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2. Auflage © 2021 Thomas Schneider
Herstellung und Verlag:
BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
Covergestaltung/Umschlaggestaltung
©Giessel Design
www.giessel-design.de
Bildnachweis:
iStock–Fotografie:
ID: 172802305 (dry lakebed Landschaft)
ID: 175914388 (Light)
Thomas Schneider (Collage/Bildbearbeitung/Planet)
Model: Levi
ISBN: 9 783755 764908
Gewidmet ist das Buch einem Menschen und Kollegen, der mich mein halbes Arbeitsleben begleitet hat. Du hattest immer ein offenes Ohr für mich. Warst da und hast mit deinem Wissen, Charme aber auch Witz jeden unterstützt, der Hilfe benötigte. Für mich wurdest du in dieser Zeit zu einem Freund und Zuhörer.
Ich freue mich für dich, dass du nun wieder gesund und gestärkt in die nächste Phase deines Lebens übergehen kannst und sie mit deiner Familie genießen wirst.
Danke, Sebastian, für all die wunderbare Zeit, die ich mit dir verbringen durfte.
Meine Ankündigung zur Veröffentlichung des 3. Bandes meiner Trilogie für das Jahr 2020 konnte ich leider nicht einhalten. Ich könnte viele Gründe anführen, weshalb es mir nicht möglich gewesen war. Letztendlich möchte der Leser aber nicht vertröstet, sondern mit einem Buch unterhalten werden.
Ich habe die Miles–Trilogie letztes Jahr zu Ende geschrieben. Am Ende war ich selbst überrascht über die Größe des Skripts. Noch immer würde ich an der Korrektur sitzen, wenn ich mich nicht an einem Punkt dazu entschieden hätte, den dritten Band zu teilen. Überraschung: Aus der Trilogie wird nun eine Tetralogie mit Band 3 und 4. Noch mehr Spannung bis zum Finale.
Ich denke, so werde ich euch Lesern gerecht, da ihr schon solange auf die Fortsetzung warten musstet. Im Übrigen bin ich jetzt gerade dabei, das Cover für den letzten Band vorzubereiten. Ihr werdet Miles darauf zum ersten Mal sehen können. Wenn das hoffentlich mit meinem Cosplay etwas wird, könnt ihr ihn dann im nächsten Jahr bestimmt auch mal live erleben.
So viel zu meinem Hobby.
Wenn euch meine Geschichten gefallen, würde ich mich natürlich sehr freuen, wenn ihr sie weiterempfehlen könntet. Danke für eure Treue.
Euer Thomas
Adamas:
Nachkomme verstoßener, ins Exil verbannter Malcorianer. Wollte sich und seinen Freunden bei den Verantwortlichen auf der Mondstation Gehör verschaffen, um auf diese Ungerechtigkeit hinzuweisen. Leider einige tausend Jahre zu spät. Sucht jetzt nach verschollenen Malcorianern im All.
Afare:
Kleiner Eingeborenenstamm in Äthiopien am Fuße des Schildvulkans Erta Ale.
Bagor:
Wiedererweckter Malcorianer. Kerniger, muskelbepackter, sanfter Hüne und Freund von Adamas. Wirkt auf andere zuweilen etwas begriffsstutzig.
Cluso:
Dorfjunge vom Volk der Afaren, der eine Smorgkugel fand und sie ins Dorf brachte.
Donato:
Kommandeur einer geheimen militärischen Sicherheitseinrichtung. In den eigenen Reihen ist er auch besser als 'der Fels' bekannt. Weiß mehr über das Roclammetall, als er zugibt.
Flem:
Kleine Raumschiffe für höchstens zwei Personen der Malcorianer. In Geschwindigkeit und Flugverhalten jedem terrestrischen Flugzeug oder jeder Rakete haushoch überlegen. Ähneln in Größe und Form den ägyptischen Sarkophagen. Konservierende Eigenschaften.
Länge: bis 2,60 m
Breite: bis 1,20 m
Höhe: bis 1,20 m
Gloria:
Junge Malcorianerin mit roten Haaren und geheimnisvollen, grünen Augen. Stand anfangs den Menschen misstrauisch gegenüber, besonders Thomas, der für ihre Erweckung verantwortlich war. Sie ist zuständig für den Erhalt und die Überwachung der Biosphäre auf der Mondstation. Voll jugendlichem Tatendrang. Mitunter etwas naiv.
Inaminatum:
Computerprogramm der Mondstation, das seit Simons Verschwinden alle überlebenswichtigen Kontrollen überwacht. Thomas aktivierte seine Sprachsteuerung und nannte es nebenbei Ina.
Lt. Commander Richter:
Computerspezialist der US Army. Selbstverliebter Spezialist auf seinem Gebiet. Neigte zu Größenwahn.
Malcorianer:
Ehemalige Bewohner des Planeten Malcors, den sie verlassen mussten. Neue Heimat wurde der Mars. Starteten von dort Missionen zum Mond und zur Erde. Wie bei allen Völkern: Es gibt gute und böse Exemplare.
Miles:
Die Miles wurden als letztes Mittel zur Beilegung einer Krise, die den ganzen Planeten Malcor ereilte, eingesetzt. Das Programm zur Erschaffung der neuen Ordnungshüter konnte aufgrund der Unruhen und des massiven politischen Drucks nicht hinreichend getestet werden, so dass es unweigerlich bei der Verschmelzung mit dem Virus und dem jeweiligen Individuum zu Fehlstörungen kam.
