Die Anfänge eines Schriftstellerlebens

Er ging über Grenzen, der junge Helmut Flieg, als Emigrant, als Jude.

In einer fremden Sprache, der englischen, fand er ein Zuhause. Mit seinen in englischer Sprache geschriebenen Romanen wurde er unter dem Namen Stefan Heym weltbekannt.

Dass sein Schriftstellerleben mit Gedichten begann, blieb im Dunkel. Im Stefan-Heym-Archiv in Cambridge finden sich in der Box A I annähernd 300 Gedichte. Viele sind in der Zeit zwischen 1930 und 1936 veröffentlicht, in Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien. Manches ist verloren gegangen. Das früheste veröffentlichte Gedicht erschien in der sozialdemokratischen Chemnitzer Tageszeitung »Volksstimme« am 1. Februar 1930. Helmut Flieg war damals gerade 16 Jahre alt.

Er schrieb Gedichte in Chemnitz als Schüler, in Berlin als Student, in Prag als junger unbekannter Emigrant. Aus verschiedenen Gründen benutzte er, nachdem er Chemnitz wegen der Veröffentlichung eines Gedichts verlassen musste, mehrere Pseudonyme – Melchior Douglas, Gregor Holm, Elias Kemp, und Stefan Heym, den Namen, den er später beibehielt. Aus der Zeit in Berlin und Prag finden sich in Zeitungen und Zeitschriften Veröffentlichungen von Gedichten und Texten unter diesen Namen.

Stefan Heym hat über die Anfänge seines literarischen Lebens und die ersten Jahre des Exils kaum gesprochen. Es war eine schwere und existentiell bedrohte Zeit. Vielleicht hat er darum den Blick zurück auf die Gedichte gescheut. »Let sleeping dogs lie«, sagte er einmal.

In seiner Autobiographie »Nachruf« finden sich einige kurze Bemerkungen zu dem Gedicht »Exportgeschäft«. Da heißt es »… ein bestenfalls mittelmäßiges, dilettantisches Gedicht über eine sehr nebensächliche Episode in der blutigen Geschichte der deutschen Armee«. Der junge Gymnasiast hatte das Gedicht in der Schulstunde geschrieben und war in der Pause in die Redaktion der »Volksstimme« gelaufen, um es dem Kulturredakteur Carl Meyer zu übergeben. Am nächsten Tag, dem 7. September 1931, in der Zeitung gedruckt, löste es einen politischen Provinzskandal aus, in dessen Folge er gezwungen war, die Schule in Chemnitz zu verlassen und schließlich, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, im März 1933 aus Deutschland weg über die Grenze nach Prag zu gehen.

Hätte er das Gedicht nicht geschrieben, so heißt es im »Nachruf«, es nicht veröffentlichen lassen, »wäre er vermutlich im Lande geblieben wie andere seinesgleichen und mit großer Wahrscheinlichkeit als Wölkchen über Auschwitz geendet«.

In den Gedichten erkennt man Gedanken und Themen, die sich in den späteren Romanen, Erzählungen, der Publizistik wiederfinden. Ein Lebensgefühl, ein Zeitgeist wird reflektiert. Hier spiegelt sich eine kritische Sicht der sozialen Verhältnisse, der gesellschaftlichen Widersprüche, in die der junge Helmut Flieg sich einmischte, wie Stefan Heym es bis zum Ende seines Lebens tat.

Peter Hutchinson sagt 2009 in seinem Essay »Stefan Heyms Exile Poetry as the Foundation for his later Fiction« in »German Monitor« Vol. 71: »Die Exilgedichte sind von grundlegender Bedeutung für Heyms spätere literarische Entwicklung … Die Welt der Gedichte mag wohl eine der Trauer, Armut und Ausbeutung sein, aber immer ist da ein Gefühl von Hoffnung und Widerstand, zuweilen auch Trotz erkennbar – ebenso ist später in den Romanen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, das Ideal der Freiheit von Ausbeutung und Unterdrückung gestaltet.«

Aus Anlaß seines 100. Geburtstages erscheint zum ersten Mal eine Auswahl der frühen Gedichte von Stefan Heym, die Anfänge eines Schriftstellerlebens. Die Gedichte gehören der deutschen Sprache an. Es finden sich keine Gedichte in englischer Sprache.

Inge Heym

Chemnitz 1930/1931

Nie wieder Krieg!

Es reitet der Tod auf einem Gerippe

Und mäht und mäht mit grausamer Hand.

Kanonen donnern,

Raketen blitzen,

Granaten heulen,

Tanks rollen heran.

Gasschwaden senken

Sich tief auf die Erde,

und keine Rettung

gibt’s vor dem Tod.

Es liegen Leichen

in jedem Trichter,

Fleischfetzen kleben

an jeder Wand.

Ein großes Morden

von Graben zu Graben.

Der Himmel speit Flammen,

die Hölle ist hier!

