Ein Lied für Blue

Für alle, die sich schon einmal allein gefühlt haben

1. Kapitel

Erinnerungen

Bis zum letzten Sommer dachte ich, das Einzige, was ich mit dem Wal am Strand gemeinsam hatte, war sein Name.

Ich saß neben Grandpa im Sand, nachdem wir Muscheln und Treibholz gesammelt und Wildblumen in den Dünen gepflückt hatten. Die Muscheln und das Treibholz waren für Grandma, die Blumen für den Wal.

Grandpa fragte mich, wie es in der Schule lief, und ich sagte, wie immer. Was nicht gut war. Ich fühlte mich in der Klasse selbst nach zwei Jahren noch wie die Neue.

Grandpa klopfte in den Sand und wechselte plötzlich das Thema. »Wusstest du, dass sie vielleicht auch taub war?«, fragte er in Gebärdensprache.

Mir war sofort klar, wen er meinte. Das Walweibchen lag schon seit elf Jahren an diesem Strand begraben, und meine Eltern hatten mir oft genug von ihm erzählt.

Ich schaute Grandpa an und schüttelte den Kopf. Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass das Tier womöglich taub gewesen war. Die Walkuh war genau am Tag meiner Geburt gestrandet. Sobald das Tier in den flachen Gewässern des Golfstroms gesichtet worden war, hatte sich eine kleine Menschenmenge am Ufer versammelt, um es näher kommen zu sehen. Meine Grandma war sofort in das kalte Februarwasser gerannt und hatte versucht, den Wal zu vertreiben, so als könnte sie den Willen eines vierzig Tonnen schweren Tieres brechen. Das war sehr gefährlich gewesen, denn obwohl die Walkuh bereits geschwächt war, hätte ein kräftiger Hieb mit ihrer Brust- oder Schwanzflosse genügt, um Grandma bewusstlos zu schlagen. Ich weiß nicht, was ich an Grandmas Stelle getan hätte. Vielleicht hätte auch ich mich in die Wellen gestürzt – oder einfach bloß dagestanden.

»Der Wal wurde aber nicht gehörlos geboren, so wie wir«, erklärte Grandpa. »Die Wissenschaftler, die ihn untersucht haben, sagten, es sei durch einen Unfall passiert. Vielleicht ist der Wal in der Nähe einer explodierenden Ölplattform oder eines Unterwasser-Bombentests vorbeigeschwommen.«

Wenn Grandpa mir mit seinen Händen eine Geschichte erzählte, sah ich die Bilder so deutlich vor mir, als würde alles direkt vor meinen Augen geschehen. An jenem Tag am Strand formte er die Gebärden für einen Wal im Ozean, der nicht verstand, warum es um ihn herum plötzlich still wurde. Grandpa beschrieb, wie das Tier suchend umherschwamm, in der Hoffnung, die vertrauten Geräusche wiederzufinden. Vielleicht, so vermutete Grandpa, war das der Grund, weshalb die Walkuh an unserem Strand am Golf von Mexiko an Land gespült worden war. Seiwale kommen der Küste normalerweise nicht so nahe, sie bleiben im tiefen Wasser, wo sie hingehören. Doch diese Kuh hatte vor vielen Jahren einen anderen Weg eingeschlagen.

»Ein Wal kann sich in einer Welt ohne Geräusche nicht zurechtfinden«, fügte Grandpa hinzu. »Ozeane sind dunkel und bedecken den Großteil der Erde. Überall darin leben Wale, die sich mithilfe von Geräuschen orientieren und durch Töne kommunizieren.«

Als die vertrauten Klänge des Ozeans verschwunden waren, fühlte sich die Walkuh in der neuen, stillen Welt verloren. Hilflos und ohne zu wissen, wie ihr geschah, war sie gestrandet. Sofort war ein Rettungstrupp zu ihr geeilt und hatte versucht, sie ins Wasser zurückzubringen. Man hatte der Walkuh den Namen Iris gegeben, und Grandma hatte meine Eltern gebeten, mich ebenso zu nennen. Denn ich war genau in dem Moment zur Welt gekommen, als die Walkuh sie verließ.

Nachdem Meeresbiologinnen das Tier untersucht hatten, wurde es an unserem Strand begraben, zusammen mit der Frage, was den Wal überhaupt an diesen Ort geführt hatte. Aber ich hatte oft an den Wal gedacht – jedes Mal, wenn ich den Strand entlanggelaufen war. Denn bis zum Sommer nach der zweiten Klasse hatten meine Familie und ich an der Küste gelebt. Dann waren wir nach Houston gezogen, weil mein Dad dort einen neuen Job angenommen hatte. Seitdem kehrten wir nur noch in den Sommerferien zum Meer zurück.

Das Gute an unserem neuen Zuhause war, dass es näher an dem meiner Großeltern lag. Ich freute mich, mehr Zeit mit ihnen verbringen zu können – vor allem, weil sie ebenfalls gehörlos waren. Doch meine Eltern, mein Bruder und ich vermissten den Strand, und mir fehlten die anderen Kinder, die so waren wie ich. In meiner alten Schule hatte es zwar nur wenige gehörlose Kinder gegeben, doch das hatte mir nichts ausgemacht. Wir hatten unsere Schultage gemeinsam verbracht und waren immer füreinander da gewesen.

