Für meinen Dad,
der mich schon früh immer wieder
in die Unterwasserwelt entführt hat.
Leise öffnete Kaya das große Buntglasfenster und trat hinaus auf ihren Balkon. Auf der Straße unter ihr wimmelte es nur so von Menschen. Ihre Brustplatte, die Fußmanschetten und Handschuhe waren aufgeladen. Sie konnte es zur Aufführung und wieder zurück schaffen, ohne dass jemand merkte, dass sie je weg gewesen war. Keine große Sache. Oder?
Kayas Vater hörte sich im Wohnzimmer irgendeine Debatte über die Zukunft des Lebensmittelanbaus an. Es ging darum, wie die Stadt ihre wachsende Bevölkerung versorgen sollte. Wichtiges Thema? Klar. Langweilig? Aber so was von! Nicht mal ihr Dad schien den Beitrag sonderlich faszinierend zu finden. Sein Atem ging schwer und langsam, jeden Moment würde er anfangen zu schnarchen.
Kaya trat an den Balkonrand und sah nach links und rechts, dann nach oben und unten. In ihrer Wand lebte noch ein Dutzend weiterer Familien. Jeder hier konnte sie beobachten und ihrem Dad verraten, dass sie sich wieder mal rausgeschlichen hatte.
Trotzdem: Das hier war ihre Chance.
Sie stieß sich ab.
Der freie Fall war der leichte Teil der Übung. Wie ein Pfeil stürzte sie sich in die Tiefe und an den Fenstern der Wohnungen weiter unten in der Wand vorbei.
Auf der Straße drängten sich die Leute wie die Ölsardinen. Es war so eng, dass Kaya nicht wusste, wo sie landen sollte. Sie schaltete den Anti-Schwerkraft-Antrieb ihrer Ausrüstung an und kam ein paar Armeslängen über der Menschenmenge schwebend zum Halt. Plötzlich stieg eine Frau mit dickem grauem Haar in die Luft empor und flog über die Köpfe der Passanten hinweg zu einem Balkon gegenüber von Kayas Wand. Die Lücke, die die Frau im Gedränge hinterlassen hatte, schloss sich bereits. Hastig flog Kaya tiefer und sicherte sich den Platz. Dann duckte sie sich, verschmolz mit der Menge und ließ sich von ihr mitziehen.
»Verwöhnte Göre«, brummte ein Mann hinter ihr. »So jung und hat schon ihre eigene Ausrüstung.«
Kaya hastete davon und schlängelte sich zwischen den Leuten hindurch. Dabei zog sie einen dünnen Mantel aus ihrem Rucksack und schlang ihn sich um die Schultern, um ihr Anti-Schwerkraft-Set zu verstecken. Der Typ hatte kein Recht, sie blöd anzumachen. Klar, sie besaß eine Ausrüstung. Aber das hieß noch lange nicht, dass ihr Leben perfekt war.
Ihr Stadtviertel allerdings war wunderschön, selbst hier unten auf dem Boden. Die glatt polierten Steinwände waren mit Kristallen besetzt, nicht mit rauen, groben Gesteinsbrocken wie in anderen Gegenden. Die Wohnungsfenster waren in grün und blau funkelndes Glas eingefasst. Und es stank nicht. Auf dem Schulweg musste Kaya durch eine Gegend, die nach fauligem Fisch roch. Hier dagegen war die Luft sauber und frisch.
In der Stadt war es heute wärmer als üblich, und Kaya begann zu schwitzen. Sie tippte auf ihren Gürtel, woraufhin sich ihre Kleidung lockerte, was bei der Hitze angenehmer war. Neben einem Belüftungsschacht auf der anderen Seite der Plaza wartete, wie abgemacht, Rian auf sie. Um den Schacht herum waren kaum Leute. Kein Wunder, alle mieden die heiße, feuchte Luft, die dort aufstieg.
Rian schüttelte den Kopf, als er das Set unter Kayas Mantel entdeckte. »Echt jetzt? Du bist schon wieder gesprungen?«
»Ich konnte mich ja schlecht zur Wohnungstür rausschleichen.«
»Irgendwann wird dir jemand die Sachen einfach vom Leib reißen.«
»Ich hab deinen Kopfhörertrick benutzt«, sagte sie, um vom Thema abzulenken. Rian hatte sich eine Taktik ausgedacht, mit der er seinen Eltern vorgaukelte, dass er in seinem Zimmer saß, obwohl er sich draußen herumtrieb: Er klebte ein bisschen Knete an die Tür, drückte einen alten Kopfhörer und einen Minilautsprecher hinein und synchronisierte beides mit seinen In-Ear-Kopfhörern. So bekam er mit, wenn jemand klopfte oder durch die Tür mit ihm sprach, und konnte antworten. Solange er sich nicht zu weit von der Wohnung entfernte, gab der Lautsprecher seine Stimme klar und deutlich wieder. Für seine Mom und seinen Dad klang es so, als sei er zu Hause. Er gab ständig damit an. Aber bis heute hatte Kaya den Trick nie selbst ausprobiert.
Hoffentlich funktionierte er wirklich.
Hastig legte sie ihr Anti-Schwerkraft-Set ab und stopfte es zusammen mit dem Mantel in ihren Rucksack.
»Fertig?«, fragte Rian. »Dann los.«
Ihr Freund kannte die Seitenstraßen und Tunnel von Atlantica besser als irgendjemand sonst. Die meisten Leute folgten einfach dem Menschenstrom entlang der Hauptstraßen oder krochen auf Booten und Fähren langsam die Wasserstraßen entlang. Rian dagegen kannte jede geheime Abkürzung. Und so führte er Kaya jetzt durch enge, verwinkelte Gassen und düstere Treppen hinab in das Gängesystem unter der Stadt. Man musste vorsichtig sein, wenn man sich für diesen Weg entschied. Zur falschen Tageszeit konnte man von einer Überflutung erfasst und zusammen mit dem Müll nach draußen gespült werden.
»Komm schon, beeil dich!«, rief er ihr über die Schulter zu.
Die Luft roch nach Metall, der Steinboden war feucht und von einer dicken Schmutzschicht überzogen. Rian rannte, was ziemlich riskant war. Ein falscher Schritt, und man rutschte aus und schlug sich einen Ellenbogen oder das Knie auf. »Mach langsamer«, rief sie ihm zu.
»Vergiss es!«
Immer wieder bogen sie links und rechts ab, und als sie schließlich das alte Theater erreichten, war Kaya schweißgebadet. Ihre Kleidung zu lockern, hatte nur ein bisschen geholfen, selbst die neuste Technik hatte ihre Grenzen. Rian stemmte die Fäuste in die Seiten und musterte das Gebäude. Das Schild über dem Eingang hing schief, und es fehlten mehrere Buchstaben. Auf den Seiten der groben Felswand wucherte grüner Belag. Hoch über dem Eingang befanden sich zwei große Fenster, die so aussahen, als seien sie seit Jahren nicht mehr geöffnet worden. »Das ist es?«, fragte Kaya.
