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You live your life as if it’s real

Leonard Cohen

Soweit ich zurückblicken kann, sagte Austerlitz,

habe ich mich immer gefühlt, als hätte ich keinen Platz

in der Wirklichkeit, als sei ich gar nicht vorhanden.

W. G. Sebald

1. Aufbruch

Das Grab

km 4

Stefan Kutzenberger, der sich ein Leben lang dagegen gewehrt hatte, etwas umzubenennen, der ein geradezu körperliches Unbehagen empfand, wenn Menschen beschlossen, auf einmal anders zu heißen, wenn aus einer Anna die Klosterschwester Friederike wurde oder aus Maria im Ashram des indischen Gurus eine Madewa, wenn man bei den Pfadfindern einen Pfadfindernamen verliehen bekam oder auch wenn der Nachbarsbub Toni zu seinem 40. Geburtstag beschloss, fortan Anton genannt werden zu wollen, gerade dieser Stefan Kutzenberger starb nun unter anderem Namen. Auf der simplen Steinplatte, die sein Nischengrab verschließt, steht , etwas bizarr, aber korrekt, denn genau so stand es auch in seinen Aufenthaltspapieren, , . In den Grabstein wurden zudem der Geburts- und der Sterbetag eingraviert und erstaunlicherweise darüber hinaus ein Zusatz, der in spanischer Sprache besagt: . Das hätte Kutzenberger erfreut oder amüsiert, auf jeden Fall aber überrascht, denn immer weniger hatte er sich selbst als Schriftsteller gesehen, wenn er auch ursprünglich als solcher, als , nach Südamerika eingeladen worden war. In letzter Zeit war er allerdings, so wie viele andere Flüchtlinge auch, mehr ein Lebens- oder, besser, Überlebenskünstler geworden, und ich glaube, dass es ihm gut ging, als er zur falschen Zeit am falschen Ort war, dass er glücklich war, in dem Moment, als die Kugel seinen Schädel durchschlug, sodass man vielleicht sogar sagen könnte, trotz des schrecklichen Ausgangs seines Lebens: Ende gut, alles gut.

Die Stadtregierung von Santa María einigte sich nach Rücksprache mit Marta, der Frau, die ihm zum Zeitpunkt seines Todes am nächsten gestanden hatte, auf diese Zusatzzeile der Grabplatte und bezahlte nicht nur die Gravur, sondern auch gleich das Begräbnis. Wohl nicht seiner literarischen Verdienste wegen, sondern weil man sich für die Art und Weise, wie er zu Tode gekommen war, dann doch auf gewisse Weise verantwortlich fühlte und auch ein bisschen schämte. Der nicht genannte Geburtsort wäre Linz an der Donau in Oberösterreich gewesen, der Sterbeort erübrigte sich, da er identisch mit dem des Friedhofs war, nämlich Santa María, eine Kleinstadt im Norden Uruguays, mit ihrer Schwesterstadt Santana do Livramento zusammengewachsen, doch durch eine Landesgrenze geteilt, denn Santana lag bereits in Brasilien. Die beiden Städte trennte aber mehr, nicht nur das Land, der Staat, die Nation und damit die Farbe im Atlas, Brasilien grün, Uruguay gelb, so zumindest auf der Schreibtischunterlage des jungen Kutzenberger, auf die er viel öfter gestarrt hatte als in die Schulbücher, die darauf lagen, sodass er im Laufe der Zeit ein erstaunliches geografisches Wissen erlangte, die Hauptstädte der exotischsten Länder wusste, Suva für die Fidschi-Inseln, Ngerulmud für die Republik Palau, und sicher auch Santana do Livramento und Santa María gekannt hätte, wären sie auf seiner Weltkarte verzeichnet gewesen. Es trennte die beiden Städte aber eben noch mehr als nur die Landesgrenze und die Farbe im Atlas, nämlich die Sprache: das hopsende, immer leicht kindlich wirkende Portugiesisch Brasiliens in Santana und das so stolze Spanisch der La-Plata-Region in Santa María, weichgespült mit tröstenden -Lauten, tröstend, weil sie Kutzenberger immer an die beruhigenden Luftströme erinnerten, mit denen man kleinen Kindern den Schmerz wegzaubern mochte, , alles wird gut – und alles wurde gut. Noch eigenartiger als die sprachliche Trennung der Zwillingsstädte aber war, dass die direkt über den Hauptplatz gezogene Grenzlinie auch eine Zeitgrenze darstellte und Santana do Livramento Santa María eine Stunde voraus war, was immer wieder zu Verwirrungen führte und es Ortsunkundigen unmöglich machte, die Stadt wieder zu verlassen, da der Busbahnhof in Santana lag und der Bus daher schon vor einer Stunde abgefahren war, wenn man dort außer Atem ankam. Oder war das nur Kutzenberger passiert, als er 1992 das erste Mal hier gewesen war? Zusammengerechnet hatten diese beiden durch eine Stunde getrennten Städte 200 000 Einwohner, waren also ähnlich groß wie seine Geburtsstadt Linz. Trotzdem war ihm Santa María wie das letzte Loch erschienen, als er damals nach dem Missgeschick mit dem Bus in etwas eisiger Stimmung mit seiner Freundin in das heruntergekommene zurückkehrte, aus dem sie doch gerade erst ausgecheckt hatten. Sie bekamen dasselbe fensterlose Zimmer, das Bett war noch in Unordnung, und bald lagen auch ihre großen Rucksäcke wieder achtlos am Boden. Bis auf Gesichtshöhe waren die Wände mit dunkelblauem Lack angemalt, darüber in schmutzigem Weiß. In einer Ecke stand ein Ventilator, sonst gab es nur noch einen Sessel und ein kleines Tischchen, auf dem eine leere Flasche Mineralwasser der Marke stand, ein paar bröselige Kekse daneben. Kutzenberger legte sich ins Bett, schaute gegen die Wand und sagte zu seiner Freundin, , nur um den Gedanken sofort wieder zurückzunehmen, nicht frei von Aberglauben, denn der liebe Gott hört alles, der liebe Gott sieht alles – und der liebe Gott missversteht alles. Und so war es dann auch, einem unverständlichen Drehbuch folgend, trugen ihn seine Schritte nach vielen Jahren, Umwegen und Pirouetten zurück in diese Stadt, in die man kaum zufällig gelangte, nur um ihn hier sein Schicksal vollenden zu lassen.

