Als Ravensburger E-Book erschienen 2016
Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH
© 2016 Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg
© Text: Gina Mayer
Vermittelt durch die Literaturagentur Arteaga, München
Cover- und Innenillustrationen: Joëlle Tourlonias
Redaktion: Beate Spindler
Dieses Buch wurde mit einem Arbeitsstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.
Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH,
Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.
ISBN 978-3-473- 47730-2
www.ravensburger.de
Für meine magische Nichte Ava
Bevor Violet die Tür zum Blumenladen aufzog, schloss sie die Augen und schnupperte. Dieser Duft! Er kroch durch die Türritzen und das Schlüsselloch in den Flur und füllte das ganze Haus.
Violet lächelte. Sie hatte auch allen Grund dazu. Vor ihr lagen zwei Wochen Ferien. Und Tante June hatte erlaubt, dass Violet nicht nur den ganzen Tag in Tante Abigails Blumenladen verbringen durfte, sie durfte zum ersten Mal auch bei Abigail übernachten! Erst morgen Abend musste sie nach Hause zurück.
Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie Lord Nelson. Der dicke honigfarbene Kater saß auf der untersten Treppenstufe und betrachtete Violet mit schief gelegtem Kopf.
War er eben schon hier gewesen oder hatte er sich lautlos genähert, während Violet die Augen geschlossen hatte?
„Hallo, Nelson.“ Sie streckte die Hand aus, um den Kater zu streicheln, aber er duckte sich unter ihren Fingern weg und verschwand nach oben. Nicht weil er scheu oder ängstlich war. Lord Nelson bestimmte selbst, wann man ihn streicheln durfte, und jetzt hatte er ganz offensichtlich keine Lust auf Zärtlichkeiten.
Aus dem Laden drangen zwei Frauenstimmen. Die eine gehörte Tante Abigail, aber die andere? Neugierig öffnete Violet die hintere Ladentür und blickte hinein.
Der Blumenladen schien heute noch voller zu sein als sonst: Auf den Regalen, neben der Kasse und auf dem Boden drängten sich Vasen, Eimer und Töpfe mit Blumen, die in allen Farben leuchteten. Goldgelbe Narzissen strahlten mit pinken Ranunkeln, hellblauen Hyazinthen und knallroten Tulpen um die Wette.
Vor dem Ladentisch stand Mrs Blue von der Konditorei am Marktplatz, sie kehrte Violet den Rücken zu.
Tante Abigail war gerade damit beschäftigt, ein Bund Pfingstrosen in grünes Seidenpapier einzuschlagen. Violet konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber sie wusste, dass ihre Tante wehmütig lächelte, wie immer, wenn sie Blumen einwickelte. Sie hätte die Rosen nämlich lieber behalten, anstatt sie zu verkaufen.
„Schade, schade, schade“, trillerte Lady Madonna in ihrem Käfig, der über der Kasse hing. Von dort aus beäugte und kommentierte der türkisfarbene Wellensittich alles, was im Laden vor sich ging.
„Ich wünschte, ich hätte ihr nie das Sprechen beigebracht“, seufzte Tante Abigail mindestens dreimal täglich. „Dann müsste ich mir jetzt nicht ständig ihre frechen Sprüche anhören.“
„Jammerschade“, zwitscherte Lady Madonna, als Abigail das Seidenpapier zuklebte.
Lady Madonna hat Recht, dachte Violet, um die Pfingstrosen war es wirklich schade. Die Blüten waren weiß und riesig, fast so groß wie Violets Kopf. Und sie verströmten einen wunderbaren Duft, den Violet riechen konnte, obwohl sie immer noch an der Tür stand.
„Schneiden Sie die Stiele alle zwei Tage schräg an und wechseln Sie das Wasser, dann werden Ihnen die Blumen lange Freude machen.“ Tante Abigail reichte den Strauß über den Ladentisch. „Hier, bitte schön!“
„Danke schön!“, rief Lady Madonna.
Glücklich hielt Mrs Blue ihre Nase an die Rosen. „Köstlich, Miss Abigail. Ihre Blumen duften besser als meine Kuchen.“ Sie zückte ihren Geldbeutel und gab Tante Abigail ein paar Pfundnoten.
Tante Abigail öffnete die altmodische Kasse und holte das Wechselgeld heraus. Als sie den Kopf wieder hob, sah sie Violet.
„Violet, Darling!“ Sie lächelte ihre Nichte an.
Mrs Blue drehte sich ebenfalls zu ihr um. „Oh, hallo, Violet. Möchtest du auch Blumen kaufen?“
„Nein, nein, ich gehöre doch zum Laden“, sagte Violet, obwohl das nicht stimmte.
Der Blumenladen gehörte Tante Abigail und Violet war nur am Samstag und mittwochs nach der Schule bei ihr. Den Rest der Woche wohnte sie bei ihren Pflegeeltern, den Berrys. Tante June und Onkel Nick.
Heute war jedoch weder Samstag noch Mittwoch, sondern Donnerstag. Aber im Gegensatz zu Violet hatte Tante June keine Ferien, sondern musste wie immer zur Arbeit in die Bank. Und Onkel Nick war mit seinem LKW unterwegs. Damit Violet nicht allein zu Hause war, durfte sie zu Tante Abigail. Und heute Abend – das war das Beste – musste sie auch nicht wie sonst nach Hause, sondern durfte mit Abigail zu Abend essen und hinterher würde ihre Tante ihr eine Geschichte vorlesen und dann durfte Violet auf ihrem geblümten Sofa schlafen. Tante June und Onkel Nick hatten nämlich Kinokarten.
