Zum Buch

Ein völlig neuer Blick auf Marx und seine Wirkung

Der Marxismus ist Geschichte? Keineswegs. Denn mit der Erschütterung vieler politischer Gewissheiten scheinen Karl Marx und seine Ideen neue Bedeutung zu erlangen. Christina Morina erzählt, wie dessen Ideenpaket einst seine ungeheure Anziehungskraft entwickelte und junge Menschen in ganz Europa in seinen Bann zog. Von Lenin bis Jean Jaurès, von St. Petersburg bis Paris begeisterten sich Intellektuelle für Marx’ Lehren. Die faszinierende Schöpfungsgeschichte einer Weltanschauung, die unseren Blick auf die Wirklichkeit für immer verändert hat.

Zur Autorin

Christina Morina, geboren 1976, studierte Geschichte und Politikwissenschaft an den Universitäten Leipzig, Ohio und Maryland und wurde 2007 mit einer Arbeit über den Russlandfeldzug in der deutsch-deutschen Erinnerungskultur promoviert. Sie lehrte Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist seit 2015 Visiting Assistant Professor und DAAD-Fachlektorin am Duitsland Institut der Universität Amsterdam.

CHRISTINA MORINA

Die Erfindung des

MARXISMUS

Wie eine Idee die Welt eroberte

Siedler

Dieses Buch beruht auf einer 2016 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena eingereichten Habilitationsschrift.


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Erste Auflage
Oktober 2017

Copyright © 2017 by Siedler Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Rothfos + Gabler, Hamburg
Umschlagabbildung: © Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo
Lektorat: Heike Specht, Zürich
Satz: Ditta Ahmadi, Berlin
ISBN 978-3-641-21435-7
V001

www.siedler-verlag.de

Meinen Eltern

Inhalt

PROLOG
Marxismus als Generationsprojekt

I SOZIALISATION

Geboren ins 19. Jahrhundert:
Familiäre Herkunft und Prägung

Erstes Unbehagen:
Bildungswege und Weltansichten

Erste Lektüren:
Literatur und Gefühl

II POLITISIERUNG

Wege zum Marxismus I:
London, Paris, Zürich, Wien (1878–1888)

Aneignung als Übersetzung:
Guesde und Jaurès

Die Meisterschüler:
Bernstein und Kautsky

Sammlung in Theorie und Praxis:
Adlers verspäteter Marxismus

Wege zum Marxismus II:
Genf, Warschau, St. Petersburg (1885–1903)

Die Soziale Frage als politische Frage:
Plechanows Hinwendung zu Marx

Die Soziale Frage als Machtfrage:
Struve und Lenin

Engagierte Wissenschaft:
Luxemburg

III ENGAGEMENT

Das erste Gebot:
Radikales Studium der Wirklichkeit – Über Elend

Elendes Leben:
Begegnungen in der Wirklichkeit

Elendes Schuften:
Großstadt als Moloch, Arbeit als Sklaverei

Das zweite Gebot:
Philosophie als Praxis – Über Revolution

Revolution als Vision und Programm:
Erwartungen, Theorien, Handlungsperspektiven

Erfüllung?
»Generalprobe« in St. Petersburg 1905/06

SCHLUSS
Von Marx zum Marxismus – oder:
Über Feldforscher, Bücherwürmer und Abenteurer

ANHANG

Dank

Anmerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Personenregister

Zitatnachweise

PROLOG
Marxismus als Generationsprojekt

Politik wird mit dem Kopfe gemacht, nicht mit anderen Teilen des Körpers oder der Seele. Und doch kann die Hingabe an sie, wenn sie nicht ein frivoles intellektuelles Spiel, sondern menschlich echtes Handeln sein soll, nur aus Leidenschaft geboren und gespeist werden.1

