Judith Hermann
Daheim
Roman
Roman
FISCHER E-Books
Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Auf ihr außerordentliches Debüt »Sommerhaus, später« folgten der Erzählungsband »Nichts als Gespenster«, die fünf Erzählungen »Alice«, der erste Roman »Aller Liebe Anfang« sowie die Erzählungen »Lettipark«. Judith Hermanns Werke sind Schullektüre, wurden für das Kino verfilmt, international gefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis.
Weitere Informationen finden Sie unter www.fischerverlage.de
Judith Hermann erzählt von einem Aufbruch: Eine alte Welt geht verloren und eine neue entsteht.
Ihre Tochter ist eine Reisende, unterwegs in der Ferne. Ihrem Ex-mann schreibt sie kleine Briefe, in denen sie erzählt, wie es ihr geht, in diesem neuen Leben am Meer und im Norden. Sie richtet sich ein Haus ein, schließt vorsichtige Freundschaften, versucht eine Affaire, fragt sich, ob sie heimisch werden könnte oder ob sie weiterziehen soll. Judith Hermann erzählt von einer Frau, die vieles hinter sich lässt, Widerstandskraft entwickelt und in der intensiven Landschaft an der Küste eine andere wird. Sie erzählt von der Erinnerung. Und von der Geschichte des Augenblicks, in dem das Leben sich teilt, eine alte Welt verlorengeht und eine neue entsteht.
Den »tänzelnden, federleichten und doch melancholischen Ton« (Uwe Wittstock), der Judith Hermann so einzigartig macht, trifft sie auch in diesem neuen Roman auf bewundernswerte Weise.
Originalausgabe
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Simone Andjelkovic
Coverabbildung: Karoline Kroiß, Schiff II
Aus Verantwortung für die Umwelt hat sich der S. Fischer Verlag zu einer nachhaltigen Buchproduktion verpflichtet. Der bewusste Umgang mit unseren Ressourcen, der Schutz unseres Klimas und der Natur gehören zu unseren obersten Unternehmenszielen.
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ISBN 978-3-10-491270-7
Für K. und für B., in Liebe und Freundschaft
Damals, in diesem Sommer vor fast dreißig Jahren, wohnte ich im Westen und weit weg vom Wasser. Ich hatte eine Einraumwohnung im Neubaugebiet einer mittleren Stadt und Arbeit in der Zigarettenfabrik. Die Arbeit war simpel, ich musste darauf achten, dass der Tabakstrang ganz gerade in den Zerteiler lief, das war alles; eigentlich machte das die Maschine, sie hatte einen Sensor, an dem der Strang vorbeischnurrte, und wenn er nicht gerade lag, hielt sie an. (Sie hielt an wie jemand, der gegen die Wand läuft, sie stoppte mit einem entsetzlichen Ruck.) Dieser Sensor funktionierte häufig nicht, deshalb stand ich neben der Maschine und beobachtete den Strang, rückte ihn gerade, wenn er in die Schieflage kam. Von sieben bis zwölf, eine halbe Stunde Mittagspause und noch mal drei Stunden weiter. Ich sah ziemlich oft weg. Ich sah zum Zerteiler rüber, in dem der Strang in einzelne Zigaretten geschnitten wurde, aus dem Tausende von Zigaretten herausfielen, all diese Zigaretten, die die Menschen draußen in der Stadt rauchen würden. Vor der Arbeit. In der Pause. Nach dem Essen. Während des Streitens. Während der Liebe und nach der Liebe.
Rauch.
Die Arbeit in der Zigarettenfabrik war in Ordnung. Ich hielt mich aus den Zusammenhängen raus, oder anders – ich steigerte mich nicht in die Zusammenhänge hinein. Ich trug Ohrenstöpsel, die anderen Fabrikarbeiterinnen trugen keine, sie bestanden tatsächlich darauf, inmitten des Höllenlärms in dieser Halle miteinander zu reden, ich konnte sie wegen meiner Ohrenstöpsel nicht verstehen, aber ich konnte zusehen, wie sie sich anschrien. Ihre Gesichter waren gerötet und glänzend, die Sehnen am Hals traten kräftig und schön hervor. Sie gestikulierten, sie hatten präzise, knappe Gesten für Ficken und Scheitern, Zorn, für das Ende von etwas, für den Triumph. Sie lachten viel und deuteten aufeinander, schlugen sich auf die Schenkel vor Lachen und wischten sich die Tränen mit den Handrücken ab. Die meisten von ihnen waren ziemlich hübsch, trotz der unförmigen Kittel, der Hauben aus fusseliger Gaze, trotz der Hitze in der Halle, die uns alle zu erledigten Geschöpfen machte.
