Buch

Wien, Anfang März. Der Winter ist fast vorbei, und während dringend anstehender Dachreparaturen beobachtet ein junger Handwerker im Nachbarhaus einen brutalen Mord. Doch als wenig später die Polizei eintrifft, ist der Täter bereits geflohen.

Eine Woche später erhält die Anwältin Evelyn Meyers in ihrer Praxis Besuch von Michael Kotten. Verzweifelt bittet der junge Mann sie darum, seine Verteidigung zu übernehmen – man versuche, ihm jenen Mord anzuhängen, den der Dachdecker zufällig beobachtet habe. Evelyn glaubt an Michaels Unschuld, doch sie ist die Einzige. Als die Kripo ihren Mandanten abführt, beginnt sie eine aufwändige Recherche, die zeigt, dass Michael ihr nicht die ganze Wahrheit gesagt hat.

Währenddessen wird Kommissar Walter Pulaski in Leipzig zu einem Todesfall in einem Autobahnmotel gerufen: Ein Mann ist beim Duschen auf den nassen Badezimmerfliesen ausgerutscht und tödlich verunglückt. Doch Pulaski glaubt nicht an einen Unfall, und da er den Toten persönlich kannte, ermittelt er auf eigene Faust. Ermittlungen, die zunehmend gefährlich werden, denn es bleibt nicht bei einem Todesfall – und die Spur führt nach Wien …

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ANDREAS GRUBER

Rachewinter

Thriller

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Originalausgabe Oktober 2018

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

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in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

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ISBN: 978-3-641-20544-7
V005

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für Michael,

sei so, wie du bist,

steh zu dem, was du tust,

und lass dich durch nichts in der Welt verbiegen

»Manchmal ist das schrecklichste Monster von allen

das im Spiegel.«

– SPRICHWORT –

PROLOG – Dienstag, 4. März

Von hier oben war die Aussicht über das Nobelviertel und die Berge am westlichen Stadtrand Wiens überwältigend. Die Sonne schob sich über die Hausdächer, tauchte die Stadt in milde Orangetöne und brachte sogar die ersten Vögel zum Zwitschern.

Slavo knöpfte sich den Overall auf und atmete die frische Morgenluft ein. Angeblich würde es nächste Woche zwar noch einmal so richtig kalt werden, aber im Moment schien den beginnenden Frühling nichts aufhalten zu wollen.

Es war kurz nach acht Uhr, und bis Mittag sollten Slavo und sein Kollege fertig sein. Der Winter hatte einige Schäden auf dem Dach des Hotel Stefanie angerichtet. Sie mussten die kaputten Ziegel austauschen und Schneehaken anbringen, um die Dachlawinen im nächsten Winter einzudämmen.

In den Arbeitsschuhen hatte Slavo auf dem schrägen Dach einen guten Stand. Er ging an der Satellitenschüssel vorbei bis zum Kamin, wo er den Sack mit den Schneehaken mit einem Karabiner befestigte und seinen Gürtel enger zog, an dem das schwere Werkzeug hing.

»He, schau mal!«, gellte Max’ Stimme über das Dach.

Slavo blickte auf. Max saß auf dem Dachfirst und deutete zum Nachbarhaus, einem modernen fünfstöckigen Bau, dessen oberste Penthouse-Wohnungen große Terrassen hatten.

»Keine Zeit, mach weiter!«, rief Slavo, ohne sich umzudrehen. Obwohl er aus Serbien stammte, war das Deutsch des Dreiundzwanzigjährigen fast akzentfrei. Aber immerhin pendelte er auch schon seit über fünf Jahren zwischen Österreich und Deutschland als Gastarbeiter.

»Schau doch!«, beharrte Max, ein Wiener, der ein paar Jahre jünger war als Slavo.

»Du nervst.« Slavo drehte sich um und starrte durch ein Fenster in das gegenüberliegende Penthouse.

Du lieber Himmel!

Es war das Schlafzimmer. Die Morgensonne leuchtete den Raum klar und hell aus. Und auf dem Bett trieb es ein Pärchen.

»Die rechnen wohl nicht damit, dass jemand auf dem Dach steht und ihnen beim Vögeln zusieht«, flüsterte Max.

»Du brauchst nicht zu flüstern«, rief Slavo. »Die hören kein Wort.«

»Das müsste man filmen.«

»Du bist ein perverser Spanner!«

»Komm schon, film das mit deinem Handy. Vielleicht passiert was, dann schicken wir es an diese Pannenshow und kriegen …«

»Ja, schon gut, halt die Klappe!« Grinsend zog Slavo das Handy aus dem Overall, lehnte es auf dem Kamin an einen Ziegelstein, aktivierte die Kamera und zoomte die Szene so nah wie möglich heran.

»Pass auf, dass dein Handy nicht in den Kamin fällt«, gackerte Max vor Lachen.

»Ja, du Idiot!« Slavo wartete, bis sich das Objektiv scharf gestellt hatte.

O Mann! Der Typ, der unten lag, war ein etwa fünfundvierzigjähriger Kerl mit gewellten Haaren und grau melierten Schläfen, Marke Playboy in der Midlife-Crisis. Auf ihm saß eine makellos schlanke Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren, die garantiert viel jünger war als er. Sie hob die Arme, verschränkte sie hinter dem Kopf und ritt, als wollte sie einen wilden Gaul bändigen. Leider sah Slavo sie nur von hinten und konnte keinen Blick auf ihre vermutlich kleinen festen Brüste erhaschen.

»Und? Was siehst du?«, rief Max.

»Komm her und schau selbst. Aber beeil dich, ich glaube, der Kerl kommt gleich.«

Während Max vom Dachfirst zu Slavo hinunterstieg, spritzte der Typ tatsächlich ab. Er bäumte sich auf, krallte eine Hand in das Bettlaken und packte mit der anderen die Arschbacke der Frau. Die beugte sich nach vorne und schlug dem Kerl ins Gesicht.

