Herz oder Hirn

HERZ ODER HIRN

LILLITH KORN

Für alle, denen ein bisschen Herz – oder Hirn – nicht schaden könnte.

1

KATASTROPHE

VOR EINIGEN JAHREN …

Egal, welchen Sender sie auf dem batteriebetriebenen Radio einstellte, überall berichteten Nachrichtensprecher mit bebender Stimme über die Katastrophe. Die Seuche, die die Bevölkerung Amerikas radikal dezimiert und Millionen von Opfern gefordert hatte.


… Bitte bleiben Sie vor allem nach Sonnenuntergang in Ihren Häusern. Die Verseuchten scheinen nachtaktiv zu sein. Experten vermuten, dass die UV-Strahlen schädigend auf die Erkrankten wirken. Verriegeln Sie Türen und Fenster. Wenn Sie oder ein Familienangehöriger von einem Verseuchten verletzt wurden, isolieren Sie ihn und sich selbst sofort. Die Epidemie breitet sich rasant aus …


Granny legte eine Hand auf ihren Arm. »Schalt das lieber aus, mein Schatz.«

Sarah schaute auf. Granny Kate sah blass aus. Dunkle Ringe hatten Furchen unter den Augen geschlagen, und obwohl sie bereits vorher alt ausgesehen hatte, wirkte sie jetzt um weitere zehn Jahre gealtert.

»Ist schon okay. Ich hab keine Angst, ich hab ja noch euch. Außerdem bin ich zwölf und kein Baby mehr«, erwiderte Sarah tapfer. In Grannys Augen blitzte Stolz auf, aber auch etwas anderes, das Sarah nicht benennen konnte.

Gemeinsam saßen sie auf dem Sofa und warteten auf Mum und Dad, die gerade Essen und Tee in der Küche zubereiteten. Vermutlich dämmerte es inzwischen. Sarah konnte es nicht mit Sicherheit sagen, weil Dad alle Fenster vernagelt hatte, damit keines dieser Monster hereinkommen konnte. In der Küche würde sie es sehen, dort gelangte regelmäßig Licht durch eine winzige Ritze.

»Mein tapferes Mädchen.« Kate lächelte.

Sarah lächelte zurück und im selben Moment traten ihre Eltern endlich ins Wohnzimmer. In den Händen hielten sie ein Tablett mit einer Kanne Früchtetee und aufgewärmter Fertignahrung.

Sarah eilte zur Arbeitsecke ihres Vaters, um das Feuerzeug zu suchen. Vorsichtig lehnte sie die Axt an den Tisch, mit der Dad immer das Holz für den Kamin hackte.

»Sarah!«, rief Mum. »Verletz dich nicht an dem Werkzeug, die Klingen sind frisch geschärft!«

Sarah rollte die Augen. Kurz, nachdem die Seuche ausgebrochen war, hatte Dad all sein Werkzeug ins Haus geholt. Obwohl er bereits eine Schrotflinte im Haus verwahrte, hatte er darauf bestanden, damit sich im Notfall jeder etwas davon als Waffe nehmen könnte.

Seufzend ging sie zum gedeckten Esstisch und entzündete ein paar Kerzen, ehe sie sich alle setzten und Mum ein kurzes Gebet sprach.

Dann schnitt Dad eine Scheibe altes aufgebackenes Brot für jeden ab und Mum verteilte den Früchtetee.

Der Geruch von Lasagne schlug ihr entgegen, als sie die in der Mikrowelle erhitzten Verpackungen aufrissen. Sie aßen schweigend.

Gabeln schabten auf dem Aluminium.

Kate würgte.

»Ist alles in Ordnung?«, wandte sich Mum besorgt an sie.

Granny schüttelte den Kopf. »Ich muss euch etwas sagen.« Ihre Stimme glich einem Krächzen.

Im Hintergrund lief das Radio weiter: … Sie hören KFI AM 640. Es ist achtzehn Uhr. Bitte denken Sie daran, in den Häusern zu bleiben …

»Was ist denn, Granny?«, fragte Sarah und nahm einen weiteren Bissen.

Kate tupfte sich mit der Stoffserviette den Mund ab und holte rasselnd Luft. »Heute morgen wollte ich einige Dinge aus der Garage holen. Und da ist es passiert …« Sie schob den Ärmel hoch und offenbarte eine tiefe Verletzung am Arm. Unter der Haut zeichneten sich schwarze Adern ab, die sich von der Wunde aus verbreiteten und an verästelte Wurzeln eines Baumes erinnerten.

Stille.

Alle starrten Kate an.

Keine Gabeln schabten mehr auf Aluminium.

»O mein Gott!«, keuchte Mum. »Du bist … jemand hat …« Alle Farbe wich ihr aus dem Gesicht.

Dad ließ seine Gabel fallen und Sarah traten sofort Tränen in die Augen.

Kate schob den Ärmel wieder herunter. »Er hat mich nicht gebissen, nur gekratzt. Ich konnte fliehen und habe die Wunde sofort ausgewaschen, weil ich dachte, vielleicht, nur ganz vielleicht … Aber ich befürchte, es war zu spät. Es tut mir so leid. Ihr müsst mich isolieren. Ich spüre, dass es beginnt. Etwas geht in mir vor, ich –«

Das war keinesfalls nur ein Kratzer.

Wie von der Tarantel gestochen sprang Dad auf. Unter Mums schrillen Schreien packte er Kate und zog sie grob hoch.

Sarah sprang ebenfalls auf und schrie: »Dad! Was machst du denn da? Es geht ihr gut!«

»Ja, noch! Sie wird uns töten, wenn wir sie nicht sofort wegsperren! Uns läuft die Zeit davon! Heather, geh nach oben und bereite das Zimmer vor, damit wir es von außen verbarrikadieren können!«

Doch Heather, ihre Mum, war starr vor Schreck. Stumme Tränen liefen ihre Wangen hinab. Sie sah nicht aus, als würde sie sich jemals wieder bewegen können.

Sarahs kleines Herz hämmerte, in ihren Ohren rauschte es.

»Beeilt euch …«, flüsterte Kate.

… Wenn Sie oder ein Familienangehöriger von einem Verseuchten verletzt wurden, isolieren Sie ihn und sich sofort. Die Epidemie breitet sich rasant aus …, wiederholte der Radiosprecher zum xten Mal.

