Über dieses Buch

Der alte Eksteen hat seinen Traum, in der Kalahari Diamanten zu finden, nie aufgegeben. Er verkauft alles, was er hat, und baut mitten in der Wüste eine Farm. Doch es dauert nicht lange, bis es dort zu einer unheilvollen und folgenreichen Begegnung mit den »Erstgeborenen« kommt.

Giselher W. Hoffmann (1958–2016) lebte als freier Schriftsteller an der Atlantikküste Namibias. Mehrere Jahre arbeitete er als Jäger in der Kalahari. Sein Gefährte war lange Zeit ein Gwi, ein »Erstgeborener«, durch den er mit diesem Volk und seiner hohen Kunst der Anpassung an die Natur vertraut wurde.

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Giselher W. Hoffmann

Die Erstgeborenen

Roman

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Die Originalausgabe erschien 1991 im Peter Hammer Verlag, Wuppertal.

© by Giselher W. Hoffmann 1991

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30365-2

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Version vom 30.11.2021, 19:53h

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Vor vielen, vielen Regenzeiten lebten die Gwi-Buschmänner in einem Tal, das in der Richtung der untergehenden Sonne von einem Berg versperrt wurde. Aber es war ein freundlicher Berg, denn abends, wenn der Wind aufkam, begann er zu singen und lockte die Gwi und alles durstige Getier in seinen mit Wasser gefüllten Bauch.

Eines Tages jedoch weinte der Berg, und ein Gwi-Buschmann kletterte auf seine Schulter, um ihn zu fragen, warum er so traurig sei. Da sah er in der Ferne seltsame Wesen heranrücken, weiße und schwarze Riesen, die mit silbernen Fäden die Bäume fesselten, steinerne Hütten errichteten und das Antlitz der Großen Dürre von ihren zahmen Elenantilopen und krausköpfigen Gazellen zertrampeln ließen.

Die Gwi und die wilden Tiere rannten in panischer Angst davon. Der Berg aber konnte nicht fliehen. Und so versteckte er sich unter dem Sand.

Seither ist der Berg sehr einsam, und damit die weißen und schwarzen Riesen ihn nicht weinen hören, schluckt er seine Tränen hinunter – steinerne Tränen, in denen die Flammen längst erloschener Feuer brennen.

1 

Vor einem Jahr war der letzte Sturzregen über der Kalahari niedergegangen. Die Sonne brannte auf die rostbraunen, nur spärlich mit Gräsern und Akazienbäumen bewachsenen Dünen herab, und der Wind spielte lustlos in dem staubigen Flussbett des Auob. An den Biegungen waren entwurzelte Bäume in den ausgetrockneten Wasserlauf gestürzt; Zeugen einer Flut, die sich damals nach dem Wolkenbruch gen Südosten gewälzt hatte: tosend und weitaus schneller als Benjamin, der mühsam durch den angeschwemmten Sand im Flussbett stapfte und sich mit einem Packesel abmühte.

Benjamin war ein Hottentotte – besser: ein wandernder Händler, der für Wochen, oftmals Monate in der Kalahari verschwand, angeblich, um bei den Buschmännern die von Touristen begehrten Pfeil und Bogen gegen Glasperlen, Blechtassen, Tabak und Taschenmesser einzutauschen. In Wirklichkeit aber war er im Auftrag eines gewissen Hermanus Johannes Ecksteen auf der Suche nach der berühmt-berüchtigten Verlorenen Stadt, die im Jahre 1885 ein Amerikaner namens Farini in der Wüste entdeckt hatte. Bisher war es niemandem vergönnt gewesen, einen zweiten Blick auf die Ruine zu werfen, denn Farini hatte der Welt nichts als eine Landkarte und die Skizze eines runden Monuments inmitten halb im Dünensand vergrabener Bausteine hinterlassen. Und Benjamins Auftraggeber, der einen Gemischtwarenladen in Gochas besaß, wollte der erste Weiße sein, der die Verlorene Stadt wieder zu Gesicht bekam.