Das erinnert natürlich an die Ödipussage, in der es König Laios ebenso wenig gelingt, dem Fluch zu entkommen, der besagt, dass ihn sein Sohn ermorden würde, um danach die eigene Mutter zu ehelichen. Noch mehr aber ähnelt Kutzenbergers Beharrlichkeit, just der Stadt, in der er nicht begraben sein wollte, quer über den Globus ein weiteres Mal zuzustreben, der , die Somerset Maugham so nacherzählt:

Es gefällt mir, wie der Tod hier plötzlich zum Erzähler, besser: zur Erzählerin wird. Denn natürlich fällt es auf, dass der Tod hier eine Dame ist, was im Spanischen auch der Fall gewesen wäre, , auf Deutsch dagegen unnatürlich wirkt, denn bei uns ist der Tod männlich, der Sensenmann. Aber das Gleichnis hinkt im Zusammenhang mit Kutzenbergers Geschichte ohnehin, da dieser seinem Schicksal ja nicht zu entkommen versuchte, sondern sich wahrscheinlich nicht einmal mehr an den Satz erinnerte, den er 1992 an seine Freundin gerichtet hatte. Ich weiß auf jeden Fall nicht, ob er schaudernd seiner Worte von damals gedachte, als er drei Jahrzehnte später ein weiteres Mal in dieser so entlegenen Zwillingsstadt gelandet war.

Wer ich bin? Sicher nicht der Tod und auch nicht , da können Sie beruhigt sein, liebe Leserin, lieber Leser. Ihr Erzähler ist harmlos, ein Mensch aus Fleisch und Blut, etwas kompliziert bekannt mit Kutzenberger, zu entfernt vielleicht, um sich hier aufzuspielen und sein Leben zu Ende erzählen zu wollen, könnte man einwerfen. Aber wer sonst sollte es tun? Freiwillige vor! Nun, sehen Sie, niemand. Es bleibt an mir, das zu vollbringen, und aus einem gewissen Pflichtbewusstsein heraus mache ich es nun eben, nicht dass Sie glauben, es macht so viel Spaß, sich jeden Tag an den Tisch zu setzen, um über einen Menschen zu schreiben, der einem die Polizei an den Hals gehetzt hat, der einen zur Flucht gezwungen hat, der einen nötigte, ein respektables österreichisches Leben gegen das eines Flüchtlings in Südamerika einzutauschen, und mit dem man nahezu nichts gemein hat, sicher nicht das Pflichtbewusstsein, manchmal erscheint es mir, als wäre ich der Letzte einer Generation, der dieses Wort überhaupt noch kennt. Was Kutzenberger nicht wissen konnte, ist, dass auch ich glücklich bin hier, überraschenderweise glücklicher, als ich es in Österreich je war. Vielleicht ist es eine vertrackte Dankbarkeit, die mich dazu bringt, aufzuschreiben, wie sich Kutzenberger und die Kugel, die sein Leben beendete, immer näher und näher kamen, so nah, bis ihre Wege einander auf höchst fatale Weise kurzzeitig kreuzten. Am Anfang der Geschichte waren sie allerdings noch durch ein Weltmeer getrennt auf zwei unterschiedlichen Kontinenten, und auch das Zimmer, in dem sie schließlich aufeinandertreffen sollten, Kutzenberger und die Kugel, war beruhigende 11.316 Kilometer Luftlinie von ihm entfernt. Doch schon schien Kutzenberger all seine Schritte so zu setzen, um diese ungeheure Distanz zu überwinden.

Die Paarungen

km 11.316

Der große Festsaal der Universität Wien war bereits voll, als Kutzenberger eintrat. Die deutschsprachige Literaturprominenz hatte sich eingefunden, große Namen waren darunter, die allergrößten freilich nicht, der Nobelpreisträger und die zwei Nobelpreisträgerinnen hatten kein Interesse an einem Austauschstipendium. Auch nicht, wenn dieses zu Ehren von Stefan Zweig vergeben wurde, dessen Todestag sich zum achtzigsten Mal jährte.

