Jenny Karpe

Zwei Ozeane auf Abwegen

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 01

Kapitel 02

Kapitel 03

Kapitel 04

Kapitel 05

Kapitel 06

Kapitel 07

Kapitel 08

Kapitel 09

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Danksagung

Content Notes

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Impressum neobooks

Kapitel 01



Die Insel am anderen Ende des Ozeans verharrte wie ein ewiges Monument. Verwirrt musterte Kira die Gesteinsformation, die sie an einen Pilz erinnerte. Auf seinem Schirm ragten Häuser in den blauen Himmel. Das Meer rauschte unter ihr und einige Möwen kreischten, obwohl Kira keine sah. Die Sommerluft konnte nicht verhindern, dass sich eine Gänsehaut über ihren Körper legte. Eigentlich befand sich diese Insel doch längst auf dem Grund des Meeres. Sie war zerbrochen und versunken, als Kira ein kleines Mädchen gewesen war.

Langsam sah sie auf ihre Hände hinab. Winzig waren sie, speckig. Unter den Fingernägeln sammelte sich Sand. Ihre Füße steckten in staubigen, zerkratzten Lackschuhen. Einer ihrer Strümpfe hatte seinen Halt verloren und war wie eine alte Schlangenhaut hinabgerutscht.

Kira wurde heiß und kalt, ihre Kehle verengte sich. Warum war sie wieder acht Jahre alt?

»Da bist du!«

Sie fuhr herum und schnappte nach Luft, als ein dunkelhaariger Junge um ihren Hals fiel.

»Aaron!«, krächzte sie. »Was passiert hier? Warum sind wir wieder Kinder?«

»Du bist ein Kind«, lachte Aaron und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich bin schon zehn!«

Ihre Antwort war ein gequältes Lächeln. »Das ist nicht hilfreich.«

»Ich mache nur Spaß. Was ist los mit dir? Es ist doch alles normal. Oder immerhin ungefährlich.«

»Aaron«, knurrte sie kopfschüttelnd. »Wir waren bis eben erwachsen. Warum sind wir wieder hier?«

»Ich war hier noch nie«, gestand Aaron und machte eine Handbewegung, die beinahe einladend wirkte. »Erkennst du es nicht? Das ist nicht der Ausblick, den wir früher hatten. Die Insel am Horizont ist eine andere.«

»Ja, und sie ist ziemlich stabil«, stimmte Kira nickend zu. Ein geflochtener Zopf rutschte über ihre Schulter, was sie in ihrem unguten Gefühl bestärkte. Sie hatte es seit Jahren nicht gespürt, trotzdem war es so beklemmend wie in ihrer Kindheit.

»Irgendwoher kenne ich diesen Anblick«, murmelte sie. »Ich … weiß nur nicht, woher.«

Aaron nahm ihre Hand. »Dort drüben ist unsere Heimat. Ich bin mir sicher, dass Papa uns zeigen wollte, was aus ihr geworden ist.«

»Augustin.«

»Ja, Augustin. Ist alles in Ordnung?« Seine zehn Jahre alte Stirn legte sich in Falten. »Wir sind gesprungen, erinnerst du dich nicht? Wir haben die Insel verlassen, weil er uns diesen Morsecode geschickt hat. Mit den Sternen.«

Schwallartig kehrte Kiras Erinnerung zurück. Aarons Vater Augustin hatte sie kontaktiert, das erste Mal seit drei Jahren. Ihr Dasein verbrachten Aaron und Kira in einer Computersimulation. Nachdem sie ihre Insel von zwei tyrannischen Forschern befreit hatten, war Augustin an dem Ort geblieben, der offenbar die Realität war. Alle anderen Seelen ahnten nicht, dass sie in einem Programm lebten. Kira hatte schlaflose Nächte damit verbracht, diese absurde Wahrheit zu begreifen. Außerhalb ihrer digitalen Welt hatten sie keine Körper und mussten mit klobigen, langsamen Robotern vorliebnehmen. Sie waren Teil eines Experiments, dessen Zweck Kira zwar verstanden hatte, aber nicht wahrhaben wollte: In der Realität gab es keine Zukunft mehr. Die Erde war wie ein einziger Sandsturm, in dessen Auge ein Institut namens Wyoming Wonders stand. Hunderte, vielleicht tausende Experimente sollten hier irgendeine Lösung für die Probleme der Menschheit finden. Das Experiment von Insel 317 nahm daran nicht mehr teil, und statt den zwei Forschern wachte nun eine einsame Seele über das Programm. Augustin hatte darauf bestanden, dass Kira und Aaron in ihre Heimat zurückkehrten. Sie durften ein möglichst normales Leben führen, wie auch immer das aussehen sollte. Im Notfall wollte Augustin ihnen einen Code schicken.

Eben war genau das passiert. Sechs Sterne hatten ein Wort gemorst, »Springt«. Vom Rand ihrer Heimat zu springen war der Weg zurück in die Realität. Eigentlich.

»Ich … wie konnte ich das vergessen?«, stotterte Kira. Der Boden unter ihren Füßen geriet ins Wanken, zwischen ihren Ohren brauste es.

»Vielleicht ist etwas schiefgegangen, nachdem wir gesprungen sind. Wir wissen ja nicht genau, was passieren kann«, überlegte Aaron laut.

»Überraschung, ihr seid wieder Kinder und dürft euch eure Heimat aus der Ferne ansehen«, imitierte Kira die Stimme von Augustin, den sie seit Jahren nicht mehr in seiner menschlichen Gestalt gesehen hatte. Es kostete sie Mühe, sich an sein gutmütiges Gesicht zu erinnern. Gleichzeitig brodelte Unbehagen in ihrer Magengrube. »Aaron, da stimmt doch etwas nicht! Weswegen sollten wir von der Insel springen?«

»Hm, du hast recht«, murmelte er nachdenklich. Seine Augen wanderten vom Meer zurück zu Kira. »Er hat ja gesagt, dass wir nur im Notfall springen sollen. Das hier ist kein Notfall.« Dann blickte er auf seine Füße. »Spürst du das eigentlich auch?«

Kiras Augen weiteten sich. »Ich dachte, mir wäre schwindelig.«

»Ich auch«, entgegnete Aaron. »Diese Insel ist instabil.«

»Großartig. Da haben wir unseren Notfall.«

Jetzt rüttelte das Beben ihre Knochen durch und verschlimmerte das Surren in Kiras Kopf.

Aaron zog sie vom Abgrund fort. Als sie auf eine Gasse zwischen den Häusern zugingen, neigte sich der Boden in Richtung des Meeres, als wollte die Insel nicht zulassen, dass sie sich vom Fleck rührten. Kira rutschte auf dem Gestein nach unten, aber Aaron hielt sie fest. Schreie durchbrachen den Lärm des Bebens. Hier waren andere Menschen, und plötzlich erinnerte Kira sich an sie. An die dunklen Schemen, die in die Fluten stürzten.

»Diese Insel!«, entfuhr es ihr. »Aaron, diese Insel haben wir untergehen sehen!«

Sie waren an jenen Tag zurückgekehrt, an dem Aaron und sie sich kennengelernt hatten. Der Tag, an dem in ihrer Heimat die erste Grenze gezogen worden war. Der Anfang vom Ende. Und sie waren am völlig falschen Ort.