Kate warf ihr einen letzten flehentlichen Blick zu, verdrehte die Augen und sackte in den Armen von Sarahs Dad zusammen.

»Jetzt hilf mir doch einer!«, fluchte er. »Bereitet das Zimmer vor, verdammt noch mal! Heather! Sarah Kate Adinson!«

Mit diesen Worten riss er alle aus der Erstarrung.

Sarah sah aus dem Augenwinkel, dass ihre Mum sich regte.

»Geh nach oben, Sarah, sofort!«, keuchte sie.

Sarah gehorchte. Sie rannte nach oben und öffnete dort die Tür zum Gästezimmer.

Das Prozedere hatten sie etliche Male besprochen. Wenn es einen von ihnen erwischte, würden sie ihn in diesen zuvor präparierten Raum sperren. Von außen hatte Dad mehrere Riegel angebracht, deren Schlösser Sarah nun holte. Im Zimmer selbst standen ein großer Wasservorrat und einige Rationen an haltbarem Essen.

Unten klirrte und schepperte es. Sarah hörte ihr eigenes Schluchzen, während sie alles kontrollierte und die Schlösser samt Schlüssel an sich nahm. Granny, ihre liebe Granny!

Weinend stürzte sie die Treppen hinab – und erstarrte.

Kate drehte sich zu ihr um, das Gesicht zu einer blutigen Fratze verzogen. Etwas hing aus ihrem Mund. Ein Stück Fleisch. Schließlich beugte sie sich gierig wieder zu ihren Opfern und schmatzte weiter. Mum und Dad lagen auf dem Boden und bewegten sich nicht mehr.

… Denken Sie daran: Der Zustand der Verseuchten ist nach bisherigem Wissensstand unumkehrbar. Wenn Sie auf einen von ihnen treffen, flüchten Sie sofort und kämpfen Sie nur im Notfall. Die einzig wirkungsvolle Methode scheint die Enthauptung zu sein, sofern sich anschließend von den Köpfen ferngehalten wird …

Sarah bekam kaum Luft. Sie japste, als sie allen Bedenken zum Trotz näher heranging. Das Schmatzen wurde lauter. Granny röchelte und verdrehte genüsslich die Augen, während sie Dads Gehirn verspeiste.

Mum und Dad! Granny hatte sie getötet … Schmerz explodierte in Sarahs Inneren. Er war so stark, dass sie meinte, entzweigerissen zu werden. So stark, dass sich alles in ihr abschaltete und sie aus purem Instinkt heraus handelte.

Verstecken, sie musste sich verstecken! Langsam drückte sie sich an der Wand entlang, Schritt für Schritt. Kate schien sie über ihr grausiges Mahl wieder vergessen zu haben.

Hoffentlich blieb das so. Dads Werkbank gelangte in ihr Blickfeld. Ob sie darunterkriechen konnte? Würde Granny sie weiterhin vergessen, wenn sie sich ganz ruhig verhielt?

Selbst die winzigen Schritte, die sie sich zutraute, ließen ihre Knie so sehr zittern, dass sie nicht glaubte, die Werkbank erreichen zu können. Jede Sekunde könnte Granny sie erneut entdecken und diesmal würde sie Sarah nicht verschonen.

Endlich erreichte sie den Arbeitstisch und klammerte sich an das Holz. Im selben Moment trafen ihre Finger auf etwas Kaltes und ein metallisches Klirren schallte durch den Raum.

Grannys Kopf zuckte hoch.

Panisch packte Sarah die Axt, die vor ihr auf den Boden gescheppert war, und ließ sie sofort wieder los, als Schmerz durch ihre Hand schoss.

Die Zeit blieb stehen. Fassungslos starrte sie auf ihren Finger. Blut quoll hervor und tropfte auf den Boden. Für eine Sekunde nahm sie nur das Geräusch wahr, wie ihr eigenes Blut auf den Boden traf. Selbst das Klirren der Axt hatte nicht derart in ihren Ohren gedröhnt. Das Geräusch veränderte sich. Wurde tiefer, grollender.

Irritiert hob sie den Blick und starrte in Grannys tote Augen, die sie hungrig vom anderen Ende des Raumes aus fixierten. Das Grollen, das zwischen den herabhängen Hautfetzen aus ihrem Mund drang, hatte nichts Menschliches mehr an sich.

In diesem Moment begriff Sarah, dass von ihrer Großmutter nichts mehr übrig war.

Das da vor ihr war ein Monster.

Es hatte ihre Eltern getötet.

Während der Zombie auf sie zustürzte, griffen ihre Hände selbsttätig nach der Axt. Mit einem Schrei kniff sie die Augen zusammen und holte aus.

Schmatzend traf die Schneide auf Fleisch.

Es polterte. Automatisch riss sie ihre Augen wieder auf. Das Monster lag vor ihr auf dem Boden und röchelte.

Noch immer hielt Sarah die Axt fest umklammert, dann brachen all der Schmerz und die Angst aus ihr heraus. Immer wieder schoss die Waffe hinab, durchtrennte Fleisch, Sehnen und Knochen. So lange, bis ihre Finger vom blutigen Stiel abrutschten und sie weinend neben ihrer toten Großmutter zusammenbrach.

2

SARAH

Die Haut hing ihm wie ein Lappen von der Stirn und versperrte seine Sicht. Schlurfend kam er näher, zog einen langen Schatten in der einsamen Gasse hinter sich her. Der Nebel um ihn herum ließ das Ganze wie aus einem schlechten Horrorfilm wirken. Er gurgelte und sabberte, streckte die verfaulten Hände nach vorn.

»Oh, bitte!« Enttäuscht ließ Sarah die Schultern hängen. »Ich hatte mich auf eine richtige Jagd gefreut.«

Als der Zombie ihre Stimme hörte, verschluckte er sich aus lauter Vorfreude an seiner eigenen Spucke – oder wie auch immer man die Substanz nennen wollte, die diese Fast-Toten produzierten. Das Gurgeln in seiner Kehle hörte sich an wie ein überlaufender Whirlpool. Grausamer als das Geräusch war der Anblick. Blutige Speichelbläschen bildeten sich an den Lippen des Untoten, platzten bedrohlich in Sarahs Richtung.