Nach kurzem Schweigen erwiderte Rian: »Schätze schon.«
Wieder tippte Kaya auf ihren Gürtel, dann schüttelte sie Arme und Beine, und keine Sekunde später war ihre schweißnasse Kleidung trocken.
Sie hatte damit gerechnet, dass sich vor dem Theater ganze Menschenhorden drängen würden. Oder zumindest ein paar Leute. Schließlich ging es hier um Elida, die ihre Geschichten früher vor Tausenden erzählt hatte. Aber dann hatte die Regierung ihre Auftritte verboten, weil ihre Geschichten angeblich zu revolutionär waren. Zu gefährlich. Natürlich beharrte Elida darauf, dass es doch nur Geschichten seien. Aber waren sie das?
Noch vor wenigen Jahren hatten die Leute Monate im Voraus Karten für die Auftritte der Geschichtenerzählerin gekauft. Jetzt waren sie kostenlos und fanden im Geheimen statt. Sie wurden nur wenige Stunden vor Beginn angekündigt und häufig direkt wieder abgesagt, wenn die Regierung Wind davon bekam. Rian hatte Kaya erst am Morgen Bescheid gegeben, dass sie heute in diesem Theater auftreten würde. Jetzt sah es so aus, als sei die Aufführung bereits abgeblasen worden.
»Bist du wirklich sicher, dass wir richtig sind?«, fragte Kaya noch einmal.
Rian schwieg, er schien selbst nicht ganz sicher zu sein. Aber dann hellte sich seine Miene auf. Er wies auf ein paar Leute, kaum mehr als ein Dutzend, die hinter Kaya aus einer dunklen Gasse kamen und an den beiden vorbeihasteten. Die letzte Gestalt, eine Frau, drehte sich noch einmal zu Rian und Kaya um, ehe sie das Theater betrat. »Bestimmt sind kaum mehr Plätze frei«, sagte sie. »Worauf wartet ihr?«
Das Theater befand sich in einer großen Felshöhle mit hoher Decke und langen Reihen aus glatt schimmernden Steinbänken. Im Parkett saßen mindestens hundert Leute, auf dem balkonförmigen Rang darüber drängten sich noch ein paar Dutzend mehr.
»Da unten sind noch zwei Plätze.« Rian deutete auf die dritte Reihe.
Als sie sich setzten, leuchteten die Lichter auf der Bühne auf. Der übrige Saal wurde dunkel.
Das Publikum applaudierte, als Elida langsam in die Mitte der Bühne trat und sich auf einen kleinen Hocker setzte. Ihr Haar war lang, lockig und weiß, und die Luft um sie herum schien zu leuchten. Fast als würde eine geheimnisvolle Energie von der Geschichtenerzählerin ausgehen. Niemand stellte sie vor. Aber das war auch nicht nötig. Kaya hatte von ihrer Großmutter erfahren, dass ihre Mom ihr, als sie noch klein war, vor dem Einschlafen immer Geschichten von Elida erzählt hatte. Angeblich hatten die Geschichten ihr beim Einschlafen helfen sollen. Aber tatsächlich, sagte ihre Großmutter, hatte Kaya sie so aufregend gefunden, dass sie eine unbändige Neugierde und Abenteuerlust in ihr geweckt hatten. Am Ende jeder Geschichte hüpfte sie auf ihrem Bett herum und stellte eine Frage nach der anderen. Ihre Mutter hatte offenbar nur allzu gern geantwortet, und am Ende hatte ihr Vater kommen und Kaya beruhigen müssen, damit sie einschlafen konnte.
Manchmal hatte sich Kaya gefragt, ob die Geschichten vielleicht nie dazu gedacht gewesen waren, ihr beim Einschlafen zu helfen. Sondern dazu, sie zum Träumen zu bringen.
Doch all das war Jahre her. Inzwischen konnte sie sich kaum mehr daran erinnern. Sie wusste nicht einmal mehr richtig, wie ihre Mutter ausgesehen hatte. Ein Gefühl der Leere breitete sich in ihr aus. Sie atmete tief durch.
»Was ist los?«, fragte Rian.
Zum Glück blieb ihr keine Zeit mehr für eine Antwort. Denn Elida begann schon mit ihren mal abenteuerlichen, mal traurigen oder lustigen Geschichten. Schon bald verschwanden die Bühne, das Theater, das Publikum. Kaya tauchte ein in die Welt der Geschichten, reiste an ferne Orte und in wundersame Reiche. Nach über einer Stunde war Elida endlich bei Kayas Lieblingsgeschichte angelangt. Sie war alt und handelte von einem Jungen, der die Grenzen von Atlantis weit hinter sich ließ und bis zur Meeresoberfläche reiste. Als Kaya noch klein war, hatte sie sich die Geschichte immer wieder von ihrer Mutter erzählen lassen. Für sie war es die spannendste von allen gewesen. Es gab verschiedene Fassungen, aber im Grunde ähnelten sie sich alle. Wenn der Held zum ersten Mal die Wasseroberfläche durchbrach, schlug Kayas Herz jedes Mal ein bisschen schneller. Man sagte, die Luft dort oben sei giftig und das Festland trostlos und ausgestorben. Doch an der angeblich so gefährlichen Luft sah der Junge seltsame fliegende Kreaturen, auf dem Wasser glitzernde, schwimmende Paläste aus Glas voller leuchtend grüner Pflanzen und Menschen – die Sonnenmenschen, wie Elida sie nannte. Die Geschichtenerzählerin ließ die Welt dort oben ganz echt wirken, und gleichzeitig voller Magie. An der Geschichte war fast alles perfekt. Außer dass der Held ein Junge und kein Mädchen war.
Als Elida diese letzte Geschichte über die Sonnenmenschen beendet hatte, brach im Publikum donnernder Applaus aus. Die Geschichtenerzählerin stand langsam auf, verbeugte sich und sagte: »In meinem Alter gibt es keine Zugaben mehr. Ich danke euch allen, und vergesst nicht …«
In diesem Moment hastete ein Mann auf die Bühne und flüsterte ihr aufgeregt etwas ins Ohr. Elida holte tief Luft und schüttelte den Kopf. Er redete auf sie ein, doch sie hob abwehrend eine Hand und setzte sich wieder auf den kleinen Schemel. Dann verkündete sie die Neuigkeiten.
