für alle Weltverbesserer
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© 2022 Roland Rupsch
Einband-Gestaltung:
Ruven-Vincent Meyer, Robert Crummenerl, Jan-Peter Franke
Cover-Grafiken:
mit freundlicher Genehmigung von Noor Makkiya,
alle Rechte zur Verwendung der Cover-Grafiken liegen bei Noor Makkiya.
Herstellung und Verlag:
BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 9-783755-723301
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich falle gleich mit der Tür ins Haus: warum haben Sie zu diesem Buch gegriffen? Hat Sie der reißerische Titel neugierig gemacht? Möchten Sie erfahren, was einen „amazing architect“ ausmacht und ob Sie einer sind? Oder suchen Sie nach Orientierung und wollen mehr über den Beruf des Architekten erfahren? Fragen Sie sich, ob es sich für Sie lohnt, dieses Buch zu lesen?
Dieses Buch ist besonders wertvoll für Sie, wenn Sie…
... selbständige Architektin oder selbständiger Architekt,
... angestellte Architektin oder angestellter Architekt,
... Studentin oder Student der Architektur sind und/oder
... Ihr Geld mit Leistungen aus dem Berufsbild des Architekten verdienen
Wieso kann ich dies behaupten, obwohl ich Sie nicht kenne? Es stimmt, dass ich kaum etwas über Sie weiß – aber Sie interessieren sich für Architektur, sonst hätten Sie nicht dieses Buch in der Hand. Und dies verbindet uns. Denn ich bin selbst Architekt und habe eine große Leidenschaft für Architektur in ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen. Sind Sie auch fasziniert davon, wie kreative Ideen mit der Zeit zu gebauter Realität werden?
Ich finde, Architekt zu sein ist weniger ein Beruf als eine Lebensart.
Aber ist Ihnen schon aufgefallen, dass es zwar unzählige Bücher über Architektur gibt, jedoch kaum eines über den Beruf des Architekten? Natürlich finden wir reichlich Literatur über die Stars unserer Branche, doch es gab bisher noch keine griffige Erklärung dazu, was genau den Architekten-Beruf ausmacht – bis jetzt.
Sie halten in Ihren Händen das erste und bisher einzige Buch auf der Welt, das sich dieser Aufgabe angenommen hat. In diesem Werk finden Sie endlich Antworten auf die brennenden Fragen:
„Was ist ein Architekt?“
„Was ist ein guter Architekt?“
„Sind Sie ein guter Architekt?“
Sie halten diese Ankündigung für unangemessen und fragen sich auch, wie ich mir solche großen Worte anmaßen kann? Ausgezeichnet! Behalten Sie Ihre Skepsis bitte bei, wenn Sie dieses Buch lesen. Ich wünsche mir, dass Sie sich höchst kritisch mit meinen Ausführungen auseinandersetzen und mir mitteilen, falls Sie Ihrer Ansicht nach auf Irrtümer stoßen. Das ist mir tausendmal lieber, als wenn Sie dieses Buch einfach bloß konsumieren und anschließend vergessen. Lassen Sie uns gemeinsam den Beruf des Architekten unter die Lupe nehmen und sehen, was wir noch besser verstehen können.
Ich habe in meinem bisherigen Leben als Architekt viele Irrtümer begangen. In all den Jahren als angestellter und auch als selbständiger Architekt habe ich sicherlich einiges richtig, aber auch sehr vieles falsch gemacht. Dabei habe ich mich oft gefragt, weshalb es für Architekten keine brauchbare Vorbereitung auf die Berufspraxis gibt. Schließlich ist der Sprung ins kalte Wasser nicht nur für unerfahrene Berufseinsteiger, sondern auch für deren Arbeitgeber und die Bauherren gefährlich. Als ich endlich dazu kam, meine ersten Mitarbeiter einzustellen, habe ich damit begonnen, meine bisherigen Erfahrungen zu sammeln und zu vermitteln. Die Essenz meiner Sammlung finden Sie in diesem Buch.
Ein Buch mit mehreren hundert Seiten über den Architekten-Beruf zu lesen, erfordert ein Engagement, das nur die ambitioniertesten Architekten zeigen. Da Sie bereits die ersten Seiten geschafft haben, gehören Sie wahrscheinlich zu dieser elitären Gruppe. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie Ihre Zeit investieren wollen, um sich auf meine Ideen und Überlegungen einzulassen. Damit Ihnen die Lektüre möglichst angenehm ist, habe ich dieses Buch in zwei Teilen geschrieben:
Der erste Teil ist eine Erzählung mit Eindrücken aus dem Architekten-Alltag. Vielleicht erkennen Sie sich in einigen Anekdoten wieder. Auch wenn ich hier aus der Ich-Perspektive erzähle, handelt es sich bei den beschriebenen Kollegen um fiktive Charaktere und Szenarien. Mit Rücksicht auf alle, die sich buchstäblich wiedererkennen könnten, erwähne ich keine Namen. Fairerweise möchte ich auch betonen, dass keine meiner bisherigen Arbeitsumgebungen so dramatisch negativ war, wie ich es hier darstelle. Allerdings habe ich mit genügend befreundeten Architekten gesprochen um zu wissen, dass es auch deutlich unangenehmere Bedingungen gibt. Urteilen Sie selbst.
Im zweiten Teil lade ich Sie auf eine Entdeckungsreise durch das Berufsbild des Architekten ein. Wir werden gemeinsam einen intensiven Blick auf alle Aspekte unserer Arbeit werfen. Dieser Teil des Buchs hat den Charakter eines Leitfadens und Ratgebers. Die Informationsdichte ist insgesamt sehr hoch, aber ich verwende kein Fachchinesisch. Sie werden also keine Schwierigkeiten haben, die Inhalte zu verstehen – sogar dann, wenn Sie nicht selbst Architekt sind.
Apropos verstehen: liebe Leserin, ich bitte Sie um Ihr Verständnis dafür, dass ich für den leichteren Lesefluss und angenehmere Satzbauten im Buch auf die separate Anrede von Damen und Herren, sowie auf Gender-Sterne verzichte und durchgängig die männliche Form verwende. Wenn ich also beispielsweise von Architekten schreibe, dann spreche ich damit auch Sie als geschätzte Architektin an. Ich hoffe, das ist für Sie akzeptabel.
Das Ziel, das ich mit diesem Buch erreichen möchte, lautet: Architekten sollen ein neues, besseres Verständnis ihres außergewöhnlichen Berufs erlangen. Dadurch soll uns allen die tägliche Arbeit angenehmer sein und leichter fallen. Schließlich wollen wir alle mit den richtigen Bauherren in guten Beziehungen sicher und lukrativ unsere eigenen Ideen verwirklichen. Dazu soll dieses Buch beitragen.
Ich wünsche Ihnen beim Lesen viel Freude und eine Menge hilfreicher Erkenntnisse!