»Für deine Großmutter und mich ist das Leben in der Stadt besser«, hatte Grandpa mir einmal erklärt. »Hier gibt es mehr Licht, und wir haben unsere eigene kleine Nische, in der wir uns zu Hause fühlen. Manchmal dauert es lange, herauszufinden, was einen glücklich macht. Aber du wirst es schaffen, du wirst deinen Weg gehen.«

Ich wünschte, ich hätte ihn damals gefragt, wie lange ich dafür brauchen würde.

2. Kapitel

Entzwei

Ich war zu dem Schluss gekommen, dass es Ms. Conns einzige Freude im Leben war, mich ins Sekretariat zu schicken. Das machte mich zwar in gewisser Weise verantwortlich für ihr Glück, doch gerade versuchte ich trotzdem, mich unbemerkt ins Klassenzimmer zu schleichen. Ich war auch nur eine Minute zu spät und hatte einen wirklich guten Grund.

Leider deutete Ms. Conn bereits in Richtung des Sekretariats, bevor ich mich auf meinen Stuhl fallen lassen konnte.

Als ich mit meiner Verspätungsbescheinigung in der Hand zurückkam, wandte sich Ms. Conn sofort an meinen Gebärdensprachdolmetscher, Mr. Charles: »Sagen Sie Iris, sie soll sich neben Nina setzen. Nina kann ihr erklären, was sie verpasst hat.«

Ms. Conn sprach immer so an mir vorbei. Mr. Charles hatte sie schon oft gebeten, sie solle doch einfach mit mir reden. Dann würde er übersetzen, und sie bräuchte ihre Sätze nicht umständlich mit Sagen Sie Iris  zu beginnen. Doch irgendwann hatte er es aufgegeben. Sie würde es sowieso nie verstehen.

Ich rümpfte die Nase, weil ich niemanden brauchte, der mir erklärte, was ich verpasst hatte. Am allerwenigsten Nina.

»Ich arbeite es alleine nach«, zeigte ich Mr. Charles in Gebärdensprache.

Als er den Satz für Ms. Conn laut aussprach, wurde ihr Gesichtsausdruck sogar noch fieser als sonst. Sie deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger zuerst auf mich und anschließend auf den freien Platz neben Nina.

Ms. Conn war überzeugt, dass sie genau das Richtige tat, denn sie hielt Nina für das klügste Kind in der Klasse. Und Nina dachte, sie beherrsche die Gebärdensprache. Sie hatte sich nämlich einmal ein Buch darüber aus der Bibliothek ausgeliehen – und das machte sie natürlich zur Expertin. Mir war schon öfter aufgefallen, dass manche Menschen selbstbewusst genug waren, um durchs Leben zu kommen, obwohl sie von nichts eine Ahnung hatten.

Mit ihren Händen zeigte Nina etwas Sinnloses in die Luft, während ich meinen Tisch zu ihr hinüberschob.

»Hat sie sich etwa gerade ein ›riesiges Eichhörnchen‹ genannt?«, fragte ich Mr. Charles.

Mein Dolmetscher presste die Lippen aufeinander und schaute zu Boden, um nicht zu lachen. »Ich glaube, sie meinte tolle Partnerin«, antwortete er mir.

Das hatte ich mir zwar schon gedacht, doch es machte mir Spaß, Mr. Charles zum Lachen zu bringen.

Ich wandte mich von Nina ab, um auf der anderen Seite in Clarissa Golds Buch zu schauen. Mr. Charles übersetzte, als ich Clarissa fragte, woran wir gerade arbeiteten. Sofort versuchte Nina sich einzumischen, indem sie mit ihren Händen herumfuchtelte. Ich ignorierte ihre erfundene Gebärdensprache, und sie rückte näher an mich heran. Als ob ich sie nicht sehen könnte! Ich ließ meinen Blick auf Mr. Charles gerichtet, um Nina klarzumachen, dass ich ihre Hilfe nicht brauchte, doch sie verstand es nicht. Wie ein Schwarm nerviger Fliegen schwirrten ihre Finger neben meinem Gesicht herum, und ich hätte sie am liebsten weggeschlagen. Irgendwann konnte ich es nicht mehr ertragen, deshalb machte ich mit einer schnellen Handbewegung die Gebärde für »Hör auf!«. Augenblicklich fühlte ich mich besser.

Mr. Charles übersetzte meine Geste für Nina und erläuterte ihr, es könne verwirrend sein, wenn zwei Leute gleichzeitig Gebärden ausführten. Normalerweise mischte Mr. Charles sich nicht ein, weil er wollte, dass ich die Dinge für mich selbst regelte. Doch diesmal schien ihm Nina auch auf die Nerven gegangen zu sein.

Nachdem wir ein paar Minuten still gearbeitet hatten, kam Ms. Conn erneut zu uns herüber und fragte Nina etwas.

Nina nickte und antwortete ihr.

»Ms. Conn hat sich erkundigt, wie es läuft. Und Nina hat geantwortet: Ja, ich glaube, sie holt auf«, übersetzte Mr. Charles für mich.

Sie holt auf. Ich starrte hinunter auf mein Arbeitsheft, um mich nicht in eine dieser Comicfiguren zu verwandeln, denen vor Wut Dampf aus den Ohren schießt. Als ich die letzte Antwort in mein Heft gekritzelt hatte, schlug ich es zu und zeigte das Wort Fertig!.

Mir kam die Idee, auf meinem Smartphone heimlich die neue Ausgabe des Antik-Radio-Magazins zu lesen, die ich mir am Morgen heruntergeladen hatte. Wenn ich ein Buch auf meinem Tisch aufschlug, konnte ich so tun, als würde ich lesen, und dabei unauffällig auf mein Telefon schielen.