Am 22. Februar 1942 hatte sich Zweig im brasilianischen Exil an seinen Schreibtisch gesetzt und Abschiedsbriefe geschrieben, den letzten davon an seine erste Frau. Bereits der anderen Frau in den Tod verschworen, dachte er doch jener, für die er gelebt, die ihn geliebt: Friderike Maria Zweig. Dann folgte noch eine offene Seite an alle, die es wissen wollten. Er setzte unterstrichen das portugiesische Wort darüber, das man streng genommen schrieb, da es andernfalls ausgesprochen wurde, was in unseren Ohren nach Kakao klingt, in den brasilianischen jedoch nach , was bedeutete – eine eigenartige Überschrift für die letzte Erläuterung des erfolgreichsten Schriftstellers seiner Generation. Vielleicht war es ein ultimativer subversiver Akt, eine Botschaft an die verhassten Nazi-Schergen, die seine geistige Heimat Europa in den Untergang getrieben hatten. Von Salzburg hatte er nach London flüchten müssen, wo er die Grabrede für den ebenfalls gerade noch davongekommenen Professor Freud hielt, weiter ins hektische New York, um schließlich im ruhigeren Petrópolis, eine Autostunde von Rio de Janeiro entfernt, entkräftet aufgeben zu müssen. Frieden gab es nur am unbekannten Ort, und dorthin wollte er nun mit seiner Frau Lotte aufbrechen. Natürlich würden ihm Passivität und Schwäche vorgeworfen werden, doch hatte er keine Wahl, seine Lebensenergie war aufgebraucht, zu Ende. Ein einziges Mal wollte er jetzt noch zubeißen, zumindest im Abschied den Spieß umdrehen und den Barbaren die Zähne zeigen. Vom sicheren Brasilien aus auf die Feinde Deutschlands – denn natürlich waren die Nazis das – hinzuschlagen, kam ihm zu billig vor. Das konnte jeder, noch mehr, wenn man nur noch Stunden zu leben hatte, das war kein Heldentum. Seine Kritik musste subtiler sein. Und so ermächtigte er sich als Jude des Totems der Barbaren, des Hundes, den Hitler als Herrengeschöpf bezeichnete, im Gegensatz zur jüdischen Katze. Elegant verkleidet als Lieblingstier des Führers, erklärte Zweig diesem also ein letztes Mal, dass Freiheit das höchste Gut auf Erden sei.

Dann nahm er sich die Freiheit zu gehen, auch wenn er wusste, dass es verständnisloses oder arrogantes Kopfschütteln Thomas Manns auslösen würde, bestürzte Trauer unter tapferen Weggefährten, die Freude des Nazis, für den sein Selbstmord die Bestätigung war, dass der Jud nicht auserwählt war zu überleben. Aber er hatte sich entschieden, und es war zu spät, noch daran zu rütteln, nichts konnte ihn mehr aufhalten. Der 22.02. war ein schönes Datum, neunundfünfzig Mal war es im Laufe seines Lebens an ihm vorbeigezogen, harmlos und unerkannt. Nun, beim sechzigsten Mal, einem Sonntag, war Schluss mit dem Vorüberziehen, die Zeit würde stehen bleiben, sich in der Unendlichkeit auflösen.

Am Abend zuvor hatte er dem deutschen Journalisten Ernst Feder ausgeliehene Bücher zurückgegeben, er wollte keine Schulden hinterlassen, die Miete für den Monat März lag in einem Kuvert auf dem Schreibtisch. Feder hatte er berichtet, dass er endlich den beendet hatte. Für seine Zeitgenossen hatte er keine Geduld mehr, stattdessen las er in den letzten Monaten all die Klassiker wieder, die ihn begleitet hatten: Homer, Dante, Shakespeare und nun eben auch Goethe. Dante hatte den Test am besten bestanden, die war das, was dem Göttlichen am nächsten kam. Dante Alighieri, der florentinische Exildichter, war ihm, dem Habsburger in Brasilien, am nächsten, er war derjenige, der nach einem lange in der Literatur verbrachten Leben übrig blieb. Schade, dass das letzte Buch, das er gelesen hatte, ein schales war.

Am Dienstag war Faschingsdienstag gewesen, Karneval in Rio! Der von allen herbeigesehnte schönste Morgen mit den leuchtendsten Farben und fröhlichsten Herzen, so glücklich, dass man sich in Brasilien jedes Jahr aufs Neue fragte, ob es danach noch einen weiteren Tag geben könnte. Die Antwort war nein, der Karneval war vorüber, keiner hörte mehr ein Lied, keiner stolzierte mehr vorbei, im Herzen nur noch Wehmut und Asche. Das war, was übrig blieb. Dementsprechend begann der Aschermittwoch mit einer Hiobsbotschaft, seinem Todesurteil: Singapur war gefallen, die Japaner einmarschiert, die Engländer auf der Flucht. Damit war der Krieg verloren, der letzte Posten der Zivilisation aufgegeben. Keine Armee der Welt konnte die Deutschen nun mehr aufhalten, noch vor Weihnachten würde Rio deutsch sein. Wozu so lange warten? Allzu ungeduldig beschloss er voranzugehen.

