Fernando Pessoa
Alberto Caeiro
Poesia – Poesie
Herausgegeben von
Fernando Cabral Martins
und Richard Zenith
Aus dem Portugiesischen von Ines Koebel und Georg Rudolf Lind
FISCHER E-Books
Revidierte und erweiterte Ausgabe
Mit einem Nachwort von Georg Kohler
Fernando Pessoa (1888–1935), der wohl bedeutendste moderne Dichter Portugals, ist auch bei uns mit dem ›Buch der Unruhe‹ bekannt geworden. Er gehört zu den großen literarischen Erneuerern, ist nicht nur der Begründer der modernen Dichtung seines Landes, sondern eine der Schlüsselfiguren in der Entwicklung der zeitgenössischen Dichtung überhaupt. Er schuf nicht nur Gedichte und poetische Prosatexte verschiedenster, ja widersprüchlichster Art, sondern Verkörperungen der Gegenstände seines Denkens und Dichtens: seine Heteronyme. Er gab seinem vielfältig gespaltenen Ich die Namen Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos und eben Pessoa, das im Portugiesischen so viel wie »Person, Maske, Fiktion, Niemand« bedeutet.
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Álvaro de Campos, Alberto Caeiro, Ricardo Reis - Fernando Pessoa, der größte Dichter Portugals des 20. Jahrhunderts, träumte immer davon, alle Menschen zugleich zu sein. In seinem Werk hat er sich diese Sehnsucht erfüllt: Unablässig erschuf er neue Dichter, schenkte ihnen eine Biographie und schrieb ihnen die unterschiedlichsten Werke zu. Die legendäre Truhe, in der man Pessoas Manuskripte lang nach seinem Tod fand, enthält so das größte Stimmentheater der Weltliteratur, dessen Partitur die neue Pessoa-Ausgabe Band für Band enthüllt.
Alberto Caiero (1889–1915) schuf nach Pessoa sein Werk während seines kurzen Lebens in völliger Abgeschiedenheit auf dem Land. Eine Tuberkuloseerkrankung, an der er schließlich sterben sollte, hatte ihn dazu gezwungen. Nahezu ohne Vorbildung übersetzte er seine Empfindungen bei der Betrachtung der Natur in zarte Dichtungen, die deren Geheimnis bewahren sollten.
Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg
Coverabbildung: Ammann Verlag, Zürich / Archiv S. Fischer Verlag
Titel der Originalausgabe: ›Alberto Caeiro, Poesia‹
Die Herausgabe des Werkes wurde durch einen Beitrag des
Instituto Português do Livro e das Bibliotecas, Lissabon, gefördert.
Revidierte und erweiterte Ausgabe des Bandes,
der 2004 im Rahmen der großen Pessoa-Edition
im Ammann Verlag, Zürich, erschienen ist.
Herausgegeben von Egon Ammann
Erschienen bei FISCHER E-Books
Für diese Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2008
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403388-4
A.d.Ü.: José Joaquim Cesário Verde (1855–1886). Führte nach romant.-parnass. Anfängen unter dem Einfluß Baudelaires neue Stilelemente und Themen in die portugiesische Dichtung des 19. Jahrhunderts ein, indem er sich still und nüch-tern der Betrachtung einfacher, natürlicher und greifbarer Dinge zuwandte. Von Pessoa als Wegbereiter der Moderne geschätzt.
A.d.Ü.: Möglicherweise ein Versehen des Autors, der sonst nur vom »Haus auf dem Hügel« spricht.
Titel der Urfassung von Gedicht XXXIX des Hüters der Herden, das nur aus den beiden letzten Strophen bestand.
A.d.Ü.: Wort in Klammern von der Übersetzerin hinzugefügt.
A.d.Ü.: Wort in Klammern von der Übersetzerin hinzugefügt.
A.d.Ü.: Joaquim Teixeira de Pascoaes (1877–1952). Seine lyrischen und epischen Gedichte, Dramen, Biographien, Romane und Essays sind großenteils Ausdruck eines spezifisch portugiesischen, mystisch-pantheistisch verklärten Sehnsuchtskults (saudosismo).
A.d.Hrsg.: Von den Herausgebern hinzugefügtes Wort, in Anlehnung an das Gedicht Éxtase von Pascoaes (aus dem Buch Vida Etérea), in dem der Dichter von »Sombras de almas« spricht, »que surgem retratadas/Na inquieta palidez das madrugadas …«
A.d.Ü.: Abílio Manuel de Guerra Junqueiro (1850–1923). Einer der bedeutendsten Lyriker der neueren portugiesischen Literatur zwischen Romantik und Realismus, zeichnete sich durch revolutionäre Leidenschaft, sarkastischen Humor, poetische Inspiration und meisterhafte Beherrschung der Sprache aus; seit den 90er Jahren zunehmend pantheistisch-mystische Neigungen.
A.d.Ü.: Eines der Pessoaschen Hauptheteronyme, dessen religionsphilosophische Schriften voraussichtlich im Herbst 2004 bei Ammann erscheinen.
Zitiert nach Antonio Tabucchi, La Nostalgie du Possible. Sur Pessoa, Paris 1998, S. 23f., Tabucchi seinerseits zitiert aus: Pessoa en personne. Lettres et documents, Paris 1986, S. 301–303.
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1952, S. 1143.