Herzlichst
Ihr
Roland Rupsch
„Was hast Du getan?“
Das ist die Frage, die uns die nächsten Generationen stellen.
Wir schulden ihnen gute Antworten darauf – und uns selbst auch.
Denen, die mir dabei geholfen haben, meine eigene Antwort zu finden, möchte ich hiermit danken.
Meiner Tochter Melissa, die mir stets Inspiration und Motivation ist.
Meiner Frau Magda, die mich immer unterstützt, antreibt und auffängt.
Meinem Vater, der in mir die Begeisterung für Architektur geweckt hat.
Meiner Mutter, die in allem das verborgene Potenzial sehen kann.
Meinen Schwiegereltern, die bedingungslos für ihre Kinder und Enkel da sind.
Ferdi, der mir immer wieder zeigt, wie weit uns ein starker Wille tragen kann.
Eduard, für all die gemeinsamen Erfahrungen als selbständige Architekten.
Bodo Schäfer und Boris Grundl für ihr Vorbild und zahllose hilfreiche Tipps.
Frederik, der mich zu Bodo Schäfer geführt und mir den Weg gezeigt hat.
Und unserer Katze Lucky für ihre schweigsame Gesellschaft in all den Stunden, in denen ich dieses Buch geschrieben habe.
Ich setze die Virtual-Reality-Brille ab und schaue in das stolze Gesicht meines Nachbarn. „Wahnsinn, oder?“ sagt er. Die Begeisterung glänzt in seinen Augen. Er hat seinen Kindern die neueste Ausrüstung für ihre Spielekonsole besorgt, und nun können sie vom eigenen Zimmer aus in völlig neue Welten aufbrechen. Das wollte er mir zeigen.
Also habe ich gerade einen virtuellen Ausflug in eine Unterwasserwelt hinter mir. Alles wirkte täuschend echt, sogar die Schatten und Lichtreflexe waren überzeugend. Über Kopfhörer habe ich statt der Hintergrundgeräusche des Kinderzimmers dem Rauschen und Blubbern des Wassers gelauscht.
„Ja, Wahnsinn…“ gebe ich zurück, und mein Nachbar fährt mit seiner Demonstration fort. Wahnsinn, denke ich, die Technik hat uns überholt. Ohne diese Brille finde ich mich in einem renovierten Altbau wieder, Laminat am Boden, Putz an den Wänden. Wenn ich aus dem Fenster schaue, fliegen dort keine futuristischen Fahrzeuge zwischen den Gebäuden.
Stattdessen sehe ich die kopfsteingepflasterte Dorfstraße vor meinem eigenen Haus – ein denkmalgeschützter Hof aus der Mitte des letzten Jahrtausends. Der Fassaden-Putz hat Risse und muss mal wieder saniert werden. Hundert Meter weiter verläuft eine Bahnlinie, und die schweren Güterzüge erschüttern regelmäßig den ganzen Ortskern.
Ich staune, wie intensiv mir dieser virtuelle Ausflug vor Augen führt, dass unsere materielle Welt abgehängt wird – vielleicht schon abgehängt wurde. Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts haben wir noch Utopien entwickelt und völlig ungezwungen Ideal-Städte der Zukunft geplant. Heute im 21. Jahrhundert überlassen wir dies der Unterhaltungs-Industrie.
Mit „wir“ meine ich diejenigen, die sich der stetigen Veränderung und Verbesserung unserer gebauten Umwelt verschrieben haben: Architekten, Ingenieure, Planer und alle, die den Zustand unserer Welt nicht so akzeptieren wollen, wie er ist. Wir sind zu langsam und bleiben hinter denen zurück, die alternative, virtuelle Realitäten anbieten.
Während mein Nachbar mir zeigt, welche anderen Traumwelten er neben dem Korallenriff noch anzubieten hat, denke ich daran, wie stolz ich Architekten erlebe, die ihre Entwürfe als fotorealistische Renderings zeigen – unbewegte atmosphärische Bilder einer noch zu bauenden Realität.
„Bauen“ ist das Schlüsselwort, das mich erkennen lässt: das Virtuelle ist keine Konkurrenz für die materielle Welt. Virtuelle Szenarien müssen sich schließlich nicht mit den Naturgesetzen auseinandersetzen, auch wenn diese simuliert werden. Fliegende Autos - kein Problem im Cyberspace.
„Du musst bloß aufpassen, dass Du nicht vor irgendwelche Wände rennst“ rät mir der Nachbarssohn, bevor ich mich an einer Runde virtuellem Tennis versuchen darf. So ganz ausblenden lässt sich die materielle Wirklichkeit dann offenbar doch nicht. Das ist aber wohl eine Frage der Zeit.
Durch diese Erfahrung erkenne ich: die wachsende Beliebtheit und die täuschend echte Erscheinung der künstlichen Welten zeigen uns, dass unsere materielle Welt einiges vermissen lässt. Was immer es ist – der Ausgleich wird nicht nur in der VR gesucht, sondern auch auf anderen Plattformen, die vor allem das Internet zu bieten hat.
Und die Entwickler dieser Angebote zeigen uns, die wir die Verantwortung für die Attraktivität unserer gebauten Umwelt tragen, ganz deutlich: wir bleiben mit dem, was wir heute leisten und zeigen, weit hinter den Möglichkeiten der Technik zurück.
Mit 0:6 im ersten Satz geschlagen, schaue ich noch einmal wehmütig aus dem Fenster. Es ist mittlerweile dunkel draußen, und das orangefarbene Licht der Laterne lässt die Straße wie ein Bild aus ferner Vergangenheit erscheinen. Erst ein vorbeirollendes Auto verrät, dass auch außerhalb dieses Raums die Zeit nicht stehen geblieben ist.
Bevor ich die Brille wieder aufsetze, um zumindest im zweiten Satz zu punkten, packt mich der Ehrgeiz: das können wir doch besser! Es gibt so viel zu tun, um unsere gebaute Umwelt in das einundzwanzigste Jahrhundert zu holen und fit für das zweiundzwanzigste zu machen. Es gibt so viele Möglichkeiten, so viele kreative und schlaue Köpfe. Wenn wir all diese Energie und Schaffenskraft, die heute diese virtuelle Zufluchten erzeugt, nutzten oder zumindest zum Vorbild nähmen, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen – was könnten wir alles erreichen?
Aufschlag. Ich hole weit aus und dresche mit Schwung die Leuchte von der Zimmerdecke. So ganz reibungslos funktionieren reale und virtuelle Welt wirklich noch nicht zusammen, denke ich, während ich den verbogenen Lampenschirm wieder zurechtbiege.
Das Erlebnis mit der VR-Brille lässt mich nicht los. Ich denke noch Tage später darüber nach, was diese Entwicklung für uns Architekten bedeutet.