In der Mittagspause musstest du Mahlzeit sagen. Mahlzeit, im Fahrstuhl, im Gang, in der Kantine, in der Schlange an der Essensausgabe. Ich wollte nur ungerne Mahlzeit sagen, irgendwann fiel das auf, und sie bestellten mich in das Büro des Schichtleiters.
Der Schichtleiter saß hinter seinem Schreibtisch, er rollte mit dem Stuhl vor und zurück und sah mich von oben nach unten an, was er da sah, interessierte ihn nicht besonders. Er nickte, als hätte er irgendetwas sowieso und schon immer gewusst, er gähnte gelangweilt.
Er sagte gähnend, also der Mittagsgruß gehört hier dazu.
Ich sagte, ich verstehe nicht, wovon Sie reden.
Er sagte, Sie verstehen das ganz genau.
Natürlich verstand ich das. Ich hatte nicht vor, in dieser Fabrik zu bleiben, mein Leben da zu verbringen, ich konnte das Wort Mahlzeit schlicht nicht ausstehen.
Er sagte, pass mal auf, es ist ganz einfach. Wenn du nicht in der Lage bist, Mahlzeit zu sagen, fliegst du raus.
Es ging nicht um das Wort, es ging um die Regeln und um die Macht. Ich dachte einen Moment über das plötzliche Du nach, über die Temperatur, die in seinem Büro herrschte, dem Raum, in dem er seine Zeit totschlug; wir starrten einander an.
Dann ließ er mich gehen.
Abends saß ich oft auf meinem Balkon im fünften Stock. Einer der Vormieter hatte seine Blumenkästen dagelassen, in den Kästen wuchsen Pflanzen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Zarte grüne Stengel mit weißen Blüten, groß wie Streichholzköpfchen, ich goss sie niemals, trotzdem waren sie da. Auf dem Boden lag Kunstrasen, es gab einen Klapptisch und einen einzigen Stuhl, und der Blick ging auf die Ausfallstraße und die Tankstelle raus.
Ich mochte diesen Blick sehr.
Die blaue Leuchtreklame der Tankstelle, die anfahrenden, abfahrenden Autos, die Ständer mit traurigen Sträußen in Folien, die Säcke Grillkohle vor der Tür. Wie die Leute aus ihren Autos stiegen, tankten, träumten, während sie zusahen, wie die digitalen Ziffern auf den Zapfsäulen durcheinanderratterten, wie sie reingingen und in den Zeitungen blätterten, Biere kauften, Schokolade und Minzbonbons. Ich stellte mir vor, dass alle diese Leute auf eine lange Fahrt gingen, volltankten, wirklich weit weg wollten, Leute auf der Durchreise, frag sie nach dem Weg und sie heben die Schultern und sagen, oh, ich bin nicht von hier, ich kenne mich auch nicht aus. Tut mir leid.
Ich saß auf dem Balkon auf dem einzigen Stuhl, hatte die Füße auf dem Tisch und rauchte die Zigaretten aus der Fabrik, schnickte die Asche über die Brüstung und ließ die Kippe in eine Coladose fallen, damals rauchte ich viel. In diesem Sommer war es sehr heiß, und ich saß in Unterwäsche draußen, bis es spät und endlich dunkel wurde. In den Wohnungen gingen nach und nach die Lichter an, die Scheinwerfer der Autos auf der Ausfallstraße flammten auf, die Sonne war weg, die Wärme blieb. Die Wärme wurde nicht weniger, sie stand zwischen den Häusern und veränderte sich nicht. Ich gewöhnte mir an, runter zur Tankstelle zu gehen und Eis zu kaufen. Ich zog mir ein Trägerkleid über und Flip-Flops an, nahm den Schlüssel und Kleingeld und ging runter, ich fuhr nie mit dem Fahrstuhl, ich ging durch das stickige, dreckige Treppenhaus, und ich machte im Treppenhaus nie das Licht an. Draußen war es noch heißer, der Asphalt war weich von der Hitze, und überall standen die Fenster auf, man konnte die Fernseher hören, das Streiten, das Zuknallen von Türen. Die Autos rollten in Zeitlupe an die Zapfsäulen, die Leute tankten wie im Schlaf. Die Eingangstür öffnete sich von alleine, und drinnen war es hell und kühl. Es lief immer das Radio. Ich schob die Eistruhe auf, stand so lange wie möglich vor der offenen Truhe herum, dann nahm ich ein Moskauer-Eis. Ausschließlich ein Moskauer-Eis, niemals ein anderes, aber ich tat trotzdem jedes Mal so, als könnte ich mich nicht entscheiden. An der Kasse saß eine Frau in dem Alter, in dem ich heute bin, erstaunlicherweise las sie ein Buch, und sie legte es, wenn sie kassieren musste, auf eine äußerst widerwillige Art beiseite, mich beeindruckte das. Es war Abend für Abend dieselbe Frau, und wir wechselten den ganzen Sommer über kein persönliches Wort miteinander.
