Auch zur Erinnerung an

 

Maria Steinleitner

(* 1889 in Tegernsee, † 1964 in Lindenberg)

und

Gabriele Fauser

(* 1948 in Bochum, † 2008 in München)

Prolog

Es war bereits April, doch die Wiesen waren noch weiß. Nur im Wald waren einige Stellen schon schneefrei; sumpfig, nass und weich der Boden.

Der Mann wischte ein Stück der eingeschneiten Bank am Waldrand frei, legte den Rucksack darauf und setzte sich. Der Platz befand sich etwas oberhalb der Stadt Tegernsee, auf halber Höhe des Leebergs, sodass der Mann den See gut sehen konnte. Die glatte Wasserfläche glitzerte.

Der Mann hatte noch nie in seinem Leben jemandem etwas zuleide getan, geschweige denn daran gedacht, einen anderen Menschen zu töten. Doch nun hatte seine Vernunft entschieden: Es musste sein. Dabei sagte ihm sein Bauchgefühl, dass es falsch war. Eindeutig falsch. Die Sache konnte nicht gut gehen. Konnte sie gut gehen?

Soweit er wusste, wurden Mörder fast immer erwischt. In der Zeitung hatte er einmal von einer sechsundneunzigprozentigen Aufklärungsquote gelesen. Das war natürlich niederschmetternd. Aber die Wirtschaftskrise bedrohte ihn und seine Familie, und er hatte es in der Hand, sie alle zu retten. So war es ihm gesagt worden. Und wenn er darüber nachdachte, wusste er auch, dass es ging. Letztlich musste er nur diese eine Sache erledigen: Jemanden umbringen. Wie sich das anhörte, jemanden umbringen!

Die Person, die er töten sollte, war unbedeutend, er kannte sie nur vom Sehen, da bestand keine wie auch immer geartete Verbindung. Nur, einen Menschen umzubringen, das ist etwas, das man eigentlich nicht tun will, nicht tun kann – also jedenfalls, wenn man halbwegs normal ist. Warum dieser Mann sterben musste, wusste er nicht. Dahinten hörte er ihn, wie er mit dem Traktor auf dem Weg in den Wald war, von dem aus man den auf der anderen Seite des Sees liegenden Wallberg sehen konnte. Der Mann würde heute Holz machen wollen, Birken, Buchen, Fichten in meterlange Stücke zersägen. Aber wenn alles glattlief, würde der Mann in seinem Leben keinen Baum mehr fällen.

Teil 1

Es war gegen achtzehn Uhr gewesen. Kurt Nonnenmacher hatte gerade die Brotzeitdose geschüttelt, um zu überprüfen, ob die Gelben Rüben, die ihm seine Frau am Morgen in bester Absicht eingepackt hatte – Gelbe Rüben wirken stuhlanreichernd –, mittlerweile nicht wie von Zauberhand verschwunden waren. Leider nicht. Daher hatte er die lächerliche rote Plastikbox, die jetzt, da diese Neue in die Polizeidienststelle kommen würde, aus Gründen des guten Stils unbedingt ersetzt werden musste, geöffnet und die Gelben Rüben in den Papierkorb befördert; dann hatte er das Behältnis wieder geschlossen und in seine Aktentasche gesteckt, um sich anschließend auf den Boden zu knien und die Gelben Rüben wieder aus dem Abfall herauszufischen. Weil man Essen nicht wegwerfen darf! Das hatte ihm schon seine Urgroßmutter beigebracht, die Bäuerin gewesen war, und die hatte nicht nur eine Krise überlebt. Vielleicht konnte er die Rüben ja dem Bauern Nagel seiner Frau geben, die haben Hasen, die freuen sich, dachte er. Aber er, Nonnenmacher, Dienststellenleiter der Polizei in Bad Wiessee, war nun mal kein Hase, sondern ein Mann, wenngleich einer mit nervösem Magen.

Während er diesen Gedanken nachhing, klingelte das Telefon. Nonnenmacher zog kurz in Erwägung, es durchklingeln zu lassen, denn sein Dienst war für heute vorbei, der Sepp war dran.

Aber Nonnenmacher mochte seinen Beruf, und der Sepp war, das sah er durchs Bürofenster, draußen auf dem Parkplatz, um Frostschutzflüssigkeit nachzufüllen. Und es war ja ziemlich unwahrscheinlich, dass jetzt am Abend noch etwas Wichtiges passieren würde. Am Tegernsee war die Welt im Großen und Ganzen noch in Ordnung, sah man einmal von dem Mord an der Gattin des Musikprofessors aus Gmund ab (der Akademiker selbst war es gewesen), der vor einigen Monaten – oder waren es Jahre? – die Region erschüttert hatte. Aber sogar dieses schwere Verbrechen hatte man ja recht schnell aufgeklärt. Sonst war hier im Tal verbrechensmäßig wenig los, gerade abends, und deshalb konnte Nonnenmacher jetzt getrost den Hörer abnehmen.

»Polizeiinspektion Wiessee, Nonnenmacher.«

»Kurt, ich bin’s, die Evi. Der Ferdl ist weg.«

Die Alteingesessenen am Tegernsee kannte Nonnenmacher praktisch alle, obwohl allein die Stadt Tegernsee rund viertausend Einwohner zählte und die anderen Seegemeinden, also Gmund, Bad Wiessee und Rottach-Egern, sogar noch mehr. Aber Nonnenmacher machte den Job jetzt schon seit vierzehn Jahren. Und er war vor vierundfünfzig Jahren selbst in Tegernsee geboren worden und dann zur Schule gegangen; hatte in seinem Leben zahllose Wald-, Wein- und Seefeste erlebt sowie unzählige Schlosskonzerte und Hoagaschten, wie man hier die Stubenmusikabende nannte, wie auch viele vom würzigen Tegernseer Hellen beflügelte Blasmusiktage und immerhin einige Heißluftballon-Montgolfiaden. Die Oldtimertreffen fand er ein bisschen »schickimicki« – wer konnte sich in der heutigen Zeit schon so eine alte, aufpolierte Blechkarosse leisten? –, und auf die Märkte musste er wegen seiner Frau. Das war nicht so sein Ding, aber da traf man natürlich auch alles, was Rang und Namen hatte in der Region. Es war also sonnenklar, dass die besorgte Evi am Telefon die Evi Fichtner aus Tegernsee war und der Ferdl, der jetzt auf einmal verschwunden sein sollte, ihr Mann, der Ferdinand Fichtner; von Beruf Bauer, nicht unbeliebt im Dorf, auch wegen seines unspektakulären Lebenswandels, seiner selten ruhigen Art; ein echter urbayerischer Tegernseer eben, so wie der Nonnenmacher Kurt selbst.