Wahnsinn! Eine saftige Ohrfeige – und dem Typ gefällt es auch noch.

»Geh weg – lass mich auch mal sehen.«

»Zu spät«, sagte Slavo. Die Schwarzhaarige war soeben von ihrem Hengst heruntergeklettert und mit einem leeren Sektglas vom Nachtkästchen aus dem Bild verschwunden. Nun war nur noch der Mann zu sehen, keuchend und mit grau behaarter muskulöser Brust, wie er sich den Schweiß von der Stirn wischte.

»Scheiße!«, zischte Max. »Wie hat sie ausgesehen?«

»Ich denke, die Kleine war höchstens zwanzig – und rattenscharf.«

»Der könnte ihr Vater sein!«, entfuhr es Max. »Schalt aus und zeig mir den Film!«

»Nein, warte.« Slavo schlug Max auf den Arm, als der mit dem Handschuh nach dem Handy greifen wollte. Soeben kam die Schwarzhaarige zurück ins Bild, blieb neben dem Bett stehen, sprach mit ihrem Sugar-Daddy und nippte am vollen Sektglas.

»Glaubst du, die beiden sind verheiratet?«, murmelte Slavo.

»Kann ich mir nicht vorstellen. Schade, dass wir nicht hören können, worüber die reden«, sagte Max. »Du bist so ein Tier, und das seit fünf Uhr früh. Aber jetzt ab zu deiner Frau und deinen drei Kindern«, verstellte er die Stimme.

Sie scherzten noch eine Weile, dann drehte sich die Schwarzhaarige um. Slavo konnte es im ersten Moment nicht fassen. Das gibt es doch nicht! Ungläubig starrte er auf das Bild.

»Uaaahhh!«, rief Max. »Du perverses Schwein! Schalt das sofort ab.«

»Du wolltest doch, dass ich es filme. Konntest gar nicht genug davon kriegen«, platzte es aus Slavo hervor, woraufhin er lauthals zu lachen begann.

»Wie eklig, Schwule!«, rief Max.

Die Schwarzhaarige war tatsächlich ein Kerl. Das Gesicht war zwar nicht zu erkennen, weil sich die Sonne in der Scheibe spiegelte, dafür aber der Körper. Ein junger Typ, vermutlich kaum älter als zwanzig, schlank und untenrum gut ausgestattet.

Slavo lachte immer noch. »Du bist so ein Tier«, äffte er Max’ Stimme nach. Dann sah er, wie der Junge zum Fenster ging und die Jalousie zuzog. Ende der Vorstellung! Slavo wartete noch eine Weile, dann wollte er gerade die Kamera abschalten, als plötzlich jemand im Zimmer gegen die Jalousie gepresst wurde. Der grauhaarige Kerl! Deutlich war zu sehen, wie sich der Mann mit den Fingern in die Lamellen krallte und verzweifelt daran zog.

»Das glaub ich jetzt nicht«, entfuhr es Max.

Slavo und er drängten sich nebeneinander an den Kamin und starrten auf das Handydisplay. Slavo schirmte mit der Hand die Sonnenstrahlen ab und kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. »Der Junge erwürgt den Alten!«

Danach wurde der Alte zurückgerissen, die Lamellen schnappten zu und nichts war mehr zu sehen.

»Du musst die Polizei holen!«, rief Max.

»Zauberst du eine Arbeitsgenehmigung für mich aus der Tasche?«

Max warf die Arme in die Luft. »Verdammt, du musst anrufen! Mein Handy ist unten in der Garderobe.«

»Und was erkläre ich denen, warum ich hier oben war? Wegen der tollen Aussicht?«

»Dann müssen wir zumindest die Hotelrezeption verständigen. Der Portier soll …«

»Schau!«, unterbrach Slavo ihn. Am Rand des Displays war ein Teil des benachbarten Fensters zu sehen. Der Vorhang war offen und die Jalousie oben. Auch in dieses Zimmer schien die Morgensonne. Soeben war ein Schatten durch das Bild gehuscht.

Slavo drehte das Handy auf dem Sims, sodass es nun den Nebenraum filmte. Es dauerte einen Moment, bis sich das Objektiv wieder scharf stellte. Der Mann lief durch den Raum und presste sich eine Hand auf den Hals. Aus der Halsschlagader spritzte Blut wie aus einem Überdruckventil. Quer durch den Raum. Ans Fenster, an die Tapete und auf das Sofa.

»Ach, du Scheiße!«, entfuhr es Max.

Sie sahen, wie der Mann herumtorkelte und hysterisch schrie, doch es war kein Ton zu hören. Auf der Aufnahme blieb nur ein langer stummer Schrei.

Max riss das Handy vom Sims und unterbrach die Aufnahme.

»Was machst du?«, rief Slavo und wollte ebenfalls danach greifen.

»Was wohl?«, herrschte Max ihn an. »Ich rufe die Polizei. Da drüben krepiert gerade einer!« Er wollte wählen, da rutschte ihm das Telefon aus den Handschuhen, schlug gegen den Rand des Kamins und stürzte in den Schacht.

Slavo wollte noch danach greifen, doch es war zu spät. »Du Idiot!«, herrschte er seinen Kollegen an. »Lauf zur Dachluke und fahr runter zum Portier. Der soll die Polizei und einen Krankenwagen rufen. Jetzt mach schon!«

Während Max über die Dachziegel lief, starrte Slavo in den Kamin. Dort unten herrschte absolute Schwärze. Keine Ahnung, wie tief es war. Verdammt!

Dann sah er wieder zum Penthouse. Ohne Kamera waren aus dieser Entfernung keine Details zu erkennen, bloß die Gestalt eines Mannes, der vermutlich gerade verzweifelt um sein Leben kämpfte.

1. TEIL – Eine Woche später
Dienstag, 11. März

1

Als es an Evelyn Meyers’ Kanzleitür läutete, ahnte sie bereits, wer dort stand – ihr neuer potenzieller Mandant, von dem sie bisher nur seine Stimme kannte. Die hatte sie allerdings ziemlich neugierig gemacht.