An dem Abend, von dem ich erzählen wollte, standen zwei Leute an der Kasse, die getankt hatten und jede Menge Chips, Lakritze und Tabak kauften, ich hatte darüber nachgedacht, an der offenen Eistruhe zu warten, die Arme bis zu den Ellbogen in ihrer trockenen Kälte versenkt, aber schließlich schob ich die Truhe doch zu und stellte mich an. Die Eingangstür surrte auf, und ein alter Mann kam rein. Er trug einen auf schlichte Weise feinen schwarzen Anzug, seine Haare waren schlohweiß, sein Gesicht verwittert wie Holz, er sah aus, als käme er von einem Staatsbegräbnis. Ich sah ihn aus den Augenwinkeln reinkommen, er stellte sich direkt hinter mich in die Reihe und bohrte seinen Blick umstandslos zwischen meine bloßen Schulterblätter. Ich konnte seinen Blick spüren und rückte einen Schritt vor. Er wartete noch einen Moment, dann berührte er mich am Ellbogen, und ich drehte mich um.
Er sagte, Sie sind klein. Genau richtig für mich.
Ich erinnere mich deutlich an seine Stimme, sie war sehr leise, ziemlich hell für einen alten Mann und etwas rau. Vielleicht sprach er mit leichtem südlichem Akzent. Ich möchte betonen, dass das, was er sagte, nicht zweideutig klang. Nicht obszön. Es war nur eigenartig, es ergab keinen Sinn. Ich war damals nicht klein. Ich bin es heute nicht und war es damals auch nicht, ich bin einen Meter und siebenundsechzig Zentimeter groß. Ist das klein? Nein, und ich sagte ihm das.
Er hob beide Hände, Handinnenflächen zu mir gedreht, die Haut schwielig und sauber.
Nein, nicht wirklich, natürlich. Sie sind nicht klein. Sie sind ganz normal. Aber Sie sind klein genug für meinen Trick. Sie haben die richtigen Füße, Ihre Schultern sind schmal. Ich brauche eine neue Assistentin. Sie sehen so aus, als wären Sie die richtige.
Das war es, was er sagte.
Ich sagte, die richtige Assistentin für was.
Ich wollte das nicht fragen, aber ich fragte es, ich wollte gar kein Gespräch mit ihm führen, aber ehe ich mich versah, führten wir eines.
Er sagte, für meine Kiste. Die zersägte Jungfrau. Eine Assistentin zum Zersägen. Ich bin Zauberer.
Diese Leute mit den Chips, dem Bier und dem Tabak waren mit einem Mal verschwunden, sie hatten sich schlicht in Luft aufgelöst, und die Frau an der Kasse starrte uns an und sagte, der Nächste bitte. Mann. Der Nächste. Sie sind dran. Ein Moskauer-Eis, und darf’s sonst noch was sein.
Ich sagte, nein danke. Entschuldigung. Nichts weiter, das ist alles.
Ich bezahlte mein Eis. Der alte Mann blieb hinter mir, er blieb auf eine äußerst hartnäckige Weise dicht an mir dran.
Er sagte, darf ich Sie ein Stück begleiten.
Sie müssten erst mal bezahlen, oder.
Oh nein, ich hab nicht getankt. Ich habe Sie durchs Fenster gesehen, ich bin vorbeigelaufen und habe Sie entdeckt. Darum bin ich reingekommen.