»Mein Mitstreiter hat mir soeben mitgeteilt, dass sich schon bald unwillkommene Besucher zu uns gesellen werden«, sagte sie. »Ich empfehle euch allen, Ruhe zu bewahren und das Theater langsam und geordnet zu verlassen.«
Im Publikum brach Panik aus. Die Zuhörer drängelten sich zwischen den Sitzreihen zu den Ausgängen vor. Ein Mann lief einfach über die Sitzbänke und trat Kaya aufs Bein, als er über sie hinwegstieg. Rian sprang auf und zerrte an Kayas Ärmel. »Komm, wir müssen weg hier!«
Aber sie konnte nicht gehen. Noch nicht. Die alte Geschichtenerzählerin wirkte so ruhig und friedlich. Sie hatte den Mann von eben und ihre übrigen Mitstreiter angewiesen, zu fliehen. Jetzt saß sie allein auf der Bühne. Ihr Blick kreuzte sich mit Kayas, während Rian weiter versuchte, sie zum Aufbruch zu bewegen. »Warum wollen sie nicht, dass du deine Geschichten erzählst?«, rief Kaya Elida zu.
Die alte Frau hielt sich die Hand ans Ohr. »Was hast du gesagt, junge Dame?«
Rian ließ Kayas Ärmel los.
Elida redete mit ihr! Kaya war so aufgeregt, dass sie fast kein Wort herausgebracht hätte. Aber nur fast. »Was ist so gefährlich an deinen Geschichten?«
Jetzt lächelte Elida. »Es steckt ein Funken Wahrheit in ihnen, Herzchen. Und die Wahrheit kann gefährlich sein.« Sie deutete auf die Tür. »Schon bald werden Regierungsmitarbeiter dieses Theater stürmen und jeden festnehmen, den sie erwischen. Einige der Gefangenen werden eines Tages wieder freigelassen. Aber keiner dieser wenigen Glücklichen wird darüber reden, was ihm widerfahren ist, während ihn die Agenten in ihrer Gewalt hatten. Und auch über meine Geschichten werden sie nie wieder sprechen.«
»Und was passiert mit denen, die nicht wieder freigelassen werden?«
»Die bleiben für immer verschwunden.«
»Komm jetzt, bitte«, flehte Rian.
Inzwischen befanden sich nur noch Kaya, Rian und die Geschichtenerzählerin im Theater.
Wieder sah Elida Kaya unverwandt an. »Ich werde nicht davonlaufen«, sagte sie. »Aber ihr beiden, ihr müsst gehen.«
Draußen war das schrille Kreischen von Sirenen zu hören.
»Sie sind schon da«, sagte Rian. »Jetzt ist es zu spät.«
Der Hauptausgang kam damit nicht mehr infrage. Dort würden sie den Agenten direkt in die Arme laufen. Aber was dann? Elida wies nach oben zum Rang. Wenn sie es zu seinem Balkon schafften, würden sie dort vielleicht einen zweiten Ausgang finden. Hastig zerrte Kaya ihre Ausrüstung aus dem Rucksack.
»Was machst du?«, fragte Rian.
»Uns hier rausholen.«
Jetzt wich das Sirenenheulen vor dem Gebäude lautem Geschrei.
Kaya blieb keine Zeit mehr, die gesamte Ausrüstung anzulegen. Also schnallte sie sich nur die Brustplatte um. »Halt dich an meinem Rücken fest.«
»Was?«, fragte Rian. »Wieso bekomme ich nicht die Ausrüstung, und du hältst dich an mir fest?«
»Jetzt spinn nicht rum«, knurrte Kaya. »Wir dürfen keine Zeit verlieren.« Sie packte Rians Hand und gab einen Pfiff von sich, mit dem sie den Antrieb aktivierte. »Los, halt dich fest«, sagte sie und drückte sich vom Boden ab.
Der Antrieb kämpfte mit dem doppelten Gewicht, und Rian riss Kaya fast den Arm aus dem Schultergelenk. Sie schafften es gerade mal einen Meter weit über den Boden.
»Lass mich fallen!«, rief Rian. »Lass mich los und hau ab hier!«
Das war zwar total heldenhaft von ihm, aber auch ganz schön melodramatisch. Kaya pfiff noch einmal und hielt diesmal den letzten Ton, um den Antrieb auf volle Kraft hochzufahren. Sofort ließen sie die Sitzreihen weit unter sich. Kaya legte den Kopf in den Nacken. Die Saaldecke kam immer näher. Rian holte mit den Beinen Schwung, ließ Kaya los und knallte auf eine der Sitzbänke auf dem Balkon. »Autsch!«, fluchte er.
Ohne ihn stieg Kaya direkt schneller auf. Ehe sie mit dem Kopf gegen die Decke prallte, riss sie die Hände hoch und stieß sich von dem rauen Felsgestein ab. Ein stechender Schmerz fuhr durch ihre Handgelenke. Mit einem erneuten Pfiff regelte sie den Antrieb wieder herunter, schaffte es irgendwie, ein paar Schritte weit von Rian entfernt zwischen den Bänken zu landen, und ging sofort in Deckung.
»Glück gehabt«, sagte Rian.
»Das war kein Glück, das war Können.«
Er verstummte, dann wies er auf das Ende des Gangs. »Schau mal, Stufen.«
Tatsächlich. Die Treppe zu nehmen, wäre leichter gewesen. Und schneller.
Da hörte sie die Agenten auch schon mit schweren Schritten in den Theatersaal poltern. Kaya und Rian hielten sich dicht über dem Boden und krochen näher an die Balkonbrüstung. Dort hoben sie die Köpfe, ganz langsam und nur so weit, dass sie über den Rand spähen konnten. Die ersten Agenten stürmten bereits die Bühne. In dem inzwischen leeren Theater waren sie deutlich zu hören.
Rian zog Kaya nach unten. »Vorsicht«, flüsterte er. »Oder willst du, dass sie dich erwischen?«
Sie schüttelte den Kopf. Rian hatte recht. Er deutete auf seine Ohren. Auch wenn sie kaum etwas sahen, konnten sie immer noch zuhören.
Unten sagte eine Frau mit krächzender Stimme zu Elida: »Du stehst unter Arrest.«
»Weswegen?«, fragte Elida.
»Als ob du das nicht wüsstest.«
»Ist es wegen der Geschichte über den Jungen, der an die Oberfläche reist und dort nicht vergiftete Luft und unfruchtbaren Boden vorfindet, sondern eine technologisch hoch entwickelte Welt voller Leben? Hätte ich besser nicht von den Sonnenmenschen erzählen sollen?«
»Still jetzt, das reicht.«
»Aber das ist doch bloß eine Geschichte, Liebes«, sagte Elida. »Oder … etwa nicht?« Ihr Tonfall änderte sich. Jetzt klang sie, als würde sie sich über die Agentin lustig machen. »Ist das euer Problem? Dass die Geschichte womöglich wahr sein könnte? Ich nehme an, für euch Vernichter wäre das ein guter Grund, mich zum Schweigen zu bringen.«
Kaya und Rian starrten einander mit großen Augen an. Vernichter? Jedes Kind kannte die Geschichten über diese Agenten. Sie gehörten nicht direkt zur Polizei, sondern arbeiteten im Geheimen. Schnappten sich Kriminelle und Revolutionäre und ließen sie verschwinden. Manche sagten, sie würden ihre Gegner in der Tiefsee versenken. Andere behaupteten, sie würden sie in ein geheimes Gefängnis stecken. Kaya und Rian hatten schon oft darüber gestritten, ob es die Vernichter wirklich gab oder ob sie nur eine Legende waren.