MAX WEBER

Es gibt historische Fragen, die es wert sind, immer wieder neu gestellt zu werden. Nicht nur, weil wir auf sie bisher keine zufriedenstellenden Antworten gefunden haben, sondern auch, weil diese Antworten je nach der Perspektive des Fragenden immer wieder anders ausfallen. Eine dieser Fragen hat der berühmte marxistische Historiker Eric Hobsbawm Anfang der 1970er Jahre wie folgt formuliert: »Warum werden Männer und Frauen Revolutionäre«? Seine überraschend persönliche Antwort lautete damals: »Zunächst einmal, weil sie glauben, daß das, was sie subjektiv vom Leben wollen, nicht ohne eine fundamentale Veränderung der ganzen Gesellschaft erreicht werden kann.«2 Nicht die große Utopie, sondern der Blick auf die persönliche und gesellschaftliche Gegenwart sowie die nahe Zukunft inspiriere das Engagement von Revolutionären. Die Entstehungsgeschichte des Marxismus, einer als »revolutionär« erachteten Theorie der wirklichen Welt, lässt sich demnach als die Geschichte vieler individueller Versuche verstehen, mithilfe der Gedanken von Karl Marx die subjektive, kleine Gegenwart in eine objektive, große Zukunft zu transformieren. Von der europaweiten Aneignung und Weitergabe dieser Gedanken durch die erste Generation marxistischer Intellektueller handelt dieses Buch.

Im Zentrum dieser Versuche, die bestehende Gesellschaft fundamental zu verändern, stand die Debatte um die Lösung der sogenannten Sozialen Frage, die im Laufe des 19. Jahrhunderts in allen politischen Lagern mit wachsender Dringlichkeit diskutiert wurde. Folglich kann man den Aufstieg des Marxismus als einen Antwortversuch auf diese Frage verstehen. In keiner anderen politischen Bewegung im »Zeitalter der Ideologien« wurde der Anspruch, ihr »theoretisches« Verständnis mit der als »Praxis« verstandenen Veränderung der sozialen Wirklichkeit in Einklang zu bringen, so leidenschaftlich vertreten wie unter den Anhängern der Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.3 Zu ihnen gehörten die Hauptfiguren der hier zu erzählenden Geschichte: die zwischen 1845 und 1870 in Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich und Russland geborenen Karl Kautsky, Eduard Bernstein, Rosa Luxemburg, Victor Adler, Jean Jaurès, Jules Guesde, Georgi W. Plechanow, Wladimir I. Lenin und Peter B. Struve. Sie alle gehörten zur geistigen Gründergeneration des Marxismus.4

Aus einer Perspektive, die Erfahrungs- und Ideengeschichte miteinander verbindet, untersuche ich das sozialkritische Engagement dieser acht Männer und einen Frau als vergleichbare politische Hingabebewegung. Das dabei entstehende gruppenbiografische Porträt rekonstruiert die Anfänge der marxistischen Weltanschauung anhand der individuellen Sozialisations- und Politisierungserfahrungen einer kleinen Gruppe von Intellektuellen, die die öffentliche Thematisierung der Sozialen Frage zu ihrem Lebensinhalt machten. Sie stiegen im Zuge dieser Hingabe in ihren jeweiligen Ländern zu den tonangebenden Theoretikern und Praktikern des marxistischen Sozialismus auf und prägten damit das »Goldene Zeitalter« des Marxismus.5 Ausgehend von der Beobachtung, dass sie sich spätestens mit Mitte 30 eine maßgebende Rolle in ihren nationalen Bewegungen erarbeitet, viele ihrer wichtigsten Werke publiziert und, ob mit oder ohne formelles Amt, ein einflussreiches politisches Mandat erworben hatten, konzentriert sich meine Untersuchung auf ihre Lebenswege bis ins mittlere Erwachsenenalter hinein – auf ihr politisches coming of age.6

Die Marxismus-Geschichtsschreibung führt heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges, nur noch eine Nischenexistenz. Im Gegensatz dazu wird dem Namensgeber dieser Weltanschauung, Karl Marx, seit einigen Jahren ein erstaunlich hohes Maß an Aufmerksamkeit zuteil, was sich in einer Vielzahl von philosophischen, politikwissenschaftlichen, soziologischen, biografischen und künstlerischen Veröffentlichungen niederschlägt. Sein Hauptwerk, Das Kapital, ist als Theaterstück inszeniert worden, es wird in Radio-Vortragsreihen aus allen denkbaren intellektuellen und politischen Gegenwartspositionen heraus neu gelesen, und das Leben des Jungen Karl Marx kam im Frühjahr 2017 sogar in die Kinos. Die Ernsthaftigkeit und Verve, mit denen sich gerade die akademische Öffentlichkeit mit den Inhalten der Marx’schen Schriften beschäftigt und nach deren Gültigkeit fragt, kommt paradigmatisch in jenem Titel zum Ausdruck, den der französische Ökonom Thomas Piketty seiner gewichtigen, weit über Marx hinausgehenden Analyse der globalen Verteilungsgeschichte gegeben hat: Das Kapital im 21. Jahrhundert.

