Über dieses Buch:
Es ist nie zu spät, seinem Leben frischen Schwung zu geben – schließlich ist Juliane Knop noch nicht einmal 100 Jahre alt, sondern erst knackige 97! Bisher hat sie immer alles getan, was die anderen von ihr erwartet haben: Viel zu früh geheiratet, Kinder großgezogen, den Bauernhof versorgt und ihrem Mann den Allerwertesten hinterhergetragen. Als Heiner nun zum 80. Mal den Hochzeitstag vergisst und ihr auch schon dezent ergrauter Nachwuchs beginnt, mit Adleraugen das künftige Erbe zu sichten, reicht es Juliane: Sie will Misthaufen und Hühnerschar gegen Großstadtflair und Abenteuer tauschen! Und wenn sie dafür erst einmal ihren eigenen Tod vortäuschen muss? Nun, warum eigentlich nicht …
Keine Chance für schlechte Laune: »Umwerfend ist, wie die Bestsellerautorin ihre Protagonisten in extreme Situationen bringt. So passiert es im neuen Buch einer 97-jährigen, die noch lange nicht zum alten Eisen gehört und radikal in ein neues Leben aufbricht. Zum Brüllen!« WOMAN
Über die Autorin:
Steffi von Wolff, geboren 1966 in Hessen, war Reporterin, Redakteurin und Moderatorin bei verschiedenen Radiosendern. Heute arbeitet sie freiberuflich für Zeitungen und Magazine wie »Bild am Sonntag« und »Brigitte«, ist als Roman- und Sachbuch-Autorin erfolgreich und wird von vielen Fans als »Comedyqueen« gefeiert. Steffi von Wolff lebt mit ihrem Mann in Hamburg.
Die Autorin im Internet: www.steffivonwolff.de und www.facebook.com/steffivonwolff.autorin
Steffi von Wolff veröffentlichte bei dotbooks bereits ihre Bestseller »Glitzerbarbie«, »Gruppen-Ex« und »ReeperWahn«, »Fräulein Cosima erlebt ein Wunder«, »Das kleine Segelboot des Glücks«, »Der kleine Buchclub der Träume«, »Das kleine Hotel an der Nordsee«, »Das kleine Haus am Ende der Welt« und »Das kleine Appartement des Glücks« sowie die Kurzgeschichten-Sammelbände »Das kleine Liebeschaos für Glückssucher« und »Das kleine Glück im Weihnachtstrubel«. Eine andere Seite ihres Könnens zeigt Steffi von Wolff unter ihrem Pseudonym Rebecca Stephan im ebenso einfühlsamen wie bewegenden Roman »Zwei halbe Leben«.
***
eBook-Neuausgabe Februar 2022
Copyright © der Originalausgabe 2008 Fischer Taschenbuch Verlag, ein Unternehmen der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, Memmingen, unter Verwendung verschiedener Bildmotive von shutterstock/Vectors bySkop, TheVector, Alpha C
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)
ISBN 978-3-98690-282-7
***
Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: info@dotbooks.de. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags
***
Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter.html (Unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)
***
Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Rostfrei« an: lesetipp@dotbooks.de (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)
***
Besuchen Sie uns im Internet:
www.dotbooks.de
www.facebook.com/dotbooks
www.instagram.com/dotbooks
blog.dotbooks.de/
Steffi von Wolff
Rostfrei
Roman
dotbooks.
Für ein Grinschen
Unsere Lebenserwartung wird auch in Zukunft weiter steigen. Was auf den ersten Blick ein Segen ist, bringt aber auch viele Probleme und Fragen mit sich. Denn mit zunehmendem Alter lässt die körperliche Leistungsfähigkeit spürbar nach. Plötzlich werden die alltäglichen Wege mehr und mehr zu einem Problem. Oder sie führen gar zu schmerzhaften und folgenschweren Stürzen und Unfällen. Vor allem Treppen werden zu einem gefährlichen Unfallort in den eigenen vier Wänden. Mit einem Lifta-Treppenlift bleiben Sie in Ihrem gewohnten Umfeld mobil. Bequem, zuverlässig und vor allem sicher. Teure und aufwendige Umbauten oder gar ein Umzug in ein Pflegeheim lassen sich durch einen Lifta in vielen Fällen vermeiden.
www.lifta.at
***
Es ist nicht so, dass ich mich alt fühle. Nein, das habe ich jetzt falsch ausgedrückt. Ich wollte sagen, ich fühle mich nicht immer alt. Jedenfalls fühle ich mich noch jung genug, um meiner Tochter einen original verpackten Treppenlift: gegen den Kopf zu schleudern, was ich natürlich nicht mache. Aber ich ärgere mich maßlos.
Ich bin siebenundneunzig Jahre alt und gehöre noch lange nicht zum alten Eisen, auch wenn man das in meinem Alter annehmen könnte. Ich bin ein reinlicher Mensch, der sich ohne fremde Hilfe säubern kann. Ich bin agil. Und nein, ich brauche keinen Treppenlift. Ich habe mir auch nie einen Treppenlift gewünscht. Ich mag keine Treppenlifte. Ich hasse solche Sachen. So etwas kommt mir gar nicht erst ins Haus. Niemals. Obwohl ich eine sehr fortschrittliche Frau bin. Ich bestehe nicht darauf, mit einer Kutsche zum Einkaufen zu fahren, sondern nehme den Bus oder mein altes Fahrrad. Einen Führerschein habe ich leider nicht, was eventuell daran liegen könnte, dass mein Mann Heiner immer meinte, ich bräuchte keinen.
»Gefällt er dir, Muddern?«, fragt mich Eleonore, die mit ihren achtzig Jahren auch mal ein wenig auf ihre Figur achten könnte. Im Alter sollte man sich nicht gehen lassen. Ich starre meine Tochter an und wünsche mir zum ersten Mal in meinem Leben, langsam zu erblinden. Wenn jemand einen Treppenlift braucht, dann Eleonore. Sie kann sich mit ihren hundertfünfzig Kilo kaum länger als zwei Minuten am Stück auf den Beinen halten, was bestimmt auch an ihren schmerzenden Krampfadern, auf jeden Fall jedoch an ihrem Gewicht liegt. Eleonore war nie eine wirkliche Schönheit. Keines meiner Kinder hätte einen Modelwettbewerb gewonnen, was vielleicht daran liegt, dass es vor sechzig, siebzig Jahren noch keine Modelwettbewerbe gab. Nur die Wahl zur Miss Germany.
Ich schaue mir meine Kinder nacheinander an und schüttele unmerklich den Kopf. Es ist Montag, der 12. Mai. Mein siebenundneunzigster Geburtstag. Und hier hocken sie alle, tun so, als würden sie sich mit mir freuen – darüber, dass es mir gesundheitlich gutgeht, doch würde ich jetzt tot umfallen, wäre die Trauer um eine Kuh, die einen Milchstau hat, mit Sicherheit größer. Mein Gatte Heiner, nein, kein Göttergatte, würde sich – wie immer, wenn es um Geld geht – hinterm Ohr kratzen und überlegen, wie er das ganze Angesparte nun alleine durchbringt. Meine neun Kinder würden aufspringen, frohlocken und schon mal ihre Portemonnaies hervorholen. Die Reste der von mir gebackenen Kuchen würden sie einpacken und mitnehmen. Damit nichts umkommt.