»Igitt … besser, wir verkürzen das.«

Sie holte Schwung aus einer Drehung heraus und trat der Kreatur kräftig in den Solar Plexus. Den Spinning Back Kick hatte sie sowieso mal wieder üben wollen. Es knackte und das hirnlose Ding klatschte vornüber auf den Beton. Natürlich war es nicht tot. Es hatte zwar kaum noch ein Gesicht, doch das hielt es nicht davon ab, die Hände in den Boden zu krallen und sich röchelnd vorwärtszuziehen.

Sie nahm die Axt von ihrem Gürtel, ließ sie in ihrer Hand kreisen und mit einer geübten Bewegung auf den Zombienacken niedersausen.

Im Bruchteil einer Sekunde war der Kopf vom Rumpf getrennt und das Monster unschädlich gemacht. Zumindest weitestgehend.

Sarah befestigte die Waffe wieder, um die Hände frei zu haben. Der Körper zuckte ein paarmal, blieb schließlich reglos liegen. Der Kopf hingegen lebte ohne Körper weiter. Widerwärtig und vor allem gefährlich. Zudem gab es vollpubertäre Idioten, die diesen Dingern als Mutprobe die Hand zum Knabbern hinhielten – nicht selten mit fatalen Folgen. Deshalb war es besser, die Überreste zu vergraben, in Säure einzulegen oder Ähnliches. Vergraben bot sich zumeist an, denn wann schleppte man jemals einen Eimer Säure durch die Gegend?

Sie sah sich um. In dieser Sackgasse würde sie nichts finden.

»Wir drehen wohl noch ne Runde zusammen, bevor du den Holzpyjama anziehst«, sagte Sarah, holte aus und kickte den Kopf wie einen Fußball vor sich her. Schmatzende Geräusche mischten sich mit dem Knacken von Knochen und hallten von den Häuserwänden wider.

An einem Ende der California Street war tatsächlich ein kleines Stück Grünfläche. Die Köpfe zu verstauen, war das Nervigste bei der Jagd. Wenn die Zeit drängte, sammelte sie diese zum Schluss ein, doch im Moment herrschte beinahe gähnende Langeweile. Bedauerlich wegen der Kopfprämien, auf die Sarah es – wie jeder Jäger und jede Jägerin – abgesehen hatte.

Immerhin dauerte es nicht lange, bis sie ihren Klappspaten wegstecken und den letzten Rest Erde festtrampeln konnte. »Viel Spaß beim Dreckfressen. Ich komme dann später wieder und hole dich ab. Lauf mir bloß nicht davon.«

Sie befand sich in den Nebenstraßen einer angesagten Gegend, doch nachts war es überall ruhig, was die Menschen anging. Außer Jägern oder Suizidgefährdeten war selten jemand so dämlich, seine Behausung nach Sonnenuntergang zu verlassen, sofern es nicht gerade um Leben und Tod ging. Denn genau der lauerte, vor allem nachts, in Form von Zombies überall auf potentielle Opfer. Wissenschaftler forschten seit Langem, woran genau es lag, dass die Verseuchten nachtaktiv waren und ob UV-Strahlung wirklich eine schädigende Wirkung auf Betroffene hatte.

In letzter Zeit schienen es immer mehr Verseuchte zu werden. Außerdem hatte sie Gerüchte über riesige Ausbrüche in Los Angeles gehört, die sie zusätzlich beunruhigten.

Sie klopfte sich ein wenig Schmutz von der schwarzen Lederhose und zog das weiße Shirt glatt. Mist. Völlig versaut. Warum sie ausgerechnet diese Farbe für ihr Jagdoutfit wählte, wusste sie selbst nicht, aber sie mochte es so am liebsten. Vielleicht wegen des Kontrasts zu den schwarzen Kleidungsstücken. Schließlich überprüfte sie den Ledergürtel mit den Waffen. Er saß stramm, genau wie er sollte. Neben ihrer Lieblingswaffe, ihrer Mädchen-Axt, wie ihr Kollege Daniel regelmäßig höhnte, hingen ein Dolch und ihre Schaufel für unterwegs daran.

»Hnghnghng«, tönte es dumpf aus der Erde.

Gerade wollte sie sich darüber amüsieren, dass das Ding, wie schon so viele zuvor, offenbar versuchte, sich durch das Erdreich zu nagen, da krachte etwas gegen ihren Rücken und warf sie nieder. Mehr, als den Arm nach vorn zu reißen, schaffte sie nicht, bevor sie auf den Boden knallte und Schmerz in ihrem Handgelenk explodierte. Sie ignorierte ihn, drehte sich blitzschnell auf den Rücken und sprang auf die Füße. Ihr Herz raste, doch sie schaffte es, sich auf ihren Verstand zu konzentrieren. Wie hatte sie das überhören können? Drei Zombies, oder wie die Regierung sie nannte: Verseuchte, hatten sie umkreist. Drei!

Einer näherte sich von rechts, einer von links und der in der Mitte hatte sie höchstwahrscheinlich angegriffen. Das wenige Licht der Straßenlaterne zeichnete unheilvolle Schatten auf ihre Gesichter.

Der rechte war ihre beste Chance. Er humpelte ein wenig und eines seiner Augen fehlte, sein Gesicht entblößte lediglich eine mit Maden gefüllte Höhle. Seine Kleidung hing in dreckigen Fetzen an ihm herab.

Die anderen beiden waren vermutlich vor nicht allzu langer Zeit angesteckt worden, was sie aufgrund ihrer halbwegs intakten Körper um einiges gefährlicher machte. Ein Mädchen und ein Junge, um die achtzehn, also wenige Jahre jünger als Sarah. Beide in Jeans und Shirts, er mit Basecap, sie in Heels – gut, mit einem zumindest. Daher lief sie auch so komisch.

Alle drei starrten sie ausdruckslos an und gaben knurrende Geräusche von sich. Langsam, aber stetig, wie wilde Tiere, näherten sie sich ihrer Beute. Der in der Mitte war der Gefährlichste, das sah sie sofort. Er würde erneut angreifen. Seine rotunterlaufenden Augen blitzten vor Hunger.

Denk nach, Sarah, befahl sie sich.