»Wir haben keine Chance!«, ächzte Kira und krallte sich fester in Aarons Griff. Die Insel neigte sich weiter, die Häuser über ihnen gaben ein beunruhigendes Knarren von sich. »Wir haben gesehen, was passiert!«

»Ich verstehe das nicht«, rief er. Kiras Blick fixierte seine linke Hand, mit der er eine Straßenlaterne umklammerte. »Was sollen wir tun? Papa will uns doch nicht in den Tod schicken!«

Kira hätte beinahe aufgelacht, aber es gelang ihr nicht, die Angst in ihrer Brust zerspringen zu lassen.

»Wir können nicht sterben«, keuchte sie.

Er hielt inne. »Stimmt.«

Dann ließ Aaron die Laterne los. Kira presste die Augen zusammen, als sie rückwärts zum Abgrund schlitterten. Sie verloren den Boden unter ihren Füßen. Jetzt wartete nur der Aufprall, gefolgt von der Antwort auf ihre Fragen. Kiras Kopf schnarrte immer lauter, je tiefer sie fielen, und der Wind riss Aarons Worte aus seinem Mund. Kira konnte ihn nicht verstehen, erkannte seine Panik. Sie musste an die fallenden Schatten denken, die sie als Kind beobachtet hatte. War sie letztlich einer davon gewesen?

Über den Aufprall wusste Kira wenig. Sie war schon zwei Mal von einer Insel gesprungen, hatte aber nur den zerrenden Wind gespürt. Dieses Mal war es anders. Der Atem verließ ihren Körper, als sie auf die Wasseroberfläche traf. Ihr Kopf platzte, Schmerz riss ihre Glieder auseinander.

»Schatz, ist alles in Ordnung?«

Das Licht blendete sie durch ihre Lider hindurch. Sie schüttelte den Kopf, bevor sie begriff, dass sie die Stimme nicht kannte.

»Du hast geschrien«, wurde sie erinnert. Die Stimme klang weich, mütterlich. Verwirrt schlug Kira die Augen auf und sah in das Gesicht einer schmalen Frau. Sie war vermutlich Mitte dreißig, hatte hohe Wangenknochen und eine dünne Nase. Ihre blonden Haare legten sich in Wellen auf ihre Schultern.

»Carla«, flüsterte sie sanft. »Weißt du, was passiert ist?«

»…Carla?«, wiederholte Kira. »Ich bin keine Carla.« Ihr brummender Schädel protestierte, der Magen stimmte ein. Hoffentlich übergab sie sich nicht.

»Der Administrator hat es mir versichert. Er hat eben nach dir gesehen.« Sie hielt inne. »Aber du wirst dich doch an mich erinnern, oder?«

Mit offenem Mund sah Kira die Frau an. »Der … Administrator? Und, äh, ich weiß wirklich nicht, wer Sie sind.« Sie unterdrückte den Drang, aufzuspringen. Was hatte Augustin vor, was sollte das?

Die Frau runzelte die Stirn und streichelte behutsam über Kiras Handrücken. »Am besten ruhst du dich aus. Ich hole dir ein Glas Wasser.«

Schon stand sie auf und schloss die Zimmertür hinter sich. Kira verzog das Gesicht und sah sich desorientiert um. Der Raum war schlicht, aber schön. Auf dem hellen Parkett standen Bücherregale, ein braunes Ledersofa, etliche Topfpflanzen und ein niedriger Tisch, auf dem sich Papiere stapelten. Nirgends lag Sand.

Kira sah an sich herab und erkannte, dass sie nicht mehr sie selbst war. Immerhin war sie älter als acht Jahre. Ihre Finger waren länger, die Haut daran warf kleine Falten. Jemand hatte sie in ein grässliches gelbes Nachthemd gesteckt und ihr einen neuen Namen gegeben. Kira vergrub ihr Gesicht in den Händen und versuchte, ruhig zu atmen. Dann hielt sie die Luft an.

Carla war tatsächlich ihr Name. Carla Frenton. Es war der Name ihrer menschlichen Seele – jenem Teil von ihr, der im Programm zu einem neuen Ich umgebaut worden war. Aber diesen Namen kannte fast niemand.

Das Quietschen der Tür ließ sie hochschrecken. Die Frau hatte ihr ein Glas Wasser mitgebracht.

»Wo ist Aaron?«, wollte Kira wissen. »Ist ihm etwas zugestoßen?«

Ihr Gegenüber senkte mitleidig die Augenbrauen. »Von wem sprichst du?«

»Na, von Aaron! Er ist mein Freund, mein Partner.«

»Ist er das?«, hakte sie nach und setzte sich ungefragt auf die Bettkante, während sie das Wasserglas auf dem Nachttisch abstellte. Diese Art von Zuneigung gefiel ihr nicht.

»Ja«, beharrte Kira.

»Wie lange kennt ihr euch schon?«

»Ich war acht, er zehn«, entgegnete sie. »Warum glauben Sie mir nicht, dass er mein Freund ist?«

»Carla, ich kenne dich seit vielen Jahren. Du warst nie an Männern interessiert. Es tut weh, solche Worte von dir zu hören.«

Kira erbleichte. »Ich fürchte, ich stecke im falschen Körper«, nuschelte sie, zog ihre Beine an und versuchte vergeblich, an der Fremden vorbei aus dem Bett zu steigen. Das Gesicht der Frau verfinsterte sich.

»Carla, du solltest liegen bleiben. Wir müssen reden. Erst dieser Nervenzusammenbruch heute Morgen … und ausgerechnet Mortimer kommt vorbei, um nach deiner Genesung zu fragen? Ein Glück, dass dir nichts passiert ist!«

»Nervenzusammenbruch?«

»Du wolltest aus einem Fenster springen!«

»Ich bin nicht aus dem Fenster gesprungen, ich bin von einer Stadt gesprungen«, erklärte sie. »Von einer Insel.« Sie hoffte auf einen Funken Erkenntnis bei der Fremden, stattdessen legte sie die Stirn in Falten.

»Ich werde Mortimer um Rat fragen, Schatz. Er soll dir das wegprogrammieren, er hat einige Fehler übersehen, als er dich wiederhergestellt hat.«

Sie wollte aufstehen, doch Kiras Hand grub sich hartnäckig in ihren Unterarm. »Ist er dieser … Administrator

»Carla, du machst mir Angst.« Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. »Den Administrator kennt jedes Kind. Er hat unsere Inseln programmiert, das weißt du doch.«

Kira biss sich auf die Lippe und starrte ihr Gegenüber an. Ihre Hände zitterten, als die Frau nach ihnen griff.

»Bitte schau nicht so, Schatz. Es wird sich alles wieder richten. Der Fehler war offenbar schlimmer als gedacht. Leg dich ein wenig hin.«

Es beunruhigte Kira, dass sie innerhalb kurzer Zeit zwischen einer tadelnden und einer sanften Mutter wechselte. Da fiel ihr ein, dass sie alles andere als eine Mutter war – in diesem Körper war Kira anscheinend mit dieser Frau zusammen.

