Cover

Rachel Gibson

                                                              

Frühstück
im Kornfeld



Aus dem Amerikanischen
von Elisabeth Hartmann












Inhaltsverzeichnis

Buch und Autorin
Copyright
Danksagung
1. KAPITEL - Gottes Angesicht, fotografiert in Wolken
2. KAPITEL - Blutdürstige Fledermäuse greifen ahnungslose Frau an
3. KAPITEL - Dämonische Autosirene hypnotisiert eine Stadt
4. KAPITEL - Eidechse schmeckt wie Hühnchen
5. KAPITEL - Frau feiert ihre eigene Totenwache
6. KAPITEL - Satan, fotografiert in einer Stadt in der Wildnis
7. KAPITEL - Junge baut Kartoffeln in seinen Ohren an
8. KAPITEL - Mann hypnotisiert Hühner, damit sie mehr Eier legen
9. KAPITEL - Mann geht spontan in Flammen auf
10. KAPITEL - Eichhörnchen erweist sich als Aphrodisiakum
11. KAPITEL - Aus den Fingerspitzen eines Mannes schießen Blitze
12. KAPITEL - Umweg über den Highway zur Hölle
13. KAPITEL - Engelbesuch im Traum
14. KAPITEL - Mikrofon fängt das Geräusch von brechendem Herzen auf
15. KAPITEL - Beweis: Stöße vor den Kopf verursachen Hirnschäden
16. KAPITEL - Verirrte Frau in der Wildnis gefunden

 

 

 

 

 

Voller Dankbarkeit widme ich dieses Buch
dem großen Kahuna
für seine unzähligen Recherchestunden.

1. KAPITEL

Gottes Angesicht, fotografiert in Wolken

Zwei allumfassende Wahrheiten kannte man in Gospel, Idaho. Erstens: Mit der Erschaffung des Sawtooth-Wildnisreservats hatte Gott sein Meisterstück vorgelegt. Und abgesehen von dem unglückseligen Zwischenfall im Jahre 1995 war Gospel seit jeher der Himmel auf Erden.

Zweitens – eine Wahrheit, an die man fast genauso unerbittlich glaubte wie an die erste –: Jegliche zwischen Himmel und Erde bekannte Sünde war Kaliforniens Schuld. Kalifornien wurde für alles und jedes verantwortlich gemacht, vom Ozonloch bis zu der Marihuanapflanze im Tomatenbeet der Witwe Fairfield. Schließlich hatte ihr Enkel gerade erst im vergangenen Herbst Verwandte in L. A. besucht.

Es gab noch eine dritte Wahrheit – wenngleich diese eher als unumstößliche Tatsache gehandelt wurde –: Mit jedem Sommer war damit zu rechnen, dass sich Idioten aus dem Flachland zwischen den Granitgipfeln der Sawtooth-Berge verirrten.

In diesem Sommer belief sich die Zahl der verirrten geretteten Wanderer bereits auf drei. Falls sie sich nicht erhöhte und falls noch ein weiterer Bruch und zwei weitere Fälle von Höhenkoller hinzukamen, dann würde Stanley Caldwell den Jackpot aus den Wetten über die Zahl vermisster Flachländer gewinnen. Doch Stanley war allgemein als optimistischer Spinner bekannt. Kein Mensch, nicht einmal seine Frau, die ihr Geld auf acht Vermisste und sieben Brüche gesetzt und um des Nervenkitzels wegen noch ein paar Fälle von Giftsumach draufgelegt hatte, erwartete, dass Stanley gewann.

