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Barbara Rose

Whisperworld

Aufbruch ins Land der Tierflüsterer

Mit Bildern von Alina Brost

 

In Whisperworld, einem Land fernab der Zivilisation, werden fünf Jungen und Mädchen zu Tierflüsterern.

Sie wachsen über sich hinaus, retten bedrohte Arten und finden Freunde fürs Leben.

 

Coco, Chuck, Amy, Mohit und Paul wurden gerufen. Sie dürfen nach Whisperworld, wo vom Aussterben bedrohte Tierarten und seltene Fabelwesen leben. Sie wandern allein durch grünen Dschungel, schlafen in riesigen Baumhäusern und lernen jeden Tag Neues über die Natur und die Tiere um sich herum. Wer wird als Erstes das Flüstern hören? Wer wird als Erstes auserwählt, eine Art zu schützen als ihr Tierflüsterer?

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„Die Tiere empfinden wie der Mensch
Freude und Schmerz, Glück und Unglück.“
Charles Darwin

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Whisperworld – ein Land am Ende der Welt.

Geheim und verborgen.

Nur ein einziges Buch erzählt seine Geschichte.

In Whisperworld leben Tierarten, die längst als
ausgestorben galten.

Dort finden bedrohte Tiere eine Heimat.

Dort werden sie beschützt.

Beschützt von den Tierflüsterern.

Jedes Mädchen und jeder Junge träumt vom Ruf
nach Whisperworld.

Denn in Whisperworld werden Kinder zu Tierflüsterern.

Mädchen und Jungen, die alles geben,
um unsere Welt zu retten.

Wer wird auserwählt?

Wer darf bleiben?

 

Hörst du das Flüstern aus Whisperworld?

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Roaaaaar!

Das Brüllen des Löwen dröhnte durch die Wildnis. Es hallte vom grünen Hügel, auf dem er stand, hinunter zum Fluss, schallte über die nebelverhangenen Wipfel der Eichen, Buchen und krumm gewachsenen Tamarindenbäume mit ihren zahlreichen Lianen. Aufgeschreckt flatterten ein paar Papageien aus dem feuchten Dunst und kreisten eine Weile hoch über den Blattkronen, die im Licht der gerade aufgegangenen Sonne in allen Grüntönen glänzten.

Die Silberreiher in den Sümpfen und die Faultiere und Affen in den Bäumen erstarrten, die Kolibris verharrten für einen Moment im Flug.

Der Löwe lauerte witternd, die weichen Ballen auf das Gras gepresst, die Krallen noch nicht ganz ausgefahren. Mit hoch erhobenem Kopf stand er da, das Maul weit geöffnet, die Reißzähne blitzten im Sonnenlicht. Wind zerzauste die goldbraune Mähne. Die Augen hatte der Löwe leicht geschlossen, die Ohren so zur Seite gedreht, dass ihm nicht das kleinste Geräusch entgehen konnte.

Er regte sich nicht, nur der Schwanz mit der schwarzen Quaste bewegte sich hin und her wie ein schlängelnder Königspython.

Der Löwe wartete.

Da stieg eine Frau den Hügel hinauf und lief mit energischen Schritten auf das Raubtier zu. Ein paar Locken hatten sich aus ihrem Tropenhelm gelöst und ringelten sich um ihr Gesicht. Über der rechten Schulter trug sie ein Gewehr, das sie lässig mit der Hand festhielt, den Lauf nach hinten, den Finger am Abzug.

Der Löwe rührte sich nicht vom Fleck. Sein Körper war angespannt und vibrierte leicht, als wollte er jeden Moment losspringen, seine gewaltigen Klauen in den Körper der Frau bohren.

Doch die Frau achtete nicht darauf. Ungerührt näherte sie sich dem Raubtier und blieb vor ihm stehen.

Einen Moment war es still. Völlig lautlos, bis auf das Geräusch, das der zuckende Löwenschwanz verursachte.

