Liz Kessler
Philippa und die Wunschfee
Aus dem Englischen von Eva Riekert
Mit Vignetten von Eva Schöffmann-Davidov
Fischer e-books
© Mark Waugh
Liz Kessler träumte davon, Schriftstellerin zu werden, seit sie im Alter von neun Jahren ihr erstes Gedicht veröffentlichte. Nach einigen Jahren als Lehrerin und Journalistin machte sie diesen Traum wahr. Ihre Kinderbücher über das Meermädchen ›Emily‹ und die Feenfreundin ›Philippa‹ wurden zu internationalen Bestsellern.
Bei Fischer sind von ihr außerdem ›Philippa und die Traumfee‹, ›Philippa und die Glücksfee‹, ›Emilys Geheimnis‹, ›Emilys Abenteuer‹, ›Emilys Entdeckung‹, ›Emilys Rückkehr‹ und ›Ein Jahr ohne Juli‹ erschienen. Weitere Titel sind in Vorbereitung.
Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage, auch zu E-Book-Ausgaben, gibt es bei www.fischerverlage.de
Covergestaltung: bilekjaeger, Stuttgart
Coverabbildung: Eva Schöffmann-Davidov
Zu diesem Buch ist im Argon Verlag das gleichnamige Hörbuch, gelesen von Kathrin Angerer, erschienen und im Buchhandel erhältlich.
Die englische Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel ›Philippa Fisher's Fairy Godsister‹ bei Orion Children's Books, a division of the Orion Publishing Group Ltd., London
Text © Liz Kessler 2007
The right of Liz Kessler to be identified as the author of this work has been asserted
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2008
Nach den Regeln der neuen Rechtschreibung
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402650-3
Für meinen Bruder Peter,
der hoffentlich nichts dagegen hat,
dass ich ihm ein Buch über Feen widme
Und für Fiz als Ausgleich dafür, dass ich diesmal nicht jeden Schritt der Reise bei ihm sein konnte
»Kann ich den Kummer andrer sehen
Und nicht selbst in Trauer gehen?
Kann ich ihren Schmerz erfassen
Und ihn ungelindert lassen?
… Nein, das kann nie und nimmer sein!
Nie und nimmer kann das sein!«
aus: Über den Kummer eines anderen
von William Blake
»Also, wer ist die Nächste auf der Liste?«
»Ich dachte, wir könnten es mit dieser da versuchen.«
»Für 3WA? Bist du sicher? Sie hat bisher noch nie direkt mit Menschen gearbeitet.«
»Wir müssen alle mal irgendwo anfangen.«
»Schon, aber sie hegt Menschen gegenüber äußerst gemischte Gefühle. Du weißt doch, wie sie auf die Sache reagiert hat, die ihrem Freund letztes Jahr zugestoßen ist.«
»Das war ja auch ein besonders gefährlicher Einsatz. Er war eine Hummel, zum Irrlicht nochmal!«
»Aber trotzdem …«
»Es wird schon gut gehen. Wir geben ihr ein Blumenleben. Da kann sie auf ganz angenehme Art Kontakt herstellen. Sie muss sich nur einen idealen Platz aussuchen und wird liebevoll gepflückt und gehegt und bewundert. Keine Gefahr, dass man sie mit einer Fliegenklatsche traktiert.«
»Und du bist sicher, dass sie schon bereit dafür ist?«
»Es ist Zeit für sie, Spezialaufträge zu übernehmen. Sie muss allmählich lernen, tieferes Mitgefühl zu entwickeln. Ihr bleibt nichts anderes übrig, wenn sie vorankommen will.«
»Und wir überwachen den Einsatz strengstens?«
»Das macht Ray. Er hat sie schon mal unter seine Fittiche genommen.«
»Also gut … in Ordnung. Sieht so aus, als ob du alles Nötige bedacht hättest. Lass es uns in die Wege leiten.«
»Gut. Ich informiere 3WA, dass wir loslegen können.«
Der Sonntagmorgen begann mit der fürchterlichen Erkenntnis, dass ich den größten Fehler meines Lebens gemacht hatte.
Die ganze Geschichte hatte Samstag ihren Anfang genommen. Das Wochenende fing an wie jedes andere auch: Mum und Dad, die durch die Gegend rannten und für die Party am Nachmittag Handpuppen und Luftballons und Schminke in den Kleinbus packten. Beinahe an jedem Samstag ist irgendwo eine Party. Meine Eltern treten nämlich auf Partys auf; am Wochenende haben sie daher die meiste Arbeit. Früher habe ich sie immer auf die Partys begleitet, aber eines Tages … Wie auch immer, ich mache es jedenfalls nicht mehr.