Leicht genervt fragte Nonnenmacher: »Was ist mit dem Ferdl?«

»Der ist heute Morgen ins Holz zum Leeberg rauf, und zum Mittag wollt’ er wieder da sein, war er aber nicht. Und jetzt ist’s schon sechs Uhr vorbei, und er ist immer noch nicht da.«

»Ja hast schon mal ins Holz geschaut, ob er da vielleicht noch ist?«, fragte Nonnenmacher etwas unwirsch. Denn es war nun nicht nur schon sechs vorbei, sondern schon dreizehn Minuten nach sechs, und eigentlich war das jetzt längst schon dem Sepp seine Schicht. Ehe Evi Fichtner antworten konnte, schob er deshalb noch hinterher: »Der wird vermutlich im Bräustüberl sitzen.«

»Ich mach’ mir halt Sorgen«, entgegnete sie.

»Dann schau jetzt erst einmal nach, ob er nicht im Bräustüberl ist, und dann sehen wir weiter. Aus Tegernsee ist schließlich noch keiner nicht verschwunden. Und wenn er nicht im Bräustüberl ist, dann kannst du dich noch einmal bei uns rühren. Der Sepp hat heute Dienst, der kümmert sich dann gern um die Sache, falls noch etwas sein sollte.«

Bevor Nonnenmacher die Dienststelle verließ, überprüfte er mit kritischem Blick seinen Arbeitsplatz und rückte noch schnell ein paar Zimmerpflanzen zurecht – Schusterpalme, Drachenbaum, Zimmertanne. Dann instruierte er seinen jüngeren Kollegen Sepp Kastner, der gerade hereinkam, der Putzfrau zu sagen, dass sie heute besonders ordentlich putzen solle, gerade auch die Damentoilette, da morgen um vierzehn Uhr die Neue komme. Dabei versuchte Nonnenmacher möglichst beiläufig über die Neue zu sprechen, was ihm gar nicht leichtfiel, weil er schon ein Foto von dieser Anne Loop gesehen hatte; und wenn die nur halb so gut aussah wie auf dem Bild in der Personalakte, dann würde das eine aufregende Zeit werden am Tegernsee.

Dem Sepp hatte er das Foto nicht gezeigt. Der war sechsunddreißig und alleinstehend, also praktisch vierundzwanzig Stunden am Tag auf Frauensuche, und Nonnenmacher war sich nicht sicher, ob der Sepp sich würde zurückhalten können bei einer so gut gewachsenen Frau. Was ihn selbst anging, hatte Nonnenmacher da keine Bedenken, er war ja schon sehr lange mit seiner Frau verheiratet und erfahren genug, jeglicher Versuchung zu widerstehen. Glaubte er.

Die Sache mit dem Ferdl erwähnte er dem Sepp gegenüber gar nicht erst, der Ferdl bestellte sich wahrscheinlich sowieso gerade das dritte Tegernseer Helle und war weit davon entfernt, ein amtlicher Vermisstenfall zu werden.

Für Anne Loop lief die ganze Sache unter dem Arbeitstitel »Experiment«. Natürlich hatte sie sich um die Stelle in Bad Wiessee beworben, natürlich war die Initialzündung für diese Landpartie von ihr selbst ausgegangen, aber sicher war sie sich nicht, ob das mit ihr und dem Land gut gehen würde. Ihre Beurteilungen an der Polizeischule waren hervorragend gewesen, und sie hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in den meisten anderen Regionen Bayerns eine Stelle gefunden, vor allem in den für Polizisten wegen der hohen Lebenshaltungskosten unattraktiven Metropolen München, Augsburg, Nürnberg und wie sie alle hießen. Aber sie wollte das mit dem Land jetzt einmal ausprobieren – auch ihrer Tochter zuliebe. Lisa sollte dieselbe Chance auf eine normale Kindheit haben wie sie, Anne, auch wenn diese dann so plötzlich hatte enden müssen. Außerdem schien alles wunderbar zu passen: Man hatte ihnen sofort einen Kindergartenplatz zugesagt, und Lisa konnte noch in diesem Jahr in Tegernsee eingeschult werden. Dass sie erst einmal in dem kleinen Tegernseer Ferienhaus der Eltern von Bernhard, ihrem »Freund«, wie sie sagte – korrekt wäre wohl die Bezeichnung »Lebensabschnittsgefährte« gewesen –, wohnen konnten, war natürlich auch ein Argument für das »Experiment« gewesen. Er konnte weiter an seiner Doktorarbeit schreiben und sollte den Haushalt führen. So war das ausgemacht. Mal sehen, ob dieses Modell funktionieren würde.

»Mama, darf ich zum See?«, wurde Anne von ihrer Tochter in ihren Gedanken unterbrochen.

»Allein?«

»Ja, wieso denn nicht?« Lisa schaute sie verdutzt an.

»Bernhard, meinst du, sie kann da schon allein hin? Ist das nicht ein bisschen gefährlich, wo es noch halb Winter ist? Außerdem schneit es doch so stark, Lisa. Da wirst du patschnass. Ist der See eigentlich zugefroren, Bernhard?«

Bernhard schleppte gerade eine Umzugskiste in den Raum, der sein Arbeitszimmer werden sollte. Mal sehen, ob es ihm hier gelingen würde, endlich seine Doktorarbeit über die Philosophie der Verantwortung zu Ende zu bringen, die seit acht Jahren sein Leben blockierte.

»Lisa, warte kurz, ich trage noch schnell diese Kiste rein, dann haben wir es sowieso schon.« Zu Anne gewandt, die gerade in der Küche herumräumte, meinte er: »Mann, bin ich froh, dass wir hier nicht auch noch neue Möbel reinschleppen müssen!«

»Na ja, also ich bin mir nicht so sicher, ob ich mich in der cremefarbenen Wohnwelt deiner Mutter auf Dauer wohlfühlen werde. Hat sie diese Edelstahllampen eigentlich aus einem Raumschiff rausgeklaut? Ich möchte dann auf die Dauer eigentlich schon was Eigenes für uns suchen.«

»Jaja, jetzt warte erst einmal ab, ob du in der hiesigen Dienststelle überhaupt mit den Leuten klarkommst. Vielleicht ziehen wir eh in einem halben Jahr schon wieder um.«

»Das werden wir sicher nicht tun. Wir werden Lisa doch nicht mitten im Schuljahr aus der Schule reißen!« Anne trat von der Küche in den Hausflur. »Aber diese fürchterlich altbackene Kommode, Bernhard, die muss möglichst bald raus.«

»Komm, Anne, wir haben wichtigere Probleme. Jetzt lass doch meine Eltern erst einmal herkommen, dann können sie sehen, dass wir hier nicht alles total verändern. Die sollen den Eindruck haben, dass wir uns hier in den von ihnen gestalteten Räumen wohlfühlen. Wir sollten da wirklich behutsam vorgehen, finde ich.«

»Bernhard, wann kommst du endlich, ich will zum See!«

»Gleich, Lisa.« Zu Anne gewandt, meinte er: »Ich habe mich übrigens ein bisschen umgehört: Der Nonnenmacher und der Kastner von der Dienststelle sind wohl wirklich nett. Der Nonnenmacher ist auch von hier, der macht das schon seit Jahren. Und vielleicht«, er versuchte zu lächeln, »wirst du es sogar ein bisschen genießen, dass es hier weniger Verbrechen gibt als anderswo.«

»Und mich schon mal auf meine Pensionierung vorbereiten, was?«

»Nein, aber dann können wir uns endlich mehr auf unser Privatleben konzentrieren.«

»Wo du ja so einen Stress hast, mit deiner Doktorarbeit«, höhnte Anne, obwohl sie dies eigentlich gar nicht hatte sagen wollen, doch sie war einfach zu müde von den Strapazen des Umzugs.