Waren wir nicht seit jeher diejenigen, die mit Skizzen und Modellen ihre Ideen entwickelt und ihren Bauherren präsentiert haben? Ist es nicht unsere Aufgabe, Gedanken zuerst zu Bildern und dann zu gebauter Wirklichkeit werden zu lassen? Wird es für uns zum Problem, wenn andere es besser verstehen, Vorstellungen in erfahrbare Erlebnisse zu verwandeln?
Im Büro holt mich die Realität ein. Während ich Detailzeichnungen von Baukonstruktionen prüfe und Leistungsbeschreibungen für Handwerker aufsetze, ist keine Zeit für Luftschlösser. Hier geht es um harte Fakten und präzise Technik. So schön sich eine Dachlandschaft auch gestalten lässt – wenn sie kaum zu bauen ist und es dann noch durchregnet, habe ich als Planer versagt.
Als ich eine Lösung für einen etwas anspruchsvolleren Regenrinnen-Anschluss finde, erwische ich mich bei einem selbstzufriedenen Gedanken: wir Architekten könnten sicherlich auch tolle digitale Fantasielandschaften entwickeln, aber diese VR-Designer könnten bestimmt nicht wie wir die ganze Bautechnik bewältigen.
„Das mag stimmen, doch der Vergleich hinkt“, rufe ich mich innerlich zur Ordnung. Natürlich tragen wir Architekten ein Korsett, das unsere gestalterische Freiheit einschnürt. Es besteht aus den konkreten Anforderungen unserer Bauherren, den Naturgesetzen und den einschlägigen Regeln für das Bauen. Damit müssen wir umgehen. Die VR-Designer nicht.
Einen kurzen Moment lang beneide ich die Designer für ihre Zwanglosigkeit, bevor ich mich daran erinnere, weshalb ich mich dafür entschieden habe, Architekt zu sein. Ich denke an das Licht im Pantheon, den Blick vom Empire State Building, die faszinierenden Formen der Sagrada Familia und die Präzision des Eiffelturms.
Abbildung 1: o.l.: Pantheon; u.l. Empire State Building; o.r. Eiffelturm, u.r. Sagrada Familia
„Wirkung“, sage ich mir. Darum geht es. Das kriegen die VR-Designer besser hin als wir heutzutage. Wenn wir die Anforderungen aus unserem Korsett bewältigen, dann haben wir damit erst das Minimum dessen erfüllt, was von uns als Architekten erwartet wird.
Mit dieser Erkenntnis fällt es mir auf einmal schwer, dem Dachdecker zu beschreiben, was er wie bauen soll. Die Texte im Leistungsverzeichnis wirken so schroff, technisch und ohne jede Leidenschaft für das gewünschte Ergebnis.
Ich frage mich, wie die Baumeister es damals angestellt haben, ihre beeindruckenden Bauwerke zu schaffen. Bauwerke, die auch heute noch eine Faszination bei ihren Besuchern auslösen, gegen die jedes Film- und Videospiel-Erlebnis verblasst.
Mein Blick schweift über meine beiden Monitore, über exakte CAD-Zeichnungen und mein Programm für die Organisation der Handwerker-Ausschreibung. Wir sind heute technisch so viel weiter als unsere Vorgänger. Bedeutet „weiter“ auch „besser“?
Abends durchstöbere ich das Internet auf der Suche nach gebauten Beispielen aus den letzten Jahrzehnten. Bauten mit einer Wirkung, die mit der jener Ikonen der alten Meister vergleichbar sein soll. Meine Kriterien: persönliches Empfinden beim Betrachten der Bilder – und die Besucherzahlen.
Ich komme zu dem Ergebnis, dass die Sensation der Superlative die Nase vorn hat – damals wie heute. Früher staunte die Welt über den Eiffelturm und heute über den Burj Khalifa. Aber muss es immer höher, weiter und ausgefallener sein? Was ist mit der Liebe zum Detail?
Ich beschließe, den Faktor „Wirkung“ bei meiner Arbeit stärker zu berücksichtigen und meine Kollegen künftig zu fragen, welche Wirkung sie mit ihren Entwürfen erzielen wollen. Auf die Reaktionen bin ich gespannt.
Abbildung 2: Burj Khalifa
„Ich möchte das Material zeigen. Stell Dir nur mal vor, wenn die Abendsonne tief steht und das warme Licht durch die großen Fenster den rauen Schiefer streift…“, schwärmt mein Kollege.
Ich hatte ihn gefragt, welche Wirkung er mit seiner Wandgestaltung aus Naturstein im Wohnbereich eines Einfamilienhauses erzielen wolle. Solche Fragen habe ich in den letzten Tagen häufiger gestellt, ohne mich dazu näher zu erklären. Das war auch nicht nötig. Es kommt offenbar selten vor, dass die Bautechniker und Ausschreibenden die Entwerfer nach ihren Vorstellungen fragen. Das ist zwar grundsätzlich schade, aber dadurch haben sich meine Kollegen über mein Interesse umso mehr gefreut.
Falsch verstanden haben sie mich trotzdem. Ausnahmslos hatten sie mir die Materialität und die geometrische Gestaltung ihrer Entwürfe erklärt. Fast immer ging es um Licht-Szenarien und Texturen, um die klare Linie ohne Schnörkel und lästige Übergänge. Manchmal wollte jemand etwas vermeintlich Neues ausprobieren und hat ein Gimmick eingeplant: eine Glasfläche im Boden oder einen naturbelassenen Baumstamm als borkige Innenstütze.
Höchstens in einem Nebensatz gingen sie darauf ein, worauf es mir hauptsächlich ankam: welche Wirkung soll der Entwurf auf diejenigen haben, die das gebaute Ergebnis sehen, betreten, erfahren? Nicht was der Sender im Sinn hat, zählt, sondern was beim Empfänger ankommt.
Unser Kollege Daniel Libeskind hat mal in einem Interview gesagt: „Mit der Macht der Architektur ist es wie mit der Macht des Wortes – wie sie funktioniert ist nur schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass sie sehr direkt wirkt, man muss nicht lesen können, muss nicht gebildet sein.“1
Dieses Zitat ist eines meiner liebsten. Es erklärt das Dilemma, das sich ergibt, wenn wir die Gedanken an die Wirkung unserer Arbeit vernachlässigen. Unsere Mitmenschen sind normalerweise weniger fokussiert auf das Spiel aus Licht, Form und Material. Sie beachten raffinierte Gebäude-Details nicht so bewusst wie wir. Oft zählen nur das Bauchgefühl und der erste Eindruck, wenn es um die Bewertung dessen geht, was wir Architektur nennen.
Es ist für uns schon schwer zu akzeptieren, dass sich auch totale Laien zur Architektur äußern und ihre Eindrücke hemmungslos mitteilen dürfen. Wenn diese Laien dann auch noch unsere Auftraggeber sind, wird es für uns richtig anstrengend. Spätestens in dieser Situation sollte man als Architekt die eigene Einstellung auf den Prüfstand stellen: sind wir Missionare für unsere Architektur, Dienstleister für unsere Kunden, oder ein bisschen von beidem?
