MASSIMO VACCHETTA ist Tierarzt und lebt in der norditalienischen Provinz Cuneo. Er kümmerte sich viele Jahre lang vor allem um Rinder, bevor er sein Herz für Igel entdeckte und »La Ninna« gründete, das erste Pflegeheim für Igel in Italien. Dort kümmert er sich um die Stachelträger und ist Vorsitzender der Vereinigung »La casa dei ricci«, deren Aufgabe es ist, Igel und ihren Lebensraum zu schützen.
ANTONELLA TOMASELLI veröffentlichte als Journalistin und Bloggerin zahlreiche Artikel und Dokumentationen über Tiere.
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Massimo Vacchetta/Antonella Tomaselli
EINE HANDVOLL GLÜCK
Die Geschichte des kleinen Igels mit dem großen Herzen
Aus dem Italienischen von
Ingrid Ickler
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Die italienische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »25 grammi di felicità. Come un piccolo riccio può cambiarti
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Copyright © 2016 by Massimo Vacchetta und Antonella Tomaselli
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Penguin Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Covergestaltung: Bürosüd, München
Covermotiv: Alamy
Redaktion: Sylvia Spatz
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-22660-2
V002
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1
Mai 2013. Es war Frühling, aber ich spürte ihn nicht. Trotz all der Farben um mich herum, trotz der Düfte in der Luft nahm ich ihn nicht wirklich wahr. Ich war zu sehr mit mir und meinen Sorgen beschäftigt.
In mir brannte der Drang nach Veränderung, immer noch wollte ich im Leben meinen Träumen folgen. Trotz meines Jobs als Tierarzt für Großtiere legte ich Wert auf mein Äußeres, auch wenn das lächerlich und eitel war.
Als ich das Wohnzimmer betrat, sah Greta mir vom Sofa aus entgegen und musterte mich eingehend.
»Gut siehst du aus«, meinte sie anerkennend, fügte nach einer Weile jedoch leise hinzu: »Aber du siehst traurig aus, selbst wenn du lächelst …«
Seufzend griff ich nach den Autoschlüsseln. »Bin bald wieder da«, sagte ich und verließ das Haus.
Während ich mich in den fließenden Verkehr einfädelte, musste ich wieder daran denken, wie frustriert ich in meinem Job war, wie enttäuscht von meinem Leben, und wie orientierungslos ich mich fühlte. Das Leben war öde und leer, und ich suchte verzweifelt nach Erfüllung, eine Herausforderung, die mir neue Energie und Lebensmut geben würde. Greta meinte es gut mit ihren Ratschlägen und wollte mich aufmuntern. Aber ich ließ sie nicht an mich heran.
Ich wollte mich für nichts entscheiden, von dem nur andere meinten, es sei gut für mich.
Nach dem Abitur hatte ich mich eher zufällig für den Beruf des Tierarztes entschieden. Irgendwann war mir eingefallen, dass ich als Kind immer in Not geratenen Tieren helfen wollte. Vielleicht war ich ja für diesen Beruf geboren, überlegte ich und studierte Veterinärmedizin. Doch nach einigen Jahren Praxis kam die Ernüchterung, irgendetwas, das mir selbst nicht klar war, fehlte mir.
Meine pragmatische Greta schlug vor: »Probier einen anderen Bereich aus, spezialisiere dich zum Beispiel auf Haustiere, auf Hunde, Katzen und dergleichen. Da würdest du zudem mehr verdienen. Und denk ans Alter, so langsam solltest du eine Lebensversicherung abschließen.«
Aber ich ticke anders, ich mache keine Lebenspläne. Und ich hatte auch keine Lust, Tieren Mikrochips einzupflanzen und ihnen Schutzimpfungen zu verpassen. Da fand ich die Behandlung von großen Tieren, die mich vor weit komplexere Probleme stellte, interessanter. Trotzdem ging ich auf ihren Vorschlag ein und arbeitete fortan ein paar Stunden pro Woche in zwei Kleintierpraxen.
An jenem Freitag begann meine Wochenendvertretung bei Andrea. Nach der Begrüßung wechselten wir noch ein paar Worte. Bevor er sich verabschiedete, zeigte er mir eine Kiste mit einem fast nackten rosa Häufchen.
»Das ist ein Igelbaby«, sagte er.