»Anne, du weißt, dass ich solche Sprüche nicht mag«, wies Bernhard sie zurecht, um dann versöhnlich fortzufahren: »Stell dir nur vor, wie wir im Sommer auf dem See rudern und mountainbiken gehen, das wird super! Man kann hier wirklich schön leben.«

»Ist ja gut.« Anne wollte nicht streiten, schon gar nicht mit ihm.

»Bernhard, wenn du jetzt nicht kommst, dann geh’ ich allein!«

Lisa stand schon auf der Terrasse, von der aus man einen herrlichen Blick auf Rottach-Egern hatte, das auf der anderen Seite der Bucht lag. Bis zum See waren es nur wenige Meter. Er war nicht zugefroren, denn das kam nur alle paar Lichtjahre vor.

Kurt Nonnenmacher konnte es nicht leiden, wenn man ihn dienstlich zu Hause anrief. Bei aller Liebe zu seinem Beruf, fand er, auch ein Polizist und Dienststellenleiter hat einen Anspruch auf seinen Feierabend. Wütend nahm er das Funktelefon aus der Hand seiner Frau entgegen, die neugierig den Worten ihres Mannes lauschte.

»Sepp, was willst du? Ich habe Feierabend! … Wenn der nicht im Bräustüberl ist, dann wird er halt beim Schandl, in der Ostiner Stuben, beim Zotzn oder was weiß ich wo sitzen. Haben’s im Wald schon geschaut? … Ob sie im Wald schon geschaut haben? … Dann sollen’s halt erst einmal im Wald nachschauen. Der Ferdl ist ein erwachsener Mann. Der darf mal einen Abend nicht nach Haus kommen. Das ist noch kein Verbrechen … Dann haben’s halt nicht genau genug geschaut. – Und was ist mit seinem Handy? … Sag ihnen Folgendes: Die Buben vom Ferdl sollen jetzt noch einmal zum Leeberg raufschauen, und wenn sie ihn da nicht finden, dann sollen die sich alle erst einmal hinlegen und eine Nacht drüber schlafen. Der ist wahrscheinlich bloß auf Sauftour. Und falls er morgen noch nicht da ist, dann machen wir eine Suchaktion, und wenn da nix rauskommt, eine Fahndung. Aber jetzt ist das noch zu früh.«

Mitten in der Nacht wachte Anne auf. Hörte Poltern. Wo war sie?

»Bernhard?«

Im Dunkeln tastete sie nach ihrem Freund. Drückte sanft seinen Arm. Es war kurz nach vier.

»Bernhard, hörst du das?«

»Was?«, fragte dieser verschlafen.

»Da läuft jemand auf dem Dachboden rum.«

Beide lauschten. Die tapsenden Geräusche verebbten. Dann: ein Schaben, Scharren, Kratzen.

Annes Herz schlug schneller. Anschließend ertönte erneut das Geräusch. Es klang tatsächlich, als liefe jemand über die Dachbodendielen des alten Hauses.

»Meinst du, da wohnt heimlich jemand? Wie kommt man eigentlich auf den Dachboden?«

»Das ist ein Tier«, sagte Bernhard.

»Was bitte für ein Tier?«, wollte Anne leicht gereizt wissen.

»Ein Marder oder eine Katze oder …« Ein lauter Knall war zu hören. Bernhards Gesichtshaut schimmerte grau in dem nicht ganz dunklen Zimmer.

»Ein Tier, Bernhard?«

»Das war jetzt ein Fensterladen.«

»Erst ein Tier, Bernhard, und jetzt ein Fensterladen?«

Bernhard stand auf und schob den Vorhang beiseite. Draußen tobte ein Schneesturm. Die Bäume im Garten schwankten hin und her, trotz der Dunkelheit war alles weiß, auch die Luft, der Himmel. See und Horizont gingen stufenlos ineinander über.

»Das ist der Wind, Anne, und vielleicht ein Tier.«

»Willst du nicht mal nachsehen?«

»Na hör mal, du bist doch die Polizistin!«

»Aber es ist dein Haus, Bernhard, du kennst dich hier aus. Ich finde das unheimlich.«

Bernhard schnaufte kurz, stand auf, holte mit den nackten Füßen seine Schlappen unter dem Bett hervor und schluppte nach draußen in den Flur. Dort war das Geräusch zwar leiser, aber dennoch zu hören. Anne blieb allein im Zimmer zurück. Jetzt vernahm sie nur noch das Schlagen des Fensterladens.

Bernhard stieg die knarzende Holztreppe zum Erdgeschoss hinunter, ging erst zur Haustür, um zu überprüfen, ob sie abgesperrt war, dann in die Küche, sah aus dem Fenster und warf einen Blick ins Wohnzimmer, stieg wieder nach oben, öffnete vorsichtig die Tür zu Lisas Zimmer und sah, dass sie ruhig schlief. Alles normal, bis auf das Geräusch vom Dachboden.

»Alles okay«, sagte er, nachdem er sich wieder zu Anne ins Bett gelegt hatte. »Was das genau ist auf dem Dachboden, werden wir morgen herausfinden.«

Anne konnte nicht mehr einschlafen, dämmerte nur noch vor sich hin. Das Poltern blieb. Konnte es wirklich sein, dass da jemand auf dem Dachboden wohnte? War es die richtige Entscheidung gewesen, aufs Land zu ziehen? Als Lisa um halb sieben an ihrem Bett stand, fühlte sie sich wie gerädert. Beste Voraussetzungen für einen ersten Arbeitstag.

»Mama, es hat die ganze Nacht geschneit, schau mal raus, wie toll das aussieht!«

Müde stand Anne auf und folgte ihrer Tochter ans Fenster.

Sie musste doch eingeschlafen sein, denn draußen war schönstes Wetter, kein Sturm mehr, und der Schnee glitzerte in der Sonne.

