Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2022 Rosemarie Johanna Sichmann
Illustrationen: Daniela Henninger · www.dh-illustration-grafik.de
Umschlaggestaltung, Satz, Herstellung und Verlag:
BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 978-3-7557-7517-1
Fedino und die Begegnung mit der Freundschaft
Zarabella fürchtet sich vorm Angstgeist
Schlaumaul findet sein Glück durch eine besondere Aufgabe
Sibido und der Kreis der Liebe
Das Fohlen Hufherz erblickt das Licht der Welt
Randallo und der verhexte Spiegel
Die sieben Schweinchen und das Geheimnis des Glücks
Kimmo und der goldene Palast
Lippi die Glücksente und der Wald der Finsternis
Das Blatt der Wahrheit
Der Hahn Fedino lebt auf einem Bauernhof. Als er noch ein Küken war, kam er in die große Schar der Hühnergemeinschaft, die auf dem Hof in dem Ort Sipbachzell in einem behaglichen Stall lebte.
Wenn er frühmorgens Hunger hatte, konnte er über eine Hühnerleiter mit den anderen Hühnerkindern zur Futterstelle in der Nähe des Kuhstalles wandern.
Dort bekamen sie jeden Tag ein reichhaltiges Frühstück aus Getreideflocken, Gemüse und Wasser. War das kleine Bäuchlein gefüllt, musste er nichts anderes tun, als den ganzen Tag umherzulaufen und zum Zeitvertreib alles aufzupicken, was in seinen kleinen Schnabel passte.
Im Laufe der Zeit wurde aus dem kleinen Küken ein wunderschöner Hahn, der mit seinem bunten Federkleid jedem Besucher auffiel. Voller Stolz präsentierte ihn die Bäuerin Maria und streichelte ihm sanft über seine Federn.
Daraufhin krähte er mit aufgesperrtem Schnabel sein Kikeriki und stolzierte anschließend weiter.
Eines Tages verliebte sich Fedino plötzlich in die Henne Pickina. Er kannte sie bereits von klein auf, pickte sie doch seit langer Zeit neben ihm das Futter aus der gemeinsamen Schüssel.
Sein Bauch fühlte sich an, als würden unzählige Schmetterlinge darin Flugversuche machen und mit ihren zarten Flügeln auf und ab schlagen. Auch sein Herz klopfte kraftvoller und schneller als sonst. Voller Freude erwiderte die junge Henne seine Gefühle, und von da an brachte er ihr oft kleine Geschenke mit. Mal einen dicken Wurm, ein Salatblatt oder ein saftiges Brotkrümelchen.
Von dieser Stunde an waren die beiden unzertrennlich. Nach Fedinos morgendlichem Krähen wich sie nicht mehr von seiner Seite. Alles machten sie miteinander: spazierengehen, Würmer suchen, ein kleines Sandbad nehmen und am besten gefiel es ihnen im Maisfeld. Verstecke gab es hier genug, und das gegenseitige Suchen und Finden machte ihnen großen Spaß.
Doch eines Tages zogen über ihrer Freundschaft dunkle Wolken auf. Die Bäuerin Maria bekam von ihrer Schwester Frieda vier junge braune Hennen geschenkt. Als Fedino die Junghennen sah, fielen ihm sofort die goldenen Punkte in deren Augen auf. Das faszinierte ihn sehr. Begegnete er den neuen Hühnern auf dem Innenhof, sah er ihnen nacheinander lange in ihre schönen Augen. Mit Entsetzen stellte Pickina fest, dass sie nicht mehr die wichtigste Henne für Fedino war.
Traurig beobachtete sie, wie Fedino von nun an mit den vier braunen Hennen zum Versteckspiel in das Maisfeld ging.
Von da an versuchte Pickina, Fedino aus dem Weg zu gehen und verbrachte den Tag alleine. Schlecht gelaunt stakste sie auf dem Hof umher. Auch den befreundeten Tieren zeigte sie deutlich, dass sie sich nicht mit ihnen unterhalten wollte. Sie drehte sich einfach um und tat, als ob sie etwas Interessantes am Boden gefunden hätte. Abends steckte sie ihren Kopf in ihr Federkleid und weinte sich in den Schlaf.
Nach ein paar Tagen fiel Fedino auf, dass Pickina ihn nicht mehr begleitete. Er suchte sie im Hühnerstall, bei der Hundehütte, in der Scheune und sogar im Gemüsegarten. Nicht einmal am Rande des Maisfeldes traf er Pickina an. Erst als er hinter den großen Holzhaufen sah, entdeckte er die traurige Henne.
Fedino stand da, scharrte mit seinem Bein im Sand und beobachtete Pickina. Die bemerkte Fedino nicht und starrte in die andere Richtung auf einen kleinen Stein. Dabei gackerte sie leise: „Wie schön doch meine Freundschaft mit Fedino war, bevor diese Hennen zu uns kamen. Wo wird er nur wieder sein? Ob er bei ihnen ist?“
„Aber ich bin doch hier!“, rief er laut und krähte zur Bekräftigung gleich hinterher.
„Du siehst mich ja gar nicht mehr“, klagte Pickina. „Von früh bis spät spielst du mit den braunen Hennen. Auch ihr Federkleid findest du viel schöner als meines, von ihren Augen ganz zu schweigen.“ Eine dicke Träne kullerte aus ihrem linken Auge und platschte genau auf den Stein vor ihr.
Verlegen trat der Hahn Fedino hin und her. Ihm fiel momentan nichts ein, was er hätte sagen können. Pickina sollte einfach nur wieder seine Freundin sein. Nach kurzem Überlegen kam ihm ein Gedanke, der vielleicht für alle etwas Gutes brachte.
„Komm doch mit uns zum Spielen ins Maisfeld. Wenn wir gemeinsam Verstecken spielen, ist es viel lustiger und es dauert länger, bis wir gefunden werden. Probieren wir es doch einfach aus!“ Fedino plusterte sein buntes Federkleid auf. Er war stolz, dass er eine so gute Idee gehabt hatte.
„Okay“, gackerte die Henne Pickina, „ich kann es ja mal probieren.“ Noch etwas lustlos lief sie mit Fedino zum vereinbarten Treffpunkt mit den für sie noch fremden Hennen. Doch bald darauf vergaß sie, dass sie traurig war und fing an mitzuspielen. Gemeinsam mit den vier braunen Hennen versteckten sie sich abwechselnd zwischen den großen Stängeln im Maisfeld.