Mondstation:
Die offizielle Version, die zum Bau der Station führte, war die des experimentellen Versuchs einer künstlich erschaffenen Landschaft auf einem nicht terraformierbaren Planeten/Kometen und diesen auf Dauer zu besiedeln.
Inoffiziell ordnete das Ministerium die Überwachung der Verbannten an, das sie teilweise völlig zu Unrecht und gedankenlos auf einem Planeten (Erde) aussetzte, der bereits bewohnt war. Eine Umsiedelung sollte daher zu einem späteren Zeitpunkt aus ethischen Gesichtspunkten und aus Gründen der Überwachung erfolgen.
Stationsmaße:
Länge: 4.000m
Breite: 3.000m
Höhe: 900m
Maße Biosphäre:
Länge: 3.000 m
Breite: 2.000 m
Höhe: 800 m
Palo:
Fellurse (Katzenbär). Katzenartiges Wesen, das sich wie ein Bär auf seine starken Hinterläufe stellen kann. Besitzt rotes Fell, das je nach Gemütsverfassung anfängt zu leuchten. Größer als eine gewöhnliche Katze. Kann sich in gebrochener Sprache verständlich machen. Schläft viel und gerne. Sehr anhänglich.
Raptorenbänder:
Schlangen-/fadenförmige Gebilde. Von den Smorgs mitgeführt, um sich die Menschen gefügig zu machen.
Sarah White:
Ehemalige Kommilitonin und Freundin von Thomas während ihres Studiums der Archäologie in Kairo. Spezialagentin der USA. Eigenschaften: klein, zierlich, verführerisch, zielstrebig, effektiv und gnadenlos.
Simon:
Professor und Konstrukteur der Mondstation. Verliebt in die Wissenschaft. Gab seine sterbliche Hülle auf und existiert in den Speicherbänken der Station weiter. Sympathischer, aufgeschlossener Geist.
Verschollen, seit ein amerikanischer Computerspezialist namens Richter sich in das System der Mondstation einhackte.
Smorgs:
Bekannt als fußballgroße Kugeln. Jede Kugel beherbergt zwei Lebewesen, genannt Smorgs. Besitzen keine feste Form, die sie dauerhaft annehmen könnten. Dienen dem Legaten und führen in seinem Namen die Experimente an den Menschen durch.
Thomas Martin:
Sprachen- und Kulturwissenschaftler.
Entdeckte als Hobbyarchäologe in der Cheopspyramide Schriftzeichen, die auf ein unbekanntes Metallvorkommen auf dem Mond schließen ließen. Als Leiter einer unbemannten Erkundungsmission zum Mond, die dem neuen Metall galt, entdeckte er eine verborgene Mondstation, deren Bewohner ihn später zum 'Miles' machten.
Wie ein Stadionsprecher in seiner Kabine saß der Koordinator zusammen mit einem kleinen Stab Techniker in seiner Depotleitzentrale. Von dort oben hatte er die vollständige Übersicht über alles, was sich zu seinen Füßen abspielte. Schnell konnte man bei den täglich eintreffenden Gütern den Überblick verlieren. Überall stapelten sich meterhoch Kisten in den unterschiedlichsten Formen, Größen und Farben. Die nach militärischer Gründlichkeit angebrachten Markierungslinien an Wänden und Böden waren schon seit Monaten weitläufig zugestellt worden. Das Team der Zentrale konnte sie in dieser Höhe bestenfalls erahnen. Der Nachschub an Versorgungsgütern nahm zuletzt überproportional zu.
Etwas liegt in der Luft und scheint mächtig Fahrt aufgenommen zu haben, dachte der Koordinator.
Seit seinem Dienstantritt vor zwei Jahren hatte es solche Engpässe in diesem Bunkerkomplex noch nie gegeben. Gerade beobachtete er sowie sein Mitarbeiterstab die Entladung eines weiteren Trucks. Der Koordinator überflog zeitgleich den passenden Lieferschein auf seinem Monitor.
»Mal sehen, was wir hier haben. Dreimal Rot, einmal Blau und fünfmal Gelb. Jungs, das Essen für die kommenden Tage ist gesichert. Haben unsere Wingmans dort unten ihre Anweisungen erhalten?«
Eine Stimme neben ihm meldete sich zu Wort.
»Ja, Sir, ich habe der Entlademannschaft soeben die Aufträge übermittelt. Der Stapler transportiert die gelben Kisten direkt ins Kühldepot.«
»Gut, Sergeant. Kadett Broise! Was ist mit den roten Kisten?«
»Werden ebenfalls entladen, Sir.«
»Warum sehe ich deinen Wingman nicht?«
Broise sah seinen Vorgesetzten erstaunt von der Seite an, ehe er antwortete.