Neugierig betrachtete ich den Winzling.
»Ein Waisenkind, eine Frau hat es in ihrem Garten gefunden und hierhergebracht – sie wusste nicht, was sie mit ihm anfangen sollte.«
Die Augen waren noch geschlossen, das Bäuchlein nackt, die winzigen weißen Stacheln wirkten ein bisschen zerzaust. Sie begannen hinter den ebenfalls winzigen Ohren und bedeckten den ganzen Rücken.
»Es ist vielleicht zwei, drei Tage alt und wiegt gerade mal fünfundzwanzig Gramm«, erklärte Andrea.
»Fünfundzwanzig Gramm, das ist ja fast nichts …«, meinte ich.
»Eben, das Kleine muss aufgepäppelt werden, und du fängst damit an.«
»Welche Milch ist für Igelbabys denn am besten?«
»Ziegenmilch, habe ich mir sagen lassen. Kuhmilch hat zu viel Milchzucker, das vertragen Igel nicht. Du musst ihn mit einer Einmalspritze füttern, einen Tropfen nach dem anderen.«
»Ziemlich mühsam.«
Ich nahm das Igelchen heraus, setzte es auf meine Hand und betrachtete es genauer. Wie niedlich, dachte ich, diese Minifüße mit den klitzekleinen Zehen, die aussahen wie winzige Finger. Ich war gerührt.
»Was meinst du, sollen wir ein paar Fotos machen und sie auf Facebook posten?«
»Gute Idee«, stimmte Andrea zu.
Wir machten Selfies mit dem Smartphone. Er, ich und der Igel. Ich und der Igel. Er und der Igel. Dann stellten wir die besten Bilder ins Netz und verabschiedeten uns. Er fuhr nach Hause, ich trat meinen Dienst an.
Dann war es Zeit aufzubrechen. Bald begann der Notdienst, und vorher musste ich noch das Igelbaby versorgen. Als ich die Tür zur Praxis öffnete, blieb ich wie versteinert stehen. Ein leises Wimmern drang an meine Ohren, ein angsterfülltes Fiepen, ähnlich wie das Piepsen eines Kükens oder eines Vogeljungen. Dann folgte ein klagendes Seufzen und nach einer Pause ein neuer Seufzer. Die Laute gingen mir durch Mark und Bein.
Der Igel flehte um Hilfe.
Ich ging zu der mit Sägespänen gefüllten Kiste, nahm ihn heraus und setzte ihn auf den Tisch. Der kleine Körper war kalt, ein klares Indiz, dass der kleine Igel im Sterben lag. Mitleid mit der armen Kreatur überfiel mich – so heftig, wie es mir in meinen vielen Berufsjahren noch nicht passiert war.
Es kam mir vor, als wäre dieses Gefühl lange in mir eingesperrt gewesen und würde sich jetzt Bahn brechen.
Natürlich war ich als Veterinär an den Anblick kranker Tiere und ihrer Schmerzen gewöhnt, hatte im Laufe der Zeit gelernt, damit professionell und distanziert umzugehen, doch beim Anblick dieses Häufchens Elend brach es mir fast das Herz.
Ich stellte mir vor, wie seine Mutter beim Futtersuchen von einem Auto überfahren und so schwer verletzt worden war, dass sie es nicht mehr zum Nest zurückgeschafft hatte. Vielleicht war sie sogar getötet worden. Ich malte mir aus, wie der Winzling auf sie gewartet hatte, hungrig und voller Angst. Wie er in seiner Verzweiflung aus dem Nest gekrabbelt war, um seine Mutter zu suchen. Und plötzlich spürte ich seine Einsamkeit am eigenen Körper.
Es war die Einsamkeit meiner Kindheit.
2
Meine Großeltern mütterlicherseits hatten in meiner Kindheit eine wichtige Rolle gespielt. Sie waren Bauern vom Land – zwei einfache, bodenständige Menschen, bei denen ich mich geborgen fühlte.
Meine Eltern waren beide berufstätig, und so verbrachte ich viel Zeit bei ihnen, vor allem in den Schulferien. Großmutter Caterina war eine herzensgute Frau mit einem offenen Gesicht. Sie hatte die Schule nur wenige Jahre besucht und war sicher nicht intellektuell, aber sie trug ihr Herz am rechten Fleck und war sehr herzlich. Schon als kleinen Jungen nahm sie mich mit in den Stall, anfangs sogar in einem Tragekorb. Sie zeigte mir die Kühe, die Kälber und die Schwalben in ihren Nestern unterm Dach. Oder sie saß mit mir in der Küche, strickte und erzählte mir Geschichten, denen ich fasziniert lauschte.