Nur ist es so, dass die Buschmänner einem Fremden selten etwas anvertrauen, und dem mageren Hottentotten im beigefarbenen Overall und der leuchtend roten Pudelmütze auf dem Kopf verrieten sie gleich gar nichts, weil sein ewiges Lächeln die Herzen der Gwi-Mädchen verwirrte und in seinen Augen die Lüge wohnte. Erst als Ecksteen dem Hottentotten billigen Branntwein mit auf die Reise gab, gelang es Benjamin, der Kalahari ein Geheimnis zu entreißen, zwar nicht das der Verlorenen Stadt, doch immerhin eines, so glaubte er, das ihm viel Geld einbringen würde.

Obwohl er Durst hatte und seine Füße in den kuduledernen Schuhen schmerzten, gönnte er sich und dem Packesel keine Rast, denn er wollte die kurz vor der Jahrhundertwende von Missionar Rust gegründete Station Gochas vor Einbruch der Dunkelheit erreichen.

Zwei Stunden später verließ er den Auob und kletterte die steile Anhöhe zu einem Kalkplateau hinauf. Dort, am Rande des Abgrunds, lag Gochas, ein winziger Ort im Südosten Südwestafrikas. Im März 1908 hatte Hauptmann von Erchert hier seinen vernichtenden Angriff auf Simon Kopper, den Kapitän der Fransmannhottentotten, gestartet. Benjamin humpelte an der Stelle vorüber, an der damals das Schutztruppenfort gestanden hatte, und bog in die Sandstraße ein, die breit und staubig den Ort in zwei Hälften teilte. An diesem späten Nachmittag war die Straße wie leer gefegt. Er blieb stehen, wehrte die blutende Sonne mit einer Hand ab und musterte die lückenhafte Häuserreihe zur Linken. Sein Blick blieb an einem gelben, flach gestreckten Gebäude am Ausgang des Ortes haften. Er konnte nicht lesen, aber in Gochas wusste jedermann, dass ecksteen-algemene-handelaar auf dem vom Verandadach baumelnden Schild geschrieben stand, und der Hottentotte lächelte, als er sah, dass der Gemischtwarenladen noch geöffnet hatte. Er band den Packesel am Verandapfosten an, stieg unter dem Schild hindurch auf den mit Brettern ausgelegten Bürgersteig und trat, nachdem er kurz an die Holztür gepocht hatte, in den Laden. Es dauerte eine Weile, ehe er im Dämmerlicht Ma Ecksteen erkannte, die auch heute hager und kerzengerade in einem bis zum Hals zugeknöpften Spitzenkleid an der Kasse stand. Hinter dem Ladentisch, den Ma im Laufe der Jahre so blank gescheuert hatte, dass die Linoleumplatte weiß geworden war, lehnten warenüberhäufte Regale an der Wand und boten dem Farmer und Dorfbewohner all das feil, was ein Mensch in der unwirtlichen Kalahari zum Überleben braucht.

Der Hottentotte nahm grinsend seine Pudelmütze vom Kopf: »Ich bin wieder da, Missus.«

»Das rieche ich«, sagte Ma Ecksteen, denn Benjamin hatte sich auf seiner monatelangen Reise nicht einmal gewaschen. Zu ihrem Entsetzen trat der Hottentotte in seinem schmuddeligen Overall bis dicht an den Ladentisch heran.

»Ich muss den Baas sprechen, Missus.«

Ma Ecksteen wich angeekelt an die Regale zurück. »Johan!«

Ein rothaariger Junge steckte den Kopf durch die Verbindungstür, die in den angrenzenden Lagerraum führte. »Ma?«

»Ruf deinen Pa«, befahl sie. »Und du …«, sie wandte sich an Benjamin, »du wartest so lange im Lager. Hier verscheuchst du mir die Kundschaft mit deinem Gestank.«