Da streckte die Frau eine Hand aus, legte sie behutsam auf den Rücken des Löwen und lächelte. „Du hast recht, Carlos! Silvester ist spät dran. Aber das kann bei so einer weiten Strecke schon mal vorkommen. Mach dir keine Sorgen.“

Der Löwe schüttelte die Mähne, brüllte noch einmal und knurrte dann heiser.

„Es wird schon nichts passiert sein“, meinte die Frau. „Die Sonne ist gerade erst aufgegangen, das Licht reicht noch einige Stunden für eine sichere Landung.“

Mit einer Hand hob sie den Tropenhelm an, mit der anderen wischte sie sich über die schweißnasse Stirn. Dabei begann es, in der Leinentasche, die sie um die Schulter trug, merkwürdig zu rumoren. Ein schuppiger Kopf mit großen Hautfalten an der Kehle kam zum Vorschein, dann ein blau schimmernder Rumpf mit einem Rückenkamm, der bis zum Schwanz reichte.

„Na, mach schon, Iggy.“ Um einen sicheren Stand zu haben, stellte die Frau die Beine leicht auseinander und wartete, bis sich der Blaue Leguan aus der Tasche geschält hatte. „Auf deiner Lieblingsposition hast du den besten Blick.“

Flink kletterte das Reptil wie ein geübter Bergsteiger an der Jacke der Frau empor. Auf ihrer Schulter ließ es sich nieder und wackelte mit dem Kopf.

„Seht nur, wie die Mondscheinberge im Sonnenlicht glitzern.“ Die Frau drehte sich in die entgegengesetzte Richtung und deutete in die Ferne. „Sogar der Krokodilfluss sieht heute aus wie flüssiges Silber. Von hier oben wirkt alles wunderbar ruhig.“

Wieder erschallte das dunkle Brüllen des Löwen.

Roaaaaar!

Die Frau verzog keine Miene, sondern beschattete in aller Ruhe ihr Gesicht und sah zum Himmel. „Deinen Augen entgeht wirklich nichts, Carlos. Den winzigen Punkt hätte ich niemals als Flugzeug erkannt! Da sind sie endlich … unsere neuen Tierflüsterer!“

Für einen kurzen Moment kniff sie die Augen zusammen und atmete tief durch. „Hoffentlich bestehen sie die Prüfungen, ich möchte ungern einen oder mehrere von ihnen direkt wieder nach Hause schicken …“

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„Meggy, gib endlich die Butter rüber!“

„Mann, ey! Stress mich nicht!“

Coco presste sich die Hände auf die Ohren. Wieso musste es hier immer so chaotisch zugehen? Konnten ihre Geschwister nicht mal frühstücken wie normale Menschen? Ruhig und ohne Streit?

Cocos alter Kater Muffin säuberte genüsslich seine Vorderpfote und rollte sich wieder in ihrem Schoß zusammen. Seinem Rückzugsgebiet. Das Jüngste der Walter-Kinder war das Einzige, das dem Kater geheuer war.

Coco schützte Muffin regelmäßig vor den Grobheiten ihrer Schwestern oder der lauten Musik, mit der ihr Bruder Ben den Kater häufig nervte.

Als um sie herum wieder Frieden eingekehrt war, blätterte Coco durch einige Papiere, die vor ihr auf dem Frühstückstisch lagen. Gedankenversunken zwirbelte sie eine Strähne ihrer dunklen Haare um den Finger. Das machte sie häufig, wenn sie angespannt war.

„Coco, räum endlich deine Schulsachen weg, wir frühstücken hier!“, knurrte Ben.

„Ich hab keinen Hunger“, erwiderte Coco entschuldigend, sammelte aber dennoch ihre Blätter zusammen. „Ich muss mir dringend noch mal mein Referat in Sport ansehen.“

Ihre Schwester Meggy verdrehte die Augen. „Du bist immer so … ehrgeizig. Voll der Streber.“

„Coco ist eben gewissenhaft“, stellte ihr Vater fest.

„Und meistens stumm wie ein Fisch!“, murmelte ihr Bruder Ben.

Hier komme ich sowieso nie zu Wort, dachte Coco.