Sie nickte und senkte ihren Kopf auf das Kissen, wobei sie sich fragte, ob sie sich alles nur eingebildet hatte. Die Insel, Aaron, den Sprung. Ihr Leben. Aber wenn diese Frau von einem Administrator sprach, der Inseln programmierte, war sie noch innerhalb eines Experiments von Wyoming Wonders.

»Wer bist du?«, fragte sie tonlos.

»Ich bin deine Juniper. Wir sind seit zehn Jahren ein Paar. Ich hoffe, dass du dich bald von selbst erinnerst.« Sie gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann verließ sie den Raum mit einer Eile, die ein flaues Gefühl in Kiras Magengegend verursachte.

Sie wartete zwei Minuten, in denen ihr Herz immer schneller pochte. Dann schob sie einen Fuß über die Bettkante. Das Parkett knarrte, als Kira durch den Raum schlich und nach ihrer Kleidung suchte. Kopfschüttelnd stellte sie fest, dass sie zunächst ihren eigenen Körper finden musste.

Auf einem Stuhl entdeckte sie einen grauen Rock, eine Strumpfhose und einen weißen Pullover mit gestricktem Knotenmuster. Wer zwang erwachsene Menschen dazu, sich so anzuziehen? Allerdings blieb ihr keine Wahl, wenn sie nicht im sonnengelben Nachthemd durch die Straßen taumeln wollte. Von Schuhen fehlte jede Spur. Wo war die Person, die diesen Körper zuvor benutzt hatte, um ihn in den schrecklichen Pullover zu hüllen? Hatte Kira diese Seele verdrängt?

Sie öffnete nachdenklich die Schubladen einer Kommode und fand darin Brettspiele und Berge von Süßigkeiten. Für eine Sekunde überkam sie eine unbändige Gier. In ihrer Heimat hatte es fast nichts Süßes gegeben. Das hier waren Dinge, die sie nicht einmal aussprechen konnte, allerdings erkannte sie Schokolade und buntes Papier. Eilig ermahnte sie ihre Finger, still zu sein, schob die Schublade mit ihrer Hüfte zu und fuhr sich dabei durchs Gesicht.

Bei dem Gedanken, der fremden Frau das Herz zu brechen, wurde ihr erneut übel. Doch was blieb ihr übrig? Sie hatte keine Zeit, sich umsorgen zu lassen. Augustin hatte sie gebeten, von ihrer Insel zu springen, und das hier war sicherlich nicht Teil ihrer Aufgabe. Sie musste dringend Aaron finden und Kontakt zu Augustin aufbauen. Vielleicht war danach Zeit, sich bei Juniper für den geklauten Scheusalspullover zu entschuldigen. Seufzend schlüpfte sie in die Kleidung.

Die Tür war zwar ein Ausgang, aber zum Glück nicht die einzige Option. Durch das Fenster konnte Kira hinter Dutzenden Flachdächern und Sonnensegeln den Ozean sehen, allerdings war er näher, als sie es gewohnt war. Diese Insel war niedriger. Die Nähe zum Wasser war bestimmt praktisch und nicht so gefährlich wie die schwindelerregend hohen Klippen von Kiras Heimatinsel.

Kira öffnete das Fenster und grinste. Carla würde ihren Plan von heute Morgen doch umsetzen, und Juniper würde es dieses Mal nicht verhindern können. Sie sprang aus dem Fenster, wobei sie etwas zu spät feststellte, dass sie im oberen Stockwerk gewesen war. Mit einem unvermeidlichen Aufschrei landete sie erst auf einem Stofftuch und purzelte dann in eine Hecke. Fluchend kämpfte sie sich aus dem Geäst und beeilte sich, die schattige Straße hinter sich zu lassen. Vielleicht hatte sie jemand gehört, also rannte sie in Wollstrumpfhosen über schmutziges Kopfsteinpflaster und knarrende Bretter, die notdürftig Felsen und Wasserlöcher bedeckten. Das Meer versuchte, die Stadt zu unterwandern.

In den beengten Gassen wurde Kira von Gestalten mit trüben Augen begutachtet. Anscheinend waren das die Einheimischen. In Kiras Heimat, Insel 317, hatte es die blassen und meist übergewichtigen Amerikaner neben den dunkelhäutigeren Ruanern gegeben. Zwei Völker, die sich ständig beschuldigt hatten, einander das Wasser zu stehlen. Zum Glück waren diese Streitigkeiten vor drei Jahren aus dem Programm entfernt worden.

Die Leute, die hier herumliefen, kannte Kira nicht. Sie musste entweder in einem anderen Teil des Programms sein – einem anderen Experiment – oder in einer verwirrenden Realität. Die Möglichkeit, dass alles unecht war, erschien ihr beruhigend und bedrohlich zugleich. Auch die Gassen sahen anders aus als in ihrer Heimat. Zwischen ihnen hingen gewaltige Baldachine, die den Blick zum Himmel verwehrten. Das Licht war dadurch ungewohnt schummrig, aber es passte zu den Gebäuden, die Kira an untergegangene Schiffe erinnerten. Ihre Wände bestanden aus dunklem Holz mit lauter Nägeln darin. Löcher wurden mit zusätzlich aufgenagelten Brettern verborgen, statt gläserner Fenster gab es schiefe Holzläden. Die meisten von ihnen standen offen, aber Kira traute sich nicht, einen Blick ins Innere zu werfen. Diese Stadt war ihr unheimlich.

»Kann ich dir helfen?«, fragte jemand tonlos und lächelnd. Kira schüttelte hastig den Kopf und drängelte sich an den Leuten vorbei, die sie fragend ansahen.

Flach atmend erreichte sie das Meer. Kira wartete auf die Schritte von Verfolgern, aber bis auf die Wellen war nichts zu hören. Es würde vermutlich nicht lange dauern, bis Juniper nach ihrer verwirrten Lebenspartnerin suchte, doch Kira brauchte den Moment, um durchzuatmen und sich zu orientieren. Sie legte den Kopf in den Nacken. Wie eine reisefaule Sturmwolke bedeckte ein Schatten den Großteil der Stadt. Über den Häusern ruhte eine Insel, die dieses Gebiet verdunkelte. Im Gegensatz zu Kiras Heimat war der Schirm des steinernen Pilzes wie von Würmern durchlöchert. Sie schlussfolgerte, dass diese untere Insel aus den Überresten der oberen errichtet worden war. Aus dem Meer ragten Trümmer wie eigene kleine Inseln, die Wellen brachen sich daran.