Geburtstage, Jahrestage, bestandene Klavierprüfungen – egal, was du feiern willst: Sie sind dabei. Sie singen, ziehen Kaninchen aus Hüten, bewerfen deinen großen Bruder mit einer Sahnetorte. Hauptsache, sie bringen dich zum Lachen. Alle meinen, dass es riesigen Spaß machen muss, solche Eltern zu haben. Sie stellen sich vor, dass es bei mir zu Hause zugeht wie auf einer Dauerparty. Ähm. Stimmt nicht so ganz.
Früher hat es schon Spaß gemacht, schätze ich. Als ich noch klein war und es nicht langweilig fand, jede Woche aus Luftballons Dackel zu formen; als es mir wirklich noch gefallen hat, in einem knallgelben VW-Bus mit Bildern von Clowns und Zauberern und Kaninchen auf der Seite herumkutschiert zu werden; als ich noch nicht wusste, dass es Probleme gibt, die man nicht durch Kitzeln kurieren kann. Da war ich noch überzeugt, dass meine Eltern die unglaublichsten Lebewesen auf diesem Planeten sind.
Inzwischen finde ich sie einfach nur peinlich.
An jenem Samstag machte es mir aber nichts aus. Ich beachtete sie kaum. Ich war zu sehr damit beschäftigt, einem Geschenk, das ich für meine beste Freundin Charlotte bastelte, den letzten Schliff zu geben.
»Philippa, wir gehen jetzt!«, rief Mum die Treppe herauf.
»Alles klar«, gab ich zurück.
»Ich habe Tofu-Brötchen und Gemüseburger für dich und Charlotte gemacht.«
Ich verdrehte die Augen. Einmal, nur ein einziges Mal wäre es ganz nett gewesen, so etwas Normales wie ein Käsebrot oder Fischstäbchen zum Mittagessen zu bekommen. »Toll!«, rief ich, in der Hoffnung, begeisterter zu klingen, als ich es war.
Meine Zimmertür wurde geöffnet, und ich sah auf. Dad. Er hatte sich eine leuchtend orangefarbene Sonne auf die eine und einen schwarzen Nachthimmel mit Mondsichel auf die andere Wange gemalt.
»Rechts oder links, wo ist der Penny?«, fragte er grinsend und hielt mir die Handflächen hin.
Ich deutete auf den Penny in seiner linken Hand. »Links.«
»Bist du sicher?« Dad zwinkerte, dann schloss er die Hände zu Fäusten, schüttelte sie, ließ mich darauf pusten, und – kurz geblinzelt – der Penny war verschwunden. Ein guter Trick. Er wäre wahrscheinlich noch viel beeindruckender gewesen, wenn man ihn nicht zwölf Jahre lang dreimal die Woche gesehen hätte; wenn man nicht gewusst hätte, wie er funktionierte, sodass man seine beste Freundin schon unzählige Male mit demselben Trick beeindruckt hatte.
Aber ich hätte natürlich nie etwas gesagt. Es hätte ihn nur traurig gemacht, und insgeheim bewunderte ich seine Zaubertricks ja auch. Ich fand es toll, wenn er mir einen neuen Trick beibrachte. Den übte ich dann tagelang. Ich hatte allerdings nicht vor, ihn jemals irgendjemandem außer Charlotte vorzuführen. Allein der Gedanke an einen Auftritt ließ mich erzittern. Das wollte ich nie wieder machen.
»Unglaublich«. Ich lächelte.
Dad schloss die Hände wieder, kitzelte mich hinterm Ohr und hielt mir die Handflächen ein zweites Mal hin. »He, schau doch, wo ich ihn gefunden habe! Er war die ganze Zeit in deinem Ohr«, behauptete er. »Warum hast du mir das denn nicht gesagt?«
Ich lächelte weiter. »Das gefällt ihnen bestimmt, Dad«, versicherte ich ihm.
Er beugte sich vor und gab mir einen Kuss auf die Stirn. »Sei schön brav, Sonnenschein«, sagte er, dann ging er und sprang die Treppe hinunter zu Mum.
Ich sah dem Bus nach, bis er am Ende der Straße war, dann widmete ich mich wieder dem Freundschaftsarmband, das ich für Charlotte machte.
Charlotte war vom ersten Schultag an meine beste Freundin gewesen. Wir waren sogar schon zusammen in den Kindergarten gegangen, wir kannten uns also seit fast sieben Jahren – und an diesem Wochenende zog sie fort. Ihre Eltern hatten einen Bauernhof gekauft, der Hunderte von Kilometern weit weg lag. Sie wollten »zurück zur Natur«. Nur selbstgezogenes Gemüse und Solaranlagen und weder Telefon noch Fernsehen. Sie würden nicht mal einen Computer haben, und das Haus war so abgelegen, dass ihre Handys wahrscheinlich keinen Empfang haben würden. Genauso gut hätten sie in ein Raumschiff steigen und den Planeten verlassen können.