» und deshalb würde ich gern für morgen einen Termin mit Ihnen ausmachen « , war sie ungewöhnlich hell aus dem Lautsprecher des Anrufbeantworters gedrungen, während im Hintergrund das Klappern eines Zuges zu hören gewesen war.

»Ist er das?«, fragte Flo.

Evelyn nickte. »Ich habe ihn noch gestern Abend zurückgerufen und für heute Morgen ein Treffen ausgemacht.«

Flo blickte zur Wanduhr. Es war Punkt neun Uhr. Flo – eigentlich Florian Zock, aber das war ihm zu unpraktisch und lang – war ein junger Rechtsanwaltsanwärter, der seit einem Jahr in ihrer Kanzlei arbeitete, um sich neben der mies bezahlten Gerichtspraxis etwas dazuzuverdienen. Tatsächlich war Flo jedoch mehr als nur ein gewöhnlicher Anwärter, vielmehr war er mittlerweile eher zu ihrem Assistenten geworden. Und jung war auch relativ. Er war 27 Jahre alt, hatte rotblondes Haar, einen blonden Dreitagebart und sah richtig gut aus.

Flo begleitete Evelyn durch den Korridor zur Eingangstür. »Was wissen wir über ihn?«

Evelyn hob die Arme. »Leider nichts.« Normalerweise informierte sie sich vorab über jeden ihrer potenziellen Mandanten, doch diesmal hatte sie aus Zeitmangel darauf verzichten müssen. Mit Stromausfällen im ganzen Gebäude und mehr Gerichtsterminen als üblich hatte die Woche gestern noch turbulenter als sonst begonnen, sodass sie Michael Kottens Anfrage auf ihrem Anrufbeantworter nur kurz hatte bestätigen können.

Jetzt öffnete sie die Tür, und da stand er. Sie sah zu ihm auf. Er wirkte jugendlich, war sicher knapp einen Meter neunzig groß und hatte einen schlanken athletischen Körperbau.

»Evelyn Meyers?« Seine Stimme klang ungewöhnlich sanft.

»Ja.« Sie trat zur Seite. »Und mein Assistent Florian Zock. Ich nehme an, Sie sind Michael Kotten. Kommen Sie doch bitte herein.« Sie ließ ihn in den Vorraum.

Kottens Aussehen passte zu der Stimme auf dem Anrufbeantworter. Er trug enge Jeans, schwarze Stiefeletten mit höheren Absätzen als normal, einen grauen Pullover mit Schalkragen und einen schwarzen Steppmantel, wodurch er irgendwie feminin wirkte. Nicht nur wegen seiner Figur, des schmalen Halses, der schlanken Finger und manikürten Nägel, auch wegen der feinen Gesichtszüge und des dezenten Lidstrichs. Und dann waren da natürlich die Augen. Mann, diese Augen! Groß und mandelförmig, mit langen Wimpern und starken Augenbrauen. Evelyn konnte auf Anhieb ein Dutzend Freundinnen nennen, die für diese Augen einen Mord begangen hätten.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Evelyn, wie Flo sie musterte. Sein Blick schien zu sagen: Hör auf zu starren!

»Es tut mir leid, dass ich Sie erst gestern Abend zurückgerufen habe«, entschuldigte sich Evelyn, »aber wegen der Baustelle gab es hier gestern mehrere Stromausfälle. Der ganze Tag war ein wenig chaotisch, weil auch die Alarmanlage ausgefallen war, der Kühlschrank abgetaut ist und so weiter.«

»Kein Problem, nun bin ich ja da.«

Wie zur Bestätigung von Evelyns Entschuldigung begann der Presslufthammer auf der Straße zu hämmern. Kotten legte den Mantel an der Garderobe ab, und Evelyn begleitete ihn in ihr Besprechungszimmer, wo er hinter einem niedrigen Couchtisch in einem Ohrensessel Platz nahm.

Flo ging zum Fenster, wobei der alte Parkettboden unter seinen Schritten knarrte. Evelyn besaß immer noch ihre Büroräume in dem Altbau in der Gonzagagasse im Herzen der Wiener Innenstadt. Allerdings hatte sie vor einem Jahr die kleine Nachbarwohnung dazugemietet und ihre Kanzlei vergrößert.

Nachdem Evelyn für ihren Besucher und sich Tee serviert hatte – Flo brauchte sie gar nicht erst zu fragen, der trank nie Tee –, setzte sie sich Michael Kotten gegenüber in einen Sessel. »Wie sind Sie auf mich gekommen?«

Er schlug ein Bein über das andere. »Sie wurden mir mehrfach als exzellente Strafverteidigerin empfohlen. Angeblich sind Sie die Beste.«

»Vielen Dank, aber …« Evelyn hob abwehrend die Hand. »Zu viele Vorschusslorbeeren sind nie gut«, sagte sie lächelnd. »Es kommt immer auf den Fall an. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Das erste Gespräch ist kostenlos?«

Evelyn nickte.

»Und die Schweigepflicht?«

»Gilt natürlich auch für dieses Gespräch, selbst wenn ich Ihren Fall nicht übernehme.«

Kotten blickte zu Flo. »Gilt das auch für Ihren …?«

»Ja, auch für meinen Assistenten«, antwortete Evelyn.