Einerseits lässt sich dieses Interesse mit der Routine erklären, mit der heute alle möglichen Jubiläen und Jahrestage thematisiert und inszeniert werden – Marx’ Geburt 1818, die Erstveröffentlichung des Kapitals 1867 oder der Ausbruch der Oktoberrevolution 1917. Andererseits ist seit der Finanzkrise von 2008 von einer tiefergehenden Krise des kapitalistischen Systems die Rede, und eine Rückbesinnung auf den Begründer der Kapitalismuskritik erscheint daher durchaus plausibel. Doch spricht aus diesen vielfältigen Annäherungen ein Aktualisierungsbedürfnis, das uns leicht vergessen lässt, wie außergewöhnlich es ist, dass sich die Nachwelt derart intensiv mit den Urschriften des (ungefragten) spiritus rector eines der zerstörerischsten Sozialexperimente in der Menschheitsgeschichte befasst. Selbst die zum 200. Geburtstag von Marx veranstalteten wissenschaftlichen Konferenzen fragen eher danach, was dieser »uns heute noch zu sagen hat« – als enthielte sein Werk eine ewig gültige Urwahrheit –, als danach, was Marx als Person und Denker, historisch gesehen, so einzigartig und wirkmächtig gemacht hat. Häufig sind diese Annäherungen von gesellschaftskritischer Utopiesehnsucht (»Neosozialismus«, »Postkapitalismus«) oder erinnerungspolitischem Gedenkwillen (»Aufarbeitung«) durchdrungen – Motiven, die selbstverständlich ihre Berechtigung haben, den Versuch eines historischen Verstehens aber eher erschweren als befördern.

Man kann die Frage nach der Anziehungskraft des Marx’schen Œuvres, die teilweise bis heute fortbesteht, nur hinreichend beantworten, wenn man dessen historischen Ort und Entstehungszusammenhang, also dessen Zeitlichkeit, berücksichtigt. Ein solcher eher auf Historisierung denn auf Aktualisierung angelegter Ansatz ist dabei natürlich selbst nicht frei von aktualisierenden Impulsen. Das vorliegende Buch versucht diese aber mittels neuer Fragen und Quellenzugänge analytisch zu fassen und damit die Marxismus-Geschichtsschreibung am Beginn des 21. Jahrhunderts auf bisher noch unbetretene Pfade zu führen. Was bedeutet weltanschauliches – religiös, politisch, ökologisch oder kulturell inspiriertes – Engagement? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Lebenswelt und Politik, zwischen Weltaneignung und Weltanschauung? Wie erklärt man sich Radikalisierung? Wie ticken Revolutionäre?

Über die bis heute meist theorieimmanent oder diskursgeschichtlich ausgerichtete Marxismus-Forschung hinaus zeichnet dieses Buch damit den Ursprung der marxistischen Weltanschauung erstmals aus einer erfahrungsgeschichtlichen Perspektive nach und begreift sie als eine Form modernen politischen Engagements. Zugleich macht es jene sozialen Zustände sichtbar, auf die diese Intellektuellen-Bewegung in ihrem Ursprung reagierte. Es reiht sich damit in zwei jüngere Forschungstendenzen ein, die einerseits die Geschichte der Arbeiterbewegung um biografische Perspektiven erweitern und andererseits zur sozialen Bewegungsforschung hin öffnen.7