Aber sie freuten sich irrsinnig darauf. Sogar Charlotte. Ich dagegen fühlte mich, als würde man mir Arme und Beine abhacken. So nahe standen wir uns. Charlotte sagte, ihr ginge es genauso, aber ich wusste, dass sie sich auf das neue Leben freute. Sie sollte ein eigenes Pony bekommen, und ihre Eltern hatten ihr versprochen, einen Hund und Hühner anzuschaffen. Ich freute mich für sie. Doch, echt. Nur, wie sollte ich ohne sie jemals wieder glücklich sein?
Das Freundschaftsarmband. Sie würde jede Minute aufkreuzen. Ich wischte mir über die Augen und wandte mich wieder dem Geschenk zu. Es war in einem komplizierten Muster geflochten, in Türkis, Pink und Lila: ihren Lieblingsfarben.
Gerade hatte ich den letzten Faden verarbeitet, als es klingelte. Das ist das letzte Mal, dass sie um die Hausecke kommt, sagte eine traurige Stimme in meinem Kopf.
Ich sah in den Spiegel, wischte mir nochmal über die Augen und versuchte zu lächeln. Nicht daran denken. Zeig ihr nicht, wie traurig du bist; mach es ihr nicht unnötig schwer, sagte ich zu meinem Spiegelbild.
»Ich möchte mich vom Baumhaus verabschieden«, sagte Charlotte, und wir schlenderten zum hinteren Teil des Gartens. Das Baumhaus war unser Platz. Dort hatten wir so viele Geheimnisse geteilt und Spiele gespielt. Das Baumhaus wusste alles über uns.
Dad hatte es gebaut, als ich noch ein Baby gewesen war. Er hat mal gesagt, dass er es aus Liebe gebaut hätte, wegen einer Sache, die vor langer Zeit geschehen sei. Viele Jahre, ehe ich geboren wurde, war er durch die Welt gezogen. Irgendwann ging ihm das Geld aus, und er hatte keinen Platz zum Schlafen. Er begegnete einem alten Mann, der an einer Straßenecke bettelte. Dad war traurig, dass er dem Mann kein Geld geben konnte, deshalb leerte er seine Tasche aus und sagte ihm, er solle sich nehmen, was er brauchen könnte. Der Bettler nahm einen Apfel von Dad, und sie fingen an, sich zu unterhalten.
Als Dad ihm erzählte, dass er keinen Schlafplatz hätte, wies ihn der Mann auf eine Stelle in der Nähe des Strandes hin, wo es Hütten auf Stelzen gab. Dad machte sich zu den Hütten auf, und dort stieß er auf Mum. Sie jobbte den Sommer über am Strand. Es endete damit, dass er drei Monate dort blieb und sich ebenfalls einen Job suchte. Danach zogen sie die nächsten sechs Monate gemeinsam durch die Gegend. Sie heirateten fast unmittelbar nach ihrer Rückkehr.
Er hat das Baumhaus den Stelzenhütten nachempfunden.
Am Ende des Gartens stehen ein paar Bäume, fast ein Wäldchen. Mittendrin ist eine Lichtung, und mitten auf diesen freien Platz hat er das Baumhaus gebaut. Es ist riesig und rund und steht auf drei hohen Holzpfählen, und es hat ein Holzdach, das wie ein riesiger Schirm aussieht. In seinen Wänden sind drei große Fenster, und es gibt eine Leiter, über die man durch eine Falltür von unten in die Hütte kommt. Wenn wir mal umziehen sollten, würde mir das Baumhaus mehr fehlen als unser richtiges Haus.
Es würden leicht fünf oder sechs Leute darin Platz finden. Aber meistens sind nur Charlotte und ich drin. Mum und Dad benutzen es inzwischen nicht mehr. Darüber bin ich froh, weil so viele von meinen Sachen dort sind. Ich glaube, ich hätte es nicht gern, wenn sie anfangen würden, im Baumhaus herumzuschnüffeln! Es ist ganz viel von meinem Privatkram dort, zum Beispiel meine Tagebücher und Notizbücher, die voll sind mit Ideen für Geschichten und mit Szenen für Stücke, die Charlotte und ich uns ausgedacht haben, und kleine Nachrichten, die wir im Baumhaus füreinander deponiert haben.