Da stieg Muffin plötzlich auf das Fensterbrett. Cocos Blick folgte ihm. „Muffin?“

„Zeig mal her.“ Ben riss Coco ungefragt die Unterlagen aus der Hand und überflog sie. „Das ist ja eine Katastrophe. Sport ist offensichtlich nicht dein Fach …“

Coco wollte gerade genervt etwas erwidern, da hörte sie ein kurzes Pfeifen und dann …

Coco?

Was war das für ein Geräusch gewesen? Hatte jemand ihren Namen geflüstert? Von ihrer Familie auf jeden Fall keiner, die waren alle mit sich selbst beschäftigt. Coco drehte ihren Kopf in Richtung des gekippten Küchenfensters und sah fasziniert, wie ein bunter Vogel daran vorbeiflatterte. Coco hätte schwören können, dass er einen Moment im Flug innehielt und zu ihr blickte. Aber … das war natürlich völliger Quatsch.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte Ben verwirrt. „Hast du da draußen ein Ufo gesehen?“ Er lachte über seinen eigenen Witz. „Hallo? Erde an Coco!“

Aber da seine Schwester nicht auf den Scherz reagierte, verlor er schnell das Interesse.

Coco!?

Da! Schon wieder dieses Flüstern. Diesmal aber mit mehr Nachdruck und lauter als beim ersten Mal.

Coco wandte sich suchend zu ihren Eltern und Geschwistern um. „Hört ihr das auch?“, fragte Coco.

Doch niemand beachtete sie. Wahrscheinlich hatte sie mal wieder zu leise gesprochen.

Coco! Coooocooo!

Schon wieder! Ein kurzes, melodisches Pfeifen. Deutlich vernahm Coco den Ruf, der für alle anderen offensichtlich unhörbar war.

Sie richtete sich im Stuhl auf und spähte in den Garten. Da blitzte etwas Buntes in der Kastanie. Ein Papagei mit einem gelb-roten Kopf und einem gelbgrün leuchtenden Rücken. Hatte der sie … gerufen?

Papageien konnten sprechen, das wusste Coco. Oder zumindest einige Arten konnten das nachplappern, was ihnen jemand beigebracht hatte. Aber … ihren Namen? Außerdem hatte Coco einen solchen Papagei noch nie gesehen, dabei hatte sie die Merkmale etlicher Arten in ihren Notizbüchern aufgeschrieben.

„Ich, äh, muss in meinem Zimmer noch was für die Schule einpacken. Ich nehm mir zum Frühstück einfach eine Banane mit!“ Eilig stand Coco vom Tisch auf und huschte in ihr Zimmer.

Sie zog ein großes Tierlexikon aus dem Regal und legte sich damit aufs Bett. Hektisch blätterte sie die Seiten um. Das konnte nicht wahr sein … Der Vogel im Garten war ein Karolinasittich. Hundertprozentig. Aber diese Art war eigentlich vor über 100 Jahren ausgestorben …

Geistesabwesend streichelte Coco Kater Muffin, der ihr wie immer gemächlich gefolgt war.

„Kannst du das glauben, Muffin? Ein Vogel, der ausgestorben ist. Und der meinen Namen ruft?“

Der Kater blickte auf, legte den Kopf schief und sprang plötzlich auf den Boden. Coco traute ihren Augen nicht. Normalerweise bewegte sich Muffin nur noch sehr langsam, eben wie ein Katzenopa.

„Was ist los?“, fragte Coco mit sanfter Stimme. Muffin beachtete sie nicht. Blitzschnell eilte er aus dem Zimmer und schon hörte Coco die Katzenklappe in der Haustür.

Was hatte das zu bedeuten? Sie lief zum Fenster und drückte ihre Nase platt. Doch sie konnte Muffin nirgendwo entdecken. Auch der Karolinasittich war weg. Ob sie sich das Ganze nur eingebildet hatte?