Ich war gerade dabei, langsam die Hand in meinen Rucksack zu schieben, als Ms. Conn etwas zu mir sagte und dabei auf ihren Mund deutete. Mir war klar, dass sie mir damit zu verstehen geben wollte, ich solle ab jetzt nur noch ihre Lippen lesen, anstatt auf Mr. Charles’ Übersetzung zu warten. Das hatte sie schon öfter versucht, obwohl sie wusste, dass es mir schwerfiel, längeren gesprochenen Sätzen zu folgen. Einmal war ich darüber so verärgert gewesen, dass ich meinen Eltern beim Abendessen erzählt hatte: »Hey, ich bin nicht mehr taub! Ms. Conn hat beim Reden auf ihre Lippen gezeigt, und plötzlich ist mir ein Licht aufgegangen. Ich kann nicht glauben, dass ihr noch nicht darauf gekommen seid!«

An meinem ersten Tag an der neuen Schule hatte Ms. Conn sogar versucht, die Hände von Mr. Charles festzuhalten. Dadurch wollte sie mich zwingen, nicht auf ihn zu achten. Ich weiß zwar nicht, was Mr. Charles damals zu ihr sagte, doch sie ließ seine Hände so plötzlich wieder los, als hätte sie auf eine heiße Herdplatte gefasst. Seitdem hatte sie sich nie wieder getraut, ihm zu nahe zu kommen.

Mr. Charles und ich ignorierten Ms. Conns Aufruf zum Lippenlesen, und Mr. Charles übersetzte, was meine Lehrerin sagte: Ich sollte das Gedicht neu schreiben, das ich letzte Woche als Hausaufgabe eingereicht hatte. Ich stutzte. Das ergab für mich keinen Sinn, denn mein Gedicht war wirklich gut.

Ms. Conn verzog das Gesicht, als würde sie in eine saure Gurke beißen, als sie mein Blatt Papier holen ging. Zwar war dieser Gesichtsausdruck typisch für sie, doch diesmal sah sie auch noch so aus, als hätte sie etwas richtig Übles dabei gerochen.

Die rote Tinte war das Erste, was mir ins Auge fiel, als Ms. Conn mir die Heftseite in die Hand drückte. Und dann sah ich die Worte, die am Rand prangten: Das reimt sich nicht!

Natürlich stimmte das nicht. Mein Gedicht war aus einem Gebärdensprache-Reimspiel entstanden, das ich oft mit Grandpa gespielt hatte. Einer von uns hatte begonnen, eine Geschichte zu erzählen, und dann hatten wir abwechselnd immer neue Zeichen in Gebärdensprache hinzugefügt. Das Besondere an dem Spiel war, dass unsere Hände die ganze Zeit über die gleiche Form behalten mussten. Wenn wir also mit einer geschlossenen Faust begannen, musste jedes neue Zeichen ebenfalls mit einer Faust geformt werden. Wir hatten immer so lange gespielt, bis einer von uns nicht mehr weiterwusste.

Meine Lieblingsgeschichte handelte von einem Baum voller Blätter, der in der Nähe eines Flusses stand: Ein Blatt wurde von einer Windböe fortgeweht und landete im Wasser. Dort wurde es von der Strömung mitgerissen und ans Ufer geschwemmt. Schon stürzte sich ein Vogel hinab, der das Blatt aufnahm und es in sein Nest auf einem anderen Baum trug. Wir erzählten diese Geschichte mit durchgängig geöffneten Händen, so als würden wir die Zahl Fünf zeigen.

Auf dem Papier wirkte das Gedicht natürlich ganz anders. Papier war flach, deshalb konnte ich den Raum darüber und darunter nicht nutzen. Doch diesen Raum hätte ich benötigt, um die Geschichte richtig zu erzählen. Die Wörter der englischen Sprache besaßen eine andere Form als die der Gebärdensprache, deshalb sah mein Gedicht geschrieben so aus:

Ein Blatt weht fort,

wird getragen und wirbelt.

Ein fließender Strom schwemmt es

an Land, ans Ufer.

Die Vogelmutter greift das Blatt,

fliegt davon

und baut ein Nest.

Natürlich reimte sich dieser Text nicht so, wie es Gedichte in englischer Sprache taten. Doch ich hatte gedacht, ich könnte meine Geschichte trotzdem einreichen, wenn ich den Zusammenhang erklärte. Deshalb hatte ich ganz oben auf mein Papier eine Notiz geschrieben. Ob Ms. Conn sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, sie zu lesen?

Entsetzt schaute ich auf meine Hausaufgabe hinunter. Ein roter Strich verlief quer durch das Gedicht und ruinierte es. Ich nahm meinen eigenen Rotstift aus der Federmappe und funkelte Ms. Conn wütend an. Dann schrieb ich unter ihren Satz die Worte: Für mich reimt es sich wohl!

Seit Grandpa gestorben war, fragte ich mich immer wieder, ob er mich noch sehen konnte oder auf irgendeine Art bei mir war. Normalerweise wünschte ich mir nichts sehnlicher, doch in diesem Augenblick hoffte ich, er wäre weit weg. Denn ich wollte nicht, dass er erfuhr, was meine Lehrerin unserer Geschichte angetan hatte. Was sie uns angetan hatte.