Außerdem gibt es Unmengen von Karten und Zeitungen und Tüchern für die Zaubertricks, die ich an Charlotte ausprobiere. Ich bin wahrscheinlich nicht besonders gut im Zaubern und kann die Tricks nur so einigermaßen, aber es ist das, was ich am liebsten mache. Wenn ich einen Trick vorführe, ist es, als würde ich alles andere um mich herum vergessen. Charlotte reagiert immer ganz lieb darauf. Ihr Lieblingstrick ist der, bei dem ich eine Münze verschwinden lasse. Dann muss sie eine Apfelsine schälen, und die Münze ist innen drin. Der Trick ist ganz einfach, trotzdem hat sie noch nicht herausgefunden, wie er geht. Sie findet alles, was ich mache, super. Aber so soll es bei einer besten Freundin ja auch sein, oder?
Jetzt habe ich bald niemanden mehr, der mir sagt, wie toll ich bin.
»Kommst du rauf?«, rief Charlotte vom oberen Ende der Leiter.
»Ich warte hier unten. Ich dachte, es wäre vielleicht nett für dich, allein Abschied zu nehmen«, antwortete ich. In Wahrheit hätte ich wahrscheinlich losgeheult, wenn ich gehört hätte, wie sie sich von unserem liebsten Ort verabschiedete. Charlotte sah mich kurz an, dann nickte sie nur und kletterte durch die Falltür ins Baumhaus hinein.
Ich setzte mich auf die Lichtung, um auf sie zu warten. Die Sonne hatte den ganzen Morgen versucht, durch die Wolken zu dringen. Jetzt versteckte sie sich hinter einer ganz dicken, klumpigen Wolke am Himmel. Ich sah hinauf und beobachtete, wie die Wolke dünner wurde und sich in die Länge streckte und eine neue Form annahm. Die Sonne fing an, Löcher hineinzubohren. Staubige, gleißende Strahlen fielen durch die Lücken in dem riesigen Gebilde. Wenn so etwas passiert, stelle ich mir immer vor, dass es aussieht wie eine Himmelsleiter oder eine Treppe, die aus dem All von einem anderen Planeten kommt, und dass wir eine ganz neue Welt neben unserer entdecken würden, wenn wir nur herausfinden könnten, wie man dort hinaufsteigt.
Einmal habe ich Charlotte erzählt, was mir so durch den Kopf geht. Sie hat gelacht und mir in allen Einzelheiten erklärt, warum das wissenschaftlich unmöglich sei. Sie sagt, dass ich sowieso keine anderen Welten nötig hätte, weil ich die halbe Zeit in meiner eigenen Traumwelt lebte.
Das muss ich von Mum haben. Sie glaubt an alle möglichen verrückten Sachen dieser Art. Sie stellt sich vor, dass Sonnenstrahlen Feen sind, die der Erde einen Besuch abstatten und auf die Menschen aufpassen. Früher hat sie mir immer ein Lied vorgesungen, das angeblich Feen herbeilockt. Wir haben es ab und zu zusammen gesungen.
Gute Fee, gute Fee,
mach, dass ich dich endlich seh!
Wenn ich zähl von Null bis Neun,
komm um Schlag zwölf und sei mein.
Das haben wir ungefähr ein Jahr lang jeden Tag gesungen, und nicht eine einzige Fee ist aufgetaucht, bis ich schließlich kapiert habe, dass es nur ein albernes Liedchen ist, das sie sich ausgedacht hat – obwohl sie versuchte, mir einzureden, dass sie es von den Feen persönlich hatte!
Ich lehnte mich zurück, auf meine Hände gestützt, sang das Lied vor mich hin und ließ mir das Gesicht von der Sonne wärmen, die sich allmählich hinter der Wolke hervorschob und so hell schien, dass ich das Gesicht schließlich abwenden musste.
Beim Blick auf den Boden entdeckte ich neben mir ein Büschel Gänseblümchen. Ich pflückte ein paar davon. Dann machte ich in jeden Stängel einen Schlitz und steckte sie ineinander.
Charlottes Schatten fiel auf mich. »Was machst du da?«, fragte sie und setzte sich ebenfalls auf den Rasen.
»Eine Blumenkette.«
»Au ja, ich mach mit. So was hab ich schon lang nicht mehr gemacht«, sagte sie und pflückte nun auch ein paar Gänseblümchen.
Schweigend bastelten wir vor uns hin. Beide hingen wir unseren Gedanken nach. Waren Charlottes Gedanken die gleichen wie meine? War sie genauso traurig wie ich, oder war sie zu aufgeregt vor lauter Vorfreude darüber, dass sie auf einem Bauernhof wohnen und ein eigenes Pony haben würde?
Bei diesen Gedanken brannten mir die Augen. Ich wandte mich von Charlotte ab und betrachtete meine Blumenkette. Dann zählte ich die Gänseblümchen. Acht. Fast genug. Noch eines, und die Kette würde fertig sein. Es sollte eine Halskette werden, die ich Charlotte zusammen mit dem Freundschaftsarmband schenken wollte.