Gerade war Coco wieder auf ihr Bett gesunken und hatte es sich mit dem Lexikon gemütlich gemacht, da hörte sie erneut das Scheppern der Katzenklappe. Das musste Muffin sein. Aber wieso war er schon wieder zurück? Coco merkte, wie ihr Herz schneller schlug. Erwartungsvoll hob sie den Kopf. Tatsächlich! Der Kater lief miauend ins Zimmer. An seinem Halsband baumelte ein Papierröllchen.

Coco schluckte. „Was ist denn das?“ Sie bückte sich. Mittlerweile schlug ihr Herz bis zum Hals.

Vorsichtig löste sie die Rolle und entfaltete sie:

 

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Verdattert las Coco die Einladung zum zweiten, dann zum dritten und vierten Mal. Unfassbar. Whisperworld! Das Land der Tierflüsterer! Seit Jahren hatte sie davon geträumt, aber niemandem von ihrem größten Wunsch erzählt. Und jetzt wurde er wahr.

Endlich!

 

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Coco presste ihre Nase ans Fenster. So fest, dass es beinahe wehtat. Aber sie nahm den Schmerz gar nicht richtig wahr, sie war völlig fasziniert von der Aussicht. Einfach gigantisch!

Die Propellermaschine flog niedrig, sodass Coco von ihrem Platz im vorderen Teil des Flugzeugs alles, was sich unter ihr erstreckte, durch die Cockpitscheibe deutlich erkennen konnte.

 

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Es war noch früh am Morgen. Gerade ging die Sonne wie ein orangefarbener Ball am Horizont auf und tauchte die Umgebung in goldenes Licht.

Coco blinzelte. Sie musste mehrere Stunden geschlafen haben, denn gegen Abend waren sie von Beagle Cove gestartet. Coco erinnerte sich noch daran, dass sie lange übers flache Land, über zahlreiche Flüsse und irgendwann über ein riesiges Gebirge geflogen waren. Rechts und links hatten sich die Bergspitzen so nah ans Flugzeug gedrückt, dass Coco gemeint hatte, sie berühren zu können. Vor Angst hatte sie die Augen geschlossen … und war dann wohl eingenickt.

Immer noch flogen sie über stark zerklüftetes und dicht bewaldetes Bergland. Aber die Berge waren längst nicht mehr so hoch, die Landschaft hatte sich völlig verändert. Ein grünes Meer aus Pflanzen lag nun unter dem Flugzeug. Kräftiger Dunst stieg aus den hohen Bäumen auf. Coco hatte beinahe das Gefühl, die feuchte Erde und die Pflanzenwelt zu riechen. Schnell schlug sie eine Seite in ihrem Notizheft auf und kritzelte etwas hinein. Seit sie in die sechssitzige Maschine gestiegen war, machte sich Coco immer wieder Notizen. Sie hatte ein Buch über seltene Pflanzen, außerdem eng beschriebene Hefte über Länder, Wetterphänomene und Landschaftsformen. Auch zahlreiche Notizbücher über vom Aussterben bedrohte Tierarten.

 

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Gerade blätterte sie in einem davon. Doch schon bald musste sie wieder aus dem Fenster schauen. Der Ausblick war einfach zu schön. Die Bäume leuchteten in den unterschiedlichsten Grüntönen, durchzogen von einem silberfarbenen, sich schlängelnden Band.

„Das ist der Krokodilfluss“, rief Silvester, der Pilot, nach hinten, ohne den Blick vom Steuerhorn zu nehmen. „Er durchzieht die ganze Gegend, ist aber nur ein kleiner Teil von Whisperworld. Der Fluss ist nicht ganz ungefährlich. Es sind jede Menge Krokodile drin und andere Viecher …“ Doch wenn er erwartet hatte, dass Coco oder die vier anderen Jungen und Mädchen im Flugzeug sich davon beeindrucken ließen, hatte er sich getäuscht.

„Keine Sorge, ich weiß, wie gefährlich Krokodile sein können“, erwiderte einer der Jungen trocken.