Rechts erstreckte sich die 32th Avenue, links von ihr die verlassene Schule, die jetzt, während der Dämmerung, sicher von Zombies überrannt war. Ein Stück weiter vorn ging es in eine Straße mit Restaurants und Cafés, in der sich tagsüber das pure Leben tummelte. Dort hätte sie womöglich eine Chance, sich zu verstecken oder einen anderen Jäger zu treffen. Aber – nein, sie beschloss, umzudrehen, und sich hinter den Treppen im angrenzenden Park zu verstecken, damit sie die Monster einzeln erledigen konnte. Die meisten von ihnen waren zu dämlich, einen Baum hochzuklettern, also konnte sie genau das tun und dort in aller Ruhe abwarten.

Sarah hechtete los. Den Bruchteil einer Sekunde später geschah es erneut: Etwas krachte in ihren Rücken und riss sie zu Boden.

»Fuck!«, fluchte sie. Diese Drecksverseuchten waren noch schneller gewesen als gedacht! Wieder rollte Sarah herum, löste die Axt aus dem Gürtel und wollte sie hochreißen, da drückte jemand ihre Hand brutal zu Boden. Es war der Junge. Das Zombiemädchen setzte sich auf ihre Brust, presste Sarahs andere Hand nach unten und stieß etwas aus, das einem verrückten Lachen glich. Ätzender Speichel tropfte aus ihrem Mund.

Sarah wand sich, wollte sich befreien, doch der Zombiejunge war bereits zur Stelle. Mit seinen dreckverkrusteten Fingern strich er über ihre Stirn und seine Augen weiteten sich gierig.

»Hnghnghng!«, machte es wieder neben ihr, so als wollte der Schrumpfkopf unter der Erde seine Kumpel anfeuern. Fast hätte sie aufgelacht, doch die Zombie-Teens rissen bereits ihre Mäuler auf, um sich an Sarahs Hirn zu nähren.

Das Mädchen drückte ihr die Luft ab. Der Junge holte aus und schlug gegen ihren Schädel. Die Gehirn-Kokosnuss musste ja erst freigelegt werden … Zu ihrem Glück war ihr Kopf härter als seine fauligen Finger. Mit einem Ekel erregenden Geräusch brachen sie ab und der Zombiejunge betrachtete verwirrt seine verstümmelte Hand.

Vor Sarahs Gesicht schwirrten kleine Pünktchen herum. Sie keuchte schmerzerfüllt auf, zappelte und versuchte, den Moment zu nutzen und sich mit aller Macht hochzustemmen.

Da knackte und knirschte etwas. Dann ein Scheppern – und sie konnte wieder atmen.

Sarah sprang auf, taumelte. Ungläubig sah sie zwei der hirnlosen Wesen davonhumpeln. Einer lag neben ihr – kopflos. Sie rang nach Luft. Bevor sie den Blick hob, hielt sie die Axt schützend vor sich. Erst in diesem Moment entdeckte sie den jungen Mann, der vor ihr stand und sie mit seinen smaragdgrünen Augen förmlich durchbohrte. Die feinen Härchen an ihren Armen stellten sich auf.

War er einer von ihnen? Sie hatte noch nie erlebt, dass ein Verseuchter vor einem anderen weggerannt wäre. Eher hingen sie gemeinsam über ihrer Beute und schlürften sie aus.

Ihr Herz klopfte schneller. »Bist du einer von ihnen?«

Er riss die Augen auf. »Bist du bescheuert?«

Okay, wenn er antworten konnte, war er ein Mensch. Langsam ließ sie die Waffe sinken. Er hingegen ließ den Kopf des Untoten fallen, der unablässig mit den Zähnen klapperte.

Angeekelt betrachtete sie das Ding, bevor er es wegkickte.

Der Kerl hatte ihr das Leben gerettet. Sie wandte den Blick wieder zu ihm. Eine Strähne seines dunklen, kurz geschnittenen Haares hing ihm in die Stirn. Seine Gesichtszüge waren kantig und irgendwie gleichzeitig filigran.

»Schätze, ich muss mich bei dir bedanken«, brummte sie. »Das war echt knapp eben.« Gekonnt ließ sie die Axt vor sich kreisen. Eine dumme Angewohnheit, die sich verstärkte, wenn sie Unsicherheit verspürte.

»Hast du sie noch alle, nach Sonnenuntergang hier herumzuspazieren, Babygirl?«

»Oh, ein richtiger Charmeur.« Was war denn das für ein Freak? »Wer bist du, dass du glaubst, mir was vorschreiben zu können?«

»Ich bin der, der dir gerade deinen süßen Knackarsch gerettet hat, Mädel. Verzieh dich und lass dich hier nicht mehr blicken! Für kleine Blondchen ist jetzt Schlafenszeit. Also steck den Zahnstocher ein und verpiss dich.«

Wow, was für ein Riesenarschloch. Sarah war derart perplex, dass sie das Beil tatsächlich an den Gürtel klemmte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und machte keine Anstalten zu gehen. Wehmütig musterte sie ihn und seufzte. Entweder waren sie schwul, vergeben, Zombies oder – wie in seinem Fall – Idioten.

Er schnaubte. »Von mir aus bleib beleidigt hier stehen und lass dich fressen, mir scheißegal. Noch mal helfe ich dir nicht.«

Mit diesen Worten wandte er sich ab und ließ sie stehen.

Sie zog anerkennend eine Augenbraue hoch. Das mit dem Knackarsch konnte sie nur zurückgeben. Half nur leider nichts, wenn der Typ, der daran hing, ein kompletter Vollidiot war.

Sarah drehte sich um.

Shit.

Diesmal waren es fünf. Fünf! Und sie rannten verdammt schnell auf sie zu. Kampf oder Flucht?

Blitzartig zog sie ihre Axt – ehe sie am Arm gepackt und herumgeschleudert wurde. Im Reflex wollte sie zuschlagen, doch sie blickte in ein menschliches Gesicht und hielt sich gerade noch zurück.

»Glotz nicht, lauf lieber, oder willst du als Futter enden!? Das sind zu viele!«, keuchte der Kerl von eben.

Den Bruchteil einer Sekunde überlegte sie, dann rannte sie ihm hinterher. Er hatte recht. Selbst zu zweit war es zu riskant, sich den Verseuchten entgegenzustellen, und auch eine fünffache Kopfprämie war es nicht wert, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Sie spürte die Horde Hirnloser wie einen dunklen, stetig folgenden Schatten hinter sich, als sie gemeinsam in ein leerstehendes Haus sprinteten.

