Die junge Betty Robinson wird Mitglied der ersten Leichtathletik-Frauenmannschaft. Aber dann lässt ein dramatischer Unfall ihre Hoffnung auf eine Karriere auf der Laufbahn in weite Ferne rücken. Auch die burschikose Außenseiterin Helen Stephens kämpft darum, ihr einzigartiges Talent als Sprinterin zu entfalten. Doch zunächst muss sie herausfinden, wer sie wirklich ist. Währenddessen erkennt die Schwarze Louise Stokes im Sport ihre Chance, die Grenzen einer Welt voller Vorurteile hinter sich zu lassen. Für die Teilnahme an den Olympischen Spielen riskiert sie alles. Es ist ihr gemeinsamer Traum vom Laufen als Weg zur Freiheit, der die drei Frauen 1936 in der hitzigen Atmosphäre Berlins zusammenführt – hier müssen sie nicht nur um ihren Platz in der 4x100-m-Staffel kämpfen, sondern auch den Vorstellungen trotzen, was Frauen alles nicht können und nicht sollten.
Elise Hooper schrieb mehrere Jahre fürs Fernsehen, bevor sie an die Uni zurückging, um zu studieren und Literatur und Geschichte zu unterrichten. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Seattle. Ihre Romane drehen sich um jene historischen Frauenfiguren, die von der Geschichtsschreibung oft übersehen werden. Im Ringen dieser Frauen um Anerkennung erkennt Elise Hooper vieles, was uns helfen könnte, auch unsere eigene Zeit besser zu verstehen.
Annette Hahn studierte Englische Literaturwissenschaft und Literarische Übersetzung in München und lebt heute in Münster. Sie übertrug unter anderem Graeme Simsion, Anne Fortier und Jesse Q. Sutanto ins Deutsche.
Elise Hooper
Fast Girls
Berlin 1936 - Drei Frauen auf dem Weg, Geschichte zu schreiben
Roman
Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn
Juli 1928–Januar 1929
Juli 1928
New York City, NY
Noch ehe sie das Zimmer im Prince George Hotel verließen, warnte Mrs. Robinson ihre Tochter, an Bord des Dampfschiffes ja vorsichtig zu sein und sich vor den Mädchen aus Kalifornien in acht zu nehmen. Bestimmt sei das ein leichtsinniger Haufen, was vermutlich an der dort ganzjährigen Sonne und den milden Temperaturen liege, denn das zersetze die Moral. Bis zu diesem Moment hatte Betty nur mit halbem Ohr zugehört, doch jetzt horchte sie auf. Teamkolleginnen aus so spektakulär klingenden Orten wie Santa Monica oder Santa Barbara kennenzulernen – das wäre doch großartig. Energisch klappte sie ihren Reisekoffer zu und trat in den Hotelkorridor. Mit etwas Glück würde sie sich ihre Kabine auf der SS President Roosevelt mit einigen dieser »fragwürdigen« Mädchen aus Kalifornien teilen.
Wenige Minuten später saß Betty Robinson mit ihrer Mutter auf der Rückbank eines Taxis, das sie zum Pier 86 bringen sollte. Schon seit einer Woche herrschte in New York eine drückende Hitze, und Betty fächelte sich Luft zu, während ihre Mutter mit dem Taxifahrer über die beste Route stritt. Dichter Verkehr verstopfte die Straßen, und gewitzte Zeitungsjungen flitzten zwischen den stehenden Autos umher und boten die neuesten Ausgaben an. Der Taxifahrer kaufte ein Exemplar und legte es aufs Lenkrad, um die Schlagzeilen zu lesen.
»Sind Sie sicher, dass Sie den schnellsten Weg gewählt haben?«, fragte Mrs. Robinson mit zweifelndem Unterton.
»Gäbe es einen schnelleren, würden wir den nehmen, Ma’am. Beten Sie lieber zur heiligen Mutter Gottes, dass mein Motor nicht überhitzt.« Er bekreuzigte sich.