Coco drehte sich zu ihm um. Er hieß Chuck, saß direkt hinter ihr und war Coco schon beim ersten Treffen auf dem kleinen Flughafen Beagle Cove aufgefallen. Chuck war der coolste Junge, den sie je gesehen hatte. Seine Snapback-Kappe über den kurzen braunen Haaren trug er lässig nach hinten, dazu Jogginghose und Sneakers.

Chuck gähnte und rekelte sich. „In dieser Gegend müsste’s auch zahlreiche Raubtiere, gefährliche Schlangen und giftige Spinnen geben. Ich find, die sind schlimmer als Krokodile.“

Während er redete, bemerkte Coco seine zappelnden Beine und seinen umherhuschenden Blick. Außerdem nahm er immer wieder die Kappe ab, strich sich geistesabwesend über den Kopf und setzte die Snapback dann wieder auf. Vielleicht war Chuck ja doch nicht so locker und entspannt, wie er sich gab.

„Du kennst dich wohl mit Tieren aus, oder? Wann hast du deine Einladung nach Whisperworld bekommen?“, wollte ein Junge mit tiefer Stimme wissen. Er trug eine Strickmütze über den blonden Haaren und eine enorm dicke Uhr am Handgelenk, die ziemlich teuer aussah. Coco wunderte sich darüber, denn Technik, so hatte es in der Einladung gestanden, war in Whisperworld nicht erlaubt.

Er saß schräg hinter Chuck, und jetzt erinnerte sich Coco auch, dass er Paul hieß. So hatte er sich dem Piloten auf dem Flughafen vorgestellt. Und dann hatte er davon gequasselt, wie super er sich auf das Abenteuer vorbereitet habe.

„Wann ich meine Einladung bekommen hab? Is vier Wochen her … ungefähr“, antwortete Chuck und guckte aus dem Fenster. Das Flugzeug ruckelte plötzlich einmal kurz und sackte dann spürbar ab – Cocos Magen und sicher die der anderen Passagiere ebenfalls.

„Keine Panik!“, rief Silvester. „Sind nur ein paar Luftverwirbelungen. Verdammte Scherwinde, liegt an dem letzten Berg vor uns. Geht gleich vorbei.“

„Mr Silvester, darf ich eine Frage stellen? Dauert es noch lange?“, hörte Coco eine gepresste Stimme.

Als sie sich umsah, nickte ihr der Junge mit dem indischen Namen kurz zu. Er saß in der Reihe neben Chuck. Wie hieß er noch mal? Coco überlegte. Ach ja, Mohit. Ein netter Typ, auf jeden Fall unheimlich höflich. Auf dem Flughafen, auf dem sich die neuen Schüler getroffen hatten, hatte sie sich kurz mit ihm unterhalten, aber das war ihr sofort aufgefallen.

Mohit war nicht besonders groß, hatte dunkle Augen und schwarze Haare. Ziemlich zusammengepresst kauerte er in seinem Sitz und gab ein unterdrücktes Stöhnen von sich.

Coco runzelte die Stirn. Irgendwas stimmte nicht mit ihm. Ob sie ihm helfen sollte? Immerhin hatte sie für Whisperworld extra noch einen Erste-Hilfe-Kurs besucht.

Coco sah sich im Flugzeug um. Die anderen Kinder schienen sich nicht sonderlich dafür zu interessieren, wie Mohit sich fühlte. Vielleicht sollte sie ihn auch einfach in Ruhe lassen und … Coco biss sich auf die Unterlippe … Nein! Sie wollte doch endlich nicht mehr so schüchtern sein. Also los!

Sie beugte sich nach hinten. „Sag mal … äh … Mohit … kann ich dir irgendwie helfen?“, flüsterte sie.

„Dem is schlecht“, antwortete Chuck an seiner Stelle, sah zu Mohit und grinste schief. „Blöd gelaufen, Kumpel. Beim nächsten Mal solltest du dir vielleicht überlegen, ob du in so’ n Flugzeug steigst.“

Zu gern hätte Coco etwas erwidert, aber sie war nicht besonders schlagfertig. Leider.

