevor diese Recherche überhaupt begonnen hat.« Es passiert leider sehr häufig, dass die Auftraggeber schon vorher angeben, was bei der Recherche herauskommen soll. Was ich in Indien erlebte, war ein geradezu klassisches Beispiel dafür. Die Organisation, die mich auf Recherche schickte, hatte eine falsche Information bekommen, und die sollte nun unter allen Umständen bestätigt werden.
Das Büro hielt nochmals Rücksprache mit seiner Informantin und teilte mir dann mit, ich müsse weiterfahren nach Kilareipur. Das machte erst mal einen Flug nach Neu-Delhi notwendig. Von dort nahm ich mir also ein Taxi und fuhr stundenlang dorthin. Der Fahrer hörte die ganze Zeit Bollywoodmusik und ließ sich auch durch inständiges Bitten nicht davon abbringen. Dafür legte er auf irgendwelche Verkehrsregeln weniger Wert, wie ja überhaupt der Straßenverkehr in Indien vollkommen chaotisch ist.
Wir erreichten aber schließlich unversehrt einen Bahnhof, auf den man mir sagte, dass tatsächlich demnächst ein Viehtransport eintreffen würde. Ich gab einem Mann, der auf dem Bahnhof herumlungerte, ein paar Tausend Rupien, damit er mich informierte, wenn der Zug eintraf. In der Zwischenzeit begab ich mich in mein Hotel, denn ich war ziemlich fertig. Ich wartete und wartete, und es passierte – nichts. Der Mann meldete sich einfach nicht bei mir. Als das Telefon nach fünf Tagen immer noch nicht geklingelt hatte, fuhr ich zum Bahnhof und musste feststellen, dass der Mann natürlich längst verschwunden war. Er hatte das Geld genommen und sich aus dem Staub gemacht. Er war sicher ein glücklicher Mensch, denn von dem Geld, das er fürs Nichtstun von mir bekommen hatte, konnte seine ganze Familie zweifellos ein paar Wochen gut leben.
Was also tun? Ich entschied mich, mit meinem Fahrer gegenüber vom Bahnhof im Auto zu warten, bis der Zug eintreffen würde. Das war der nächste große Fehler, denn es dauerte nicht lange, da stand eine größere Zahl von Dorfbewohnern um unser Auto herum und starrte uns an. Ich las damals irgendeinen Roman von Tom Clancy, um mir die Zeit zu vertreiben. Jedes Mal, wenn ich eine Seite umblätterte, gab es unter meinen Zuschauern großes Geraune. Die fanden das einfach total spannend, dass da ein Weißer in einem Auto saß und ein Buch las.
Mir war bald klar, dass ich so nicht weiterkommen würde. Zwischendurch fuhr ich noch ein wenig in der Umgebung herum und filmte nebenbei ein paar Legebatterien und ein paar wilde Affen. Mit der eigentlichen Recherche ging es aber überhaupt nicht voran. Nach mehreren Wochen hatte ich genug. Ich wollte nur noch weg, nach Hause. Das Problem war: Die Tierschutzorganisation hatte irgendeiner wichtigen Person versprochen, Bilder von den Kühen auf der glitschigen Rampe zu veröffentlichen. Daher baten sie mich inständig, noch ein paar Wochen zu bleiben und es weiterhin zu versuchen.
Ich schlug ihnen einen Deal vor: Ich würde bleiben, wenn sie auf ihre Kosten meine Freundin aus München einfliegen ließen. Tatsächlich flogen sie Maria ein. Sie war eher so hippiemäßig drauf und fand Indien total cool. Ich dachte, wenn meine Freundin da sei, würde die Zeit in Indien wenigstens erträglicher werden – und wer weiß, vielleicht würde ich im Lauf der Zeit ja doch erfolgreich sein bei meiner Recherche.
