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Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Februar 2017

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Umschlaggestaltung Frank Ortmann

Umschlagabbildung Pavel K/shutterstock.com

Konvertierung Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

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ISBN 978-3-644-10022-0

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-10022-0

Für Marcel Beyer

Das Taxi hatte länger gebraucht als erwartet bis in die abgelegene, finstere Ecke der unteren Lower East Side an der 3. Straße, wo zwischen den üblichen Feuerleitern der Eingang zu Slug’s Saloon nicht schwer zu finden war. In dem Augenblick, als wir den Saal betraten, wurden die Lichter ausgeschaltet, legten die Musiker los mit kreischenden, klagenden, schrillen Tönen, nur die schwachen Bühnenscheinwerfer halfen uns, in dem nicht sehr großen Kneipenraum den letzten oder vorletzten freien Tisch in den hinteren Reihen anzusteuern, während die Ohren beschossen wurden von Getröte, Gezirpe, Gehämmer, Gejaule, als sollten wir mit dieser Folge von Dissonanzen gleich abgeschreckt, des Saales verwiesen und wieder zurück Richtung Exit getrieben werden –

 

Das musst du jetzt aushalten, das wirst du aushalten, sagte ich mir, als wir uns gesetzt hatten, mach gute Miene, lehn dich zurück und hör einfach zu oder hör weg, das hältst du jetzt aus. Fünf Musiker auf der schmalen Bühne, einer mit Saxophon, einer als Trompeter, einer hinter dem Schlagzeug, ein Bassist und ein Geiger, fünf Männer prügelten mit ihren Instrumenten auf meine Hörnerven ein, und ich dachte nur, lehn dich zurück und hör einfach zu oder hör weg –

 

Musik war das nicht, aber was sollte das sein, wenn es keine Katzenmusik war, das erste, das naheliegende Wort, das einem Laien und einfallsarmen Zuhörer wie mir bei den ersten Takten in den Kopf rutschte, eine böse, vielleicht doch treffende, nicht so schnell zu bestreitende Bezeichnung für die verstörenden Töne, für die schrille Verweigerung von Harmonien und Melodien, für den Schock, den ich fühlte, die Schockwellen, den Schallüberfall. Ich sah, wahrscheinlich mit fragenden und, wie ich hoffte, nicht allzu schülerhaft hilfesuchenden Augen, auf die beiden Freunde neben mir, die mich ermutigten mit lechzender Aufmerksamkeit und mit dem rhythmischen Wippen der Köpfe, die Freunde hatten mich gewarnt –

 

Ob das noch Musik sei, ob da der Jazz aufhöre oder ganz neu anfange, ob das richtige Musik sei, ob es richtigen Jazz überhaupt gebe und geben dürfe, hatten die beiden Experten beim Frühstück diskutiert, der Autor C. und der Redakteur H. Ich hatte mich an ihrem Gespräch nicht beteiligt, hätte mich gar nicht beteiligen können, das Wort Free Jazz sagte mir wenig, der Name Albert Ayler sagte mir nichts, das Lokal Slug’s Saloon galt meinen Fachleuten als Geheimtipp in verrufener Gegend, und während sie bei Rührei mit Speck sich in immer größere Begeisterung und Vorfreude auf das Konzert geredet hatten, war meine Entscheidung längst gefallen, mitzufahren am Abend –

 

Mehr von Abwechslungslust als von gezielter Neugier gelockt, nach einer Woche New York und einigen Partys war ich erschöpft von der Wucht der Eindrücke, der Lebendigkeit der Stadtbilder, dem permanenten Wechsel zwischen Freundlichkeit und Härte. Diesen letzten Abend vor dem Abflug wollte ich nicht in einem Kino oder in einer Bar vertrödeln und lieber ein halbherziges Interesse an der Musik vortäuschen und dem Argument der Freunde folgen: Komm mit, so schnell bist du nicht wieder in New York, so schnell wird man Ayler nicht mehr hören können, schon gar nicht in Berlin, aber welche Art Musik, war mir an diesem Abend egal –

 

Wir bestellten Bier, ich gab mir Mühe, lässig und aufmerksam auszusehen und die Ohren einzugewöhnen, die Ohren zu öffnen und für diese Musik zu trainieren. Wir gehörten zur weißen Minderheit, hier saß man unter Kennern, achtzig Leute ungefähr, fast alle ließen eine Zigarette glimmen, hier musst du den Kenner spielen und deinem Gesicht nicht anmerken lassen, wie schwer dir das Zuhören fällt. Du hältst das aus, sagte ich mir, du bist nur ein Anfänger, dem etwas Neues geboten wird, lehn dich zurück, du musst heute nicht vom Dreimeterbrett springen, keine Lateinprüfung nachholen, du stehst heute nicht auf der Bühne, du brauchst nur ruhig zu sitzen und die Ohren aufzusperren. Sie zuzuhalten wäre normal gewesen, wenn man sie schon nicht entlasten konnte wie am Radio mit einem Druck auf die Austaste, doch gegen solche Reflexe wusste ich mich zu wehren: keine Schonung bitte, wir sind schließlich in New York, da haben Schwächlinge nichts zu suchen, da wird nicht gekniffen –