Die Frau an der Kasse guckte exakt über uns hinweg. Ihr Blick verriet nichts, jedenfalls konnte sie mir auch nicht helfen. Sie schlug ihr Buch wieder auf und wandte sich von uns ab, kehrte uns ihre rechte Schulter zu, ihr verschlossenes Leserprofil, also gingen wir zusammen raus. Er ging schnell für einen alten Mann, behände, tänzerisch, er war kleiner als ich, etwas bucklig, und er sah nicht wie ein Zauberer aus.
Ich sagte, okay. Sie können mich auf gar keinen Fall begleiten.
Er sagte, gut. Aber würden Sie sich das überlegen? Es ist sehr einfach. Sie müssen sich in eine Kiste legen, ich zersäge Sie – zum Schein –, und dann setze ich Sie wieder zusammen. Wir können es ausprobieren. Sie kommen mich besuchen, wir probieren es aus.
Er zeigte alles, was er sagte, mit seinen Händen vor, die Kiste, das Sägen, das Zusammensetzen. Ich kannte den Trick mit der zersägten Jungfrau, ich hatte das im Fernsehen gesehen. Der Trick war steinalt, und wirklich jeder wusste Bescheid.
Ich sagte, ach, ich bin mir nicht sicher.
Er sagte, ja, das verstehe ich. Machen Sie sich keine Sorgen. Meine Frau ist dabei. Sie wird aufpassen, es wird nichts geschehen. Sie müssen sich nur hinlegen. Sie müssten eventuell ein rotes Kleid tragen. Es ist wirklich alles andere als schwer.
Ich sagte nichts, und er sah an mir vorbei zu den erleuchteten Fenstern der hohen Häuser hin und lächelte geduldig und sanft. Sein Anzug war so auffällig sauber, sorgfältig gebügelt, wahrscheinlich maßgeschneidert, er trug spitze Schuhe aus Schlangenleder, und diese Schuhe waren das einzig Verdächtige an ihm, sie waren extravagant, und zudem waren sie staubig.
Er steckte die Hände jetzt in die Hosentaschen, er hatte mir alles gezeigt.
Ihm war offensichtlich überhaupt nicht heiß.
Er machte einen gelassenen Eindruck.
Er sagte, denken Sie darüber nach. In Ruhe. Und dann kommen Sie uns besuchen. Steinstraße sieben. Wir sind eigentlich immer da.
Ich sagte, ich denke drüber nach.
Ich drehte mich um und ging los, ich ließ ihn einfach stehen. Ich ging nicht rüber zu meinem Haus, ich ging in die andere Richtung, ich dachte, dass er wirklich nicht wissen musste, wo ich wohne. Ich wickelte mein Moskauer-Eis aus dem Papier, aber es war inzwischen fast geschmolzen, es zerlief, und ich schmiss es weg.
Ich dachte eine Woche lang darüber nach. Ich stand eine Woche lang acht Stunden am Tag vor meiner Maschine und dachte darüber nach. Ich saß bis weit nach Mitternacht auf meinem Balkon und rauchte noch mehr Zigaretten als sonst und dachte darüber nach, es war irre anstrengend, darüber nachzudenken. Nach sieben Tagen gab ich auf und suchte die Steinstraße auf dem Stadtplan. Er wohnte ganz am anderen Ende der Stadt, es war unklar, was er in der Neubausiedlung verloren gehabt hatte, warum er da rumgelaufen war in seinem gebügelten Anzug und seinen Schlangenlederschuhen. Ich brauchte eine Weile, bis ich wusste, was ich anziehen sollte, ich besaß damals ein rotes und ein blaues Kleid, ich zog erst das rote an, und dann zog ich es wieder aus und entschied mich für das blaue. Ich kämmte meine Haare, ich stand länger vor dem Spiegel, ich setzte mich an den Küchentisch, ich stand wieder auf und ging los. Ich ging los, weil ich nicht mehr darüber nachdenken wollte, ob ich losgehen sollte oder besser nicht.
Ich musste mit dem Bus fahren, mit einem zweiten, ein ganzes Stück durch eine Straße mit Bungalows laufen, Bungalows hinter weiß gestrichenen Zäunen, auf deren Terrassen Hollywoodschaukeln standen, Azaleen in Tontöpfen unter Markisen aus geflochtenem Stroh, Rasensprenger auf kurz geschnittenem Gras, ihre Wasserschleier wie Regenbögen. In den offenen Garagen parkten die Autos vor fachmännisch gestapeltem Holz, die Wege waren mit Kies bestreut. Die Leute, die hier lebten, waren nicht arm und nicht reich, sie besaßen einfach etwas, und ich dachte – ich besitze nichts. Ich hatte meine Tasche dabei, ja, und in der Tasche waren mein Portemonnaie, mein Schlüssel, meine Zigaretten, mein Feuerzeug, aber das war alles. Damals war das alles, was ich brauchte, oder ich nahm an, ich bräuchte weiter nichts. Ich nahm an, ich hätte von dieser mittleren Stadt aus sofort in eine andere gehen können.