Das letzte Gänseblümchen ist immer am schwierigsten zu finden. Es muss lang genug sein, dass man einen Blütenkopf durch seinen geschlitzten Stängel schieben kann, und dick genug, dass es dabei nicht reißt, sondern die ganze Kette zusammenhält.
Das Problem war, dass alle Gänseblümchen durch meine tränengefüllten Augen ein bisschen verschwommen aussahen, deshalb wusste ich nicht so recht, welches ich pflücken sollte. Ich wischte mir schnell mit dem Handrücken über die Augen und setzte die Suche nach dem perfekten Gänseblümchen fort.
Während ich um mich starrte, fuhr ein Windhauch über die Lichtung, der alle Gänseblümchen tanzen und sich wiegen ließ. Eines stach mir sofort ins Auge. Es war größer als die anderen, und es schien sich tief zu neigen, zu mir hin, fast, als ob es unbedingt gepflückt werden wollte. Ich beugte mich darüber. Dabei fiel mir eine Träne aus dem Auge und landete auf der Blüte.
»Huch, entschuldige«, sagte ich geistesabwesend. Das Gänseblümchen nickte mir zu, als habe es meine Entschuldigung angenommen.
Es hatte mich verstanden! Das Gänseblümchen hatte mich gehört; es hatte mir geantwortet!
Ich drehte mich zu Charlotte um und wollte es ihr gerade erzählen, da fiel mir wieder ein, wie sie auf meine Sonnenstrahltheorie reagiert hatte – und auf Hunderte anderer Ideen, die ich während all der Jahre geäußert hatte und die sie als physikalisch absurd abgetan hatte. Nichts anderes würde sie über die Gänseblümchengeschichte sagen. Und in diesem Fall, so nahm ich an, hatte sie sogar recht. Selbst ich musste zugeben, dass Blumen nicht sprechen konnten!
Ich wandte mich wieder dem Gänseblümchen zu und pflückte es ganz unten am Stiel. Während ich das tat, verspürte ich ein ganz seltsames Gefühl. Eine Art inneres Funkeln. Nur so kann ich es beschreiben. Es war wie ein vibrierendes Summen, das in meinen Fingerspitzen anfing, dann über die Arme auf den ganzen Körper überging und mich mit einem juckenden Kribbeln erfüllte. Ich wand und schüttelte mich und sah mir das Gänseblümchen genauer an.
Während ich es so auf meiner Handfläche liegen sah, machte sich in meinem Kopf ein Gedanke breit. Nein, es war mehr als nur ein Gedanke. Es war eine Art Wissen, fast schon eine Gewissheit. Das Gänseblümchen war eine … nein – das konnte doch nicht sein. Das war doch lächerlich! Das kam wahrscheinlich daher, weil ich an das alberne Lied von Mum gedacht hatte. Ich bekam es immer noch nicht aus dem Kopf.
Wenn ich zähl von Null bis Neun …
Und das hatte ich ja gemacht. Es war das neunte Gänseblümchen gewesen!
Da wusste ich, dass es tatsächlich so war – selbst wenn es sich verrückt anhörte, ich wusste es einfach.
Komm um Schlag zwölf und sei mein.
Das Gänseblümchen würde sich um Mitternacht in eine Fee verwandeln.
Eines muss ich klarstellen, ehe ich weitermache, falls ihr wie Charlotte seid und nur an das glaubt, was vernünftig und logisch ist.
Ich glaube eigentlich gar nicht an Feen.
Oder habe bisher nie an sie geglaubt. Ich meine, ich – schließlich bin ich zwölf Jahre alt und kein kleines Kind mehr. Ich stehe kurz vor dem zweiten Halbjahr der sechsten Klasse. In ein paar Monaten komme ich in die siebte! Ich darf einfach nicht an Feen glauben!
Wenn mich letzte Woche jemand danach gefragt hätte, hätte ich auf jeden Fall mit Nein geantwortet. Vermute ich wenigstens.
Ich hätte mir zumindest niemals vorstellen können, dass eine Fee am Ende unseres Gartens auftaucht!
Aber tief in meinem Inneren sagte mir eine Stimme, dass es so kommen würde. Und das müsst ihr mir jetzt einfach glauben, in Ordnung?
Ich warf Charlotte einen heimlichen Blick zu, um festzustellen, ob sie meine Gedanken erraten hatte. Ihre Zungenspitze ragte aus dem Mundwinkel, so sehr konzentrierte sie sich auf ihre Blumenkette.
»Ich muss mal eben was aus dem Baumhaus holen«, sagte ich. Charlotte nickte, ohne aufzusehen.