So ziemlich jeder in der Stadt spielte mit und versuchte, die anderen zu übertrumpfen und den beträchtlichen Einsatz einzustreichen. Dank der Wette hatten die Leute aus Gospel etwas, das sie über die Gedanken ans Vieh, die Schafe und das Holzfällen hinaus beschäftigte. Sie sorgte neben den Bäume umarmenden Umweltschützern für Gesprächsstoff, gab Anlass zu Spekulationen jenseits der Frage nach dem Vater von Rita McCalls neugeborenem Jungen. Immerhin warf die Tatsache, dass Roy und Rita inzwischen schon bald drei Jahre geschieden waren, den Mann nicht gleich aus dem Rennen. Doch in erster Linie bot die Wette den Einheimischen einen harmlosen Zeitvertreib während der heißen Sommermonate, in denen sie den Touristen das Geld aus der Tasche zogen und auf den relativ ruhigen Winter warteten.

In der Bierabteilung des M&S-Supermarkts drehten sich die Gespräche um das Angeln mit Fliegen im Gegensatz zum Angeln mit Lebendködern, um die Jagd mit dem Bogen im Gegensatz zur »echten« Jagd und natürlich um den Zwölfender-Bock, den der Eigentümer des Supermarkts, Stanley, seinerzeit im Jahre 1979 geschossen hatte. Das riesige, glänzend polierte Geweih hing hinter der verbeulten Registrierkasse, wo es schon länger als zwanzig Jahre zur Schau gestellt wurde.

Drüben im Sandman-Motel an der Lakeview Street redete Ada Dover immer noch von damals, als Clint Eastwood in ihrem Haus abgestiegen war. Er war richtig freundlich gewesen und hatte sogar mit ihr gesprochen.

»Sie führen ein nettes Haus«, hatte er gesagt, und seine Stimme klang eindeutig nach Dirty Harry: Dann hatte er nach der Eismaschine gefragt und um zusätzliche Handtücher gebeten. Ada wäre um ein Haar hinter ihrem Empfangstresen tot umgefallen. Es folgten Spekulationen, ob seine Tochter mit Frances Fisher wohl in Zimmer neun gezeugt worden sein könnte oder nicht.

Die Bürger von Gospel lebten vom neuesten Klatsch. Im Friseursalon war der Sheriff von Pearl County, Dylan Taber, das beliebteste Gesprächsthema, meistens weil die Besitzerin persönlich, Dixie Howe, beim Plaudern während des Shampoonierens und Frisierens seinen Namen fallen ließ. Sie hatte ihre Angel nach ihm ausgeworfen und plante, ihn wie eine fette Forelle an Land zu ziehen.

Freilich hatte auch Paris Fernwood ihren Köder für Dylan ausgelegt, doch darüber machte sich Dixie keine Sorgen. Paris arbeitete für ihren Daddy im Cozy Corner Café, und Dixie betrachtete eine Frau, die Kaffee und Rührei servierte, nicht als Konkurrenz für eine Geschäftsfrau ihres Formats.

Noch andere Frauen wetteiferten um Dylans Gunst, zum Beispiel eine geschiedene Mutter von drei Kindern im benachbarten Bezirk und wahrscheinlich weitere, von denen Dixie nichts wusste. Doch auch deswegen zerbrach sie sich nicht den Kopf. Dylan hatte eine Zeit lang in L. A. gelebt und würde daher natürlich jemanden mit Pep und Weltgewandtheit bevorzugen. Und in Gospel fand sich keine einzige Frau mit mehr Pep als Dixie Howe.

Eine Virginia-Slim-Zigarette zwischen die Finger geklemmt, die blutroten Fingernägel blitzend im Licht, lehnte sich Dixie in einem der beiden Friseursessel aus schwarzem Vinyl zurück und wartete auf ihre für zwei Uhr angekündigte Kundin zum Schneiden und Färben.

Ein dünner Rauchfaden kräuselte sich von ihren Lippen, während sie an ihr Lieblingsthema dachte. Es ging nicht nur darum, dass Dylan der einzige heiratsfähige Mann über fünfundzwanzig und unter fünfzig Jahren im Umkreis von siebzig Meilen war. Nein, er hatte auch so eine gewisse Art, eine Frau anzusehen. Er legte dann kaum merklich den Kopf in den Nacken und blickte sie aus seinen tiefgrünen Augen an, sodass es bei ihr an ganz gewissen Stellen zu kribbeln begann. Und wenn seine Lippen sich langsam zu einem freundlichen Lächeln bogen, dann war es ganz aus.

