Das Buch

Ich hatte meinen Baum gefunden: eine wunderschöne Esche – die ich besser kennenlernen sollte als jeden anderen Baum; die Esche, die ein Teil meines Lebens werden würde.

Robert Penn hat den perfekten Baum für sein Vorhaben gefunden. Eine Esche - nicht umsonst „Venus des Waldes“ genannt – 140 Jahre alt und wunderschön. Penn misst den Baum, klettert auf den Baum, verbringt eine Nacht am Fuße des Baums. Er fällt diese Esche und verwertet alles – bis hin zu den Spänen. Er reist durch England, nach Österreich und in die USA um die besten Stellmacher, Tischler und Drechsler zu besuchen. Aus seinem Baum werden Schüsseln gefertigt, Pfeile, ein Schlitten und Axtgriffe. Am Ende werden es 41 Dinge sein, die in sein Haus einziehen. Ihr Geruch und ihr Anblick erinnern ihn jeden Tag aufs Neue an den Wald.

Der Autor

Robert Penn ist Journalist und Autor und liebt Holz. Er schreibt unter anderem für die Financial Times, Conde Nast Traveller und den Observer. Er lebt mit seiner Frau, seinen drei Kindern, zwei Hunden und einer Sammlung von Äxten in einer waldigen Gegend von Wales.

2013 erschien von ihm auf Deutsch bereits Vom Glück auf zwei Rädern.

Robert Penn

Der Mann,
der einen Baum fällte
und alles
über Holz lernte

Aus dem Englischen
von Ulrike Kretschmer

Ullstein

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ISBN 978-3-8437-1436-5


© Robert Penn, 2015

© der deutschsprachigen Ausgabe

2016 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

E-Book: LVD GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

PROLOG

Venus des Waldes

»… die Esche, für nichts Böses geschaffen«

Edmund Spenser,
The Faerie Queene, Book I

Ich bin unter einer Esche aufgewachsen. Sie stand an dem Tor, das vom Garten meiner Kindheit zu den Feldern führte, auf denen mein Bruder und ich uns in phantasievollen Spielen austobten. Im Winter an der eleganten, schmalhüftigen, nach oben hin ausladenden Gestalt dieser Esche vorbeizustürmen und im Sommer unter ihrem luftigen Kronendach hindurchzuflitzen bedeutete, in einen Oberst oder einen König, einen Ritter oder einen Zauberer verwandelt zu werden. Viele Jahre lang war diese Esche der Torwächter zu meinen Träumen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, als Kind je einen Zusammenhang zwischen diesem Baum und den vielen Dingen, die mir am Herzen lagen, hergestellt zu haben. Mir war, glaube ich, nicht einmal bewusst, dass mein innig geliebter Dunlop-Tennisschläger, mein Hockeyschläger, die Stäbe für mein Krickettor, der Schaukelstuhl im Zimmer meines Bruders und unser Schlitten allesamt aus Eschenholz gefertigt waren. Dennoch verband mich irgendetwas mit diesem Baum. Seit dieser Zeit habe ich in Wäldern und auf Feldern, ja sogar in den städtischen Landschaften, in denen ich gewohnt habe, instinktiv immer wieder nach Eschen gesucht. Der Baum war mir stets präsent, und seine Erscheinung auf seltsame Weise verwebt mit meinen langen Reisen um die Welt. Vielleicht war er ein Kardinalpunkt, ein Leitstern, der mir am Ende dieser Reisen den Weg zu dem Haus gewiesen hat, in dem ich heute mit meiner Familie lebe, in einem Wäldchen am Rande der Black Mountains im südöstlichen Wales – eine Landschaft ähnlich der, die mir als Kind so vertraut war und in der reichlich Eschen wachsen.

Das Wäldchen schmiegt sich an einen Südhang und ist zu zwei Seiten von Feldern und Mooren umgeben. Die südliche Begrenzung bildet der Fluss Arw. Verschiedene Laubbäume, darunter auch Arten, die selten angepflanzt werden, wachsen hier in willkürlicher Anordnung. Vielleicht stehen einige der Bäume in diesem Wald schon seit langer Zeit, doch wäre es falsch, ihn als etwas Ewiges und Unveränderliches zu betrachten. Jeder Wald stellt lediglich die natürliche Ordnung der Dinge, wie sie zu einem bestimmten Zeitpunkt ist, dar.

Als wir vor über zehn Jahren in unser Haus gezogen sind, hatte in dem Waldstück seit dem Zweiten Weltkrieg, als die meisten Bäume in der Umgebung des Holzbedarfs wegen gefällt worden waren, niemand mehr eine Axt oder eine Hippe geschwungen. Es war ein dunkles, verschlungenes Dickicht, mit einem Blätterdach so sorgfältig auf Kante genäht wie ein walisischer Quilt. Das Licht schien kaum hindurch. Die Luft war stickig. Der Wald wirkte irgendwie leblos.

Zuerst wusste ich nicht so recht, was ich damit anfangen sollte. Dann nahm ich nochmals Am Anfang war die Erde. »Sand County Almanac«. Plädoyer zur Umwelt-Ethik von Aldo Leopold, einem der Pioniere des Naturschutzes in Amerika, zur Hand. Darin schrieb er: »Ich habe schon viele Definitionen dessen gelesen, was ein Naturschützer ist, und selbst auch nicht wenige verfasst. Doch allmählich hege ich den Verdacht, dass die beste dieser Definitionen nicht mit einem Stift, sondern mit der Axt geschrieben ist.« Und so experimentierte ich eines Winters mit dem Stockausschlag – der traditionellen Methode der Forst- und Holzwirtschaft, die Bäume bis auf den »Stock«, also beinahe auf Bodenhöhe, zurückzuschneiden, damit sie neu austreiben. Ich fällte die alten, üppigen Haselsträucher am Rand der Felder. Ich dünnte die schwächsten Bäume aus, um den restlichen neue Kraft zu schenken. Ich schuf Lichtungen. Pflanzte Eichen. Ließ stehendes Totholz an Ort und Stelle und verrottendes Holz auf dem Boden liegen. Vögel begannen in den morschen Haufen zu nisten, überall erwachten Wildblumen zum Leben: Windröschen, Schöllkraut, Sternmiere, Goldnessel, Gefleckter Aronstab, Wald-Veilchen, Fingerhut und Glockenblume.