»Sir, ich gab dem Fahrer den Befehl, die Kisten einzeln zu verladen und einzulagern. Gefahrgutklasse. Er befindet sich mit einer davon gerade im Sektor B, Abschnitt zwei.«
»Sehr gut, Kadett. Sie lernen schnell. Ok. Wir haben hier noch die blaue Kiste und einen weiteren Truck fürs Labor im Anmarsch. Den Papieren zufolge muss er ohne jede Verzögerung hier durchgeleitet werden. Ich schlage vor, Broise, Sie fordern zusätzliche Hilfe an, um die restlichen beiden Gefahrgutkisten von der Ladefläche des Trucks zu bekommen. Anschließend geben Sie dem Fahrer den Befehl, mit dem Rest seiner Fracht weiter der grünen Linie zu folgen. Sie führt zum Laborkomplex. Offenbar wartet man dort bereits sehnsüchtig auf ihn und auf die Ankunft des zweiten Fahrzeugs. Ach, und noch etwas, Kadett: Teilen Sie doch dem Fahrer gleich mit, dass hier nur Schritttempo gefahren wird. Seine Co2-Werte sind zu hoch.« Er tippte dabei auf den Monitor, der zusätzlich die Fahrzeugdaten des gesamten Trucks übertrug.
»Sir, so gut wie erledigt, Sir.«
Schon waren zwei zusätzliche Staplerkapazitäten freigemacht worden und hatten die Kisten im Nu wegtransportiert. Der Fahrer streckte derweil seinen Daumen hinaus und hielt ihn allen gut erkenntlich in die Höhe. Auch er hatte verstanden. Dann fuhr er seine Anweisung befolgend davon.
»Perfekt, Broise.«
»Danke, Sir. Ähm, Sir? Darf ich Sie etwas fragen, Sir?« Sein Vorgesetzter lehnte sich entspannt in seinem Sessel zurück und verschränkte die Arme hinter dem Hinterkopf.
»Nur zu, Kadett! Fragen Sie!«
»Wissen Sie, was sich in der blauen Kiste befindet? Warum wird sie direkt zum Labor durchgewunken? Und vorallem: Warum sehe ich auf dem Lieferschein des nächsten vorbeifahrenden Trucks keinen Ladevermerk?«
Der bislang still gebliebene Sergeant meldete sich unvermittelt mit einem spöttischen Kommentar zu Wort.
»Der leere Truck holt die blaue Kiste wieder ab. Darüber ranken sich seit Jahren Gerüchte. Keiner weiß, was mit dieser Kiste ist. Deshalb wird sie von Standort zu Standort ungeöffnet weitergeleitet.«
Broise schaute seinen Kollegen irritiert an.
»Broise! Hören Sie nicht auf diesen Dummschwätzer. Er macht seit Jahr und Tag nichts anderes. Nicht weiter verwunderlich, dass es ihm das Gehirn im Laufe der Zeit vernebelt hat. Aber um ehrlich zu sein, Broise; ich weiß es nicht. Es liegt im Übrigen auch nicht in unserem Aufgabenbereich, dies zu hinterfragen. Dafür verdienen wir zu wenig Geld, um das wissen zu müssen. Schauen Sie sich um. Jeder Soldat hier tut, was er am besten kann. Der Sergeant hier zum Beispiel. Er stapelt auf seinem Monitor traumwandlerisch alle Kisten nach Form, Farbe und Größe. Die Staplerfahrer zu seinen Füßen führen seine Befehle aus und erledigen sein vorgegebenes System. Wie in einem Spiel. Wenn Ihre Neugier also dennoch größer sein sollte, als Ihr eingeschlagener Rang zulässt, schlage ich vor, Sie drücken noch einmal ein paar Jährchen die Schulbank. Hier auf jeden Fall werden Sie solche Dinge nicht herausfinden.«
Der Kadett nickte ehrfürchtig seinem Vorgesetzten zu.
»Hey, Broise! Wenn du hierbleibst, wirst du bald einer der besten Tetrisspieler werden, gleich nach mir, dem ungeschlagenen Champion«, grinste er ihn an.