Stefan Zweig ordnete seine Abschiedsbriefe, legte die obenauf, das Kuvert mit dem Geld daneben, nahm zwei Gläser, bedeckte den Boden einen Finger dick mit Veronal. Da kam Lotte ins Zimmer. Sie war siebenundzwanzig Jahre jünger als er. Natürlich stand ihr frei zu tun, was sie wollte, doch auch sie hatte sich entschieden. Bei ihrem ständigen Asthma wäre dieser Schritt das Beste, sie würde ihn begleiten. Er nahm die Flasche Mineralwasser der Marke , heilsam auf Latein, ihm entging nicht die Ironie, und er musste leise lächeln. Dann füllte er beide Gläser und rührte das Barbiturat auf, kleine, weiße Kristalle. Er küsste Lotte auf die Stirn, und sie war so kalt, als wäre ein Teil ihres Wesens bereits vorausgestorben. Dann leerte er sein Glas in zwei, drei großen Schlucken und legte sich aufs Bett. Lotte betrachtete ihn zärtlich und zögerte. Sie setzte sich an die Bettkante und sah, wie ihr Stefan keine Augen mehr für sie hatte, wie er schon anderswo war, bei Friderike vielleicht oder im Wien seiner Jugend. Doch da lag sie falsch, seine liebe und treue Gefährtin, er war genau da, vor ihr, in Petrópolis, fünfzig Kilometer von Rio de Janeiro entfernt, und er, der große Europäer, fühlte, dass er in Lateinamerika angekommen war, wusste plötzlich, dass er falschgelegen hatte, Brasilien als das Land der Zukunft zu beschreiben, sah die Militärdiktatur, das ewige Unrecht zwischen Arm und Reich und all den Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß, aber auch, dass er andererseits sehr wohl recht gehabt hatte mit der Zukunft, er war im Kontinent der Literatur angekommen. Was seine Generation in Europa begonnen hatte, würde nun in Lateinamerika weitergeführt werden. Joyce, Proust, Musil, Broch, Mann, ja, warum nicht auch Thomas Mann, der strenge Richter, der auf ihn hinabgeblickt hatte, ein Leben lang, obwohl er selbst, Mann, ein schlechterer Schriftsteller war, als er dachte, ein schlechterer Vater, als er, Zweig, Stiefvater gewesen war, was nun aber völlig bedeutungslos war, alles löste sich auf im Nichts, im Angesicht der Unendlichkeit, die sich allerdings nicht und nicht einstellen wollte. Viele zarte Saiten hielten Stefan Zweigs Seele mit dessen Körper verbunden, da ihm ein langes, erfülltes Leben bestimmt gewesen wäre, ein längeres noch als seinem Jahrgangskollegen Pablo Picasso, der erst 1973 in Frankreich sterben sollte, doch auch das war nicht mehr wichtig, eine weitere Saite gerissen, nur um klarer zu machen denn je, dass die Literatur hier, auf dem Kontinent, auf dem er im Sterben lag, weitergeführt werden würde, die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gehörte Lateinamerika, bald würde Borges seine Fiktionen veröffentlichen, die Hälfte der weltverändernden Erzählungen waren bereits geschrieben, Zweig sah einen Garten, dessen Wege sich verzweigten, einen jüdischen Professor im Flugzeug nach Costaguana, kreisförmige Ruinen in Flammen, das Universum auf einer Kellerstufe, und er fühlte, dass er sich durchaus mehr hätte trauen können, den Mut, von den Fakten abzusehen, Leerstellen frei und unverzagt aufzufüllen, die Grenze zwischen Leben und Tod nicht so verbissen ernst zu nehmen, denn wozu auch, sie war es nicht wert, Menschen lebten und starben nicht, sie flossen, er sah einen Schriftsteller, der die Kugel, die ihn erschießen sollte, zum Stehen brachte, nur um Zeit zu gewinnen, sein Werk im Geiste zu vollenden. Was war hier, in Lateinamerika, nicht alles möglich! Juan Rulfo und Octavio Paz schrieben schon, Gárcia Márquez spann die Erzählungen seiner Großeltern weiter, und ohne Scheu flogen Figuren, wenn sie wollten, vor aller Augen in den Himmel, das hätte ihm auch einfallen sollen, doch wollte er sich nicht beklagen, es war schon alles gut so, wie es war, und pling, eine weitere Saite gerissen, auf einem Bahnhofsvorplatz wurden dreitausend Menschen erschossen, João Guimarães Rosa hatte schon ein kleines Bändchen veröffentlicht, Vargas Llosa dachte fälschlich, dass sein Vater gestorben war, Bolaños Vater nicht, dass er einen Sohn zeugen würde, wieder eine Saite weniger, eine Hexe stopfte einem lebenden Menschen Kräuter in den Bauch, noch waren genug Saiten da, so dicht war Stefan Zweigs Seele mit seinem Körper verwoben gewesen, und er sah, dass Juan Carlos Onetti bereits seinen zweiten Roman mit dem schönen Titel veröffentlicht hatte, und wenngleich er spürte, wie nichtig alles war, flog leicht wie ein Windhauch ein zarter Schatten über sein Gemüt, nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein, eine Erzählung zu nennen, denn was anderes war die Literatur als das Land zwischen den Ländern, das alle oder niemand in Beschlag nehmen konnten, , , hier war man frei, kein Mensch konnte einen aus dem Land vertreiben, das niemandem gehörte, das war seine wahre Heimat gewesen, pling, eine weitere Saite gerissen und seine Seele ein Stückchen höher gestiegen, so hoch, dass er noch weiter sah, über die Jahrtausendwende hinaus ins einundzwanzigste Jahrhundert, das immer so unendlich weit weg geklungen hatte, eine Zeit, in der es sicher schon fliegende Autos geben würde, wie man vermutete, nicht ein von der Bergstraße in den Abgrund stürzendes Auto, das viele Hundert Meter weiter unten zerschellt, vier Tote, drei Mädchen und ein Junge, das hat es in seinem Jahrhundert auch schon gegeben, sondern andere, futuristischere, luftschiffartige Autos vor Wolkenkratzerfenstern, aber das sah er nicht im einundzwanzigsten Jahrhundert, sondern Frauennamen auf Buchdeckeln, das war, was er sah, und ein paar konnte er im Vorbeischweben entziffern, Samanta Schweblin, Fernanda Melchor, Guadalupe Nettel, Margo Glantz, Rosa Beltrán, so würde die Zukunft aussehen, und er sah, dass es gut war. Pling, nur noch wenige zarte Fäden verbanden nun Stefan Zweigs Körper mit seiner Seele, das Gift war stark, er schloss die Augen, atmete ein letztes Mal stockend ein und nie mehr aus.