Ich kann mich noch gut an einen Urlaub in Barcelona erinnern, bei dem wir auch den berühmten Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe besucht hatten. Als wir endlich davorstanden, widerstrebte es meiner Frau, ihn zu betreten. Sie fand dieses Gebilde aus Platten und Scheiben weder attraktiv noch interessant, auch im Zusammenhang mit der kontrastierenden Umgebung. Auch ich war erstaunt darüber, wie sehr sich die wahre Erscheinung dieses Wallfahrtsorts für Architekten von dem unterscheidet, was man allgemein von Fotos kennt. Tatsächlich war diese Ikone der Architektur-Moderne die einzige Touristen-Attraktion, für deren Betreten wir an keiner Schlange anstehen mussten. Das zeigt uns deutlich: anspruchsvolle Gestaltung gefällt nicht jedem – und das ist auch gut so.
Abbildung 3: Barcelona-Pavillon
Denn bei der Bewertung von Architektur zählt jede Stimme gleich. Egal ob Kind oder Greis, gefeierter Architekt oder völliger Architektur-Laie – alle haben ihr Gefühl beim Erfahren unserer gebauten Werke. Und wenn sie ihre Eindrücke mit uns teilen, dann ist das eine sehr wertvolle Quelle für unseren Erfahrungsschatz. Wir können dann lernen, mit welchen Mitteln sich welche Wirkung erzeugen lässt – und mit welchen nicht. Natürlich ist es leichter, stattdessen unseren Mitmenschen die Kompetenz abzusprechen.
„Der hat ja keine Ahnung“, schimpft mein Kollege. Sein Bauherr mochte seine Idee mit dem Schiefer nicht und will lieber eine glatt verputzte Wand. Denn da könne man besser Möbel davor vorstellen.
Wie oft kommt so etwas im Alltag der Architekten vor? Wir haben jedes Mal die Wahl: Missionar, Dienstleister, oder der Kompromiss. Wie wollen wir uns positionieren? Irgendwo zwischen Diktator und Sklave liegt die Rolle des Architekten. Kann es sein, dass das Finden von Kompromiss-Lösungen einen wesentlichen Teil unserer Arbeit ausmacht?
Schon diese Frage mag auf manche Idealisten wie Ketzerei wirken. „Gute Architektur und Kompromisse, das passt nicht zusammen! Das lernt man doch schon als Student an der Hochschule“, höre ich die Fanatiker rufen. Und wenn das stimmt, dann müssen wir Architekten unfehlbar sein, um unsere Arbeit richtig zu erledigen. Das ist ein ziemlich hoher Anspruch, oder?
1 (Libeskind, 2008)
Als ich mit einem erfahrenen Bautechniker meine Detailpläne bespreche, fühle ich mich alles andere als perfekt. An jeder Konstruktionszeichnung gibt es etwas anzumerken, und der alte Hase hat auch etliche Verbesserungsvorschläge für mich.
„Geh‘ nicht davon aus, dass die Bauarbeiter das auf der Baustelle millimetergenau so zusammenbauen, wie Du das hier so schön zeichnest“, rät er mir. Damit hat er wohl Recht. Auf der Baustelle weht ein anderer Wind als im Büro. Und auch wenn wir Architekten makellose Arbeit liefern könnten – ein Bauprojekt absolviert man nicht im Alleingang.
Ist es nicht so, dass wir täglich mit einer Vielzahl von anderen Menschen umgehen, die wir allesamt für den Erfolg unserer Projekte brauchen? Handwerker, Ingenieure, Beamte, und natürlich unsere Bauherren. Sie alle haben Ideen und Vorstellungen für unser Projekt – und wir müssen bewerten, welche davon mehr und welche weniger hilfreich für das gewünschte Projekt-Ergebnis sind.
Oft schließt die beste Lösung für einen Teilbereich die beste Lösung für einen anderen Teilbereich aus. Zum Beispiel stehen die Anforderungen an den baulichen Brandschutz oft im totalen Gegensatz zu der Notwendigkeit, das Gebäude mit allerlei Leitungen zu durchziehen. Und wenn dann noch die tragenden Elemente durchlöchert werden, zerren plötzlich etliche Ingenieur-Disziplinen an unserem schönen Entwurf.
Wenn das geschieht – und das passiert in nahezu jedem Bauprojekt – dann müssen wir zwischen den Beteiligten vermitteln können. Je nachdem, wie flexibel unser Architektur-Konzept die Anforderungen der Fachdisziplinen aufnehmen und vereinen kann, ist dies ein mehr oder weniger anstrengender Prozess. Und wann soll man als Architekt dann noch an die Wirkung denken, die wir mit unserer Gestaltung erzielen wollen? Wir können doch schon froh sein, wenn wir es schaffen, die ganzen verschiedenen Anforderungen unter einen Hut zu bekommen, oder?
„Am Ende bleibt eh alles an uns hängen“, belehrt mich mein Kollege, als wir über die vielen Abhängigkeiten im Planungs- und Bauablauf reden. „Wir sind die ersten und die letzten, mit denen der Bauherr spricht. Am Anfang überschlagen sich die Leute vor Begeisterung, und spätestens bei der Baustelle kommt dann das große Zittern. Wenn dann der Bau nicht so läuft wie geplant, sind immer wir Architekten diejenigen, die den schwarzen Peter haben.“
Ich neige stumm den Kopf und überlege, ob ich dem Gesagten zustimmen will.
Er hat schon Recht damit, dass wir als Architekten mitten im Geschehen sind. Alles, was im Projekt passiert, nimmt Einfluss auf unsere Arbeit und den Eindruck, den wir bei den übrigen Projektbeteiligten hinterlassen. Natürlich erwartet der Bauherr von uns, dass wir seine Gedanken lesen und seine Bauwünsche wahr werden lassen. Wenn das nicht gut klappt, sind Ärger und Enttäuschung vorprogrammiert. Aber wenn wir das gut hinbekommen, ernten wir begeisterte Dankbarkeit. Jedenfalls dürfen wir darauf hoffen.
Es scheint wirklich schwer zu sein, die Wünsche des Bauherrn zu erfüllen – wenn wir sie denn erst richtig herausgearbeitet haben. Da gibt es Erwartungen zur Gestaltung, zu ganz bestimmten Qualitäten des Bauwerks, zum Kosten- und zum zeitlichen Rahmen. Das alles können wir planen und betreuen – die Umsetzung kommt jedoch von anderen Beteiligten.
Von deren mehr oder weniger guter Leistung, deren Glück oder Unglück, sind wir ebenfalls abhängig. Falls etwas richtig schief geht auf der Baustelle, dann wird von uns erwartet, dass wir es schon wieder auf die richtige Spur bringen. Wenn wir nicht deutlich machen, was wir damit für einen Aufwand haben und welche besondere Leistung wir erbringen, nehmen Bauherren selbst Meisterleistungen und jeden zusätzlichen Einsatz als selbstverständlich an.