Während ich dem Unterholz zu Leibe rückte, kamen die größeren, einstämmigen Nutzholzbäume allmählich zum Vorschein und enthüllten ihren wuchsbedingten individuellen Charakter: die muskulösen Eichen, die pfeilerartigen Erlen am Flussufer, die Hängebirke mit ihrem extravaganten Bubikopf aus bordeauxroten Zweigen. Doch am auffälligsten in diesem Wald in Winterruhe waren die Eschen: Die hohen, schlanken Bäume mit ihrer graugrünen Rinde und den spärlichen Ästen waren in sanftes Licht getaucht und ihrer Blätter beraubt; die kargen Äste wanden sich ungelenk zu allen Seiten und zu den Spitzen hin nach oben, wo die Zweige in den typischen »Hexenklauen« endeten, die am perlgrauen Himmel kratzten. Die Anmut, mit der die Esche den Winter trägt und erträgt und derer sich keine andere Baumart rühmen kann, hat ihr auch ihren Spitznamen eingebracht: Venus des Waldes.

Die Pflanzengattung der Eschen – Fraxinus – gehört mit dreiundzwanzig weiteren Gattungen zur Familie der Ölbaumgewächse und umfasst, so Dr. Gabriel Hemery in seinem Buch The New Sylva, rund dreiundvierzig Arten. Als Standort bevorzugen Eschen die gemäßigten und subtropischen Regionen der nördlichen Hemisphäre. In Europa sind drei Arten heimisch. Am wichtigsten und weitesten verbreitet ist die Gemeine Esche (Fraxinus excelsior), auch Gewöhnliche oder Hohe Esche genannt. Sie gedeiht von der irischen Atlantikküste über ganz Europa bis nach Kasan, achthundert Kilometer östlich von Moskau. Ihr nördlichstes Verbreitungsgebiet findet sie am norwegischen Trondheimfjord bei 64 Grad nördlicher Breite; in der östlichen Begrenzung folgt sie der Wolga bis zur Krim und zum Kaukasus. Im Süden erstreckt sich die Domäne der Gemeinen Esche ab etwa 37 Grad nördlicher Breite im Iran über Dalmatien, Italien und Südfrankreich bis zu den Pyrenäen. Auf der Iberischen Halbinsel wächst der Baum nur in den Bergen. Generell kann man sagen, dass die Gemeine Esche in Südeuropa ein Gewächs der Berge ist und weiter nördlich eines der Täler und Ebenen.

In Großbritannien ist die Esche nach Eiche und Birke der dritthäufigste Laubbaum. Am liebsten mag sie tiefe, fruchtbare Lehmerde über Kalksteinaufschlüssen aus dem Karbon, idealerweise an gut drainierten Nord- und Osthängen, an denen eine feuchte und kühle Atmosphäre herrscht. Nasse Böden mag sie nicht, wenngleich sie ein breites Spektrum klimatischer Bedingungen toleriert – vorausgesetzt, die Bodenbeschaffenheit stimmt. Sie fühlt sich in Mischwäldern wohler als in reinen Waldkulturen und ist häufig in Hecken zu finden. Da sie auch ein recht hohes Maß an Luftverschmutzung duldet, ist sie als Baum in Stadtparks und Gärten sehr beliebt. Sie überlebt auch da, wo es fast kein Erdreich gibt; im Hochland von Yorkshire und Derbyshire etwa wächst sie gestrüppähnlich auf dem nackten Kalksteinfelsen oder durch Spalten im Straßenpflaster.

Hinsichtlich leicht verfügbarer Bodennährstoffe ist der für gewöhnlich kräftige Baum mit dem dichten Wurzelwerk ausgesprochen anspruchsvoll – dafür ist er in anderer Hinsicht wiederum sehr bescheiden. Mit dem Laubausbruch lässt er sich vornehm Zeit. Noch im späten Frühjahr und sogar im Sommer ist das fedrige Kronendach der Esche löchrig und luftig; die Blätter werfen nur ein Netz aus zarten Schatten auf den Waldboden, der so reichlich Licht abbekommt. Dies begünstigt eine große Vielfalt an Bodenvegetation: Normalerweise finden sich unter Eschen Pflanzen wie Wald-Schlüsselblumen, Große Windröschen, Mädesüß, Bärlauch und diejenige Wildblume, die den Boden mit ihren süßlich duftenden violetten Blüten teichartig überzieht und im Frühling eine geradezu antidepressive Wirkung auf das kollektive Bewusstsein der Briten hat – die Glockenblume.

Im Alter von rund dreißig Jahren kann der Baum eine beachtliche Samenproduktion vorweisen; ihren Höhepunkt erreicht sie, wenn der Baum vierzig bis sechzig Jahre alt ist. Die ellipsenförmigen, geflügelten Samenkapseln – auch als Flügelfrucht, Flügelnuss oder Samara bezeichnet – bilden sich im Frühjahr und wachsen den ganzen Sommer hindurch, bis sie im Herbst schließlich braun und hart werden. Dann werden sie von stärkeren Windböen und gelegentlich auch von Kindern von den Ästen gerissen und über beträchtliche Entfernungen verteilt.

Da Eschen Millionen solcher Samen produzieren, ist das Ausmaß der Selbstaussaat mitunter gigantisch. In den britischen Laubwäldern leisten die Eschen den größten Beitrag zur natürlichen Regeneration des Gehölzes. Zudem gehört die Esche zu den Pionierarten und dringt rasch in freies Gelände vor. Eschensämlinge sind schattentolerant und können in dieser Zwergform jahrelang auf einen Sturm oder den Förster warten, der den Nachbarbaum fällt und das Sonnenlicht hereinfluten lässt. Bei idealen Standortbedingungen wachsen die Bäume anschließend sehr schnell. Dann übertrifft die Esche sogar die Eiche: In rund fünfzig Jahren erreichen die Stämme eine Höhe von sechs Metern und auf Brusthöhe einen Durchmesser zwischen vierzig und sechzig Zentimetern. Nach etwa sechzig Jahren verlangsamt sich das Wachstum.