Im Lagerraum roch es nach Sackleinen, Maismehl, braunem Zucker, Tabak, Kaffee und Waschpulver, und selbst im hintersten Winkel hörte man vorn die alte Kasse bimmeln. Vor allem am Samstagmorgen, wenn die Farmer nach Gochas kamen, um Besorgungen zu erledigen. Schon in der Früh sah man sie auf der Veranda stehen und ihre Pfeifen schmauchen, während die Frauen etwas abseits tuschelten, bis Ma die Türe öffnete. Dann strömten sie lärmend herein, wohl wissend, dass Ma Kaffee gekocht und Zwieback gebacken hatte. Und Pa Ecksteen musste sich hinter dem Ladentisch die Klagen anhören: Ein Farmer hatte keinen Regen bekommen, der andere seinen Zuchtbullen verloren, dem Nächsten war das Bohrloch versiegt, und Oma Hester hatte es auf der Brust, und Tante Martha erwartete wieder, und wenn Pa ihnen Kredit einräumte, sah man, wie sie sich aufrichteten, um der Kalahari erneut die Stirn zu bieten …

Benjamin überlegte gerade, ob er sich vorsorglich ein Paket Zucker und etwas Tabak einstecken sollte, als Hermanus Johannes Ecksteen in das Lager trat.

2 

Zeit seines Lebens hatte Hermanus Johannes Ecksteen danach gestrebt, ein erfolgreicher Mensch zu sein, aber bisher war er es nur im negativen Sinn gewesen: Die Eltern kümmerten sich kaum um das rothaarige Kind mit den abstehenden Ohren und den Biberzähnen, denn sie besaßen eine kleine Farm in der Karru und hatten sieben hungrige Mäuler zu stopfen. Als Ecksteen acht war, kam er ein Jahr zu spät in die Schule, weil es mit seinem Wortschatz nicht weit her war, und mit zwölf konnte er immer noch keine Zahlen richtig herum schreiben, außer der Sechs, die so oft in seinem Zeugnis gestanden, dass er sie sich schließlich eingeprägt hatte.

Der kleine Hermanus war nicht dumm; sein Interesse galt vielmehr einem Fach, das in der Schule nicht gelehrt wurde: der Archäologie! Und so stieg er im Traum lieber zu einem Pharao in die düstere Grabkammer als zu einem Mädchen ins Gebüsch, und am Tage kritzelte er anstelle von Zahlen geheimnisvolle Zeichen an die Tafel, die kein Lehrer zu deuten wusste. Und das war sein Pech.

Der Erste Weltkrieg setzte seiner Karriere als Berufsschüler ein Ende. Bis an die Zähne bewaffnet, marschierte der inzwischen zum jungen Mann gereifte Hermanus los, obwohl er nichts gegen die Briten hatte. Es dauerte nicht lange, und Ecksteen wurde in eine Schreibstube versetzt, weil er auf seinem Wachposten eingeschlafen war. Da er sich jedoch mit den Zahlen nicht anfreunden konnte, reduzierte er am Schreibtisch kurzerhand die Schutztruppe auf sechs Mann, die angeblich über sechsundsechzig Karabiner und sechshundertsechsundsechzig Patronen verfügten und denen laut Ecksteens Rechnung am Monatsende ein fürstlicher Lohn von sechstausendsechshundertsechsundsechzig Mark pro Mann zustand. Das fiel dem Schatzmeister auf, und für Ecksteen war der Krieg vorzeitig aus.

Kaum entlassen, legte ihm sein Vater Fesseln an: Die elterliche Farm rief! Doch was Ecksteen am Morgen mit seinen ungeschickten Händen aufbaute, das stieß er am Abend mit dem Hintern wieder um, und als der Zweite Weltkrieg ausbrach, bat ihn der Vater, die Farm im Nordkapland zu verschonen und seine Zerstörungswut stattdessen an der Front auszulassen.

Ecksteen wusste nicht recht, gegen wen er diesmal ins Veld ziehen sollte. Er hatte nämlich im wahrsten Sinn des Wortes den Überblick verloren, denn er war unterdessen so kurzsichtig geworden, dass er auf zehn Schritte seinen besten Freund nicht vom ärgsten Feind hätte unterscheiden können. Ministerpräsident Jan Christiaan Smuts erleichterte ihm die Wahl, indem er Ecksteen eine Brille verpasste und ihn ins Internierungslager steckte.