Ungeachtet der kleinen Unterhaltung steuerten unterdessen die beiden Trucks ihrem Ziel entgegen. Der bunte Strang Orientierungslinien auf dem Fahrbahnbelag verlor sich zunehmend an den Weggabelungen, je tiefer sie in den unterirdischen Komplex vordrangen. Schließlich hatte diegrüne Markierungslinie sie zuverlässig an einen Ort geführt, der am weitesten entfernt von allen zu sein schien. Nach einer weiteren Straßengabelung, die die Fahrer im Halbdunkel hinter sich gelassen hatten, verbreiterte sich die Tunnelröhre. Lichtsignale bedeuteten dem ersten Fahrer, sich rechter Hand einzuordnen. Das hintere Fahrzeug erhielt dagegen den Befehl, gleichauf zu fahren. Bequem rollten sie so langsam tiefer in die breit angelegte Röhre hinein. Nur spärlich war diese mit einer Notbeleuchtung an der Felsendecke versehen worden. Die Scheinwerfer der beiden Transportfahrzeuge glitten wie die Augen zweier Wildkatzen entlang des rohen Felsens unaufhaltsam ihrer Beute entgegen. Weit entfernt erfassten sie die silhouettenhafte Erscheinung künstlich angelegter Veränderungen. Das befohlene Fahren im Schritttempo zog sich in dem langen Tunnel zu einer kleinen Ewigkeit hin. Einzelheiten wurden nur allmählich sichtbar. Ein langes, hohes Stahlschott schob sich beiden Fahrern zu ihrer linken in den Sichtbereich. Darüber leuchtete eine gewöhnliche Baulampe in rotem Licht. Es signalisierte den Fahrern, dass sie das Ende der Tunnelröhre erreicht hatten. Noch vier weitere Baulampen im Abstand von jeweils fünfzehn Metern folgten. Ein Schild bedeutete den beiden Männern, den Motor abzustellen und die Fahrerkabine zu verlassen. Ein unangenehm lauter Pfeifton lenkte ihre Aufmerksamkeit auf eine unscheinbare Stahltür zu ihrer Rechten. Über ihr befand sich ebenfalls eine Baulampe. Anders als bei den vier großen Stahlschotten gegenüber leuchtete diese in einem matten Grün auf. Eine Aufforderung für die Soldaten, durch sie hindurchzugehen. Kaum dass sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, erlosch der freigegebene Durchgang und machte einem roten Licht Platz. Einen kurzen Moment waren die beiden Fahrzeuge sich selbst überlassen. Ihre heißgelaufenen Motorblöcke kühlten sich knisternd ab. Plötzlich durchschnitten vier laut knackende Geräusche die Tunnelröhre. Mit der Entriegelung der Stahltore erlosch auch zeitgleich die rote Beleuchtung. Gleichsam schwenkten die Tore nach hinten. Sobald sie einen Spalt weit geöffnet waren, drang geschäftiges Treiben in Form von Lautsprecherdurchsagen, Warnsignalen, Arbeitsmaschinen und gleißendem Licht in die Tunnelröhre. Je weiter sie sich öffneten, desto mehr verschmolz der Tunnelabschnitt mit dem Bereich des Laborkomplexes. Im Nu hatte sich ein kleines Heer an bewaffneten Soldaten und Forschungsmitarbeitern hinter den beiden Fahrzeugen postiert. Zwei Techniker rollten ein dickes Stromnetzkabel aus. Plane und Ladeklappe der Trucks wurden beiseitegeschoben. Während die blaue Box schweigend von zwei Soldaten unter Anleitung eines Labormitarbeiters entladen und fortgeschafft wurde, strahlten mehrere in aller Hast und Eile aufgestellte Scheinwerfer die Ladefläche des zweiten Transporters an. Gleißendes Licht erhellte die leere Fläche. Keiner der Anwesenden schien das zu kümmern. Ein Laborassistent tippte nervös einige Befehle auf seinem Tablet-PC. Dann schaute er zufrieden auf und signalisierte allen Umstehenden mit einem flüchtigen Kopfnicken seine Einsatzbereitschaft. Ein ranghoher Offizier trat aus der kleinen Gruppe, die gänzlich aus wissenschaftlichen Arbeitskräften bestand, hervor. Mit dem Blick auf die leere Ladefläche gewandt, fing er unvermittelt an zu sprechen.
»Ok, kann losgehen.«
Ohne jegliche Fremdeinwirkung begann das hell erleuchtete Fahrzeug Sekunden später wie von Geisterhand hin- und herzuschaukeln, wie ein Spielball auf hoher See einer unbekannten Kraft ausgeliefert. Jetzt neigte sich die hintere Ladefläche gefährlich nach hinten. Die Stoßfedern des Trucks ächzten gefährlich laut auf. Jeden Moment schien es, als müssten sie unter dem enormen Gewicht zerbrechen. Doch plötzlich rauschte die Ladefläche mit einem lauten Knall zurück in ihre Ausgangsposition. Der Spuk warvorbei. Keiner der Anwesenden war darüber verwundert. Alles schien normal. Eine stumme Gestik des Vorgesetzten wies einem Laborassistenten an, sein Tablet zu betätigen. Ein Knopfdruck genügte, um aus dem scheinbaren Nichts heraus die neue Geheimwaffe der Vereinigten Staaten erscheinen zu lassen. Eine moderne Rüstung, um den perfekten Soldaten noch effektiver vor äußerlichen Einflüssen zu schützen. Zweieinhalb Meter groß und ungefähr eineinhalb Meter Schulterbreite. Auf der Rückseite war ein eckiger Tornister sichtbar. Es war das Energieversorgungsmodul. Zur Vorderseite öffneten sich der Torso sowie die Panzerung der Beinoberschenkel. Der Blick ins Innere war freigegeben. Zum Vorschein kam der Körper einer Frau. Ihre Gliedmaßen steckten in Bedienelementen zur Steuerung der seelenlosen Rüstung.
»Wurde aber auch langsam Zeit. Diese Pedanterie an Kontrollen selbst hier drin im Bunker ist schier nicht mehr auszuhalten. Schon gar nicht, wenn man seit 20 Stunden in dem Ding hier feststeckt.«
»Mit Verlaub, Ma’am«, trat ein junger, pflichtbewusster Soldat an ihre Seite und half ihr aus der Rüstung heraus.
»Die Kontrollen sind nötig, um unsere neueste Abwehrwaffe vor feindlichen Blicken zu schützen und geheimzuhalten.«
»Geheimhalten? Die ganze Welt weiß inzwischen, welche Geheimwaffe wir verbergen! Herr Gott! Ist dieser Bunker sogar vor Nachrichten geschützt?«
»Nicht so sarkastisch, Sarah. Der Mann führt nur seine Befehle aus. Du hingegen wirkst allem Anschein nach ziemlich abgekämpft. Hast eine verdammt lange Zeit in dem Paladin zugebracht. Eng eingepfercht, die halbe Welt umrundet.«
Die Frau wusste sofort, wer sich ihr hinter ihrem Rücken genähert hatte. Entnervt rollte sie mit den Augen.