Du hältst reiche Ernte, Gevatter Tod!

Dein hären Gewand ist von Blute rot!

Wofür?

Frauen, wollt ihr wieder eure Kinder opfern?

Männer, wollt ihr wieder hingeschlachtet werden?

Söhne, wollt ihr wieder eure Zukunft geben für ein Nichts?

Nein, wir wollen leben, uns nicht töten lassen!

Niemals wieder wollen wir die Waffen heben gegen Brüder!

Nie wieder Krieg!

(1930)

Genies an Marmortischen

Wir sind sehr problematische Naturen.

Wir hocken im Café und tragen Locken.

Wir diskutieren über die Moral der Huren.

Wir reden viel. Und sitzen warm und trocken,

Es wäre Zeit für uns, die Stirnen aufzustocken.

Wir sprechen über Gott, anstatt zu beten.

Wir klappern Mund. Wir wollen nur – wir wollen!

Wir fühlen mit dem Abschaum der Proleten –

Doch würden die, die Fäuste ballend, vor uns treten,

Wir müßten uns genieren und uns trollen.

Wir stöhnen von der Kleinheit dieser Welt

Und schreien unsre Meinung, um die niemand bat.

Ein jeder glaubt sich selbst, er sei ein Held,

Und meint, er streue für die Zukunft Drachensaat …

Wo aber, frag ich, wo ist unsre Tat?

(1931)

Schmerzliche Erzählung

Als mein Bruder ins Feld zog,

Anfang achtzehn muß das gewesen sein,

dachte ich, die große Bahnhofshalle

fiele grau und donnernd über uns ein.

Ich hatte noch keinen großen Schmerz

durchlebt. Ich war ein junges Ding.

Und ich wußte, daß mein Bruder

sehr an mir hing.

Und sie standen am Fenster

ganz ruhig. Bleich und schmal war ihr Gesicht.

Und daran, daß sie wiederkämen,

glaubten sie wohl alle nicht.

Vielleicht hätten sie gerne geschrien:

Nein! – Ein großes, hartes, starkes Nein –

Aber nichts geschah. Ein jeder war

mit sich selbst allein.

Und mein Bruder sprang noch einmal vom Kupee herab,

beugte tief sich über meine Hände. Und er küßte sie.

Ich erschrak. Ich mußte krampfhaft schluchzen,

denn das tat er nie. –

Nach sechs Wochen hat man mir geschrieben,

er sei in eine Maschinengewehrgarbe geraten

und liegengeblieben.

(1931)

Exportgeschäft

Wir exportieren! Wir exportieren!

Wir machen Export in Offizieren!

Wir machen Export! Wir machen Export!

Das Kriegsspiel ist ein gesunder Sport!

Die Herren exportieren deutsches Wesen

zu den Chinesen! Zu den Chinesen!

Gasinstrukteure, Flammengranaten

auf arme, kleine, gelbe Soldaten –

Denn daran wird die Welt genesen …

Hoffentlich

lohnt es sich!

China – ein schöner Machtbereich.

Da können sie schnarren und schreien.

Ein neuer Krieg – sie kommen sogleich,

sie geilen sich auf an Sarghobelspänen:

Generale, Majore! Als ob sie Hyänen

der Leichenfelder seien.

Sie haben uns einen Krieg verloren.

Satt haben sie ihn noch nicht –

Wie sie am Frieden der Völker bohren!

Aus Deutschland kommt das Licht!

Patrioten!

Zollfrei Fabrikation von Toten!

Wir lehren Mord! Wir speien Mord!

Wir haben in Mördern großen Export!

Hurra!

Es freut sich das Kind, es freut sich die Frau,

von Gas werden die Gesichter blau.

Die Instruktionsoffiziere sind da!

Was tun wir denn Böses? Wir verbreiten doch nur

die deutsche Kultur!

(1931)

Lied an die Zeit

Wir klagen dich an, Zeit!

Wer wir sind?

Wir, die Gehetzten,

wir, die im kreisenden Lärm Verletzten,

wir sind –

Wir sehnen uns nach lauem Wind,

nach Blumen und Grün

und nach der Vögel schwingendem Ziehn –

Wir lachen über dich, Zeit!

Denn wir sind dir überlegen.

Wir kennen dein Bewegen,

deine schwächliche Nervosität,

die doch nicht hindern kann, daß es geht, wie es geht –

und des Vaters Schwäche kennt das Kind.

Wir lieben dich, Zeit!

Die eisernen Konstruktionen deiner Masten,

dein verderblich minutenpünktliches Hasten,

wir lieben dein Meer und den Atem deiner Schrauben.

Wir haben den Mut, wir haben den Glauben

an deinen Sieg, an unsern Sieg,

an der besseren Zukunft Sieg!

(1931)

Berlin 1931–1933

Kleine Kinder

Kleine Kinder gehn auf Abenteuer,

und sie sehn die Welt von unten an:

Hosenbeine sind wie Ungeheuer,

zwischen denen man sich leicht verirren kann.