»Darf ich meine neue rosa Schneehose in den Kindergarten anziehen? Und das gestreifte Kleid?«

»Klar, darfst du.«

Um 13.57 Uhr stand Anne vor ihrer neuen Arbeitsstelle, Polizeiinspektion Bad Wiessee, Hügelweg 1, gelbes Haus, komische Jalousien. Nicht schön, nicht hässlich, funktional, eine Polizeidienststelle eben.

Anne hatte Lisa gemeinsam mit Bernhard in den Kindergarten gebracht und dann noch ein wenig im Haus herumgeräumt. Dabei hatte sie durch die Wohnzimmerfenster immer wieder auf den See und die dahinter liegenden majestätischen Berge geblickt. Sie war nachdenklich gestimmt. Erlebte man nicht überall ab und an schlaflose Nächte? Vielleicht war das hier ja doch der richtige Ort, um in ein neues Leben zu starten.

Sie sog noch einmal tief die frische Luft ein, dann betrat sie das Gebäude.

An der Empfangstheke wurde sie von einem Uniformierten nach oben in den ersten Stock geschickt, wo der Dienststellenleiter sein Büro hatte. Dort angekommen, klopfte sie kurz und trat nach einem vernehmlichen »Ja, bitte?« ein.

Der Raum, in dem ein bärtiger Mann saß, roch ein wenig muffig, ungelüftet.

Der Bärtige blickte nur kurz auf, sagte: »Grüß Gott, nehmen Sie Platz, ich muss das noch schnell fertigschreiben« und fuhr fort, mit zwei Fingern den nicht mehr ganz neuen Computer zu bearbeiten.

Anne hatte also Zeit, sich umzusehen, und erblickte Grünpflanzen, Büromöbel, ein Telefon, ein Schwarzes Brett mit Telefonnummern und Dienstplänen, einen Kalender mit Bergfotos, auf dem noch das Januarblatt zu erkennen war.

»So, jetzt hab’ ich’s«, sagte der Mann und sprang auf. »Grüß Gott, Frau Loop, ich bin der Nonnenmacher Kurt, Dienststellenleiter hier, entschuldigen Sie, dass es jetzt noch einen Moment gedauert hat, aber wir hatten heute schon einen Selbstmord, und das haben wir nicht alle Tage.« So cool hatte er das eigentlich nicht sagen wollen, das war ihm im Bann dieser schönen Frau jetzt einfach so herausgerutscht.

»Ein Selbstmord?«, fragte Anne überrascht und vergaß dabei völlig, ihren neuen Chef zu begrüßen.

»Jaja, leider auch noch ein – ich sage jetzt mal – Ureinwohner. Der Ferdl ist ein g’standener Bauer, hier aufgewachsen, es ist an sich unerklärlich, dass sich so einer umbringt, aber …«

Nonnenmacher dachte nach, sodass eine Pause entstand, in die Anne hineinfragen konnte, wann sich zuletzt jemand in Tegernsee das Leben genommen habe.

»Hier, ja mei, also hier bringt man sich an sich nicht um. Wissen Sie, der Tegernsee, das ist quasi …«, Nonnenmacher suchte nach den richtigen Worten, »… das Paradies auf Erden. Hier ist die Welt noch in Ordnung, und keiner hat einen Grund, sich umzubringen.«

»Und wie hat der Mann sich umgebracht?«, fragte Anne interessiert.

»Aufgehängt.« Nonnenmacher wurde dieses Gespräch etwas lästig, auch wegen der vielen Fragerei, und weil die Neue durch diesen Start ja einen völlig falschen Eindruck vom Alltag hier bekommen konnte. Deshalb meinte er: »Aber soll ich Ihnen nicht erst einmal unsere Polizeidienststelle zeigen? Sie bekommen natürlich einen eigenen Schreibtisch mit Telefon und PC, wir sind hier in der Ermittlungsgruppe ja nur zu dritt – und ich selbst bin nebenbei auch noch Dienststellenleiter und von dem her nur halb für die Ermittlungen einsetzbar, weil ich eben einiges an Verwaltungsarbeit zu tun hab’.«

Nonnenmacher führte Anne in den Nebenraum.

»Das ist der Kastner Sepp – Sepp, das ist die Frau Loop, die heute bei uns anfängt.«

Etwas zu abrupt stand der Angesprochene auf, eine Akte rutschte vom Tisch, Blätter flogen auf. Die Hand, die er Anne zur Begrüßung reichte, war feucht. Kastner war aufgeregt, das sah man.

»Grüß Gott, Frau Loop«, sagte Kastner und starrte Anne an.

»Guten Tag, Herr Kastner«, sagte Anne und musterte den blonden Kollegen mit der breiten Nase. Dann befreite sie ihre Hand aus seinem Griff, da er keine Anstalten machte, sie loszulassen. »Freut mich, Sie kennenzulernen.« Und das stimmte wirklich.

»Ja, und das wär’ Ihr neues Zuhause hier«, schaltete sich Nonnenmacher dazwischen, indem er auf den Platz gegenüber Sepp Kastners Tisch wies. Natürlich war ihm nicht entgangen, dass Kastner bei Anne Loops Anblick beinahe die Augen aus den Höhlen fielen. »Sie können sich hier ausbreiten, wie Sie wollen. Wir wollen, dass Sie sich hier wohlfühlen, quasi wie daheim.«

Sepp Kastner lachte etwas unbeholfen über Nonnenmachers »Scherz«, während Anne nur schmunzelte. Das Ganze war ein bisschen verkrampft, aber ihr Gefühl sagte ihr, dass die zwei ihr nichts Böses wollten. Mit den beiden würde sie schon klarkommen.

»So, dann zeige ich Ihnen noch den Rest unserer Inspektion.«

»Das kann ich auch machen«, stieß Sepp Kastner hastig und unsouverän hervor.

»Nein, nein, das mach’ ich schon, Seppi«, sagte Nonnenmacher und stellte mit dem verkleinernden »i« die Hierarchie klar. »Halt du die Stellung am Telefon. Wer weiß, was heut noch alles für Untatenmeldungen hereinschneien, wenn die Frau Loop bei uns anfängt.« Wieder war Kastner der Einzige, der lachte.

Nonnenmacher führte Anne zurück ins Erdgeschoss, zeigte ihr erst den Vorraum mit der Empfangstheke, den sie schon kannte, dann das direkt dahinter liegende Dienstgruppenleiterzimmer mit den Einsatzcomputern und den Funkgeräten sowie die Vernehmungsräume, um sie anschließend wieder in den ersten Stock und in sein Büro zu führen.