»Könnten wir nicht unter vier Augen sprechen?«

»Wenn Sie wollen, gern«, sagte sie. »Herr Zock hat sicher kein Problem damit. Aber Sie sollten wissen, dass seine Anwesenheit überaus nützlich sein könnte. Er hat nämlich die Polizeischule absolviert.«

Kotten hob eine Augenbraue. »Und was macht er dann bei Ihnen?«

»Da viele Täter gefasst, aber bei der Verhandlung freigesprochen werden, hat er beschlossen, Recht zu studieren, um später Staatsanwalt oder Richter zu werden.«

Auch das schien Kotten nicht wirklich zu überzeugen. »Aber damit steht er doch auf der gegnerischen Seite?«

»Ja, eines Tages. Aber glauben Sie mir, im Moment kann uns sein Wissen nur weiterhelfen. Er hat sein Studium abgeschlossen, darf mich vertreten und beendet gerade sein neunmonatiges Praktikum am Straflandesgericht. Ich bespreche alle meine Fälle mit ihm.«

Kotten nickte. »Gut, wenn Sie meinen.«

»Fein.«

Flo stand mit verschränkten Armen vor dem Fenster. Für ihn war es okay, wenn sie ihn so vorstellte. Was sie den Mandanten jedoch nicht unbedingt mitteilte, war ihrer beider Überzeugung, dass vor Gericht nur selten die Gerechtigkeit siegte. Darum wollte Flo sein Praktikum am Gericht zwar abschließen, dann jedoch Detektiv werden, um in Streitfällen für Anwälte die tatsächliche Wahrheit herauszufinden. Der Teilzeitjob in ihrer Kanzlei diente dazu, seinen Start in die Selbstständigkeit zu finanzieren. Die besten Voraussetzungen für diesen Beruf brachte er mit – und niemand konnte das besser beurteilen als Evelyn. Schließlich war ihr Freund, der vor zwei Jahren ermordet worden war, selbst Detektiv gewesen.

Evelyn räusperte sich. »Dann erzählen Sie mir doch, warum Sie hier sind.«

Kotten rührte seine Teetasse nicht an. Offensichtlich war er zu aufgeregt. Sein Fuß wippte auf und ab. »Vor einer Woche ist der Manager Johann Wulf ermordet worden.«

Evelyn nickte. »Wulf war Entwicklungsleiter einer großen Firma. Er ist zuerst mit dem Seil einer Jalousie gewürgt und danach mehrmals in die Halsschlagader gestochen worden.« Wer kannte diesen Fall nicht aus den Medien?

»Angeblich mit einem Brieföffner, aber die Tatwaffe wurde bisher nicht gefunden«, ergänzte Kotten.

»Woher wissen Sie das?«

Kotten wischte sich die langen schwarzen Haare aus dem Gesicht, und nun sah Evelyn ein Piercing in der Augenbraue. »Die Polizei glaubt, dass ich es war.«

Evelyn studierte Kottens Gesichtszüge. Sie schätzte ihn auf Mitte zwanzig, vielleicht etwas jünger. »Und, waren Sie es?«

»Nein.«

Ist ja klar! Schweigepflicht hin oder her – kaum jemand würde so etwas zugeben. Und schon gar nicht während eines ersten unverbindlichen Gesprächs. »Hat die Kripo Sie schon vernommen?«

»Gestern, kurz davor habe ich Sie angerufen.«

» Davor? «

»Ja, die Kripo wollte mich in dieser Mordsache sprechen, und auf dem Weg zum Revier habe ich auf Ihren Anrufbeantworter gesprochen.«

Ganz schön auf Draht, dieser Junge. Mit ihren siebenunddreißig Jahren kam er ihr in der Tat noch recht jung vor. »Haben Sie ein Alibi für die Tatzeit?«

»Nein. Um diese Uhrzeit war ich noch zu Hause. Im Bett. Allein.«

»Läuft schon ein Haftbefehl gegen Sie?«

»Nein, aber ich fürchte, der wird nicht lange auf sich warten lassen.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Zeugen haben mich am Tag des Mordes angeblich in der Nähe des Tatorts gesehen.«

»Waren Sie dort?«

»Nein. Aber die wollen den Mord so rasch wie möglich aufklären und brauchen einen Schuldigen.«

Evelyn zuckte gleichgültig mit den Achseln, als wäre das nichts Neues. »Das ist immer so. Darüber würde ich mir jetzt keine Gedanken machen.« Sie dachte nach. »Allerdings … die Polizei konnte Sie lediglich anhand dieser Zeugenaussagen ausfindig machen?«

»Da wäre auch noch das Video.«

Ja, richtig. Evelyn hatte auch davon in den Nachrichten gehört. Sie rutschte näher. »Ein Bauarbeiter hat angeblich Teile des Mordes von einem Dach aus gefilmt, aber das Handy ist in einen Kaminschacht gefallen.«

»Die Feuerwehrleute haben es vor sechs Tagen bergen können, und die Polizei hat es sichergestellt. Wie durch ein Wunder hat der Speicher des Handys den Sturz überlebt. Daraufhin haben mich die Beamten aufgrund dieser Zeugenbefragungen und eines Phantombildes … wie heißt das offiziell?«

»Ausgeforscht?«, half Flo ihm weiter, und wartete ab, bis Kotten nickte. »Trotzdem ist es außergewöhnlich, dass man ausgerechnet auf Sie gekommen ist.«

»Es gab auch noch einen anonymen Anrufer, der behauptet hat, ich sei auf dem Film zu sehen.«

Evelyn überlegte. »Der Anrufer hat das Video gesehen?«

Kotten lächelte müde. »Fast jeder hat es gesehen. Es steht seit gestern im Netz und hat schon über eine halbe Million Klicks.«

»Was? Es wurde noch nicht gesperrt?« Flo ging zu Evelyns Schreibtisch und stellte am Notebook eine Internetverbindung her.

Evelyn erhob sich ebenfalls.

»Auf YouTube«, sagte Kotten. »Sie müssen nur nach schwules Paar im Blutrausch suchen.«

Das war nicht einmal nötig. Schwules Paar genügte, und schon schlug ihr die YouTube-Suchhilfe dieses Video vor. Sie stellte sich neben Flo, und gemeinsam sahen sie sich den Film an. Er dauerte sieben Minuten.

»Laden wir das runter?«, fragte Flo.

»Sicher.« Während sie sich das Video ansahen, kopierte Evelyn den Link in den Downloader. Bestimmt würde der Clip bald gesperrt werden – und falls nicht, würde sie sich darum kümmern. Aber dann hatten sie zumindest eine Kopie. Und dieser Film war garantiert das gewichtigste Indiz, mit dem die Anklage auffahren würde.

