Der Tractatus logico-philosophicus ist eines der bedeutendsten Werke der Philosophiegeschichte. Ludwig Wittgenstein stellt darin den Erkenntnisgewinn traditioneller Philosophie in Frage, als Folge der Unschärfe der in philosophischen Abhandlungen verwendeten Begriffe. Konsequenz für ihn: Ehe man philosophiert, muss ein logischer Rahmen mit konsistenten Begriffen geschaffen werden. Wittgenstein setzt dies in seinem Tractatus in mathematischer Präzision um und stellt damit die Philosophie vom Kopf auf die Füße. Nicht von ungefähr wird man diese Entwicklung später als ›linguistic turn‹ der Philosophie bezeichnen. Im Laufe seines Lebens wurde Wittgenstein der traditionellen Philosophie gegenüber immer kritischer, er hielt die »großen philosophischen Probleme« letztlich für »Geistesstörungen«, die unter anderem entstünden, »indem man [basierend auf einem unzulänglichen Sprachgebrauch] philosophiere« –. So entstünden Hirngespinsten ähnliche fixe Ideen, die einen nicht mehr loslassen.
Bis heute gibt der ›Tractatus‹ breiten Raum für Interpretationen, sodass die Spannweite der Deutungen von einer wortwörtlichen Auslegung der Wittgenstein’schen Überlegungen über eine ›Wissenschafts-Therapie‹ bis hin zu einer fast spöttischen Parabel auf die Unzugänglichkeit philosophischen Denkens, – inklusive des Tractatus selbst – reicht.
Der Text folgt der von Ludwig Wittgenstein autorisierten deutsch-englischen Ausgabe von 1922, London & New York.
Ludwig Wittgenstein (1889–1951) war ein faszinierender, vielschichtiger Wissenschafter, der in seinem Leben zahlreiche Wendungen vollzog. Vom Studenten der Aeronautik, der an neuen Flugzeugmotoren forschte, führte ihn eine radikale Wendung hin zur Philosophie am Trinity College in Cambridge, die in sein erstes Frühwerk, den ›Tractatus‹ mündet. Da damit alles gesagt sei, wendet er sich dann von der Philosophie ab, lässt sich zum Volksschullehrer ausbilden und arbeitet in Schulen in der Nähe von Wien. Während dieser Zeit schreibt er ein ›Wörterbuch für Volksschulen‹. Nach dem Abgang aus der Schule schließlich hilft er als Gärtner in einem Kloster und spielt mit dem Gedanken, als Mönch dem Klosterorden beizutreten.
Wittgenstein entstammte einer der reichsten Familien Wiens, sein Vater war musikbegeisterter Großindustrieller, im Palais Wittgenstein verkehrten Größen wie Clara Schumann, Gustav Mahler, und Richard Strauss. – Ludwig aber überschrieb schon in jungen Jahren sein enormes Vermögen den Geschwistern und unterstützte als Mäzen Schriftsteller und Künstler, darunter Adolf Loos, Georg Trakl und Rainer Maria Rilke. Nebenbei betätigte er sich als Bildhauer und Innenarchitekt – so entwarf er etwa Türklinken und Fenstergriffe, die heute als Industrieklassiker gelten.
1929 geht Wittgenstein zurück nach Cambridge, wo er 1939 zum Professor der Philosophie berufen wird. Die Professur behält er bis 1947, unterbricht die Tätigkeit aber während des Zweiten Weltkriegs, um als Pfleger in einem Londoner Krankenhaus zu arbeiten, wo er dann auch Laborgeräte zur kontinuierlichen Messung von Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und Atemvolumen konstruiert. – Sein zweites Hauptwerk, die ›Philosophischen Untersuchungen‹, stellte Ludwig Wittgenstein 1949 in Cambridge fertig; es wurde 1953 postum veröffentlicht und erregte, wie der Tractatus, großes Aufsehen in Fachkreisen.
© Redaktion eClassica, 2022
Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind – oder doch ähnliche Gedanken – schon selbst einmal gedacht hat. – Es ist also kein Lehrbuch. – Sein Zweck wäre erreicht, wenn es einem, der es mit Verständnis liest, Vergnügen bereitete.
Das Buch behandelt die philosophischen Probleme und zeigt – wie ich glaube – dass die Fragestellung dieser Probleme auf dem Missverständnis der Logik unserer Sprache beruht. Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.
Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr – nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müssten also denken können, was sich nicht denken lässt).
Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.
Wieweit meine Bestrebungen mit denen anderer Philosophen zusammenfallen, will ich nicht beurteilen. Ja, was ich hier geschrieben habe macht im Einzelnen überhaupt nicht den Anspruch auf Neuheit; und darum gebe ich auch keine Quellen an, weil es mir gleichgültig ist, ob das was ich gedacht habe, vor mir schon ein anderer gedacht hat.
Nur das will ich erwähnen, dass ich den großartigen Werken Freges1 und den Arbeiten meines Freundes Herrn Bertrand Russell2 einen großen Teil der Anregung zu meinen Gedanken schulde.
Wenn diese Arbeit einen Wert hat, so besteht er in Zweierlei. Erstens darin, dass in ihr Gedanken ausgedrückt sind, und dieser Wert wird umso größer sein, je besser die Gedanken ausgedrückt sind. Je mehr der Nagel auf den Kopf getroffen ist. – Hier bin ich mir bewusst, weit hinter dem Möglichen zurückgeblieben zu sein. Einfach darum, weil meine Kraft zur Bewältigung der Aufgabe zu gering ist. – Mögen andere kommen und es besser machen.
Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv. Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht nun der Wert dieser Arbeit zweitens darin, dass sie zeigt, wie wenig damit getan ist, dass diese Probleme gelöst sind.
Wien, 1918.
L. W.