Fremde Frauen, die im Lampenschimmer

lächeln, sind fast göttlich, so entfernt –

Später gibt sich die Bewundrung immer.

Ob man sie je wieder lernt?

Kleine Kinder können bei Musik

lauschen, wie die Großen nie.

Zwischen ihren Schläfen liegt das Glück

schwebendzarter Harmonie.

Über kleiner Kinder Köpfen

ruht mitunter goldner Schein.

Dieses Gold emporzuschöpfen –

wessen Hände sind so fein?

Kleine Kinder tappen in die Jahre.

Sie entwachsen ihrer Phantasie

und verlieren ihre wunderbare

Welt, erfaßt nach ihrem Messen …

Und es ist nur gut, daß sie

diese Kinderwelt sehr bald vergessen.

(1931)

Novemberfrühe (Neukölln)

Hinter Karstadt sind die Wolken rot,

und der Morgen radelt über den Asphalt.

November schaukelt in den kahlen Ästen.

Wind raschelt durch trocknen Straßenkot.

Die Wolken haben es noch am besten:

Von oben sieht man vielleicht bis zum Wald …

Hinter Karstadt steigt die Sonne auf,

doch sie weiß nicht, welchen Turm sie wähle.

Endlich, wie ein goldner Knauf,

liegt sie fest; trüb – eine Städterseele.

Morgen auf steingepanzerter Stadt,

Morgen in dem Staub der Gossen,

Morgen, wenn die Laternen gasgelb verglimmen –

Einer träumt – nicht voll Kraft, nicht verdrossen,

die Stirne wächsern, totenhaft glatt –

nur die Augen im Blassen, sie schwimmen, sie schwimmen …

(1931)

In Deutschland hungert keiner

Du sagst, in Deutschland hungert keiner;

und dein Gesicht ist wohlgenährt.

Um deine Lippen bohrt sich hart ein kleiner,

grausamer Zug. Die Stirn ist tief und unbeschwert.

Du machst in Caritas. Und dein Gewissen

beruhigt sich dabei.

Am Wedding hat man einen umgerissen,

und Pferdehufe treten ihn zu Brei.

Du denkst sozial. Na schön. Im samtnen Sessel

ist das nicht schwer.

Tagtäglich stürzen Menschen in den Selbstmordkessel.

Und immer mehr, und immer mehr …

Du zahlst ja Steuer, Lasten, Unterstützung!

Es hungert keiner! – So – was weißt denn du?

Von deiner Generaldirektorsitzung

geh fort! Und sieh den Kellermenschen zu!

Iß mit an ihrem Tisch! Steh hungrig auf,

wie du dich hungrig setztest zu den knappen Broten.

Geh vor die Luxusläden, sag dir: Kauf!

Und steh davor. Dir ist der Kauf verboten.

Steh vor den Arbeitsämtern. Warte, warte –

Steh vor der Stempelstelle, unter Millionen einer!

Und dann – schlag dir an deine Brust, an deine harte,

niedrige Stirn:

»In Deutschland hungert keiner …«

(1931)

Landstreichersonett

Fall ihm die Erde leicht. Wie er auch leichthin starb.

Die Drachen standen in den Lüften.

Er lag im Gras. Ein feiner Duft umwarb

sein Haar. Und über sanften Grüften

schwang sich der Wind und kniete sich hinein.

Sein Auge folgte, wohin jenes Herbstblatt zöge

durch späten Sommersonnenglast, allein.

War es der Weg, auf dem dann seine Seele flöge?

Fall ihm die Erde leicht. Wie er sie nie belastet.

Man sagt, sie war wohl seine Braut.

Mit ihr hat er die weiche Nacht durchrastet.

Zu ihr hat er emporgeschaut,

an ihrem Leib entlanggetastet –

bis auch der letzte Stern verblaut.

(1931)

Die Nacht der Nächte

Der Mond zieht durch ein Wolkenloch

die Straßenkälte sich empor.

Aus einem Häuschen riecht es penetrant

nach Ammoniak und Chlor.

Die Gaslaternen zittern in der dünnen Luft.

Im Lichtschaufenster ein Modell, das nackt zu bleiben schwor

in der Mondwinternacht.

Rechts und links der breiten Straße

im gefrornen Abwaschwasser

hocken Bettler. Einer blind.

Die dunkle Brille macht noch blasser

das schon blutentsaugte Furchenantlitz.

Bei dem andern liegt ein nasser

Beinersatz.

Jeder hat vor sich ein Miniaturharmonium.

Und die bloßen Finger leuchten bläulich,

während sie die Tasten rühren

und die Töne sich abscheulich

mischend in die Kälte fliehen.

Und ich weiß nicht: Grins ich, heul ich über ihre frommen Lieder?

Bruder Bettler, rechts von mir,