Als ich größer wurde, begleitete ich sie aufs Feld und half ihr bei der Arbeit. Mittags setzten wir uns unter die schattigen Bäume am Wiesenrand und verspeisten das in einem Korb mitgebrachte Essen. Ringsum duftete es nach Heu, und es war himmlisch ruhig. Manchmal schliefen wir vom Gesang der Grillen und Zikaden ein. Wir lebten mit der Natur und ihren Zeiten.
Auch mein Großvater war ein besonderer Mensch. Er wurde nie laut, obwohl er sehr konsequent und manchmal auch hart und unnachgiebig sein konnte. Er besaß eine gewisse Bauernschläue, die ihm half, stets Herr der Lage zu bleiben, selbst wenn andere nicht mehr weiterwussten. Doch litt er unter Asthma, und sein Atem ging bei der kleinsten Anstrengung pfeifend, nach ein paar Schritten musste er jedes Mal eine Pause einlegen. Dennoch ertrug er sein Leid gleichmütig. Es sollte nicht sein Leben bestimmen.
Lange wollte er deshalb nicht zum Arzt gehen. Erst nach langem Zureden ließ er sich zu einem Arztbesuch überreden und Medikamente verschreiben, die ihm das Atmen erleichterten.
Dann war da noch Osvaldo, der jüngere Bruder meiner Mutter, der noch im Haus der Großeltern lebte. Für mich war er mehr ein großer Bruder als ein Onkel. Wenn ich am Ende der Sommerferien wieder nach Hause zurückkehren musste, war ich immer todtraurig. Meine Großmutter und ich weinten um die Wette.
Trotz der Liebe meiner Großeltern verspürte ich große Leere. Auch wenn mich meine Eltern oft besuchten, fühlte ich mich von ihnen alleingelassen. Sobald es dunkel wurde, setzte ich mich ans Küchenfenster und wartete. Wie festgewachsen. Meine Blicke folgten jedem Autoscheinwerfer, der sich näherte. Ich sprach kein Wort. Meine Mutter fehlte mir so sehr.
Wieder zu Hause war es aber nicht besser. Wenn nach Unterrichtsende die anderen Kinder lachend und fröhlich schwatzend nach Hause gingen, begannen für mich lange, nicht enden wollende Nachmittage. Erst gegen fünf Uhr kam meine Mutter und holte mich ab. Bis dahin saß ich am Fenster und wartete. Stundenlang. Ganz allein. Oft malte ich, und Schwester Francesca, die sich um die Hortkinder kümmerte, lobte meine Bilder und meinte, ich sei ein Künstler.
Bei gutem Wetter durfte ich in den Schulhof und in den angrenzenden Garten. Dort fuhr ich meist Fahrrad. Vor und zurück. Und im Kreis. Vor, zurück und im Kreis. Manchmal hielt ich an, einen Fuß auf dem Boden, den anderen auf dem Pedal, und schaute einem Schmetterling nach. Manchmal stellte ich das Rad ab und jagte eine Eidechse. Oder ich beobachtete Insekten, deren Namen ich nicht kannte. Und Ameisen.
Tagaus, tagein.
Und jeden Tag hatte ich Angst, meine Mutter würde mich nicht abholen. Nie mehr. Wenngleich sie jeden Tag zuverlässig kam. Dann lief ich ihr entgegen, sie lächelte und nahm mich in den Arm. Hob mich auf den Sattel ihres Fahrrads und schob mich. Dabei erzählten wir uns, was den Tag über passiert war.
Nach Beginn der Sommerferien, wenn ich noch eine Zeit lang das einzige Kind in der Nachmittagsbetreuung war, war es besonders schlimm. Erst wenn der Hort seine Pforten schloss, durfte ich zu meinen Großeltern aufs Land.