Alle Kinder starrten mich an, als ich mein Gedicht zerknüllte. Wie immer hielt sich Nina ihren Zeigefinger an die Lippen, so als wäre es ihre Aufgabe, mich daran zu erinnern, dass Dinge Geräusche machten und ich sie deshalb lassen sollte. Am liebsten hätte ich ihr das Blatt ins Gesicht geschleudert, doch stattdessen warf ich es quer durchs Zimmer in die Ecke, wo es im Mülleimer landete. Mein Gedicht war zerstört – mitsamt dem Baum, den Blättern, dem Fluss und der Vogelmutter. Sie alle waren in Stücke geschnitten worden von einem roten Strich.

3. Kapitel

Allein

Obwohl ich durchaus die Gelegenheit dazu gehabt hätte, waren die Naturwissenschaften die einzigen Fächer, in denen ich nicht heimlich etwas über Elektronik las. Stattdessen passte ich sehr gut auf, was im Unterricht vor sich ging, denn ich mochte sowohl die Themen als auch meine Lehrerin, Sofia Alamilla. Mir gefiel sogar, wie locker mir ihr Name von der Hand ging, wenn ich ihn in Gebärdensprache zeigte. Er war elegant und leicht wie eine Welle.

Jetzt gerade, in der Biologiestunde, schrieb Ms. Alamilla die Buchstaben Hz an die Tafel. »Erinnert ihr euch noch, wofür die Abkürzung steht?«, fragte sie in die Klasse.

Ein paar Hände schossen in die Luft, und Ms. Alamilla rief mich auf. Ich buchstabierte H-e-r-t-z in Gebärdensprache, und Mr. Charles übersetzte für die anderen: Hertz.

»Richtig«, lobte meine Lehrerin, dann fragte sie weiter: »Und was misst man damit?«

»Die Frequenz von Tönen«, antwortete ich.

Ich verstand nicht, warum Ms. Alamilla schon wieder auf Frequenzen zu sprechen kam. Schließlich hatten wir bereits vor Monaten den Test darüber geschrieben.

»Ich bin auf ein Video gestoßen, das sehr gut in unseren Unterricht passt«, sagte unsere Lehrerin, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Darin geht es um einen ganz besonderen Wal. Ihr werdet gleich sehen, warum die Frequenz seines Gesangs wichtig ist.«

Ms. Alamilla drückte ein paar Tasten des Computers auf ihrem Schreibtisch, und ihre Brillengläser reflektierten das Video, das sie aufgerufen hatte. Vorne im Klassenzimmer hing eine weiße Leinwand, auf der der Film ebenfalls zu sehen sein sollte, doch es erschienen lediglich ein blaues Viereck und der Hinweis »Kein Signal«.

Noch bevor Ms. Alamilla die Gebärden für »Bitte hilf mir« ausführen konnte, machte ich mich auf den Weg zu ihr. Ich startete das Video neu und drückte auf das Pausenzeichen. Dann schloss ich den Computer an den Projektor an und aktivierte das CC-Feld am unteren Rand des Bildschirms, um die Untertitel einzublenden.

Das Video begann mit Bildern eines Wals, der durch den Ozean schwamm. Dank der Untertitel konnte ich die Worte des Erzählers von der Leinwand ablesen, anstatt auf Mr. Charles’ Hände achten zu müssen. Der graublaue Körper des Tiers füllte die Bildfläche aus, die kräftige Schwanzflosse bewegte sich wellenförmig auf und ab.

Der Sprecher berichtete, dass der Wal Blue 55 heiße und immer ganz allein unterwegs sei. Im Gegensatz zu seinen Artgenossen gehöre er keiner Schule, keiner Gruppe von Walen an. Soweit die Forscher wussten, war das nie anders gewesen. Das Tier besaß keine Familie oder Freunde, mit denen es umherschwamm und kommunizierte. Blue 55 war ein Bartenwal, weshalb in seinem Oberkiefer Hornplatten anstelle von Zähnen steckten. Er ernährte sich von Plankton und kleinen Fischen, nicht von Tintenfischen oder Robben wie die Zahnwale. Das Besondere an Blue 55 war, dass es sich bei ihm um einen Hybrid, also um eine Mischform, handelte. Seine Mutter war ein Blauwal, sein Vater ein Finnwal.

»Blue 55 hat eine einzigartige Stimme«, erklärte der Sprecher. »Die meisten Bartenwale singen auf einer Frequenz von 35 Hertz oder niedriger. Die Gesänge von Blue 55 hingegen liegen bei 55 Hertz, was für ihn ein Problem darstellt.«

Meine Augen weiteten sich, als ich verstand, was das bedeutete: Zwischen den Lauten von Blue und denen der anderen Wale lagen nur etwa zwanzig Hertz, doch diese machten einen gewaltigen Unterschied aus. Blue sprach eine Sprache, die niemand außer ihm beherrschte.

»Darüber hinaus besitzen die Gesänge dieses Wals eine einzigartige Struktur«, fuhr der Erzähler fort. »Auch wenn andere Wale seine Töne durchaus hören können, verstehen sie nicht, was er sagt. Blue 55 könnte vermutlich nicht einmal mit seinen eigenen Eltern kommunizieren.«

Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich wünschte mir, auf dem Bildschirm würde ein anderer Wal auftauchen und auf Blue 55 zuschwimmen.