Sanft schloss ich die Hand um mein Gänseblümchen, kletterte die Leiter hinauf und suchte nach etwas Passendem, worin ich das Blümchen aufbewahren konnte. Ich kramte zwischen alten Zeitschriften und Rätselbüchern und fand etwas. Eine kleine, längliche, kupferfarbene Metalldose mit dem Bild einer Eiche auf dem Deckel. Mum hatte sie mir letztes Jahr, als wir in den Ferien waren, in einem Andenkenladen gekauft.
Ich hatte sie aufgehoben, um etwas ganz Besonderes hineinzutun. Und das hatte ich nun gefunden.
Ich suchte ein bisschen trockenes Gras zusammen, das auf dem Boden des Baumhauses herumlag, und drückte es in die Dose. Ich weiß, es klingt dämlich, aber ich wollte sichergehen, dass die Fee es bequem hatte. Dann legte ich das Gänseblümchen in die Dose und stellte sie sanft auf den Fenstersims. Die Fenster haben natürlich keine Scheiben; es sind einfach nur Löcher in der Wand, mit dicken Abschlussbalken. »Bis später«, flüsterte ich in die Dose, wobei ich mir nun doch etwas albern vorkam. Dann eilte ich die Leiter hinunter, zurück zu Charlotte.
»Fertig!«, sagte sie und wischte sich die Beine ab, während sie aufstand. Ich suchte mir schnell ein anderes Gänseblümchen und machte meine Kette ebenfalls fertig.
»Die ist für dich«, sagte Charlotte und hielt mir ihre Blumenkette hin.
»Schnippschnapp!« Lächelnd hielt ich ihr meine hin.
Charlotte lächelte zurück. »Lass uns versprechen, dass wir die für immer und ewig aufheben«, sagte sie.
»Für immer und ewig!«
Ich steckte den Kopf durch meine neue Kette und versuchte mir einzureden, dass die Gänseblümchen nicht welken und vertrocknen würden, genauso wenig wie unsere Freundschaft.
»Komm, ich hab noch ein weiteres Geschenk für dich«, sagte ich. »Es ist im Haus.«
Charlotte folgte mir durch den Garten, und wir redeten über das Mittagessen, Geschenke, das Wetter, Blumen, Partys – über alles, was uns so einfiel, außer über die Sache, die schwerer wog als alles andere zusammen: die Tatsache, dass sie morgen abreisen würde.
Ich ging früh ins Bett. Mum und Dad erlauben mir samstags zwar immer, länger aufzubleiben, aber ich wollte nicht. Ich hatte keine Lust darauf, sie dabei zu beobachten, wie sie total beschwipst und aufgeputscht herumalberten. So benahmen sie sich nämlich meistens, wenn sie eine Party ausgerichtet hatten. Ich glaube, das liegt an den vielen süßen Sachen, die sie bei solchen Veranstaltungen essen. Dann machen sie richtig laut Musik und tanzen in der Küche herum. Manchmal spielt Mum auf ihrer Fiedel, und Dad legte dazu ein albernes Tänzchen hin.
Früher habe ich auch mitgetanzt. Ab und zu mache ich das noch immer, wenn sie es unbedingt wollen. Aber um ehrlich zu sein, das Herumgehopse in der Küche ist eigentlich nicht mein Ding. Manchmal versuche ich mich zu drücken, indem ich behaupte, ich müsste meine Hausaufgaben machen. Dann lacht Mum sich kaputt. Hausaufgaben stehen auf ihrer Dringlichkeitsliste ganz weit unten, verglichen mit so wichtigen Dingen wie Tanzen und Lachen jedenfalls.
Aber an diesem Abend versuchten sie nicht, mich zu überreden. Vielleicht merkten sie, dass ich zu traurig war. Charlotte würde doch am nächsten Morgen abreisen. Sie wollte, dass ich vorbeikommen und ihr nachwinken sollte, aber den Gedanken, dabei zuzusehen, wie sie aus meinem Leben verschwand, konnte ich nicht ertragen.
Ich blickte auf den Radiowecker auf meinem Nachttisch. Zehn vor neun. Morgen um diese Zeit würde sie schon in ihrem neuen Haus sein.
Dann fiel mir etwas anderes ein. Das Gänseblümchen! Ich musste fast laut loslachen, als ich daran dachte, dass ich geglaubt hatte, es könnte sich in eine Fee verwandeln. Das kommt davon, wenn man eine Mutter hat wie meine. Man kommt auf die verrücktesten Ideen! Feen – schön wär’s!
Trotzdem kam ich nicht umhin, mich zu fragen, ob es vielleicht doch wahr sein könnte. Wenn es nun doch so war? Wenn es sich tatsächlich in eine Fee verwandelte?