»Am Kuchen fehlt Zucker.« Mein Sohn Edgar, mit 67 der Jüngste, schaut mich anklagend an.
Ich blicke aus dem Fenster, in die schöne Landschaft von Schleswig-Holstein, über die Wiesen und Felder und Äcker, die mir Zeit meines Lebens von frühmorgens bis spätabends Arbeit und Ärger beschert haben. Wenn ich meinen Tagesablauf beschreiben müsste, könnte ich ganze Wälder abholzen und zu Papier verarbeiten, es würde immer noch nicht genügen. Das Wort »Ausschlafen« ist mir genauso fremd wie das Wort »Feierabend«. Ein Wochenende hatte ich zeitlebens nicht. Ich schufte wie ein Ackergaul, seit ich nur denken kann. Andere Frauen gehen mit dreiundsechzig Jahren in Rente, ich habe mit dreiundsechzig Jahren fast eigenhändig den Kuhstall renoviert und das Dach der Scheune ausgebessert. Unter anderem.
Wir wohnen in Groß Vollstedt. Das ist ein kleines Kaff im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Die gut tausend Einwohner kenne ich durch die Bank mit Namen. Die Jüngeren ziehen weg, sobald sie können, die meisten jedenfalls, aber die Alten, die bleiben. Mit dem Treppenlift kommt man ja auch nicht weit. Auch wenn sie tot sind, bleiben sie, dann liegen sie eben hier auf unserem kleinen Friedhof, und wenn die Kränze und Blumengebinde verwelkt sind, der Sarg sich abgesetzt hat und das Holzkreuz durch einen Marmorstein ersetzt wurde, geraten sie langsam, aber sicher in Vergessenheit. Die Vorstellung, in einer kalten Holzkiste vor mich hinzumodern und als einzige Gesprächspartner Würmer und andere Tiere zu haben, macht mich nicht besonders glücklich. Aber noch ist Zeit.
»Am Kuchen fehlt kein Zucker«, weise ich mein 67-jähriges Nesthäkchen zurecht, das meine Worte ignoriert und beleidigt auf den Boden stiert. Edgar lebt immer noch bei uns, und immer noch wasche ich seine Wäsche, bügle seine Hemden, beziehe sein Bett und wische den Boden seines Zimmers, das immer noch so aussieht, als würde ein Zehnjähriger es bewohnen. Warum Edgar nicht heiraten und eine Familie gründen wollte, das weiß der Kuckuck. Vielleicht ist er klüger, als ich denke, und hat sich innerlich einen Vogel gezeigt, frei nach dem Motto: »Wenn ich mir meine Eltern ansehe, weiß ich, welchen Fehler ich nicht machen werde.«
Eigentlich hat er ja recht. Und ich bin ja noch fit. Ich kann noch sein Zimmer putzen.
Eleonore hat wieder das Wort: »Ja, freust du dich denn nicht?«, will sie wissen.
Ich mache ein freundliches Gesicht und hoffe, dass sie nicht merkt, dass es ein aufgesetzt freundliches Gesicht ist. »Sicher, vielen Dank.« Bevor ich mich in diesen Lifta-Treppenlift setze, reiße ich eher das obere Stockwerk ab. Mir wäre ein Bungalow sowieso immer lieber gewesen. Seitdem es Bungalows gibt, hätte ich gern in einem gewohnt.
Aber ich wurde nie gefragt.
Mein Name ist Juliane Knop. Nein, nicht Julchen. Juliane. Juliane Pauline Johanna, um ganz genau zu sein. Ich bin nicht groß, sondern klein, ich messe einen Meter achtundfünfzig, um genau zu sein, früher war ich mal etwas größer, aber mit den Jahren bin ich geschrumpft. Ich habe wache, dunkle Augen, wobei ich den Ausdruck »wach« gar nicht mag, aber von meinen Augen wird nun mal behauptet, sie seien »wach«. Meine Statur könnte man als drahtig bezeichnen. Ich konnte immer essen, was ich wollte, ich habe niemals zugenommen. Ich habe auch immer viel gearbeitet. Meine Haare sind schneeweiß, und ich trage Wasserwelle. Und eine Brille, denn ich bin kurzsichtig. Meistens habe ich Arbeitshosen und Pullover an, aber wenn ich mal weggehe, ziehe ich ein Kostüm an, natürlich auch Nylonstrumpfhosen. Und immer trage ich dann halbhohe Schuhe. Auf dem Hof trage ich meist Gummistiefel.
Und heute bin ich siebenundneunzig geworden.
Verheiratet bin ich mit Heiner. Seit achtzig Jahren. Seit achtzig Jahren vergisst Heiner unseren Hochzeitstag, und seit achtzig Jahren gratuliert mir Heiner nicht zum Geburtstag. Er würde den nämlich auch vergessen, wenn die Kinder nicht scharenweise mit unseren Enkeln und Urenkeln aufkreuzen würden – natürlich nur, um mal nachzuschauen, wie lange es noch dauert, bis ich keuchend vor ihnen liege und auf meine Letzte Ölung warte.
Ich mag meine Familie nicht wirklich. Mein Leben lang habe ich mich für sie abgerackert, und keiner von ihnen hat es jemals gemerkt oder zu würdigen gewusst. Immer war alles, was ich tat, selbstverständlich. Bekam ich ein Kind, war ich am nächsten Tag wieder auf den Beinen und habe gearbeitet. Ich habe gekocht, gebacken, gebraten und im Stall geschuftet und musste um jede Hilfe betteln. Sie sind alle undankbar. Sie haben sich über mich lustig gemacht und mich nie ernst genommen, was bestimmt auch an meinem Mann Heiner liegt, der ihnen immer vorgelebt hat, dass man mich wie ein Stück Dreck behandeln darf.
Ja, Heiner.
Heiner nennt mich seit dem Tag unserer Hochzeit »Muddel«. Damals war ich siebzehn. Mit siebzehn »Muddel« genannt zu werden, kann ganz schön belastend sein. Er ist etwas größer als ich und viel dicker, fast schon bullig, würde ich sagen, und er hat breite Schultern, aber fast keinen Hals; auf seinem Kopf befinden sich kaum noch Haare, seine Lippen sind schmal; aber am schrecklichsten sind seine listigen Augen. Ich konnte Heiners Augen noch nie leiden.
Von oben ertönt ein Bummern. Erst leise, dann lauter und noch lauter und dann so laut, dass die Lampe wackelt und ein klein wenig Putz aus der Öffnung rieselt, in der die Lampe verankert ist.