Nachdem die Daten sicher auf der Festplatte abgespeichert waren, klappte Evelyn das Notebook zu. »Ich muss zugeben, obwohl man das Gesicht des Mörders nicht sieht, scheint er Ihnen von Haarfarbe und Statur her ähnlich zu sehen.«

»Aber ich bin es nicht.«

»Eventuell würden wir mit Ihnen ein Vergleichsvideo drehen, um den Geschworenen den Unterschied zu zeigen«, schlug Flo vor, während er sich wieder neben das Fenster lehnte. »Wären Sie damit einverstanden?«

»Das geht?«

»Vor Gericht gibt es fast nichts, was nicht erlaubt wäre, um die Unschuld eines Menschen zu beweisen«, erklärte Evelyn ihm und setzte sich wieder hin. »Es tut mir leid, aber ich muss Sie das jetzt fragen: Sind Sie …?« Beinahe hätte sie schwul gesagt, bremste sich aber rechtzeitig ein. »Sind Sie homosexuell?«

Obwohl Kotten die Lippen zusammenpresste, waren sie immer noch schön geschwungen und voll. Beim Anblick dieses Gesichts könnte man vor Neid erblassen!

»Nein, aber ich bin gerade im Begriff, mein Geschlecht zu ändern.«

2

»Wo liegt die Leiche?«, fragte Walter Pulaski und folgte der Polizistin durch das Foyer des Motels.

Soeben erstarb das Martinshorn des Rettungswagens, der auf dem Parkplatz vor dem Gebäude stand, doch das Blaulicht warf immer noch seinen irisierenden Schein durch die Fenster. Eigentlich war es gar kein richtiges Motel hier am Stadtrand von Leipzig, sondern bloß eine Mischung aus besserem Rasthaus und Stundenhotel. Es roch nach Minze, und irgendwo plätscherte ein Tischbrunnen, dessen Geräusch Pulaski nervte.

»In Zimmer Nummer neun im ersten Stock«, antwortete die Beamtin.

Bevor Pulaski der Polizistin zur Treppe folgen konnte, stürzte ein kleines Männchen hinter dem Empfangstisch hervor, mit Anzug, Krawatte, Halbglatze, Brille, schmierigem Blick und hektischen roten Flecken auf den Wangen. Es war einen Kopf kleiner als Pulaski und baute sich vor ihm auf. »Sind Sie der Polizist, der die Leiche endlich wegschafft?«

Pulaski starrte den Mann entgeistert an. Das war wohl die erste Leiche in seiner Absteige. »Der Tote wird vom Bestatter abtransportiert, nicht von mir.«

»Doch nicht im auffälligen Leichenwagen?«

»Nein, natürlich nicht«, knurrte Pulaski. »Der Wagen hat eine rosa Schleife und ein großes buntes Schild an der Seite. Willkommen im Leipziger AutoRest Motel – hier liegen Sie richtig.«

»Sie verarschen mich, oder?«

»Und Sie stehlen meine Zeit!«

»Ich möchte nur, dass der Tote aus meinem Motel verschwindet, bevor noch mehr davon erfahren.«

Noch mehr? Um diese frühe Uhrzeit sah das Motel ziemlich ausgestorben aus.

»Dieser Koffer in meiner Hand wiegt fünfzehn Kilo«, erklärte Pulaski. »Ich bin Mitte fünfzig, habe Asthma, mein Kreuz tut weh, und manchmal schmerzt meine Hüfte am Morgen so sehr, dass sich ein weniger robuster Charakter vor Schmerzen ankotzen würde. Wenn Sie jetzt noch länger hier im Weg rumstehen, muss ich den Koffer abstellen. Und dann werde ich sauer.«

»Hören Sie, ich möchte nur, dass ich das Zimmer reinigen lassen kann und das Geschäft weitergeht. Haben Sie verstanden?«

»Ich bin …«, versuchte Pulaski es ein weiteres Mal im ruhigen Ton.

»Mir ist scheißegal, wer oder was Sie sind«, zischte das Männchen mit gesenkter Stimme. »Ich habe Beziehungen zur Polizei. Manche davon sind gern willkommene Gäste hier, und Sie sollten Ihren Auftritt hier so rasch und so unauffällig wie möglich zu Ende bringen. Haben Sie das verstanden, Freundchen?«

Freundchen? Es erwischt immer die Falschen, dachte Pulaski. Hätte an Stelle des Gasts von Zimmer Nummer neun nicht diese Witzfigur tot umfallen können?

»Und falls Sie glauben, dass Sie hier den großen Macker spielen können, haben Sie sich getäuscht«, fuhr der Mann fort. »Sie sind nichts weiter als ein gewöhnlicher Polizist, und ich werde auf Ihrem Revier Beschwerde gegen Sie einlegen, wenn Sie nicht dafür sorgen, dass der Rettungswagen augenblicklich von hier verschwindet und die Sache innerhalb der nächsten halben Stunde erledigt ist.«

»Es heißt nicht Revier, sondern Kommissariat.«

»Auch das ist mir scheißegal«, zischte der Mann und tippte Pulaski mit dem Finger an die Brust.

Schwerer Fehler!

Seufzend stellte Pulaski den Koffer ab und richtete sich wieder auf. »Ich bin kein gewöhnlicher Polizist, sondern Ermittler beim Kriminaldauerdienst, und für mich stellt sich die Sache so dar, als wollten Sie gerade eine polizeiliche Ermittlung behindern.«

»Was? Ich? Sind Sie verrückt? Im Gegenteil! Ich …«

Aber Pulaski hörte nicht weiter zu. Er winkte die Polizistin mit einer knappen Handbewegung zu sich her. »Nehmen Sie den Mann fest und bringen Sie ihn aufs Kommissariat in die Dimitroffstraße.«

»Was reden Sie da?«, keuchte der Mann.