»Etwas Wasser und eine warme Mahlzeit dürfte deiner Stimmung zuträglich sein.«
Eine allzu bekannte Gestalt hatte sich vor ihr naserümpfend aufgebaut. Das Gesicht schaute sie dennoch freudestrahlend an, während man immer noch versuchte, sie aus dem offensichtlich leicht beschädigten Paladin zu befreien.
»Meine Liebe, alles, was der junge Mann verhindern möchte, ist die Weitergabe unserer Technologie. Natürlich ist uns allen bewusst, dass die restliche Welt nun weiß, dass wir eine mächtige Waffe mit dem Paladin in den Händen halten. Die Technologie, die zu seiner Tarnung führt, oder dessen Panzerung, kennt sie aber sicher nicht. Das soll auch noch eine ganze Weile so bleiben.«
Er sah an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie noch etwas anderes beschäftigte, und legte nach.
»Ich weiß, woran du gerade denkst. Sie wurden alle herausgeholt. Keiner aus deinem Team wurde zurückgelassen, wenn auch unglücklicherweise nicht ganz an einem Stück.«
Er besah sich interessiert den Paladin und tätschelte ihn zufrieden.
»Und deine Kameraden auch nicht«, meinte er zufrieden.
Die Frau schnaubte geradezu vor Verärgerung.
»Wie schaffst du es nur immer wieder, dabei die Haltung zu bewahren? Himmel! Die Welt ist in Alarmbereitschaft! Nicht nur wegen der Miles!«
Ihre Erregung erzeugte in keinster Weise bei ihrem Gegenüber auch nur die geringste Gemütsregung.
»Lass uns doch das Gespräch in meinem Büro bei einer Tasse Tee weiterführen«, gab er in väterlichem Ton zurück.
»Sobald ich etwas gegessen habe und mich frisch machen durfte?«
»Das solltest du auf alle Fälle als erstes tun. Ach, und noch etwas: Schön, dass du wieder hier bist.«
Damit wandte er sich von ihr ab und überließ sie der Obhut der Techniker, die der Frau weiterhin aus dem Anzug halfen.
»In meinem Büro! In einer Stunde! Ich bin schon ganz gespannt auf deinen Bericht!« rief er ihr ein letztes Mal beim Davonlaufen zu.
Wenige Minuten später hatte man Sarah White aus dem verbeulten, aber dennoch funktionsfähig gebliebenen Paladinanzug befreit. Eine deformierte Panzerplatte aus den Kämpfen mit den Miles hatte verhindert, dass sich der Öffnungsmechanismus auslöste. Noch ein wenig ungelenk von der langen Fahrt und der Tatsache geschuldet, dass sie sich auf dem Truck nicht bewegen durfte, lief sie in Gedanken nach einer warmen Mahlzeit und einer Dusche davon.
»Boah, mir wird gleich schlecht«, stöhnte ein Techniker angewidert, als er sich den Anzug näher besah. »Auf alle Fälle müssen wir das Belüftungs- und Entsorgungskonzept des Panzers neu überdenken.«
»Auf alle Fälle«, pflichtete ihm ein nahestehender Kollege bei. »Stinkt ja bestialisch. Ich muss mich gleich überge...«
»Ich kann Sie beide immer noch hören, meine Herren!« Peinlich berührt, warfen sie der davonlaufenden Frau einen verstohlenen Blick nach.
»Soldat! Ich möchte, dass Sie unseren beiden Gästen mitteilen, dass sich ihr kleiner Aufenthalt bei uns dem Ende zuneigt. Sagen Sie ihnen doch bitte, dass sie sich bereithalten sollen, diese Einrichtung zu verlassen. Ich schicke ihnen in Kürze jemanden vorbei, der sie zurück zur Oberfläche begleiten wird.«
»Natürlich, Mr. Donato. Noch einen weiteren Wunsch, Sir?« Donato verneinte. Die Ordonanz machte auf dem Fuße kehrt und schickte sich an, das Zimmer des Stationskommandanten zu verlassen, als die Tür zu seinem Büro im gleichen Moment aufflog. Völlig überrascht sprang die Ordonanz, einem Instinktreflex folgend, zur Seite, um nicht vom Türblatt erfasst zu werden. Das jugendhafte Gesicht einer Mittdreißiger Jahre alten Frau starrte den Soldaten an. Ihr warmer, hellbrauner Hauttyp, ihre akzentuierten Augenbrauen und ihre langen, schwarzen Wimpern verrieten eine orientalische Herkunft. Die äußerst impulsive Türöffnung durch die gerade einmal einen Meter sechzig große Frau zeugte vom Temperament einer ungezähmten, Stute. Lediglich die streng zu einem Zopf geflochtenen, ebenfalls langen, schwarzen Haare, sprachen für eine oberflächlich gebändigte Natur, die sich allenfalls ihrem direkten Vorgesetzten unterordnen würde. Eine lange Narbe entlang ihres linken Unterkieferknochens hob sich dagegen hell von ihrem dunklen Teint ab. Make-up kam für sie nicht in Frage. Sie trug sie ganz offensichtlich voller Stolz. Gleichzeitig schien sie aber noch etwas anderes zu bedeuten, nämlich eine Warnung und die Bereitschaft, jederzeit auf einen Kampf vorbereitet zu sein.