Elise. Meine Mutter. Meine Mutter ist mit einhundertfünfzehn Jahren die älteste Einwohnerin Schleswig-Holsteins und wahrscheinlich auch die älteste Einwohnerin von ganz Deutschland, wenn nicht der ganzen Welt. Elise mag nicht sterben. »Hier hab ich’s doch guuud«, pflegt sie in gepflegtem Holsteiner Dialekt von sich zu geben, um sich dann wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung zu widmen: dem Essen. Das Problem meiner Mutter ist, dass sie immer essen muss. Im Zweiten Weltkrieg war sie eine Zeitlang verschüttet, eben ohne etwas zu essen, und als sie nicht mehr verschüttet war, dachte sie wahrscheinlich, dass sie jetzt alles wieder gutmachen muss, sprich, sie isst den ganzen Tag lang. Schon zwei ihrer Hörgeräte hat sie angenagt, eines sogar heruntergeschluckt, und ich weiß nicht, wohin das alles noch fuhren soll. Die Krankenkasse macht das bestimmt nicht mehr lange mit. Schon dreimal musste ich mich mit Sachbearbeitern der Barmer herumschlagen, die mich, wie sich während der Gespräche herausstellte, für nicht mehr ganz zurechnungsfähig hielten.
Elise lässt diesbezüglich auch nicht mit sich diskutieren, was vielleicht auch daran liegt, dass sie ihr Hörgerät, wenn sie es mal nicht gerade gegessen oder angenagt hat, nie anschaltet. »Dat well ich nich«, pflegt sie zu sagen, und jeder Widerspruch ist zwecklos. Sie hört es ja doch nicht. Weil sie es nicht hören will.
Meine Mutter war schon immer eine eigenwillige Person. Kaiser Wilhelm fand sie überflüssig. »Kosset alles unser Gäld, Kaiserkram da. Brauch kein Mensch nich!«
Hitler hat sie mal persönlich kennengelernt, als er auf einer Rundreise durch Schleswig-Holstein in Rendsburg Station machte. Diese Geschichte erzählt sie immer wieder gern, und von Mal zu Mal wird die Geschichte schlimmer. Ursprünglich war es so, dass das Auto von Hitler mit dem rechten Hinterrad auf Elises Fuß geparkt hatte. Elise schrie natürlich auf, der Wagen fuhr ein Stück weiter, sodass er nicht mehr auf ihrem Fuß parkte, und ein Mitarbeiter von Hitler hat sich freundlich bei meiner Mutter entschuldigt und ihr noch angeboten, sie nach Hause zu fahren, sollte sie mit dem angeparkten Fuß die Strecke allein nicht bewältigen können. Das war alles.
Zu allen möglichen Gelegenheiten holt Mutter diese Geschichte wieder raus. Auch gern an ihren eigenen Geburtstagen oder an Weihnachten. Dann sitzen hier der Bürgermeister, der Ortspfarrer, freiwillige Helfer des Roten Kreuzes und der Landfrauenverein, alle mit einem Lächeln, das einer Gesichtslähmung gleicht, und müssen sich teilweise zum fünfzigsten Mal anhören, wie Mutter Hitler aufs Maul gehauen, ihm seine Abzeichen abgerissen und das Auto damit zerkratzt hat. Wenn sie besonders gut drauf ist, tauchen auch noch ein orientierungsloser Göring und/ oder Goebbels auf. Ach so, Eva Braun spielt auch manchmal mit. Die stützt Mutter in der Geschichte, funkelt die anderen mit blitzenden Augen und Wasserwelle an und führt Elise in ein Café, wo sie ihr heiße Trinkschokolade bestellt und sich über ihren Lebensgefährten Adolf auslässt, der seine Fußhornhaut grundsätzlich beim Mittagessen abschält.
Ich wünsche mir oft, dass Mutter sich ändert, aber darauf kann ich warten, bis ich schwarz werde. Andererseits gefällt mir ihre direkte Art auch irgendwie. Schade, dass ich so gar nicht nach ihr komme. Ich habe immer alles heruntergeschluckt. Es ist leider auch nicht so, dass ich mir grundsätzlich die Butter vom Brot nehmen lasse. Ich kratze sie freiwillig ab und verteile sie an die Familie.
Es ist siebzehn Uhr. Meine Söhne und Töchter schauen auf die Uhr. Zwei Stunden sind vergangen, und nun wollen sie gehen. Wie immer.
»Hassu noch Eingemachtes?« Mein Sohn Fred reibt sich seinen Schmerbauch. »Von Muddern schmeckt’s doch immer noch am besten.«
Sicher hab ich Eingemachtes. Ich habe auch gepökeltes Fleisch und Wurst und jede Menge anderer Sachen, aber sollte man nicht meinen, ein junger Mensch von sechsundsiebzig Jahren könnte allein für seinen Lebensunterhalt sorgen? Kann er wahrscheinlich, aber ist einfach zu faul dazu. Obendrein mit einer solch agilen Ehefrau wie Lene an seiner Seite. Das Problem ist nur, dass Lene nicht kocht. Seitdem sie einen Gasherd zum Explodieren gebracht hat, war es das mit dem Kochen. Und nun bestellt sie seit einigen Jahren alles, wirklich alles, bei so einem Tiefkühlunternehmen, was ein Heidengeld kostet und was Fred nicht mehr sehen, riechen und schmecken kann. Deswegen versucht er bei jeder Gelegenheit, bei mir etwas abzustauben. Und ich gebe ihm natürlich immer was mit.
Elisabeth, eine meiner Enkeltöchter, steht auf und spaziert in der guten Stube herum. Vor meinem alten Biedermeiersekretär bleibt sie stehen und begutachtet ihn neugierig. So wie jedes Mal. Sie dreht sich zu mir um. So wie jedes Mal. »Wann willst du das olle Ding eigentlich mal wegschmeißen?«, fragt sie heuchlerisch. So wie jedes Mal.
»Ich will das olle Ding nicht wegschmeißen«, sage ich freundlich, so wie jedes Mal.
»Dass du das nötig hast, die alten Sachen aufzuheben«, meint Elisabeth und deutet auf den reichverzierten Empireschrank, auf die Jugendstilsitzgruppe, auf der niemals jemand sitzt, weil es eine Jugendstilsitzgruppe ist, und auf verschiedene andere Dinge, die sich seit Generationen in meiner Familie mütterlicherseits befinden und die ich ganz sicher nicht an eine debile Alte Mitte fünfzig hergeben werde, die nicht nur im Vorgarten politisch angehauchte Gartenzwerge stehen hat, sondern auch in ihrer hässlichen Doppelhaushälfte. Nicht auszudenken, würde mein schönes altes Klavier mit integrierten Messing-Kerzenleuchtern neben einem rauchenden, deformierten Helmut Schmidt in Zwergenform stehen. Außerdem kann niemand außer mir in dieser Familie Klavier spielen, außer »Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald«. Normalerweise ist das Gespräch zwischen Elisabeth und mir an dieser Stelle zu Ende, aber diesmal geht sie einen Schritt zu weit.
»Wie lang willst du eigentlich noch warten, bis du die Sachen endlich hergibst?«, kommt es. »Lange machst du es doch eh nicht mehr. Besser du verteilst den Kram gleich gerecht, bevor wir uns alle streiten, wenn du im Sarg liegst.«
Ich stehe auf, fege Elisabeths Sherryglas vom Tisch und baue mich vor meiner Enkeltochter auf. »Woll‘n wir doch mal sehen, wer von uns beiden eher im Sarg liegt«, sage ich leise und, wie ich hoffe, bestimmt. »Und nun scher dich raus.«
Elisabeth starrt mich an, als würde ein Geist vor ihr stehen. »Du wagst es …«, sie dreht sich zu den anderen um. »Sagt ihr doch auch mal was.«
Niemand sagt etwas. Es hebt auch niemand das Sherryglas auf oder fühlt sich bemüßigt, einen Feudel aus der Küche zu holen, um den Dielenboden zu wischen.