Dylan hatte noch nie einen Fuß in den Friseursalon gesetzt, sondern fuhr lieber den ganzen Weg bis nach Sun Valley, um sich die Haare schneiden zu lassen. Das nahm Dixie nicht persönlich. Manche Männer genierten sich eben, einen so schicken Salon wie den ihren wegen eines Fasson-Schnitts aufzusuchen. Aber liebend gern wäre sie einmal mit den Fingern durch sein dichtes Haar gefahren. Liebend gern hätte sie ihn mit Händen und Mund überall gestreichelt. Wenn sie den Sheriff erst einmal in ihrem Bett hatte, würde er bestimmt nicht wieder gehen wollen. Man hatte ihr schon versichert, sie wäre die beste Nummer diesseits der kontinentalen Wasserscheide. Sie glaubte es, und es war an der Zeit, dass sie auch aus Dylan einen Gläubigen machte. Es war an der Zeit, dass er seinen großen, durchtrainierten Körper für etwas anderes benutzte als zum Schlichten von Schlägereien in der Buckhorn-Bar.

In Dixies Zukunftsplänen gab es nur eine einzige potenzielle kleine Gewitterwolke, und das war Dylans siebenjähriger Sohn. Der Kleine mochte Dixie nicht. Kinder mochten sie grundsätzlich nicht. Vielleicht, weil sie sie für eine Landplage hielt. Aber mit Adam Taber hatte sie sich wahrhaftig Mühe gegeben. Einmal hatte sie ihm ein Päckchen Kaugummi gekauft. Er hatte sich bedankt, etwa zehn Streifen in den Mund geschoben und sie dann nicht mehr beachtet. Wogegen weiter gar nichts einzuwenden gewesen wäre, hätte er sich nicht mit seinem mageren Hinterteil auf das Sofa zwischen sie und seinen Daddy gedrängt.

Doch wegen Adam machte Dixie sich auch keine Sorgen. Sie hatte einen neuen Plan. Am Morgen hatte sie von Dylans Sekretärin Hazel erfahren, dass er seinem Sohn einen jungen Hund gekauft hatte. Dixie plante, nach Ladenschluss nach Hause zu gehen und ihre augenfälligsten Vorzüge in ein knappes Oberteil zu zwängen. Dann würde sie mit einem großen, saftigen Knochen für den neuen Hund vorbeikommen. Damit musste sie den Kleinen doch endlich gewinnen. Genauso, wie sie mit ihrer Körbchengröße DD endlich den Daddy gewinnen musste. Falls Dylan nichts merkte und nicht nahm, was sie ihm offerierte, dann war er eindeutig schwul.

Natürlich wusste sie, dass er nie im Leben schwul war. Damals in der High School war Dylan Taber ein wilder Draufgänger gewesen, hatte mit seinem schwarzen Dodge Ram, eine Hand am Steuer, die andere auf dem Oberschenkel irgendeines glücklichen Mädchens, die Straßen von Gospel unsicher gemacht. Meistens, wenn auch nicht immer, war Dixies ältere Schwester Kim dieses glückliche Mädchen gewesen. Dylan und Kim hatten nach Dixies Einschätzung eine echte heiß-kalte Beziehung. Entweder loderte es zwischen ihnen, oder es war eisig. Dazwischen gab es nichts. Und wenn es gerade mal loderte, dann heizte es Kims Zimmer zu höllischen Temperaturen auf. Damals hatte Dixies Mutter den Großteil ihrer Zeit in einer der Bars am Ort verbracht, und Kim hatte ihre Abwesenheit schamlos ausgenutzt – was nicht heißt, dass ihre Mutter es gemerkt hätte, wenn sie zu Hause gewesen wäre. Vor ihrer »Wiedergeburt« hatte Lilly Howe die meiste Zeit mit Trinken, Betrunkensein oder im Koma zugebracht.