Der Bungalow des Zauberers war der letzte der Straße, er sah nicht anders aus als die anderen Bungalows. Hinter dem Bungalow begannen die Berge, die Straße hörte auf, sie wurde ein Trampelpfad, der sich zwischen Ginsterbüschen verlor. Kein Auto in der Garage. Kein Holz. Im Garten standen Bäume mit dunklen, fast schwarzen Blättern. Die Jalousien vor den Fenstern waren heruntergelassen, wahrscheinlich wegen der Hitze. Ich stand vor dem Haus herum, es kann sein, dass ich es mir noch einmal anders überlegen wollte; letztlich hoffte ich vielleicht, es wäre einfach keiner da. Aber dann ging die Tür auf, und er kam heraus. Dieser Zauberer kam raus, in seinen Schlangenlederschuhen, seiner Anzugshose und einem ärmellosen Unterhemd. Er hatte mich gesehen. Er kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, und es war deutlich, dass er sich freute.
Kommen Sie rein. Kommen Sie rein! Sie haben darüber nachgedacht, das ist wunderbar. Es ist wirklich schön. Sie haben sich entschieden. Sie machen mich glücklich.
Also ging ich rein.
Wie hätte ich widerstehen können?
Ich ging hinter ihm her ins Haus. Er hielt mir die Tür auf, er machte die Tür vorsichtig hinter mir zu. Der Flur war schmal, er zeigte auf einen Bügel an einer leeren Garderobe, es gab nichts, was ich daran hätte hängen wollen. Er führte mich ins Wohnzimmer. Das Wohnzimmer hatte eine breite Fensterfront zum Garten raus, hier waren die Jalousien hochgezogen, aber die Verandatüren geschlossen. Mitten im Zimmer stand eine Kiste auf zwei Böcken, drumherum drei Stühle, auf einem saß eine Frau. Sie schien noch älter zu sein als ihr Mann. Sie war ziemlich zart, sie trug eine seidene Bluse mit hohem geschlossenem Kragen wie eine viktorianische Königin, und ihre Haare sahen im Gegensatz zu dieser Bluse aus wie Stahlwolle. Kurz, struppig, metallisch. Sie stand auf, als ich reinkam, verschränkte die Hände umstandslos hinter dem Rücken, und sie lächelte nicht.
Sie sagte zu ihrem Mann, sie ist nicht wirklich klein.
Er sagte, sie ist genau richtig. Du wirst einverstanden sein.
Ich fand sie ausgesprochen unhöflich, und ich konnte nicht umhin zu sagen, warum machen Sie das nicht. Diese Assistentin. Sie sind wirklich klein. Warum lassen Sie sich nicht zersägen.
Sie holte die linke Hand hinter ihrem Rücken hervor, kniff die Augen zusammen und winkte aus dem Handgelenk ab.
Ich bin zu alt. Die Leute wollen sowas nicht sehen.
Er sagte, so ist das. Sie hat recht. Setzen Sie sich. Wir trinken Eistee. Ich wusste, dass Sie kommen würden. Ich war mir sicher. Ich habe ein wenig gewartet, aber ich wusste, Sie werden darüber nachdenken, und dann werden Sie kommen. Es ist wirklich sehr heiß. Wir trinken was, dann fangen wir an.
Wir tranken Eistee. Wir saßen zu dritt um diese Kiste herum und tranken Eistee, der schon in einem Krug auf dem Fensterbrett gestanden hatte, daneben drei Gläser; es war tatsächlich so, als hätten sie gewusst, dass ich kommen würde. Der Eistee schmeckte nach Zitrone und Minze, schwach zuckrig. Es gab Eiswürfel. Die Frau des Zauberers zerkaute die Eiswürfel, es knackte unwahrscheinlich laut, sie nahm sich immerzu neue. Sie saß auf ihrem Stuhl und baumelte mit den Beinen wie ein altes Kind, sie war fast eine Zwergin. Sie legte den Kopf schief und schaute mich an.