Hier und jetzt waren die Vernichter erschreckend wirklich.
»Steh auf, Elida, oder ich …«
»Ja, so muss es sein! Die Geschichte ist wahr! Ihr bringt mich zum Schweigen, weil ich die Wahrheit sage, stimmt’s?«
Elidas Worte hingen schwer in der Luft. Ihr Tonfall war trotzig. Kraftvoll. Als wollte sie sichergehen, dass Kaya und Rian jedes Wort verstanden.
Kaya hörte ein Klicken, dann ein tiefes, lautes Summen.
Den dumpfen Schlag, mit dem jemand zu Boden fiel.
Rian musste sie fast mit Gewalt nach unten drücken, um zu verhindern, dass sie über den Rand der Brüstung sah.
»Hebt sie vorsichtig hoch und bringt sie raus in den Wagen«, befahl die Frau. »Ich will, dass sie außer Sichtweite ist, wenn sie aufwacht.«
Kaya konnte nicht einfach dasitzen und tatenlos zuschauen. Sie versuchte aufzuspringen. Rian zog sie nach unten.
»Was war das?«, rief die Frau.
»Hier ist noch jemand«, rief einer der Agenten.
»Habt ihr den Balkon überprüft?«, fragte die Frau.
»Also, ähm, wir …«
Kayas Herz hämmerte. Das war nicht gut. Gar nicht gut.
»Ihr habt allen Ernstes den riesigen Balkon über uns übersehen?«
»Wir haben … also …«
»Rauf da. Sofort! Ehe ich euch auch verschwinden lasse!«, brüllte die Frau.
Sekunden später polterten die schweren Schritte der Agenten die Treppe hinauf. Kaya und Rian rannten zu den beiden großen Fenstern über dem Haupteingang. Eines war so verrostet, dass es sich nicht mehr öffnen ließ. Dem anderen verpasste Kaya einen kräftigen Tritt, und es schwang auf. Sie pfiff, um ihren Antrieb hochzuregeln. »Diesmal hast du hoffentlich keine Einwände?«, sagte sie zu Rian.
»Nicht die Spur.«
Er klammerte sich an ihren Rücken, während die Agenten hinter ihnen durch die Sitzreihen stürmten.
Kaya stieß sich vom Fensterbrett ab, und die beiden schwebten davon, höher und höher über die Straße. Vor dem Theater wurden einige Konzertbesucher in einen fensterlosen schwarzen Transporter gepfercht. Kaya pfiff erneut, bis der Antrieb auf Vollgas lief. Schweigend überflogen sie zwei Stadtviertel, ehe sie auf der Straße landeten.
Ein Weilchen standen sie einfach nur stumm und heftig atmend da.
»Glaubst du echt, dass das Vernichter waren?«, fragte Kaya dann.
»Definitiv«, antwortete Rian.
»Und was Elida gesagt hat … über die Welt da oben und die Sonnenmenschen … was, wenn das wirklich mehr ist als nur eine Geschichte? Was, wenn es da oben eine ganze Welt gibt?«
»Kaya …«
»Ich sollte gehen.«
»Ich auch. Meine Eltern fragen sich bestimmt sch…«
»Nein, so meine ich das nicht«, unterbrach Kaya ihn und deutete nach oben. »Ich sollte an die Oberfläche gehen.«
»Super, mach das. Ich reise derweil zum Erdkern.«
»Ich mein das ernst«, sagte Kaya. »Ist mir egal, was die Leute sagen. Es muss Leben an der Oberfläche geben. Vielleicht sogar Menschen. Wir werden belogen. Wir alle. Es gibt mehr auf der Welt als nur Atlantis, und ich werde die Wahrheit herausfinden.«
Der Aerodrifter hatte ein paar Dellen. Und hier und da auch ein bisschen Rost angesetzt. Ein Scheinwerfer flackerte, und der Motor hatte leise gestottert, als Lewis’ Dad hinten im Garten gelandet war. Aber dafür hatte das Ding Charakter. Wäre es ein Mensch gewesen, hätte es einen Bierbauch gehabt und mehr Haare in den Ohren als auf dem Kopf. Es hätte total witzige Geschichten auf Lager gehabt, und sein Name wäre Carl gewesen.
Nein, besser: Fred.
Ein Mondstrahl bahnte sich den Weg durch die dicke Wolkendecke und fiel wie Scheinwerferlicht auf Fred. Spätestens jetzt war klar, dass Lewis die Sache einfach durchziehen musste. Was blieb ihm schon anderes übrig, wenn sogar der Mond seine Idee großartig zu finden schien?
Lewis war nicht einfach nur aufgeregt – er war die Aufregung in Person. Wäre er ein Comic-Held gewesen, hätte er Ausrufezeichen aus seinen Fingerspitzen schießen können.
Lautlos stieg er durch sein Zimmerfenster im Erdgeschoss in den Garten. Dort blieb er reglos stehen und lauschte. Hier draußen war niemand, aber rechts von ihm befand sich die Küche, in der gerade seine Eltern stritten.
Niemand rief nach ihm.
Sein Zimmerfenster blieb dunkel.
Es hatte den ganzen Tag lang geregnet, und als Lewis auf Zehenspitzen durch den triefend nassen Garten schlich, blieb sein linker Turnschuh, den er nicht zugebunden hatte, im Matsch stecken. Kalter Schlamm drang durch seine Socke und sammelte sich zwischen den Zehen. Aber davon würde Lewis sich nicht aufhalten lassen. Wer brauchte schon Schuhe? Und den Linken hatte er sowieso nie besonders gemocht, weil er einen Pizzasoßenfleck neben dem großen Zeh hatte. Außerdem würde sein Dad ihm neue Wanderstiefel kaufen, wenn sie in die Berge fuhren.
Wie er so durch den Garten schlich, kam er sich beinah vor wie ein Abenteurer. Oder ein Geheimagent. Nein, ein Undercover-Spion mit nur einem Schuh und dem Codenamen Linkie! Alle anderen Spione fragten sich, wie Linkie zu seinem Namen gekommen war. Weil er mit links besonders tödliche Tritte austeilte? Oder weil er einen besonders schlimmen linken Stinkefuß hatte, mit dem er die Wahrheit aus seinen Gegnern herauspresste? Erzähl mir alles, du mieser Verräter, oder du wirst den Rest deines Lebens an meinem Stinkefuß schnuppern müssen!