»So, jetza, und das ist mein kleines Reich. Aber Sie können immer hereinkommen, also auch ohne Anklopfen. Die Tür soll aber immer zu sein, weil auf dem Gang auch mal was los ist, wenn ein Trupp Illegale, oder was weiß ich, vernommen werden oder ein paar aufg’scheuchte Touristen, wo das Fahrrad oder das Surfbrett weggekommen ist, und da wird man dann dauernd gestört. Aber wir Kollegen im Ermittlungsdienst, also der Sepp und ich und Sie jetzt auch, wir tun praktisch so, als wäre die Tür immer offen.« Nonnenmacher tippte sich mit dem Zeigefinger auf den Kopf, um zu zeigen, dass dies ein normaler Akt der Phantasie sei.

»Ach, Sie haben Kinder?«, stellte Anne fest, als sie die Familienfotos auf Nonnenmachers Schreibtisch erblickte.

»Ja, zwei, und eine Frau.«

»Na, da haben Sie ja was zu tun.«

»Jaja«, lachte Nonnenmacher. »Kinder machen Arbeit, aber auch Freude, das werden Sie auch noch sehen, wenn Sie einmal welche haben.«

»Ich habe eine Tochter.«

»Sie haben eine Tochter?« Nonnenmacher war überrascht. »Aber in Ihrer Personalakte steht, dass Sie …«

»… ledig sind?«, ergänzte Anne lächelnd. »Schwanger werden geht ja bekanntlich trotzdem«, sagte sie anzüglicher als beabsichtigt. »Lisa ist fünf und geht seit heute in den Kindergarten in Tegernsee.«

»Ach so«, sagte Nonnenmacher und beschloss, vorerst nicht tiefer in diese Thematik einzudringen. Letztlich ging ihn das Privatleben seiner Mitarbeiter nichts an. Stattdessen wechselte er etwas ungeschickt in einen sachlicheren Ton.

»Nun denn, unser Revier, also unsere Zuständigkeiten und Örtlichkeiten, werden Sie dann im Lauf der Zeit noch kennenlernen. Jedenfalls sind wir für die Sicherheit von insgesamt dreißigtausend Menschen und zahlreichen Urlaubsgästen in Tegernsee, Wiessee, Kreuth, Rottach-Egern, Gmund und Waakirchen zuständig. Das klingt viel, aber das Angenehme hier ist ja, dass bei uns außer Verkehrsunfällen, Kaufhausdiebstählen und Sachbeschädigungen an sich nicht viel passiert. Man kann also sagen, dass wir eine … häm«, er räusperte sich, »ruhige Kugel schieben, wenn man so will. Deswegen überlege ich jetzt auch gerade, was Sie eigentlich heute noch machen könnten, damit Ihnen der Start bei uns auch Spaß macht …«

»Was ist denn mit der Selbstmordakte?«, fragte Anne forsch.

»Ach die, ja die … die ist geschlossen.«

»Dürfte ich da, wenn also gerade nichts Wichtigeres anliegt, also dürfte ich da vielleicht einmal einen Blick hineinwerfen, vor allem, weil es um einen Ureinwohner von Tegernsee geht?«

»Ja klar können Sie das, bloß, ich sage Ihnen gleich, viel zu holen ist da nicht. Ich war heute Vormittag selbst vor Ort, der Arzt war auch da. Der Ferdl hat sich aufgehängt, fertig aus. Schrecklich für die Familie, traurig für mich, nicht gut für unsern See, aber leider wahr. Hat er halt nicht mehr wollen, der Ferdl.« Nonnenmacher zuckte ratlos mit den Schultern.

Draußen donnerte ein Traktor vorbei. Die beiden gingen zurück in den Empfangsraum. Nonnenmacher nahm noch ein Blatt aus dem Drucker und steckte es in die Akte, die er dann Anne in die Hand drückte.

»Ach so, und die Damentoilette ist dahinten, und im Keller sind noch der Fitnessraum und die Umkleiden – Frauen und Männer natürlich getrennt. Und falls Sie mal jemanden festnehmen, dann gibt’s da auch noch zwei Arrestzellen. Die brauchen wir auch manchmal, bei dem ein oder anderen Waldfest gibt’s schon mal ein paar Besoffene, die wir dann vor sich selbst schützen müssen.«

Anne nahm die Akte und ging in ihr neues Büro, in dem Sepp Kastner noch immer in den Computer tippte, Zeigefinger linke Hand, Zeigefinger rechte Hand, Daumen rechte Hand.

»So, ja, das ist schön, dass Sie jetzt da sind«, sagte Kastner geschäftig. »Und schon gleich ein echter Kriminalfall, he?« Er deutete mit dem Zeigefinger seiner blassen rechten Hand auf die Akte in Annes Hand.

»Ja, der Selbstmord«, antwortete Anne ernst.

»Ach so, ja, das ist schon schade. Der Kurt, also der Herr Nonnenmacher, kennt den Ferdl – äh – hat den Ferdl ja auch gekannt. Seine Frau hat gestern Abend noch hier angerufen und gesagt, dass er, also der Ferdl, nicht nach Hause gekommen ist.«

»Und Sie haben dann gleich eine Fahndung ausgelöst.«

»Nein, der Kurt, also der, äh, Herr Nonnenmacher, hatte schon Feierabend und entschieden, dass man eine Nacht zuwartet.«

»Und Sie?«

»Und ich habe dann auch zugewartet, der Kurt, also der Herr Nonnenmacher, ist ja auch mein, also unser, Chef, selbst wenn er gerade Feierabend hat. Und ich hatte ja hier die Spätschicht und war allein, konnte also sowieso nicht weg. Einer muss am Telefon sein, falls es einen Streit gibt oder Ruhestörung.«

»Aber sind denn nicht rund um die Uhr Kollegen auf Streife?«

»Doch, klar, die vom Schichtdienst halt, aber … also, die mussten nach Gmund, weil da Jugendliche bei der Statue von dem Schriftsteller herumrandaliert haben.«

»Thomas Mann?«

»Ja, irgendein Mann, der Bücher schrieb. Der steht da so am Ufer mit einem Hund, ich glaub’, aus Eisen oder Bronze.«

Anne merkte, dass sich Kastner im Verlauf des Gesprächs zunehmend unwohl fühlte, und so verwunderte es sie nicht, als er plötzlich aufsprang und rief: »Herrschaftszeiten, da fällt mir was ein!«

Für Anne hörte sich das etwas geschauspielert an, aber wenn Kastner nicht im Zimmer war, konnte sie wenigstens in Ruhe die Akte durchsehen.

Kastner stapfte auf den Flur und sofort weiter in Nonnenmachers Zimmer.

»Die geht ja ganz schön ran«, flüsterte er mit rotem Kopf Nonnenmacher aufgeregt zu. Der dagegen saß ruhig hinter seinem Schreibtisch.