Mein Gruppenporträt rekonstruiert das politische coming of age der Protagonisten aus einer individualbiografischen Perspektive und stellt damit – ähnlich wie Thomas Welskopp in seiner Studie über die frühe deutsche Sozialdemokratie – neue Fragen an »alte Bekannte«: Auf welchen Sozialisationswegen vollzog sich die Hinwendung zu Marx bei seinen ersten, bald sehr einflussreichen »Epigonen« in Europa? Welche Rolle spielten dabei Herkunft, Elternhaus, Schul- und universitäre Bildung, musische und literarische Interessen oder die Berufswahl? Welches »soziale Wissen« hatten die Vorkämpfer für die Befreiung der »Arbeiterklasse« eigentlich von den Arbeits- und Lebensbedingungen abhängig Beschäftigter? Auf welche Erfahrungen griffen sie zurück, wenn sie darüber nachdachten, mit welchen Mitteln und auf welchen Wegen die Soziale Frage gelöst werden könne? Wie hingen ihre oft eklektischen Lektüren – von der Belletristik über die Philosophie und Naturwissenschaft bis hin zum entstehenden marxistischen Kanon –, ihre Alltagsbeobachtungen der Fabrik-, Industrie- oder Landarbeit und ihr politisches Engagement in den sich formierenden Arbeiterbewegungen zusammen? Und welche Rolle spielten dabei die Bücher von Karl Marx?8

Die Auswahl der neun Protagonisten ergibt sich aus dem ideengeschichtlichen Gewicht ihrer Schriften und Reden, aus ihrer Rolle bei der popularisierenden Übersetzung und Verbreitung des Marx’schen Textkorpus in Deutschland, Österreich, Frankreich und Russland zwischen 1870 und 1900 sowie aus ihrem Selbstverständnis als »marxistische Intellektuelle«.9 Denn hinsichtlich ihres politischen Denkens, ihrer Intentionen und Interventionsstrategien einte sie eine spezifische, eben marxistische Auffassung des »eingreifenden Denkens«, das Ingrid Gilcher-Holtey in Anlehnung an Michel Foucault wie folgt definiert hat: Sie wollten als »Vermittler von Bewusstsein« fungieren, sahen ihre Aufgabe darin, »gestützt auf die Einsicht in die gesellschaftliche Entwicklung, Handlungskriterien zu entfalten und Handlungen zu orientieren« sowie diesen »Emanzipationskampf […] auch zu organisieren, zu lenken und anzuleiten«. Adressat ihres Engagements war das »revolutionäre Subjekt«.10 So wie marxistische Intellektuelle »das Proletariat« als Träger einer universalen historischen Entwicklung sahen, verstanden sie sich selbst als »Repräsentanten des Universalen«. Sie glaubten, »ein wenig das Gewissen aller zu sein«, wie es Foucault ausdrückte.11 Daraus leiteten sie sowohl den Anspruch als auch die Zuversicht ab, mittels ihrer intellektuellen Fähigkeiten die Welt nachhaltig verändern zu können.12

Wenn im Folgenden vom Engagement marxistischer Intellektueller die Rede ist, so meint dieser Intellektuellen-Begriff weder eine soziologische Kategorie oder »Sozialfigur«13 noch eine ephemere soziale Rolle. Vielmehr soll er – ergänzt um einen präziser als üblich umrissenen Engagement-Begriff – ein spezifisches politisches Selbstverständnis reflektieren, ohne das die Entstehung des Marxismus nicht zu verstehen ist.14 Marxistische Intellektuelle übten nicht »Kritik als Beruf«15 aus, sondern sie folgten einer Berufung. Obwohl sie das immer wieder behaupteten, standen sie den gesellschaftlichen Zuständen, die sie kritisierten, nicht »objektiv« und »distanziert« gegenüber, sondern »engagiert«, wie es Norbert Elias in seiner Kritik der stets potentiell befangenen »Menschenwissenschaften« ausgedrückt hat. Sie vermischten in ihren Schriften routiniert Analyse und Prognose, »Ist-« und »Sollfragen«.16 Damit zeugen diese Schriften von einer »nachhaltigen politischen Leidenschaft«, die aus einer dauerhaften, sowohl kognitiven als auch emotionalen Befasstheit mit der gesellschaftlichen Gegenwart – jedoch nicht notwendigerweise aus persönlicher Betroffenheit – über die eigene Lebenswelt hinaus erwuchs.17 Der Marxismus wird hier also erstmals auch aus einer emotionsgeschichtlichen Perspektive untersucht und so ein Forschungsfeld bereichert, das gerade in Bezug auf die Motive und Formen politischen Engagements innerhalb der »alten« und »neuen« sozialen Bewegungen noch relativ am Anfang steht.18