»Die ungewöhnlichen Rufe von Blue wurden zum ersten Mal in den späten 80ern von einem Sonargerät der US-Navy erfasst«, erklärte der Sprecher. »Meeresbiologen haben daraufhin herausgefunden, dass ein Wal diese merkwürdigen Geräusche verursachte. Und sie sind der Frage nachgegangen, warum er ganz allein unterwegs war.«

Ich bemerkte erst, dass ich Tränen in den Augen hatte, als die Wörter auf der Leinwand verschwammen. Mr. Charles zog ein Taschentuch aus seiner Jacke und reichte es mir. Womöglich hatte er mich schniefen gehört.

»Allergie«, zeigte ich in seine Richtung, ohne meinen Blick von dem Video abzuwenden.

Der Sprecher berichtete, Forscher hätten im vergangenen Jahr versucht, einen Sender an Blue 55 zu befestigen, damit sie seine Wanderroute verfolgen konnten. Denn auch diese war ungewöhnlich und unterschied sich von denen anderer Wale.

Den Wissenschaftlern war es gelungen, eine Hautprobe des Tiers zu entnehmen, um sie zu untersuchen. Dabei war herausgekommen, dass seine Eltern unterschiedlichen Walarten angehörten. Doch bevor sie den Sender an Blue anbringen konnten, war er abgetaucht und davongeschwommen. Der Wal würde erst zwanzig Minuten später wieder zum Luftholen die Wasseroberfläche durchbrechen, das wussten die Forscher. Ohne den Sender an seinem Körper ließ sich sein Aufenthaltsort nur mithilfe von Unterwassermikrofonen bestimmen, die seine Gesänge aufzeichneten.

Ich erinnerte mich nicht, von meinem Stuhl aufgestanden zu sein. Doch als das Video endete und Ms. Alamilla zu sprechen begann, musste ich nach unten schauen, um auf Mr. Charles’ Hände zu sehen. Alle Kinder in der Klasse hatten ihre Augen auf mich gerichtet, als ich mich wieder auf meinen Stuhl sinken ließ. Ich bemerkte, dass mein Schulbuch zu Boden gefallen war – wahrscheinlich hatte ich es aus Versehen vom Tisch gefegt, als ich mich erhoben hatte. Ich ließ das Buch vor meinen Füßen liegen.

»Könnt ihr euch das vorstellen?«, fragte Ms. Alamilla. »Jahrelang allein umherzuschwimmen, ohne in der Lage zu sein, mit jemandem zu kommunizieren?«

Ja, dachte ich.

Meine Lehrerin sprach noch weiter über die Frequenzen von Geräuschen, aber meine Gedanken schweiften ab. Ich starrte durch Mr. Charles hindurch auf die Leinwand, so als könnte ich dort nach wie vor Blue 55 vorbeischwimmen sehen.

Obwohl er keine Familie oder Freunde besaß, die seine Sprache verstanden, sang er immer noch. Unermüdlich rief er im Meer nach seinen Artgenossen. Doch niemand antwortete ihm.

4. Kapitel

Blue 55

Blue war nicht immer allein geschwommen. Vor langer Zeit, als die lautesten Geräusche im Ozean noch die Walgesänge gewesen waren, hatte er zu einer Gruppe gehört.

Die anderen Wale versuchten, mit ihm zu sprechen. Jeden Tag bemühten sie sich darum, ihre Laute den seinen anzupassen.

Blue erwiderte ihre Rufe, doch die Töne, die er von sich gab, bedeuteten für sie nichts.

Wenn er seine Artgenossen hörte, antwortete er ihnen. Doch nichts von dem, was er sagte, ergab für sie einen Sinn. Sie dachten, er würde sie nicht verstehen.

Schließlich begannen sie, an ihm vorbeizukommunizieren, durch ihn hindurch oder über ihn hinweg. Sie taten so, als wäre er ein Korallenriff oder ein Kelpwald, an dem sie vorbeiglitten. Dabei hörte Blue alles.

Er verstand sie, als sie verzweifelten und die Hoffnung aufgaben, jemals von ihm eine Antwort zu erhalten. Er bekam mit, wenn sie darüber klagten, dass er nichts zu ihrer Gruppe beitrug. Und er konnte ihnen nicht mitteilen, wenn sie in Gefahr waren oder sich nahrungsreichen Gewässern näherten.

»Aber ich höre euch doch, und ich möchte euch helfen!«, rief er. »Schaut her, ganze Wellen voll Krill!« Er drehte und wand sich, um ihnen den Weg zu weisen. Er kämpfte darum, die Geräusche der anderen Wale nachzuahmen. Doch das Meer ergriff sein Lied und trug es fort. Seine Töne waren zu hoch, um die anderen Tiere zu erreichen.

Und eines Nachts, als er erwachte, um für einen Atemzug an die Wasseroberfläche zu schweben, war er vollkommen allein. Nach so langer Zeit, nach so vielen ungehörten Liedern, hatte seine Familie ihn verlassen.

»Wo seid ihr?«, fragte er. »Was soll ich jetzt tun?« Doch er wusste, er würde keine Antwort bekommen. Denn seine Laute besaßen nur für ihn selbst eine Bedeutung.