Die Rinde junger Eschen ist graugrün, glatt und oft von einem Flechten- und Moosteppich bedeckt. Mit zunehmendem Alter bekommt die Borke Risse; es bildet sich ein unregelmäßiges Muster aus geriffelten Furchen und vertikalen Spalten. Glücklicherweise wird sie vom Grauhörnchen verschmäht, das an anderen Laubbaumarten in Großbritannien, Irland und Italien enorme Schäden anrichtet.

Die pechschwarzen, prallen Blütenknospen sind an der Spitze abgeflacht und ähneln den Knospen keines anderen Baumes: Ungeduldig erscheinen sie schon im Winter an den Trieben des Vorjahres – ein typisches Erkennungsmerkmal dieser Baumart. Im April entwickeln sich daraus kugelige, dichte grünlich weiße oder purpurrote Blütentrauben, allerdings nicht jedes Jahr.

Die Gemeine Esche gehört zu den sogenannten triözischen oder dreihäusigen Arten: Jeder einzelne Baum verfügt über männliche, weibliche und zwittrige Blüten. Warum das so ist, bleibt ein Rätsel. Nach einigen Wochen welken die Blüten mit Staubgefäß und fallen ab; zurück bleiben die Samenkammern.

Die zusammengesetzten, gefiederten – der lateinische Ausdruck dafür ist pinnatus – Blätter umfassen mehrere Einzelblätter, von denen jeweils zwei einander an einem mittigen Stängel gegenüberliegen, also gegenständig angeordnet sind. Üblicherweise befindet sich am Ende des Stängels ein einzelnes Blättchen, man spricht hier von unpaarig gefiedert. Die lanzettlichen – lanzenförmigen – Einzelblätter werden zwischen fünf und zwölf Zentimeter lang und haben gezähnte Ränder. Auf der Oberseite sind sie dunkelgrün und glatt, die Blattunterseite ist etwas blasser. Hin und wieder fehlt das einzelne Blättchen am Ende des Stängels, was zu dem Volksglauben geführt hat, ein Eschenblatt mit einer geraden Anzahl Teilblätter bringe Glück. Im Mittelalter begaben sich junge, heiratswillige Mädchen im Norden Englands traditionell auf die Suche nach solchen Eschenblättern und bewahrten diese in ihrem linken Schuh auf.

Einstämmige Eschen können bis zu zweihundert Jahre alt werden. Schneidet man sie bis auf den Stock zurück, kann man ihre Lebenszeit auf mehr als vierhundert Jahre verlängern; in ganz Europa gibt es zahlreiche Beispiele solcher wunderbar »missförmigen«, knorrigen, uralten Eschenstümpfe. Im Wald zeichnet sich die Esche meist dadurch aus, dass ihr Stamm auch in großer Höhe noch frei von Seitenästen ist und einen beachtlichen Umfang aufweist. An bevorzugten Standorten können die Bäume bis zu fünfundvierzig Meter hoch werden. Erreicht haben sie diese Größe in der gesamten Geschichte der Zivilisation selten: In der Regel werden sie lange vorher gefällt und genutzt. Tatsächlich – und bezeichnenderweise – wird kein anderer weitverbreiteter europäischer Laubbaum so früh in seinem Leben so nutzbar gemacht.

Eschenholz ist blassrosa-weiß und erinnert frisch gesägt in seiner Farbe beunruhigend an menschliche Haut. Später trocknet und reift es zu einem hübschen Cremeweiß heran. Zwar hat man die Eiche der Esche von jeher vorgezogen, doch ist Eschenholz weit vielseitiger und besser verwendbar: Es ist relativ leicht, aber kräftig, es ist elastisch, lässt sich gut biegen und ist deshalb einfacher zu verarbeiten. Die Menschen stellten und stellen noch heute daraus Leitern, Zeltpflöcke, Hackblöcke, Bootshaken, Bohnenstangen, Webstühle, Spulen, Siebrahmen, Angelruten, Kescher, Wäscheklammern, Wäschestangen, Gehstützen, Transportkisten für Lebensmittel, Kanthölzer für Tragbahren, orthopädische Gestelle und Regenschirmgriffe her. Im Mittelalter verwendete man Eschenholz auch für alle möglichen Arten von Balken. Die besten Flaschenzüge und die Glockenstützen in Kirchtürmen wurden aus Eschenholz gefertigt. Esche ergibt exzellente Spazierstöcke und Wanderstäbe. Kinder schätzen sie seit jeher als erstklassiges Material für Schleudern. Auch als Wandtäfelung und Bodenbelag macht sich Esche ausgezeichnet, und im Kohlebergwerk war sie einst die erste Wahl für Grubenholz.

Seit Tausenden von Jahren dient Eschenholz der Bebauung und Bewirtschaftung des Landes. Ob Pflug, Egge oder Schubkarren – Eschenholz kommt für viele landwirtschaftliche Geräte in Frage und ergibt einfach die besten Griffe für Spaten, Schaufeln, Sensen, Gabeln, Hämmer, Hacken, Rechen, Harken, Sicheln und Hopfenstangen. Küfer oder Böttcher stellten daraus Fassreifen her, beliebt war es regional auch bei der Anfertigung von Stühlen. Tiere mögen die schmack- und nahrhaften Eschenblätter: Auch heute noch werden in vielen Teilen Europas die getrockneten Blätter im Winter an das Vieh verfüttert.

Als Heilpflanze hat sich die Esche im Laufe der Zeit ebenfalls einen Namen gemacht: Früher war sie aufgrund ihrer harntreibenden, abführenden und antirheumatischen Eigenschaften eines der bekanntesten und meistverwendeten Heilmittel in ganz Europa. Seefahrer trugen Kreuze aus Eschenholz als Schutz auf hoher See bei sich, und bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein schrieb man der Esche eine heilende Wirkung bei Warzen zu. Ronald Hutton, mein ehemaliger Dozent für Geschichte und eine Autorität auf dem Gebiet des heidnischen Britanniens, schreibt, dass die Esche in Folklore und Aberglauben der Briten häufiger auftaucht als jede andere Baumart. Seit mindestens römischer Zeit, wenn nicht früher, legte man Eschenblätter zusammen mit Hefe und anderen Zutaten in Wasser ein, um daraus ein schwach alkoholisches Getränk namens Frenette zu gewinnen. In manchen ländlichen Gegenden Frankreichs und Belgiens ist es immer noch nicht aus der Mode gekommen.