Die drei Teile des Buches – Sozialisation, Politisierung, Engagement – gehen der Frage nach dem Zusammenhang von Welterfahrung und Weltanschauung in der frühen Marx-Aneignung systematisch nach. Diese Frage ist von der Grundannahme inspiriert, dass das »Studium der wirklichen Welt« als das erste Gebot des Marxismus galt.19 Innerhalb des einzigartigen Laboratoriums sozialer Ideen, in dessen Kontext er entstand, hob sich der Marxismus mit seinem programmatischen Wirklichkeitsrekurs deutlich von allen anderen politischen Weltanschauungen ab. Dies war ein wichtiger Grund für seine weit ins 20. Jahrhundert hineinreichende, teils schöpferisch, teils zerstörerisch wirkende intellektuelle, emotionale und politische Ausstrahlungskraft.20 Dieses Wirklichkeitsgebot rechtfertigt nicht nur eine erfahrungsgeschichtliche Untersuchung des frühen Marxismus, sondern fordert diese geradezu heraus.

Dafür lohnt der Blick zurück auf dessen Ursprünge. Der junge Karl Marx hatte 1844 einen seiner wichtigsten Texte, Zur Kritik an der Hegelschen Rechtsphilosophie, mit einer bombastischen Mischung aus Religionskritik und Wirklichkeitsdrang eingeleitet. Es sei an der Zeit, dass sich der Mensch der »Illusionen über seinen Zustand« entledige und damit die Voraussetzungen für die »Forderung seines wirklichen Glücks« schaffe. Der Mensch selbst müsse ins Zentrum der politischen Philosophie rücken. »Ad hominem« müsse die Theorie ihre Einsichten »demonstrieren«, »radikal« werden: »Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst«.21 So lautete Marx’ prometheischer Appell an die Philosophie als »Praxis«. Die klassische Philosophie verhalte sich zum »Studium der wirklichen Welt« doch nur wie »die Onanie zur Geschlechtsliebe«.22

Diesen alles andere als frivol gemeinten Appell suchte er später in einer Vielzahl oft unfertiger Schriften einzulösen, reduziert indes auf die »Demonstration« des Menschen als materiell abhängigem Wesen.23 Dieser später als »materialistische Geschichtsauffassung« bezeichnete Ansatz war vor allem »eine Anleitung zum Studium, kein Hebel zur Konstruktion à la Hegelianertum«, mahnte der betagte Engels. Sie war nichts weniger als ein dekonstruktivistisches Großprogramm, denn »die ganze Geschichte muß neu studiert werden, die Daseinsbedingungen der verschiedenen Gesellschaftsformationen müssen im einzelnen untersucht werden, ehe man versucht, die politischen, privatrechtlichen, ästhetischen, philosophischen, religiösen etc. Anschauungsweisen, die ihnen entsprechen, aus ihnen abzuleiten«.24 Dies war indes keine Anleitung zum Studium ad hominem, sondern vielmehr ad societatem, was dem schon in der Deutschen Ideologie geäußerten Grundgedanken entsprach, dass der Mensch »kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum« sei, sondern »in seiner Wirklichkeit […] das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse«.25 Noch heute gelten Marx und Engels aufgrund dieser Einsicht in die gesellschaftliche Bedingtheit des menschlichen »Wesens«, und damit Wissens, als die Begründer der Wissenssoziologie – und viele ihrer Werke zugleich als Klassiker der Soziologie.26

Alle neun marxistischen Intellektuellen fühlten sich dieser Einsicht und Aufforderung verpflichtet. Ihren individuellen Sozialisationswegen, Marx-Lektüren sowie ihren in Selbstzeugnissen und Schriften überlieferten Versuchen, dieser Herausforderung im Zeitalter des »Tatsachenblicks« (Wolfgang Bonß) gerecht zu werden, widmet sich diese Studie. Dabei zeigt sich, dass die von Marx und Engels geforderte »tatsachenempirische« Wirklichkeitsaneignung unter der Fahne der überwundenen Trennung von Theorie und Praxis nicht nur die realistische Erkenntnis der Gegenwart versprach, sondern auch auf die nahe Zukunft gerichtete politische Handlungsoptionen.27 Die daraus abgeleitete Kapitalismuskritik beanspruchte eine »›universale‹ Wirklichkeitsgeltung«, welche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts »angesichts des offen sichtbaren Gegensatzes von Lohnarbeit und Kapital fraglos wahr erschien und immer wieder handlungsbezogen bestätigt werden konnte«.28 Schaut man auf die Lektüren des Marx’schen Oeuvres und die Blicke der Protagonisten auf die sozialen Zustände ihrer Zeit, wird der Marxismus als aus alltagsweltlichen und intellektuellen Quellen gespeister Versuch nachvollziehbar, ein umfassendes und zeitnah umsetzbares Programm zur Veränderung »der Wirklichkeit« zu entwickeln.