5. Kapitel

In der Gruppe

Beim Mittagessen, nach Ms. Alamillas Unterricht, saß ich mit den anderen Kindern am Tisch, doch ich fühlte mich trotzdem allein. Eigentlich gelang es mir recht gut, ihre Lippen zu lesen, aber ich konnte noch längst nicht alles verstehen. Viele Laute der gesprochenen Sprache wurden auf ähnliche Weise gebildet, und wenn sich Grüppchen von Kindern unterhielten, war es kaum möglich, mehr als ein oder zwei Wörter aufzuschnappen. Noch schwieriger war es, wenn die Kinder dabei aßen. Einige meiner Mitschüler gaben sich große Mühe und wandten sich mir zu, wenn sie etwas sagten. Doch irgendwann wurden sie wieder von der allgemeinen Unterhaltung in der Gruppe mitgerissen, und ich konnte ihnen nicht mehr folgen. Manche Kinder hatten sogar das Alphabet der Gebärdensprache gelernt und buchstabierten mir ihre Sätze hin und wieder Wort für Wort. Das dauerte jedoch meistens sehr lange, deshalb bat ich sie nach einiger Zeit, das Gesagte aufzuschreiben. Und wenn ich dann etwas in Gebärdensprache antwortete, verstanden sie es nicht – es sei denn, ich gestikulierte so langsam, dass sie am Ende meines Satzes den Anfang schon wieder vergessen hatten.

Einige der Kinder am Tisch waren mit mir in Ms. Alamillas Biologiestunde gewesen. Ich musste noch immer an Blue 55 denken und fragte mich, ob es ihnen ähnlich ging. Ich schaute sie an, doch ich hatte nicht den Eindruck, dass sie über den Wal sprachen. Am liebsten hätte ich meine Mitschüler gefragt, ob sie glaubten, Blue schwimme gern allein. Oder ob er sich wohl Freunde wünsche. Vielleicht hatte er ja lange versucht, mit anderen Walen zu kommunizieren, und hatte es irgendwann enttäuscht aufgegeben. Oder aber er war glücklich damit, sein eigenes Lied zu singen.

Auf einmal ging Nina mit ein paar Freundinnen an unserem Tisch vorbei und winkte, als wollte sie mir etwas Wichtiges mitteilen. Allerdings hatte ich die Erfahrung gemacht, dass sie nie etwas Bedeutsames zu sagen hatte, selbst wenn ich sie ausnahmsweise einmal verstand. Doch sie hatte das Video über Blue 55 gesehen und interessierte sich für Gebärdensprache, also beschloss ich, ihr eine Chance zu geben.

So deutlich wie möglich zeigte ich ihr die Gebärden für die Frage: »Was denkst du über diesen Wal?«

Nina deutete auf mein Mittagessen und beschrieb etwas mit ihren Händen, was überhaupt keinen Sinn ergab.

Ich überlegte, ob sie vielleicht vor Aufregung durcheinandergeraten war und deshalb zu schnell gestikulierte. Vielleicht konnten ihre Hände einfach nicht mit ihrem Gehirn mithalten.

Ich streckte meinen Arm aus, um ihr zu signalisieren, sie solle zur Ruhe kommen. Dann machte ich einen weiteren Versuch, ihr meine Frage zu stellen. Zahlen und Buchstaben waren in der Gebärdensprache einfach zu verstehen, deshalb hielt ich eine Hand hoch, um ihr den Buchstaben B zu zeigen. Anschließend klatschte ich zweimal mit der geöffneten Handfläche in die Luft – das Zeichen für die Zahl 55. Um ihr zu verdeutlichen, dass ich eine Frage stellte, zuckte ich mit den Schultern und hob die Augenbrauen. Es hätte ihr vollkommen klar sein müssen, dass ich wissen wollte: »Was denkst du über Blue 55?«

Doch sie schien es immer noch nicht zu begreifen, denn keine ihrer Gesten hatte Ähnlichkeit mit den Gebärden für Wal, Ozean oder Lied.

Schließlich gab ich auf und wandte mich ab. Ich schaute zu Sanjay hinüber, der über ein neues Level in seinem Computerspiel sprach. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Nina mittlerweile noch hektischer gestikulierte. Ihre Freundinnen traten einen Schritt zurück, um nicht von ihren herumwedelnden Händen getroffen zu werden. Obwohl Nina diejenige war, die gerade ein riesiges Theater veranstaltete, richtete sich die Aufmerksamkeit der anderen Kinder auf mich. Sanjay zeigte auf Nina, damit ich sie ansah. Aber ich winkte ab und gab vor, mich unglaublich für seine Computerspielgeschichte zu interessieren. Mein Gesicht fing an zu brennen, als Nina immer näher an mich heranrückte. Na toll. Was sollte ich denn noch tun, um ihr klarzumachen, dass sie mich störte? Aus Verzweiflung griff ich in meinen Rucksack, riss ein Blatt aus einem Schulheft und nahm einen Stift in die Hand.

Die Frage Was macht ihr alle am Wochenende? fiel mir als Erstes ein, um ein neues Gespräch zu beginnen. Während ich mich zum Schreiben über das Papier beugte, spürte ich den Luftzug, den Ninas Hände neben meinem Kopf verursachten. Schließlich drehte ich mich doch zu ihr um. Noch immer machte nicht eine ihrer Gebärden Sinn.

Ich zeigte ihr den Satz »Ich verstehe dich nicht«.

Doch Nina ließ nicht locker und hielt ihre Hände nun direkt vor mein Gesicht.

Ich spürte, wie meine Wangen immer heißer wurden, während die anderen Kinder mich anstarrten, als sei ich die Dumme, weil ich nichts kapierte.

Da konnte ich es nicht mehr ertragen. Ich gab Nina einen Schubs und zeigte ihr die Gebärden für »Lass mich in Ruhe!«.