In den vergangenen sechstausend Jahren ist Eschenholz auch für die Herstellung von Paddeln verwendet worden. Der norwegische Entdeckungsreisende Roald Amundsen führte seine erfolgreiche Expedition zum Südpol 1911 mit Schlitten aus Eschenholz durch. Sogar heute noch werden die besten Polarschlitten aus diesem Holz gefertigt. Überhaupt kam und kommt es am erschöpfendsten als Material für Sportgeräte zum Einsatz: für Hockeyschläger, Hurlingstöcke, Poloschläger, Tennisschläger, Squashschläger, Badmintonschläger, Drachen, Barren, Kricketstäbe, Skier, Schneeschuhe, Rodelschlitten, Snookerstöcke und Baseballschläger. In den USA werden Baseballschläger allerdings eher aus dem Holz der Weiß-Esche (Fraxinus americana) als aus dem der Gemeinen Esche hergestellt; die beiden Arten ähneln einander anatomisch jedoch so sehr, dass man sie selbst unter dem Mikroskop kaum unterscheiden kann.

Ebenfalls nicht wenig hat die Esche seit Anbeginn der Menschheit dazu beigetragen, den Menschen in Bewegung zu halten. Nun schon mindestens viertausend Jahre lang bestehen die Felgen von Holzrädern aus Esche. Vor dem Zeitalter des Stahls waren die Achsen und Deichseln der meisten Karren, Wagen und Kutschen aus Eschenholz gefertigt. Die frühen Vorfahren des Fahrrads bestanden aus Eschenholz, ebenso wie das Grundgerüst der ersten Karosserien. Auch im Schiffs- und Flugzeugbau kam Esche flächendeckend zum Einsatz.

In der Geschichte des Militärs war die Esche nicht minder von Bedeutung: Ihr Holz ergab exzellente Bogen, Speere und Pikenschäfte. In der Ilias teilt uns Homer mit, Achills Speer sei aus Esche geschnitzt. Ihr Holz war die erste Wahl bei der Produktion von Lanzen für das römische Heer. Der schwarze Regen tödlicher Pfeile mit Bodkin-Spitze, der aus heiterem Himmel auf die französischen Ritter während der großen Schlachten des Hundertjährigen Kriegs etwa bei Crécy oder Azincourt niederging – Esche. Und auch heute noch setzt man bei der Herstellung von Schäften für Holzpfeile auf diesen Baum.

John Evelyn – der eminent wichtige Autor, Architekt und Gartenbauer aus dem siebzehnten Jahrhundert, der vor dreihundertfünfzig Jahren eine der frühesten Abhandlungen über das Forstwesen in englischer Sprache, Sylva, or a Discourse of Forest-Trees, and the Propagation of Timber in His Majesties Dominions, verfasste – äußerte sich absolut überzeugt von der Wichtigkeit dieses Baumes: »Pflanzte man einen ganzen Wald mit verschiedenen Baumarten an, so müsste wenigstens jeder dritte Baum eine Esche sein.« Henry John Elwes, Botaniker, Förster und Koautor des monumentalen wissenschaftlichen Werkes The Trees of Great Britain and Ireland, das in acht Bänden zwischen 1906 und 1913 erschien, hielt die Esche für den ökonomisch rentabelsten aller britischen Nutzholzbäume. William Cobbett, der große politisierend-populistische Landwirt und engagierte Journalist des frühen neunzehnten Jahrhunderts, schrieb: »Unser vielseitigster und nützlichster Baum ist die Esche … Sie verdient deshalb unser besonderes Augenmerk; und, was mich angeht, soll sie es auch bekommen.«

Abgesehen von dieser Handvoll Experten hat die Esche jedoch nie die Anerkennung erlangt, die ihr zusteht: So hat sie beispielsweise nie die Schlagzeilen nach sich gezogen, nie den Applaus gehört und nie die Aufmerksamkeit der Dichter erregt, die der Eiche stets zuteilwurden. Sie galt nie als Holz der Könige; aus ihr stellte man keine Palastmöbel her, baute keine himmelhohen Kathedralen und keine Schiffe Ihrer Majestät. Doch angesichts ihrer unzähligen und immens wichtigen Verwendungsarten in der Vergangenheit fragte ich mich allmählich, ob die Esche nicht vielleicht der Baum ist, mit dem der Mensch über die Jahrtausende hinweg die vertrauteste und innigste Beziehung gepflegt hat. Nun könnte man einwenden, dass die kontinuierliche Versorgung mit Eschenholz eine strategische Notwendigkeit, für den Alltag grundlegend und gleichzeitig unerlässlich für das Vorankommen der Menschen in ganz Europa von vorgeschichtlicher Zeit bis fast in die Gegenwart hinein war.

Aus reiner Neugierde begann ich, immer mehr Leute danach zu fragen, was sie über Eschen wissen. Ich befragte Förster, Bauern, Hausfrauen, Gastwirte, unseren Briefträger, Verwandte, Juristen, Klempner und völlig Fremde, mit denen ich auf Zugfahrten ins Gespräch kam. Eine winzige Minderheit der Befragten konnte mehr als fünf einstiger Verwendungsarten aufzählen. Eine Handvoll erinnerte sich an die teilweise aus Eschenholz gefertigten Tennisschläger aus ihrer Jugend. Keiner der Bauern ließ die Werkzeuggriffe aus. Der überwältigenden Mehrheit der Menschen, die ich ansprach, fiel jedoch nur ein Nutzen von Eschenholz ein: die Verwendung als Feuerholz. Ja, stimmt, Esche ergibt wunderbares Brennholz. Aber mal ehrlich: Ist das alles? Die Esche ist eine der größten Gaben, die die Natur dem Menschen in den gemäßigten Regionen unseres Planeten im Laufe der Menschheitsgeschichte schenkte – und wir wollen sie nur verheizen? Wie konnte etwas, das so lange ein integraler Bestandteil unseres alltäglichen Lebens gewesen ist, so schnell in Vergessenheit geraten?