»Ah, da bist du ja! Wie schön, dass du es einrichten konntest. Tritt ein!« Donato erhob sich aus seinem Sessel und wies Sarah White einladend den Stuhl vor seinem Tisch zu. Kaum dass sich die Ordonanz von dem kleinen Zwischenfall erholt hatte, drängte sie sich eiligst an der Frau vorbei und zur Tür hinaus. Sarah setzte sich vor den lächelnden Kommandanten in den Stuhl.
»Du lässt also unseren letzten Erwachten frei? Habe ich das eben richtig verstanden?«, begann sie.
»Ihn und noch jemanden.«
»Noch jemanden? Wen?«
Donato machte eine abwehrende Handbewegung.
»Alles zu seiner Zeit. Du erfährst es ohnehin gleich.«
Aus einer Schublade seines Schreibtisches stellte er zwei Tassen vor sich auf den Tisch.
»Tee, Kaffee, Wasser?«
»Danke. Ich komme gerade aus der Kantine.«
Ein wenig enttäuscht stellte er die Tassen zurück.
»Du musst wegen mir nicht auf deinen Tee verzichten.«
Donato wehrte flüchtig lächelnd ab.
»Wie waren die letzten Monate?«
»Ich habe meine Berichte geschrieben, wenn du das meinst.«
»Das weiß ich, Shari. Ich habe sie gelesen. Unser Nachrichtenteam schätzt dich im Übrigen sehr für deine ausführlichen Einsatzberichte.«
Donato legte eine kleine, schöpferische Pause ein.
»Ich möchte gerne von dir persönlich wissen, wie du das Land wahrgenommen hast. Vom ärmsten Einwohner der entlegensten Region bis hin in Regierungskreise konntest du Chinas hierarchische Strukturen kennenlernen. Wie ist dein Gesamteindruck? Wie und was denken die Menschen? Welche Erwartungshaltung haben sie an ihr eigenes Land? Welche Befürchtungen tragen sie mit sich herum? Wie richten sie ihren Blick auf die übrige Welt aus? Meinst du, sie würden eine Kooperation von ungewöhnlicher Tragweite mit den USA eingehen?«
Sarah stutzte argwöhnisch, während ihr Gegenüber sie unbeirrt und erwartungsvoll anstarrte. Offensichtlich erwartete er tatsächlich eine Antwort darauf. Zögerlich begann sie zu berichten.
»Einmal von ihrer Größe abgesehen, ist diese Nation in ihrer einzigartigen Kultur mannigfaltig. Ich glaube kaum, dass du in der Lage bist, anhand meiner beschränkten Eindrücke Rückschlüsse über das gesamte Land zu ziehen. Chinas Herz schlägt eindeutig entlang seiner Küste.«
»Bitte, Shari! Keinen Geographieunterricht.«
Sie schaute ihm tief in die Augen und begann von vorne.
»Du kannst den American Way of Life nicht mit diesem Land vergleichen. So etwas gibt es dort schlichtweg nicht. Selbstverwirklichung im eigentlichen Sinne ist nicht zugelassen. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Deine Ideen, deine Zeit und dein Leben sind Staatseigentum. Wie viel du wissen darfst, hängt von deiner sozialen Rangordnung ab. Machst du Fehler, wirst du degradiert, bestraft oder es geschieht noch Schlimmeres. Sie bestrafen auch deine Angehörigen. Blinder Gehorsam sowie Loyalität zu deinen Vorgesetzten sind Grundvoraussetzung eines jeden Chinesen, um in der Masse nicht aufzufallen. Selbst in den eigenen vier Wänden musst du befürchten, vom Partner oder von deinen Sprösslingen verpfiffen zu werden. Die Angst vor Strafen ist allgegenwärtig. Man kann dir alles nehmen. Einfach alles! Kameras auf den Straßen, wo du auch hinschaust. Ein regimekritisches Wort, und sie verfolgen deine Handlungen, frieren dir die Konten ein. Aber..«
»Aber, Shari?«
»Es gibt auch noch eine andere Welt. Eine, die neben der staatlichen, im Verborgenen spielt. Dort ist alles erlaubt. Man darf sich nur nicht erwischen lassen. Gegensätzlicher könnte diese Welt gar nicht sein. Je länger ich in den Großstädten war, desto mehr erfuhr ich von im Hintergrund schwelenden, sozialen Gesinnungen der Menschen. Sie hängen unmittelbar mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage des Landes zusammen. Alle Nationen spüren Chinas Wachstumsboom. Alles, was sich heute nur irgendwie produzieren lässt, kommt aus China. Unser Profitgedanke hat dazu geführt, dass selbst die kleinsten Produktionsschritte dorthin ausgelagert werden. Wer heute am Markt überleben will, muss billig produzieren. So bestimmt es die Nachfrage. China stellt für die ganze Welt her und das auf Kosten ihrer Gesellschaft. Seine austauschbaren Arbeitskräfte werden gezwungen, für wenig Geld unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen im Schichtbetrieb zu arbeiten. Nach zwölf oder noch mehr Arbeitsstunden bleibt ihnen kaum mehr Zeit, ihr tägliches Leben zu organisieren.«
»Komm zur Sache, Shari. Das kennen wir schon«, unterbrach sie der Kommandant ungeduldig.