Mohit war blass, die Haare klebten ihm am Kopf, seine dunklen Augen hielt er halb geschlossen. Mohits eine Hand umklammerte eine Kotztüte, die er aus dem Fach im Sitz vor sich gefischt hatte. Er machte ein komisches Geräusch und drückte sich die andere Hand auf den Bauch.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte Coco noch einmal. „Also wenn dir schlecht ist, dann …“

„… kotz bitte nich auf meine Sneakers“, fuhr Chuck dazwischen. „Die sin nämlich neu.“

Coco verdrehte die Augen.

Mohit schüttelte den Kopf. Wie eine einzige wabernde Masse hing er im Sitz. Coco sah, wie er an seinem Kragen zerrte und mit verschwommenem Blick versuchte, einen Punkt vor sich zu fixieren. Guter Plan. Genau das hätte Coco ihm auch gegen die Übelkeit geraten.

Im Flugzeug war es drückend heiß, trotzdem hatte Mohit seine Jacke bis zum Hals zugeknöpft. Er schüttelte sich.

„Leg mal deinen Kopf an die Scheibe“, meinte Coco. „Das hilft.“

„Danke, vielen Dank“, presste Mohit hervor.

Coco beobachtete, wie sich sein Gesicht am kühlen Fenster etwas entspannte.

Mit möglichst fester Stimme fragte er: „Äh … darf ich noch mal stören? Sind wir bald da, Mr Silvester?“

„Viertelstunde vielleicht noch, höchstens zwanzig Minuten“, gab Silvester zurück. „Ihr könnt mich einfach Silvester nennen. In Whisperworld sind wir eine große Familie.“

Erneutes Stöhnen von Mohit, dann Schweigen.

Coco seufzte leise. Der Junge tat ihr so leid! Reiseübelkeit war wirklich das Letzte!

In diesem Moment bemerkte sie, wie Silvester das Steuer langsam nach unten zog. Waren sie schon angekommen?

„Da gibt es doch hoffentlich auch eine Stelle zum Landen? Das sieht alles ziemlich dicht bewachsen aus. Ich habe keine Lust, gegen Bäume zu knallen.“

Was war der Typ denn so negativ? Paul erinnerte Coco an ihren nervigen Bruder Ben. Der musste auch immer rumnörgeln.

Sie drehte sich wieder nach hinten und beobachtete eine Weile, wie Paul skeptisch den Blick über die Dschungellandschaft schweifen ließ. Am Flughafen hatte er Silvester erzählt, dass er sich schon lange auf die Reise nach Whisperworld vorbereitet hatte. Paul hatte in den Tagen vor der Abreise wohl mehrere dicke Ratgeber zum Überleben in der Wildnis verschlungen.

Paul wirkte auf Coco nicht gerade wie eine Bücherratte. Eher wie ein ziemlich verwöhntes Kind. Darauf deuteten auch seine Klamotten und die teure Uhr hin.

„Entspann dich, Kumpel“, mischte sich jetzt Chuck ein und gähnte. Aus seiner Hosentasche fummelte er ein Päckchen Kaugummi und stopfte sich einen in den Mund. „Silvester fliegt hier nich zum ersten Mal rum, schätze ich. Bestimmt sehn wir gleich den Flughafen.“

Vom Piloten vernahm Coco ein unterdrücktes Lachen.

„Entspannt?“, brummte Paul in Chucks Richtung. „Ich bin entspannt. Entspannter geht es nicht.“

„Könnte ich bitte auch einen Kaugummi haben?“, flüsterte Mohit. „Das hilft vielleicht, meinen Magen zu beruhigen.“

„Logisch.“ Chuck wühlte noch einmal in seiner Tasche und fischte die Kaugummis heraus. „Nimm, was du brauchst. Und gib den andern auch einen“, setzte er großzügig hinzu.

„Kannst du das Päckchen auch zu mir nach vorn geben?“, sagte Coco leise. Und als sie merkte, dass keiner sie beachtete, wiederholte sie laut: „Ich will auch einen!“

„Hoppla, du musst mir nicht gleich so ins Ohr brüllen“, knurrte Silvester und drehte sich kurz zu ihr.