Und so fasste ich einen Entschluss: Die beste Möglichkeit, mehr über die Esche herauszufinden, so dachte ich, sei es, eine zu fällen. Als die Idee in meinem Kopf erst einmal Wurzeln geschlagen hatte, wuchs sie rasch zu respektabler Höhe heran. Ich wollte den Baum in einem Wald in der Nähe meines Zuhauses finden. Er sollte in dem Sägewerk vor Ort verarbeitet werden. Der beste Teil seines Holzes sollte an Handwerker und Kunsthandwerker gehen, die daraus Kunst- und Alltagsgegenstände machten. Ich wollte mir einen Schreibtisch und einen Ess- oder Wohnzimmertisch tischlern lassen. Aus dem weniger wertvollen Holz sollten eine Täfelung für mein Arbeitszimmer und Arbeitsplatten für die Küche entstehen. Es sollten Schneidebretter, Schüsseln, Felgen für Holzräder, Spachtel, Pfeilschäfte, Schleudern, Zeltpflöcke, Garderobenständer, Latten für Paddelboote und ein Paddel hergestellt werden. Ich könnte die größeren Äste zu Feuer- und Anzündholz zersägen und aus den kleineren Holzkohle machen. Mit den Sägespänen könnte ich sogar Lebensmittel räuchern. Einige Zweige würde ich auf dem Waldboden liegen lassen, wo sie verrotten und als Humus schließlich wieder der Erde zugeführt würden. Jeder einzelne Teil meiner Esche sollte genutzt werden – ein Loblied auf den Wert des Baumes, gerechtfertigt durch den Grundsatz, dabei nichts, aber auch gar nichts zu verschwenden. Wie viele verschiedene Dinge konnte ich aus einem einzigen Baum wohl schaffen, fragte ich mich – zehn, zwanzig, dreißig, noch mehr?

Kein Baum wächst, damit er gefällt, zersägt, zu Brettern zurechtgeschnitten, gehobelt, gedrechselt, abgeschmirgelt, mit einem Drillbohrer bearbeitet, geschnitzt und verbrannt wird. Führt man sich jedoch die beinahe unendlichen Verwendungsmöglichkeiten von Eschenholz vor Augen, wird uns der Gedanke vielleicht vergeben, die Natur habe die Esche ausschließlich zu dem Zweck erschaffen, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Während meine Idee weiter Gestalt annahm, begann ich, über die charakteristischen Eigenschaften von Fraxinus excelsior zu belesen. Dabei erschien mir das Thema der mechanischen Eigenschaften von Holz, zu denen auch die Festigkeit gehört, zunächst wie ein Buch mit sieben Siegeln. Die Holzver- und -bearbeitung ist alles andere als eine zahlenmäßig exakte Wissenschaft; dabei kommt es auf Einschätzung und Intuition ebenso an wie auf die technischen Grundlagen. Ich rief Jez Ralph, einen Bekannten, an, der in seiner Firma andere Unternehmen hinsichtlich der Qualitäten von Nutzholz berät. »Holz ist ein unglaublich komplexes Material. Seltsamerweise wird uns das jetzt erst allmählich bewusst«, erzählte er mir.

Vielleicht versuchen wir heute noch, den Anfang eines Knäuels zu finden, das Schreiner in der Mittelsteinzeit vor sechstausend Jahren zu entwirren begonnen hatten. Sie gehörten zu den Ersten, die die physikalischen Eigenheiten der verschiedenen Holzarten schätzen lernten und sie zur Herstellung vielfältigster funktioneller Gegenstände nutzten. Ich wollte im Hinblick auf die Gegenstände, die ich vorhatte in Auftrag zu geben, die wichtigsten mechanischen Eigenschaften von Eschenholz genauer unter die Lupe nehmen: Zellstruktur, Dichte, Spaltbarkeit, Elastizität, Wachstumsgeschwindigkeit, Formbarkeit, Härte und die sogenannte Zähigkeit.

Die simple Geschichte eines einzelnen Baumes würde zwar in der Gegenwart spielen, im Grunde genommen aber von der Vergangenheit handeln – von der uralten Übereinkunft zwischen Mensch und Esche. Möglicherweise würde sie auch als Plädoyer für die Zukunft stehen. Es ist an der Zeit, unseren zerstörerischen Impuls hinsichtlich der Natur und unsere Bedürfnisse neu zu kalibrieren, Natur und Mensch wieder in Übereinstimmung zu bringen. Mit meiner Geschichte wollte ich mich für einen besseren, einen beständigeren Gebrauch der Esche als nachhaltige Ressource starkmachen. Darüber hinaus wollte ich etwas wieder ins Bewusstsein bringen, das unsere Vorfahren ganz intuitiv erfasst haben: dass die Freude, die wir an Gegenständen aus natürlichen Materialien haben, die Freude, die wir an der Natur selbst haben, widerspiegelt.

Mittlerweile war die Idee fest in meinem Kopf verwurzelt. In geradezu kindlichem Überschwang erzählte ich eines Abends meiner Frau davon. Sie zeigte sich unbeeindruckt, hob die Augenbrauen und fragte: »Kennst du denn einen Stellmacher? Jemanden, der Schlitten herstellt oder Schüsseln drechselt? Gibt’s so was überhaupt noch? Schließlich leben wir zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, nicht in der Mitte des fünfzehnten. Und musst du dafür nicht eine Menge über Holz wissen? Ich fürchte, am Ende deines Projekts haben wir nur einen riesigen Haufen sehr kostspieliges Feuerholz. Na ja, vielleicht bleibt ja wenigstens so viel Holz übrig, dass man daraus noch den Sarg zimmern kann, für den du ja schon fleißig die Nägel sammelst.«

Ich beschloss, meine Idee nie wieder zu erwähnen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass sie einen Gegenstand aufgezählt hatte, den ich garantiert nicht aus meiner Esche machen würde – Särge werden traditionellerweise nämlich aus Ulmenholz hergestellt. Ganz früh am nächsten Morgen machte ich mich gemeinsam mit den Hunden in aller Ruhe auf den Weg, um nach meinem Baum zu suchen.

Es war ein strenger Winter. Die Kälte hielt das Land in eisigem Griff. Die nach Norden weisenden, von den Gletschern ausgeschürften Kare, Steilhänge und Grate, die alle zusammen die typischen Umrisse der Black Mountains bilden, ähnelten den Alpen. Riesige Schneefratzen bedeckten die Wege, umklammerten die Grasböschungen und begruben die Weißdornhecken unter sich. Die Kälte war früh und rasch gekommen, war aus nördlichen Gefilden herangefegt und betäubte das Land. Die Wasserleitungen im Garten froren über Nacht zu, die Singvögel verschwanden, die Erde erstarrte zu Eisen. Als Nächstes kam der Schnee. Er fiel lautlos in großen Flocken in der Dunkelheit und verwandelte die Landschaft in eine Tundra. Die Bäume waren plötzlich gealtert.