Wenn es das tun würde, dann wäre es in drei Stunden so weit! Ein Schauer überlief mich. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr redete ich mir ein, dass es doch möglich war. Ich würde eine eigene Fee haben.
Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Wie würde sie sein? Würde es ihr gefallen, in der Dose zu bleiben, in die ich sie gebettet hatte? Was war, wenn sie zu groß dafür wurde?
Dann musste ich eine andere Bleibe für sie finden. Ich würde auf sie aufpassen. Sie würde einen Zauberstab haben, der Funken stob, und ein leuchtend weißes Kleid und ein Krönchen im Haar – sie würde so aussehen wie die Feen, von denen man in Geschichten liest. Geschichten allerdings, die ich vor einer Ewigkeit gelesen hatte. Solche Geschichten lese ich doch jetzt nicht mehr – natürlich nicht!
Ich lachte vor mich hin. Nein, es klappte nicht. Ich konnte einfach nicht glauben, dass da eine echte, lebendige Fee in unserem Garten war!
Ich nahm mir ein neues Zauberbuch vor, das Dad eine Woche zuvor für mich gekauft hatte, das Handbuch für Zauberer, und schlug einen neuen Zaubertrick auf: Wie man eine Kette aus Heftklammern zaubert.
Aber nachdem ich die Worte zehn Minuten angestarrt hatte, merkte ich, dass ich nicht eine Seite umgeblättert hatte. Um genau zu sein, ich hatte keine einzige Zeile gelesen. Ich konnte das Gänseblümchen nicht aus meinem Kopf verscheuchen.
Was wäre wenn …? Was wäre wenn …?
Die Frage ging mir nicht aus dem Kopf. Vielleicht wollte ich es einfach glauben, um mich von allen anderen Dingen abzulenken. Ich weiß es nicht. Ich wusste nur eines, der Gedanke ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf – und die Gewissheit wurde immer stärker.
Allmählich wurde ich ganz zappelig. Sollte ich runter ins Baumhaus gehen und in die Dose gucken, nachsehen, ob schon etwas passiert war? Würde ich die Fee stören, wenn ich das tat? Wie ging das überhaupt vor sich, wenn ein Gänseblümchen sich in eine Fee verwandelte?
Ich versuchte mich wieder meinem Buch zu widmen, konnte mich aber immer noch nicht darauf konzentrieren. Das war mir noch nie passiert. Wenn ich einen neuen Zaubertrick durchlas, lenkte mich das gewöhnlich von allem anderen ab. Ich vergaß, wie mich Mum und Dad millionenfach vor meinen Freunden blamierten oder wie mich Mädchen wie Trisha Miles in der Schule piesackten und mich vor den anderen in der Klasse dumm dastehen ließen. Selbst der Gedanke daran, dass Charlotte wegzog, war vergessen. Diesmal konnten mich die Tricks jedoch nicht ablenken. Vielleicht war der Zauber, der von der Fee ausging, zu stark.
Ich stand auf und wanderte in meinem Zimmer umher, ich kam mir unbeholfen und wie gelähmt vor. Was konnte ich tun? Womit sollte ich bloß die nächsten drei Stunden verbringen? Sollte ich ins Baumhaus gehen? Einfach mal nachsehen?
Ich dachte an die Blechdose auf dem Sims und wie es um sie herum immer dunkler wurde. Was war, wenn sie sich einsam fühlte oder Angst bekam? Meine Fee, die ganz allein in der kleinen Blechbüchse auf dem Fenstersims wartete. Wenn sie sich nun schon früher verwandelte? Und vielleicht fort wäre, wenn ich endlich nach ihr schaute? Was war, wenn sie aufwachte – oder zu sich kam oder was immer das ist –, ehe es so weit war? Dann war sie vielleicht noch nicht ganz fertig mit der Verwandlung.
Ein Frösteln lief über meinen Nacken, ließ mir die Haare zu Berge stehen und rann meine Wirbelsäule hinunter.
Denke nicht daran.
Ich sah erneut auf die Uhr. Es war fast zehn. Nur noch zwei Stunden. Ich stieg zurück ins Bett, schnappte mir das Handbuch für Zauberer und versuchte zu lesen. Würden die nächsten zwei Stunden jemals vergehen?
Eine Minute später sank ich in einen unruhigen Schlaf.