Angst begleitete mich durch meine Kindheit. Nicht allein Angst davor, meine Mutter zu verlieren. Nein, ich hatte um alles und vor allem Angst. Sie war ein Erbe meines Vaters, der sich ebenfalls vor allem und jedem fürchtete, seine Gedanken kreisten um Krankheiten und Tod. »Ich habe bestimmt Krebs. Ich werde nie und nimmer dreißig«, jammerte er bereits in jungen Jahren. Ich wuchs mit seinen Ängsten auf, verinnerlichte sie und übertrug sie auf meine Mutter.
Ich malte mir unterschiedliche Szenarien aus, wie ich sie verlieren könnte. Entweder durch Tod oder Scheidung, schließlich stritten meine Eltern sich häufig. Beides war für mich gleichermaßen schrecklich. Meine ganze Kindheit war davon geprägt – von der Angst, plötzlich ohne sie zu sein. Verlassen, einsam und allein.
Deshalb konnte ich ihn so gut verstehen, diesen winzigen, wimmernden Igel, an jenem Samstagmorgen in Andreas Praxis. Seine Angst und seine Verzweiflung. Weil ich das alles selbst erlebt hatte.
3
Dieses hilflose Wesen war ganz allein auf der Welt. Ohne mich wäre es verloren gewesen.
»Ich werde dich nicht im Stich lassen, mein Kleiner, das verspreche ich dir«, sagte ich zu ihm. »Du bleibst nicht in dieser Kiste, wo du verhungern oder erfrieren wirst, denn ich werde alles tun, um dich zu retten.«
Nie zuvor hatte ich mit einem Igel geredet, mehr noch, ich wusste so gut wie nichts über Igel. Die Zeit drängte, so viel war klar. Als Erstes brauchte der Winzling Wärme. Deshalb füllte ich eine Wärmflasche mit lauwarmem Wasser und legte sie neben ihn. Dann suchte ich in meinem Laptop nach Informationen und landete bei einem Forum, wo als Ansprechpartnerin eine gewisse Giulia angegeben war. Mehrmals versuchte ich, sie telefonisch zu erreichen, aber ohne Erfolg.
Panik.
Als sie sich endlich meldete, ratterte ich los. »Giulia, ich habe hier einen kleinen Igel, der gestern gefunden wurde. Er wiegt gerade mal fünfundzwanzig Gramm und muss gefüttert werden – ich glaube, es geht ihm nicht gut. Mein Kollege sagt, er soll Ziegenmilch kriegen.« Ich holte kurz Luft. »Ich bin da unsicher. Außerdem scheint er ausgekühlt zu sein, aber ich weiß nicht, was ich machen soll.«
Ihre sanfte Stimme beruhigte mich. »Also, Ziegenmilch ist nicht das Richtige. Sie versorgt ihn zwar mit Flüssigkeit, jedoch nicht mit genug Energie. Igelmilch ist reich an Eiweiß und Fett und enthält kaum Zucker. Du musst ihm Welpenersatzmilch geben. Allerdings nicht irgendeine. Es gibt lediglich zwei, die geeignet sind«, erklärte sie und nannte mir die Produkte. »Beide sind natürlich kein vollwertiger Ersatz für Muttermilch, aber immer noch besser als Ziegenmilch. Besorg sie dir.«
»Und wo?«
»Entweder in einem Tierladen oder in der Apotheke.«
»Okay, und wie füttere ich diesen Mini-Igel? Mit einer Einwegspritze oder einem Babyfläschchen?«
»Mit der Einwegspritze. Pass bloß auf, dass er sich nicht verschluckt und dass keine Milch in die Atemwege gerät. Sonst kann er an einer Lungenentzündung sterben. Du musst ihm die Milch ganz langsam in den Mund träufeln und das Bäuchlein und die Geschlechtsteile massieren, um die Verdauung anzukurbeln. Genau das machen die Igelmütter nämlich – und du vertrittst jetzt seine Mama. Natürlich wirst du ihn nicht abschlecken.« Sie lachte. »Deshalb nimmst du ein weiches Stück Stoff oder besser noch ein Wattepad, tropfst etwas Mandelöl darauf, wickelst es um einen Finger und beginnst sanft den Bauch zu massieren. Das ist sehr wichtig, weil Igel in den ersten drei Lebenswochen ihren Kot und ihren Urin nicht spontan ausscheiden können und schnell an Verstopfung sterben.«
Giulia versorgte mich mit einer ganzen Reihe wertvoller Tipps. Es war das einzige Mal, dass wir direkt miteinander sprachen, danach schickten wir uns Mails oder schrieben SMS.