Meine Frau hatte recht: Über Holz wusste ich tatsächlich nicht viel, hatte aber eine ungefähre Vorstellung davon, nach welchem Baum ich suchte – eine Esche mit einem sauberen, geraden Stamm, den ich zu verschieden dicken Brettern zersägen und Handwerkern anvertrauen konnte. Außerdem sollte der Baum eine ausladende Krone haben, die mir jede Menge Holz zum Verarbeiten liefern würde. In dem Wäldchen um unser Haus fand sich kein Baum, der diese Kriterien erfüllte, und so suchte ich im Strawberry Cottage Wood weiter, den ich gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Freiwilliger aus der Gemeinde pflege.

»Ich glaube nicht, dass du deinen Baum dort finden wirst«, sagte mir Jo Binns, der Besitzer des Waldes und ein Freund von mir, während er Futter für seine Schafe auslegte. Auch er hatte recht. Bäume konkurrieren miteinander um Licht und Nahrung: Jede Biegung des Stamms, jedes vorspringende Stück Holz ist so gesehen eine Demonstration von Angriffs- und Verteidigungsstrategie. Da sich der Mensch mehrere Jahrzehnte lang nicht in die Belange des Waldes eingemischt hatte, hatten sich die großen Eschen im Strawberry Cottage Wood im Kampf um das Licht gewölbt, gekrümmt und gebogen. Es gab nicht einen einzigen geraden Baum mit akzeptablem Stammdurchmesser. Jo riet mir, es bei Mark Morgan zu versuchen, einem anderen Landwirt aus der Gegend, der einen reinen Eschenwald besaß.

Marks Wald war wunderschön: Er lag hoch oben an einem steilen Hang, der an den Kamm eines Heidemoors im Llanthony Valley grenzte. Die Bäume dort waren ordentlich angepflanzt, hatten einen geraden Stamm und sahen im gefrierenden Nebel wehrhaft aus. Doch leider waren sie für meine Zwecke zu jung. Mark – wir kannten uns gut aus der örtlichen Theatergruppe – lächelte verschmitzt und sagte: »Sei froh! Weißt du, wie schwierig es geworden wäre, auch nur einen Ast den Hang hinunter zu schaffen?«

Wieder einer, der recht hatte. Ich suchte nicht nur nach der idealen Esche, ich suchte nach einem Baum, den ich bequem am Straßenrand ablegen, auf einen Lastwagen laden und zu einem Sägewerk transportieren konnte.

Als ich wieder zu Hause war und neben meinem Holzofen saß, rief ich alle Landwirte, Sägewerkleiter, Waldbesitzer und Baumchirurgen an, die ich kannte. Auf gut Glück versuchte ich es auch bei Forstwirtschaftsunternehmen und Gutsverwaltern. Einige antworteten nachdenklich, dass heutzutage niemand mehr gutes Eschenholz benötige. Andere behandelten mich mit dem geduldigen Wohlwollen, das man närrischen Kindern entgegenbringt. Doch einige wenige waren tatsächlich hilfreich. Die Liste der Wälder, die ich mir in der Hoffnung, endlich meine Esche zu finden, ansehen wollte, wurde im Laufe des frostigen Winters immer länger.

Eine der liebenswerten britischen Schrullen besteht darin, dass jeder Wald seinen eigenen Namen hat, meist den des Dorfes oder Gutes, zu dem er gehört. »Ich vergnüge mich damit, die Namen der Wälder auf der offiziellen Landesvermessungskarte auswendig zu lernen«, hatte E. M. Forster geschrieben. Viele dieser Namen tauchen immer wieder auf; sie wiederholen sich wie die Muster auf einem Perserteppich – Long Wood, Park Wood, Brickyard Wood, Tanhouse Wood, Collier’s Wood und Kiln Wood, um nur ein paar zu nennen – und tragen zum Frieden des Landes bei. Andere klingen wie Beschwörungen: Wasing Wood, Ragget’s Wood, Mornington Coppy, Maerdy Dingle, Booby Dingle, Duck’s Copse, Leigh Furzes, Ravenshot Wood, Shute Copse, Lotley Brakes, Ogbeare Wood, Trengayor Copse, Penwood, Lickham Bottom – sie alle und noch viele mehr habe ich auf den britischen Landesvermessungskarten gefunden.

Abends brütete ich nicht nur über den ausgeblichenen Papier-, sondern auch über Google-Karten und versuchte, die Wälder auf meiner Liste ausfindig zu machen. Tag für Tag machte ich mich mit einer Thermoskanne Kaffee, einem Maßband, einem Notizbuch und meinen beiden Spaniels auf den Weg. Ich streifte durch Court Wood, Upper Wood, Lower Wood, Coed Mawr – walisisch für »Großer Wald« – und Wern Fawr Wood. An einigen Tagen herrschte dichter Nebel, und die Bäume schienen mir riesig. An anderen Tagen lag frisch gefallener Schnee, und die Stille war magisch. Gelegentlich vergaß ich sogar, wonach ich suchte; wie auf beinahe jeder langen Reise wurde auch hier der Weg zum Ziel. Es genügte mir, im Wald zu sein. Immer kehrte ich nach den Stunden des einsamen Suchens heiter zurück.

»Dir ist schon klar, dass die Zeit gegen dich arbeitet«, sagte mir Will Bullough, der Besitzer des örtlichen Sägewerks.

Seit wir das erste Mal über mein Projekt gesprochen hatten, waren mehrere Wochen vergangen. Eschen sollten wie fast alle Hartholzbäume im Winter gefällt werden. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Ihr Holz trocknet besser; steigt im Frühjahr der Saft in die Esche, kann er das Holz verfärben und es so weniger wertvoll machen; im Sommer ist die Baumkrone durch die Blätter erheblich schwerer, was das Risiko von Spalten und Rissen im Stamm erhöht, wenn der Baum fällt – auch das kann die Menge und den Wert des Nutzholzes mindern. Und schließlich sollte die Esche ebenso wie die Eiche nicht gefällt werden, wenn sie Blätter trägt, da das Splintholz dann anfälliger für holzbohrende Insekten ist. Der lange, kalte Winter, so Will, würde mir zwar etwas mehr Zeit verschaffen, zu lange zögern sollte ich aber nicht.