Von Ricardo Reis
Alberto Caeiro da Silva wurde am [16.] April 1889 in Lissabon ge-boren und starb dortselbst […] 1915 an Tuberkulose. Sein Leben hat sich jedoch fast ausschließlich auf einem Gut im Ribatejo abgespielt; in der Stadt seiner Geburt verbrachte er nur seine beiden ersten Jahre und seine letzten Monate. Auf jenem abgelegenen Gut, dessen nahes Dorf er als seine Heimat empfand, schrieb Caeiro fast all seine Gedichte – seine ersten, »von Kinderhand«, wie er sagte, und mit »Der Hüter der Herden« betitelt, als auch die des unvollständigen Buchs, oder was immer es sei, »Der verliebte Hirte« genannt, sowie weitere Gedichte früheren Datums, die ich samt allen übrigen zum Zweck der Veröffentlichung geerbt und unter der mir von Álvaro de Cam-pos ausdrücklich nahegelegten Bezeichnung »Verstreute Gedichte« zusammengestellt habe. Letztere, von Nr. […] an, sind allerdings während des letzten, erneut in Lissabon verbrachten Lebensabschnitts ihres Autors entstanden. Ich halte es für meine Pflicht, diese kleine Unterscheidung vorzunehmen, denn einige dieser durch Krankheit verwirrten Gedichte sind dem allgemeinen Charakter des Werkes, seiner Natur wie seiner Ausrichtung, etwas fremd.
Caeiros Leben läßt sich nicht erzählen, denn von ihm als Person gibt es nichts zu erzählen. Seine Gedichte waren sein Leben. Dar-über hinaus weist es weder besondere Vorkommnisse noch Geschich-ten auf. Selbst die unergiebige und sinnlose Episode, die zur Ent-stehung der [acht] Gedichte von »Der verliebte Hirte« führten, war weniger ein Vorkommnis als vielmehr eine Vergeßlichkeit.
In Caeiros Werk erfährt das Heidentum eine vollständige Er-neuerung, zu der weder Griechen noch Römer, die das Heidentum lebten und folglich nicht darüber nachdachten, fähig waren. Das Werk indessen und sein Heidentum wurden weder gedacht noch empfunden; sie wurden gelebt, mit all dem, was in uns vielleicht tiefer ist als Empfindung oder Verstand. Mehr sagen hieße erklären, was jedoch nutzlos ist; weniger behaupten hieße lügen. Jedes Werk spricht für sich, mit der Stimme, die ihm eigen ist, und in der Spra-che, in der es gedacht wird; wer nicht versteht, kann nicht verstehen, daher gibt es auch nichts zu erklären. Es wäre, als wollte man jeman-dem, Wort für Wort, eine Sprache verständlich machen, die er nicht spricht.
Unkundig des Lebens und fast unkundig der Literatur, nahezu ohne geselligen Umgang und ohne Kultur, hat Caeiro sein Werk ge-schaffen, ein stilles und tiefgreifendes Werk des Fortschritts, gleich jenem, der mittels des unbewußten Bewußtseins der Menschen die logische Entwicklung der Zivilisation steuert. Dies war ein Fort-schritt in den Sinneswahrnehmungen oder vielmehr in der Art und Weise wahrzunehmen, und zudem eine innere Evolution von Ge-danken, wie sie sich aus solch fortschreitenden Sinneswahrnehmun-gen ergeben. Mit Hilfe einer übermenschlichen Intuition, gleich je-ner, die immerwährende Religionen zu stiften vermag, ohne daß ihr deshalb das Attribut religiös zustünde, da sie, wie die Sonne und der Regen, jede Religion und jede Metaphysik ausschließt, hat dieser Mann die Welt entdeckt, ohne über sie nachzudenken, und einen Be-griff des Weltalls geschaffen, der keine bloßen Auslegungen enthält.
Als mir die Aufgabe zuteil wurde, diese Bücher mit einem Vor-wort zu versehen, dachte ich zunächst daran, eine ausführliche und kritische Studie über Caeiros Werk, seine Natur, seine Theorien und seine natürliche Bestimmung zu verfassen. Ich brachte jedoch keine Studie zustande, die mich zufriedengestellt hätte. Wie auch? Denn etwas so Unmittelbares wie Himmel und Erde läßt sich nicht den-ken, sondern einzig sehen und empfinden.
Es bedrückt mich, daß mich der Verstand auf diese wenigen Worte zum Werk meines Meisters beschränkt und ich mit dem Kopf nichts Nützlicheres oder Wichtigeres zu schreiben vermag, als ich es bereits mit dem Herzen in der [XIV] Ode meines Ersten Buches ge-sagt habe, in ihr beweine ich den Mann, der für mich, wie er es für viele andere noch sein wird, der Entdecker der Wirklichkeit ist, oder, wie er selbst es nannte, »der Argonaut der wahren Empfindungen« – der große Befreier, der uns mit seinem Gesang an das lichterfüllte Nichts zurückgab, das wir sind; der uns dem Tod wie dem Leben entriß, indem er uns unter den einfachen Dingen beließ, die in ihrem Ablauf weder vom Leben noch vom Sterben wissen; der uns von Hoffnungen und Verzweiflungen befreit hat, damit wir uns nicht ohne Ursache trösten und nicht grundlos betrüben; wir, wie auch er, zu Gast in der objektiven Wirklichkeit des Weltalls, ohne über sie nachzudenken.
Ich überlasse das Werk, dessen Herausgabe mir anvertraut wurde, dem schicksalhaften Zufall der Welt. Ich übergebe es ihr und sage: Freut euch, ihr alle, die ihr weint während der größten Krankheit der Geschichte!
Der große Pan ist wiedergeboren!
Das gesamte Werk ist auf Wunsch seines Autors dem Andenken Cesário Verdes[1] gewidmet.