Etwa zur selben Zeit wurde im kriegszerrütteten Deutschland, genauer in Hamburg, ein Mädchen geboren. Die Mutter, Frau des Kleiderfabrikanten Landtberg, taufte es Syria und war außer sich vor Glück, durfte sie doch hoffen, dass ihre Tochter nie eine Uniform würde tragen müssen. Da Syria zu diesem Zeitpunkt weder sprechen noch laufen konnte, wollen wir das Mädchen aufwachsen lassen und so lange zu unserer eigentlichen Geschichte zurückkehren:

Nach dem Zweiten Weltkrieg erbte Ecksteen die Farm in der Karru und war gerade dabei, sie systematisch herunterzuwirtschaften, als ihm jemand sagte, dass Geld in einer Kasse dürrebeständiger sei als ein Schaf auf der Weide. Er verkaufte die Farm und erwarb in Gochas den Gemischtwarenladen. Doch ihm ging es trotz der Kasse nicht gut, weil er anfangs stets zu viel zahlte und zu wenig für sein Geld bekam, bis er Ma heiratete, die zwar nicht zu ihm passte, aber dafür mit Zahlen umzugehen wusste.

Wie wir feststellen, war Ecksteen weder ein Farmer noch ein Soldat und ebenso wenig ein Geschäftsmann wie der Kleiderfabrikant Landtberg etwa, der unterdessen eine Fabrikkette aufgebaut und seiner Tochter Syria eine Manufaktur in Holland anvertraut hatte.

Wer weiß, vielleicht wäre aus Ecksteen unter anderen Umständen ein respektabler Archäologe geworden, doch jemand, der eine horizontale Acht malt, wird in seinem Leben keine Pyramide von innen sehen. Und so zwang ihn das Schicksal, Rollen zu spielen, die ihm nicht lagen, und um seine Schwächen zu vertuschen, setzte er alles daran, seinen Mitmenschen zu gefallen, indem er sich jeden Samstagmorgen die Ausreden der Farmer anhörte, absichtlich ungezahlte Rechnungen übersah, für astronomische Summen bürgte und so den Laden mehrmals an den Rand des Ruins brachte.

Einmal, das musste man ihm lassen, vollbrachte er ein kleines Wunder: Er zeugte einen Stammhalter! Johan war zwar ein schwaches, winziges Lebewesen, aber immerhin ein Kind, das in die Windeln schiss wie alle anderen Säuglinge auch. Wann immer Ecksteen ins Bad stieg, blickte er stolz an sich herunter und konnte es kaum fassen, dass dieses kleine Ding dort unten so etwas Großes vollbracht hatte.

Nur in seinem Arbeitszimmer, hinter verschlossener Tür und inmitten der vielen Bücher, da war er wirklich in seinem Element. Niemand ahnte etwas von dem ungeheuren Wissen, das er sich selbst angeeignet hatte, und als Benjamin ihm an diesem Nachmittag im Lager das Geheimnis anvertraute, rieselte ihm eine Gänsehaut den Rücken herunter, und das Haar sträubte sich ihm im Nacken vor Glück.

Vorn im Laden hörten ihn Ma und Johan erregt mit dem stinkenden Hottentotten flüstern, Geldscheine wechselten den Besitzer, dann schloss sich Ecksteen in seinem Arbeitszimmer ein, war für niemanden zu sprechen. Erst Stunden später kam er mit einem fieberglänzenden Ausdruck in den Augen hinter dem Stapel wissenschaftlicher Literatur zum Vorschein und verkündete im Esszimmer, wo sich Ma und Johan zum Abendbrot niedergelassen hatten, dass er ihnen etwas mitzuteilen habe.