Tatsächlich aber fingen die Probleme mit Marias Eintreffen erst richtig an. Denn nun hatte ich als rothaariger weißer Mann auch noch eine hübsche blonde weiße Frau dabei. Wir waren die nächsten zwei Wochen eigentlich nur damit beschäftigt, vor irgendwelchen Indern zu fliehen. Maria zog dermaßen viel Aufmerksamkeit auf sich, dass es unmöglich war, in der Masse zu verschwinden. Wir hatten regelrechte Stalker am Hals, darunter richtig reiche Typen, die mit uns angeben wollten. Einer kam zu uns und meinte, er hätte die ganze nächste Woche schon mit uns verplant. Er legte uns tatsächlich einen Plan vor, wo er uns überall hinführen wollte: Kricket am Dienstag, Pool-Party am Mittwoch, Soccer am Donnerstag und Besichtigung einer Textilfabrik am Freitag. Wir mussten in dieser Zeit viermal das Hotel wechseln, anders wurden wir diese Leute nicht los.
Ich konnte mich an den Stil und die mangelnde Distanz der Leute nicht gewöhnen. Mangelnder Abstand macht mich nämlich aggressiv, und genau das wurde ich zunehmend. Nützlich war das, als mich bei einem Besuch im Zoo zwei Männer überfallen wollten. Als ich sie anschrie und mit dem Mono-Stativ, einem veritablen Prügel, ausholte, suchten sie schnell das Weite.
Die Leute von der Tierschutzorganisation gerieten nun langsam wirklich in Panik, weil sie unbedingt die erhofften Aufnahmen haben wollten. In dieser Situation schlugen sie eine neue Strategie vor: Ich sollte verdeckte Aufnahmen aus einem Schlachthof liefern. Ich ließ mich überreden und mietete einen Lkw, mit dem mein Fahrer, Maria und ich uns vor einen Schlachthof stellten. In die Lkw-Plane schnitt ich ein Loch, durch das ich mit der Kamera filmte. Eigentlich ein guter Plan – aber nicht in Indien. Das fing schon damit an, dass in diesem Lkw irgendwelche Feuerameisen lebten, die uns im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle heißmachten, zumal unter der Plane bald eine Temperatur von 60 Grad herrschte. Mein Fahrer hatte sich in der Zwischenzeit in ein Teehaus in der Nähe zurückgezogen und war nicht erreichbar, weil er sein Funkgerät im Lkw liegen gelassen hatte. Zudem hatte er die Plane am Lkw nicht richtig befestigt, sodass sie anfing, im Wind zu flattern.
Es dauerte nicht lange, bis die ersten Inder uns erkannten: ein rothaariger weißer Mann und eine blonde weiße Frau auf einem Lkw vor dem Schlachthof hinter einer Plane. Das war geradezu eine Sensation, schnell hatte sich eine Menschenmenge angesammelt. Nach einiger Zeit wurde es so laut, dass unser Fahrer mitbekam, was passierte, und herbeieilte, um uns wegzufahren. So etwas darf bei einer Recherche ganz einfach nicht passieren. Aber wir waren eben unerfahren und schlecht vorbereitet.
Wir versuchten es bei einem weiteren Bahnhof. Doch es wäre inzwischen schon eine echte Überraschung gewesen, wenn diesmal alles glattgegangen wäre. Ich hatte wieder mit einem Klebeband meine Kamera am Bein befestigt, um versteckt filmen zu können. Abends riss ich das Klebeband vom Bein und riss dabei ein paar Haare mit aus. In Europa würde in so einer Situation nichts passieren, außer dass man vielleicht wegen des Schmerzes kurz zuckt. Doch ich war ja in Indien. Am nächsten Tag verspürte ich einen heftigen Schmerz im Bein, und die betreffende Stelle wurde rot. Nach einer Woche hatte ich dort eine nässende große Wunde. Irgendwie musste sich ein Keim angesiedelt haben mit der Folge, dass ich den Rest meiner Zeit in Indien Schmerzen hatte und humpelte. Denn auch die Salbe, die ich auf die Wunde auftrug, half nicht.