Klar, dass wir keine Anerkennung erwarten können, wenn wir stillschweigend die Wogen glätten. „Tue Gutes und rede darüber“ lautet ein geflügeltes Wort im Marketing. Das sollten wir uns zu Herzen nehmen.
Abbildung 4: Auflösung im Abbildungsverzeichnis
Wir sind in unserem Wirken abhängig davon, gute Beziehungen zu unseren Mitspielern aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Wir sind als Architekten dafür
verantwortlich, dass die Beteiligten ein einheitliches Verständnis für das Projekt entwickeln und begreifen, dass das Ziel nur gemeinsam zu erreichen ist. Dann lassen sich als Team auch die ganzen Widrigkeiten bewältigen, die in jedem Projekt auf die eine oder andere Weise auftauchen. So können wir zusammen Lösungen finden und gemeinsam Erfolge feiern.
Und dann können wir auch unsere Vorstellung für die gewünschte Wirkung unserer Architektur vermitteln. In einem positiv geprägten Miteinander lassen sich Ideen entwickeln und besprechen. In einem Umfeld voller Stress und Streit funktioniert das nicht.
Architektur als Ergebnis harmonischen Zusammenwirkens - das ist doch ein schöner Ansatz, denke ich. Warum sieht die Realität im Projekt so oft ganz anders aus?
„Wann soll die Baustelle denn starten?“, reißt mich mein älterer Kollege aus meiner Grübelei. Er soll die Bauleitung übernehmen und hat arge Bedenken, ob der aktuelle Ablaufplan funktioniert.
Ich seufze und antworte: „Eigentlich in vier Monaten, aber das hängt von den Behörden ab. Die haben Unterlagen nachgefordert.“
„Ach so? Was wollen die denn noch wissen?“
„Das Umweltamt hat noch Bedenken wegen unserer Baugrube und den Wurzeln der umliegenden Bäume. Da sollen wir ein Gutachten erstellen.“
„Auweia“, meint er, „bis das erstellt und geprüft ist, vergeht ein halbes Jahr.“
„Genau. Und je nachdem, wie diese Geschichte ausgeht, kann es uns die komplette Planung über den Haufen werfen“, antworte ich und ahne, was jetzt im Kopf meines Kollegen vor sich geht.
„Und warum besprechen wir dann jetzt diese Pläne, von denen keiner weiß, ob sie umgesetzt werden können?“, bestätigt er meine Erwartungen.
„Weil wir auf Risiko spielen. Wenn die Sache gut für uns ausgeht, können wir mit der Baugenehmigung sofort den Baubeginn anmelden. Und wenn es schlecht ausgeht…“. Er knüpft an meinen Satz an: „…müssen wir die Planung völlig neu aufsetzen. Warum hat das mit den Wurzeln denn vorher keiner geprüft?!“
„Ich kann’s Dir leider nicht sagen. Was ich aber weiß ist, dass der Bauherr möglichst schnell beginnen möchte, nachdem die Baugenehmigung erteilt wurde. Darum sollen wir auf Grundlage dieser Planung auch die Erd- und Rohbau-Unternehmen anfragen und dazu Leistungsbeschreibungen erstellen.“
„Was?!“ Mein Kollege springt schockiert auf und sein Stuhl poltert zu Boden. „Weiß der, was das für ein Aufwand ist? Und wenn das Amt sich quer stellt, machen wir das alles noch einmal neu. Was soll ich denn meinen Handwerkern erzählen, wenn die sich dann alle die Mühe machen und Angebote schreiben? ‚Tut mir leid, Leute, da haben wir zu schnell geschossen‘? Als ob ich dann nochmal jemanden dazu anfragen könnte! Es baut im Moment sowieso jeder, der kann. Da brauchen wir mindestens ein halbes Jahr Vorlaufzeit, bis die Unternehmer wieder Kapazitäten frei haben.“
Abbildung 5: Auflösung im Abbildungsverzeichnis
Ich bleibe still sitzen, während er wütend im Besprechungsraum hin und her läuft. Als er sich endlich beruhigt, steckt eine Kollegin ihren Kopf zur Tür herein. „Alles in Ordnung hier?“, fragt sie und schaut besorgt.
„Nichts ist in Ordnung!“, fängt mein Kollege wieder an, „Wir vermasseln die Grundlagenprüfung und lassen uns dann vom Bauherren zu doppelter Arbeit drängen. Kriegen wir das im Zweifel denn bezahlt?“
„Darüber wurde verhandelt“, sage ich und versuche, einen möglichst beruhigenden Ton anzuschlagen. „Der Bauherr meint natürlich auch, dass wir die Sache mit dem Gutachten schon früher hätten erkennen müssen. Aber dabei geht es bloß um die Zeit, die es für die Erstellung dieses Gutachtens braucht. Und wenn die Sache vom Umweltamt akzeptiert wird, sind wir ja gut im Rennen.“
„Ja, und wenn nicht…“, knurrt mein Kollege.
„Wenn das Amt unseren Antrag ablehnen sollte, geht die unpassende Planung leider auf unsere Kappe, inklusive Zeit und Aufwand für die Überarbeitung. Das betrifft auch die Leistungen der Tragwerksplanung und der Bauphysik. Deshalb hätten wir natürlich die weitere Leistung bis zur Rückmeldung vom Amt pausieren wollen, sobald wir von dem Gutachten-Thema erfahren haben.“
Mein Kollege hebt seinen Stuhl wieder auf, bleibt aber mit vor der Brust verschränkten Armen stehen. „Und warum haben wir das nicht?“, will er wissen.
„Der Bauherr will keine weitere Verzögerung. Also haben wir uns auf ein Entgegenkommen geeinigt: wir arbeiten trotz Risiko weiter, und er zahlt uns im Fall, dass wir die Planung ändern müssen, die Hälfte des Honoraraufwands für die Leistungen, die doppelt anfallen.“
Ich beobachte staunend, wie der zornesrote Kopf meines Kollegen wieder seine normale Farbe annimmt. Ohne ein Wort zu sagen, setzt er sich wieder hin und starrt auf die ausgebreiteten Pläne auf dem Tisch. Nun fasst sich meine Kollegin ein Herz, tritt ein und klopft ihm auf die Schulter.
Abbildung 6: Auflösung im Abbildungsverzeichnis
„Alles wird gut“, meint sie im aufmunternden Ton. Ich beschließe, mich als Überbringer der schlechten Nachricht jetzt erstmal still zurück zu lehnen.