Was hatte das zu bedeuten? War dort oben ein Experiment gescheitert? Kira ermahnte sich, dass sie zu wenig Zeit hatte, um darüber nachzudenken. Allmählich hörte sie Tumult in den Gassen, der wahrscheinlich ihr galt. Auf keinen Fall wollte sie zurück – womöglich musste sie dann für immer bleiben, gefangen in Carlas Körper. Sie zog die Mundwinkel nach unten und beschleunigte ihre Schritte. Kira weinte selten, aber jetzt staute sich Verzweiflung an, genau zwischen ihren zusammengezogenen Augenbrauen und dem Kloß in ihrem Hals. Die Stege knarrten ungeheuerlich und boten nicht nur glotzenden Möwen ein Zuhause, sondern auch Seepocken und glitschigen Algen. Ein Ruf nach Carla ertönte. Kälte kaperte Kiras Körper. Juniper wollte den Administrator holen, und dieser Gedanke behagte ihr nicht. Dieser Forscher namens Mortimer würde wissen, dass Kira eine andere Person überschrieben hatte, oder? Wenn er Carla untersucht hatte, musste es ihm aufgefallen sein. Die Forscher Hana und Elliott, die so etwas wie die Administratoren ihrer Heimat gewesen waren, hatten einmal zwei Roboter heruntergefahren und innerhalb weniger Minuten festgestellt, dass die Seelen von Augustin und Kira in ihnen steckten. Wenn selbst die beiden das schafften, wusste es der Administrator definitiv. Vorausgesetzt, dieser Name stand nicht wie Khan oder Basílissa für einen Herrschertitel eines einzelnen Experiments, sondern für den Verwalter von Wyoming Wonders. Kira schauderte.

Sie blieb hinter einem Kistenstapel stehen, um durchzuatmen. Wie praktisch es war, kein Roboter mehr zu sein, wurde ihr immer wieder neu bewusst. Sie konnte leichtfüßig laufen und jederzeit ihre Gefühle zeigen, wovon sie nie gedacht hätte, dass das eine wertvolle Fähigkeit war. Eigentlich wäre sie nach ihrem Fall in den Ozean erneut in einem Roboter aufgetaucht. Allerdings wusste Kira nicht, was genau passierte, wenn sie ein Experiment mit einem Sprung verließ. Im Grunde genommen war es ein Fehler des Systems, dass sie nicht vom Server aufgefangen und in ein anderes Experiment geschickt worden war.

Kira erstarrte. Was dachte sie da? Genau das war ihr passiert! Sie war behandelt worden, wie es eigentlich sein sollte – umgesiedelt in ein anderes Experiment. Jetzt blieb noch die Frage offen, warum sie den Körper einer anderen Seele eingenommen hatte. Wenn sie sich recht entsann, hätte sie einen eigenen bekommen sollen. Außerdem dürfte sie sich nicht mehr an ihr vorheriges Dasein erinnern, oder? Sie hoffte, dass Augustin eine Erklärung für all das hatte.

Langsam lehnte sie sich vor und lugte an den Kisten vorbei. Am Hafen lagen nur wenige Boote, behelfsmäßig zusammengezimmert und offenbar für den Fischfang gedacht. Eine Fähre zu ihrer Heimatinsel wäre zwar praktisch gewesen, aber Kira hatte in ihrer Kindheit lange genug das Meer beobachtet, um zu wissen, dass es solche Schiffe nicht gab. Es gab auch keine U-Boote, keine Hubschrauber, keine Flugzeuge, keine Züge. Aber es gab Autos. Sie waren die verrostete Heimat von Unkraut oder wurden in Garagen vergessen.

Einige Männer arbeiteten am Kai und trugen Ausrüstung von einer Lagerhalle auf ein schmales Boot, das den Namen Susan hatte. Kira sammelte ihren Mut und ging auf die Männer zu.

»Entschuldigung«, rief sie. »Könnten Sie mir helfen?«

Zwei bullige Gestalten zuckten zusammen und sahen sie unschlüssig an. Einer der beiden trat näher. Er trug leichte Kleidung und ein verschwitztes, gelbliches Stirnband.

»Tach auch. Haben Sie sich verlaufen?«

»So in der Art«, bejahte Kira und schöpfte Hoffnung aus dem Umstand, dass der Mann seine Ausrüstung auf dem Boden abstellte, um ihr zuzuhören. »Ich bin gerade erst in diesen Teil des Programms gekommen, aber irgendwie bin ich falsch. Ich sollte auf Insel 317 geschickt werden. Wo bin ich genau?«

Niemand auf ihrer Heimatinsel wusste, dass sie alle nur Teil eines Programms waren. Auch nach den Geschehnissen vor drei Jahren, in dessen Folge Kira zur Leiterin von Insel 317 befördert worden war, hatte sie es vorgezogen, niemanden einzuweihen. Aaron wusste es natürlich, aber der Rest der Insel sollte nicht mit der Ungewissheit und Furcht leben, die diese Tatsache mit sich brachte. Wenn dieser Hafenarbeiter wusste, dass sie Teil eines Programms waren, war sein Experiment erheblich anders kalibriert als ihres. Andernfalls würde Kira einige wirre Worte murmeln und davonstürmen, auch wenn sie sich schon bei dem Gedanken schämte.

»Insel 317?«, wiederholte der Mann langsam. Kiras Herz sackte ein Stückchen tiefer. »Das ist ganz schön weit weg. Wir sind hier auf Insel 002, quasi dem Zentrum aller Programme. Da wurden Sie ganz schön falsch herumgeschickt.« Jetzt verdunkelte sich sein Blick, er trat ein wenig näher und musterte Kira argwöhnisch. »Und woher wissen Sie, dass Sie sich in einem Programm befinden?«

»Ich stamme von Insel 001, da weiß man das eben«, log Kira rasch. Hoffentlich schluckte er das.

»Lügen Sie mich nicht an, Insel 001 ist ganz schön löchrig«, lachte ihr Gegenüber und deutete nach oben. »Aber okay, ich kann verstehen, wenn Sie nicht darüber reden wollen.« Nun senkte sich seine Stimme bedrohlich. »Und posaunen Sie das nicht herum – die Wände haben Ohren. Überall.«

»Reden Sie vom Administrator?«

Der Hafenarbeiter verschluckte sich an seinem Erstaunen. Hustend sah er sich nach allen Seiten um. »Den Namen würde ich an Ihrer Stelle nicht laut aussprechen. Aber ja, er hört mit. Und natürlich die R4, die laufen hier und draußen überall rum. Mir sind die unheimlich.«

Kira erinnerte sich, dass die R4 neben den R1, R2 und R3 Bestandteil eines Labors waren. Es handelte sich dabei um Roboter, die jeweils unterschiedliche Aufgaben verfolgten. R4 blieben außerhalb des Labors und kümmerten sich um Botengänge, Datentransfers. Zumindest konnte sie sich daran erinnern, die emotionslosen Körper auf den Fluren von Wyoming Wonders gesehen zu haben. Sie hütete sich, auch nur einen Ton darüber zu verlieren. Kira wusste ohnehin viel zu viel über das Programm. Trotzdem gab es einiges, das sie nicht verstand. Wie waren die Experimente verbunden? Was geschah, wenn eine Seele starb? Und wer war dieser Administrator?

Kira lächelte harmlos. »Ich werde mich daran halten, vielen Dank. Sagen Sie mal, gibt es hier Forscher, an die ich mich wenden kann?«

»Das ist eine gute Idee«, stimmte der Arbeiter zu und sammelte seine Utensilien vom Boden auf. »Wir haben eine Forscherin, die ganz schön eng mit dem Administrator zusammenarbeitet. Sie wird Sie zurück auf Ihre Insel bringen können.«

»Wo finde ich diese Forscherin?«, hakte Kira weiter.