Dann passierte auch noch, was ich längst befürchtet hatte. Aus Angst, dass mir das indische Essen nicht bekommen würde, hatte ich wochenlang nur von Baked Beans und Pizzabrot gelebt. Maria aber hielt sich nicht an meine Vorsichtsmaßnahme und aß etwas Einheimisches im Calcutta Swimming Club. Vom nächsten Tag an waren wir zwei Wochen lang damit beschäftigt, sie irgendwie am Leben zu halten. Ob sie trotz oder wegen der Medikamente, die man ihr verschrieb, nach zwei Wochen wieder gesund wurde, weiß ich bis heute nicht.
Am Ende meiner Zeit in Indien hatte ich immerhin rund 2500 Fotos gemacht. Leider konnte ich nur die Hälfte davon verwenden, die andere Hälfte war nichts geworden. Der Grund lag zwar bei mir, aber er passte zu der Pechsträhne, die mich in Indien verfolgte. Ich hatte mir kurz vor meiner Abreise eine neue Spiegelreflexkamera gekauft, hatte mich aber nicht damit vertraut gemacht, wie ich sie zu bedienen hatte. Die Folge war, dass die Hälfte der Fotos nichts wurde. Von der anderen Hälfte zeigte kein einziges die gewünschte glitschige Holzrampe, auf der Kühe ausrutschten. Diese Holzrampe habe ich nie gefunden, auch wenn ich nicht ausschließen will, dass es sie irgendwo in diesem riesigen Land gibt.
Meine Auftraggeber von der Tierschutzorganisation waren natürlich ziemlich enttäuscht. Immerhin konnte sie noch ein paar meiner Fotos für eine andere Kampagne verwenden. Und selbst das nahm noch ein schlechtes Ende. Denn diese Kampagne verglich Tierausbeutung mit dem Holocaust, und dieser Vergleich provozierte sehr viel Kritik. Zu Recht, wie ich finde, denn nur weil zwei Dinge schlimm und eindeutig grauenhaft sind, muss – und darf – man sie nicht vergleichen. Endlich konnten wir wieder nach Hause fliegen, und ich war heilfroh, dass ich dieses Abenteuer hinter mir hatte. Selbst auf der Rückreise passierte aber noch ein Missgeschick. Wir waren dermaßen beseelt von dem Wunsch, nach Hause zu fliegen, dass wir zwei Tage zu früh am Flughafen auftauchten. Ich behauptete dann bei der Fluggesellschaft einfach, sie hätte einen Fehler gemacht, und stresste die Angestellten so lange, bis sie mich in ein Flugzeug nach Deutschland setzten, nur um mich loszuwerden.
Für mich stellte sich Indien als sehr vielfältiges und absolut chaotisches Land heraus, in dem ich einfach nicht arbeiten konnte. Ich habe das Land auch nie wieder betreten. Aber ich habe trotz des Desasters, das ich dort erlebte, einiges gelernt. Von da an bereitete ich Recherchen viel besser vor. Seitdem trage ich einen Spruch wie eine Monstranz vor mir her: »Vorrecherche, Vorrecherche, Vorrecherche!« Man muss einfach über sein Ziel möglichst alles wissen, bevor man dorthin aufbricht. Man muss über die Kultur Bescheid wissen, man benötigt kompetente Sprachmittler – mein Fahrer, der auch als mein Übersetzer arbeitete, konnte genau zwei Sprachen, in Indien gibt es aber rund dreihundert Sprachen und Dialekte. Wir waren in Gegenden, in denen er nicht einmal die Schriftzeichen lesen konnte. So etwas durfte mir nie wieder passieren. Und ganz wichtig: Wenn man etwas nicht kann, sollte man die Finger davon lassen. Ich aber hatte nicht im Entferntesten eine Ahnung davon, was mich in Indien erwartete. Ich war denkbar schlecht vorbereitet und ganz einfach nicht in der Lage, diese Recherche in Indien durchzuführen. Ich hätte schlicht die Finger davon lassen sollen, von Anfang an.