Nur Heiner sagt dann was. Nach einer Minute. »Wird nich mehr lang dauern, min Deern«, brummelt er vor sich hin. »Wart’s nur ab, wird nich mehr lang dauern, dann hem wer Ruhe vor min Fru.« Gelangweilt sieht er mich an, so, als ob ich ihm den Gefallen tun sollte, jetzt auf der Stelle tot umzufallen.
Das war’s. Ich drehe mich um und verlasse den Wohnraum und meine Familie, gehe in den Stall und setze mich auf einen ausgedienten Melkschemel. Moni, eine unserer besten Kühe, müsste bald kalben. Ich streichle ihr über den angespannten Leib und denke nach.
Nachdenken. Das hätte ich mal viel, viel früher tun sollen.
Der Wortbestandteil Arsch findet sich in allen germanischen Sprachen und erlaubt die Rekonstruktion der gemeingermanischen Wurzel *arsaz. Wahrscheinlich ist eine Verwandtschaft mit gr. ὄρρος (órros) »Schwanz«, das ebenfalls als Kraftausdruck für das Gesäß gebraucht und daher in gehobener Sprache vermieden wurde. Zu einer möglichen gemeinsamen indogermanischen Wurzel *hors werden auch air. err »Schwanz« und hethitisch arraš »Gesäß« gerechnet. Der Begriff Loch ist althochdeutschen Ursprungs und bedeutet Öffnung. Die Kombination dürfte frühmittelalterlich sein, da sie inhaltsgleich sowohl im Englischen als auch im Deutschen vorkommt. Im Althochdeutschen ist für den Anus dagegen primär der Ausdruck Darm, Derm zu finden, der später auf das Intestinum übertragen wurde.
www.wikipedia.org
***
Wenn man es mal ganz genau nimmt, war mein ganzes Leben eine Aneinanderreihung unglücklicher Zufälle.
1910, als ich geboren wurde, da war die Welt noch in Ordnung. Wenigstens vier Jahre lang. Dann kam der Erste Weltkrieg, und die Welt war vier Jahre lang nicht in Ordnung. Als am 1. August Deutschland den Krieg erklärte, habe ich das zwar nicht so richtig mitbekommen, aber die folgenden Zeiten waren schwierig. Wenn ich heute daran zurückdenke, habe ich immer einen Geruch von Rauch in der Nase. Vielleicht kann ich deswegen immer noch nicht ohne Angst unseren offenen Kamin bedienen. Wovor genau ich Angst habe, kann ich so genau gar nicht sagen, vermutlich befürchte ich, es könnte darin brennen oder sich Rauch bilden, alles Dinge, die ich bislang zum Glück nicht hingekriegt habe.
Mein Vater wollte 1914 nicht in den Krieg, er meinte, er sei Landwirt. Und Schusswaffen hat er verabscheut. Mit Mistgabeln dagegen konnte er gut umgehen. Doch das hat ihm nichts genützt. Er musste hin.
So blieb ich mit meiner Mutter, meiner Großmutter und Urgroßmutter, Tanten, Kusinen und natürlich Geschwistern auf unserem Hof, während die Männer eingezogen wurden. Es war keine besonders schöne Zeit, um das mal milde auszudrücken. Allein wenn ich an die Heuernten zurückdenke und die ganze tägliche Arbeit, die wir ohne Männer schaffen mussten. Nein, leicht war es nicht. Später mal habe ich ein Buch von einer Anna Wimschneider gelesen; es hieß Herbstmilch. Ich habe mich in ihr wiedererkannt, womit ich jetzt nicht das Aussehen meine, sondern eher den permanenten Schlafmangel, die Hornhaut an den Füßen und das wettergegerbte Gesicht. Kälber, Fohlen und Ferkel habe ich übrigens auch auf diese Welt geholt. Viele. Nur Hühner nicht, die schlüpften mir nichts dir nichts und ohne Hilfe aus ihren Eiern.
1918 dann, als der Krieg vorbei war, wurde es lange Zeit auch nicht wirklich besser. Da war ich acht Jahre alt, hätte gut und gern für achtunddreißig durchgehen können und hatte Schwielen an den Fingern, gegen die eine Gichterkrankung im fortgeschrittenen Stadium nichts ist. Halten Sie mal jahrelang achtzehn Stunden am Tag eine Heugabel, eine Schaufel oder die Leine eines desorientierten und umtriebigen Ochsen in den Händen, dann fragen Sie ganz sicher nicht mehr, warum. Und warum ich das jetzt alles erzähle, weiß ich auch nicht. Vielleicht, weil ich einfach nur wütend bin. Oder weil ich der Nachwelt irgendetwas außer einer Jugendstilsitzgruppe oder einem Sarg in zwei Meter Tiefe hinterlassen will, um den sich sowieso kein Mensch jemals mehr kümmern wird. Ist ja auch egal. Wuselwurscht.
Heiner, meinen Mann, kenne ich sozusagen, seitdem ich auf der Welt bin. Er wohnte mit seinen Eltern auf dem Nachbarhof, wir trafen uns fast täglich, um zur Schule zu gehen oder von der Schule nach Hause, oder wir trafen uns beim Dorfkrämer oder einfach so auf der Straße. Und natürlich auf dem Feld. Nachbarschaftshilfe wurde damals großgeschrieben in Groß Vollstedt. Heute auch noch. Aber das ist mir mittlerweile egal.
Als ich fünfzehn war, fing Heiner an, mir nachzustellen. Hat mich auf Dorfgeselligkeiten mitgenommen, und einmal ist er sogar mit mir nach Neumünster gefahren. Ein Ausflug in die große weite Welt. »Knops Heiner ist eine gute Partie«, pflegten meine Eltern zu sagen. »Da hast du ausgesorgt.« Und ich liebes Mädchen habe brav genickt und mich von Heiner um den Finger wickeln lassen. Er sprach ununterbrochen davon, dass er mit mir auf dem Hof seiner Eltern leben wollte; er wollte viele Kinder haben und er wollte aus dem Hof einen einzigartigen, ganz besonderen Hof machen. Was ich wollte, hat ihn nicht interessiert.
Geheiratet haben wir 1927. Ich trug das Hochzeitskleid meiner Urgroßmutter, das mir viel zu groß war, stand in unserer evangelischen Dorfkirche, und das Einzige, an das ich mich noch erinnere, ist die alte Frau Petersen, die ununterbrochen wehklagte, heulte und einzelne Worte ausstieß, die kein Mensch verstand und die die Predigt von Pfarrer Schümann empfindlich störten.
Als ich Ja sagte, hatte ich ein komisches Gefühl. Heute weiß ich, dass das komische Gefühl einen Namen hatte: Zweifel.