Sie sagte, was machen Sie so.
Ich sagte, ich arbeite in der Zigarettenfabrik.
Sie sagte, rauchen Sie.
Ich sagte, klar.
Haben Sie Familie.
Nein.
Niemanden, der auf Sie warten würde. Keiner, für den Sie was tun müssten.
Ich sagte deutlich, nein, keiner für den ich was tun müsste.
Was ist mit Ihren Eltern.
Gibt’s nicht mehr.
Es gab meine Mutter, und es gab meinen Bruder, aber ich fand nicht, dass sie das etwas anging. Ich wusste nicht, warum sie wissen wollte, für wen ich was tun müsste, und ich dachte, wenn sie mich fragen würde, ob ich irgendjemandem gesagt hätte, dass ich hier wäre, würde ich aufstehen und wieder losgehen. Aber sie fragte nichts weiter. Sie sah ihren Mann an, und ihr Mann lächelte auf diese spezielle, sanfte Art und nickte dazu.
Er sagte, wissen Sie, wir würden auf ein Schiff gehen. Zusammen. Wir drei – meine Frau und ich und Sie. Auf ein Kreuzfahrtschiff. MS Aurora. Sie bekommen eine Außenkabine, Sie können am Bullauge stehen und mit Meeresblick rauchen. Wir machen drei Vorstellungen in der Woche. Das Schiff fährt nach Singapur und zurück. Ein Vierteljahr lang. Wie klingt das für Sie.
Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich sah mich im Wohnzimmer um, das Zimmer war leer, es gab nichts Persönliches, nichts, was mir etwas über diese Leute erzählt hätte – keine Fotos an der Wand, kein Nippes auf der Anrichte, nur die Stühle, auf denen wir saßen, und diese Kiste. Sie war ein wenig abgeschabt, mit blauem Lackpapier und silbernen Sternchen beklebt, in der Mitte war ein Spalt, an ihrem linken Ende eine, am rechten zwei Öffnungen. Das war alles. Die ganze Situation ist dreißig Jahre her, aber auch vor dreißig Jahren war diese Kiste schon lächerlich gewesen.
Der alte Mann sah zu, wie ich die Kiste ansah.
Er sagte, sind Sie so weit. Haben Sie noch Durst.
Ich sagte, ich bin so weit. Ich würde es gerne hinter mich bringen.
Er sagte, wunderbar. Wir fangen sofort an. Jetzt gleich.
Er stand auf und stellte seinen Stuhl neben die Kiste.
Er sagte, in der Vorstellung gibt es eine Treppe. Eine richtige kleine Paradetreppe. Sie steigen da rauf, ich klappe die Kiste auf, Sie klettern rein.
Ich zog mir die Flip-Flops aus und stieg barfuß auf den Stuhl.
Er sagte, Sie müssen keine Angst haben.
Ich sagte, ich habe keine Angst. Wovor.
Er klappte die Kiste auf, darin lag eine ordentlich gefaltete Decke, am einen Ende ein zerknautschtes Kissen, am anderen steckten die Attrappen von zwei Füßen in schwarzen Lackschuhen.
Er zeigte erst auf das Kissen, dann auf die Attrappen.
Hier ist natürlich vorne, das ist hinten. Sie legen sich hin, stecken den Kopf durch die Öffnung, Ihr hübscher Kopf bleibt draußen. Sie schieben mit den Füßen die Attrappen raus, wackeln ein bisschen damit, dann schließe ich die Kiste, Sie ziehen die Beine an, bis Sie nur noch zur Hälfte drin stecken. Okay?
Er unterbrach sich, er war sich nicht sicher, ob ich ihn verstanden hatte.
Ich sagte, alles klar. Weiter.
Er sagte, Sie ziehen die Beine am besten seitlich an. Es ist eng, ich bitte um Entschuldigung, es wird nicht lange dauern. Ich zersäge Sie. Ich zaubere, er errötete, es war eine feine und stolze Röte, ich befreie Sie wieder. Das ist alles.
Ich stieg in die Kiste, legte mich hin und schob den Kopf durch die Öffnung. Das zerknautschte Kissen war erstaunlich bequem. Wer hatte darauf gelegen? Ich schob mit den Füßen die Attrappen aus der Kiste raus. Er klappte die Kiste zu. Ich zog die Beine an und riss mir einen Splitter ins Knie. Die Kiste wackelte, mir war heiß. Seine Frau beobachtete uns genau. Sie blinzelte wie ein Rabe.