»Hier rein!«, rief der Typ und deutete auf eine offen stehende Tür in einen Raum hinein.

Etwas streifte Sarahs Rücken. In letzter Sekunde sprang sie. Einer der Verseuchten hatte bereits siegessicher seinen Arm hinter ihr ins Zimmer gestreckt, doch der Kerl knallte die Tür zu und trennte ihn kurzerhand ab.

Ein wütendes Brüllen folgte, während ihr Retter das Schloss an der Tür herumdrehte und aufatmete.

Mehre Male rumpelte es gegen das alte Holz und knackte bedrohlich. Vermutlich die restlichen Verseuchten, die nach und nach gegen die Tür donnerten, weil sie nicht rechtzeitig abgebremst hatten.

Dunkles Grollen füllte den durch eine Trennwand mit Durchgang zweigeteilten Raum. Der Tafel nach zu urteilen, musste es sich um ein Klassenzimmer oder etwas Ähnliches handeln.

Sarah rappelte sich auf und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sie musterte den jungen Mann.

Er sah sie finster an und zog etwas aus dem Hosenbund. Eine Klinge blitzte auf.

Wollte er sich den Verseuchten einzig damit entgegenstellen? Oder war es ein Trick gewesen? Hatte er sie hierherlocken wollen, um ihr etwas anzutun?

Er balancierte das Messer zwischen den Fingern. »Sieht aus, als würden wir doch noch etwas Zeit miteinander verbringen.«

»Ist das eine Drohung?« Sarah runzelte die Stirn. Automatisch fuhr ihre Hand zu der Axt.

Der Kerl bemerkte es und steckte das Messer weg, woraufhin sich Sarah entspannte.

»Keine Angst. Außer von denen da draußen hast du nichts zu befürchten«, entgegnete er.

»Ich habe keine Angst«, schnaubte Sarah, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen eine antike Kommode, die mit einem Knarzen reagierte.

Zur Antwort zog Mister Arrogant lediglich eine Augenbraue hoch. »Was machst du so spät hier draußen? Weißt du nicht, dass die Verseuchten nachtaktiv sind?«

»Für wie dumm hältst du mich eigentlich, du Affe? Jeder weiß das.«

»Na, offensichtlich nicht. Warum starrst du an die Decke, wenn du mit mir redest?«

»Du bist so aufgeblasen, dass du eigentlich da oben schweben müsstest. Ich baue nur vor.«

»Haha.«

»Dumme Frage, dumme Antwort.« Sarah grinste. »Ich jage. Was sollte ich sonst um die Zeit draußen machen?«

Er zog die Augenbraue noch ein Stück höher. »Du bist eine Jägerin?«

»Sagte ich doch. Kanns auch wiederholen, wenn das deinem Verständnis hilft.« Sie zwinkerte, um die Worte etwas abzumildern. Er verhielt sich wie ein arroganter Arsch – doch immerhin hatte er ihr auch geholfen. »Und was treibt dich in die Nacht?«

Er zögerte. »Geschäfte. Nichts, was dich interessieren dürfte.«

»Oha. Ein Mann der Elite also?«

Diesmal sparte er sich eine Antwort, während es vor der Tür weiter rumpelte und frustriertes Grollen ertönte. Doch jetzt, wo sie ihn genauer betrachtete, war es ohnehin offensichtlich. Er trug einen gut sitzenden Anzug und der Hinweis »Geschäfte« konnte bloß bedeuten, dass er tatsächlich der Elite angehörte. Den Reichen, die nie um ihr Leben bangen mussten, immer genug zu Essen hatten und in eingezäunten Villengegenden lebten. Wieso half er ihr überhaupt?

Das Grollen schwoll an. Und kam aus einer anderen Richtung. Es kam näher … Moment. Wie konnte das –

»Verdammt, wo kommen die jetzt her? Vorsicht!«, rief ihr Begleiter und warf sich vor sie. Irgendwie waren ihre Verfolger eingedrungen und er kämpfte bereits gegen zwei von ihnen. Sie schienen ihm immer wieder auszuweichen und zu Sarah zu wollen. Seltsam.

Eilig sprang Sarah auf die Beine und zog die Axt. Im selben Schwung schleuderte sie sie auf einen Untoten zu, dessen Kopf Millisekunden später fein säuberlich abgetrennt zu Boden fiel, während ihr Begleiter einen anderen am Haarschopf nach hinten riss und ihm ebenfalls den Kopf abtrennte. Dunkles Blut spritzte auf seinen Anzug und in Sarahs Gesicht. Angewidert spuckte sie aus und widmete sich dem nächsten Eindringling.

Geschickt schlüpfte sie dazu unter dem Arm ihres Begleiters durch, der im gleichen Moment den nächsten Verseuchten enthauptete, als wäre das seine leichteste Übung. Gut, der Untote war ohnehin halb verfault gewesen und fiel mehr oder minder auseinander. Dennoch – was zur Hölle war das für ein Messer? Und warum zur doppelten Hölle schienen die Verseuchten ihn nicht beißen zu wollen, sondern nur sie?

Kämpf lieber, befahl sich Sarah.

Zwei noch.

Beide stürzten sich auf Sarah, ehe sie es tun konnte. Fast, als hätten sie sich abgesprochen. Sarah knallte durch den Schwung der Zombies auf den Boden. Einer landete auf ihr und sein fauliger Atem schnürte ihr die Kehle zu, der andere schmiss sich obendrauf. Sarah keuchte.

Der, der sich zuerst auf sie geworfen hatte, klapperte mit den Zähnen, als hätte er bereits ihr Fleisch im Maul.

Ihr Begleiter riss den oberen weg, sodass sie wieder ansatzweise Luft bekam. Ihre Rechte hatte die Axt nicht losgelassen. Sie holte aus und rammte sie dem Untoten ins Bein. Er jaulte auf und sie nutzte den Moment, um sich seitlich wegzurollen und wieder auf die Beine zu kommen. Erneut holte sie aus und trennte dem Monster den Schädel ab. Routiniert kickte sie den Kopf in die Zimmerecke und wirbelte zu dem Kerl herum, der noch immer kämpfte. Sein Gegner drückte ihm mit seinen beinahe fleischlosen Fingern die Kehle zu. Nur Millimeter trennten ihre Gesichter. In seinen Augen lag etwas, das sie nie zuvor bei einem von denen gesehen hatte: Angst. Oder?