»China befindet sich in einem Umbruch. Sein Wachstumsmarkt, gleichwohl er im Vergleich zu anderen Ländern immer noch hoch ist, schrumpft von Jahr zu Jahr. Die Staatsmacht ist im Begriff, ihre unangefochtene Souveränität ein Stück weit aufzuweichen. Sie gibt ihren Konzernen dafür eine Stimme. Ganz einfach: Man möchte sich neue Märkte erschließen. Dazu gehört auch, dass das Militär seit Jahren schon aufgerüstet wird. Das äußerst erfolgversprechende Weltraumprogramm schlachten sie zudem für Propagandazwecke für die Bevölkerung aus. Es erzeugt ein Gemeinschaftsgefühl wie in den goldenen 1960ern in den USA. Stolz und Ehre ... Die es ihnen an anderer Stelle durch Menschenrechtsverletzungen wieder nimmt. All das spricht meines Erachtens für eine bevorstehende Expansion, wenn du mich so fragst.«
Donatos Augen funkelten.
»Ich weiß, es gibt keine wirklichen Beweise für meine These, aber du wolltest doch meine Einschätzung«, bemerkte die Frau.
»So wie die Medien derzeit berichten, steht eine Umwälzung des Regimes bevor, doch damit ist am wenigsten zu rechnen. Demokratisch wird man nicht über Nacht. Klar finden Reformen im Kleinen statt. Konsum und Wachstumsförderung im eigenen Land anzukurbeln, hat schließlich auch etwas mit Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung der Bevölkerung zu tun. Es sind nur sehr kleine Schritte, die dem kurzgehaltenen Volk zugestanden werden. Früher oder später wird es sich jedoch nach Demokratie sehnen. Was mich ins Grübeln geraten lässt, ist, dass ein durch und durch kommunistisch geführtes Land niemals die Bestie der Freiheit auf ihre Geknechteten loslassen wird. China plant etwas, vielleicht viel Schlimmeres, als wir uns bislang vorstellen können. Der Vorfall im Talkessel. Ich bin noch nicht dahinter gekommen.« Verärgert schüttelte sie ihren Kopf.
»Alles hängt mit diesem Fischpulver zusammen, da bin ich mir sicher. Ich hab‘s versaut, echt richtig versaut. Sie haben mich immer an der langen Leine gehalten.«
»Ich weiß, Shari. Es war von Anfang an ein abgekartetes Spiel. Sie benötigten zur Umsetzung ihres teuflischen Plansdie Hilfe von kapitalistischen Infiltratoren. Das US-Pharmaunternehmen CF-L (Care-Free Life) beispielsweise.«
»Woher willst du das wissen?«
»Wir wissen bereits, was die Chinesen vorhatten. In der Tat etwas Teuflisches. Die Person, die du gleich zur Oberfläche geleiten sollst, teilte mir diese Informationen mit.« Shari holte tief Luft, doch Donato schnitt ihr das Wort ab, noch ehe sie fragen konnte.
»Bevor du mich gleich fragst, woher sie ihre gesicherten Kenntnisse bezogen hat, verrate ich es dir lieber gleich: von dem Alien. Höchstpersönlich.«
Donato wartete auf eine Reaktion der Frau. Sie blieb jedoch aus.
»Ihr propagandistisches Machwerk verfolgt einen weitaus größeren Sinn und Zweck, als wir angenommen hatten. Es geht dabei um nichts Geringeres, als den Weltmarkt nachhaltig zu ihren Gunsten umzuverteilen. Du warst in ihrem dreckigen Spiel nur eine kleine Schachfigur, die man vom Brett stoßen wollte. Bislang konzentrierten sich unsere Nachrichtendienste ausschließlich auf die militärischen Belange. Wir haben richtig geschlafen, Shari.«
»Das hilft uns jetzt auch nicht weiter. – Dort unten, im Talkessel: Unsere Paladine wurden von chinesischen Truppen gefilmt, als das Lager durch die Miles zerstört wurde.«
»Bei all dem Pech doch ein glücklicher Umstand im Nachhinein. Findest du nicht?«
»Wie meinst du das?«
»Wir waren nicht diejenigen, die das Lager zerstört haben. Ursprünglich war die Falle aber auf uns zugeschnitten. Es hätte so aussehen sollen, als ob die Amerikaner die Silos in die Luft gejagt hätten. Aber jetzt sieht es so aus, als ob wir ihnen zu Hilfe eilten. Schlecht nur, dass jetzt alle Welt über unsere neue Waffe Bescheid weiß. Dafür können wir unsere Hilfe den Infizierten jetzt selbst anbieten. Diesen Umstand werden wir zu unserem Vorteil nutzen«, erklärte Donato sehr selbstzufrieden.
Sarahs Blick wich einem ausgelassenen, wissenden Lächeln aus.