Hinter ihm gähnte sein Bruder. »Was machst du da?«, fragte Michael.
Er lehnte sich aus dem Fenster. Michael war acht und damit vier Jahre jünger als Lewis. Aus seinem linken Nasenloch tropfte Schnodder. »Putz dir die Nase«, flüsterte Lewis.
»Warum hast du nur einen Schuh an?«
»Ist der neuste Trend. Das machen jetzt alle so.«
»Und was machst du im Garten?«
»Nach dem Grünkohl sehen.«
»Ich glaub, den hast du gerade totgetrampelt.«
Lewis sah nach unten. Unter seinem beturnschuhten Fuß befand sich ein matschiger grüner Haufen. Ja, der Grünkohl war so tot, wie Grünkohl sein konnte. »Das ist ein wissenschaftliches Experiment. Ich will herausfinden, ob er sich erholt.«
»Sieht eher so aus, als ob du abhaust.«
»Mach ich aber nicht.«
»Und warum hast du dann deinen Rucksack auf?«
Der Rucksack ließ sich nicht leugnen. Und schließen ließ er sich auch nicht mehr, weil er nämlich so voll war. Aber ohne seinen Fußball ging Lewis nun mal nirgendwohin.
Er schlich zurück zum Fenster und schnüffelte. »Hab ich dir schon mal gesagt, dass du nach Käse riechst?«
»Tu ich gar nicht.«
Oh doch, und wie Michael nach Käse roch. Genauer gesagt nach Emmentaler. Michael wurde auf Schritt und Tritt von einer Käsewolke verfolgt. Sollte je ein laktoseintoleranter Superheld versuchen, die Weltherrschaft an sich zu reißen, konnte Michael sein Erzfeind werden, wie bei Batman und Joker.
»Das sag ich Mom.«
»Was denn?«
»Dass du dich im Aerodrifter von deinem Dad verstecken willst.«
»Aber ich will mich nich…«
»Willst du doch.«
»Und wenn ich dir später zwanzig Dollar gebe?«
Michael wischte sich die Nase ab, ehe er antwortete. »Dann hab ich dich nie gesehen.«
Im Mondlicht erkannte Lewis, dass sein kleiner Bruder eines seiner Lieblings-T-Shirts trug. Michael zog den Kragen hoch und schnäuzte sich in den Baumwollstoff.
»Das T-Shirt kannst du auch haben«, sagte Lewis.
Michael putzte sich noch einmal die Nase. »Echt?«
»Echt. Aber dafür hast du mich nie gesehen. Und wir reden gerade auch gar nicht miteinander.«
»Doch. Nämlich über die zwanzig Doller. Versprichst du, dass du sie mir auch wirklich gibst?«
»Versprochen.«
Michael gähnte wieder. »Okay. Gute Nacht, Lewis.«
»Gute Nacht, Kleiner.«
»Bleib nicht so lange weg.«
»Abgemacht, Kleiner.«
Das Fenster schloss sich hinter Michael. Würden echte Spione auch ihre kleinen Brüder bestechen? Lewis hatte keine Ahnung, aber eigentlich interessierte ihn die Antwort auch gar nicht. Fred wartete. Lewis schlich durch den Garten über das feuchte Gras bis zum Aerodrifter seines Vaters, wo er sich hinter den Vordersitzen auf den Boden kauerte. Ein Gegenstand aus Metall presste sich in seine Rippen – ein Schraubenschlüssel. Er legte ihn auf die Rückbank, dann wagte er einen letzten Blick zum Haus.
Die Sonnenkollektoren waren sauber, die Windturbine drehte sich langsam. Die Rohre, die aus den Regenwasserspeichern auf dem Dach nach unten führten, glänzten weiß. Das Haus war klein, aber es reichte. Seine Mom und sein Stiefvater Robert schliefen am einen Ende, Lewis und Michael – der eigentlich nur sein Halbbruder war, weil Robert sein Dad war – teilten sich ein kleines Zimmer auf der anderen Seite. Dazwischen lag die Küche. Nur eins fehlte im Haus: Lewis’ Dad. Na ja, und eine von diesen vollautomatischen Küchen. Ein Junge aus Lewis’ Fußballmannschaft hatte eine, und sie bereitete alles zu, was man haben wollte. Einfach so. Fette Milchshakes, Brathähnchen, Sandwiches mit Erdnussbutter und Banane. Einmal hatte Lewis sogar einen Burrito mit Rattenfleisch bestellt, und die Küche hatte ihm einen Hotdog serviert. Womit sie gar nicht mal so weit danebenlag.
Heute war sein Dad zwar ausnahmsweise hier, aber es war kein fröhlicher Besuch. Robert steckte wahrscheinlich im Keller und bastelte an irgendwas herum, oder er polierte seinen glänzend roten Aerodrifter. Lewis konnte seine Eltern dabei beobachten, wie sie in der Küche miteinander stritten. Seine Mom marschierte wutentbrannt immer wieder um den Tisch herum. Sein Dad saß mit verschränkten Armen da und verzog das Gesicht.
Das Gespräch lief nicht gut.
Was meistens der Fall war.
Diesmal war Lewis’ Mom wütend, weil sein Vater mal wieder ihre Reise in die Berge und zum Blackwater River abgesagt hatte. Sie behauptete, er würde sie schon zum vierten Mal verschieben. Lewis glaubte allerdings, dass es erst das zweite oder dritte Mal war. Außerdem hatte sich sein Dad bei ihm entschuldigt. Klar war Lewis enttäuscht. Ziemlich sogar. Um diese Jahreszeit trat der Blackwater River über seine Ufer, wodurch Wasserbecken zum Schwimmen und Tauchen entstanden, und der Fluss rauschte durch breite Kanäle im Felsgestein, die man wie Wasserrutschen benutzen konnte. Lewis hatte sich so auf die Reise gefreut, dass seine Tasche schon seit Wochen fertig gepackt in seinem Zimmer stand. Dann hatte ihm sein Vater geschrieben, dass er es wegen der Arbeit leider nicht schaffen würde. Nun war sein Dad hier, um sich auch bei Lewis’ Mom zu entschuldigen. Oder so. Aber deswegen brauchte sie ihn doch nicht gleich anzuschreien! Er hatte nun mal superwichtige Sachen zu erledigen.
Außerdem hatte Lewis eine Lösung gefunden.
Eine, die alle Beteiligten glücklich machte.