Es war natürlich auch völlig verantwortungslos von der Tierschutzorganisation, mich allein in diesen Einsatz zu schicken. Wenn ich heute Rechercheure in einen Einsatz schicke, bereite ich sie darauf vor, statte sie mit guter Technik aus und überprüfe, ob die Leute physisch und psychisch in der Lage sind, diese Recherche durchzuführen. Körperlich war ich damals sicher fit, aber psychisch war ich absolut nicht auf das vorbereitet, was mich erwartete.
Meine anfängliche Euphorie über diesen Rechercheauftrag wich mit der Zeit tiefem Frust. War ich am Anfang stolz darauf gewesen, dass mich diese große Tierschutzorganisation beauftragte, so wurde mir bald klar, dass sie mich als jemanden sahen, der billig und willig war und den man leicht verheizen konnte. Genau das haben sie getan – mich verheizt. Mir ist später bei Tierschutzorganisationen immer wieder aufgefallen, was ich bei diesem Einsatz das erste Mal erlebte: eine Portion Menschenverachtung. Denn um nichts anderes handelt es sich ja, wenn man jemanden in einen Einsatz schickt, für den er nicht geeignet und auf den er nicht vorbereitet ist. Ich bemühe mich, eine solche arrogante Haltung nicht einzunehmen und die Blauäugigkeit, die es sicher gibt, nicht auszunutzen. Mein Motto lautet: Tierschutz ist auch Menschenschutz. Eine Organisation trägt auch Verantwortung für die Leute, die sie in einen Einsatz schickt.
Trotz allem war das Indien-Desaster nicht ganz nutzlos für mich. Jahre später, als ich in China recherchierte, bereitete ich die ganze Sache viel besser vor, und meine Fehler, die ich in Indien gemacht hatte, halfen mir dabei sehr. Insofern war der Trip nach Indien zwar ein Desaster – aber ganz vergeblich war der Einsatz doch nicht. Ich musste aber auch in den folgenden Jahren lernen, dass ich immer wieder neuen Herausforderungen ausgesetzt war. Ich machte immer wieder Sachen, die für mich neu waren, und ich mache bis heute auch immer wieder Aktionen, die überhaupt noch niemand vor mir versucht hat. Der Spruch, dass man niemals auslerne, trifft auf mich ganz sicher zu. »Schema F« funktioniert jedenfalls nicht – aber das ist wohl das, was mir an meiner Arbeit am meisten gefällt.
Als ich aus Indien zurückkehrte, machte ich mir wochenlang Sorgen, dass ich mir irgendwelche Krankheiten mit nach Deutschland gebracht hätte. Es dauerte auch ein paar Wochen, bis ich mich von den Strapazen erholt hatte. Nebenbei musste ich mich um mein Studium kümmern, das ich an der Hochschule für Politik begann. Es war aufgefallen, dass ich längere Zeit nicht an den Veranstaltungen teilgenommen hatte; mit dreihundert Studenten ist die Hochschule eine kleine Einrichtung, man kennt sich dort. Ich nahm mein Studium sehr ernst und wollte unbedingt die Scheine machen, die ich in diesem Semester benötigte. Irgendwie bekam ich das mit viel Arbeit und Einsatz auch hin. Doch kaum war ich zurück in München, da fragte mich schon wieder ein Mitarbeiter einer großen Tierschutzorganisation, ob ich nicht Interesse hätte an einer Recherche über Autobahntierärzte. Ich sah ihn zunächst einmal erstaunt an, denn diesen Begriff hatte ich noch nie gehört. Er erklärte mir, worum es ging: Autobahntierärzte sind Veterinäre, die sich auf den Verkauf billiger und illegal importierter Antibiotika für die Massenhaltung von Nutztieren (vor allem Hühner, Schweine und Rinder) spezialisiert haben.