»Ach?«, sagte Ma und schob sich einen Happen Süßkartoffel in den Mund. Dabei zwinkerte sie Johan belustigt zu, denn sie kannte Ecksteens hochfliegenden Träume und hatte sie bisher geduldet, weil es sich eben nur um Träume gehandelt hatte, die er, sei es aus Zeitmangel oder aus Feigheit, sowieso nicht verwirklichen konnte. Der folgende Satz, den er ihr mit entschlossener Stimme anvertraute, traf sie deshalb völlig unvorbereitet: »Ich werde den Laden verkaufen und dafür Land bei Unions End erwerben!«

Der Bissen blieb Ma in der Kehle stecken. Sie wurde blass und würgte etwas Unverständliches hervor, das aber eindeutig nach einer Frage klang. Und darauf schien Ecksteen nur gewartet zu haben. Er wuchs im Esszimmer zu einer zwei Meter großen Abenteurerfigur heran, die er nicht war, denn er sah eher wie ein Missionar aus mit seinem behäbigen Leib und der fleischigen Nase im runden Gesicht, das bis an die Wangenknochen hoch von einem roten Bart überwuchert wurde. Jetzt klaffte das Gestrüpp auseinander, und Ecksteen sprach kurz und abgehackt, wie es seine Art war: »In der Nähe des Länderdreiecks, dort, wo Südwestafrika, das Betschuanaland und die Union Südafrika zusammentreffen, soll es einen Berg geben!«

Seine Worte schwebten unangefochten im Raum, bis Ma ihre Kehle mit einem Schluck Tee frei gespült hatte: »Aber das ist doch kein Grund, den Laden aufzugeben!«, rief sie, denn für Ma war der Laden das Symbol eines bequemen Lebens, und sie hatte all die Jahre erbarmungslos die Gefahren der Armut abgewehrt, die dem Symbol hin und wieder gefährlich nahe gekommen waren.

Ecksteen schrumpfte in sich zusammen, sodass Ma schon einen hoffnungsvollen Augenblick glaubte, er hätte es sich anders überlegt, da neigte er sich plötzlich vor und verteilte die hervorbrechende Wortflut mit ruckartigen Handbewegungen über den Tisch: »Ich habe immer angenommen, dass es in der Umgebung vom Unions End keine Berge gäbe, sondern nur Dünen, unter denen sich vielleicht Kalkrücken verbergen oder nichts weiter als Sandschichten. Benjamin hat also einen Berg gefunden, wo theoretisch kein Berg stehen dürfte, verstehst du?«

Er erwartete nicht, dass Ma vor Staunen den Mund aufriss – obwohl er sein Leben dafür gegeben hätte, denn sie war eine nüchtern denkende Frau, die keine Fantasie besaß, weder in der Liebe noch in sonstigen Dingen –, nein, ein wenig Interesse hätte ihn schon zufriedengestellt, doch als ihm nur ihr verständnisloser Blick begegnete, den er so an ihr hasste, ließ er die Arme sinken und wandte sich an seinen Sohn, der ihn aus großen Augen anhimmelte und alles wiedergutmachte.

»Es ist keine gewöhnliche Höhle, Johan, mehr eine trichterförmige Blase aus Lavagestein, die mit artesischem Wasser gefüllt ist.« Er nahm seine Hände zu Hilfe, um die Umrisse der seltsamen Entdeckung in die Luft zu hacken, dann beugte er sich wieder über den Tisch. »Weißt du, was das heißt, Junge?«

Ehe Johan den Kopf schütteln konnte oder Ma, die ebenfalls nicht wusste, worauf er hinauswollte, richtete sich Ecksteen auf und sagte etwas von Magma, das Wissenschaftlern zufolge im Erdinneren kocht und brodelt.

»Und weils da unten keinen Schornstein gibt, baut sich ein gewaltiger Druck auf«, fuhr er fort und ballte die Fäuste so fest, dass sie zitterten, und diesmal konnte selbst Ma etwas nachempfinden. »Dabei wird vom Feuer gereinigter Kohlenstoff zusammengepresst und durch eine schwache Stelle in der Erdkruste nach oben gequetscht …«

Ma zischelte etwas.