»In der Weststadt. Fragen Sie nach Juniper.«



Kapitel 02



Jede Gewissheit löste sich nach und nach auf. Rückblickend hatte Augustin gut in der Überzeugung gelebt, ein Optiker, Witwer und Vater zu sein. Er konnte sich an über dreißig Jahre seines Lebens erinnern, die nie geschehen waren. Jede Seele wurde ins Programm eingefügt und hatte eine Funktion im System, sollte Antworten auf die Fragen der Forscher geben. Manche Personen besaßen nicht einmal eine Seele. Erinnerungen an Augustins Frau waren letztlich nur Codezeilen, die sein Dasein realistischer wirken ließen.

Er selbst war kaum anders. Kurz nach dem Start des Experiments hatte er es verlassen. Er war vom Rand der Insel 317 gestürzt und wie durch ein Wunder nicht im Ozean, sondern im Körper eines klobigen R1-Roboters gelandet. Seitdem betrachtete er das Leben von außen. Er hatte betäubt Aarons Trauer um seinen Vater ansehen müssen. Den Grenzbau und die zunehmenden Konflikte beobachtet. Hilflos gehofft, dass sich etwas ändern würde. Schließlich hatten Aaron und seine Freundin Kira ihr programmiertes Schicksal selbst in die Hand genommen und es mit einem halsbrecherischen Plan beendet. Die Probleme, die Überwachung, das Experiment – seit heute Nacht war all das vorbei. Weil die beiden Forscher nun selbst zu den digitalen Bewohnern zählten, war Augustin allein in der Realität geblieben. Ab jetzt würde ihn niemand mehr stören. Er bewachte Experiment 317, war Verwalter und Beschützer. Für immer.

Augustin starrte auf die Monitore und spürte eine unheimliche Last auf seinen Schaltkreisen. Zumindest für einige Stunden hatte er ein gleichermaßen beängstigendes wie auch sicheres Gefühl verspürt. Als wäre nun endlich alles vorbei, sogar gut.

Wie naiv.

Hinter ihm durchsuchte jemand das Labor. Ein Mensch. Solange Augustin sich nicht bewegte, würde der Fremde vielleicht nur prüfen, woher die nächtliche Fehlermeldung gekommen war, und ob alles funktionierte. Im Nebenraum lagen die schlummernden Körper der beiden Forscher, Doktor Hana Tora und Doktor Elliott Naury. Es machte den Anschein, als wären sie mit den digitalen Avataren bei ihrer Arbeit im Experiment. Tatsächlich waren die beiden Seelen jüngst ausgezogen und hatten sich unfreiwillig für das friedliche Inselleben entschieden.

Starr beobachtete Augustin die digitalen Wellen und hörte den Schritten des Fremden zu. In seinem Nacken stellte sich jedes einzelne Härchen auf, obwohl er weder einen Nacken noch Härchen besaß. Er steckte zwar im Körper eines Roboters, trotzdem konnte er sich an viele menschliche Empfindungen erinnern. Er hatte kein Wetterbein oder Phantomschmerzen, sondern hin und wieder eine ausgeprägte Furcht.

Der Eindringling stellte sich direkt neben ihn und musterte die Monitore. Eine lautlose Fehlermeldung vor Augustins innerem Auge verkündete eine Überlastung, oder – wie er es nannte – Panik.

»Interessant«, murmelte der Fremde. Roboter reagierten normalerweise auf menschliche Stimmen, also drehte Augustin seinen Kopf. Neben ihm stand ein Mann. Er war etwa Mitte fünfzig, hatte einen sauber getrimmten Bart und schwere Tränensäcke unter den Augen. Sein dunkles, ordentlich gekämmtes Haar ergraute allmählich an den Schläfen. Er trug ein dunkelblaues Hemd mit dem orangenen Logo von Wyoming Wonders, also gehörte er zu den Mitarbeitern. Sein fachmännischer Blick löste sich von den Bildschirmen und wandte sich Augustin zu.

»Hallo, Phil.«

Gleich zwei weitere Warnmeldungen erschienen. Dieser Name reichte aus, um Augustins System in Aufruhr zu bringen, von seiner Seele ganz zu schweigen – immerhin war es ihr Name.

»Bitte?«, entgegnete er, wie es jeder Roboter getan hätte.

»Du bist Phil Williams, eine Seele. Keine KI. Du brauchst dich nicht zu verstellen.«

»Da muss ein Fehler vorliegen«, log Augustin.

Der linke Vorderarm des Mannes leuchtete eisblau auf. Langsam schob er seinen Ärmel nach oben, ohne den Roboter aus den Augen zu lassen. Der Stoff hatte ein Bedienfeld verborgen, das direkt auf seiner Haut lag – oder war es ein Teil seines Körpers? Der Mann drückte darauf. Im selben Moment zuckte Augustin zusammen, als hätte man eines seiner Kabel eingeklemmt. Seine Befehle wurden nicht mehr ausgeführt. Panisch probierte er einige von ihnen aus, doch Augustin konnte nicht einmal den Kopf drehen.

»Lügen ist sinnlos«, schnurrte der Fremde und vollführte eine gleichgültige Handbewegung. »Also, Phil, ich weiß längst, was hier vorgefallen ist. Im Grunde musst du gar nicht reden.«

»Was für ein Schwachsinn«, entfuhr es Augustin. Er konnte spüren, wie sich eine kalte Aura im Raum ausbreitete, ausgelöst vom breiten Grinsen des Mannes.

»Fein, du bist also wirklich Phil.«

»Ich bevorzuge Augustin.«

»Fein, Augustin. Möchtest du ein wenig mit mir programmieren oder soll ich dich direkt abschalten?« Er lächelte dünn. »Ach, was frage ich überhaupt. Selbstverständlich sollst du zusehen, was ich mit deinen Schützlingen anstelle.« Er musterte Augustin genüsslich.

»Was haben Sie vor? Wer sind Sie überhaupt!?«

»Na, keine Aufregung. Man nennt mich Mo.«

»Und die Leute, die Sie nicht sympathisch finden, nennen Sie wie?«, fauchte Augustin.

»In diesem Fall bin ich Mortimer. Oder schlicht der Administrator.«

Augustin wusste nicht, ob das ein schlechter Scherz sein sollte, doch im nächsten Moment ging ein Ruck durch seine Gelenke. Unfreiwillig drehte er seinen Körper in die Richtung des Mannes.

»Der Administrator von was?«, hakte er bissig nach.

»Von Wyoming Wonders. Darauf hättest du selbst kommen können. Immerhin weißt du so einiges über dich und unsere Institution, richtig?«

»Was … was wissen Sie?«

»Alles.« Mortimer ließ sich auf einem knarrenden Hocker nieder, beugte sich vor und krempelte sorgfältig seinen dunkelblauen Hemdsärmel herunter, damit er wieder das leuchtende Feld verdeckte. »Ich weiß, dass du Kira vor vielen Jahren vor einem Sturz von eurer Insel gerettet hast, weil dein feiger Sohn es nicht konnte. Ich weiß von dem Teleskop, das du Solomon-79 schenken wolltest und stattdessen ihrer Tochter gabst. Ich weiß von der Rebellenbande der Kinder von Insel 317, ich weiß von Elliott Naurys und Hana Toras Machtspielchen. Ich weiß, dass du von der Insel gefallen bist und wie durch Zauberhand in diesem R1 aufgefangen wurdest.«

Bei diesen Worten kam Mortimer so nahe an ihn heran, dass sein Atem jene transparente Kuppel beschlagen ließ, die Augustins Kopf darstellte.