Nachdem ich mich von ihr verabschiedet hatte, suchte ich im Internet nach Tierhandlungen und Apotheken. Ich telefonierte sie alle durch, aber die Welpenersatzmilch, die mir Giulia genannt hatte, war nirgendwo aufzutreiben. Viele kannten die beiden Produkte nicht einmal. Schließlich trieb ich einen Händler in Florenz auf, der sie mir besorgen konnte, aber es würde bis zum folgenden Mittwoch dauern. Ich wurde unruhig.
»Geht es nicht schneller?«, drängte ich.
»Es ist Wochenende, die Bestellung wird erst Montagmorgen bearbeitet. Ich könnte sie per Kurier schicken, mehr ist nicht drin …«, antwortete er.
Es blieb also nichts anderes, als zu warten. In der Zwischenzeit würde ich mit Ziegenmilch weitermachen und die Dosis nach und nach etwas erhöhen. Zunächst nahm ich den Igel während der langen Mittagspause zu mir nach Hause mit.
Während ich Greta die ganze Geschichte erzählte, suchte sie nach einem Karton, polsterte ihn mit einem flauschigen Handtuch aus und setzte den Winzling behutsam hinein. Vorher wog ich ihn noch mal: fünfundzwanzig Gramm. Wenigstens hatte er nicht an Gewicht verloren. Dann legte ich eine Wärmflasche in sein neues Heim und wollte zusätzlich noch eine Decke über den Karton breiten, als Greta protestierte: »Das ist wirklich übertrieben, damit erstickst du ihn ja!«
Sie hatte recht, und wir wandten uns dem Problem der Fütterung zu. Ich nahm eine Butterfly-Kanüle, wie man sie für Infusionen braucht, und schnitt ein Stückchen Schlauch ab, eine Art klitzekleiner Sauger, eine Ersatzzitze, die ich auf die Einwegspritze setzte, und zog die Milch auf.
Giulia hatte mir erklärt, wie ich das Igelbaby beim Füttern halten musste. Ich bettete es mit dem Rücken in meine linke Hand und hielt es mit dem Daumen fest, sodass es die Vorderbeine ausstreckte und die Hinterbeine anzog. »Wie ein auf dem Rücken liegender Hund mit erhobenem Kopf, damit du dir das besser vorstellen kannst«, hatte sie gesagt.
Dann hielt ich den Igel rechts und links vorsichtig am Nacken, damit er sich nicht drehen konnte, und führte mit der rechten Hand die Spritze an sein Mäulchen. Ein Tropfen, er schluckte, wieder ein Tropfen. Nur gut aufpassen, dass er sich nicht verschluckte.
Ganz langsam schob ich den Kolben der Spritze nach vorne, damit nie mehr als 0,1 Milliliter heraustropfte. Für den Igel war es sicher nicht einfach, aus einem Gummisauger zu trinken anstatt an der Zitze seiner Mutter. Und für mich war es auch keine leichte Übung. Schließlich waren meine Hände an große Tiere und große Spritzen gewöhnt.
Die Fütterung dauerte gut zwanzig Minuten, unter Gretas kritischen Blicken massierte ich das winzige Kerlchen dann so, wie Giulia es mir erklärt hatte. Danach kehrte ich für die Nachmittagssprechstunde in Andreas Praxis zurück, versah dort meinen Dienst. Der Rest des Tages verging wie im Flug, denn immer wieder ging es flugs nach Hause, um den Winzling zu füttern. Während der Nacht stellte ich mir alle zwei, drei Stunden den Wecker.
Am Sonntagmorgen verspürte ich zu meiner Überraschung trotz Schlafmangels keine Müdigkeit – was ein kleiner Igel so alles erreichte. Ich duschte, fütterte den Kleinen noch einmal und fuhr in die Praxis. Mittags ging es wieder zurück zum neuerlichen Füttern und Wiegen.
Vierundzwanzig Gramm. Der Igel hatte trotz all meiner Bemühungen ein Gramm abgenommen. Ich war enttäuscht und entmutigt. Von diesem Moment an wog ich ihn vor und nach jeder Mahlzeit, besessen von der Angst, er könnte weiter abnehmen.
Ich fürchtete um sein Leben.