Schon am Nachmittag der Hochzeitsfeierlichkeiten, die auf dem Hof meiner Eltern ausgerichtet wurden (damals wurde noch viel Wert darauf gelegt, dass die Brauteltern die Kosten der Hochzeit übernahmen, was Heiner und seinen Eltern mehr als recht war), war es vorbei mit Heiners Freundlichkeit. Sie machte einer gepflegten Gleichgültigkeit Platz, die allerdings nach einer weiteren halben Stunde von einer weiteren Eigenschaft abgelöst wurde: dem Herumkommandieren.
Ab halb fünf war ich »Muddel«. Und Muddel blieb ich für die nächsten achtzig Jahre.
»Muddel, nu hol doch noch nen Bier.« »Muddel, nu lauf doch und bring frisches Brot.« »Muddel, siehst du nicht, dass Kuddel und Bert und Johann und Wolle kein Fleisch mehr auf’n Teller ham?« Anstatt Heiner aufs Maul zu hauen, bin ich gelaufen und gerannt in meinem Brautkleid, was zur Folge hatte, dass ich – es war Mitte Juni – schon nach kürzester Zeit nassgeschwitzt war. Und Kuddel und Bert und Johann und Wolle haben sich noch nicht mal bedankt. Ich habe sie dafür gehasst. Aber Heiner habe ich am allermeisten gehasst. Schade eigentlich, dass es den Begriff »Emanzipation« damals noch nicht gab. Oder »Fairness«.
Andererseits wäre ich eine Versager-Emanze gewesen und geächtet worden. Was hätte wohl Hildegard Quandt, die erste Miss Germany überhaupt, zu mir gesagt? Sie war im März des Jahres gewählt worden. Ich glaube, sie hätte gar nichts gesagt, sondern mich mit mitleidigem Blick angeschaut und sich dann mit ihren kirschroten Lippen peinlich berührt abgewandt. Zu Recht.
Gegen zweiundzwanzig Uhr auf der Hochzeit, als alle tanzten und – zumindest die Männer – sich schon so gut wie totgesoffen hatten, fiel Heiner ein, dass es jetzt an der Zeit war, die Hochzeitsnacht einzuläuten. Mit den Worten: »Muddel, nu muss ich s-to-ßen.« Ein paar Sekunden später und ein Stockwerk höher schrie er: »Nu s-toß ich feste zu, nu kommt mir daaas!«
Um es kurz zu machen: Es war eine Katastrophe.
Mit meinen siebzehn Jahren lernte ich die Liebe kennen – dachte ich – und habe sie ganz schnell wieder vergessen.
Ich stehe auf, weil mir der Rücken vom langen Sitzen wehtut, und kicke den Melkschemel achtlos beiseite.
Was hab ich vom Leben gehabt, was?
Nichts hast du gehabt, Juliane, außer Arbeit und Ärger und bist nur rumkommandiert worden und hast als Gebärmaschine funktioniert. Mich würde mal interessieren, wie viele Tonnen Mist du während deines Lebens aufgegabelt hast. Wie viele Ballen Stroh getragen, wie vielen Kälbern und Ferkeln auf die Welt geholfen? Und wer, frag ich dich, wer hat in Dreiteufelsnamen etwas für dich getan?
Die Antwort ist glasklar, tut aber trotzdem ein bisschen weh.
Ist auch gar nicht schlimm, dass sie wehtut, die Antwort, so weiß ich wenigstens, dass ich noch ein Herz habe.
Die Antwort lautet: Niemand.
Ich gehe ins Haus zurück und überlege. Dann kommt mir ein Gedanke: Ich sollte mein Leben ändern. Komisches Gefühl. Noch nie vorher da gewesen. Seltsamer Gedanke. Aber ein guter.
Heiner sitzt allein am Küchentisch. Er ist neunundneunzig und behauptet von sich selbst, immer noch Bäume ausreißen zu können, wenn man es von ihm verlangen würde. Da es aber niemand von ihm verlangt, reißt er keine Bäume aus. Und wenn, dann wären es Bonsais.
Er überprüft mein Haushaltsbuch. »Du hast zu teuer eingekauft, Muddel«, höre ich, während ich Abwaschwasser ins Becken laufen lasse, um die Hinterlassenschaften meiner lieben Familie zu beseitigen. Ich antworte nicht.
»Hier«, er deutet auf einen Posten. »Das letzte Mal war der Kaffee billiger. Und wozu brauchst du noch neue Seife? Hast’s doch sowieso bald hinter dir, das Leben.« Und dann lacht er sein widerliches, hämisches Lachen, das mir seit achtzig Jahren das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ich würde gern einfach mal losweinen, aber vor langer Zeit habe ich mir das Weinen verboten, und daran halte ich mich. Außerdem würde es ja sowieso nichts nützen. Wenn ich vor Heiner weinen würde, hätte er einen Grund mehr, sich über mich lustig zu machen. Also kümmere ich mich lieber um den Abwasch.
»Das wird schön, wenn du erst mal wech bist«, feixt Heiner und klappt das Haushaltsbuch zu. »Könntest dich ruhig mal beeilen. Aber deine Pumpe funktioniert und funktioniert, so, als ob du mir eins auswischen wolltest. Andererseits, wer sollte dann die Arbeit machen?« Er kichert boshaft.
Während ich die Kuchenteller in das Spülwasser tunke, betrachte ich meine Hände, die von Altersflecken übersät sind und bei denen einige Venen deutlich herausstehen. Ich mag meine Hände, obwohl sie von Arbeit und vom Leben gezeichnet sind. Aber es sind doch meine Hände, oder nicht? Sie erzählen eine Geschichte. Meine nämlich. Eine traurige Geschichte. Bis jetzt. Bis heute.
»Ich geh gleich schlafen«, sage ich zu meinem Mann, lasse das Wasser ablaufen und trockne meine Hände ab.
»Was mit Essen?«, will Heiner wissen.
»Mach dir doch selbst was.« Ich erschrecke. Das ist das erste Mal seit unserer Hochzeit, dass ich so etwas sage. Beinahe werde ich rot.
Heiner steht auf. »Pass man bloß auf, dass ich mich nicht vergesse«, meint er böse. »Sonst schmeckst du den Ochsenziemer, den kennst du ja gut.«
O ja, den kenne ich gut. Immer dann, wenn Heiner etwas nicht passte, kam der Ochsenziemer zum Einsatz, und es setzte Schläge, die ich klaglos hinnehmen sollte, was mir aber nicht immer gelang. Am demütigendsten war die Tatsache, dass ich bei den angeblichen Verfehlungen, die ich mir geleistet hatte – der Korridor war nicht richtig gescheuert, das Vieh nicht rechtzeitig gefüttert worden oder die Suppe versalzen oder zu fade –, den Ochsenziemer, der hinter der Küchentür hing, selbst holen und ihm überreichen musste.
Ich schlucke meine Wut hinunter und mache Heiner belegte Brote zurecht. Heimlich spucke ich auf die Salami und verteile die Spucke mit einem Messer auf den Scheiben. Vielleicht habe ich mich ja bei einem der Rinder mit BSE angesteckt. Hoffentlich.