»Wie meinst du das?«

»Die fragt mich aus! Hat gleich gefragt, wie das war mit dem Selbstmord vom Ferdl.« Ehe Nonnenmacher etwas antworten konnte: »Du, die schaut doch aus wie die Angelina Jolie!«

»Ach ja, findest du?«, erwiderte Nonnenmacher cool, obwohl er das genauso sah. Er wollte nur kein Öl ins Feuer gießen. Der Sepp musste gebremst werden, die Anne Loop war nichts für ihn.

Doch Kastner ließ sich nicht beirren. »Ja, aber runtergerissen schaut die aus wie die Angelina! Die Haare, braun und lang, genau wie die von der Angelina, die großen Augen Schweinwerfer, die Lippen Airbags …« Er dachte kurz nach. »Jetzt haben wir eine Angelina vom Tegernsee. Wahnsinn!«

»Sepp, du bist ein Depp.«

»Wieso? Ich meine, du bist verheiratet, aber ich …«

»Die hat ein Kind.«

»Die hat ein Kind?«

»Ja.«

»Die ist doch aber ledig!«

»Als ob’s bei uns am Tegernsee nicht auch ledige Mütter geben tät’«, entgegnete Nonnenmacher, ganz Mann von Welt.

»Und der Vater?«, fragte Sepp nach. »Wenn sie keinen Vater hat für das Kind, dann ist sie vielleicht doppelt froh …«

»Sepp, bitte lass es bei unserer alten Regel: Sex ist Sex, und Dienst ist Dienst – ja?«

»Aber wenn sich …«, er zögerte, »… was ergibt?«

»Sepp, bitte, die ist nicht deine Kragenweite, die schaut doch aus wie ein Model, aber du nicht wie der Pitt Brad – äh, Brad Pitt.«

»Aber sie hat keinen Ma-hann«, rief Kastner gerade, als die Tür einen Spaltbreit aufgestoßen wurde.

Es war Anne, die sich vorsichtig hereinschob.

»Entschuldigung, darf ich kurz stören?«

»Aber natürlich«, erwiderte Nonnenmacher beflissen. Insgeheim hoffte er, dass sie nichts gehört hatte. Sie sollte nicht glauben, dass sie … Plötzlich wusste er nicht mehr, was er eigentlich denken wollte. Diese Frau brachte ja schon nach ein paar Minuten alles durcheinander.

»Ich habe eine Frage zu dieser Akte: Ich vermisse hier die ganzen Protokolle der Zeugenaussagen.«

Nonnenmacher sah Anne erstaunt an. »Da haben mir nix gemacht.«

Nun war es Anne, die überrascht schwieg.

»Aber wie können Sie dann … von … einem Selbstmord ausgehen?«

»Weil es keine anderen Anhaltspunkte gibt. Wer sollte den Fichtner Ferdl denn umgebracht haben? Der war doch im ganzen Dorf beliebt. Bei uns gibt es so etwas nicht, Mord.«

»Aber gibt es denn ein Motiv für Selbstmord?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Nonnenmacher unwirsch und spürte, dass ihn sein Beruf zum ersten Mal seit Langem wieder zum Schwitzen brachte, und das, obwohl er sich kein bisschen körperlich anstrengte.

»Einen Abschiedsbrief?«

»Nein. Also wir wissen bis jetzt von keinem.«

»Aber wie können Sie dann bereits die Akte schließen?«

Nonnenmacher fühlte sich nun richtig unwohl. Musste er sich das bieten lassen? Natürlich sah diese Frau blendend aus, und selbstverständlich hatten sie als zuständige Polizeidienststelle eine Aufklärungspflicht. Aber er kam von hier, er kannte seine Tegernseer. Hier gab es keine Schwerverbrecher. Die Loop kam aus München. Da gab es natürlich welche. Die Frau Loop musste lernen, dass hier die Uhren anders tickten. Das war es, was sie vor allem anderen lernen musste.

Deshalb sagte er: »Liebe junge Frau Polizeihauptmeisterin Loop, ich mache das hier jetzt seit vierzehn Jahren. Ich kenne die Menschen hier. Wir sind nicht in München, wo am helllichten Tag Leute abgestochen oder Frauen in ihrem eigenen Hauseingang vergewaltigt werden.« Nonnenmacher hielt kurz inne, sah erst Anne scharf in die Augen, dann Sepp Kastner, und drückte währenddessen zweimal hektisch hinten auf den Kugelschreiber, den er in der Hand hielt, was überlegen wirken sollte, stattdessen aber einen etwas lächerlichen Eindruck hinterließ. Dann fuhr er mit leiserer Stimme fort: »Und auch wenn mir das wehtut, weil der Ferdl ein guter Bekannter von mir war und ein richtiger Einheimischer, muss ich sagen: Wenn hier einer tot an einem Baum im Wald hängt, und wenn es auch der Ferdl ist, dann hat der sich da selber hingehängt. Das ist sicher. Wie soll denn irgendein Mörder den schweren Kerl da hoch an den Baum hängen? Der Ferdl war über eins achtzig. Wie soll das gehen?«

»Es könnten ja mehrere gewesen sein«, warf Sepp Kastner ein. »Mehrere könnten ihn getötet und hochgehoben haben.« Kastner sagte dies nicht, weil er überzeugt war, dass Nonnenmacher falschlag, sondern weil er dieser Anne Loop beispringen wollte, die einfach eine Wucht war, als Frau, als Kollegin, als Mensch. Eine echte Erscheinung eben.

Anne spürte, dass sie jetzt nicht insistieren durfte, sonst würde die Atmosphäre gleich von Anfang an und irreparabel vergiftet sein. Sie dachte kurz an ihre Tochter, an Bernhard, an den Plan, hier mindestens einige Jahre zu bleiben, und beschloss, einen Gang zurückzuschalten.

»Gut, Herr Nonnenmacher, ich verstehe. Ich bin ja auch in erster Linie hier, um weiter dazuzulernen. Und von einem erfahrenen Beamten wie Ihnen kann ich natürlich nur lernen.« Nonnenmachers Gesichtszüge schienen sich etwas aufzuhellen.

»Aber darf ich mich trotzdem noch ein bisschen mit der Akte beschäftigen?« Jetzt klang Anne wie ein Mädchen, das darum bat, dass ihm jemand die Schnürsenkel band. Allen im Raum war völlig klar, dass Nonnenmacher ihr diese Bitte auf keinen Fall abschlagen konnte, auch wegen dieses Tonfalls in ihrer Stimme. Er nickte nur. Sollte sie nur machen. Augenblicklich gab es sowieso nichts Dringliches zu tun.

Als Anne die Tür aufsperrte, roch sie es gleich: Bernhard hatte gekocht, Schnitzel mit Gurken-Kartoffel-Salat. Ihrer aller Lieblingsspeise.

Sie ging in die Küche, wo er gerade den Schnittlauch für den Salat schnitt. Lachend fragte er sie: »Und? Wie war dein erster Arbeitstag?« Sie umarmten sich.