»Wie durch Zauberhand«, wiederholte Mortimer sanft. »Ich weiß, dass du die beiden Forscher dieses Experiments überwältigt hast, um ihre Anschlüsse zu nutzen. Und ich weiß, wie sehr es dir gefallen hat, wieder ein Mensch zu sein, selbst wenn du dir den Avatar von Elliott Naury ausleihen musstest.«

Augustin fand keine Gelegenheit, ihn zu unterbrechen. Ihm wurde schwindelig. Es fühlte sich an, als würden seine Kabel schmelzen. Sein System fasste dies mit einer weiteren Warnmeldung zusammen.

»Aber du musstest zurück in diesen Körper, hm? Darfst das Paradies nur von außen sehen.«

»Passen Sie auf, was Sie sagen.«

»Oho«, kam es zurück. »Glaubst du, dass du jetzt allwissend bist, nur weil du das Labor für einen kurzen Spaziergang verlassen hast? Sei kein Idiot. Du weißt gar nichts.« Mortimer lehnte sich zurück, schmunzelte und zog eine der Tastaturen heran. In einer für Augustin kaum nachvollziehbaren Geschwindigkeit tippte er Zeile um Zeile, navigierte durch das Kernsystem und tauschte einige Parameter aus. Die Sicht auf die Insel, die Augustin gerne im Auge behielt, fror für einen Moment ein. Dann wich die Sonne dem Mond.

»Es … ist Nacht?«, fragte er.

»Richtig. Nacht. Und noch dazu sind drei Jahre vergangen.« Augustin wollte ihm nicht die Genugtuung geben, nach dem Grund zu fragen. Sein Schweigen änderte aber auch nichts daran, dass Mortimer jede Sekunde seiner Überlegenheit genoss. »Wäre doch seltsam, wenn du direkt am ersten Abend das tust, worum ich dich gleich bitten werde«, fuhr er fort.

Es gab noch einen anderen Grund, Augustin wusste es. Irgendetwas hatte Mortimer im Schnellverfahren zu einem dauerhaften, gewohnten Teil des Experiments gemacht.

»Dann bitten Sie mich mal«, entgegnete er und hätte sich zu gerne von Mortimer weggedreht. Nicht einmal eine trotzige kalte Schulter ließ sein Körper zu.

»Fein. Du wirst einen Morsecode in den Sternenhimmel schreiben. Bitte

»Wie können Sie—«

»Ich weiß alles, Phil.«

»Wenn Sie alles wissen, warum tippen Sie sich den Code nicht selbst zusammen? Ist ja nicht allzu schwer.«

»Ich, wieso ich?« Sein Lachen klang wie die zufallende Tür einer Kühlkammer. »Dafür bist du doch hier. Du bist ein Roboter und wirst meinen Befehlen folgen. Das hättest du wohl gern, dass ich dich abschalte und alles allein erledige.« Mit diesen Worten rollte er erneut seinen Ärmel hoch, und zwar mit solch einer sorgsamen Ruhe, dass Augustin beinahe etwas erwidert hätte. Mortimer strich über den Bildschirm, als würde er ein Haar wegwischen. In diesem Moment riss Augustin ohne sein Zutun die Arme nach oben. Sie landeten mit einem dumpfen Dröhnen auf der langen Tischplatte neben einer verstaubten Tastatur. Die Kabel, die wie neugierige Schlangen zwischen den Monitoren hervorlugten, klackerten. Ein Haftnotizzettel löste sich von einem Bildschirm und landete direkt vor Augustins nicht vorhandener Nase.

Behalte sie im Auge, stand dort. Doktor Elliott Naury hatte diesen Zettel geschrieben, als Kira damit begonnen hatte, überall auf der Insel Kameras zu installieren.

»Schreib«, befahl Mortimer ungeduldig. »Du brauchst nur ein Wort einzugeben, das können die beiden ja entschlüsseln, nicht?«

»Ja«, bestätigte Augustin und stellte fest, dass er immerhin seine Arme bewegen konnte.

»Fein. Das Wort lautet Springt

Augustins Finger verharrten über der Tastatur. »Was?«

»Sie sollen springen. Das können sie doch. Selbst dein Sohn mit seiner Höhenangst kann das.«

»Er fürchtet sich nicht mehr davor«, murmelte Augustin.

»Umso besser«, hauchte Mortimer grinsend und tippte auf seinen Unterarm. Ruckartig wurde Augustin von einem Stromstoß geschüttelt. Worte und Zahlen blinkten wie wild auf seinem Interface.

»Schreib jetzt, Phil Williams, oder ich zwinge dich dazu. Du wirst dich nicht daran erinnern können, wer du zu sein glaubst, wenn ich mit dir fertig bin.«

Augustin zögerte nicht mehr. Er tippte und hoffte, dass die beiden nicht zum Himmel sahen. Dass sie zweifelten.

Als Kira und Aaron Hand in Hand durch die Gassen der nächtlichen Insel huschten, verfluchte er sich. Warum hatte er keinen Sicherheitscode mit ihnen abgemacht? Warum hatte er ihnen gesagt, dass sie nur im äußersten Notfall springen sollten, und er derjenige wäre, der sie benachrichtigen würde?

Als sie am Rand des Abgrunds standen, schickte Augustin ein Stoßgebet in den Himmel. Nie zuvor hatte er sich gewünscht, dass sein Sohn ihm nicht vertraute.

Dann sah er, wie die beiden in die Tiefe fielen.

»Fühlt sich schrecklich an, oder?«, fragte Mortimer. »Die Menschen, die man liebt, gehen zu lassen.«

»Was soll … was soll das bedeuten?«, fragte Augustin matt. »Sie werden doch wieder die Plätze von R2 und R3 einnehmen. Sie kommen jeden Moment durch die Tür herein.«

»Ich sagte, dass du kein Idiot sein sollst«, meinte Mortimer scheinbar gelassen, doch seine Nasenflügel waren abschätzig geweitet. Jetzt erkannte Augustin eine neue Emotion in den bislang so gehässigen Augen. Er hatte diesen Blick zuletzt bei Elliott bemerkt, bevor er sich türkisfarbene Pantoffeln in sein Schlafzimmer programmiert hatte. Es war der Punkt, an dem Menschen gefährlich wurden.

»Diese beiden werden nie wieder irgendein Experiment verlassen. Sie landen auf dem Server, wie all die anderen.« Mortimer hob seinen Arm und massierte geduldig sein rechtes Handgelenk. »Ich habe dafür gesorgt, dass sie auf einer bestimmten Insel landen. Hier draußen seid ihr drei so … unberechenbar

»Warum zum Teufel lassen Sie mich dann an der Tastatur sitzen?«, blaffte Augustin und hob drohend die Finger. Im selben Moment verengte sich der Griff des Administrators um sein Gelenk, ein zweiter Stromschlag fuhr durch den Roboter. Eine ungewohnt grelle Warnung tauchte vor Augustins innerem Auge auf, er verlor erneut jegliche Kontrolle. Für einen Moment entglitt ihm das Bewusstsein, aber offenbar nur so lange, wie Mortimer das wollte.