„Na klar wird alles gut“, gibt mein Kollege schnippisch zurück. Er sitzt vorgebeugt auf seinem Stuhl, die Ellenbogen auf seine Knie gestützt. „Papa macht das schon, stimmt’s? Ich bin schon über dreißig Jahre Bauleiter, und es ist doch immer derselbe Mist. Die Planung verbockt was, und ich darf es wieder richten. Der Bauherr ändert was, und ich muss sehen, wie ich das mitten im Bauablauf noch hinbekomme. Die Handwerker spielen Kindergarten, und ich muss alle wieder zur Arbeit tragen. Kann denn nicht einfach jeder bloß seinen verdammten Job machen?“
Ich wage mich ins Minenfeld und werfe ein: „‘Einfach‘ kann doch jeder.“
Ich hatte mit einer fliegenden Kaffeetasse gerechnet, oder zumindest einem wütenden Spruch – alles besser als Resignation. Aber mein Kollege zieht nur die Augenbrauen hoch und schaut mich mit einem müden Lächeln an. Ich erkenne, dass der Bursche wirklich mal Urlaub braucht. Also stehe ich auf, klopfe ihm ebenfalls auf die Schultern und verspreche, dass ich zu dieser Angelegenheit noch einmal mit unserer Abteilungsleitung reden werde. Vielleicht lässt sich für künftige Projekte ja etwas verbessern.
Am Nachmittag klopfe ich an der Bürotür meines Abteilungsleiters und trete direkt ein. Er gibt mir ein Zeichen mit der Hand, dass er gerade telefoniert – ich hatte sein headset nicht bemerkt. Unvermittelt bleibe ich stehen und überlege, wieder zu gehen. Doch er winkt mich herein und zeigt auf den Sessel neben seinem Schreibtisch.
Während ich mich also in den viel zu tiefen Ledersessel fallen lasse und mich frage, wie ich halb liegend ein Gespräch führen soll, hämmert mein Vorgesetzter mit beiden Händen in die Tasten seines Notebooks und redet weiter mit irgendjemandem aus der Buchhaltung. Es gibt wohl Unstimmigkeiten mit Rechnungsbuchungen. Na toll, denke ich, da ist der Kollege ja gleich in bester Stimmung, wenn ich mein Thema vortrage.
Ich habe mir das Gespräch mit dem Bauleiter noch einmal durch den Kopf gehen lassen und mir überlegt, wie sich seine Lage verbessern lässt. Als mein Abteilungsleiter auflegt und mich nach meinem Anliegen fragt, beuge ich mich mühsam im Sitz vor und beginne: „Wir müssen unsere Bauleiter entlasten, sonst hält das bei uns keiner bis zur Rente durch. Alles, was in der Planung gut oder schlecht läuft, zeigt sich auf der Baustelle – und unsere Leute müssen damit umgehen.“
Mein Vorgesetzter schaut mich verwundert an und fragt mich, wie ich darauf komme. Er ist es wahrscheinlich gewohnt, dass die Bauleiter ihm ihr Leid klagen – aber dass nun einer der Bautechniker für die Kollegen spricht, überrascht ihn sichtlich. Ich erzähle kurz von meinem Gespräch mit unserem Senior-Bauleiter. Mein Abteilungsleiter hört aufmerksam zu und ignoriert dabei das Telefon, das während meines Berichts zweimal läutet. Als ich fertig bin, lehnt er sich in seinem Bürostuhl zurück und faltet die Hände vor dem Gesicht, die Ellenbogen auf die Armlehnen gestützt.
„Mir gefällt diese Situation auch nicht“, legt er los, „schließlich bin ich dafür verantwortlich, dass wir mit diesem Projekt schwarze Zahlen schreiben. Aber ich kann unseren Architekten nicht vorwerfen, dass sie diese Wurzel-Thematik übersehen haben. Sowas gehört einfach nicht zu dem, was man normalerweise in der Entwurfsphase prüft.“
Abbildung 7: Auflösung im Abbildungsverzeichnis
„Aber im Baugrundgutachten steht doch ein Hinweis auf den durchwurzelten Boden“, entgegne ich, „und dieses Gutachten hatten wir schon lange bevor wir den Bauantrag gestellt haben.“
„Diese Angaben stehen da drin, damit wir beim Erdaushub wissen, wie die Erde zu behandeln und zu deponieren ist“, belehrt er mich. Das weiß ich auch, wundere mich allerdings, weshalb niemand mit dieser Information einen Schritt weitergedacht hat. Ich spreche diesen Gedanken nicht aus und versuche, den Bogen zurück zu meinem ursprünglichen Thema zu spannen.
„Macht es Sinn, solche Dinge in einer Art Checkliste zu sammeln? Ich meine, damit unsere Entwerfer aus diesem Fall lernen und sowas künftig berücksichtigen können“, schlage ich vor.
Bevor er antworten kann, klingelt das Telefon wieder, und mein Abteilungsleiter drückt ärgerlich auf eine Taste des Notebooks. Das Klingeln verstummt. „Sorry“, meint er, „am Monatsanfang drehen die von der Buchhaltung immer durch. Ich muss noch unsere Personalplanung abschließen und hochladen, zwei Rechnungen korrigieren und ein Angebot schreiben – alles heute.“
Während er spricht, steht er auf, läuft an mir vorbei und holt zwei Aktenordner aus einem Regal auf der anderen Seite des Büros. Erst als er wieder an seinem Schreibtisch ankommt, knüpft er an unser Gespräch an: „Checklisten sind nicht verkehrt, aber man kann nicht alles damit berücksichtigen. Ich glaube jedenfalls nicht, dass wir künftig jede Eventualität in solchen Checklisten erfassen und unsere Architekten dann während ihrer Entwurfsarbeit nebenbei diese Listen abhaken.“
Er kramt in einem der beiden Ordner herum, während ich mich wundere, wie man Vorbehalte gegen Checklisten haben kann. Ich finde solche Werkzeuge sehr hilfreich, wenn sie gut gemacht sind.
Nach einer kleinen Weile des Herumblätterns im Ordner findet mein Vorgesetzter endlich ein Blatt, das er ausheftet und mir zeigt. „Schau, das ist so ein Checklisten-Monster für die Angebots-Erstellung. Endlos viele Fragen, die ich alle beantworten muss. Unser Qualitätsmanagement prüft das.“
„Und was ist mit dem Qualitätsmanagement für unsere Projekt-Arbeit?“, frage ich.
„Dafür haben wir doch die Planprüflisten“, meint mein Abteilungsleiter und setzt sich. Er fokussiert sich mehr und mehr auf die Ordner vor sich und vermittelt mir so, dass er sich jetzt seinen anderen Aufgaben widmen will. Doch so einfach will ich meinen Vorschlag nicht versanden lassen.
„Planprüflisten stellen nur sicher, dass unsere Pläne richtig gezeichnet und vollständig sind. Mit dem Entwurf haben die doch wenig zu tun. Wenn es okay ist, dass ich dafür ein paar Stunden investiere, setze ich eine Checkliste für unsere Entwerfer auf“, sage ich, während ich mich mühsam aus dem Sessel heraus stemme.