Coco lief rot an und nahm den Kaugummi, den ihr Chuck nach vorn reichte.

„Wie groß ist denn der Flughafen, auf dem wir landen?“, fragte Amy. Sie saß ganz hinten in der Maschine und hatte bis jetzt geschlafen.

Für einen Moment beobachtete Coco das Mädchen mit den haselnussbraunen Augen. Amy sah irgendwie … nett aus. Und wenn sie nicht gerade schlief, plapperte sie wie ein Wasserfall.

„Fliegst du häufig?“, fragte Coco leise.

„Mein Vater ist Pilot, meine Mutter Flugbegleiterin“, sprudelte Amy los. „Daher habe ich gefühlt schon die ganze Welt bereist. Fast immer mit dem Flugzeug, ist ja klar. Wenn man so viel reist, lernt man, überall zu schlafen.“ Sie hob ihr Kissen hoch, wummerte einmal mit der Faust hinein und lachte. „Und nichts ist dafür besser als das eigene Kopfkissen.“

Coco registrierte, wie sich ihr Blick auf einmal verdüsterte.

„Eigentlich ist unsere Familie nirgendwo richtig zu Hause, sondern immer unterwegs.“ Amy stöhnte. „Und je älter ich werde, desto mehr geht mir das auf den Keks. Oh my God, wie soll man auf diese Weise Freunde finden, endlich mal irgendwo ankommen?“

Amy ließ den Kopf mit den zahlreichen, eng am Haaransatz geflochtenen und mit Perlen verzierten Zöpfen wieder auf ihr Kissen fallen. „Also wie war das jetzt mit dem Flughafen, Silvester?“, rief sie mit lauter, klarer Stimme.

Einer Stimme, um die Coco sie beneidete. So wurde man mit Sicherheit von keinem überhört!

„Der Flughafen ist … na ja … speziell“, beantwortete der Pilot Amys Frage. „Lasst euch überraschen. Und macht euch bereit für die Landung.“ Er riss abrupt das Steuer nach unten.

„Aber … aber da ist doch nirgendwo eine Landebahn!“, rief Amy. Sie kniff die Augen zusammen und spähte aus dem kleinen Seitenfenster.

Silvester lachte dröhnend. „Also wenn du damit so ein Flughafending meinst, aus Beton und mit hübschen Lampen … nö, das gibt es nicht. Wir sind in Whisperworld, nicht in einer zubetonierten Großstadt. Hier ist alles Natur, auch die Piste. Bisschen uneben und …“, er machte eine Pause, „nicht ganz ungefährlich. Jetzt haltet euch fest. Wir landen!“

Schlagartig herrschte Stille im Flugzeug, nur das Brummen der Luftschraube war zu hören.

In ihrem Magen und den Ohren spürte Coco die zunehmende Vibration und das Absinken der Propellermaschine. Neugierig sah sie aus dem Fenster, um die Landebahn zu erkennen. Aber die gab es nicht. Nirgends! Nur hohe Bäume und dichten Blätterwald. Trotzdem ließ Silvester die Maschine immer weiter absinken.

Vor Aufregung knabberte Coco an ihren Fingernägeln. Ein Blick auf die anderen Passagiere verriet ihr, dass es einigen nicht besser ging: Mohit hielt den Kopf über seine Tüte und schloss die Augen. Chuck atmete schnell und flach, nur Amy und Paul schienen völlig furchtlos zu sein.

Da endlich! Coco holte tief Luft. Ein schmaler, heller Streifen tauchte zwischen den Bäumen auf. Kaum als Piste zu erkennen, aber Silvester steuerte ruhig darauf zu.

Tiefer, immer tiefer sank das Flugzeug und gleichzeitig schien auch Cocos Magen in Richtung Kniekehlen zu rutschen, bis …

„Djamila und ihre verflixte Bande.“ Ruckartig zog Silvester das Steuer nach oben und sofort stieg die Maschine wieder. „Verdammt!“

Ein dumpfer Schlag ließ Coco zusammenfahren, mit großer Kraft wurde sie in ihren Sitz gedrückt, doch Cocos Magen schoss gefühlt nach oben, gleichzeitig versuchte sie, aus dem Fenster zu spähen, um den Grund für Silvesters Manöver zu erkennen.