»Weißt du, ich fand dich immer so cool und undurchschaubar. Ich hätte nie gedacht, dass du die beiden zum Springen bringst. Warum hast du dich nicht gewehrt, hm?«

Augustin sortierte hilflos seine Gedanken. Was hätte er denn ausrichten können? Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn er einen anderen Code programmiert hätte. Er konnte nur mutmaßen, wozu dieser Mann in der Lage war.

»Ach, warte«, unterbrach Mortimer. »Du kannst dich ja nicht wehren!« Sein Lachen war schallend, aber nicht echt.

Am liebsten hätte Augustin den Schädel des Administrators genommen und mit voller Wucht in Richtung der Bildschirme geschleudert. Dann musste er nicht mehr die Insel sehen, auf der die beiden wichtigsten Seelen fehlten.

»Wo sind sie jetzt?«, fragte er. »Was wollen Sie bezwecken? Und warum ausgerechnet die zwei?«

Mortimer schenkte ihm einen missbilligenden Blick. »Du meine Güte, glaubst du echt, dass ich dir das verrate? Phil, du wirst mich begleiten und es dir höchstpersönlich ansehen. Was hältst du von einem kleinen Tauschgeschäft?«

»Ich mache keine Geschäfte mit Verbrechern.«

»Das Wort Halunke wäre mir lieber. Man sagt so selten Halunke, heutzutage.« Wie schaffte es dieser Typ nur, gleichzeitig furchteinflößend und doch so lächerlich zu sein? »Ich weiß, was du dir wünschst, und ich kann dir diesen Wunsch erfüllen«, fuhr der Administrator verheißungsvoll fort. »Man nennt mich auch den Wunscherfüller

»Tut man nicht«, murmelte Augustin finster.

»Stimmt, tut man nicht. Du bist witzig, Phil. Ich denke, wir haben denselben Humor. Unsere Zusammenarbeit wird herrlich.« Mortimer seufzte und sah ihn für einen langen Moment an. Dann verlangte ein Aufflackern des Unterarms nach seiner Aufmerksamkeit.

»Ich werde vermisst, wie rührend«, zischte er. Seine Augen verengten sich für einen winzigen Moment. Betont gemächlich begann er damit, seine eigenartige Fernbedienung erneut mit dem Hemd zu bedecken. Es war mittlerweile zerknittert. Dann, als wäre es nur beiläufig, wechselte er das Thema. »Du kannst deinen Körper zurückhaben, deinen digitalen, aber menschlichen Augustin-Körper. Mit echten Beinen und Armen und einer Sehschwäche von minus drei Dioptrien.«

Augustin ließ sich nicht anmerken, dass er für eine Sekunde schwach wurde. Wehmut ergriff Besitz von ihm. Wie sehr sehnte er sich nach seinem alten Körper? R1 war schrecklich langsam, seine Bewegungen spielten sich wie in Zeitlupe ab. Allein sein Verstand war schneller.

»Wie wollen Sie das anstellen?«, fragte Augustin, als er feststellte, dass Mortimer auf seine Antwort wartete.

»Es gibt selbstverständlich ein Back-up deines Avatars. Das müsste ich nur freischalten, mit dir verknüpfen und deine Seele zurück ins Programm laden.«

Augustin stellte sich vor, wie er Aaron in die Arme schloss. Die Theke seines Geschäfts von Staub befreite. Am Rande der Insel saß und aufs Meer blickte. Plötzlich tauchte das Gesicht von Emilia vor seinem inneren Auge auf, doch er verwarf es schnell. Er sollte das alles nicht haben. Er war derjenige, der auf die Insel aufpasste. Hana und Elliott waren fort. Die beiden Forscher sollten Bestandteil des Insellebens bleiben und dort ihre ungefährliche Rolle spielen. Augustin war bewusst in der Realität geblieben. Er war zwar nicht in der Lage, sich einen neuen Körper zu programmieren, aber selbst wenn er es könnte – er durfte nicht hineinschlüpfen und das Labor unbeaufsichtigt lassen.

»Danke«, knurrte er. »Aber ich verzichte.«

»Hm, von mir aus. Dann eben kein Tauschgeschäft.« Mit einem Griff an das blau leuchtende Feld ließ Mortimer den Roboter aufstehen. »Ich bin hier fertig.«

Ohne sein Zutun bewegten sich Augustins Beine, schlossen sich dem Gang des Administrators an. Verzweifelt suchte er verfügbare Befehle durch, aber keiner ließ sich aktivieren. Mortimer lotste ihn durch das Tor, das auf die Flure von Wyoming Wonders führte. Dabei blickte er auf sein Handgelenk, als würde er nach der Uhrzeit schauen.

»Es ist herzzerreißend, dir zuzusehen«, meinte Mortimer. »Erspar dir die Mühe.«

Augustin schwieg. Der Administrator sah also, welche Befehle er ausprobierte. Hoffentlich blieb ihm der Rest seiner Gedanken verschlossen.

Mortimer verriegelte das Tor mit einem nahezu unsichtbaren Wandschalter. Erst vor wenigen Stunden war Augustin das letzte Mal hier gewesen. Vor ihnen lag eine gewaltige Halle. Gegenüber stapelten sich weitere Flure mit hunderten Laboren, Etage um Etage. Das Gebäude von Wyoming Wonders war höher als der Felsen, den Augustin sein Zuhause nannte. Auf dem Glasdach lag Sand mit wenigen freien Flächen dazwischen. In den Sonnenstrahlen tanzte Staub. Es war beunruhigend still.

Auf dem Boden der Halle befand sich das schwarze Steingebilde, das wie eine Mauer den Raum längs teilte. Darauf standen die Namen aller, die Teil der Experimente waren, tausende Seelen für die Wissenschaft. Phil Williams hatte sich damals freiwillig gemeldet, als er den Kampf gegen den Nierenkrebs verloren hatte. Das war schon viele Jahrzehnte her. Er wäre mittlerweile längst tot, selbst ohne den Tumor und seine Metastasen. Der Gedanke, dass es kein Problem war, eine Seele zu speichern und in ein Programm zu übertragen, ängstigte und beruhigte ihn zugleich. Es gab ihm das Gefühl, bis zu einem gewissen Punkt unantastbar zu sein. Zumindest bislang.

Mortimer wandte sich nach rechts. In dieser Richtung befand sich der Aufzug, den die R4-Roboter und Forscher benutzten. Ausnahmsweise schwieg der Administrator den kompletten Weg über. Vermutlich auch, weil Augustin damit aufhörte, Befehle auszuprobieren. Seine Gedanken rasten weiter und suchten nach einem Ausweg.

Am Ende des Flures stiegen sie in den Aufzug. Mortimer drückte einen Knopf, sie fuhren nach oben. All das nahm Augustin nur gedämpft wahr, als hätte jemand seine Sensoren manipuliert. Eine der Warnungen seines Systems ließ sich zudem nicht mehr aus seinem Sichtfeld entfernen und verharrte am rechten Bildrand.

Warnung. Fremdsteuerung. Eingeschränkter Zugriff.

Augustin seufzte innerlich. Als ob er das noch nicht bemerkt hätte.