Abbildung 8: Auflösung im Abbildungsverzeichnis
Mein Vorgesetzter schaut von seinen Ordnern auf und sieht mich mit einer seltsamen Strenge direkt an. „Nein. Ich halte es für keinen guten Ansatz, unsere Architekten mit solchen Listen in ihrer gestalterischen Freiheit zu beschränken. Ich war selbst Architekt vor meiner Beförderung, und ich würde es hassen, so arbeiten zu müssen. Je mehr in solchen Listen drinsteht, desto schwerer wird es, einen anständigen Entwurf hinzubekommen. Dann fabrizieren wir bloß noch langweiligen Einheitsbrei.“
Ich bin schockiert über diese Einstellung und versuche, mir das mit meiner Antwort nicht allzu sehr anmerken zu lassen: „Mir geht es doch überhaupt nicht darum, jemanden einzuschränken. Ich will unseren Entwerfern doch nur damit helfen, Dinge zu beachten, die wichtig für das weitere Projekt sind. Damit wir später nicht wieder Ehrenrunden in der Ausführung drehen.“
„Ob wir die Arbeit nach vorn verlagern, oder den Aufwand wie jetzt in der Ausführungsplanung haben, ist doch Jacke wie Hose. Wir müssen bloß auf unseren gesamten Zeiteinsatz achten, damit wir mit unserem Honorar auskommen. Da können wir zusätzlichen Aufwand durch irgendwelche Listen kaum gebrauchen, oder?“
Bei den letzten Worten steht mein Abteilungsleiter auf und verschränkt die Arme vor der Brust. Ich erkenne, dass ich mit meiner Idee bei ihm auf Granit beiße. Innerlich bebe ich, weil ich nicht fassen kann, dass jemand den Wert von Planungshilfen dermaßen anders einschätzt. Ich versuche einen letzten Anlauf, um ihn umzustimmen: „Was wäre, wenn wir durch die Listen unsere Projekte schneller und mit kleinerer Fehlerquote abwickeln würden?“
Mein Vorgesetzter kommt zu mir herüber, legt mir seine Hand auf die Schulter und erklärt mir in versöhnlichem Ton: „Das ist der Wunsch, der in jeder Checkliste steckt. Aber beim Entwerfen funktioniert das etwas anders. Da muss man frei denken und auch mal über den Tellerrand hinaus. Du weißt doch, es gibt so unendlich viele Regeln, Gesetze, Normen und Richtlinien – wie soll man unter diesem Druck denn etwas Schönes entwickeln? Gute Architektur leidet unter zu straffen Prozessen und Systemen. Und manchmal gibt es eben Überraschungen, die sich nicht planen lassen. Jedes Projekt und jeden Bauherrn muss man individuell betrachten – da lässt sich unsere Arbeit nicht in ein Schema pressen. Und das ist auch gut so, denn sonst würde man uns in naher Zukunft durch Computer und Maschinen ersetzen.“
Ich merke kaum, wie er mich während seines kleinen Monologs allmählich in Richtung der Bürotür geleitet. Ich muss das Gehörte erst auf mich wirken lassen, denn ich spüre, dass sich im Vortrag meines Abteilungsleiters ein folgenschwerer Denkfehler verbirgt. Was ist es bloß, das hier nicht stimmt?
Mein Vorgesetzter endet und schaut mich in stummer Erwartung an, als erwarte er meine Zustimmung. Ich presse die Lippen zusammen, nicke kurz zum Abschied und laufe den Flur hinunter zu meinem Schreibtisch.
Nach Feierabend freue ich mich über ein kaltes Bier. Und darüber, dass mein bester Freund Zeit für ein Treffen hat. Er ist Bauingenieur und arbeitet als freier Bauleiter für wechselnde DAX-Konzerne und deren Bauprojekte. Die Geschichten, die er mir von seinen Baustellen erzählt, lassen die Herausforderungen meines Berufsalltags klein erscheinen.
„Was schiefgehen kann, das geht schief“, meint er und nimmt einen Schluck aus seinem Glas. Der Bierschaum hängt in seinem Bart. Er wischt sich den Mund mit dem Handrücken ab und fügt hinzu: „und zwar dann, wenn Du es am wenigsten gebrauchen kannst.“
Ich schmunzele und schaue über unseren rustikalen Holztisch hinüber zum Tresen. Wir haben uns diese schattige Bar ausgesucht, weil hier die Musik angenehm und leise genug für ein gutes Gespräch ist. Unter der Woche kommen kaum Gäste hier her – normalerweise. Gerade hat sich eine Gruppe aus fünf jungen Leuten unter lautem Geplauder auf die Barhocker gesetzt. Sie reden verspielt kritisch über Plakatwerbungen. Vermutlich Studenten, denke ich und murmele: „Auf Murphys Gesetz ist Verlass.“
Mein Freund sitzt direkt neben mir und hat mich trotz der Geräuschkulisse verstanden. Er grinst: „Ja, und das ist gut so. Wenn immer alles nach Plan liefe, dann wäre ich ja arbeitslos.“ Ich nicke mit einem Lachen, was ihn zu einer Stichelei einlädt: „Ich muss mich immer wieder bei Euch Architekten bedanken. Dank Euch brauche ich mir nie Sorgen zu machen – es gibt immer reichlich zu tun.“
Damit trifft er einen wunden Punkt bei mir. Ich erzähle ihm von meinen Erlebnissen heute im Büro. Davon, wie ich erlebe, dass Architekten immer weiter von der Baustelle abrücken. Davon, dass sie sich weigern, wirksame Hilfsmittel für ihre Arbeit zu akzeptieren, mit denen sie ihre Aufgaben leichter und sicherer bewältigen könnten und mehr Zeit für ihre geliebte gestalterische Arbeit hätten. Jetzt lacht er.
„Ich habe schon mit so vielen Architekten zu tun gehabt, dass ich sagen kann: Architekten sind ein wirklich seltsamer Menschenschlag. Sie opfern sich für ihre Arbeit auf und arbeiten Tag und Nacht. Trotzdem verdienen sie nie genug Geld. Sie ändern laufend ihre Konzepte, um ihren Bauherren zu gefallen – und wünschen, dass ich sie dabei unterstütze. Bei anderen stellen sie alles infrage, bei sich selber nie. Meistens haben sie keine Ahnung von Technik und erwarten von uns Ingenieuren alles für nichts. Ganz schön chaotisch für jemanden, der dafür bezahlt wird, Ordnung ins Chaos zu bringen.“
Abbildung 9: Auflösung im Abbildungsverzeichnis
Ich schlage ihm mit der flachen Hand auf die Schulter, halb freundschaftlich und halb zur Strafe für seinen Monolog. Er hält im Allgemeinen wirklich nicht viel von Architekten, doch mich nimmt er aus seiner Bewertung heraus. Wir kennen uns seit unserer gemeinsamen Zeit im Kindergarten, sind zusammen aufgewachsen und verstehen einander. Aber heute ist mir nicht danach, über die ewige Hassliebe zwischen Architekten und Ingenieuren zu scherzen.