»Was hast du dem Jungen gesagt, Ma? … Woher weißt denn du, dass Diamanten und Kohlenstoff was miteinander zu tun haben?«

»Ich habe in der Schule aufgepasst.«

Als Ecksteen die Arme wieder hob, um Johan den Rest zu erklären, wirkten seine Gesten verunsichert, aber seine Stimme hatte ihr Feuer nicht verloren: »Der gebündelte Kohlenstoff fließt mit dem Lavastrom an die Erdoberfläche, kühlt ab oder so was Ähnliches und formt dann ebendiesen Stein von unvorstellbarem Wert, nämlich den … na, Johan?«

»Kohlenstoff, Pa!«

»Was hat Ma dir vorhin zugeflüstert?«

»Diamant, Pa?«

»Ja, den Diamanten, Junge.«

»Wie sieht so ein Stein eigentlich aus, Pa?«

»Wunderschön, wie ein versteinerter Tautropfen …«

»Hat Benjamin dir keinen mitgebracht?«

Die Frage war von der Seite gekommen! Sein Schädel ruckte herum, und er starrte Ma wütend durch die runden Brillengläser an. »Nein, das hat Benjamin nicht, aber er konnte mir ungefähr sagen, wo der Berg liegt …«

»Benjamin hat den Berg also gar nicht gesehen?«

»Nein … doch, indirekt schon … ich meine, ein Buschmannmädchen hat ihm genau erklärt, wo der Berg ist.«

In der darauffolgenden Stille entwickelte sich alles so, wie er es befürchtet hatte: Ma saß eine Weile kerzengerade und mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck am Tisch, als sei es ihr ein Rätsel, dass ein so leichtgläubiger Narr, wie ihr Mann es allem Anschein nach war, ungestraft herumlaufen durfte, dann zerbröckelte ihre Starre, und sie feuerte eine Salve Fragen auf ihn ab, die er nur zum Teil mit schlagfertigen Antworten abwehren konnte; der Rest beraubte ihn seiner Glaubwürdigkeit.

Bitte, tu mir das nicht vor meinem Sohn an, betete er, obwohl er wusste, dass es zwecklos war, denn Ma glaubte an nichts, was sie nicht mit ihren fünf Sinnen einkreisen konnte. Wie das Geld zum Beispiel: Das knistert, das riecht herrlich schmuddelig, das schmeckt wunderbar bitter, das erfreut das Auge, das gleitet seifig durch die Finger und bringt außerdem Wohlstand. Was war dagegen das Wort eines Hottentotten wert? Nichts!

»Schön, Benjamin ist ein Schakal, aber ich glaube nicht, dass er sich die Geschichte aus dem Daumen gesogen hat. Dazu ist er viel zu beschränkt!«, behauptete Ecksteen und hätte Ma am liebsten geohrfeigt, weil sie ihn, den Herrn des Hauses, zwang, sich vor seinem Sohn zu verteidigen.

»Meinst du nicht, wir sollten der Sache erst auf den Grund gehen?«, fragte Ma.

»Wir müssen sofort handeln, ehe uns jemand die Höhle vor der Nase wegschnappt, denn der Hottentotte hält nur so lange dicht, bis ihm das Geld ausgeht!«, rief Ecksteen und nahm allen Mut zusammen. »Auch wenn wir nur den unterirdischen See finden, wird er den Wert der Farm sofort verdoppeln. Also, was ist, Ma? Willst du mit achtzig immer noch Konservendosen über den Ladentisch schieben oder in wenigen Wochen eine reiche Frau sein?«

Was bei Ma noch nie vorgekommen war, geschah jetzt: Ihr inneres Auge erfasste einen Stein von der Größe einer Zitrone. Sie sah ihn bereits in ihrer Hand liegen, und das funkelnde Feuer darin versprach einen Reichtum, der über die Grenzen ihrer Fantasie hinausragte.