Ich hatte schon einige gute Bäume gefunden, allerdings noch nicht die perfekte Esche. Die einen zeichneten sich durch einen geraden Wuchs aus und waren frei von Seitenästen, für meine Zwecke aber zu klein; andere waren zu alt und verrotteten bereits sichtbar von innen heraus. Wieder andere waren unzugänglich. Einige Stämme sahen auf den ersten Blick gerade aus – wäre da nicht die leichte Biegung auf halber Höhe gewesen. Allmählich füllte sich mein Notizbuch mit diesen »Nicht ganz, was ich suche«-Bäumen. In Panik geriet ich deswegen noch nicht, doch hatte mir das Gespräch mit Will klargemacht, dass ich mich nun beeilen musste.

Mitte Februar bekam ich eine E-Mail von Mark Potter, dem Leiter eines örtlichen Forst- und Waldwirtschaftsunternehmens. Ich hatte ihm zwei Wochen zuvor von meinem Projekt erzählt. In der E-Mail stand: »Ich bin heute auf ein paar Eschen gestoßen. Kommt eine davon für Dich in Frage?« Im Anhang fand ich fünf Fotos: Zwei der Eschen wuchsen in Hecken und hatten kurze, gewundene Stämme. Die dritte hatte sich sehr weit unten gegabelt, höchstwahrscheinlich aufgrund eines Frostschadens in jungen Jahren – auch sie war für mich wenig geeignet. Auf den letzten beiden Fotos war ein kleiner Eschenbestand am Rande eines Waldes zu sehen. Ich griff sofort zum Telefon, um Mark anzurufen.

Unter einem bleiernen Himmel fuhren wir am Fluss Monnow entlang zum Kentchurch-Court-Gut in Herefordshire, das sich seit dem elften Jahrhundert im Besitz der Familie Scudamore befindet. Ralph de Scudemer war als Steinmetz um 1040 aus der Normandie in das nahegelegene Dorf Ewyas Harold gekommen, um beim Bau eines Bergfrieds für Eduard den Bekenner zu helfen. Zum Anwesen gehörten auch mehr als dreihundertfünfzig Hektar Wald, mit größtenteils natürlichem, uraltem Baumbestand, klärte Mark mich auf. Er verwaltete das Holz im Wald, sollte die Artenvielfalt darin erhalten und war darüber hinaus als Jäger und Förster auch für die Tiere darin zuständig. Es gab dort riesige Eichenbestände, die angepflanzt worden waren, als die Königliche Marine noch Eichenholz für den Schiffsbau benötigte, sowie einige gemischte Nadel- und Laubgehölze. Ausgewachsene Eschen waren kaum vorhanden – abgesehen von einigen wenigen in der Nähe des Haupthauses; dieses Wäldchen hatte man nach dem Ersten Weltkrieg gerodet und anschließend neu bepflanzt.

Eine graue, samtige Dunstglocke hing über dem Wald. Neben einem Flüsschen schmiegten sich etwa ein Dutzend Eschen wie eine Familie aneinander. Ihre Rinde war tief eingekerbt, die Stämme überwiegend gerade. Einer wies den für Eschen so typischen, feminin wirkenden, graziös-eleganten Bogen auf, sodass der Baum an eine schlanke Femme fatale in einem bodenlangen Cocktailkleid erinnerte. Die Kronen waren kompakt, weil die Bäume so nah beieinanderstanden. Eine oder zwei der Eschen machten auf den ersten Blick einen nahezu perfekten Eindruck – sie waren nur etwas zu klein. Oder war ich mittlerweile zu pedantisch und wählerisch?

»Keineswegs«, beruhigte Mark mich. »Du sollst deinen perfekten Baum haben.« Wir setzten uns wieder ins Auto und fuhren mit der Landvermessungskarte auf dem Armaturenbrett noch drei weitere Wälder auf der gegenüberliegenden Seite des Anwesens ab: Gwern-Snell, Benarth Longwood und Callow Hill Wood. »Gutes Eschenland«, sagte Mark anerkennend. »Vielleicht wirst du dort fündig.«

Als wir am späten Nachmittag am Callow Hill Wood ankamen, hatten meine Spaniels wenig Lust, ihren gemütlichen Platz im Landrover zu verlassen. Der Wald überzieht das gewellte Land zwischen dem Dulas Brook und dem Fluss Dore ganz in der Nähe von Ewyas Harold mit seiner Burgruine, rund acht Kilometer östlich der Black Mountains. Nach der Karte schätzte ich die Größe des Waldes auf fünf bis sechs Hektar und machte mich auf den Weg über die Felder zu seinem südlichen Eckpunkt. Neben dem Gatter thronte eine große, gegabelte Esche mit zwei fünf Meter hohen Stämmen und einer ausladenden Baumkrone – ein gutes Omen. Von diesem Gatter aus folgte ich einem alten, ausgetretenen Pfad ins Herz des Waldes. Ich passierte Vogel-Kirschen-Bestände, Haselniederwälder, die üblichen Eichen und Eschenstümpfe. Am nördlichen Rand des Waldes hatte man vor einigen Jahren mehrere Hektar Nadelbäume gefällt; dort hatten sich Tausende zarter Eschenschösslinge selbst ausgesät. Offensichtlich hatte der Boden hier alles, was Eschen brauchen. Auf meinem Rückweg über die Hügelkuppe kam ich an alten Köhlerstätten und vermutlich einer ehemaligen Waldsägegrube vorbei. Und an dem Abhang gegenüber dem Dorf stieß ich schließlich auf einen Saum reifer Eschen.