Ich trinke mein Glas leer und spähe herüber zu der ausgelassenen Studentengruppe, die gerade gemeinsam aus Bierdeckeln ein wirklich beeindruckendes Kartenhaus auf dem Tresen baut. Ich lehne mich auf der Sitzbank zurück und deute mit einem Nicken auf die jungen Leute: „Als wir so alt waren wie sie, sind wir beide ins Berufsleben gestartet. Ich habe mich schon damals gefragt, weshalb Ingenieure durchschnittlich mehr verdienen als Architekten. Ich glaube, ich weiß jetzt, warum.“
„Weil wir einfach schlauer sind?“, wirft mein Freund spöttisch ein.
„Vielleicht“, gebe ich ernst zurück, „ihr Ingenieure arbeitet überwiegend nach Normen und Systemen. Eure Leistung lässt sich einfach sehr genau definieren, abgrenzen und kalkulieren. Genauer zumindest, als das bei Architekten geht. Ihr seid Spezialisten, wir sind Generalisten. Ihr wisst viel von wenig, wir wissen wenig von vielem. Bei Euch gibt es „Richtig“ oder „Falsch“, bei uns keine klaren Spielregeln.“
„Hm“, meint mein Freund und zieht die Augenbrauen hoch. Jetzt schaut er auch zu den Studenten hinüber und nickt. „So hatte ich das noch nicht gesehen. Da könnte etwas dran sein.“ Plötzlich dreht er den Kopf zu mir, weil ihm etwas eingefallen ist: „Ihr habt aber doch die Honorarordnung, genau wie wir. Da sind die Leistungsbilder doch festgelegt.“
„Die Honorarordnung sagt bloß, für welche Leistung wir welches Geld verlangen dürfen. Klar werden die Leistungsbilder auch gerne für Verträge genutzt, aber das sagt ja nichts darüber aus, wie diese Leistungen zu erbringen sind“, gebe ich zurück und bedeute dem Wirt, dass wir gerne noch zwei Bier hätten.
„Bei uns Ingenieuren doch auch nicht. Also was ist der Unterschied?“
„Ganz einfach“, erkläre ich ihm, während er mich fragend anschaut, „nimm zum Beispiel mal einen Tragwerksplaner. Wenn der Tragwerksentwurf feststeht – und den neigen wir Architekten ja gerne auch vorzugeben – dann besteht die Hauptarbeit doch im Anlegen der Lastfälle, Berechnen der Bauteil-Querschnitte und Planen der technischen Ausführung, richtig?“
Abbildung 10: Auflösung im Abbildungsverzeichnis
„Vergiss nicht das doppelte und dreifache Ändern der fertigen Arbeit, wenn die Architekten die Planung ändern“, wirft mein Freund ein.
„Genau!“ schaue ich ihn strahlend an, seine Neckerei völlig ignorierend, „Und das lasst ihr Euch ja normalerweise auch gut als Mehraufwand bezahlen. Der Punkt ist, dass es durch die Architekten zu diesen Änderungen kommt. Entweder weil sie die Ingenieure nicht richtig in den Projektfortschritt einbinden, oder weil sie den Bauherren Änderungswünsche zusagen ohne den Mehraufwand bei den Ingenieuren zu bedenken.“
Jetzt sagt mein Freund nichts mehr, stützt sein Kinn auf seinen Unterarm und blickt mich aus nachdenklichen Augen an. Ich fahre fort.
„Die Architekten wissen zwar, welche Schritte vom Projekt-Auftakt bis zum fertigen Gebäude zu gehen sind, aber sie wissen nicht so recht, wie man richtig läuft. Es gibt ja auch keine Vorgaben dazu, wie man beispielsweise einen Auftraggeber zu einem passenden Gebäude-Entwurf führt. Oder wie man Fachplaner koordiniert und ihr Wissen optimal ins Projekt einbindet. Letztlich macht es jeder Architekt anders und auf die Weise, die sich für ihn irgendwie bewährt hat. Das ist doch seltsam, oder?“
Nach einem kurzen Moment der Stille unterbricht der Wirt unser Grübeln und stellt uns zwei volle Biergläser auf den Tisch. Mein Freund nickt dankend, greift nach dem Glas und will trinken. Mit Blick auf die prächtige Schaumkrone überlegt er es sich dann doch anders, wartet noch und stellt das Glas wieder hin.
„Sag mal“, knüpft er an meine Rede an, „wenn es bei Architekten doch keine Regeln für die Arbeit gibt – warum beschweren sich die Architekten dann immer darüber, dass es so viele Regeln gibt?“
Ich starre ihn kurz verwirrt an, ehe ich verstehe, was er meint. Dann muss ich lachen. „Stimmt, das ist ziemlich widersprüchlich. Es gibt einen Berg an Regeln, mit denen sich ein Architekt auseinandersetzen muss. Für Bauanträge, Konstruktionen, Handwerker-Ausschreibungen, überall gibt es endlos viele Gesetze und Normen zu beachten. Die kann man gar nicht alle im Detail kennen. Darum haben Architekten auch immer Sorge, irgendetwas verkehrt zu machen. Ich glaube, man kann heutzutage überhaupt nicht mehr fehlerfrei bauen.“
Mein Freund lacht auch und nickt. Jetzt setzt er endlich sein Glas an. Ich spinne den Gedanken weiter, während ich inzwischen etwas neidvoll zu der fröhlichen Truppe am Tresen hinüberschaue: „Im Studium haben die Professoren uns erzählt, dass ein Architekt mit einem Bein im Knast steht und mit dem anderen im Armenhaus. Der Witz ist, dass wir damals alle wussten, dass es kein Witz ist, und uns trotzdem heute damit quälen. Vielleicht seid ihr Bauingenieure wirklich schlauer.“
„Sag‘ ich doch“, triumphiert mein Freund, „ihr lernt im Studium ja auch nur, wie man schöne Pläne am Computer zaubert. Mit der Wirklichkeit hat das jedenfalls nicht viel zu tun. Ich hatte mal mit einem Berufsanfänger zu schaffen, der kam frisch von der Architektur-Hochschule. Der nannte sich ganz stolz „Master of Arts“. Und dem musste ich erst erklären, was ein Estrich ist. Ist das zu fassen?“
„Leider ja“, bestätige ich seine Erfahrung, „das Architekturstudium geht wirklich an dem vorbei, was man im Berufsleben können muss. Da geht es wohl eher darum, die zukünftigen Architekten zu guten Konzept-Entwicklern auszubilden. Das Fachliche soll dann im Berufsalltag hinzugelernt werden.“
, schlussfolgert mein Freund.