»Falls sich keine Kollegen für die Vernehmung finden, die sind im Moment nämlich ziemlich beschäftigt«, sprach Pulaski unbeirrt weiter, »werde ich in spätestens drei Stunden dort sein und ihn befragen. Sperren Sie ihn so lange irgendwo ein, und falls er Durst hat, geben Sie ihm ein Glas Wasser.«

»Sind Sie wahnsinnig?«, brüllte der Mann nun lauter.

»Leise«, zischte Pulaski. »Denken Sie an die Gäste. Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie jedes Aufsehen vermeiden wollten?«

Der Mann tobte weiter.

»Los, machen Sie schon!«, befahl Pulaski der Polizistin. »Anscheinend wehrt er sich. Legen Sie ihm während der Fahrt Handschellen an, damit er sich beruhigt.«

»Sind Sie sicher?«, fragte die Polizistin und griff bereits nach den Handschellen.

»Sehe ich so aus, als wäre ich unsicher?«, fragte Pulaski. »Und sehen Sie zu, dass er mit niemandem spricht. Möglicherweise liegt Verdunklungsgefahr vor.« Einen Satz, den er schon immer einmal hatte anbringen wollen.

Pulaski wartete nicht ab, wie der brüllende und um sich schlagende Manager dieser Absteige mit seinen ach so guten Kontakten zur Polizei abgeführt wurde, sondern nahm seinen Koffer und ging endlich zur Treppe. Das Zimmer Nummer neun würde er auch ohne die Polizistin finden. Er machte seinen Job schon zu lange, um sich von einem Wichtigtuer, der ihm drohte und blöd kam, den Tag verderben zu lassen.

Doch da hatte er plötzlich eine andere Idee. Rasch wandte er sich um, ehe die Polizistin mit dem Manager nach draußen verschwinden konnte. »He, warten Sie noch!« Er winkte die beiden wieder heran. »Der Mann begleitet mich. Wir können die Vernehmung genauso gut oben durchführen.«

Der Manager bekam große Augen. »In dem Zimmer?«

»Ja, in dem Zimmer.« Pulaski ging weiter die Treppe hinauf, und die Polizistin folgte ihm, indem sie den Mann vor sich herschob.

Vor dem Motelzimmer stand ein weiterer, aber sehr viel jüngerer Polizist, der anscheinend eventuelle neugierige Gäste davon abhalten sollte, das Zimmer zu betreten. Allerdings lag der Gang verlassen da. Die anderen Bewohner hatten sich vermutlich in ihre Zimmer verkrümelt, als Polizei und Sanitäter mit Blaulicht angerückt waren.

Pulaski ging an dem Beamten vorbei, stieß die angelehnte Tür mit dem Schuh auf, betrat den Raum und stellte den Koffer auf eine Ablagekommode. Das Bett war nicht zerwühlt, und auf dem Nachtschränkchen lagen Armbanduhr, Brieftasche und ein silbernes Smartphone.

Der Manager betrat mit der Polizistin das Zimmer. »Ich werde Sie sowas von verklagen!«

»Falls Sie noch Zeit dazu haben«, sagte Pulaski. »Denn ich hänge Ihnen Beihilfe zum Mord an, wenn Sie jetzt nicht sofort die Klappe halten und nur dann reden, wenn ich Sie etwas frage.«

Fassungslos starrte der Manager ihn durch seine dicken Brillengläser an. »Können Sie mir wenigstens die Handschellen abnehmen?«

»Nein, die bleiben dran. Ich möchte verhindern, dass Sie irrtümlich etwas anfassen. Und jetzt gehen Sie weiter!« Er schubste den Mann am Bett vorbei zum Badezimmer.

Dort lag der Tote mit nur einem grauen, eng geschnittenen Slip bekleidet auf dem Bauch. Er war vermutlich zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, hatte breite Schultern, einen muskulösen Rücken und Nacken und eine schlanke Taille.

Der Notarzt beugte sich soeben über die Leiche und untersuchte die Schere, die bis zum Anschlag im rechten Ohr des Mannes steckte. Der Tote hielt den Griff noch in der Hand. Er lag in einer großen eingetrockneten Blutlache, und auch auf dem Waschbeckenrand klebte Blut. Ein Handtuch lag auf dem Boden, was darauf schließen ließ, dass die Fliesen zum Zeitpunkt des Todes nass gewesen waren, genauso wie die Haare des Toten, die ungekämmt abstanden. Im Ausguss der Duschkabine klebten eingetrocknete Reste von Schaum und Haaren.

»Wie heißt der Gast? War er schon öfters hier? Falls ja, wann? Und mit wem?« Pulaski starrte den Manager an und wartete auf eine Antwort. »Los, Mann! Reden Sie!«

Der blickte mit blassem Gesicht auf den Toten. »Nein, der ist zum ersten Mal hier gewesen. Hat sich gestern Abend als Hannes Rossbacher eingetragen und das Zimmer für nur zwei Stunden gebucht. Nachdem er heute Morgen noch immer nicht abgereist war, hat das Zimmermädchen nachgeschaut und ihn so gefunden. Er war in Begleitung da, doch ich habe die Dame weder gestern noch heute gesehen.«

»Woher wissen Sie dann, dass es eine Dame war?«

»Ich äh … ich habe sie gehört.«

»Sie haben an der Tür gelauscht?«

»Nein! Ich war zufällig im Gang.«

»Wann?«

»Gegen einundzwanzig Uhr.«

»Haben Sie einen Blick durchs Schlüsselloch geworfen?«

»Nein, also bitte!«

»Und was haben Sie gehört?«

»Kichern und Tuscheln.«

Pulaski blickte zum Doppelbett. Das Laken war sauber, ordentlich gespannt, und weder Decke noch Kopfkissen waren zerknautscht. Anscheinend war der Mann gestorben, noch bevor er mit seiner Begleitung im Bett landen konnte. Oder sie waren im Bett gewesen und die Dame, der Mörder oder jemand anderer hatten danach das Bett gemacht. Die Frage lautete: Warum war die Begleitung geflohen? War sie mit einem anderen Mann verheiratet? Oder vielleicht eine Berühmtheit, die einen Skandal verhindern wollte?