Zwar war Dixie zu jener Zeit erst elf Jahre alt, doch sie wusste wohl, was die Geräusche auf der anderen Seite ihrer Schlafzimmerwand zu bedeuten hatten. Das schwere Atmen, das tiefe kehlige Stöhnen, die lustvollen Seufzer. Mit elf wusste sie längst genug über Sex, um sich vorstellen zu können, was ihre Schwester trieb. Doch es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis sie zu würdigen wusste, wie lange die beiden die Sprungfedern zum Quietschen brachten.

Dylan war siebenunddreißig, Sheriff von Pearl County und Vater eines siebenjährigen Jungen. Er war angesehen, doch Dixie hätte ihre letzte Flasche Blondtönung darauf verwettet, dass er unter seiner Uniform draufgängerischer war denn je. Dylan Taber war inzwischen eine Respektsperson in der Gemeinde, und den Gerüchten zufolge, die in der Stadt kursierten, hatte er auch dort, wo es zählte, Respektables aufzuweisen. Es war an der Zeit, dass Dixie sich selbst davon überzeugte.

Während Dixie Pläne schmiedete, zog das Objekt ihrer Begierde sich den schwarzen Stetson tief in die Stirn und trat hinaus auf die verzogene Veranda vor dem Büro des Sheriffs. Vom schwarzen Asphalt und den Motorhauben der zu beiden Seiten längs der Main Street geparkten Autos stieg wellenförmig Hitze auf. Der Geruch füllte seine Nase.

»Die Wanderer wurden zuletzt auf halber Höhe vom Mount Regan gesehen«, informierte Dylan seinen Stellvertreter, Deputy Lewis Plummer, als sie zum Wagen des Sheriffs, einem braun-weißen Blazer, gingen. »Doktor Leslie ist schon auf dem Weg hinauf, und ich habe Parker angefunkt, dass er mit den Pferden am Basislager zu uns stoßen soll.«

»Ich habe nicht die geringste Lust, den Tag mit einem Marsch in die Wildnis zu verbringen«, nörgelte Lewis. »Es ist viel zu heiß, verdammt noch mal.«

Gewöhnlich störte es Dylan nicht, wenn er helfen musste, verirrte Rucksacktouristen zu suchen. So kam er aus dem Büro heraus und weg von dem verhassten Papierkram. Aber Adams Hund hatte ihn fast die ganze Nacht nicht schlafen lassen, und daher freute er sich nicht unbedingt auf einen Aufstieg auf über zweitausendsiebenhundert Meter. Er ging zur Beifahrertür des Blazer und schob eine Hand in die Tasche seiner braunen Hose, entnahm ihr den »coolen« Stein, den Adam ihm am Morgen geschenkt hatte, und steckte ihn in die Brusttasche. Es war noch nicht einmal Mittag, und trotzdem klebte ihm das baumwollene Uniformhemd schon am Rücken. Scheiße.

»Was zum Teufel ist das?«

Dylan sah Lewis über das Dach des Chevy hinweg an, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den silbernen Sportwagen, der auf sie zukam.

»Der muss kurz vor Sun Valley falsch abgebogen sein«, vermutete Lewis. »Hat sich bestimmt verfahren.«

In Gospel, wo die Farbe eines Männernackens vorzugsweise rot ist und wo Pick-ups und Nutzfahrzeuge die Straßen beherrschten, war ein Porsche etwa genauso unauffällig wie eine Demo für die Rechte der Schwulen vor dem Himmelstor.

»Wenn er sich verfahren hat, wird ihm schon jemand Bescheid sagen«, bemerkte Dylan, schob erneut die Hand in die Hosentasche und zog dieses Mal seine Schlüssel heraus. »Früher oder später«, fügte er hinzu. In dem Urlaubsort Sun Valley war ein Porsche kein so seltener Anblick, doch hier in der Wildnis war er schon verdammt ungewöhnlich. In Gospel waren manche Straßen nicht einmal gepflastert. Und von diesen Straßen wiesen einige zudem noch Schlaglöcher auf, die so groß wie ein Basketball waren. Wenn dieser kleine Wagen sich einen falschen Schlenker erlaubte, konnte es ihn durchaus die Ölwanne oder eine Achse kosten.