Der Einsatz von Antibiotika hängt mit der Massentierhaltung eng zusammen – das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Diese Medikamente sind aber sehr teuer. Eine Packung des Breitbandantibiotikums Baytril von Bayer beispielsweise kostete damals 150 Mark (rund 75 Euro). Ein Antibiotikum darf man eigentlich nicht einfach so verwenden. Ein Tierarzt muss vor dem Einsatz eines Antibiotikums erst einmal diagnostizieren, welches Medikament sich überhaupt anbietet und ob man es den Schweinen ins Futter kippen darf. Viel einfacher und billiger geht das natürlich, wenn man auf einen Autobahnrastplatz fährt und sich dort mit einem Tierarzt trifft, der im Kofferraum seines Autos alle möglichen Antibiotika und Medikamente hat, die man als Betreiber einer Schweinemastanlage so braucht. Und wenn das Fläschchen dann anstatt 150 nur 50 Mark kostet, winkt ein gutes Geschäft für den Verkäufer und den Käufer. Nur leider ist dieses Geschäft illegal.
Nun stellte sich natürlich die Frage, woher dieses Zeug kam. Es wurde in Tschechien in irgendeinem versteckten illegalen Labor hergestellt, oder auch in China. Dass diese nachgemachten Medikamente teilweise längst nicht so wirksam sind wie die originalen Antibiotika, dürfte kaum überraschen. Viele Bauern nahmen das in Kauf – sie verwendeten dann einfach mehr, schließlich war es ja billig. Doch diese illegale Verwendung von Antibiotika geht jeden Verbraucher etwas an.
Wir sprechen heute viel von der Gefahr multiresistenter Keime. Nach meiner Meinung stellen sie nach dem Klimawandel die größte Bedrohung der Menschheit dar.
Sie werden künftig Millionen Menschen das Leben kosten; schon heute sterben daran Zigtausende jährlich.
Diese multiresistenten Keime entstehen einerseits durch den massenhaften Einsatz von Antibiotika, andererseits auch durch deren falschen Einsatz. Sie fühlen sich in Kliniken wohl, können aber auch zu Hause kultiviert werden, wenn man zum Beispiel eine Antibiotika-Anwendung zu früh beendet. In der Landwirtschaft sind die Bauern und ihr Stümpertum der Hauptgrund für die Ausbreitung. Wenn das Medikament nicht oder nicht mehr so gut wirkt, weil die Bakterien immer resistenter werden, nimmt der Bauer einfach mehr davon, bis er die gleiche Wirkung wie früher erzielt. In diesem Augenblick geht der Teufelskreis erst richtig los, denn jetzt geht der Bauer zu seinem Autobahntierarzt und kauft ein härteres Antibiotikum.
Heute ist die Entwicklung so weit vorangeschritten, dass in der Tiermast fast nur noch sogenannte Notfallantibiotika eingesetzt werden können. Die eigentlich, wie der Name schon sagt, nur für den Notfall am Menschen vorgesehen sind, wenn die normalen nicht mehr wirken.
Im Jahr 2000 war die ganze Problematik in der Öffentlichkeit allerdings noch weitgehend unbekannt. In Deutschland verkaufte im Prinzip in jedem Bundesland ein Autobahntierarzt seine Billigpräparate. Wir wurden auf einen gewissen Dr. F. aus Niederbayern aufmerksam gemacht. Der Mann war nicht nur Tierarzt, sondern auch Millionär – und man fragte sich natürlich schon, wie er es eigentlich in diesem Beruf schaffte, so viel Geld zu verdienen. Er hatte eine sehr große Hochglanzpraxis, die sich All-Care-Center nannte. Und er nahm seine Ankündigung, dass er sich um alles kümmere, sehr wörtlich. Er organisierte ein System, um über die Autobahn Antibiotika zu verkaufen.