Ein Monster verfolgte mich. Es hatte Beine wie Baumstümpfe, kurz und dick, und aus seinem Kopf wuchsen Äste. Es lief mir mit einem Strauß Gänseblümchen hinterher und rief beim Rennen wütend: »Du hättest sie in Ruhe lassen sollen, du dummes Kind. Sieh nur, was du angestellt hast!«
Ich versteckte mich hinter einer Eiche. Konnte ich hinaufklettern? Sie war von einem wunderschönen Kranz aus Gänseblümchen umgeben, aber als ich danach griff, verwandelte sich die Blumenkette in Stacheldraht. Ich war gefangen: Das Monster war mir dicht auf den Fersen –
»N-ei-iiin!«
Mit einem Ruck setzte ich mich schwitzend und zitternd auf. Die Sache mit dem Gänseblümchen erschien mir plötzlich durchaus möglich. Der Traum – er hatte so echt gewirkt.
Ich blinzelte und spähte ins Halbdunkel. Der Mond schien durch die Vorhänge, die ich nicht richtig zusammengezogen hatte. Er warf einen schaurigen Lichtstreifen auf die Wand und den Teppich. Ich knipste die Nachttischlampe an und vertrieb das Mondlicht.
Zehn vor zwölf.
Plötzlich rasten mir so viele Fragen durch den Kopf, dass er mir wie ein Karussell vorkam, das sich nicht anhalten ließ. Wenn es nun eine böse Fee war? Wenn sie gar nicht in meinem Baumhaus sein wollte?
Vielleicht war es ja grausam, sie in eine Blechbüchse zu sperren.
Vielleicht würde sie mir das heimzahlen wollen.
Irgendwie sah die Lage nicht mehr so rosig aus wie im nachmittäglichen Sonnenlicht, und meine Zweifel ließen mich keine Ruhe mehr finden. Es würde passieren – ich wusste es.
Ich stieg aus dem Bett und schlüpfte in meinen Morgenrock. Ich zog ihn fest um mich, konnte aber immer noch nicht aufhören zu zittern. Zehn vor zwölf. Denk nach. Was sollte ich tun?
Acht vor zwölf. Sieben, sechs.
Ich konnte es nicht, ich konnte es nicht zulassen.
Ich wollte keinen Feenzauber. Warum hatte ich überhaupt mit dem Unsinn angefangen? Warum hatte ich die blöde Gänseblümchenkette überhaupt machen müssen? Mein Zittern wuchs sich zu einem regelrechten Schlottern aus, und mir wurde klar, dass ich das Gänseblümchen loswerden musste.
Ich stürzte aus meinem Zimmer und rannte nach unten, wobei ich Acht gab, nicht auf die knarrenden Dielen vor Mums und Dads Schlafzimmer zu treten. Leise drehte ich den Schlüssel der Hintertür herum und rannte so schnell ich konnte durch den Garten. Meine Füße wurden nass vom Tau auf dem Gras.
Atemlos kletterte ich die Leiter zum Baumhaus hoch und lief zu dem Sims.
»Es tut mir leid«, flüsterte ich und nahm die Dose. »Es tut mir echt leid.«
Ich trug sie zum gegenüberliegenden Fenster, das oberhalb von Büschen und Sträuchern lag. Dann klappte ich den Deckel auf. Ich beugte mich aus dem Fenster, zerdrückte das Gänseblümchen in der Hand und warf es hinaus, in die Büsche hinunter, weit weg vom Baumhaus, aus den Händen, aus meinem Leben.
Einen Augenblick später sank ich erleichtert zusammen, als ich aus der Ferne die Kirchturmglocke zwölfmal schlagen hörte. Mit bebenden Händen starrte ich in die leere Blechbüchse.
Zur Sicherheit warf ich sie auch noch ins Gebüsch hinaus, dann stieg ich die Leiter wieder hinunter und schloss die Falltür hinter mir. Ohne einen Blick auf die Büsche rannte ich durch den Garten zurück, wieder ins Haus hinein und auf direktem Weg ins Bett.
Ich zog die Steppdecke bis zum Kinn hoch, drehte mich zur Wand und sank allmählich in einen friedlichen Schlaf.
Das Erste, was ich bemerkte, als ich zu mir kam, war der seltsame Geschmack auf meiner Zunge. Was war das?
Etwas Knirschendes, Unangenehmes. Ich tastete nach meinem Mund. Meine Lippen waren bedeckt davon. Erde! Igitt!
Ich spuckte und wischte mir den Mund mit beiden Händen. Aua! Mein rechter Arm! Er war zerkratzt und blutete von oben bis unten – und er tat wie verrückt weh. War er womöglich gebrochen?
Ich versuchte mich zu bewegen, konnte das Gewicht aber nicht auf den rechten Fuß verlagern, weil mein Knöchel angeschwollen war. In der pechschwarzen Finsternis konnte ich kaum etwas erkennen. Wo war ich? Mein Kopf fühlte sich vor Verwirrung und unbeantworteter Fragen an, als sei er mit Watte gefüllt.
Ich setzte mich an die Uferböschung und wartete auf den Morgen.