Plötzlich sprang sein Dad vom Tisch auf. Lewis duckte sich wieder in sein Versteck. Die Küchentür knallte gegen die Hauswand, dann hörte er seinen Vater über den Rasen stapfen. Lewis musste ein Lachen unterdrücken. Das würde eine super Überraschung werden! Aber er durfte sich noch nicht zeigen. Sonst würde sein Dad es vermutlich seiner Mom sagen, und dann musste Lewis zu Hause bleiben, und der ganze schöne Plan wäre dahin.
Geduld, rief Lewis sich ins Gedächtnis. Geduld.
»Batteriestand niedrig«, verkündete Fred. »Bitte umgehend aufladen.«
Als sein Dad seinen riesigen Körper auf den Fahrersitz plumpsen ließ, neigte sich das gesamte Fahrzeug zur Seite.
»Also bitte!«, empörte sich der Aerodrifter.
Wieder versuchte Lewis, nicht zu lachen. Dieser Fred hatte echt Charakter!
Die vier Turbinen in den kurzen Flügeln des Fahrzeugs begannen sich zu drehen. »Hab dich nicht so«, antwortete sein Dad. »Und hör auf mit dem Gejammer wegen der Batterie. Du hast noch genug Saft.«
Die Turbinen drehten sich schneller, die Motoren summten. Als der Aerodrifter abhob, stieg Lewis eine kleine Furzbrise in die Nase, und er musste würgen.
Aber sein Plan ging auf! Meriwether Lewis Gates war nach einem der berühmten Abenteurer benannt, die vor vielen Jahrhunderten Nordamerika durchquert hatten. Lewis selbst allerdings war eher nicht der Abenteurertyp. Jedenfalls noch nicht. Er war ja erst zwölf. Aber er hatte Pläne. Gewaltige Pläne! Sobald sein Vater die Arbeit im Labor abgeschlossen hatte, würden sie ihr eigenes Abenteuer erleben, Hunderte von Meilen weit weg von zu Hause, tief im Gebirge.
Wenn sie beim Labor ankamen, würde er aufspringen und rufen … Ja, was eigentlich? Hi? Nein, das war lahm. Überraschung? Zu abgedroschen. Guten Abend? Ein bisschen zu förmlich. Außer er verbeugte sich dabei und sagte es mit Akzent. Dann kam es vielleicht witzig rüber.
Eigentlich war es aber sowieso unwichtig, was er sagte. Wichtig war nur, dass er endlich ein paar Tage mit seinem Dad verbringen würde.
Fred flog dröhnend los, sodass Lewis gegen die Halterung der Rückbank gedrückt wurde. Wieder forderte der Bordcomputer seinen Dad auf, die Batterie aufzuladen. Normalerweise hätte Lewis sich jetzt eingemischt. Denn Aerodrifter wurden nicht einfach langsamer, wenn ihnen der Saft ausging – sie krachten vom Himmel wie Steine. Einmal hatte er auf dem Heimweg von der Schule mitbekommen, wie eins in einen Baum gestürzt war. Sein Freund Jet hatte gelacht. Der Fahrer war nicht gestorben oder so, aber schmerzhaft hatte es schon ausgesehen.
Doch wenn sein Dad glaubte, dass der Wagen noch genug Saft hatte, dann war es auch so.
Der Aerodrifter neigte sich jetzt nach vorn und ging in den Sturzflug über. Aber es war nicht die Art von Sturz, nach der man im freien Fall in einen Baum krachte, sondern die gute Art von Sturz. Lewis kniff die Augen zu. Er brauchte nichts zu sehen, um zu wissen, wo sie waren und was passierte. Nah bei seinem Haus befand sich eine der mehrere Hundert Meter hohen Schutzklippen, und jetzt rasten sie gerade den Abhang entlang nach unten zur Küste.
Lewis wurde flau im Magen, als sie die Klippenwand hinabsausten. Dann hob sich die Fahrzeugschnauze wieder, und der Spinat vom Abendessen stieg ihm in der Kehle hoch, gefolgt von einem ekligen, feuchten Rülpser. Lewis biss die Zähne zusammen und atmete durch die Nase. Er konnte rülpsen wie kein anderer – von winzig kleinen Stößerchen, die so sanft und leise aus seinem Mund ploppten wie Seifenblasen, bis hin zu gewaltigen Superrülpsern, so mächtig, dass sie alles und jeden in Reichweite vergifteten. Sein Freund Kwan plante sogar ein Experiment mit Lewis’ Rülpsern. Kwan war überzeugt davon, dass sie Pflanzen abtöten konnten, und wollte seine These demnächst an einer Tulpe testen.
Der Aerodrifter nahm jetzt ruhige Fahrt auf und hielt sich dicht über dem Boden. Lewis verzog das Gesicht und schluckte den Spinat wieder runter.
»Batteriestand kritisch. Bitte umgehend landen.«
Das klang ernst.
Die Warnung wiederholte sich immer wieder, und sein Dad ignorierte sie immer wieder.
Dann endlich wurde Fred langsamer und landete mit einem sanften Bums. Lewis’ Schulter presste sich knirschend gegen die Rückbank, und sein Knöchel verdrehte sich unangenehm.
Sein Dad tätschelte die Armatur. »Siehst du? Wir haben es ohne Probleme hierher zurückgeschafft. Du hattest noch mehr als genug Batterie.«
Dann stieg er aus, und als Nächstes waren eilige Schritte zu hören.
Lewis wartete kurz, dann sprang er auf. »Überraschung!«
Keine Reaktion.
Und auch keine Spur von seinem Dad.
Die Luft schmeckte salzig. Lewis sah sich um. Sie waren auf einem Gebäude direkt am Meer gelandet. Das leere Flachdach war übersät mit Pfützen, in denen sich grau das Mondlicht spiegelte. Der dunkle Ozean lag nur einen kurzen Spaziergang weit weg. In der Ferne konnte Lewis die riesigen Warntürme aus Stahl sehen. Sie säumten fast alle Küsten auf der ganzen Welt und schmetterten Alarmsignale, sobald sich eine Riesenwelle näherte.
Obwohl die Nacht warm war, schauderte Lewis beim Anblick der Türme. »Dad?«, rief er. »Dad?«
Er wartete.
Nichts.
»Guten Abend?«
Er versuchte es noch mal, diesmal mit französischem Akzent.
Immer noch nichts.
Lewis schnappte sich seinen Rucksack und lief zum Rand des Dachs. Das Gebäude war größer, als er gedacht hatte. Mindestens drei Stockwerke hoch. Unten brachen kleine Wellen auf dem Sand. Das Wasser war fast schwarz und die gesamte Küste leer. Es gab hier keine Häuser, keine Aerodrifter. Keine Bäume und ganz sicher keine Menschen. Was nicht weiter überraschend war. Niemand war so verrückt, in Küstennähe zu bauen. Nicht nach dem jahrelangen Ansturm der Riesenwellen, gigantischer Tsunamis, die noch kilometerweit hinter der Küste alles dem Erdboden gleichmachten. Was also hatte sein Dad hier zu suchen? War das hier sein Labor?