»Hab Vertrauen zu mir«, bat Ecksteen. »Ich tue es schließlich für dich und deinen Sohn, Ma. Du wirst den Lebensabend einmal wie eine Königin verbringen, das verspreche ich dir, und Johan soll studieren, selbstverständlich in Europa, Oxford oder wie das Ding heißt …«

»Also gut«, sagte sie, »ich werde morgen mit oom Breed sprechen.« Alle redeten den Alten mit oom Breed an, obwohl er kein Onkel war. »Natürlich muss er uns ein gutes Angebot machen, sonst …«

Die Erleichterung nahm Ecksteen fast den Atem. Sie hat angebissen!, jubelte er im Stillen, aber nach außen hin tat er skeptisch: »Oom Breed, der pensionierte Geologe, der immer ein Sahnebonbon mitgehen lässt und nie seine Rechnungen bezahlt?«

»Genau der!« Ma lächelte. »Er hat Geld wie Heu. Wenn wir den Laden an ihn verkaufen, treiben wir erstens die Rückstände ein, und zweitens wird er nicht auf den dummen Gedanken kommen, selbst nach Diamanten zu suchen.«

»Was wir hier besprechen, darf unter keinen Umständen aus diesen vier Wänden sickern!«, sagte Ecksteen. »Wenn du deinen Kameraden gegenüber auch nur ein Wort erwähnst, Johan, kannst du dir Oxford in die Haare schmieren, verstanden?«

»Ja, Pa!«

Ma brauchte er nicht zu ermahnen. Sie täte sich lieber die Zunge abbeißen, als einen Diamanten mit einem Außenseiter zu teilen.

3 

Oom Breed war im Herzen stets ein Geologe geblieben. Selbst als ihn das Alter aus der Wüste verdrängt hatte und er seine Tage im Schaukelstuhl auf der Veranda verbrachte, dachte er mit Freude an die vielen abenteuerlichen Jahre in der Wüste zurück. Da er aber nie das Erz gefunden hatte, das aus anderen reiche Männer gemacht hatte, warf er nur einen kurzen Blick in die eng mit Zahlen beschriebenen Geschäftsbücher und nannte sich im Stillen einen Narren, weil er sein Leben lang das Geld in der Erde anstatt in den Städten gesucht hatte. Doch oom Breed war auf der Hut, denn jemand, der seinen Laden verkaufen und ausgerechnet in einer Zeit farmen wollte, in der die Maul- und Klauenseuche im Land tobte, der war seines Erachtens entweder pleite oder verrückt.

»Ich will es dir erklären, oom«, sagte Ma. »Wir haben in den letzten Jahren sehr viel verdient, das muss ich zugeben, aber auch verflucht hart dafür gearbeitet, und irgendwann kommt der Tag, dann will man endlich seine Ruhe haben.«

Nun, Breed war es recht. Er glaubte sogar, den größten Fund seines Lebens gemacht zu haben. Erst als Benjamin ein paar Monate später volltrunken in den Laden taumelte, ihm das Geheimnis mit einer alkoholgewürzten Atemwolke ins Gesicht blies und nebenbei um etwas Geld bettelte, dämmerte dem alten Mann, dass die Ecksteens ihn bewusst in dem gottverlassenen Ort festgenagelt hatten, damit er ihnen nicht zuvorkäme … Im Moment betrachtete Breed zufrieden die mit Waren vollgestopften Regale, während sein Sohn Willem, anstelle von Johan, Maismehlsäcke durch den Lagerraum schleppte.

Ecksteen fuhr indes noch am selben Tag nach Windhoek. In der Hauptstadt Südwestafrikas sprach er bei seinem Bankdirektor vor, einem dynamischen Mann namens Gelder. Anschließend eilte Ecksteen ins Grundbuchamt und ließ zwischen den Trockenflüssen Nossob und Auob dreißigtausend Hektar Land auf seinen Namen registrieren, obwohl ihm der Bankdirektor davon abgeraten hatte, denn in diesem Gebiet fiel kaum Regen. Was Gelder nicht wusste, war, dass Ecksteen keineswegs auf Regen, sondern auf Diamanten hoffte.

»Und wie soll die Farm heißen, meneer Ecksteen?«, fragte der Beamte.

»Duineveld!«

An diesem Abend verließ der Hottentotte Benjamin den Ort Gochas, um seine Geschichte in den weit verstreuten Dörfern zu verkaufen, denn er hatte erfahren, dass mit der Gier viel Geld zu verdienen war.