»Wie heißt der Verräter, der den Miles offenbar so gut kennt?«
»Das, meine Liebe, ist dein nächster Auftrag!«
Wie zum Signal erhob sie sich vom Stuhl, der durch die abrupte Bewegung zur Seite kippte.
»Nicht so schnell! Setz dich wieder. Dein neuer Auftrag kann noch ganz kurz warten. Beende zunächst diesen hier.«
»Habe ich getan. Bericht und Sprachmemos wurde allen übergeben.«
Donato winkte ab.
»Hast du etwas über den Miles herausfinden können, worum ich dich gebeten habe?«
»Wir filmten die Auseinandersetzung, die sich die Miles untereinander lieferten.«
»Und?«
»Zitrone. Ich hätte jetzt doch ganz gerne einen Tee, bitte«, deutete die Frau mit einem Fingerzeig auf Donatos Schublade, bevor sie den Stuhl wieder aufrichtete und sich genüsslich darauf niederließ.
Donato setzte sein breitestes Grinsen auf.
»Aber sicher doch, mein Goldstück.«
Eiligst zog er die Schublade mit den Tassen wieder heraus und goss erst ihr und anschließend sich selbst heißes Wasser aus einer nebenstehenden Thermoskanne ein. Frisch zugeschnittene Zitronenscheiben aus seinem kleinen eingebauten Bürokühlschrank schwammen kurz darauf im heißen Wasserbad und verströmten ihren sauren Geschmack. Schweigend tranken sie einige Schlucke Tee.
»Wir filmten ... «, nahm Shari schließlich den Faden wieder auf, » ... mit unserem funktionstüchtig gebliebenen Paladin jede Aktion des einzig noch lebenden Aliens. Den ursprünglichen Alien. – Ziemlich heiß. Der Tee.«
»Du sprichst vom Miles, der sich der Welt als erstes zeigte?«, fragte Donato, ohne auf die Nebensächlichkeit des Tees einzugehen.
»Korrekt. Es gibt nichts, womit man diesem Monstrum beikommen könnte.«
Donatos Mine erstarrte zu Stein. Seine Augen formten sich zu Schlitzen.
»Trotzdem leben zwei dieser Monstren nicht mehr«, ergänzte er. Sein Gegenüber nickte unmerklich. Jetzt hatte sie wieder ihren eiskalten Blick angenommen, der sie wie eine kaltblütige Agentin aussehen ließ.
»Brodelnder Lava kann kein Miles entkommen. Allerdings muss man schon rabiat mit ihnen umgehen, denn die beiden kleineren Miles hatten alle Hände voll zu tun mit dem Riesenmonstrum. Hätte der sich in seine Kugelform zurückverwandeln können, wäre vermutlich nicht einmal die Lava stark genug gewesen, seinen Panzer aufzubrechen. Bei den beiden anderen dürfte dies zumindest nicht zutreffen. Der andere angeschlagene Miles ging schon mal ohne Anstalten in der Lavasuppe unter. Vermutlich war er einfach schon zu schwach, um sich selbst zu retten.«
»Bleibt nur der ursprüngliche Miles übrig. Was können wir also tun, um ihn für ein Bad in einem der aktiven Vulkane zu begeistern?«
»Ich war ja noch nicht fertig.«
»Sehr gut. Ich dachte schon, das sei es gewesen.«
»Ich habe mir die Kampfszenen, die sich die Aliens lieferten, während meiner Rückkehr noch einmal ganz genau unter die Lupe genommen. Schließlich musste ich nahezu einen ganzen Tag lang in einem der Paladine eingekeilt verbringen. Ich hatte also viel Zeit, mir wieder und wieder die Aufnahmen anzuschauen und sie nach Schwachstellen zu analysieren. Eines ist mir dabei aufgefallen.« Sarah bedeutete mit einem leichten Nicken auf den Rechner, der auf dem Tisch stand. Donato verstand sofort. In Windeseile lud er die Aufnahmen hoch.
»Zeig mir die Stelle, die du gesehen haben willst«, forderte er sie auf und drehte seinen Monitor ein Stück weit zur Seite, so dass sie bequem darauf schauen konnte.
»Darf ich, bitte?«
Sarah zeigte auffordernd auf die Tastatur. Wortlos schob er sie ihr zu. Ihre Finger wanderten zielsicher über die Tasten.
»Hier. Bitteschön.«
Donato starrte gebannt auf den Bildschirm.
»Nochmal von vorne!«
Sarah spielte die Szene zurück.
»Einfach genial! Das ist mehr, als ich erhofft hatte. Gutes Auge, Sarah.« Donato klatschte mit der flachen Hand auf den Tisch. Er war voller Euphorie.
»Das ist noch nicht alles.«
»Was? Du zeigst mir gerade, wie wir diesen Alien zur Strecke bringen können, und du legst noch einen drauf? Raus damit! Es könnte keinen besseren Zeitpunkt geben als diesen.«
»Während des Kampfes über dem Vulkan konnte einer der Miles dem Monstrum einen Arm abtrennen. Das führte schließlich dazu, dass es sich während seines Sturzes nicht in seine Kugelform zurückverwandeln konnte. Uns hingegen gelang es, den abgetrennten Unterarm des Monstrums aufzufangen, bevor der ebenfalls ins Magma fiel. Ich bin schon ganz gespannt, was unsere Laboringenieure dazu sagen werden.«