Reflexartig packte Sarah den Angreifer am Haarschopf – und hielt diesen daraufhin in der Hand. Angewidert warf sie ihn davon, er klatschte gegen die Wand.

Ihr Begleiter nutzte den Moment, trat zu. Der Verseuchte taumelte einen Schritt rückwärts. Weit genug. Sarah holte mit der Axt aus und köpfte auch ihn. Wie in einem skurrilen Film rollte der Kopf davon und machte: »gnagnagnaaargna!«

Erschöpft lehnte sie die Hände auf die Knie und schnaufte durch.

»Nicht schlecht für ein Mädchen«, keuchte ihr Begleiter.

»Sexismus ist kein Kompliment«, knurrte Sarah.

Er schüttelte den Kopf. »Typisch Frauen, euch kann mans eh nie recht machen.«

Sarah riss die Augen auf. »Sag mal, bist du –«

»Hey, komm mal runter«, unterbrach er sie. »Das war ein Scherz. Hast echt nicht schlecht gekämpft.«

Sie verstummte einen Moment, unsicher, ob er sie verarschte. »Wieso bist du überhaupt zurückgekommen? Ich dachte, noch mal hilfst du nicht?«

Er klopfte sich etwas Staub von der Kleidung, straffte sich und brummte: »Offensichtlich habe ich einen guten Tag. Der endet jetzt, ich muss los.«

»Na, wenn so deine guten Tage aussehen … Wie sind die überhaupt hier reingekommen? Und warum wollten sie anscheinend nicht dich, sondern bloß mich?«

Der Typ deutete auf einen zweiten Eingang, der erst hinter der Zweiteilung des Raumes zum Vorschein kam. »Durch die Tür.« Die zweite Antwort blieb er ihr schuldig.

»Oh.«

Dann marschierte er los. Schweigend folgte Sarah ihm durch den maroden Flur aus dem Gebäude, bis sie wieder am Ausgangspunkt angelangten – an der Wiese, auf dem die toten Körper der vorigen Angreifer ihr fauliges Nichtmehrdasein fristeten.

»Sei in Zukunft vorsichtiger«, mahnte er und musterte sie noch einmal, ehe er schnellen Schrittes zur Straße lief, sich auf ein Motorrad schwang und losfuhr. Sarah sah ihm hinterher. Arroganter Fuzzi. Irgendwie. Und doch … Immerhin hatte er ihr geholfen. Das war ihr tatsächlich noch nie passiert. Schon gar nicht von irgendwelchen Bonzen.

Er hielt bereits an der nächsten Ecke, noch in ihrer Sichtweite. Dort stieg er ab und verschwand im Restaurant ›Franklin’s‹. Sie unterdrückte dieses fehlgeleitete Kribbeln in ihrem Bauch mühevoll, ehe sie sich abwandte und wieder mit der Dunkelheit verschmolz, um die Köpfe für die Prämien einzusammeln.

3

ETHAN

Sein Herz schlug unregelmäßiger als sonst.

Wütend presste er die Handfläche an den Hals, wo seine Ader nervös pulsierte. Was zur Hölle war bloß los mit ihm? Er war doch kein Teenager, der beim Anblick einer heißen Frau die Kontrolle verlor! Aber immer noch sah er sie vor sich, wie sie gegen die Hirnlosen gekämpft hatte. Wie geschmeidig ihr Körper sich während der Verteidigung bewegt hatte. Beinahe hätte er es verpasst, selbst zu kämpfen, so fasziniert war er gewesen.

»Mr Franklin, Sir!« Die Restaurantmanagerin eilte auf ihn zu. »Ihr Vater erwartet Sie bereits.«

»Was glauben Sie, warum ich hier bin?«, grollte Ethan und für eine Sekunde zuckte die Angestellte vor ihm zurück, dann legte sich ihre Professionalität wie eine Maske über ihre Furcht.

»Hier entlang, Sir.« Mit einem leichten Neigen ihres Kopfes trat sie zur Seite.

Er begnügte sich damit, ihr einen strafenden Blick zuzuwerfen, bevor er sich einen Weg an den Tischen vorbei Richtung Küche bahnte.

Obwohl die Sonne erst vor einer Stunde untergegangen war, war das Restaurant bereits gut besucht und das Gewirr der Gespräche machte ihn zornig. Am liebsten hätte er alle nach draußen gejagt. Was war nur los mit ihm?

Insgesamt acht Hirnlose so nah am Restaurant. Sie werden immer aufdringlicher, dachte Ethan unkonzentriert, ehe sich erneut das Bild der Blondine in sein Gedächtnis schob. Trotz ihrer frechen Art, mit der sie ihm entgegengetreten war, hatten ihre strahlend blauen Augen die Angst nicht vollständig verbergen können.

Knurrend schob er die Drehtür auf und augenblicklich strömten die scharfen Essensgerüche auf ihn ein. Er schenkte den zwei Köchen und ihrer Belegschaft ein kühles Lächeln und ignorierte ihre Begrüßungen. Er wollte die Sache mit seinem Dad hinter sich bringen und anschließend nach Hause, wo er hoffentlich seinen gesunden Menschenverstand wiederfinden würde.

Überall herrschte ein hektisches Gewusel, aber wie üblich gingen ihm alle aus dem Weg. Endlich war er im hinteren Teil des Gebäudes angelangt und die aufgeregten Geräusche verstummten, als wagte selbst der Schall nicht, Howard Franklin bei der Arbeit zu stören.

Ethan straffte die Schultern, bevor er nach einem kurzen Klopfen das Arbeitszimmer seines Vaters betrat.

Hinter einem wuchtigen Schreibtisch, auf dem sich Bestellscheine, Steuerunterlagen und Entwürfe für das neue Speisekartendesign stapelten, ragte die ebenso massige Gestalt Howards auf. Er sah nicht hoch, als sein Sohn in das Zimmer kam, und Ethan wartete stumm ab, wobei er ungeduldig den Daumen in seine Handfläche bohrte.