Obwohl ich sie nicht fest hatte stoßen wollen, stolperte Nina und fiel rückwärts zu Boden. Ihr Mund war weit aufgerissen, so als würde sie schreien. Sie musste einen ziemlichen Lärm veranstalteten, denn sämtliche Schüler in der Cafeteria standen auf und starrten zu uns herüber. Mit besorgten Mienen bahnten sich die Aufsichtslehrerinnen ihren Weg zu uns. Bei einer von ihnen konnte ich am Mund die Frage ablesen: »Was ist passiert?«

Die Lehrerin half Nina vom Boden auf, während Nina sich den Ellbogen rieb. Ansonsten schien aber nichts weiter passiert zu sein. Ich stand auf und schwang meinen Rucksack über die Schulter. Die Pause war zwar noch nicht zu Ende, doch ich machte mich schon einmal auf den Weg zum Büro der Direktorin. Denn dort würde man mich sowieso hinschicken.

6. Kapitel

Radios

Die Schulsekretärin nahm gerade den Telefonhörer ab, als ich das Vorzimmer betrat. Ich winkte ihr zu und öffnete die Tür zum Büro von Direktorin Shelton. Sie war noch nicht da, deshalb schob ich schon einmal die Stühle zurecht. Den großen schwarzen Stuhl trug ich hinüber zum Schreibtisch, sodass Mr. Charles sich dort hinsetzen konnte. Meinen eigenen zog ich in die Mitte, damit ich meinen Dolmetscher und Ms. Shelton gleichzeitig anschauen konnte. Dann nahm ich meinen Platz ein und starrte an die Decke.

Nach einer Weile betrat Ms. Shelton den Raum. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und zog die Augenbrauen hoch, so als würde sie fragen: »Was war los?«

Ich zuckte mit den Schultern. Es machte keinen Sinn, ihr zu antworten, solange Mr. Charles noch nicht da war. Um mich zu beruhigen, griff ich nach dem Anhänger, den ich um meinen Hals trug. Er war aus dem Drehknopf eines antiken Radios gefertigt und mit einem Blitz in Form des Buchstabens Z verziert. Zu Hause in meinem Zimmer hatte ich eine ganze Sammlung alter Radios. Ich reparierte sie oft für Mr. Gunnar, der in unserem Viertel einen Antikladen besaß. Und manchmal – oder besser gesagt ziemlich oft – kaufte ich ihm die Radios ab, nachdem ich sie wieder funktionstüchtig gemacht hatte. Den Anhänger hatte ich mir gebastelt, um immer ein Andenken an meine Geräte bei mir zu haben. Während Ms. Shelton und ich warteten, fuhr ich mit der Fingerspitze die gezackten Umrisse des Blitzes entlang.

Kurze Zeit später kam Mr. Charles ins Zimmer. »Hallo«, begrüßte ich ihn, während er sich in seinen Stuhl sinken ließ.

Ich deutete auf ein Foto auf Ms. Sheltons Schreibtisch, das ich noch nie gesehen hatte. »Neues Enkelkind?«

»Ja, das ist Henry«, antwortete meine Direktorin, nachdem Mr. Charles meine Frage laut ausgesprochen hatte. »Und jetzt erzähl mir bitte, was in der Cafeteria passiert ist«, forderte sie mich auf.

Bestimmt wusste Ms. Shelton längst, was geschehen war, doch sie wollte auch meine Seite der Geschichte hören. Vermutlich hatte sie diese Taktik in der Direktorinnenschule gelernt: Finde heraus, was vorgefallen ist, und sprich mit dem Kind, um festzustellen, ob es lügt.

Mr. Charles übersetzte, während ich Ms. Shelton von der Sache berichtete.

»Nina wollte dich fragen, was du zu Mittag isst«, sagte meine Direktorin schließlich.

Ich schlug mir gegen die Stirn. Im Ernst? Der ganze Streit hatte begonnen, weil Nina wissen wollte, welches Sandwich ich mir ausgesucht hatte?

»Sie hat nur versucht, sich mit dir zu unterhalten, Iris. Sie wollte nett sein.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das stimmt nicht. Nina wollte angeben und so tun, als beherrsche sie die Gebärdensprache. Und dann hat sie mir ihre Hände ins Gesicht gestreckt!«

Ms. Shelton erinnerte mich daran, dass körperliche Gewalt in der Schule auf keinen Fall geduldet wurde. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich bloß Ninas Hände hatte wegschieben wollen, doch es nützte nichts. In der Schule zählten grobe Berührungen als körperliche Gewalt.

»Das ist nicht fair!«, erwiderte ich und schaute aus dem Fenster hinaus auf den Parkplatz.

Mr. Charles winkte, damit ich ihn ansah. Dann übersetzte er, was Ms. Shelton sagte:

»Die anderen Kinder am Tisch haben bestätigt, dass du Nina signalisiert hast, sie soll dich in Ruhe lassen. Und trotzdem ist sie dir immer näher gekommen. Wir werden mit ihr darüber sprechen, wie wichtig es ist, den persönlichen Bereich anderer Menschen zu respektieren. Wenn so etwas noch einmal vorkommt, wende dich aber bitte an einen Lehrer, anstatt jemanden zu schubsen.«

»Okay.« Ich beschloss, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Ms. Shelton wäre vermutlich nicht sonderlich begeistert, wenn ich sie darauf hinwies, dass es viel einfacher war, jemanden wegzustoßen. Einen Lehrer herbeizuwinken und anschließend noch schriftlich zu erklären, worum es ging, war doch sehr umständlich.