Die Nacht war wie alle folgenden chaotisch. Gegen drei riss mich der Wecker aus dem Schlaf, und als er um sechs schon wieder klingelte, hatte ich den Eindruck, gerade erst eingeschlafen zu sein. Und dann begann alles von Neuem: wiegen, füttern, wiegen, massieren, Wärmflasche. Zu gerne wäre ich wieder ins Bett gekrochen – aber es war Montag, und ich musste zu meiner eigentlichen Arbeit in einer Praxis für Großtiere. In diesen Tagen gab es viel zu tun. Aber wie sollte ich mich um eine gebärende Kuh kümmern – Rinder, speziell trächtige, waren mein Spezialgebiet –, wenn ich alle drei Stunden einen Igel füttern musste? Auf Greta konnte ich nicht bauen: Unter der Woche lebte sie nicht bei mir. Müde schleppte ich mich ins Bad, duschte kalt, um wach zu werden, zog mich hastig an und eilte aus dem Haus.
In der Praxis angekommen rief mich prompt ein Bauer an. Eine schwere Geburt stand bevor, und sein Hof lag mehrere Kilometer weit weg. Genau das, was ich befürchtet hatte. Ein Drama bahnte sich an.
4
Auf dem Hof angekommen war mir sofort klar, dass ich hier eine Weile zu tun haben würde und die Fütterungsintervalle des Igels unmöglich einhalten konnte.
Der Bauer hatte schon selbst versucht, der Kuh zu helfen, leider vergeblich. Das Kalb war zu groß, befand sich noch dazu in Steißlage. Für mich keine neue Situation, doch in diesem Fall war sie dramatisch, weil sich das Junge im Becken der Mutter verkeilt hatte. Ich tastete nach seinen Füßen, sie waren kalt und reglos. Vielleicht war das Kalb bereits tot, ich musste schnell reagieren, war hellwach.
Ich ließ mir Öl bringen, um den Geburtskanal geschmeidig zu machen und die Austreibung zu erleichtern. Unterstützt vom Bauern und zwei weiteren Helfern band ich die Hinterbeine des Kälbchens mit zwei festen Baumwollschnüren zusammen, an denen ein dickes Hanfseil befestigt wurde.
In einem verzweifelten Wettlauf gegen die Zeit gab ich Anweisungen: »Auf mein Zeichen hin zieht ihr am Seil, bis ich Stopp sage. Dann haltet ihr einfach fest. Erst auf mein Kommando zieht ihr noch mal.«
Der Eingriff begann. Mit den Wehen der Mutter gab ich meine Befehle, um den Geburtsverlauf zu unterstützen. Meine Helfer zogen, hielten an, zogen wieder. Manchmal gingen sie dabei zu Boden, rappelten sich sofort wieder auf, bemühten sich nach Kräften, aber es tat sich nichts. Die arme Kuh war erschöpft, genau wie wir. Trotzdem gab ich mich nicht geschlagen.
Ich drückte und schob und versuchte das Kälbchen zu drehen, fast gleichzeitig begann das Muttertier erneut zu pressen. »Zieht, zieht!«, schrie ich. Ein ploppendes Geräusch war zu hören, die Männer zogen weiter und fielen rücklings um. Das Kälbchen war geboren! Bloß vorerst konnte ich keine Entwarnung geben, denn das Neugeborene gab kein Lebenszeichen von sich, atmete nicht, wenngleich sein Herz schlug.
Ich spritzte ihm ein Medikament, hob es mit dem Kopf nach unten hoch, damit mehr Blut ins Gehirn strömte und der Schleim aus der Luftröhre fließen konnte. Dann bewegte ich kräftig seine Vorderläufe, um den Brustkorb zu weiten und die Atmung zu erleichtern. Alles vergeblich, das Kalb reagierte nicht. Daraufhin legte ich es auf den Boden, schrie nach kaltem Wasser und goss es ihm über Ohren und Kopf. Und als es nach wie vor nicht reagierte, versuchte ich es mit Mund-zu-Nasen-Beatmung. Dabei blies ich in das eine Nasenloch des Kälbchens, das andere hielt ich zu, damit sich die Lunge dehnte.
Nichts half.