Der Wagen rollte langsam vorüber, die getönten Scheiben verbargen die Insassen. Dylan senkte den Blick zu den reflektierenden Kennzeichen, bestehend aus sieben Buchstaben: MZBHAVN. Miz Behaving – Miss Anständig. Als wäre das noch nicht schlimm genug, wies das Schild am oberen Rand auch noch in roter Farbe, grell wie eine Neonreklame, das Wort »Kalifornien« auf. Dylan hoffte von Herzen, der Wagen würde eine verbotene Kehrtwende machen und die Stadt auf schnellstem Wege wieder verlassen.

Stattdessen wurde der Porsche vor dem Blazer eingeparkt, der Motor abgeschaltet. Die Fahrertür öffnete sich. Ein türkisfarbener Tony-Lama-Stiefel mit silberner Spitze traf aufs Pflaster, ein schlanker nackter Arm hob sich zum oberen Türrahmen. Das Licht fing sich glitzernd auf einer schmalen goldenen Uhr an einem grazilen Handgelenk. Und dann stand Miss Anständig vor ihnen und sah aus, als wäre sie soeben einem Hochglanzmagazin für Schönheitstipps entstiegen.

»Heilige Scheiße«, bemerkte Lewis.

In ihrem glatten blonden Haar schimmerte das Sonnenlicht so golden wie auf ihrer Uhr. Von einem Seitenscheitel aus fiel das glänzende Haar ohne eine Spur von widerspenstigen Locken oder Wellen auf ihre Schultern. Die Spitzen waren so gerade, als wären sie mit der Wasserwaage geschnitten worden. Eine schwarze Sonnenbrille verbarg die Augen, nicht aber die Bögen ihrer blonden Brauen und ihre glatte, makellose Haut.

Die Autotür schlug zu, und Dylan sah Miss Anständig auf sich zukommen. Diese vollen Lippen waren schlicht unmöglich zu übersehen. Ihr glänzender roter Mund zog seine Aufmerksamkeit auf sich wie die leuchtendste Blume im Garten Schwärme von Bienen, und er fragte sich, ob sie ihre Lippen wohl hatte unterspritzen lassen.

Als Dylan Julie, die Mutter seines Sohnes, zum letzten Mal gesehen hatte, hatte sie der Natur gerade nachgeholfen, und ihre Lippen hatten irgendwie unbeteiligt auf ihrem Gesicht aufgelegen, wenn sie sprach. Richtig unheimlich.

Selbst wenn er nicht das kalifornische Autokennzeichen dieser Frau gesehen hätte und wenn sie noch dazu in einen Kartoffelsack gekleidet gewesen wäre, hätte er doch gewusst, dass sie der mondäne Typ war. Er erkannte es an der Art, wie sie sich bewegte, selbstbewusst, zielstrebig und eilig. Mondäne Großstadtfrauen hatten es immer so eilig. Sie sah aus, als gehörte sie auf den Rodeo Drive, aber doch nie im Leben in die Wildnis von Idaho. Ein weißes Stretch-Top bedeckte die vollen Rundungen ihres Busens, und ihre Jeans klebten an ihr wie Frischhaltefolie.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie und blieb neben der Motorhaube des Blazer stehen. »Ich dachte, Sie könnten mir vielleicht helfen.« Ihre Stimme war glatt wie alles an ihr, klang aber ausgesprochen gereizt.

»Haben Sie sich verfahren, Madam?«, fragte Lewis.