Da liegt er also, dachte Lotte, die auf der Bettkante saß, da liegt er also, ihr Mann, der berühmte Schriftsteller, den die Lebenskraft verlassen hatte. Und der nun wohl bereits diesen geheimnisvollen letzten Ort wusste, das große, heilige Rätsel gelöst hatte, welches sie mit einem Schlag nicht mehr ängstigte, sondern am ehesten noch amüsierte. Was für ein Rätsel sollte denn das sein, das ohnehin alle lösen würden? Nur eben immer zu spät. Es interessierte sie nicht mehr. Plötzlich war sie sich sicher: Wir werden nach dem Sterben nichts voneinander wissen, nie mehr zusammenfinden. Aber es machte nichts, alles war unbedeutend im Angesicht der Ewigkeit, auch ein Wiedersehen mit dem vorausgegangenen geliebten Mann. Deshalb ging sie nicht zum Schreibtisch, um den letzten Brief an Friderike zu lesen. Sie fühlte sich unendlich müde. Tränen und Trauer waren vertrocknet, am ehesten erahnte sie eine gewisse Scham als letztes Gefühl. Die Scham, gelebt zu haben. Sie griff zum Glas, sprudelte das abgesetzte Pulver auf und trank es gierig. Genug gelitten, genug, da hatte Stefan recht gehabt. Wie zuvor dieser, starrte nun sie auf die Zimmerdecke, die zu derjenigen des Hauses ihrer Geburt wurde, erst dreiunddreißig Jahre war es her, nicht ein Haus an der Ringstraße der Habsburgerhauptstadt wie bei ihm, sondern in Kattowitz, Schlesien, wie auch immer Arthur Kingfisher, der legendäre -Präsident für Literatur, die letzten Gedanken der Sterbenden vermittelt bekommen haben wollte, die er nun dem erstaunten Publikum in seiner Eröffnungsrede wiedergab.

Nur wenige Hundert Meter von Stefan Zweigs Geburtshaus entfernt, stand der mächtigste Mann der literarischen Welt im großen Festsaal der Universität Wien auf dem Podium und hielt als Auftakt des größten Autorenaustauschprogramms der Geschichte der einen Vortrag. So hatte es mir jedenfalls Marta berichtet, auch, dass die Rede nicht sonderlich gut angekommen war. Sie hörte, wie eine Autorin vor ihr laut fragte: Wirklich, Zweig? Wer liest denn heute bitte noch Zweig? Kingfishers Vorträge, Schriften und Publikationen wurden, stimmten die Gerüchte, normalerweise von seiner deutlich jüngeren, und böse Zungen würden auch behaupten, deutlich klügeren, südamerikanischen Partnerin geschrieben. Die Idee zu diesem Event und der Text zu diesem esoterischen Eröffnungsvortrag konnten aber unmöglich von ihr gekommen sein, so altbacken und sexistisch war das alles, wie es nur einem mächtigen, alten, weißen Mann hatte einfallen können. Deutschsprachige und lateinamerikanische Autoren und Autorinnen wurden zu gemischtgeschlechtlichen Paaren zusammengewürfelt, um gemeinsam in österreichischen Top-Urlaubsdestinationen drei Wochen Kreativurlaub zu verbringen. Kingfisher erklärte, dass seine Präsidentschaft im Begriff war auszulaufen, er sich zur Ruhe setzen wolle und seine Position nicht nachbesetzt werden würde. Bevor die Analphabeten vollständig das Ruder übernähmen, sagte er, wolle er es auf seine alten Tage noch einmal richtig krachen lassen, und so hatte er die Idee zu diesem noch nie da gewesenen internationalen Schriftstellerverkehr gehabt, um Stefan Zweig als intellektuelles Symbol für den Kampf gegen jede Form der Gewaltherrschaft hochleben zu lassen.

Schriftstellerverkehr, schnaufte der bekannte österreichische Autor neben Kutzenberger, so nennt man das heute also! Kutzenberger hatte sich in die Reihe ehemaliger Deuticke-Autoren gesetzt, die er noch von früher, vor allem von den legendären Weihnachtsfeiern des in der Zwischenzeit aufgelösten Verlags kannte. Wie bei einem Familientreffen saß man nebeneinander und schwätzte, während Kingfisher vom habsburgischen Wien als vorbildlich vielsprachiger Hauptstadt eines multinationalen Staatengebildes sprach. Aber auch in den anderen Reihen wurde getuschelt, man schaute gelangweilt oder ungeduldig auf die Bühne. Über den Köpfen, an der Decke des großen Festsaals der Universität Wien, hätte man drei Schwarz-Weiß-Reproduktionen von Gustav Klimts riesengroßen Fakultätsbildern sehen können. Die Originale waren angeblich am letzten Tag des Zweiten Weltkriegs, am 8. Mai 1945, verbrannt. Drei Jahre, zwei Monate und fünfzehn Tage hätte sich das Ehepaar Zweig noch bis dahin gedulden müssen, denn nicht immer siegt das Böse. An diesem Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht setzten abziehende -Truppen das Schloss Immendorf im Weinviertel in Brand. Im großen Salon waren Kunstwerke aus dem Wiener Belvedere gelagert gewesen, um der Bombardierung und somit eben der Vernichtung durch die Flammen zu entgehen, die nun erst recht stattfand. Denn, wir wissen es, so leicht entkommt man seinem Schicksal nicht. Manchmal dann aber doch. Kutzenberger behauptet zumindest in seinem Debütroman, dass eines dieser unbezahlbaren, verschollenen Hauptwerke Gustav Klimts Jahrzehnte später aufgetaucht ist. Das Gemälde der Jurisprudenz nämlich, das von Gustav Klimt erträumte Symbol der Rechtsprechung. Zehn Jahre seines Lebens hatte er den drei Fakultätsbildern gewidmet, der Philosophie, der Medizin und schließlich, als Krönung, der Jurisprudenz. Zehn Jahre Arbeit an drei gewaltigen Leinwänden, je zwölf Quadratmeter groß, die seinen ganz persönlichen Weg in die Moderne weisen sollten, welcher naturgemäß nicht verstanden wurde. Wozu ich das erzähle? Denn niemand, nicht einmal Kutzenberger, warf auch nur einen Blick an die Decke des prunkvollen Festsaals der Universität. Man schwätzte, als wäre man auf einem Schulausflug.