Er sagte, so. So weit. Sind Sie in Ihrer Hälfte angelangt.
Ich sagte, bin ich.
Er holte unter der Kiste ein dünnes Blech hervor und ließ es zittern, es klang wie ferner Donner in einem Kasperletheater.
Er sagte, bei der richtigen Vorstellung machen wir ein bisschen mehr Eindruck. Es ist nur eine Probe, nur, damit Sie Bescheid wissen, damit Sie sehen, worum es geht. Ist alles in Ordnung.
Ich sagte, es ist alles in Ordnung.
Er ließ das Blech noch einmal zittern, dann hielt er es über den Spalt in der Mitte der Kiste, versenkte es und tat so, als würde er sägen. Ich konnte das Blech an meinen nackten Fußsohlen spüren, es war kühl, und es kitzelte.
Er sagte, bei der richtigen Vorstellung gibt es Nebel dazu. Und Musik. Und wir machen was mit Licht, wir illuminieren das. Verstehen Sie?
Ich sagte, aha.
Ich lag auf dem Rücken, ich hatte die Hände über dem Bauch gefaltet, die Knie seitlich angezogen. Seitdem ich denken kann, habe ich die Fähigkeit, mich in mich selbst zurückzuziehen, eine Schnecke, die in ihr Haus kriecht, eines dieser Spinnentiere, das sich zu einer Kugel zusammenrollt. Es war unbequem in der Kiste, nicht anstrengend, trotzdem unbequem, und es gab diesen einen Moment, in dem ich dachte, ich würde ohnmächtig werden, sie hätten mir was in den Eistee getan, und wenn ich wieder zu mir kommen würde, wäre ich lebendig begraben. Und einen Moment später dachte ich, ich wäre tatsächlich in zwei Hälften geteilt – nicht körperlich, eher im Kopf. Vielleicht im Herzen. Mein Herz wäre in zwei Hälften geteilt, ich war da, und ich war ganz woanders. An einem anderen Ort, sehr weit weg. Und dann war das vorbei. Es ging vorüber, und es ging so rasch vorüber, dass ich dachte, ich hätte mich getäuscht.
Er zog das Blech wieder aus der Kiste raus, klappte den Deckel auf, ich streckte mich, zog die schrecklichen Attrappen mit den Lackschuhen rein und kletterte raus. Ich stieg auf seinen Stuhl und zurück auf den Boden. Ich sah mir das Ganze von außen an, ich konnte mir nicht vorstellen, dass das irgendwen beeindrucken würde; es schien etwas für einen Kindergeburtstag zu sein. Für eine Anstalt.
Die Frau sagte, wie fühlen Sie sich.
Ich sagte, wie soll ich mich fühlen. Nicht anders als zuvor. Ich fühle mich gut. Wieso fragen Sie mich das.
Sie sah weg.
Sie sagte, nur so.
Sie sagte, Sie müssten da aber ein wenig zulegen. Sie können nicht einfach reinklettern, wieder rausklettern. Sie müssen eine – bestimmte Haltung haben, Sie müssen das ernst nehmen.
Ich sagte, Sie meinen, ich soll da feierlich reinklettern. Feierlich wieder rausklettern.
Ihr Mann sagte, sie macht das.
Er hatte offenbar das Gefühl, sich einschalten zu müssen. Er sagte, ich weiß, dass sie es gut machen wird, die Leute werden begeistert sein. Sie werden es lieben.
Ich setzte mich wieder auf meinen Stuhl. Wir saßen erstaunlicherweise noch eine ganze Weile zusammen, wir redeten nicht mehr viel. Sie hatte sich beruhigt, ich hatte mich auch beruhigt. Wir schauten in den Garten raus, der Wind ging in diese Bäume, er zog an ihren schwarzen Blättern, sie sahen gar nicht mehr aus wie Blätter, eher wie Wasser, dunkelgrünes, schwarzes Wasser. Wir sahen alle drei hin. Wahrscheinlich war das gar nicht der Garten des Zauberers und seiner Frau, wahrscheinlich war das auch nicht ihr Bungalow. Sie waren da nur übergangsweise, sie wohnten nirgends, sie waren auf den Schiffen unterwegs, mit ihrer Kiste und diesem und jenem. Wahrscheinlich waren sie, letztlich, Reisende.