Endlich schob Howard die Papiere zur Seite. Ein Blick aus kalten engen Augen traf Ethan. »Du bist spät.«

»Ich bin so schnell gekommen, wie –«

»Stiehl mir meine Zeit nicht, Sohn! Was gibt es für Neuigkeiten?«

Ethans Fingernagel kratzte über seine Haut, während die Wut in ihm kochte. Natürlich gab er ihr nicht nach. Stattdessen reckte er das Kinn in die Höhe und gab mit ausdrucksloser Stimme Auskunft: »Das Chaos in Los Angeles ist beseitigt, unser Geschäft dort ist gerettet. Ich habe den Manager auf die Straße gesetzt und einen neuen gefunden. Wie ich bereits vorher gesagt habe, war das Produkt unrein und hat deswegen unsere Gäste –«

Ein weiteres Mal ließ sein Vater ihn nicht ausreden. Er donnerte die Faust auf den Tisch. »Genug mit der Klugscheißerei! Ich will Ergebnisse und keine Entschuldigungen oder Rechtfertigungen hören!«

Ethan schnaubte, zog sein Smartphone hervor, tippte kurz auf dem Display herum und zeigte mit einer knappen Kopfbewegung zu Howards Bildschirm. Während dieser die Mail öffnete und die Zahlen überflog, erläuterte Ethan die Statistik. Ein Wissenschaftler hatte sie für ihn angefertigt und Ethan hatte sich die wichtigsten Fakten gemerkt.

»Schon eine etwas größere Fläche pro Nutztier könnte dafür sorgen, dass die Hygiene immens steigt. Außerdem regelmäßige Gesundheitskontrollen und Impfungen. Wenn wir zusätzlich das Futter von Zucker und verschiedenen anderen Zusätzen befreien, reduziert das die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn befallen wird, um weitere 12,7 Prozent.«

Noch während er redete, bemerkte er die anschwellende Ader an Howards Schläfe. Schließlich platzte diesem der Kragen. »Und wer soll den ganzen Mist bezahlen?«

»Dad«, protestierte Ethan, »unsere Kette steht für höchste Qualität, willst du ernsthaft, dass die Leute das ›Franklin’s‹ mit dem nächsten Gammelskandal in Verbindung bringen?«

Howard sprang auf. Im Stehen war seine Gestalt noch imposanter und Ethan musste sich beherrschen, nicht zur Tür zurückzuweichen, während sein Vater auf ihn zustürmte. Dicht vor ihm blieb er stehen und stieß ihm den Finger in die Brust. »Es wird keinen Skandal geben, hast du mich verstanden, Ethan? Das ›Franklin’s‹ wird weiterhin die oberste Schicht unserer Gesellschaft anziehen und du wirst dafür sorgen, dass dieses kleine Malheur in Los Angeles nicht an die große Glocke gehängt wird. Kapiert?«

»Ist längst erledigt«, zischte Ethan zurück. »Ich bin ja nicht bescheuert! Niemand wird darüber reden. Ich meine nur, dass –«

»Ich will diesen Unsinn nicht mehr hören! Unsere Fabriken produzieren gute Ware. Glaubst du ernsthaft, irgendwen interessiert es, woher ihr Essen kommt, solange es weiterhin nahrhaft ist?«

»Die Änderungen, die ich vorgeschlagen habe, müssten uns gar nicht so viel kosten«, versuchte Ethan es erneut, obwohl er längst wusste, dass er auf verlorenem Posten kämpfte.

Howard musterte ihn abfällig. »Was habe ich nur für einen verweichlichten Scheißkerl großgezogen? Verschwinde jetzt, ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören. Dein Job ist es, dich darum zu kümmern, dass unsere Produktion weiterhin billig bleibt, aber teuer verkauft werden kann. Ist das klar?«

»Ja.«

»Dann sieh zu, dass du verschwindest. Sally soll dir die Termine für nächste Woche geben. Die Zeit ist nicht stehen geblieben, während du durch die Weltgeschichte gereist bist.«

Ethan nickte stumm. Ohne sich zu verabschieden, rauschte er aus dem Zimmer und konnte sich nur schwer zurückhalten, die Tür zuzuknallen.

Warum zum Teufel versuchte er es überhaupt? Er wusste doch, dass er bei seinem Vater nie etwas erreichen würde, wenn es nicht darum ginge, Geld einzusparen.

Brodelnd vor Wut suchte er die persönliche Assistentin seines Vaters auf und es kümmerte ihn nicht, dass sie ängstlich und hektisch ihren Terminkalender durchblätterte, weil er sie so laut anschnauzte, dass er sicher bis in die Küche zu hören war. Es war nicht seine Schuld, dass sie unvorbereitet war. Sie wusste so gut wie jeder andere von seiner heutigen Rückkehr.

Ihre Hände zitterten, als sie ihm endlich einen Plan überreichte. Er faltete ihn, ohne einen Blick darauf zu werfen, zusammen und steckte ihn in die Hosentasche.

»Beim nächsten Mal haben Sie den gefälligst fertig, bevor ich danach frage«, knurrte er zum Abschied und ging.


Vor ihrer herrschaftlichen Villa lungerte ein schlaksiger Kerl herum. Die Kapuze hatte er tief ins Gesicht gezogen und als Ethan an ihn herantrat, zuckte er erschrocken zusammen.

»Mann, ey, wieso schleichst’n dich so an mich ran?«, schimpfte er mit brüchiger Stimme.

Ethan seufzte. »Was machst du hier, Henry?« Er schob ihn zur Seite, wobei er in der Hosentasche nach seinem Handy kramte. Zum einen hoffte er, Henry so abwimmeln zu können, zum anderen hatte er an diesem Abend wirklich keinen Nerv mehr auf die Unterwürfigkeit der Bediensteten.

»Dich besuchen«, nuschelte Henry im selben Moment und schob die Kapuze vom Kopf. Er sah aus, als hätte ihn eine Horde Hirnloser durch die Wälder gejagt; in seinen Haaren steckten Äste, und Streifen voller Dreck zierten seine Wangen. Verwundert nahm Ethan zur Kenntnis, dass sogar seine Jeans zerrissen war. Außerdem wirkten seine Pupillen so groß wie Teller. Der Teufel wusste, was der Kerl schon wieder konsumiert hatte.

Inmitten des Bonzenviertels mit seinen gepflegten Gärten und weißen Zäunen wirkte Henry so deplatziert wie ein Sack Knochen in einem Schmuckladen.