Was sollen diese Paarungen, was wollen die erreichen? Die Scheidungszahlen unter Dichtern erhöhen?, wisperte die Freundin eines Autors ihrer Sitznachbarin zu. Man lachte, manche Partner beunruhigt, andere eher amüsiert.

Ich finde das nicht lustig, fuhr die Freundin des Autors fort, muss das sein? Drei Wochen mit einer südamerikanischen Schriftstellerin in einem Hotel? Soll das der Inspiration dienen? Oder die Kraft des Willens messen?

Mach dir keine Sorgen, beruhigte sie ihr Freund, du bist meine schönste und liebste Nachbarin, was soll da passieren?

Der geneigte Leser, die müßige Leserin erkennt bereits, wie ich mich winde, um keine Namen nennen zu müssen. Europäische, aber vor allem deutschsprachige Schriftsteller zu nennen, ist immer noch gewagt in Santa María. Historische Autoren wie Stefan Zweig sind möglich, außerdem starb dieser in Brasilien, verfasste sein literarisches Vermächtnis, die , hier in Südamerika, weshalb er als südamerikanischer Autor durchgeht. Die Namen der Autorinnen und Autoren zu nennen, die bei diesem groß angelegten Austausch beteiligt waren, die Namen der anwesenden Politiker auszusprechen, auch wenn sie schon teilweise im Ruhestand waren, ist allerdings zu riskant. Hauptsächlich schreibe ich zwar für mich oder auf verquere Weise auch für den seligen Kutzenberger, doch natürlich werde ich versuchen, für das übersetzte Manuskript einen Verlag zu finden, und möchte dann die Zensur mit einer Aufzählung deutschsprachiger Autoren und Autorinnen nicht unnötig reizen. Den Festakt an der Wiener Uni zu beschreiben, ist aber notwendig, denn ohne diesen hätte Kutzenbergers Weg niemals nach Santa María geführt.

Bevor die Spannung gar zu groß werden würde, meinte Kingfisher in der Zwischenzeit, übergebe er nun an seine Wiener Kollegin. Applaus. Die Wiener -Kollegin betrat die Bühne und schüttelte ihrem Chef artig die Hand. Und nachdem sie die Co-Finanzierung durch den Deutschen Literaturfonds, das österreichische Bundeskanzleramt und die Stadt Wien erwähnt hatte, begann die eigentliche Show.

Auf einer Leinwand wurde der Name des österreichischen Teils der ersten Paarung eingeblendet. Die Moderatorin sagte ein paar Sätze zur Biografie der Autorin und bat sie auf die Bühne. Kutzenberger hatte sie einmal auf einer Weihnachtsfeier gesehen, allerdings nie mit ihr geredet. Wie bei einer Castingshow stand sie nun auf der Bühne und wartete darauf, dass ihr Partner verlautbart würde. Es erschien eine mexikanische Fahne auf der Leinwand, und das Publikum gab zustimmende Laute von sich. Die Schriftstellerin lachte. Heißen Sie herzlich willkommen: Gabino Luna!, rief die Moderatorin, höflicher Applaus, und ein verunsichert wirkender, bärtiger Mann in Holzfällerhemd und Jeansjacke betrat mit gelb getönter Brille die Bühne. Sie umarmten einander etwas gehemmt.

Was soll denn das wirklich?, fragte Kutzenbergers Sitznachbar.

Die beiden werden die nächsten drei Wochen im luxuriösen Almwellness Hotel Pierer, nahe von Roseggers Waldheimat, verbringen, verkündete die Moderatorin. Wir sind schon gespannt, welche literarischen Früchte dieser kulturelle Austausch bringen wird! Ein Tusch vom Band und Applaus. Schriftstellerin und verschwanden backstage, und die nächste Paarung wurde aufgerufen.

Die Reihen rund um Kutzenberger leerten sich nach und nach. Ein berühmter deutscher Autor verließ die Bühne mit einer schüchtern wirkenden Autorin aus Französisch-Guayana in einem für den Wiener Winter unpassenden weißen Sommerkleidchen. Er nahm sie bei der Hand, und sie verschwanden hinter der Bühne. Seine Frau lachte und applaudierte im Publikum. Eine intellektuell wirkende Autorin aus Berlin bekam einen nach Computernerd aussehenden japanischen Peruaner mit in ein Luxushotel in Bad Aussee.

Ich möchte auch einen Japaner, sagte eine weibliche Stimme hinter Kutzenberger.

Eine Emilie Flöge ähnelnde Autorin aus der Dominikanischen Republik stand etwas verloren neben einem deutschen Schriftsteller, der wie der große Argentinier Julio Cortázar aussah und genauso sympathisch wirkte. Ihr Ziel war die Alpen Select Lodge in Vorarlberg.

Da kostet die Nacht tausend Euro, hörte Kutzenberger den Autor neben sich sagen, der als Nächster an die Reihe kam. Ihm wurde eine kolumbianische Schriftstellerin zugewiesen, die entschieden wie ein Model aussah, aber noch von der Brasilianerin überstrahlt wurde, die wie ein Bond-Girl einen anderen ehemaligen Deuticke-Autor mit einem Kuss in Empfang nahm.