»Maaama, du musst in mein Zimmer kommen, ich habe schon alle meine Bücher eingeräumt. Wann baust du meinen Schreibtisch auf?«, schallte Lisas Stimme durch das Haus.

»Jetzt essen wir erst einmal.«

Als sie saßen, erkundigte sich Bernhard erneut: »Und, wirst du es hier ein paar Jahre aushalten? Wie ist der Nonnenmacher?«

Anne zögerte kurz, bevor sie sagte: »Er ist mir sehr sympathisch, aber er macht das hier vielleicht schon einen Tick zu lange. Die haben heute einen Bauern aus dem Dorf aufgehängt im Wald gefunden und haben diesen Fall nach einem halben Tag – stell dir das mal vor! –, nach nur einem halben Tag ad acta gelegt. So etwas muss man doch aufklären. Das kann doch auch eine Straftat sein!«

»Du meinst, es war Mord?«

»Was weiß ich, aber man muss es ordentlich prüfen. Die haben nicht eine einzige ernst zu nehmende Zeugenbefragung gemacht. Die sind da einfach hin, haben gesehen, da hängt der Ferdinand Fichtner am Baum, aha, der ist tot; aber Nonnenmacher sagt, hier am Tegernsee gäbe es keine bösen Menschen, also müsse sich der Mann selbst umgebracht haben. So geht das doch nicht!«

»Warum könnte er sich denn umgebracht haben?«

»Das ist ja der Witz: Die haben nicht einmal nach einem Motiv gesucht!«

»Das ist allerdings komisch. Meinst du, die wollen was verbergen?«

»Mama, die haben im Kindergarten eine Turnhalle«, schaltete Lisa sich ein.

»Echt? Ja, jetzt erzähl mal, wie war’s?«

»Schon schön, aber ich kann da wahrscheinlich nicht mehr hingehen.«

»Wieso nicht?«

»Weil ich lieber bei euch zu Hause bin.«

»Wie meinst du das?«

»Ich finde es bei euch eben schöner. Deswegen habe ich beschlossen, dass ich nicht mehr in den Kindergarten gehen werde.«

Anne war kurz irritiert über die selbstständige Art, mit der ihre Tochter neuerdings Entscheidungen traf.

»Ja, aber du musst doch in den Kindergarten. Ich muss doch auch arbeiten. Und nachmittags bist du dann sowieso immer bei Bernhard und kannst im Garten spielen. Noch ein paar Wochen, dann kann man sogar schon im See schwimmen …« Sie strich Lisa über die Haare, die im Gegensatz zu ihren ganz blond waren, und sagte dann: »Also, morgen gehst du auf jeden Fall noch einmal hin.«

»Sag mal, kennst du die Familie Fichtner zufällig von früher?«, fragte Anne später, als Lisa schon im Bett lag und sie und Bernhard im Wohnzimmer Kisten auspackten.

Bernhard schob ein Buch ins Regal und schaute Anne nachdenklich an.

»Fichtner? Da gibt’s, glaube ich, mehrere hier in der Gegend. Was war der von Beruf?«

»Bauer.«

»Wie alt?«

»Neunundvierzig. Verheiratet, zwei Söhne, Hannes, zweiundzwanzig, und Andreas, vierundzwanzig.«

»Andreas Fichtner? Der Andi? Studiert der nicht Geschichte in München? Den kenne ich, glaube ich. Der hat sich, wenn ich ihn jetzt nicht verwechsle, mal bei mir gemeldet, weil er ein Zimmer gesucht hat. Ich glaube, das war der Andi. Der war eher schüchtern, aber das ist mindestens schon vier Jahre her. Ich weiß nicht mal, ob der noch studiert.«

»Bernhard, was soll ich denn jetzt tun? Ich kann das doch so nicht stehen lassen, ich meine, das ist handwerklich doch total verhunzt, wenn die diesen Fall einfach ohne Ermittlung abschließen.«

»Was steigerst du dich jetzt eigentlich so rein? Du hast hier doch gerade erst angefangen. Und außerdem: Was sagt dir denn, dass da was faul ist?«

»Ich weiß nicht, ich habe einfach so ein komisches Gefühl bei der Sache.«

Als Anne am nächsten Morgen von Tegernsee aus um den See herum in die Bad Wiesseer Dienststelle radelte, tropfte es von allen Dächern. Es war über Nacht um fünf Grad wärmer geworden. Doch Wallberg, Pfliegeleck, Riederstein und auch der Semmelberg waren noch schneebedeckt.

»Achtung!«, rief Sepp Kastner ihr entgegen, kurz bevor Anne am Vordereingang der gelb gestrichenen Polizeiinspektion ankam. Anne stoppte und schaute ihn erstaunt an. Kastner zeigte nach oben. »Da kommt gleich eine Dachlawine runter. Wäre doch schade, wenn es dich – äh, Sie – erwischen tät’.«

Während Anne das Fahrrad abstellte, schüttelte sie innerlich den Kopf über Kastner. Doch als die beiden bereits im lichtdurchfluteten Treppenhaus waren, machte es einen lauten Rums.

»Das war sie«, sagte Kastner triumphierend. »Habe ich Sie gerettet, Frau Loop.«

»Haben Sie mich gerettet, Herr Kastner, ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.«

Kastner wurde rot.

»Was meinen Sie denn: Warum hat sich der Fichtner umgebracht?«

Sepp Kastner fühlte sich, da er nach seiner Meinung gefragt wurde, geehrt und holte weit aus: Er erinnerte Anne an die Kämpfe um die Milchpreise in den vergangenen Jahren. Wies sie darauf hin, dass es den Bauern immer schlechter und schlechter gehe, dass die Forderung nach mindestens vierzig Cent pro Liter nicht nur Propagandageschrei des Bauernverbands sei, sondern dass diese Preishöhe auch aus seiner Sicht wirklich notwendig sei, um den Bauern das Überleben zu sichern. Dass die Discounter und die Milchindustrie immer mehr dazu übergingen, die Bauern zu erpressen, und dass es äußerst schwierig sei, als Bauer überhaupt noch von der Milch zu leben, gerade, wenn man nur einen eher kleinen Hof habe, wie es bei Fichtner der Fall gewesen sei. Das wisse er von seinem Onkel, der auch noch einen Hof habe. Wer heute als Landwirt überleben wolle, müsse das anders als der Fichtner machen. Andere Bauern im Tal zum Beispiel hätten schon frühzeitig neu gebaut, da gebe es jetzt außerhalb der Gemeinden schon Ställe, die sähen aus wie Hotelschwimmbäder, und dort würden die Kühe automatisch gefüttert, gemolken und geputzt, das spare Zeit und damit Geld; andere Bauern hätten umgestellt auf Biogas, Zuerwerb oder exklusiven Tourismus mit allem Pipapo, auch Urlaub auf dem Bauernhof in größerem Stil sei ein Ding, mit dem man sich als Landwirt noch über Wasser halten könne. Echte Bauern gebe es jedoch in Tegernsee ohnehin nicht mehr viele, und auch im Rest des Tals hätten sich touristische Geschäfte als wesentlich lukrativer erwiesen. Er, Sepp, könne sich vorstellen, dass der Fichtner einfach nur Angst bekommen habe, wegen der Zukunft und allem.