Den Tipp hatten wir übrigens von einer Firma bekommen, mit der mich sonst eher selten ähnliche Interessen verbinden: dem Chemieriesen Bayer. Ich hatte durchaus Bedenken, als ich davon hörte. Sollte man ausgerechnet dieser Firma helfen, ihr durch kriminelle Ärzte ramponiertes Geschäftsmodell zu sanieren? Die waren doch nur wütend, weil sie ihr eigenes Medikament nicht mehr verkaufen konnten! Es war irgendwie witzig, dass sich Bayer in seiner Hilflosigkeit gegenüber kriminellen Strukturen ausgerechnet an einen Tierschutzverein wandte. Allerdings passiert es mir bei meiner Arbeit immer mal wieder, dass ich sehr unerwartete und manchmal auch unangenehme Verbündete an meiner Seite habe. Das können Rechte sein, die versuchen, sich im Tierschutz breitzumachen; oder Geflügelkonzerne, die versuchen, einem die Hand hinzustrecken und einen zu umarmen, bis man keine Luft mehr bekommt. Oder eben, wie in diesem Fall, ein Chemiegigant.
Ich habe grundsätzlich den Anspruch, mich nicht korrumpieren zu lassen – aber wenn ein Tipp von einem Schlachter kommt, bei dem ich den Grund dafür nicht kenne, und dieser Tipp gut ist, dann nutze ich ihn.
Der Tipp von Bayer zu den Autobahntierärzten war jedenfalls gut. Mein Auftrag von der Tierschutzorganisation lautete, dass ich mir die Kunden von diesem Dr. F. anschauen sollte. Ich bekam eine Karte in die Hand gedrückt, auf der Hunderte Adressen von Schweinemästern in Österreich und Süddeutschland aufgelistet waren. Dieser Mann hatte also richtig viele Kunden, das fand ich schon irgendwie faszinierend.
Zu dieser Zeit hatte ich noch keinen Führerschein und natürlich auch kein Auto, also musste ich immer wieder Bekannte bitten, mich nachts durch Niederbayern und Österreich zu fahren. Ich schaute mir die ersten Schweineställe an. Bis dahin hatte ich nur Putenställe von innen gesehen, die Schweineställe waren aber noch mal eine Nummer schlimmer. Damals waren die Türen zu den Ställen gewöhnlich noch unversperrt, man konnte einfach so hineingehen.
Schon bei meinem ersten Besuch sah ich etwas, was mich bei vergleichbaren Recherchen immer wieder ärgern sollte. Als ich draußen vor dem Stall stand, erblickte ich ein Bild, das auf die Außenwand gemalt war: glückliche Schweine, die auf einer Wiese herumtollen. Das hatte mit der Realität absolut gar nichts zu tun. Als ich den Stall betrat, schlug mir ein Gestank entgegen, den man weder beschreiben noch sich vorstellen kann. Ich glaube, wenn jeder Kunde, der im Supermarkt billiges Schweinefleisch kauft, einmal diesen Gestank in der Nase hätte, würde der Verkauf solcher Produkte sofort erheblich einbrechen. Es roch dermaßen stark nach Ammoniak, dass es mir den Atem raubte. Damals hatte ich anders als heute noch keine Atemschutzmasken dabei. Ich band mir einen Schal vor die Nase, das half aber nur minimal. Zudem tränten meine Augen sehr stark.
Der Gestank war für einen Menschen eigentlich gar nicht auszuhalten. Aber für Schweine ist das noch viel schlimmer, denn sie haben einen viel feineren Geruchssinn als Menschen. Immerhin sind Schweine in der Lage, 20 Zentimeter unter der Erde eine Trüffel zu riechen. Wie schlimm musste also dieser Gestank für sie sein! In diesem Stall war auch alles total dreckig und verschmoddert. Überall sah ich Ratten, die weghuschten, als sie mich bemerkten. Es war eine gespenstische Szene, denn ich hatte mein Nachtsichtgerät an, und die Augen dieser Ratten reflektierten in dem Infrarotstrahl sehr hell. Ich sah ein Meer von kleinen Knopfaugen, in jeder Ecke waren Ratten. Ich sah auch Schweine, die bei lebendigem Leib von Ratten angefressen wurden, weil sie sich nicht bewegen und wehren konnten.