»Gibt es eine Videoüberwachung in Ihrem Motel? Oder zumindest auf dem Parkplatz?«, fragte Pulaski. »Falls ja, wie funktioniert die, und wie kann man das Bildmaterial sichern?«

Der Manager schüttelte den Kopf.

»Was nein?«, fuhr Pulaski ihn an. »Man kann es nicht sichern?«

»Nein, wir haben keine Videoüberwachung.«

»Gut, dann brauche ich eine Namens- und Adressliste aller Gäste.« Er wandte sich an die Polizistin. »Und Sie befragen alle, die noch da sind, ob irgendjemand die Dame gesehen hat. Ich brauche Alter, Größe, Haarfarbe, Bekleidung, Aussehen und eventuellen Akzent.«

Der Manager stöhnte auf. »Können Sie das wenigstens diskret machen?«

»Dieser Todesfall war auch nicht gerade diskret«, sagte Pulaski. »Und wenn Sie sich noch einmal mit guten Ratschlägen in meine Ermittlungen einmischen, lasse ich Sie doch noch aufs Kommissariat abführen.«

Der Manager presste die Lippen aufeinander und sah der Polizistin nach, wie sie aus dem Zimmer verschwand.

Pulaski betrachtete die Ablagefläche unter dem Spiegel, wo eine offene Toilettentasche lag, in der sich Bürste, Nassrasierer, Nagelfeilen-Etui und Aftershavefläschchen befanden. Er wandte sich an den Notarzt. »Was können Sie mir sagen?«

»Der Mann ist sicher schon seit zehn Stunden tot – eher länger. Die Schere ist lang und schmal und ist tief in den Gehörgang eingedrungen.«

»Aber daran stirbt man doch nicht«, widersprach Pulaski. »Die Schere wäre am Knochen der Schädeldecke abgerutscht.« Er machte diesen Job wirklich schon zu lange.

»Die Schere ist auch nicht nach oben, sondern schräg nach unten eingedrungen. Am Knochen vorbei direkt ins Kleinhirn«, korrigierte ihn der Arzt. »Dort sitzt das Atemzentrum. Ein dummer Zufall – passiert sicher nicht oft, aber in diesem Fall ist es passiert.«

Zufall oder Absicht?, fragte sich Pulaski.

Der Arzt richtete sich auf. »Ich nehme an, er hat sich, in Vorbereitung auf sein Date, nach dem Duschen mit der Schere die Haare geschnitten, wahrscheinlich in der Nase und auch im Ohr. Dabei muss er sich zum Spiegel vorgebeugt haben, ist in der Wasserpfütze ausgerutscht, hingefallen, mit dem Kopf an den Rand des Waschbeckens geknallt und hat sich dabei die Schere in den Kopf gerammt.«

Pulaski blickte ins Waschbecken. Dort lagen kurze schwarze Haare. »Und?«, murrte er.

»Ich würde sagen ein Unfall.«

»Und die Dame?«

»Ist in Panik geraten und abgehauen.«

»Sehe ich genauso«, pflichtete der Manager dem Arzt bei. »Aber es dürfte schwierig werden, eine Personenbeschreibung zu bekommen. Wie ich schon sagte, wir sind ein diskretes Etablissement. Unsere Gäste halten sich weder in der Lobby noch auf dem Parkplatz lange auf. Außerdem haben wir auch einen Seiteneingang.«

Der Arzt nickte zustimmend.

Zwei Amateurdetektive bei der Arbeit. »Ich sage Ihnen, was mich an Ihrer grandiosen Theorie stört«, unterbrach Pulaski die beiden. »Warum sollte jemand zuerst duschen und sich danach nass rasieren und Nasen- und Ohrenhaare schneiden? Das macht man normalerweise, bevor man in die Dusche steigt oder zumindest in der Dusche.«

Die beiden schwiegen.

»Okay, noch etwas anderes herausgefunden?«, fragte Pulaski.

»Das Blut ist auffällig dunkel, fast schon schwarz«, sagte der Arzt. »Ich nehme an, der Tote hat starke Medikamente genommen. Ich tippe auf Beruhigungsmittel oder Anti-Depressiva. Auch ein Grund, warum er unkoordiniert war und ausgerutscht sein könnte.«

Ausgerutscht! Warum glauben nur alle so felsenfest daran, dass es ein Unfall gewesen ist? Pulaski dachte an das Kichern, das aus dem Zimmer gekommen war und das scheinbar unberührte Bett. Warum hatte sich der Mann die Haare ausgerechnet im Stundenhotel getrimmt? Weshalb hatte er überhaupt eine Toilettentasche dabei? Und was hatte die Frau in der Zwischenzeit gemacht? »Könnte es sein, dass das Bett nachträglich von der Dame gemacht worden ist?«

»Woher soll ich das wissen?«, fragte der Manager.

»Mensch, dann werfen Sie doch einen Blick drauf!«, fuhr Pulaski ihn an. »Ist das Laken so um die Matratze geschlagen, wie es das Zimmermädchen normalerweise macht? Sind die Kissen und Decken so angeordnet?«

Der Manager starrte zum Bett. »Ja, ich denke schon. Wir haben hier keine einheitlichen Richtlinien. Wir legen eher Wert auf …«

»Diskretion, ja, ich weiß!« Prima! Pulaski wandte sich an den Arzt. »Noch was?«

»Neben dem üblichen Kot und Urin, wenn die Muskeln erschlaffen, habe ich auch ein paar Blutstropfen seitlich in der Unterhose des Toten entdeckt.«

»Vom Sturz?«

»Nein, auf der Innenseite der Hose, und zwar im Afterbereich. Aber das ist nichts Ungewöhnliches. Durch die plötzliche schmerzhafte Anspannung des Körpers könnten innere Hämorrhoiden verletzt worden sein.«

»Und die Blutstropfen wurden vom Kot nicht überdeckt?«

»Anscheinend nicht. Vielleicht hat sich der Mann im Todeskampf gedreht.«

»Merkwürdig.« Pulaski verzog das Gesicht. »Wie auch immer, sind Sie jetzt fertig?«

Der Arzt nickte, woraufhin Pulaski die Kamera aus seinem Koffer holte und einige Bilder vom Badezimmer und der Schere im Kopf des Mannes machte. Im Fall eines Mordes oder Totschlags würde die Mordkommission die weiteren Ermittlungen leiten, aber vielleicht lag ja tatsächlich nur eine Verkettung unglücklicher Umstände vor. Jedenfalls gab es im Moment keine offensichtlichen Spuren einer fremden Gewalteinwirkung.