Dann verlasse ich die Küche und gehe wortlos nach oben. Meine Mutter krakeelt schon wieder in ihrem Zimmer herum. Es geht um Else Ury und im Einzelnen darum, dass Else Ury die Nesthäkchen-Bücher auch mal generationsübergreifender hätte schreiben können. Und überhaupt: Annemarie Braun, das Nesthäkchen, was sei das denn für ein Name? Ich beschließe, ihr keine gute Nacht zu wünschen, und gehe ins Schlafzimmer, um meine Schürze und mein Kleid aus- und mein Nachthemd anzuziehen.
Dann lege ich mich ins Bett und bete nicht.
Ich verspreche mir etwas.
Ab morgen, ab morgen wird alles, alles anders. Ich weiß noch nicht, wie, aber es wird.
Ich weiß nur eins: Ich will leben!
Und das ist doch nicht zu viel verlangt.
Der Scherenschleifer. Nur echt mit schwarzem Filzhut und Scherenschnitt Logo!
Mein Motto: Wieder herrichten statt wegwerfen!
Ich schleife auch Messer, Gartengeräte, Handwerkszeuge und vieles mehr. Wellenschliff gehört zu meinen Spezialitäten. Natürlich schleife ich nicht auf einem alten Tretschleifstein, sondern auf modernen Maschinen, insbesondere auch auf präzisen, schwedischen Nassschleifmaschinen. Damit Sie lang Freude an Ihren geschliffenen Sachen haben, bekommen Sie von mir auch Anleitungen und Pflegetipps. Viel Spaß beim Stöbern!
www.der-scherenschleifer.de
***
Als am nächsten Morgen um vier Uhr mein alter Wecker schrill klingelt, stehe ich wie gewohnt auf, ziehe meine ausgebeulte Latzhose an und einen Pullover darüber, um dann wie immer in die Küche zu gehen und Kaffeewasser aufzusetzen. Ich esse eine Scheibe selbstgebackenes Brot mit selbstgemachter Hausmacher Leberwurst und trinke zügig die erste Tasse überteuerten Kaffee. Heiner schläft noch. Er schläft gern mal aus und lässt den Volltrottel Juliane die ganze Arbeit machen.
Aus dem Stall höre ich lautes Muhen, das eher einem Kreischen gleicht, und im nächsten Moment stürze ich aus der Haustür und renne hinüber zu den Stallungen. Es ist Moni. Sie steht in einer separaten Pferdebox, weil ich schon immer der Meinung war, eine trächtige Kuh hat das Recht auf ein wenig Privatsphäre und kann auf glotzende und muhende Zuschauer verzichten, während sie Wehen hat.
»Na, Moni«, sage ich und klopfe ihr beruhigend den Hals, doch Moni hat momentan nicht so große Lust auf einen kleinen Plausch mit mir. Unruhig läuft sie hin und her, legt sich hin, steht wieder auf. Es kann nicht mehr lange dauern, die Fruchtblase ist schon zu sehen.
Mir kommt eine Idee.
Kopf oder Zahl.
Wenn Moni einen Jungen zur Welt bringt, dann bleibe ich und lasse alles so, wie es ist. Ist es ein Mädel, werde ich noch heute anfangen, alles anders zu machen.
Ich nicke, trete hinter die Kuh und warte. Moni legt sich kurz darauf wieder hin, und die erste Presswehe setzt ein, dauert ungefähr anderthalb Minuten, dann hat Moni eine Pause von ungefähr der gleichen Länge. Ich sehe die Vorderbeine des Kalbs und bin beruhigt, als kurz darauf auch der Kopf zu erkennen ist. Natürlich habe ich schon Geburtshilfe geleistet – und auch gar nicht selten –, aber heute ist mir einfach nicht danach, zu viele Gedanken sausen in meinem Kopf herum. Und diese Gedanken drehen sich nicht darum, wie ich ein Kalb, das mit den Hinterbeinen zuerst aus der Mutter rauswill, am besten im Leib herumdrehe, zumal das auch ganz schön anstrengend ist. Vor ein paar Jahren hat eine Kuh sich währenddessen so verkrampft, dass ich dachte, mein Arm würde amputiert, und danach hatte der Arm wochenlang eine schillernde blaue Farbe.
Aber heute habe ich Glück. Nach zehn Minuten platzt die Fruchtblase, jetzt geht alles sehr schnell, und der Rest des Kalbes – ein schönes Kalb, schwarzweiß, kommt auf diese Welt gerutscht. Moni steht stolz auf, sieht mich mit ihren treuen braunen Augen an und beginnt, ihr Kind abzulecken. Ich setze mich zu den beiden ins Stroh und freue mich. Nach zwanzig Minuten steht das Kleine auf und stakst unbeholfen hin und her.
Und ich stehe auch auf und schaue mir das Neugeborene etwas genauer an.
Moni hat eine Tochter bekommen.
»Was machstu, Muddel, wo willsten hiiin?«, fragt mich Heiner, als ich gegen neun Uhr, nachdem ich das Vieh versorgt und Frühstück sowie Wäsche gemacht habe die Küche betrete.
»Zum Friseur«, sage ich knapp, und schon wieder klopft mein Herz.
»Zum Friseur, zum Friseur«, äfft mich Heiner nach. »Was das wieder kostet! Und ich frach mich auch ehrlich gesacht, was du alte Schachtel beim Friseur willst. Bist doch eh schon friedhofsblond.«
Ich spare mir die Antwort und verlasse das Haus. Heiners Worte »Wenn’s nich um Punkt zwölf Mittach gibt, gibt’s Backpfeifen, dass du die Engel singen hörst, Muddel!« ignoriere ich.
Unser Hof liegt etwas außerhalb, und mit meinem alten Fahrrad, das ich seit achtzig Jahren besitze und für das mir diverse Trödelhändler und auch mal ein herumreisender Auktionator eine Menge Geld geboten haben, das ich aber nie im Leben hergeben würde, brauche ich eine Viertelstunde zum Dorffriseur. Ich radele beschwingt durch die sonnige Landschaft, vorbei an Weiden und Feldern und Wiesen, und überlege mir, was ich als Nächstes tun kann. Beziehungsweise tun soll.