Eine Horde rotbrauner Orang-Utans, große und kleine, tobte nur wenige Meter unter ihnen über die kurze Piste, auf der Silvester hatte landen wollen.

„Mach schon, meine Gute, höher“, drängelte Silvester. „Komm, mach jetzt!“

„Oh nein! Wir fliegen direkt auf die Bäume zu!“ Coco starrte entsetzt nach vorn und deutete mit der Hand zur Cockpitscheibe.

In Sichtweite türmte sich eine dichte Mauer aus hohen, extrem breiten Stämmen, Ästen und Blättern auf. Chuck, Amy, Paul und selbst Mohit waren Cocos Blick gefolgt und reckten den Hals, um besser sehen zu können.

Coco schluckte. Ihr Herz gefror zu Eis. Das Flugzeug trudelte genau auf die Baumgruppe zu! In Kürze würden sie dagegen prallen, todsicher!

„Mach schon!“ Silvester hielt seine Hände wie Schraubstöcke um das Steuer und zog es mit aller Kraft nach hinten, doch die Propellermaschine war immer noch viel zu tief, nur langsam gewann sie an Höhe. Viel zu langsam!

Coco hielt den Atem an. Und dann … endlich …

Sekunden vor dem Zusammenprall flog die Propeller­maschine hoch genug, um wenige Zentimeter über den ausladenden Baumkronen hinwegzuschweben.

Horden von schillernden Aras stoben aus den dichten Blättern, ein Feuerwerk aus Farben, als wollten die Vögel das gelungene Manöver feiern.

„Ja! Geschafft!“ Zufrieden klopfte Silvester auf das Metall neben sich. Coco konnte schon fast wieder kichern. Es sah aus, als würde er einen Hund loben.

Der Pilot drehte sich für einen kurzen Moment um. „Also dann, auf ein Neues.“

Fünf Minuten später rumpelte die Maschine am Boden über den unebenen Grasstreifen, der sich mitten durch den Dschungel bahnte. Nach einigen Hundert Metern kam das Flugzeug zum Stehen.

Silvester wandte sich erneut zu Coco und den anderen Passagieren um. „Willkommen in Whisperworld!“

Noch leicht benommen beobachtete Coco, wie er flink nach hinten krabbelte, die Tür von innen öffnete und aus der kleinen Maschine sprang, was gar nicht so einfach war, denn Silvester war riesig.

„Der sieht aus wie The Rock, der Schauspieler, du weißt schon“, hörte Coco Paul flüstern.

„Du meinst den ehemaligen Wrestler“, gab Chuck leise zurück. „Aber echt! Silvester ist krass durchtrainiert. So will ich auch mal aussehen.“

„Beeilt euch!“, rief Silvester von draußen. „Wir werden sicher schon erwartet.“

Mit zitternden Beinen schoben sich nacheinander Coco, Chuck, Paul und Amy aus der Maschine. Coco bemerkte, dass Mohit nur langsam folgte.

Im beinahe kühlen Schatten des Flugzeugrumpfs blieben Coco und die anderen stehen.

Kurz darauf regte sich etwas zwischen zwei Bäumen im nahen Dschungel und aus dem dichten Grün kam mit federnden Bewegungen ein mächtiger Löwe auf die Gruppe zu, gefolgt von einer Frau, die einen riesigen Leguan auf der einen, ein Gewehr auf der anderen Schulter trug.

„Wenn ich das zu Hause erzählen würde“, flüsterte Coco, „das würde mir keiner glauben!“

„Da kommen Doktor Noa, Carlos und Iggy, ein ganz seltener Blauer Leguan“, sagte Silvester. In seiner Stimme lagen Stolz und Respekt. „Doktor Noa ist die Urenkelin des Gründers von Whisperworld.“