Plötzlich stieß ich im Dunkeln mit dem Fuß gegen etwas, und als ich hinunterschaute, erkannte ich ein totes Schwein, dessen Kopf völlig abgefressen war. Insgesamt fand ich mindestens fünf oder sechs von diesen halb skelettierten Schweinen am Boden.
Ich ging weiter durch den Stall und stand irgendwann vor einer etwa ein Meter mal 80 Zentimeter großen Kiste, die vollgestopft war mit Antibiotikum-Fläschchen. Darüber hing ein Regal, in dem ich völlig verdreckte, teilweise blutverschmierte Spritzen sah, die voll waren mit Spinnennetzen. Ich war ziemlich schockiert; so etwas hätte ich mir einfach nicht vorstellen können. Man denkt ja eigentlich, dass es bei der Vergabe von Arzneimitteln sehr sauber und hygienisch zugehe. Mir war schnell klar, warum so viele Schweine krank sind. Wenn hundert oder zweihundert Schweine mit nur einer einzigen Spritze behandelt werden, freuen sich die Bakterien natürlich, weil sie sich hervorragend von einem Tier zum anderen verbreiten können. Da hilft auch das Antibiotikum nur noch sehr bedingt.
Als ich das alles sah, wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich fotografierte stundenlang die Etiketten der Fläschchen ab. Ich setzte mich im Schneidersitz auf den Boden und fotografierte eins nach dem anderen. Und das machte ich nicht nur in dieser Nacht und in diesem Stall, sondern auch in anderen Nächten und in anderen Ställen.
Schon wenige Tage später recherchierte ich in einem weiteren Mastbetrieb in etwa 50 Kilometer Entfernung. Die Situation war die gleiche – obwohl dieser Hof damit warb, dass er eine Direktvermarktung direkt vom Bauern betrieb. Die Tür zum Stall bekam ich anfangs gar nicht auf, denn auf der anderen Seite stand eine schwere Schubkarre mit vergammelten Eingeweiden. Als ich sie weggeschoben hatte, betrat ich den Raum, in dem der Bauer offenbar schlachtete. Auch in seinen Ställen herrschte ein fürchterlicher Ammoniakgestank, auch hier lagen tote Schweine herum. Ich musste meine Meinung aus dem ersten Stall revidieren. Denn wenige Tage zuvor hatte ich noch gedacht, der Stall sei ein Volltreffer gewesen, solche Zustände könne es sonst gar nicht geben. Doch nun musste ich feststellen, dass es hier genauso schlimm aussah.
Und auch hier stieß ich rasch auf die Kiste mit den Antibiotika. Dieser Bauer hatte sich gleich für die praktischen Fünf-Kilogramm-Packungen entschieden: Tetracyclin, Amoxicillin und Co. Ich lernte damals alle diese Namen auswendig. Darunter war auch das Medikament Phenylbutazon, das in Deutschland schon seit Jahren für Schweine verboten war, weil es für den Menschen sehr gefährlich werden kann. Für Pferde ist es übrigens bis heute erlaubt, obwohl ja auch aus Pferden Wurst gemacht wird und das Zeug somit in den menschlichen Körper gelangt. Da wird bei den Dokumenten und der Schlachtfreigabe gerne mal ein Auge zugedrückt.