»Mensch, Juliane, moin!« Inken, die Inken ihr’n Frisiersalon jetzt im fünfzigsten oder sechzigsten Jahr betreibt, freut sich sichtlich, mich zu sehen. Inken ist zehn Jahre jünger als ich, also siebenundachtzig, und denkt überhaupt nicht ans Aufhören. »Ich brauche den Geruch von die Färbemittel und von’n Haarsprays und von die Festiger«, sagt sie kategorisch, wenn jemand sich wundert, dass sie sich immer noch nicht zur Ruhe gesetzt hat. Sie ist eine kleine, agile Person mit hochtoupiertem lackschwarzen Haar, das sie sich regelmäßig selbst nach färbt. Ihre dunklen Augen sind groß und kugelrund, und sie trägt immer ein Kostüm und dazu hohe Schuhe. Noch nie habe ich Inken anders gesehen. Geheiratet hat sie nie, worüber im Dorf viele die Nase rümpfen, aber Inken war so schlau, nicht vor einen Pfarrer zu treten, um ihre Rechte an einen dumpfbackigen Landwirt abzugeben. Vielleicht hätte sie es sogar getan, aber Inken ist eine Lesbe. Und noch dazu eine stolze Lesbe. »Brauch ich nich, so’n komisches Ding zwischen die Beine«, hat sie mir mal erklärt, und ich dachte damals erst, sie würde öfter mal über einen umgekippten Baumstamm stolpern. Dann hab ich es aber verstanden und hatte ein bisschen Angst vor ihr, die sich aber schnell legte. Inken ist ein herzensguter Mensch und würde für jeden alles tun. Eines tut sie allerdings nie: ihren Salon mal von Grund auf renovieren. Er sieht immer noch so aus wie aus den fünfziger Jahren; an den Wänden mit den mittlerweile etwas verblichenen Tapeten hängen alte Werbetafeln, auf denen perfekt frisierte Damen zu sehen sind, die Gard-Haarspray hochhalten. Es gibt auch eine von Afri-Cola: Afri-Cola überwindet den toten Punkt. Mir erschließt sich die Werbebotschaft daraus nicht. Wie kann ein Colagetränk einen toten Punkt haben? Ich meine, ein Colagetränk geht doch nicht abends auf eine Party und sagt dann gegen dreiundzwanzig Uhr: »Ich hatte gerade meinen toten Punkt, aber nun habe ich ihn überwunden.« Ich kenne jedenfalls kein Colagetränk, das so etwas sagt. Um genau zu sein, habe ich auch noch nie ein Colagetränk auf einer Party getroffen, weil ich nie auf Partys gegangen bin. Aber ist es letztendlich nicht auch völlig egal? Trotzdem ärgert es mich, dass mir dieser Spruch nie aus dem Kopf geht, wenn ich einen Termin bei Inken hatte.
»Was machen wir heut, Juliane?«, will sie wissen, während ich mich auf einen der grauen Drehstühle setze und sie mir einen Frisierumhang überlegt, auf dem sich lustige bunte Schmetterlinge in Pastellfarben tummeln. »Wie immer?«
Ich nicke und greife nach einer Zeitschrift, einer Bunte von 1955, die ich 1955 mal mitgebracht und dann nach dem Bezahlen vergessen habe. Interessiert vertiefe ich mich in einen Artikel über den damals kürzlich verstorbenen Albert Einstein, obwohl ich diesen Artikel schon ungefähr hundertmal gelesen habe.
Früher habe ich immer auf Inken herabgesehen, weil ich ja älter war, aber mittlerweile hat sich das auch gelegt. Bei meiner Hochzeit war sie sieben und hat so viel Torte gegessen, dass sie nachmittags meinen Vater vollkotzte, der das aber nicht so schlimm fand, da er sowieso schon seit Stunden am Tisch sitzend schlief und bereits vollgekotzt war. Später half sie ihren Eltern im Friseurgeschäft, sprich, sie fegte den Boden und staubte die Regale ab und dekorierte die Wände mit Werbung. Es hat sich also nichts geändert.
»Was macht Heiner?«, fragt Inken mich, während sie beginnt, meine weißen Haare zu bürsten. Wir sehen uns durch den Spiegel an, und ich antworte nicht, was für sie Antwort genug ist.
»Warum haust du dem nich einfach ’ne Mistgabel übern sein Schädel?« Inken schüttelt den Kopf. »Ich konnte den nie noch nich leiden, nie. Hab auch nie verstanden, wie du den nehmen konntest. Und der da oben könnt auch mal’n büschen barmherziger sein und dir noch’n paar Jährchen ohne den Alten gönnen, findste nich?«
Ja, finde ich. Aber der da oben stellt die Ohren auf Durchzug, wenn ich ihn um etwas bitte. Vielleicht mag er keine Frauen – weil er selbst nie eine gehabt hat.
»Ich glaub, der überlebt mich«, gestehe ich und zucke mit den Schultern.
»Blödsinn«, regt sich Inken auf und zieht mich auf dem Drehstuhl zum Waschbecken. »Du bist gesund und gut beisamm’. Hör mir bloß auf mit so’n Tüddelkram.«
Sie dreht den Wasserhahn auf, und ich beiße mir vorsorglich schon mal auf die Unterlippe, weil ich weiß, dass Inken es mit den Temperaturen nicht so hat und mit den Reglern der Warm- und Kaltwasserversorgung nicht wirklich gut umgehen kann. Erwartungsgemäß kocht meine Kopfhaut eine Sekunde später, und ich sehe aus wie ein Hummer, aber das bin ich ja nun schon Jahrzehnte gewohnt, da kommt es auf die paar Jahre nun auch nicht mehr an.
Ich hätte es so machen sollen wie Inken. Dann hätte ich ein schönes Leben gehabt.
»Hättste mal alles so gemacht wie ich«, sagt Inken dann auch. »Hättste ’n schönes Leben gehabt.«
Resigniert nicke ich.
»Wie habt ihr das eigentlich alles geregelt mit euren Sachen so?«, will sie dann wissen und rubbelt mit einem Handtuch meine siebenundneunzigjährigen Haare trocken.
Fragend schaue ich sie an. »Wie meinst du das?«
»Na, so wie ich es sage«, kommt es. »Angenommen, ihr würdet euch scheiden lassen, wer bekommt dann was?«
»Scheiden lassen? Darüber habe ich noch nie nachgedacht.« Inken schiebt mich auf dem Stuhl zum Frisierplatz zurück, und ein Teil des Umhangs verheddert sich in den Rollen, sodass ich beinahe stranguliert werde.
»Hättste mal, hättste mal.« Sie beginnt zu schnippeln.
»Am liebsten würde ich abhauen«, schießt es aus mir heraus, einfach so, und ich bin ganz schön verwundert über meine Offenheit. »Aber ich muss ja um jeden Euro betteln.« Das ist mir im Übrigen all die Jahre auch zunehmend auf die Nerven gegangen, diese ständigen Währungswechsel. Wer soll denn da noch kapieren, wie viel er nun wirklich für was ausgibt? Ich erinnere mich noch an die Zeiten, in denen man drei Millionen Mark für ein Brot bezahlen musste. Papiermark, Reichsmark, D-Mark, Euro. Furchtbar.
»Wenn ich überlege, was der immer beim Engelhardts Karl im Goldenen Ochsen verprasst hat und noch verprasst«, regt sich Inken auf und schneidet mir deswegen beinahe ein Ohr ab. »Und du hast immer auf’n Hof gehockt und hast die Blagen gehütet und das Viehzeug gefüttert, hast du oder hast du nicht? Kroppzeug ist der Heiner, der ist nur Kroppzeug. Hättste mal früher gesacht, was Sache ist, dann hättste’s jetzt besser. Geh zurück!«
»Natürlich geh ich zurück, Inken. Wohin soll ich denn sonst gehen?« Manchmal kann sie einen ganz schön nerven.
»Ich mein mit dein Kopf«, sagt Inken, und gehorsam lege ich ihn in den Nacken. »Ich muss an die Seite wo was noch abschneiden«, erklärt sie, und ich höre das stumpfe Schnippschnapp der Schere. Sie quietscht, und es ziept.