Die Anziehungskraft dieses Programms lag demnach für die Protagonisten vorrangig nicht in einer vage angedeuteten utopischen Perspektive, sondern im konkret eingeforderten, »wissenschaftlichen« Gegenwartsbezug. Sie zogen aus Marx’ Werk primär ein auf das Hier und Jetzt gemünztes Erkenntnisversprechen, keinen nur auf das Morgen gerichteten Zukunftsglauben. Für sie war der Marxismus eigentlich ein nie abgeschlossenes Studium der »wirklichen« Welt in Geschichte und Gegenwart, dem sie sich, wenn auch auf unterschiedliche Weise, mit beträchtlicher Ausdauer widmeten. Entsprechend kann ihre sich über Jahre hinziehende Hinwendung zu Marx auch nicht als »Konversion« zu einem »säkularen Glauben« beschrieben werden, wie es Thomas Kroll in seiner gruppenbiografischen Studie kommunistischer Intellektueller nach 1945 getan hat.29 Eher war dies ein langwieriger Internalisierungsprozess, eine Art tertiäre Sozialisation in eine »neue Wirklichkeit«, der man sich »nicht nur halben Herzens, sondern mit allem, was subjektiv [sein] Leben ist«, hingab.30 Mit dem hier unternommenen Versuch, den frühen Marxismus lebensgeschichtlich zu erzählen, ihn als »gelebte Erfahrung«31 zu verstehen, betreten wir somit historiografisches Neuland.

Im Interesse eines solchen Neuanfangs wird der Marxismus hier nicht als eine in sich geschlossene politische Ideologie, sondern als Weltanschauung verstanden. Weltanschauungen sind Wilhelm Dilthey zufolge »Interpretationen der Wirklichkeit«, die eine »innere Beziehung der Lebenserfahrung zum Weltbild enthalten«, und er zählte Marx’ Materialismus zu den »philosophischen Weltanschauungen«.32 Diese Einordnung unterstreicht, dass es sich dabei um einen Sinnzusammenhang handelt. Man kann, anknüpfend an jüngere Überlegungen zur Weltanschauungsgeschichte im Zeitalter der ideologischen Konfrontation, die These vertreten, dass auch der Marxismus einen »nicht-religiösen Horizont bereitstellt[e], vor dem jedes spezielle Wissen einen ›höheren‹ Sinn, subjektive Wahrnehmungen eine einheitliche Perspektive und Handlungen einen moralischen Wert erhalten«.33 Neben dieser weiteren Ebene ist Marxismus im engeren Sinne aber zugleich auch ein Sammelbegriff für die »epigonale Rezeption der Lehren von Marx«.34 Er entstand im Grunde erst im Zuge dieser Rezeptionen, welche auch die Protagonisten selbst sowohl als weltanschaulichen als auch als wissenschaftlichen Lern- und Aneignungsprozess verstanden.

Der Fokus auf den individuellen Sozialisationswegen und Weltaneignungsweisen unserer neun Protagonisten bis ins mittlere Erwachsenenalter hinein ermöglicht es, den Marxismus sozusagen im Prozess seiner Entstehung zu beobachten. Zugleich greife ich damit die von Hans-Ulrich Wehler in Bezug auf die deutsche Sozialdemokratie aufgeworfene Frage nach den Ursachen des durchschlagenden Erfolges der »Sprache des Marxismus« im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf und erweitere sie sowohl in geografischer als auch in ideengeschichtlicher Hinsicht: Wie kam es, dass die von Marx und Engels verfassten Texte in so verschiedenen Orten und Kontexten und in den Köpfen so unterschiedlicher Zeitgenossen eine derart nachhaltige Faszinations- und Überzeugungskraft entfalten konnten – selbst für jene, die sich, wie Bernstein und Struve, irgendwann zum Revisionisten beziehungsweise Liberalen wandelten?35 Anhand der eng miteinander verbundenen Marx-Aneignungen der Protagonisten in Paris, London, Zürich, Genf, Wien, Stuttgart, Warschau und St. Petersburg kann die Gründungsgeschichte des Marxismus auf diese Weise als Generationsprojekt erzählt werden. Dieses beruhte auf weit mehr als auf der Lebensleistung von Friedrich Engels, den Tristram Hunt als »Erfinder des Marxismus« dargestellt hat.36