Sie stieß den Atem aus mit diesen tiefroten Lippen, die bei näherer Betrachtung jedoch völlig natürlich erschienen. »Ich suche die Timberline Road.«

Dylan tippte mit dem Zeigefinger an seinen Hut und schob ihn höher in die Stirn. »Sind Sie mit Shelly Aberdeen befreundet?«

»Nein.«

»Nun ja, außer Shelly und Paul Aberdeens Haus gibt es nichts an der Timberline.« Er zog seine verspiegelte Sonnenbrille aus der Brusttasche und setzte sie auf. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust, verlagerte sein Gewicht auf einen Fuß, ließ den Blick ihren schlanken Hals entlang bis zu ihren vollen, runden Brüsten wandern und lächelte. Sehr hübsch.

»Sind Sie sicher?«, fragte sie.

Ob er sicher war? Paul und Shelly wohnten seit ihrer Hochzeit vor etwa achtzehn Jahren dort in ihrem Haus. Er lachte leise und blickte wieder auf in ihr Gesicht. »Ziemlich sicher. Ich war heute Morgen noch bei ihnen, Madam.«

»Man hat mir gesagt, Haus Nummer zwei Timberline läge an der Timberline Road.«

»Sind Sie da ganz sicher?«, fragte Lewis und warf Dylan einen Blick zu.

»Ja«, antwortete die Frau. »Ich habe die Schlüssel beim Makler in Sun Valley abgeholt, und der hat mir diese Adresse genannt.«

Allein die Erwähnung des Hauses beschwor bei den Bewohnern von Gospel grausige Erinnerungen herauf. Dylan hatte gehört, dass das Haus endlich an einen Immobilienmakler verkauft worden war, und offenbar hatte die Firma jetzt ein Opfer gefunden.

»Und Sie wollen wirklich zu Timberline Nummer zwei?«, vergewisserte sich Lewis und wandte sich wieder der Frau zu. »Da haben früher die Donnellys gewohnt.«

»Ganz recht. Ich habe es für das kommende halbe Jahr gemietet.«

Dylan zog sich den Hut wieder tiefer in die Stirn. »Dort hat seit einiger Zeit niemand mehr gewohnt.«

»Tatsächlich? Davon hat der Makler kein Wort gesagt. Wie lange steht es schon leer?«

Lewis Plummer war ein Kavalier von altem Schrot und Korn und zählte zu den wenigen in der Stadt, die Flachländern gegenüber nicht schamlos schwindelten. Außerdem war Lewis in Gospel geboren und aufgewachsen, und hier galten Ausflüchte als Kunst. Er hob die Schultern. »Ein, zwei Jahre.«

»Ach, ein, zwei Jahre, das ist nicht so schlimm, wenn das Haus in Stand gehalten wurde.«

In Stand gehalten, Teufel auch. Als Dylan das letzte Mal das Haus der Donnellys betreten hatte, lag überall fingerdicker Staub – selbst auf dem Blutfleck im Wohnzimmer. Miss Anständig stand ein gehöriger Schock bevor.

»Bleibe ich einfach auf dieser Straße?« Sie drehte sich um und deutete die Main Street entlang, die den natürlichen Kurven der Uferlinie des Gospel-Sees folgte. Sie trug diesen zweifarbigen französischen Nagellack, den Dylan schon immer irgendwie sexy fand.

»Ja«, antwortete er. Hinter seiner verspiegelten Sonnenbrille folgte sein Blick den natürlichen Kurven ihrer schlanken Hüften und Schenkel, glitt an ihren langen Beinen hinab bis zu den Füßen. Ein Mundwinkel zuckte, und Dylan kämpfte gegen den Drang, laut über die auf ihre Stiefel mit den silbernen Spitzen gemalten Pfauen zu lachen. Derartiges hatte er bisher höchstens mal an einer Rodeo-Tunte gesehen. »Fahren Sie etwa vier Meilen weiter, bis Sie zu einem großen weißen Haus mit Blumenkästen voller Petunien und einem Schaukelgerüst im Garten kommen.«

»Ich liebe Petunien.«

»Aha. Bei dem Haus mit den Petunien biegen Sie links ab. Das Haus der Donnellys liegt gegenüber auf der anderen Straßenseite. Sie können es gar nicht verfehlen.«

»Man sagte mir, das Haus sei grau und braun. Stimmt das?«

»Ja, so würde ich es auch beschreiben. Was meinst du, Lewis?«

»Ja. Es ist braun und grau, genau.«

»Schön. Danke für Ihre Hilfe.« Sie wandte sich zum Gehen, doch Dylans nächste Frage hielt sie zurück.