Lautlos blieb der Aufzug stehen und öffnete seine Türen. Sie stiegen in der Etage direkt unterhalb der Glasdecke aus. Zu gerne hätte Augustin die warmen Sonnenstrahlen auf seinen Plastikgelenken gespürt. Der Flur führte wie in den übrigen Etagen in einer geraden Linie an der Wand entlang, doch hier gab es offenbar ein anderes, spezielles Labor. Beinahe unsichtbar schmiegte sich rechts neben dem Aufzug eine Tür in das Mauerwerk. Daneben war ein kleines Metallschild angebracht worden.

Labor 001/002

Darunter befand sich schwarzes Klebeband, das mehr Schrift verdeckte. Mortimer hielt seinen Unterarm an den Griff, erhielt einen Piepton zur Antwort und stieß die Tür auf.

»Willkommen.« Mortimer ließ Augustin wie einen benutzten Regenschirm mitten im Raum zurück und ging zu einer exorbitanten Bildschirmwand herüber. Mehrere Inseln flimmerten darauf, manche schneebedeckt, manche ohne ersichtliche Küste, manche nachtschwarz. Davor befand sich ein U-förmiger Schreibtisch mit benutzten Getränkedosen und halb geleerten Popcornschachteln darauf. Im Grunde war dieses Labor wie das von Insel 317, nur ein wenig opulenter. Augustin fragte sich, was er hier verloren hatte.

»Oha«, machte Mortimer nach einem raschen Blick auf einen der unteren Monitore. Er setzte sich auf den linken Drehstuhl und machte eine beiläufige Handbewegung, als würde er Augustin einen Gefallen abschlagen. »Bin gleich wieder zurück. Fass nichts an.«

Augustin wollte gerade etwas erwidern, als der Kopf des Administrators nach unten sackte.


Kapitel 03



Nicht einmal in der Realität war Kira so verloren gewesen. Ihre Füße wussten, wohin sie gingen, aber teilten dem Kopf nichts mit. Vermutlich wollten sie bloß nicht stehenbleiben. Mittlerweile kreisten ihre Gedanken um Aaron. Würde sie ihn überhaupt finden können? Wahrscheinlich war er an einem völlig anderen Ort – real oder nicht – und steckte ebenfalls in einem fremden Körper. Trotzdem hoffte sie an jeder Kreuzung, dass er ihr lächelnd entgegenkam und die Antworten mitbrachte, nach denen Kira sich sehnte.

Gleichzeitig hielt sie die Augen nach Juniper offen. Sie hatte sich noch nicht entschieden, ob sie die Forscherin um Hilfe bitten wollte oder nicht. Anscheinend hatte Juniper nicht bemerkt, dass ihre Geliebte durch eine fremde Person ersetzt worden war. Kira wollte sich nicht ausmalen, wie schlimm diese Erkenntnis sein würde.

Gelegentlich kamen ihr Menschen entgegen, die sie nicht wahrzunehmen schienen. Obwohl es mitten am Tag war, glommen einige elektrische Laternen. Die meisten von ihnen waren jedoch zerstört. Kira löste ihren Blick vom zersprungenen Glas und lief gegen etwas Hartes.

»Verzeihung«, murmelte sie reflexartig. In diesem Moment begriff sie, wogegen sie gestoßen war. Kira starrte in die blinkende Leuchtdiode eines Roboters. Panik schwappte wild rauschend von ihrer Magengrube bis in die Ohren. Das klobige Plastikskelett ähnelte einem Raumanzug. Auf der Brust stand in orangefarbenen Lettern »R4«. Statt eines humanoiden Kopfes besaßen sämtliche Roboter von Wyoming Wonders eine transparente Kuppel, unter der sich unzählige Kabel tummelten. Kira wusste aus eigener Erfahrung, dass diese Körper schwerfällig waren. Wenigstens würde sie im Falle eines Angriffes ausweichen können. Der R4 machte allerdings nicht den Eindruck, als würde er sich jeden Moment auf sie stürzen. Eher wirkte er, als solle Kira endlich Platz machen, damit er seinen Weg fortsetzen konnte.

»V-verzeihung«, wiederholte Kira errötend und trat zur Seite. Sofort setzte sich der R4 in Bewegung. Er war wesentlich langsamer als die Modelle, die Kira in der Realität gesehen hatte. Was hatte er hier zu suchen? Soweit sie wusste, durchquerten die R4 Wyoming Wonders, um alle Daten zu übertragen, die zu groß für das interne Netzwerk waren, Sicherheitskopien von Experimenten oder geheime Dokumente. Der R4 von Insel 317 – so viel wusste Kira von Augustin – hatte sich nie im dazugehörigen Labor aufgehalten. Zumindest hatte Augustin ihn nie gesehen. Verwirrt schaute Kira dem Roboter hinterher, während ihr Herz jagte. Ihr Kopf feuerte einen Gedanken nach dem anderen ab. Sie brauchte Aaron, um den Überblick zu behalten und die Dinge etwas klarer zu sehen. Er konnte das. Sie seufzte. Eigentlich wusste sie, was sie tun sollte, denn der beste Ausweg war, zu Juniper zurückzukehren und sie um Hilfe zu bitten. Allein der Gedanke verursachte ein weiteres Magengrummeln. Zunächst brauchte sie einen Beweis. Kira musste ihr verdeutlichen, dass sie nicht Carla war, zumindest nicht jene Carla, die Juniper liebte. Sie sah ansonsten keine Möglichkeit, Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Zu ihrer eigenen Überraschung hatte sie noch nicht die Orientierung verloren. Kira fand den Rückweg durch das Gewirr der Gassen problemlos und stand schneller als gedacht vor Junipers Haus. Obwohl hier mehr Leute unterwegs waren, drückte die Stille auf diesen Teil der Insel. Kira räusperte sich und klopfte an die Vordertür. Keine Antwort. Auch ihr zweites Klopfen blieb ungehört. Kira atmete langsam aus. Das war mal wieder typisch. Sobald sie sich traute, war es zu spät.

Sie wandte sich von der Tür ab und beobachtete die Leute. Alle gingen in dieselbe Richtung, und es wurden immer mehr. Vielleicht gab es ein Fest oder ein wichtiges Treffen? Dann würde Juniper auch dort sein. Außerdem könnte sie etwas über das Experiment von Insel 002 erfahren.

Kira schloss sich dem Strom an. Die Wege wurden zu einem aufgeregt plappernden Fluss, der sämtliche Bewohner mit sich zu reißen schien.

Die Menge sammelte sich schließlich auf einer Anhöhe. Die zerstörte Insel 001 war hier bedrohlich nahe. Erst jetzt wurde Kira die Unruhe bewusst, die in ihrem Inneren köchelte. Das allgemeine Raunen versiegte abrupt, sie löste unschlüssig den Blick von dem Gestein über ihr. In der Mitte des Platzes befand sich ein Podest aus alten Kisten, aufwändig mit Fischernetzen und Blüten geschmückt. Die Aufmerksamkeit aller richtete sich darauf. Dort stand ein Junge, der höchstens acht oder neun Sommer erlebt hatte. Er trug ausgewaschene Shorts und sah bekümmert aus, weinte aber nicht.