In der Nähe des Aerodrifters entdeckte Lewis eine viereckige Falltür im Dach. Er zerrte daran. Das Metall fühlte sich kühl an. Die Luke bewegte sich nicht. Lewis hämmerte dagegen und rief: »Dad? Bist du da unten?«
Sein Vater antwortete nicht.
Dafür aber die Türme.
Sie schlugen nur dann Alarm, wenn sich eine Riesenwelle näherte. Als Lewis jünger war, waren die Wellen noch dicht aufeinandergefolgt. Manchmal wurde er mitten in der Nacht von den Sirenen geweckt. Dann lief er schnell zu seiner Mom, kuschelte sich zu ihr ins Bett, und sie sang ihm mit ihrer beruhigenden Stimme ein Lied vor.
Ging der Alarm los, wenn er in der Schule war, mussten sie sich unter ihren Tischen verkriechen. Was ziemlich sinnlos war, weil die Schule im sicheren Bereich hinter den Klippen stand. Nur wegen der Wellen hatte die Stadt die Schule überhaupt dorthin verlegt. Nichts konnte die Klippen überwinden. Und selbst wenn es doch einer Welle gelungen wäre, den ganzen Weg von der Küste zurückzulegen und die riesigen Klippen zu überschwemmen – dann half es garantiert nicht, sich unter einem Tisch zu verstecken. Denn das Wasser riss sowieso alles mit sich.
Außerdem verfingen sich immer Kaugummis in Lewis’ Haaren, wenn er sich unter den Tisch kauerte. Und er konnte deswegen nicht mal sauer auf irgendwen sein, weil nämlich er es war, der die Kaugummis dorthin klebte.
Der Klang der Sirenen war für ihn also nichts Neues. Aber diesmal war es anders. Denn diesmal befand er sich nicht zu Hause oder in der Schule hinter den schützenden Klippen. Diesmal war er den Türmen so nahe, dass der schrille Alarm ihm durch Mark und Bein ging.
»Dad!«, brüllte er.
Der Wind flaute schlagartig ab. Die Sirenen gaben das nächste Alarmsignal von sich, und Lewis begann zu zählen. Die Zeit zwischen den Alarmtönen verriet, wie weit die Welle noch von der Küste entfernt war. Die Berechnung des Abstands wurde sogar in der Schule durchgenommen. »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht …«
Das nächste Schrillen ertönte.
Acht Sekunden?
Das konnte nicht sein! Er musste sich verzählt haben.
Eigentlich sollten die Sirenen losgehen, wenn die Wellen noch weit weg waren, damit die Leute genug Zeit hatten, sich in Sicherheit zu bringen. Zwischen den Tönen hätten mindestens zehn Sekunden verstreichen sollen. Zehn Sekunden Abstand bedeuteten, dass die Welle noch eine Stunde von der Küste entfernt war.
Lewis zählte noch mal mit. Doch, acht Sekunden. Er hatte richtiggelegen. Sein Vater hatte dafür gesorgt, dass er sich die Everett-Skala genau einprägte. Sie ordnete der Anzahl an Sekunden zwischen den Alarmtönen die Strecke, die die Welle noch zurücklegen musste, und die verbleibende Zeit bis zum Aufprall auf der Küste zu. Ein durchschnittlicher Tsunami rollte mit 800 Stundenkilometern durchs Meer. Zehn Sekunden bedeuteten 800 Kilometer Abstand, was hieß, dass man noch etwa eine Stunde Zeit hatte zu fliehen. Neun Sekunden bedeuteten schon nur noch 300 Kilometer. Und acht Sekunden? Das waren gerade mal 150 Kilometer! Oder zwölf Minuten bis zum Aufprall.
Lewis rannte wieder zur Dachseite, die aufs Meer hinausging. Im Augenblick lag das Wasser noch ruhig da. Aber irgendwo dort draußen in der Dunkelheit raste eine gigantische Welle auf die Küste zu. Und wenn sie erst einmal da war, würde sie das Gebäude dem Erdboden gleichmachen.
Die Welle würde kilometerweit alles und jeden unter sich begraben.
Auch Lewis.
Die Sirenen schrillten erneut.
Lewis schnappte sich den Schraubenschlüssel vom Rücksitz des Aerodrifters und hämmerte damit gegen die metallene Falltür. Ein scharfer Schmerz schoss durch seinen Unterarm. »DAD!«
Fred hinter ihm piepte. Die Lichter im Armaturenbrett blinkten rot, dann erloschen sie.
Lewis warf den Schraubenschlüssel beiseite und lehnte sich in die Fahrerkabine. Er würde Robert anfunken. Sein Stiefvater arbeitete bei der Küstenwache. Er würde kommen und ihn retten. Doch als er versuchte, das Funkgerät einzuschalten, passierte nichts. Freds Warnungen waren nicht übertrieben gewesen. Die Batterie des Aerodrifters war leer.
Plötzlich schwang die Falltür auf, und Lewis’ Dad kam hervor. Er war wirklich ein Riese mit breiten Schultern, einem mächtigen Brustkorb, kräftigen Beinen und Fäusten wie ein Türsteher. Trotzdem bewegte er sich schnell und wendig. Lewis stand da wie festgefroren. Er kam sich vor wie bei einem Videospiel, in dem er alles durch seine VR-Brille beobachten und durch seine Kopfhörer hören konnte, aber nicht wirklich da war.
Und jetzt war er auch nicht wirklich da. Weil das alles unmöglich passieren konnte.
»Was machst du hier?«, brüllte sein Vater. »Wie hast du mein Labor gefunden?«
Lewis stammelte: »D…das hier ist d…dein Labor? Ich dachte …«
Sein Vater zeigte auf den Aerodrifter. »Weißt du, wie man so ein Ding fliegt?«
»Ich …«
»Ja oder nein?«
»Nein«, sagte Lewis. »Ich bin erst zwölf. Und außerdem ist die Batterie alle.«
Sein Vater trat gegen den Wagen, dann starrte er fluchend aufs Meer hinaus. Seine Kiefer mahlten, und seine Hände waren zu Fäusten geballt. »Warum ausgerechnet jetzt, Lewis?«, fragte er. »Und dann auch noch ihr beide. Warum ausgerechnet heute Nacht?«
Sie beide? Wovon redete er? »Tut mir leid, ich …«
»Vergiss es. Egal«, blaffte sein Dad. Dann sagte er etwas sanfter: »Tut mir leid.« Er zog Lewis in seine Arme. Danach nahm er ihn bei den Schultern und suchte seinen Blick. »Wir müssen dich mitnehmen. Das ist die einzige Möglichkeit.«
Was meinte er mit »wir«? Und wohin mitnehmen?