Dann fügte er hinzu: »Aber das ist jetzt nur so eine Vermutung von mir, weil sicher wissen tu’ ich nichts, weil …«

»… niemand die Familie befragt hat«, vollendete Anne den Satz.

»Ja genau, aber es gab ja auch keinen Hinweis auf eine Straftat. Der Arzt hat auch alles normal gefunden.«

»Der Arzt war aber kein Rechtsmediziner, sondern der Kurarzt.«

»Ja, das stimmt. Aber wissen Sie, das wär’ so kompliziert gewesen, die Rechtsmedizin kommt ja jetzt wegen so etwas nicht extra aus München her, sondern wir hätten denen die Leiche vom Fichtner bringen müssen, und dann hätten die sie in München obduziert. Das hätte ja viel länger gedauert. Und außerdem, wenn wir hier ermitteln täten wie in einem Mordfall, da könnten die Leut’ ja denken, es gäb’ tatsächlich einen Mörder am Tegernsee – was hätte das für Auswirkungen auf die Bevölkerung!«

»Ihnen ist es also lieber, wenn niemand darüber redet und alle heititeiti machen, dafür aber ein Mörder frei herumläuft.«

»Nein, nein, aber der Kurt, also der Chef, hat das jetzt halt so entschieden.«

Die beiden hatten inzwischen ihre Jacken aufgehängt und sich an die Bürotische gesetzt.

»Ich kann das so nicht akzeptieren«, sagte Anne. »Wir haben – auch unabhängig von den Weisungen unserer Vorgesetzten – Verantwortung zu übernehmen, Prinzipien zu beachten. Und eines der obersten polizeilichen Prinzipien ist die Aufklärungspflicht. Ich finde, wir sollten wenigstens ein paar Zeugen vernehmen, um herauszufinden, ob ein Motiv für Selbstmord vorliegt.«

Bevor Anne in Nonnenmachers Zimmer trat, klopfte sie dreimal.

»Herein!«, rief Nonnenmacher. »Guten Morgen. Wir hatten doch ausgemacht, dass wir hier nicht anklopfen. Was gibt’s, Frau Loop?«

»Herr Nonnenmacher, ich habe mir alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Ich finde, wir sollten wenigstens ein paar Zeugen, zumindest aber die beiden Söhne und die Frau von Herrn Fichtner vernehmen, um herauszufinden, ob es denn überhaupt ein Selbstmordmotiv gab.«

Nonnenmachers Gesichtsausdruck verfinsterte sich. Er schwieg, wandte seinen Blick zum Fenster, überlegte und hob an: »Frau Loop, jetzt sehen Sie es doch ein: Die Familie Fichtner ist doch schon gestraft genug, oder was meinen Sie? Die haben jetzt andere Probleme. Wer soll den Hof weiterführen? Soll er überhaupt weitergeführt werden? Wer erbt? Damit haben die jetzt zu tun. Wenn wir da jetzt daherkommen und fragen: ›Sagt mal, hat der Ferdl eigentlich einen Grund g’habt zum Sichumbringen‹, ja was meinen Sie, was da los ist? Und wenn der Bürgermeister erfährt, dass wir auch in Richtung Mord ermitteln? Uns steht hier eine herrliche Sommersaison bevor, Seefeste, Waldfeste, da reist die halbe Münchner Society an. Sogar der Uli Hoeneß hat sich jetzt in unserm schönen Wiessee ein Haus gekauft. Der Willy Bogner ist in Gmund, der Fritz Wepper in Finsterwald oder wo, der Santa Cruz war kürzlich da, der Herr Burda, der Herr Beisheim, alle fühlen sich hier wohl und sicher. Und so soll, ach was, so muss es bleiben. Wir wollen, dass die Urlauber über den Tegernsee reden, weil’s bei uns so schön ist, und nicht, weil hier vielleicht ein Bauer aus der Mühlgasse umgebracht worden sein könnte, was völlig abwegig ist. Frau Loop, ich verbiete Ihnen hiermit, dass Sie weiter in der Sache ermitteln. Und ich bin hier der Chef. Sie geben mir jetzt sofort die Akte, ich quittiere Ihnen das auch, und dann setzen wir uns zusammen und überlegen uns ein schönes Konzept, wie wir den Tegernseer Kindern das verkehrsgerechte Radeln beibringen. Punkt.«

»Aber …«

»Nichts aber, Punkt, habe ich gesagt.«

Plötzlich verspürte Anne Rückenschmerzen. Verspannungen. Sie ging zurück in ihr Arbeitszimmer und setzte sich. Sepp Kastner sah sie in einer Art und Weise an, die lieb wirken sollte, tatsächlich aber ein bisschen doof aussah, und fragte: »Hat er Sie geschimpft?«

Anne antwortete nicht.

»Soll ich uns einen Kaffee kochen?«

Anne schwieg.

Kastner überlegte, wie er sie auf andere Gedanken bringen könnte. »Ihren Namen«, sagte er, »den schreibt man ja nicht wie das Lob, das von loben kommt, gell?« Anne zeigte keine Reaktion. »Sondern englisch mit zwei o. So wie den Looping, den Überschlag beim Fliegen, gell? Sind Sie eine Überfliegerin, haha?« Kastner lachte unbeholfen und war irritiert, weil Anne immer noch nicht reagierte. Dann meinte er nachdenklich: »Warum sagt man eigentlich nicht Loop mit u? Das wäre doch viel cooler!« Er sagte es ein paarmal vor sich her: »Frau Luup, Frau Luup, hello Mrs. Luup. Good Looping, Mrs. Luup …«

»Weil wir hier in Deutschland sind und außerdem nicht cool sein wollen«, sagte Anne genervt.

»Ja«, fuhr Kastner trotz ihres ablehnenden Tonfalls fort, weil die neue Kollegin endlich geantwortet hatte, »ich habe im Internet nachgeschaut, es gibt da ja sogar einen Ort in Preußen, der wo Loop heißt, nicht wahr. Kommen Sie daher?«

»Nein«, antwortete Anne noch gereizter, zog den Haargummi aus ihrem Haar und machte sich einen neuen Pferdeschwanz.

»Aber Ihre Familie?«

»Nein.«

»Wo kommen Sie dann her?«

»Aus dem Rheinland.«