Bereits eine Woche später zog die Familie Ecksteen gen Osten in Richtung auf das Länderdreieck, wo heute Botswana, Namibia und die Republik Südafrika aufeinandertreffen. Zwanzig Kilometer südwestlich vom Unions End, der Nordspitze Südafrikas, trat Ecksteen unvermittelt auf die Bremse, kletterte aus dem mit Hausrat und Möbeln beladenen Ford und breitete die Arme aus. »Das ist Duineveld!«, rief er und riss die Arme und damit das umliegende Land an sich. »Das gehört jetzt alles uns!«

Ma war froh, dass sie saß, denn sie umschloss ein Land, so verlassen und öd, wie sie es nie für möglich gehalten hatte. Es gab nicht das geringste Anzeichen einer Zivilisation. Auf den von Nordwesten nach Südosten verlaufenden Sandhügeln wuchs der harte, kniehohe Dünenhafer in dichten Büscheln, und in den Tälern wiegten sich zwischen den Akazien und Grewiasträuchern die Aristidagräser, das Krug-, Strauß- und Federgras. Die Kalahari sah wie neugeboren aus, und die Nachwehen eines Sturmes, der alle Spuren ausgewischt hatte, waren noch im anhaltenden Ostwind zu spüren. »Wo werden wir wohnen, Pa?«

»Wo du willst!«, antwortete er und ließ seine Hand über die roten Hügel flattern. »Komm, such dir ein hübsches Plätzchen aus!«

Da stand Ma nun im Spitzenkleid auf einer Düne; trotz der Hitze bis oben hin zugeknöpft und sorgfältig darauf achtend, dass der Wind ihr um Gottes willen nicht ihre nackten Waden entblößte. Plötzlich wusste sie, wo sie wohnen wollte: in dem Haus hinter dem Laden! »Hier …«

»Schön, bleiben wir also hier!«

»Hier gibt es doch gar nichts, wollte ich sagen«, flüsterte sie, den Tränen nahe, doch inzwischen war Ecksteen bereits die Düne hinabgerannt und befahl Johan, das Zelt unter einem Kameldornbaum aufzustellen.

»Wir werden natürlich nur zeitweilig darin wohnen, Ma«, versprach er. »Sobald ich den Berg gefunden habe, baue ich dir einen Palast!«

Ma wünschte sich, sie könnte den Enthusiasmus der beiden Kinder teilen, denn das war Ecksteen in ihren Augen über Nacht geworden: ein vor Eifer übersprudelnder Lausejunge!

»Wo ist der Berg?«, rief sie in das Tal.

»Gib mir eine Woche, Ma!«

Als die Weihnachtsferien vorüber waren und die Ecksteens ihren Sohn in Windhoek wieder dem Schülerheim überlassen mussten, hatte er den Berg immer noch nicht gefunden. Dabei war er den Tierfährten kreuz und quer durch das Land gefolgt, hatte den Flug der Wachteln beobachtet und nach Bienenschwärmen und dem Abdruck zierlicher Fußspuren Ausschau gehalten. Aber er entdeckte nur eine versiegte Quelle in einem ausgetrockneten Seitenarm des Nossob.

Aus der energischen Ma wurde eine frühzeitig alternde Frau, die mehr im drückend heißen Zelt auf dem Feldbett lag und ihrem Laden nachtrauerte, als sich von Ecksteens Träumen in den Himmel tragen zu lassen. Und da Ecksteen der kindliche Glaube fehlte, mit dem Johan das Feuer seiner Begeisterung stets aufs Neue geschürt hatte, beschlich ihn allmählich Angst. Er versuchte, seine Frustration mit Wildern im kalahari gemsbok national park abzureagieren, doch sooft er in das Lager zurückkehrte und Ma vor sich hin brüten sah, waren alle Anstrengungen umsonst gewesen.

Sie geht mir ein wie eine Blume, dachte er besorgt, und eines Morgens hielt er den Anblick nicht mehr aus. Er schwang die Beine entschlossen aus dem Feldbett. »Ich werde dir ein Haus bauen«, sagte er. »Steh auf, Ma, wir fahren in einer Stunde nach Gochas.«