„Ich frage mich, warum wir das nicht öfter machen. Ihr geht abends aus und ich übernachte bei Tante Abigail“, hatte Violet beim Frühstück überlegt. „Wäre doch praktisch für euch.“
Tante June machte sofort ein kummervolles Gesicht. „Ach Kind, manchmal glaube ich, du würdest am liebsten ganz zu Abigail ziehen.“
„So ein Quatsch!“, rief Violet. „Ich hab euch doch lieb.“
„Was für ein Glück!“, sagte Onkel Nick. „Wir lieben dich nämlich auch wie verrückt!“
Die Berrys waren wirklich die besten Pflegeeltern, die man sich wünschen konnte. Tante June machte super Apfelkuchen und Onkel Nick sang Violet Seemannslieder vor, die sehr schaurig klangen, weil er den Ton nicht halten konnte.
Die beiden hatten sich jahrelang Kinder gewünscht und keine bekommen – bis sie Violet bei sich aufgenommen hatten. Aber vor einem Jahr war Tante Abigail in der Stadt aufgetaucht, und seitdem machte sich Tante June die allergrößten Sorgen, dass sie Violet wieder verlieren könnte. Weil Tante Abigail Violets richtige Tante war und Tante June nur die Pflegemutter. Dabei war das totaler Unsinn, Violet wollte gar nicht weg. Sie mochte ja alle drei: Tante June, Onkel Nick und Tante Abigail.
„Wie schön, dass du endlich da bist, Violet“, sagte Tante Abigail jetzt.
„Und ich darf bis morgen Abend bleiben“, sagte Violet.
„Na, da will ich nicht länger stören“, meinte Mrs Blue. „Ich wünsche noch einen schönen Tag.“
„Gleichfalls.“ Tante Abigail schaute mit Bedauern zu, wie Mrs Blue die Pfingstrosen aus dem Laden trug. „Vergessen Sie nicht, die Blumen anzuschneid…“ Doch da fiel die Ladentür bereits ins Schloss. Mrs Blue hörte Abigails Worte nicht mehr.
„Schade, schade, jammerschade!“, trillerte Lady Madonna.
„Halt den Schnabel“, sagte Tante Abigail, dann wandte sie sich wieder an Violet. „Tee?“
„Na klar, na klar!“, jubelte Lady Madonna. „Bitte schön! Danke schön!“
„Na klar“, sagte auch Violet, obwohl sie ja gerade erst gefrühstückt hatte. Aber Tante Abigails Tee war etwas ganz Besonderes. Sie nahm keine fertigen Teebeutel, sondern verwendete Rosenblätter, frische Minze, Hagebuttenschalen oder Hibiskusblüten. Manchmal fügte sie auch getrocknete Äpfel, Orangenschalen oder Zimtnelken hinzu. Der Tee schmeckte jedes Mal anders, aber immer fantastisch.
„Na, dann komm.“ Tante Abigail kam hinter der Theke hervor und wollte zur Küche gehen, aber im selben Moment klingelte die Glocke über der Ladentür.
Eine große, dünne Frau trat in den Blumenladen.
„Guten Tag“, sagte Tante Abigail und warf einen nervösen Blick auf die restlichen Pfingstrosen. Wahrscheinlich hätte sie sie gerne in Sicherheit gebracht, um zu verhindern, dass man ihr noch mehr davon abkaufte.
„Pimpernell?“, fragte Violet. Was waren das denn für Blumen? Sie blickte Hilfe suchend zu Tante Abigail. Und bemerkte etwas sehr Erstaunliches.
Der Körper ihrer Tante schien plötzlich zu wachsen. Ihre Schultern strafften sich, ihr Kopf reckte sich in die Höhe und ihr Gesicht wirkte gleichzeitig wachsam, gespannt und verschlossen.
„Oh“, sagte Abigail. Und dann: „Violet, warum gehst du nicht schon mal nach oben und setzt den Kessel auf?“
Aber Violet wollte jetzt nicht nach oben gehen. Sie wollte lieber wissen, warum die beiden so geheimnisvoll taten. Und was Pimpernell bedeutete.
Sie würde es jedoch nicht erfahren. Die dünne Frau sagte nämlich keinen Piep mehr und umklammerte den Zettel mit beiden Händen, als hätte sie Angst, dass Violet ihn ihr entreißen könnte. Tante Abigail schwieg ebenfalls.
Die Einzige, die fröhlich weiterplapperte, war Lady Madonna. „Happy Birthday to You!“, sang sie. „Guten Appetit!“
„Ich warte gerne“, sagte Violet. „Wir können doch gleich zusammen hochgehen.“
„Geh nach oben, Violet.“ In Tante Abigails hellgrünen Augen lag ein seltsames Glitzern, das Violet bisher nur ein einziges Mal gesehen hatte: als Lord Nelson eine ganze Lieferung Ringelblumen gefressen hatte. Achtung, Hochspannung!, bedeutete dieses Glitzern.
„Ich gehe ja schon“, murmelte Violet.
„Bye-bye!“, rief Lady Madonna.
Blöder Vogel.