Die Angehörigen dieser Gründergeneration standen in einem stetigen schriftlichen und mündlichen Austausch, sie bildeten ein grenzübergreifendes Netzwerk, das einerseits auf einer diskursiv-virtuellen Verbundenheit und andererseits auf persönlicher, teils gar freundschaftlicher Vertrautheit beruhte. Auch wenn man sich oft und intensiv stritt, überwog vor 1914 das Gefühl einer Gesinnungsgemeinschaft, einer »freiwillige[n] Vereinigung von Gleichgesinnten«, wie Karl Kautsky sein Parteiideal selbst noch auf dem Höhepunkt der Revisionismusdebatte umschrieb.37 Alle hier in den Blick genommenen Marxisten beherrschten mehrere Sprachen, waren durch Bildung, Exil und Auslandsreisen mit den Verhältnissen in anderen Ländern vertraut, trafen sich auf Kongressen und Parteitagen und kommunizierten sowohl privat in Briefen als auch öffentlich in Zeitschriften, Zeitungen und theoretischen Schriften. Man übersetzte und publizierte sich gegenseitig und befand sich so in einem ständigen, teils sehr intensiven, teils nur flüchtigen Austausch. Dieses Netzwerk spielte als Erfahrungsraum eine bedeutende Rolle, und die jüngere Forschung hat gezeigt, dass jenseits des Schlagworts vom »Internationalismus« eine komplexe Geschichte persönlicher und grenzüberschreitender, realer wie imaginierter Vernetzung, Mobilität und Solidarität zu schreiben ist.38

Entsprechend umfangreich und vielfältig ist die Quellenbasis dieser Studie. Sie bezieht veröffentlichte und unveröffentlichte Briefe, Tagebücher, Notizen, Zeichnungen und autobiografische Texte ebenso ein wie die publizierten Reden und Schriften der Protagonisten. Im Laufe der Recherchen vor allem im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis in Amsterdam wurde allerdings deutlich, dass ich mich keineswegs auf die Relektüre bekannter Quellen beschränken musste, finden sich dort doch eine Reihe von Selbstzeugnissen, die bisher wenig oder gar keine Beachtung gefunden haben.39 Beispielhaft seien die Familienbriefe, Schulaufsätze, Zeichenbücher und Romanmanuskripte in den Nachlässen von Karl Kautsky, Victor Adler und Jules Guesde genannt oder die von Alexander Stein und Paul Frölich verfassten politischen Memoiren, in denen Rosa Luxemburg eine prominente Rolle spielt.40 Primär jedoch ging es bei den Archivrecherchen für diese Arbeit nicht um die Hebung unbesehener »Schätze«. Vielmehr enthalten die vielen lange bekannten Quellen sowie die umfangreiche biografische Literatur Aussagen und Hinweise über die individuellen Weltaneignungsweisen, Lektüre- und Lebenserfahrungen, die einer vergleichenden coming-of-age-Studie reichhaltiges Material bieten.

Dieses Buch taucht somit auf der Suche nach den Anfängen der Marx-Begeisterung tief in die Lebenswelten von acht Männern und einer Frau ein – eine Gruppe von hochpolitischen, sensiblen, an den politischen und sozialen Zuständen ihrer Gegenwart interessierten jungen Menschen; couragiert, ambitioniert, mobil, vielsprachig, wissensdurstig, streitlustig, idealistisch und mit einem besonderen Glauben an die eigenen Wirkungschancen ausgestattet. Taucht man dieses Gruppenbild mit Dame in ein weniger wohlwollendes Licht, entfaltet sich hier das Porträt einer Gemeinschaft von sinnsuchenden, eklektisch und doch systematisch lernenden, aktionistischen, ehrgeizigen, rechthaberischen Weltverbesserern, deren reale Lebensgeschichten sich gänzlich auf dem Schlachtfeld der politisch-ideologischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit abspielten.

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SOZIALISATION