»Keine Ursache, Ms. –?«

Sie sah ihn lange an, bevor sie antwortete: »Spencer.«

»Willkommen in Gospel, Ms. Spencer. Ich bin Sheriff Taber, und das ist Deputy Plummer.« Sie sagte nichts darauf, und er fragte: »Was wollen Sie da draußen an der Timberline Road?« Nach Dylans Meinung hatte jeder Mensch Anspruch auf seine Privatsphäre, ebenso gut aber auch das Recht zu fragen.

»Nichts.«

»Sie mieten ein Haus für ein halbes Jahr und haben keinerlei Pläne?«

»Ganz recht. Gospel erschien mir als der richtige Ort für einen schönen Urlaub.«

Dylan hegte gewisse Zweifel an der Aufrichtigkeit ihrer Antwort. Frauen, die flotte Sportwagen fuhren und Designer-Jeans trugen, verbrachten ihren Urlaub in »netten« Ferienorten mit Zimmerservice und Animateuren, zum Beispiel im Club Med, aber nicht in der Wildnis von Idaho. Zum Kuckuck, das Einzige, was in Gospel entfernte Ähnlichkeit mit Erholungseinrichtungen hatte, war Petermans Whirlpool.

»Hat der Makler was über den alten Sheriff Donnelly verlauten lassen?«, fragte Lewis.

»Über wen?« Sie zog die Brauen zusammen, sodass sie unter ihrer Sonnenbrille verschwanden. Ungeduldig schlug sie sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und sagte: »Also, vielen Dank für Ihre Hilfe, meine Herren.« Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und marschierte zurück zu ihrem Porsche.

»Glaubst du der?«, wollte Lewis wissen.

»Dass sie hier Urlaub macht?« Dylan zuckte mit den Achseln. Ihm war es gleich, was sie tat, solange sie keinen Ärger machte.

»Sie sieht nicht aus wie eine Rucksacktouristin.«

Dylans Blick heftete sich auf ihr Hinterteil in den engen Jeans. »Oh, nein.« Das Dumme an jeder Art von Ärger war, dass er sich früher oder später eben doch einstellte. Kein Grund, ihn zu suchen, wenn man Besseres zu tun hatte.

»Möchte wissen, warum eine Frau wie die den alten Kasten mietet«, sagte Lewis, als Ms. Spencer die Wagentür öffnete und einstieg. »So was wie die hab ich lange nicht gesehen. Vielleicht noch nie.«

»Du kommst nicht genug aus Pearl County raus.« Dylan setzte sich hinters Steuer des Blazer und schlug die Tür zu. Dann schob er den Schlüssel ins Zündschloss und blickte dem davonfahrenden Porsche nach.

»Hast du dir diese Tony-Lama-Stiefel mal genau angesehen?«, fragte Lewis und ließ sich auf dem Beifahrersitz nieder.

»Die waren nicht zu übersehen.« Als Lewis die Tür geschlossen hatte, ließ Dylan den Motor an und fuhr los. »Sie hält’s dort keine sechs Minuten aus, geschweige denn sechs Monate.«

»Wollen wir wetten?«

»So blöd bist nicht mal du, Lewis.« Dylan riss das Steuer herum und folgte der Straße stadtauswärts. »Wenn sie das alte Donnelly-Haus sieht, hält sie gar nicht erst an, sondern fährt gleich weiter.«

»Mag sein, aber ich hab ’nen Zehner in der Brieftasche, und der sagt, sie bleibt eine Woche.«

Dylan dachte daran, wie Miss Anständig auf ihn zugekommen war: glatt, glänzend und kostspielig. »Ich setze dagegen, alter Freund.«