Meine Direktorin sagte, dass ich für die nächsten zwei Tage vom Unterricht ausgeschlossen war, aber trotzdem in die Schule kommen musste. Ich sollte den ganzen Tag allein in einem Raum sitzen und Aufgaben lösen. Von mir aus. Natürlich wäre es mir lieber gewesen, zu Hause bleiben zu dürfen, dann hätte ich mich nämlich meinen Radios widmen können. Doch vermutlich war genau das der Grund, weshalb Ms. Shelton mich in der Schule sehen wollte. Alles andere hätte sich für mich zu sehr nach Ferien angefühlt.

Ich wollte gerade aufstehen, da verkündete Ms. Shelton noch: »Und du wirst dich bei Nina entschuldigen, wenn du wieder in deine Klasse zurückdarfst.«

Ich schluckte. Hoffentlich hätte meine Direktorin die Anweisung bis dahin wieder vergessen.

 

Als ich nach Unterrichtsschluss auf mein Smartphone schaute, sprang mir sogleich eine Nachricht von Mom entgegen: Komm nach der Schule direkt nach Hause!

Natürlich hatte Ms. Shelton meine Eltern angerufen, um ihnen zu berichten, was heute passiert war. Ich schwang mich auf mein Fahrrad, doch ich hatte es nicht eilig, nach Hause zu fahren. Mom und Dad hatten mir schon vor Längerem Ärger angedroht, falls ich noch einmal ins Büro der Direktorin geschickt werden sollte.

Heute Morgen vor der Schule hatte ich in meinem Zimmer noch über der Reparatur eines mintfarbenen Zenith-Radios aus den 50ern gebrütet. Die Arbeit hatte sich als unerwartet schwierig erwiesen, deshalb war ich auch etwas zu spät zur ersten Stunde gekommen. Zwar hätte ich es beinahe geschafft, das Gerät wieder zum Laufen zu bringen, doch dann hatte ich gemerkt, dass mir ein paar Ersatzteile fehlten. Mr. Gunnar sagte immer, ich solle mir für meine Reparaturen genug Zeit nehmen, doch ich brachte es nicht übers Herz, Dinge kaputt herumliegen zu lassen.

Ich beschloss, noch schnell beim Schrotthandel vorbeizufahren und nach den passenden Ersatzteilen zu suchen. Moes Gebrauchtwarenzentrum lag sozusagen auf dem Weg, und ich brauchte nur kurz hineinzuspringen.

Als ich vor dem großen Tor ankam, stellte ich mein Fahrrad ab und rannte auf den Platz. Mit geübtem Blick suchte ich die Abteilung für defekte Haushaltsgeräte ab und entdeckte zwischen Waschmaschinen und Geschirrspülern eine sperrige Fernseh-Radio-Schallplattenspieler-Kombination der Firma Admiral.

Ich lief hinüber, um einen näheren Blick darauf zu werfen. Das Gerät war in den 50ern gebaut worden, und der Staub mehrerer Jahrzehnte hatte sich in den Ritzen des Holzgehäuses abgesetzt. Die Membran der Lautsprecherbox hing in Fetzen herab, und sowohl der Fernseher als auch der Plattenspieler waren vermutlich nicht mehr zu gebrauchen. Das Radio könnte mir allerdings genau die Teile liefern, die ich brauchte.

Ich löschte meine begonnene Nachricht und schrieb stattdessen: Ich wünschte, du wärst noch hier. Obwohl Grandpa meine Worte nie lesen würde, tippte ich auf Senden. Dann ließ ich das Smartphone wieder in meine Tasche gleiten. Ich vermisste Grandpa noch immer, fühlte mich ihm jetzt aber trotzdem ein wenig näher. So als hätte meine Nachricht ihn wissen lassen, dass ich an ihn dachte: Ich habe dich nicht vergessen, Grandpa, sagte ich in Gedanken. Aber manchmal erinnere ich mich einfach nicht daran, dass du nicht mehr hier bist.

Jimmy Joe

Auf einmal fiel mein Blick auf einen Notizblock, der auf dem Schreibtisch lag. Perfekt! Ich riss einen Zettel ab, schnappte mir einen Stift und kritzelte: Können Sie das Admiral-Set für mich zurücklegen? Ich komme es später abholen.

Sofort weiteten sich seine Augen, so als wüsste er nicht, was er jetzt tun sollte. Dann fragte er so etwas wie: »Kannst du Lippen lesen? Oder sprechen?«

Jimmy Joe deutete aus dem Fenster. »Das Set ist kaputt.« Er riss seinen Mund dabei weit auf und wedelte mit den Händen, um mir klarzumachen, was er meinte.

Ich nahm mir den Zettel zurück und schrieb: Ich brauche das Gerät als Ersatzteil.

Ich frage meinen DadEr hat einen Arzttermin, kommt aber bald zurück.

Sagen Sie ihm, es ist für Iris. Danke!, notierte ich auf dem Zettel. Dann riss ich ein weiteres Blatt ab, schrieb meinen Namen darauf und bediente mich an der Klebebandrolle auf dem Schreibtisch. Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte ich nach draußen und heftete den Iris-Bailey-Zettel an das Admiral-Set. Jetzt gehörte es so gut wie mir. Obwohl mich zu Hause eine gewaltige Standpauke erwartete, legte ich den gesamten Heimweg mit einem Lächeln zurück.