Erschöpft ließ ich mich zu Boden sinken. Niemand bewegte sich, im Angesicht des Todes hielten alle den Kopf gesenkt. Doch kurz darauf wurde die fast andächtige Stille von einem Röcheln unterbrochen. Ein Geräusch, das ich nur zu gut kannte. Wie elektrisiert fuhr ich herum.
Das Kälbchen hatte geschnauft. Es lebte! Ich setzte die Reanimationsmaßnahmen fort, bis es regelmäßig atmete. Dann brachten wir es zu seiner Mutter, die es liebevoll abschleckte. Ihr Kind war gerettet. Doch ich hatte keine Zeit für Gefühle, obwohl mir ein solches Ereignis selbst nach zwanzig Jahren Berufserfahrung ans Herz ging. Ich musste meinen Igel versorgen, es war ein wenig über der Zeit. Der Kleine schlief. Als ich ihn in die Hand nahm, um ihm Milch zu geben, klingelte das Telefon: »Alles gut, Doktor! Das Kälbchen trinkt«, rief der Bauer in den Hörer.
So war das Leben: Im gleichen Augenblick, in dem ich einem Fünfundzwanzig-Gramm-Igel tröpfchenweise Ziegenmilch einträufelte, säugte eine Mutterkuh ihr Vierzig-Kilo-Kälbchen.
Ich war rundum glücklich.
Zwei hektische Tage lang pendelte ich ständig zwischen Igel und trächtigen Kühen und konnte trotzdem den Dreistundenrhythmus höchst selten einhalten. Deshalb hielt ich mich wenigstens nachts daran und schlief lieber weniger.
Innerhalb von ein paar Tagen hatte sich mein Äußeres komplett verändert. Ich sah fast schon ungepflegt aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Was mich aber nicht störte.
Tante Marilena, eine Cousine väterlicherseits, war eine der wenigen, die mein Dilemma durchschauten. Eine kluge und vernünftige Frau, die zeit ihres Lebens eine große Rolle in meinem Leben gespielt hat, sie gab mir Ratschläge, machte mir Verhaltensmuster bewusst und half mir, mich anzunehmen wie ich war. Wenngleich sie unter einer schweren Skoliose litt, trug sie ihre Behinderung mit Fassung. Für sie waren andere Dinge im Leben wichtig.
»Massimo, du bist ein Narzisst«, sagte sie einmal, »aber das dient nur dazu, deine Unsicherheit zu vertuschen. Du flüchtest dich in Äußerlichkeiten und versteckst dich dahinter. Nur hinter deiner glänzenden Fassade fühlst du dich sicher, dabei hast du viel mehr zu bieten – und wenn ich das sage, kannst du mir das ruhig glauben.«
Ob sie recht hatte?
Hinter meinen mehr oder minder verborgenen Sorgen und Ängsten steckte nicht allein das Kindheitstrauma, verlassen zu werden, auch der Leistungsdruck vonseiten meines Vaters hat mich verunsichert. Er stachelte mich an, oft mit beißendem Spott. Nicht um mich zu verletzen, sondern um mich zu motivieren, mir Mut zu machen, mir zu zeigen, dass er Vertrauen in meine Fähigkeiten hatte – aber er erreichte das Gegenteil. Ich entwickelte kein Selbstbewusstsein, sondern Minderwertigkeitskomplexe. Wahrscheinlich war er sich dessen nicht bewusst und begriff nicht, dass ein Kind vieles anders wahrnimmt.
Mein Vater ist übrigens ein Hypochonder geblieben, den man immer wieder aufheitern muss. »Papa, hör auf damit, dich krank zu reden«, beschwöre ich ihn dann. »Du bist inzwischen fast siebzig, dabei glaubtest du dein Leben lang, früh zu sterben. Erst mit dreißig und vierzig, dann mit fünfzig. Wie du siehst, lebst du nach wie vor! Also genieß dein Alter und zerbrich dir nicht den Kopf über unsinnige Dinge.«
Für mich hilfreicher war jedenfalls Tante Marilena. »Vertrau auf das Positive in dir«, riet sie mir mehr als einmal.
»Da finde ich nichts.«
»Das stimmt nicht! Du bist zum Beispiel empfindsam. Und vergiss eines nicht: Mach niemals etwas, um jemand anderem zu gefallen. Tu nur das, was dir selbst guttut.«
Es kam mir vor, als würde Marilena mich an die Hand nehmen und mir die Richtung weisen.