Insgesamt kämpfte ich mich in den folgenden Wochen durch fast hundert Schweinemastbetriebe. Mein Etat für Hygiene-Stiefelüberzieher und Latexhandschuhe war beträchtlich. Selbst am Heiligabend suchte ich einen Betrieb auf, in Niederösterreich. Vom Stall mit den erbärmlich eingeklemmten Schweinen konnte ich die Mästerfamilie beim Gänseessen im Haus beobachten. In einem anderen Betrieb schlug mir, nachdem ich eine Tür geöffnet hatte, ein Geruch entgegen, der nicht an Schweine erinnerte, sondern an Menschen. Und tatsächlich stellte ich fest, dass in diesem Raum unter erbarmungswürdigen Bedingungen osteuropäische Arbeiter kaserniert waren. Ich nahm Reißaus, wurde aber von ihnen verfolgt – zum Glück konnte ich entkommen, obwohl ich unsere »Wache«, die im Auto wartete, erst einmal wach rütteln musste. Aber als ich diese Arbeiter sah, erkannte ich, wie schlecht auch Menschen in dieser Branche behandelt werden. Das ist mir später immer wieder begegnet, dass mitten im Schweinemastbetrieb oder zwischen zehntausend erbärmlich eingeklemmten Mastenten Männer wohnten. Immer handelte es sich dabei um Osteuropäer.
Während meiner Recherchen in all den Schweinemastbetrieben wurde immer klarer, dass sich ein Abgrund auftat. Jeder der Betriebe, die ich sah, hatte eine »Stallapotheke«, wie das offiziell genannt wurde, in der massenweise (und natürlich ungekühlt) dieses Zeug gelagert wurde. Die Bauern waren allesamt Kunden von Dr. F. und seinen Helfern. Im Zuge unserer weiteren Ermittlungen kam noch heraus, dass es auch Bauern gab, die als Zwischenhändler für ihn arbeiteten. Sie bekamen die Ware von den Autobahntierärzten und verteilten es dann in ihrer Gegend weiter. Als wir das System auffliegen ließen, kam es zu einer gewaltigen Polizeiaktion. Insgesamt wurden in Bayern und Österreich rund zweitausend Ställe durchsucht; Hunderte wurden gesperrt und durften kein Fleisch mehr liefern.
Es gab eine eindrucksvolle Durchsuchung bei einem dieser Bauern. Seine Ställe waren schon mehrfach durchsucht worden, aber es war nie etwas gefunden worden. Einer meiner Mitstreiter fand schließlich heraus, dass er das Antibiotikum in einem Heuschober am anderen Ende des Dorfes lagerte. Dort gab es einen geheimen Raum, der bis zur Decke mit dem Zeug vollgestapelt war. Er hatte sich immer sehr sicher gefühlt, und als er nun verhaftet wurde, brach er vor Überraschung zusammen. Es wurden viele Leute verhaftet, darunter natürlich auch Tierarzt Dr. F. Die Medien berichteten auch diesmal wieder groß. Die zuständige Ministerin in Bayern, Barbara Stamm, musste als Folge des Skandals zurücktreten. Dr. F. erhielt eine Haftstrafe von zwei Jahren und war nach seiner Freilassung wieder als Berater in der Schweinebranche tätig. Für das Leid der Tiere wurde er natürlich nicht verurteilt, sondern für die zahllosen Verstöße gegen das Arzneimittelrecht.
Die ganze Sache machte eins vollkommen klar: Wir haben es hier mit organisierter Kriminalität zu tun. Das kann auch gar nicht überraschen, denn in dieser Branche wird sehr viel Geld verdient, und überall, wo das der Fall ist, können sich Strukturen organisierter Kriminalität bilden und ausbreiten. Wenn der Staat sich dann auch noch sehr weitgehend zurückzieht und die Hände in den Schoß legt, wird es den Kriminellen noch leichter gemacht. Es ist traurig zu sehen, dass der Staat die Aufdeckung all dieser Skandale den privaten NGOs überlässt und sich geradezu darauf verlässt, dass sie bei ihrer Arbeit erfolgreich sind. Ganz offensichtlich ist eine Art Stallpolizei notwendig, aber die Politik weigert sich, so etwas einzurichten. Man hört doch nie, dass die Polizei mal irgendwo V-Leute eingeschleust hat, die etwas über illegale Strukturen in der Branche herausfinden. Es sind immer die V-Leute der NGOs, also die Tierschützerinnen und Tierschützer.