Das Meer rauschte friedlich vor sich hin. Noch immer ließ nichts darauf schließen, dass gleich eine Riesenwelle alles mit sich reißen würde.
Noch nicht.
Die Sirenen heulten auf, der Abstand zwischen den Tönen wurde immer kürzer. Wo waren sie jetzt? Bei sechs Sekunden? Oder fünf? Lewis konnte sich nicht lang genug konzentrieren, um mitzuzählen. Trotzdem war ihm klar, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten. Höchstens acht oder neun Minuten.
»Rein mit dir«, befahl sein Vater.
Unter der Luke führte eine Stahlleiter in einen riesigen Raum hinab. Halb rutschend, halb kletternd machte sich Lewis an den Abstieg. Das Licht drinnen war grellweiß. Er blinzelte.
»Los, los, los«, drängte ihn sein Vater.
Lewis machte, so schnell er konnte. Bei jeder Bewegung prallte ihm der Rucksack gegen den Rücken. Einmal trat ihm sein Vater versehentlich auf die Finger, aber Lewis sagte nichts, und sein Dad schien es gar nicht zu bemerken. Am Ende der Leiter sprang er auf eine viereckige Plattform aus Metall. Während er sich die schmerzenden Finger ausschüttelte, sah er sich staunend um.
Sie standen neben einer riesigen Metallkugel, so breit wie ein Haus und ungefähr dreimal so hoch. Die Außenseite war mit festgenieteten Stahlbändern ummantelt. Es gab auch Fenster, die aussahen wie die Bullaugen in einem altmodischen Schiff. Eingeklappt an der Seite befand sich etwas, das an eine Finne erinnerte.
»Was ist das denn für ein Ding?«, fragte Lewis.
»Erklär ich dir später. Steig ein jetzt.«
Lewis betrat durch eine kleine Tür in der Riesenkugel einen schmalen Gang. Sein Vater schloss die Tür hinter ihnen und verriegelte sie.
Am anderen Ende des Gangs stand ein Mädchen. Im Highschool-Alter, schätzte Lewis. Neunte oder vielleicht zehnte Klasse. Also nur ein paar Jahre älter als er. Aber die waren wie Hundejahre. Das Mädchen hätte genauso gut auch zwanzig sein können. Sie war groß und dünn und hatte dunkle Haut und eine kleine Nase. Ihr schwarzes Haar war oben zu Zöpfen geflochten und an den Seiten kurz rasiert. Selbst aus der Ferne konnte Lewis die drahtigen Muskeln in ihrem Kiefer, den Schultern und Armen erkennen. Ihre Klamotten waren an mehreren Stellen zerlöchert. Sie sah ein bisschen so aus wie eine DJane. Ob sein Vater inzwischen so was wie ein Bandmanager war?
»Das ist Hanna«, brummelte sein Dad. »Sie sollte genauso wenig hier sein wie du. Aber wenn sie dich nicht gehört hätte …«
»Ich sollte nicht hier sein? Ich habe dieses Schiff gebaut, Professor. Und damit habe ich jedes Recht, hier zu sein.«
»Du hast das Schiff nicht gebaut. Das waren Roboter.«
Die Sirenen heulten wieder los. Sie waren jetzt nur noch gedämpft zu hören, aber immer noch deutlich genug, um beängstigend zu sein.
»Ja, aber nach meinem Entwurf.« Sie zeigte auf Lewis. »Warum trägt er nur einen Schuh?«
Oh. Das hatte er ganz vergessen. Lewis wackelte mit den nassen Zehen.
»Keine Ahnung«, antwortete sein Dad. »Warum träg…«
Die Sirenen heulten jetzt fast ununterbrochen.
»Nur noch drei Sekunden Abstand«, sagte sein Dad.
»Dann ist die Welle vielleicht zehn Kilometer weit weg«, antwortete Hanna. »Das sind höchstens drei Minuten bis zum Aufprall. Ich schlage vor, wir schnallen uns an.«
»Los!«, brüllte sein Dad ihn an.
Lewis rülpste.
Hanna verzog das Gesicht. »Das war echt eklig.«
»Wenn er Angst hat, muss er immer rülpsen«, erklärte sein Vater.
»Stimmt doch gar nicht!«, widersprach Lewis. Dabei stimmte es sehr wohl.
Hastig rannten sie den Gang entlang.
»Zwei Minuten«, rief Hanna ihnen über die Schulter zu.
Lewis packte seinen Dad hinten am Hemd. »Dad? Uns passiert doch nichts, oder?«
Sein Vater blieb stehen, legte ihm seine großen Pranken auf die Schultern und lächelte. »Hier drinnen sind wir sicher. Vertrau mir, mein Sohn. Habe ich dich je enttäuscht?«
Häufiger, als Lewis zählen konnte. »Na ja …«
»Egal. Falsche Frage. Du kannst mir vertrauen.«
»Oder eher mir«, warf Hanna ein. »Schließlich habe ich das Schiff entworfen.«
Eigentlich traute Lewis gerade keinem von beiden.
Sein Dad neigte den Kopf und lauschte. Hanna packte Lewis an einem seiner Rucksackträger und zog ihn ins Cockpit. Vor einem großen Fenster standen vier gepolsterte Sitze in zwei Reihen. Hanna drückte ihn in einen der Sitze in der zweiten Reihe. »Du hast eine Minute«, sagte sie. »Mach es dir bequem. Schnell!«
Er schmiss seinen Rucksack auf den Boden, während Hanna und sein Dad vorne Platz nahmen und sich anschnallten. Sein Vater bewegte sich wie ferngesteuert, so, als müsste er gar nicht mehr hinschauen, was er da tat. Sein Blick war fest auf die Holzwand draußen vor dem Fenster gerichtet.
»Vielleicht sollten Sie Ihrem Sohn besser sagen, dass er sich anschnallen muss, Professor.«
Ohne sich zu ihm umzudrehen, sagte sein Dad: »Du hast sie gehört, Lewis.«
»Noch dreißig Sekunden«, rief Hanna.
Als Lewis sah, dass die Sitze jeweils sieben verschiedene Gurte hatten, ahnte er Schreckliches. Er schloss einen Gurt über seinem Schoß und mehrere weitere schräg über der Brust. Mit zitternden Händen schnallte er auch seine Beine fest. Sein Herz hämmerte. Ein paar Sekunden lang war alles ruhig, selbst die Sirenen, und Lewis wagte kurz zu hoffen, dass die ganze Angelegenheit nur eine Übung gewesen war, wie in der Schule. Oder ein Fehlalarm.
Dann explodierte die Wand vor dem Fenster. Eine Lawine aus Wasser und Holzsplittern prallte auf das Panzerglas, dann krachte eine riesige Welle gegen das Metallschiff, und Lewis wurde nach hinten geschleudert.