Am ersten Baum zog ich mein Maßband aus der Tasche. Misst man den Stammumfang eines gesunden Baumes auf einer Höhe von ein Meter dreißig über dem Boden und teilt die Zahl durch 1,2, kann man ganz grob das ungefähre Alter des Baumes schätzen. Dieser hier war etwa sechzig Jahre alt. Und es gab zwischen den Eichen und Kirschbäumen noch mehr Eschen in ähnlicher Größe. Ich kraxelte den Hang hinauf und hinunter und vermaß jeden einzelnen Baum. Fünfzehn Minuten später – das Halbdunkel dieses wenig erfolgreichen Tages verwandelte sich bereits in Dunkelheit – wurden meine Mühen belohnt: Da war sie. Eine mächtige Esche. Als ich an ihrem Stamm hinaufblickte, war ich mir sicher, hier schon einmal gestanden zu haben.

»Keinerlei Anzeichen von Fäulnis oder Zerfall und eine gute, saubere Rinde in den Nischen zwischen den Zehen«, war Mark Potters Urteil. Er trat einen Schritt zurück, sah wieder nach oben und ging um den Baum herum außer Sichtweite. »Gute Rundung. Keine Stammfäule, ein gerader, sauberer Stamm, sechs bis sieben Meter lang. Gutes Kronenvolumen, gut strukturiertes Holz. Die abgebrochenen Äste scheinen gut verheilt zu sein. Keine offensichtlichen Schäden. Die beiden Eichen daneben werden die Lücke durch das Fällen des Baumes sicher bald schließen. Meiner Meinung nach eine gute Wahl«, schloss Mark und zog sein Maßband aus der Tasche.

Ein Meter dreißig über dem Boden betrug der Stammumfang des Baumes einhundertneunzig Zentimeter, was einen Durchmesser von sechzig Zentimetern ergibt. Nach der oben genannten Faustregel war die Esche demnach knapp einhundertsechzig Jahre alt – Mark schätzte ihr Alter eher auf einhundertdreißig, einhundertvierzig Jahre. Wir gingen die Böschung hinauf, um uns einen besseren Überblick zu verschaffen. Die anderen Eschen im gleichen Teil dieses Waldes waren, so Mark, etwa sechzig Jahre alt und wahrscheinlich nach dem Zweiten Weltkrieg angepflanzt worden; oder sie hatten sich selbst ausgesät, nachdem man viele der Bäume im Callow Hill Wood gefällt hatte. Aus irgendeinem Grund hatte man meinen Baum – ich nannte ihn schon »meinen« – stehen lassen; warum, ist schwer zu sagen. Vielleicht als Quelle für Eschensamen zur Selbstaussaat. Vielleicht war den Holzfällern aber auch einfach die Zeit ausgegangen, bevor sie Axt an den Baum legen konnten. Warum auch immer – es war mein Glück, dass die Esche noch stand.

Der Baum wuchs fünfzig Meter vom Rand des Waldes entfernt an einem sanften Abhang. Marks Ansicht nach konnte man ihn fällen, ohne dabei benachbarte Bäume weiter unten am Hang zu beschädigen. Den Stamm und die größten Äste durch den Zaun und über das Feld zur Straße zu transportieren wäre ohne größere Mühe möglich.

Mehrere der gespreizten Zehen am Fuß des Baumes waren von leuchtend grünem Moos überwuchert. Den Hauptstamm schmückte ein Flickenmuster aus Flechten und Efeu; er war von ganz unten bis ganz oben gleichmäßig dick und bildete einen fast perfekten Zylinder. Da ich die Länge des Stamms nicht wissenschaftlich exakt messen konnte, bediente ich mich einer weiteren alten Faustregel: Ich nahm einen Stock senkrecht in die Hand, streckte meinen Arm aus und ging langsam rückwärts, bis Stock und Stamm die gleiche Länge zu haben schienen. Dann führte ich den Stock immer noch am ausgestreckten Arm zur Seite, markierte die Stelle, an der das eine Ende des Stocks den Boden berührte – dort stand der Stumpf eines Haselstrauchs – und schritt die Entfernung zwischen Esche und Haselstumpf ab. Sieben Meter.

Mit Hilfe des Taschenrechners auf meinem Handy kalkulierte ich das ungefähre Holzvolumen: Allein der Stamm würde annähernd zwei Kubikmeter fester Holzmasse, also zwei Festmeter Holz ergeben. Oberhalb der Hauptgabelung, des Punktes, an dem sich der Stamm erstmals in zwei Äste teilte, würde mein Baum mindestens noch einmal so viel Holzvolumen erbringen. Die beiden Hauptäste führten den großen Aufwärtsschub der Esche v-förmig fort. Sie verzweigten sich wieder und wieder und verjüngten sich in dreißig Meter Höhe zu einem nach oben gerichteten Zweiggekritzel, das wie extravagant gestylte Wimpern aussah. Trotz seiner Größe wirkte der Baum absolut ausbalanciert und strahlte sogar Leichtigkeit aus.

Ich versuchte, mir meinen Baum als Alltagsgegenstände und Kunsthandwerk vorzustellen. Das war gar nicht so einfach. Vor meinem inneren Auge erschienen einige der dünneren Äste zu Stapeln aufgeschichtet und versandbereit zum Kohlenmeiler des ortsansässigen Forstbetriebs. Ich sah mich einen Spalthammer ins Eschenholz schwingen und einen Armvoll Holzscheite durch das Haus zu unserem Ofen tragen. Ein paar der Gabelungen schienen sich ideal für Schleudern zu eignen. Ich konnte mir sogar ein längliches Holzstück als Axtstiel vorstellen. Danach aber versagte mir die Vorstellungskraft.

Welcher Teil des Baumes könnte wohl ein Paddel werden? Woraus könnte man eine Schreibtischplatte fertigen? Welcher Bereich würde gute Pfeile ergeben? Welcher die besten Holzschüsseln? Mir wurde wieder einmal bewusst, wie wenig ich wusste. Gleichzeitig hatte ich jedoch das deutliche Gefühl, dass dies keine Rolle spielte: Auf jeder einzelnen Station meiner Reise würden mir Handwerker mit Rat und Tat zur Seite stehen, Menschen, denen es seit je am Herzen lag und auch heute noch wichtig ist, die Sensibilität anderer Menschen für dieses außergewöhnliche Material zu wecken. Vorläufig genügte es zu wissen, dass ich meinen Baum gefunden hatte – eine wunderschöne Esche, die Esche, die ich besser kennenlernen sollte als jeden anderen Baum, die Esche, die von nun an Teil meines Lebens werden würde.