Für einen Moment hatte Ethan das Bedürfnis, sich tatsächlich das Handy ans Ohr zu halten und ihn einfach stehen zu lassen. Er konnte auf Gesellschaft verzichten, wollte sich auf sein Zimmer verziehen und die Anstrengung der langen Reise abwaschen. Vielleicht ein bisschen an die heiße Blondine denken und wie sie hätte reagieren sollen, nachdem er ihr – zumindest großteils – den Arsch gerettet hatte. Eventuell würde er dann nicht immer noch an sie denken.

Seufzend schob er die Gedanken zur Seite.

»Magst keinen Besuch heute?« Henrys zögerliche Frage brachte ihn in die Gegenwart zurück.

Ihm lag das barsche »Nein!« bereits auf der Zunge, aber dann überlegte er es sich achselzuckend anders. Obwohl er keine Ahnung hatte, warum, bemühte Henry sich seit dem Internat, mit ihm befreundet zu sein. Ethan legte zwar keinen besonderen Wert darauf, aber Henrys Mutter, Lucy Johnson, war eine bekannte Lokalpolitikerin, die in letzter Zeit landesweit viele Schlagzeilen machte, und es konnte nie schaden, Kontakt zu einflussreichen Leuten zu haben. Auch wenn das bedeutete, sich mit einem professionellen Verlierer wie Henry abzugeben.

Entsetzt ertappte er sich bei dem Gedanken, dass er damit nicht besser war als die Frauen, die sich ihm wegen seines reichen Vaters an den Hals warfen.

»Komm rein«, schnauzte er deswegen nur und warf das Gartentor hinter Henry ins Schloss, ehe er ihn die Steinfliesen zur Verandatür hinaufführte.

»Cool, danke, Mann.« Henry trottete brav hinter ihm her und es schien ihn nicht zu stören, dass Ethan sich lang und breit über den Abend ausließ. Immerhin musste man Henry zugestehen, dass er ein guter Zuhörer war.

Während Henry sich auf dem Barhocker vor der weitläufigen Theke niederließ, durchsuchte Ethan hungrig den Kühlschrank. Er hatte den ganzen Tag nichts in den Magen bekommen und spürte, wie sich seine schlechte Laune dadurch verschlimmerte. Außerdem bekam er Kopfschmerzen.

Schließlich mixte er sich einen Shake zusammen und bot seinem Besuch ebenfalls einen an.

Henry wiegelte ab, wobei er wild in der Luft gestikulierte. »Nee, Alter, ich leb doch jetzt vegan!«

»Stimmt ja.« Ethan verdrehte die Augen, musterte Henry anschließend zum ersten Mal an diesem Abend wirklich. »Bist du deshalb so dürr geworden? Du siehst krank aus.«

»Mir geht’s viel besser seitdem!«

»Ich bin nicht sicher, ob das wirklich gesund ist.« Verwundert bemerkte Ethan, dass er sich tatsächlich Sorgen machte. Henry wirkte bleicher als sonst und seine Wangen waren eingefallen. Sicherlich ein erstes Zeichen der Mangelernährung.

»Na klar ist es das«, protestierte Henry, doch seine Augen folgten Ethans Hand und dem Glas, das er darin hielt, gierig. Er schluckte, bevor er sich wieder dem Dreck unter seinen Fingernägeln widmete. »Ich hab mir Studien durchgelesen, das ist echt interessant, was der Körper alles an Gift mit sich rumschleppt! Vegan ist die Zukunft, ich sag’s dir, Mann!«

Auf einmal hatte Ethan wieder die engen Käfige vor Augen und die grausigen Zustände, die in den Fabriken herrschten. Unwillkürlich schauderte er, aber seine Worte waren hart. »So ein Schwachsinn! Hast du schon mal was von Evolution gehört, du Idiot? Was glaubst du, warum wir uns so entwickeln konnten?«

»Das heißt ja nicht, dass wir das für immer machen müssen.«

Ethan bereute es zutiefst, Henry mit ins Haus genommen zu haben. Nach dem ganzen Stress hätte er auf eine weitere fruchtlose Diskussion durchaus verzichten können. Er knallte das halb leere Glas auf den Tresen und es hätte ihn nicht gewundert, wenn es auf dem glatten Marmor zerschellt wäre.

»Boah, alles klar bei dir?«

»Nein, ist es nicht!« Im letzten Moment hielt Ethan sich vom Brüllen ab. Er fuhr sonst nicht so leicht aus der Haut, doch an diesem Tag reizte ihn einfach alles. Schließlich strich er sich müde mit der Hand durch die Haare. »Ich glaube, ich hab heute keine Lust auf Gesellschaft.«

»Okay, okay.« Henry hob abwehrend die Hände. »Is ja gut, ich geh ja schon.«

Er sah ernsthaft enttäuscht aus, wie er da in seinen weiten Klamotten durch den langen Flur schlurfte, aber Ethan hielt ihn nicht auf. Er brauchte Ruhe, um endlich wieder zu sich zu finden.

Als Henry gegangen war, eilte Ethan zu seinem Fitnessraum. Er hatte sich damals gegen seinen Vater durchgesetzt und liebte dieses Zimmer, das komplett nach seinen Wünschen eingerichtet war. Hier konnte er sich auspowern und wenn der Schweiß in Strömen lief, ließen ihn auch seine Gedanken in Ruhe.

Während er die Hebel der Brustpresse zu sich zog, blitzte das Bild der jungen Frau wieder vor seinen Augen auf. Was sie wohl gesagt hätte, wenn er sie einfach an seinen Oberkörper gezogen hätte? Er stellte sich vor, wie er die Strähnen ihres hellen Haares, das in der Dunkelheit beinahe geleuchtet hatte, aus ihrem Gesicht strich und sie so hart küsste, dass all ihre schlauen Sprüche sie verließen und sie sich willenlos in seine Umarmung sinken ließ. Stattdessen hatte er sich ernsthaft auf ein Wortgefecht mit ihr eingelassen …

Verärgert begann er mit Klimmzügen und genoss, wie seine Muskeln unter der Anspannung zitterten. Wie Schweiß sein Gesicht hinunterlief. Wie der Geruch nach Stahl und Kraft seine Nasenflügel zum Beben brachte.

Den leichten Vanilleduft der Fremden konnte er jetzt fast nicht mehr riechen.

Fast.