»Ich bin so weit. Wir können den Toten jetzt umdrehen«, sagte Pulaski, woraufhin sie die Leiche gemeinsam auf den Rücken drehten.

Pulaski hatte schon viele Tote gesehen – alte, junge, misshandelte, verstümmelte, verbrannte oder im Wasser zersetzte –, und eines fiel ihm sofort auf. »Die Totenflecken fehlen.«

Der Arzt betrachtete Brust und Bauch des Mannes. »Sie fehlen nicht«, stellte er richtig. »Sehen Sie, hier und hier. Die Leichenflecken sind da, allerdings nur sehr schwach ausgeprägt. Außerdem ist die Haut außergewöhnlich blass, aber auch das ist nichts Ungewöhnliches.«

Nun blickte Pulaski in das Gesicht des Mannes, und ein Kälteschauer lief ihm den Rücken hinunter. Fingerabdruck, Zahnschema und DNA-Vergleich konnte er sich sparen. »Ich kenne den Mann«, murmelte er. »Aber er heißt nicht Hannes Rossbacher, sondern Klaus Hinze.«

Da meldete sich der junge Polizist zu Wort, der immer noch vor der Eingangstür Wache hielt. »Ja, Hinze«, bestätigte er. »Das ist auch der Name, der im Ausweis steht.« Er nickte zum Nachtkästchen.

»Das sagen Sie mir erst jetzt?«, fuhr Pulaski ihn an. »Haben Sie die Brieftasche angefasst?«

»Nein, nur mit einem Kugelschreiber aufgeschlagen.«

Vielen Dank, wie umsichtig!

Klaus Hinze war der Vater der besten Schulfreundin von Pulaskis Tochter Jasmin. Nina. Manchmal hatte das Mädchen bei ihnen zu Hause übernachtet, dann hatte er sie von den Hinzes abgeholt und am nächsten Morgen wieder heimgebracht, bevor er in den Dienst gefahren war. Bei diesen Gelegenheiten hatte Pulaski einige Male mit Herrn Hinze gesprochen, über Fußball, seinen Job, Autos oder ihre beiden Töchter. Der Mann war nicht unfreundlich gewesen, aber immer recht kurz angebunden. Typ gestresster Manager.

Pulaski konnte sich gut daran erinnern, dass Hinze einen Honda SUV gehabt hatte. Vor allem deshalb, weil Hinze letzten Sommer drei Monate ohne Führerschein gewesen war, da er betrunken in eine Polizeikontrolle gefahren war. Pulaski hatte damals ein gutes Wort für ihn eingelegt, sonst wäre der Lappen für ganze sechs Monate weg gewesen.

Und genau so ein Wagen stand jetzt auf dem Parkplatz des Motels. Ein orangefarbener Honda SUV. Ein teurer Schlitten mit vielen Extras. Soviel Pulaski wusste, war Hinze früher IT-Chef einer Computerfirma gewesen und seit vielen Jahren Geschäftsführer der Urania GmbH, einer Online-Spiele-Firma, deren Rechenzentrum sich in Leipzig befand. Auch darüber hatten sie einmal gesprochen.

Pulaski sah durchs Fenster zu Hinzes Auto hinüber und zu seinem eigenen metallicschwarzen Skoda, auf dessen Armaturenbrett sicherheitshalber die rot-weiße Polizeikelle lag. Soeben fuhr ein Taxi über den Parkplatz und hielt vor dem Eingang des Motels.

»Der Honda auf dem Parkplatz gehört dem Toten«, sagte Pulaski zu dem Polizisten. »Stellen Sie sicher, dass niemand den Wagen anfasst. Und dann verständigen Sie die Frau des Toten. Einen Moment, ich kann Ihnen die Nummer geben …« Pulaski wollte zu seinem Handy greifen, doch der Polizist unterbrach ihn.

»Habe ich schon.«

»Wie bitte?«

Der Polizist sah noch einmal zur Kommode, wo Autoschlüssel, Handy und Brieftasche des Toten lagen. »Ich habe seine Visitenkarte in der Brieftasche gefunden und seine Frau zu Hause angerufen.«

»Was? Sie haben …?« Soeben erlosch das irisierende Blaulicht des Rettungswagens. Pulaski blickte noch einmal durchs Fenster. Die Wagentür des Taxis öffnete sich. »Haben Sie der Frau etwa gesagt, dass sie herkommen soll?«, fuhr er den Polizisten an.

»Ja, natürlich«, sagte der jetzt ein wenig verunsichert. »Das Foto im Personalausweis ist schon ziemlich alt, und ich dachte, irgendjemand muss die Leiche doch identi…«

»Haben Sie wenigstens einen Seelsorger verständigt?«

»Nein, ich dachte …«

»Mann, seien Sie still! Ich will kein Wort mehr von Ihnen hören!« Der Kerl war so dämlich, dass er eine Anleitung zum Atmen brauchte.

Pulaski sah zum Parkplatz. Ach, du Kacke!

Frau Hinze stieg – mit Stöckelschuhen, Mantel und einem Pelzkragen im Tiger-Look – soeben aus dem Taxi.