»Du solltest die Scheren mal schleifen lassen«, schlage ich vor, so wie seit etlichen Jahren, und Inken sagt daraufhin dasselbe wie seit etlichen Jahren: »Die hab ich jetzt an die sechzig Jahre, die Scher’n, da fang ich jetzt nich fang ich nich an, da mit’n Schleifmesser ranzugehen, nich?« Sie quält sich weiter mit der Schere ab. »Verlass ihn doch«, meint sie dann.
Ich öffne die Augen. »Verlassen? Wo soll ich denn hin?«
»Kannst bei mir bleiben, wenn du willst«, kommt es. »Ich hab Platz genug. Kannst, wenn du magst, das Schlafzimmer haben, wo meine Eltern drin geschlafen haben.«
»Das geht nicht«, wiegele ich ab.
»Warum?« Die Schere quält sich weiter. Es hört sich an, als hätte sie schreckliche Schmerzen. »Ich hab die Betten abgezogen. Könn wir frisch beziehen, und gut is.«
Ich überlege.
Heiner verlassen?
Eigentlich gar keine schlechte Idee, wie ich finde.
Aber wie wird er es finden?
Gegenfrage: Ist es mir nicht völlig egal? Ich muss mich noch nicht mal fragen, was aus den Kindern wird, denn die sind sowieso schon in einem Alter, in dem sie sich darüber Gedanken machen könnten, ob sie einen Eichensarg mit Intarsienarbeiten haben wollen oder Mahagoni pur.
Und: Geht mich das was an?
Nö.
Halt.
Was wird aus dem Hof, dem Bargeld auf der Bank, dem Grundbesitz überhaupt? Wie regelt man das?
Ich vertiefe mich kurz in die Bunte. Ich muss nachdenken.
Zwei Minuten später denke ich immer noch nach.
Inken schnippelt an mir herum.
Zehn Minuten später denke ich nicht mehr übers Nachdenken nach.
Fazit: Ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll, mich von Heiner zu trennen.
Ich bin dumm.
Ich bin nicht dumm.
Ich bin lediglich desorientiert.
Ich möchte nicht desorientiert sein.
Ich will diesen emotionalen Fliegenpilz loswerden.
Falsch.
Ich will ja gehen. Er kann bleiben.
Aber ich will nicht auf alles verzichten.
»Was is?«, fragt Inken. »Nu hab ich dich schon viermal gefragt, was mit die Wasserwelle is.«
»Sag mal«, das bin ich, und ich spreche langsam. »Hast du eigentlich auch Perücken?«
Eine Amsel, so wird man sagen, das ist doch nicht tragisch. Aber wie viele Vögel fliegen über das Jahr gegen Scheiben? Ein Dutzend wäre eigentlich schon zu viel. Da kann man froh sein, wenn die Scheiben schmutzig sind, denn dann können die Vögel sie besser sehen. Wenn sie aber frisch auf Hochglanz poliert sind, dann wehe dem Vogel, der aus irgendeiner Richtung unter dem Dach des Häuschens hindurchfliegt.
Und wie viele tote Vögel findet man an solcher Stelle? Längst nicht alle, die angeflogen sind, Manche kommen erst einmal davon. Mindestens die Hälfte von ihnen stirbt bald darauf an inneren Verletzungen. Andere fallen ein Stück weiter ins Gras. Aber auch die Katzen, die vorbeikommen, wissen recht bald Bescheid und kassieren frisch tote Vögel ab. Und nachts führt den Marder und den Fuchs sein Weg an solche Stellen. Die Dunkelziffer an toten Vögeln kann man als beträchtlich einschätzen.
www.nabu.de
***
Ich werde einen Anwalt aufsuchen. In Groß Vollstedt gibt es keinen, also werde ich nach Neumünster fahren müssen. In Gedanken mache ich mir eine Liste mit Fragen. Was kann ich behalten, was muss ich dalassen? Was wird aus den Kühen, aus den Hühnern, aus den Schweinen, aus Elise? Was wird aus meinen persönlichen Sachen? Wo will ich überhaupt wohnen? Wie findet man eine Wohnung? Was muss man da beachten? Ich habe mein komplettes Leben auf Höfen verbracht, der Gedanke, in eine Wohnung zu ziehen, in deren Nähe sich keine Ställe oder Felder befinden, irritiert mich. Und: Wann soll ich es Heiner sagen? Sage ich es ihm überhaupt oder gehe ich einfach? Und wenn ich es ihm sage: Wie wird er reagieren? Er wird mich aus dem Haus jagen, ohne einen Pfennig Geld. Ich werde so, wie ich dann bin, Weggehen müssen. Kein Geld. Nichts. Und nichts zu essen. Na ja, das ist nicht so schlimm. Ich esse sowieso nicht viel.
Also. Plan A: Anwalt. Plan B: Sehen wir dann.
Lennart Wahmhoff könnte mein Urenkel sein. Nicht vom Aussehen her, aber vom Alter. Ich schätze ihn auf Anfang dreißig. Er trägt einen dunklen Anzug und hat ein recht kleines Büro, in dem ein riesiger Schreibtisch fast die ganzen Quadratmeter einnimmt. Er hat aschblondes Haar, riecht nach Schweiß und ist sehr nervös. Ich sitze mit meiner Handtasche auf dem Schoß vor ihm und starre ihn erwartungsvoll an.
»Sie sind also Frau Knop«, sagt Lennart Wahmhoff, und ich nicke. Er fragt: »Was führt Sie zu mir?«
»Ich möchte mich scheiden lassen«, antworte ich schnell und bin sehr stolz auf mich.
»Hättste mal früher machen sollen«, hat Inken gemeint, als ich ihr von meinem Entschluss erzählt habe, und darauf bestanden, mitzukommen: »Ich war noch nie beim Anwalt nich. Montach hab ich die Stube zu, mach ein Termin für’n Montach aus, dann fahr’n wir zusammen zu den Anwalt.«
Herr Wahmhoff schaut uns irritiert an. »Scheiden lassen«, wiederholt er dann langsam, und ich nicke wieder. Er setzt sich auf und lockert seinen Schlips. »Warum?«
Inken regt sich auf: »Warum se sich scheiden lassen will? Weil der Heiner mehr Dreck ist als wo ein Misthaufen hat!« Drohend hebt sie den Zeigefinger.
»Ich möchte mein eigenes Leben leben«, sage ich zu Herrn Wahmhoff. »Ich habe es lange genug mit diesem Mann ausgehalten. Achtzig Jahre lang.«
»Aha«, kommt es wieder von ihm. »Darf ich fragen, wie alt Sie sind?«
»Siebenundneunzig«, ich bin stolz auf diese Zahl. Wer erreicht die schon?
»Hm.« Er kratzt sich am Kinn. »Also ich weiß nicht…«, meint er dann. »Bis Sie geschieden sind, das kann dauern.«
»Es ist mir egal, wie lange es dauert.« Mein Entschluss steht fest. »Was muss ich tun? Wir haben einen großen Hof mit Nebengebäuden, eine Menge Vieh. Geld müsste auch da sein. Heiner hat erst letztens einen neuen Traktor gekauft. Den wird er ja nicht geschenkt bekommen haben.«