Musste das sein?, fragte dessen Freundin oder Nachbarin.

Kutzenberger wusste keine Antwort.

Jetzt sind nur noch wir zwei übrig, sagte die österreichische Autorin hinter ihm und tippte auf seine Schulter.

Er drehte sich um und sagte, vielleicht werden ja wir einander zugelost.

Sie verdrehte die Augen, und er blickte schnell wieder auf die Bühne, auf der gerade sein Name verkündet wurde, gefolgt von ein paar Sätzen zu seiner Person, erster Roman im Deuticke Verlag, zweiter Roman im Berlin Verlag, und der dritte Roman spielt nun wohl in Santa María! Eine blau-weiß gestreifte Flagge mit einer goldenen Sonne links oben erschien auf der Leinwand. Ihm war eine Uruguayerin zugewiesen worden. Wie konnte es sein, dass manche Länder sexy wirkten, andere weniger und wiederum andere einfach gar kein Bild evozierten? Die deutschsprachigen Autoren mussten mit neckischen oder neidischen Blicken rechnen, wenn ihnen eine Kolumbianerin oder Brasilianerin an die Seite gestellt worden war. Aber Uruguay? Kutzenberger ging vom langen Sitzen etwas steifbeinig auf die Bühne. Die ersten Reihen des großen Festsaals der Uni Wien waren beinahe leer, die Stimmung erloschen, der Programmverlauf nicht ganz durchdacht gewesen.

Marta Ferreira!, hörte er.

Eine kleine Indiofrau ging ihm strahlend in einer bunten Andentracht samt Hut, der einer Melone ähnelte, entgegen. So hatte seine Ex-Schwägerin über kleine, stämmige Leute gescherzt, obwohl sie selbst nicht unähnlich wirkte, und Kutzenberger hatte das nie lustig gefunden. Trotzdem schoss ihm dieser Spruch nun durch den Kopf.

Stefan und Marta werden die nächsten drei Wochen im Hotel Greif in Wels verbringen!, rief die Moderatorin in die mittlerweile leeren Reihen. Niemand reagierte, und Stefan folgte Marta in den Backstagebereich. Sie nahmen einander nicht bei der Hand.

Die Abschiede

km 0,012

Das letzte Mal, dass man eine Hand in der eigenen hält, das letzte Mal, dass man im Meer schwimmt, mit Freunden um die Wette läuft, ein Buch zu Ende liest, die Wolken von oben sieht, erschüttert ein Werk von Bach hört, vor Freude springend zu einem ewig langen Solo Neil Youngs Luftgitarre spielt, das letzte Mal, dass man seine Eltern sieht, seine Kinder, das letzte Mal, dass man sich in der Früh träge umdreht, um im warmen Bett weiterzudösen. Wie die meisten Menschen hatte Kutzenberger keine Ahnung, wann es das letzte Mal war, dass er diese Dinge tat. Ich hingegen schon. Deshalb werde ich die wichtigsten letzten Male klar und deutlich aussprechen, um seine Abschiede vom Leben eindeutiger und, warum nicht, auch bedeutsamer zu gestalten. Sonst wäre es ein alltäglicher Spaziergang, so aber ist es das letzte Mal, dass er den Schotterweg am Bach entlanggeht und wie immer an den Schotterweg der Kindheit denkt, den hinter der Siedlung, in der er aufgewachsen ist, der zur Post führte und auf dem ihm einmal der Großvater wegen einer schlechten Deutschschularbeit eine ernste Rede gehalten hatte, denn zumindest die Muttersprache sollte man beherrschen, wie er in seinem von niederländischen Ausdrücken durchzogenen Deutsch sagte, ohne Sprache sei man nichts, und es war das letzte Mal, dass er den Großvater gesehen hatte. Oder das letzte Mal, dass man unkontrolliert lachen muss, das letzte Mal eine Kerze ausblasen, das letzte Mal die Mutter nicht zurückzurufen, den Duft der geliebten Person bei der letzten Umarmung gierig mit der Nase aufsaugen, das letzte Mal.

Der Nobelpreis

km 11.316

Im kleinen Festsaal hinter der Bühne der Universität Wien roch es gegen Ende der Veranstaltung nach verschüttetem Bier. Kutzenberger mochte sie eigentlich, seine Schriftstellerkollegen, auch wenn ihn erfahrenere Autoren immer wieder gewarnt hatten, niemandem zu trauen, denn sie seien nur freundlich, solange man nicht zu erfolgreich werde. Aber die Gefahr war in seinem Fall ohnehin nicht groß, das zeigte auch die für ihn ausgewählte Destination. Alle anderen logierten mit hippen Menschen in den teuersten Hotels der schönsten Tourismusorte des Landes, er aber fuhr mit einer quadratischen Person aus Uruguay nach Wels. Im Backstagebereich sah es nicht so aus, als ob der größte Literaturaustausch der -Geschichte zu sehr viel Austausch führen würde, man stand neben den Leuten, die man ohnehin kannte, und nippte an seinem Getränk. Das Niveau der Unterhaltungen blieb, zumindest im österreichischen Sektor, tief, chauvinistisch, oberflächlich, die Literatur, wie immer, außen vor. Zeit, das Fest zu verlassen, dachte Kutzenberger, als er nach einem vollen Bierglas griff und nicht mehr wusste, das wievielte es war. Das Servierpersonal hatte schon mit dem Abräumen begonnen, in wenigen Stunden würde er Marta am Hauptbahnhof treffen. Er suchte den Raum ab, ob sie noch da war, in ihrer bunten Andentracht. Der Mexikaner, den die erste deutsche Autorin zugelost bekommen hatte, kam auf ihn zu.

Du bist mit Marta zusammen, richtig?, fragte er auf Englisch. Ich bin Gabino.

In einer Hand hielt er einen Teller mit Spanferkelstückchen, in der anderen ein Bier.

Kutzenberger blickte darauf, dann sagte er: Man bräuchte eine dritte Hand.

Gabino grinste etwas gezwungen und drehte sich suchend im Kreis. Hinter ihm war ein Stehtischchen, auf dem einige leere Gläser standen. Er stellte den Teller ab und prostete Kutzenberger zu. Dieser war verlegen, es fiel ihm nichts weiter ein.

Marta ist schon gegangen, sagte der Mexikaner.

Das wollte ich auch gerade, meinte Kutzenberger. Sie sprachen noch immer Englisch.

Du hast ein Dylan-Buch geschrieben, nicht wahr?, überraschte ihn Gabino.

Ja, einen Roman, Bob Dylan kommt drin vor, seine Lieder zumindest, woher weißt du das?

Ich habe die österreichischen Schriftsteller gegoogelt, ist wohl das Mindeste, was man vor so einem Event tun kann.

Anscheinend nicht, Kutzenberger hatte auf jeden Fall niemanden gegoogelt. Aber er hatte gar nicht können, fiel ihm ein. Wir wussten ja nicht, wer unsere Partner sind, erklärte er.

Ist klar, sagte Gabino, wir waren die Überraschung. Mit Marta hast du ein ganz besonderes Los gezogen. Ich kenne sie schon lange. Nun denn, bei mir geht’s morgen in die Waldheimat. Weißt du was darüber?

Der Vater des Cousins einer meiner besten Freunde ist Tierarzt dort in der Nähe, sagte Kutzenberger. Und Otto und Renate, Freunde aus der Steiermark, wohnen auch nicht weit entfernt, die würden sicher ebenso helfen, wenn du Probleme hast.

Das beruhigt mich. Ich werde mich bei dir melden, wenn ich Hilfe brauche, sagte Gabino ironisch lächelnd. Aber eigentlich wollte ich auf Peter Roseggers anspielen. Er ist faszinierend, fügte er hinzu.

Rosegger?, fragte Kutzenberger erstaunt.

Ja, natürlich, ich habe alles von ihm gelesen, was in Übersetzung zu kriegen war. Ein Heimatdichter im engsten und damit im weitesten Sinn. Frei von jedem Nationalismus. Ich glaube, dass man ihn nicht zufällig für den Nobelpreis nominiert hatte.

Rosegger?, fragte Kutzenberger wieder.

Gabino lachte. Ich merke schon, du magst ihn nicht, sagte er.

Nein, ich habe nur noch nie etwas von ihm gelesen, gab Kutzenberger unumwunden zu.

Tatsächlich? Und ich dachte, in Österreich lesen alle Rosegger.

Nun lachte Kutzenberger. Das glaube ich nicht, vielleicht in der Steiermark, in der Waldheimat, aber nicht auf der Uni.

Wer war es dann, der dich zur Literatur gebracht hat?, wollte Gabino wissen.

Kutzenberger überlegte. Zweig, ja, es war tatsächlich Stefan Zweig, sagte er schließlich, wir haben mit sechzehn in der Schule eine kleine Arbeit über einen Schriftsteller schreiben müssen, und ich habe Stefan Zweig gewählt. Das war’s dann für mich. Ab dem Zeitpunkt wusste ich, dass ich mein Leben der Literatur widmen wollte.

Zweig? Kann man den noch lesen?

Ich weiß nicht, habe ich seit dreißig Jahren nicht mehr getan, aber damals hat er mich begeistert. , die , sein -Buch. Das war schon alles sehr gut geschrieben und sehr klug. Vielleicht wird er ja wieder populärer, ich glaube schon, dass er wert ist, gelesen zu werden, muss es nochmals tun. Er hat mich damals zu Thomas Mann gebracht.

Den er ja, laut Kingfisher, nicht ausstehen konnte.

Richtig, das habe ich nicht gewusst. Komische Rede, nicht wahr? Wie kommt er dazu, uns zu erzählen, was Stefan Zweigs letzte Gedanken und Visionen waren?

Ja, das war in der Tat eigenartig. Wahrscheinlich war es ein Versuch, sich bei seiner Frau einzuschmeicheln. Es ist letztens zu einem ziemlichen Eklat zwischen den beiden gekommen.

Kutzenberger sah Gabino fragend an.

Du hast nichts davon gehört? Die kleine literarische Welt hat sich fast überschlagen vor Aufregung. Kingfisher ist von seiner Frau öffentlich als alter, weißer Mann gebrandmarkt worden, der nur fantasielose deutsche Romane lese und mehr Bürokrat als Literaturwissenschaftler sei. Und hinter vorgehaltener Hand soll sie auch noch gesagt haben, dass sie von nun an keine Reden und Aufsätze mehr für ihn schreiben würde. Anscheinend wollte er ihr hier mit seiner Wiener Rede beweisen, dass er sehr wohl ein Mann der Fantasie ist. Was mir aber mehr wehgetan hat als Stefan Zweigs Visionen, war diese Aufzählung lateinamerikanischer Autoren. Wie kann er sich trauen, mit so was zu kommen? Das kann doch nur schiefgehen. Welche Namen hast du zum Beispiel vermisst?

Julio Cortázar, sagte Kutzenberger nach kurzer Nachdenkpause.

Natürlich, und wen noch, so auf den ersten Blick?

Adolfo Bioy Casares und Ernesto Sabato, zählte er nun die Autoren auf, die er während seines Studienaufenthalts in Buenos Aires sogar noch persönlich kennengelernt hatte.

Und?