Wie aufs Stichwort, begann das Fahrzeug in diesem Moment zu röcheln, und Bettys Mutter seufzte.
»Beten Sie, soviel Sie wollen, aber meine Tochter darf auf keinen Fall zu spät kommen. Sie gehört zu den Leichtathletinnen, die heute Mittag mit dem Schiff zu den Olympischen Spielen nach Amsterdam starten.«
»Tatsächlich?« Er wandte sich um und musterte Betty eingehend.
»Richten Sie Ihre Augen bitte auf die Straße, Sir«, mahnte ihre Mutter.
»Aber wir fahren doch gar nicht.«
Mrs. Robinson verschränkte die Arme. »Das merke ich.«
»Mir war nicht bekannt, dass bei den Spielen jetzt auch Frauen an Leichtathletikwettkämpfen teilnehmen.«
»Es ist das erste Mal, dass Frauen in Laufdisziplinen antreten dürfen«, erklärte Mrs. Robinson, und obwohl sie sich immer noch über den Mann ärgerte, war der Stolz in ihrer Stimme nicht zu überhören. Betty setzte sich aufrecht hin.
»Laufen scheint mir aber nicht besonders geeignet für eine junge Frau. Machen Sie sich keine Sorgen, dass Ihre Tochter zu maskulin wird?«, fragte der Fahrer und kniff unter seiner Hutkrempe die Augen zusammen. »Ich würde ja eher zum Rudern raten. Strafft das nicht die … äh, den Brustkorb?« Er grinste.
»Was für eine unsinnige Bemerkung! Außerdem läuft meine Tochter keinen Marathon. Sie ist Sprinterin.«
»Wenn Sie meinen.« Der Fahrer knackte mit den Fingerknöcheln. Offenkundig machte es ihm Spaß, ihre Mutter aufzuziehen, und Betty drehte schnell den Kopf, um ihr belustigtes Gesicht zu verbergen. Auf dem Gehweg flimmerte die Luft.
»Da wären wir«, sagte der Fahrer nach einiger Zeit und reihte sein Taxi in die Warteschlange am Pier ein. Aus der Ferne erklang Musik. Vor dem Aussteigen blieb Betty einen Moment lang auf dem Trittbrett stehen und spähte über die Köpfe der Passanten zur SS President Roosevelt hinüber.
Rot-weiß-blaue Fähnchen schmückten die Decks, und die blankpolierte Messingreling blitzte in der Sonne. Im Vergleich zu den majestätischen Dampfern an den benachbarten Piers wirkte das Schiff allerdings klein und schien eher für Hafenrundfahrten geeignet als für die verantwortungsvolle Aufgabe, das olympische Team der Vereinigten Staaten über den Atlantik zu bringen.
Instinktiv griff Betty nach ihrem Teilnehmerausweis, der ihr an einem Band um den Hals hing, und befühlte die tröstlich feste Pappe. Das alles war kein Traum. Erst vor wenigen Monaten hatte sie der Schultrainer des Leichtathletikteams der Jungen zum Zug sprinten sehen, und nun war sie in New York City und als eine der ersten Leichtathletinnen auf dem Weg zu den Olympischen Sommerspielen in Amsterdam. Ihr Körper kribbelte vor Aufregung.
»Ich hätte nie gedacht, dass ich den Tag erlebe, an dem Frauen bei einer Olympiade um die Wette laufen«, murmelte der Fahrer kopfschüttelnd, während er Bettys Gepäck aus dem Kofferraum holte. Dann sah er sich suchend um. »Und wo ist ein Träger, der die Sachen zum Schiff bringt?«
Betty griff selbst nach ihrem Koffer, doch der Mann trat ihr in den Weg. »Nein, Miss, dafür sind Sie viel zu zierlich. Lassen Sie uns einen Träger suchen.«
»Ich kann das selbst.«
»Ganz schön störrisch, wie?« Er zuckte die Achseln und stellte ihr die Tasche vor die Füße.
Betty lehnte sich in den Fond des Fahrzeugs. »Jetzt ist es so weit, Mutter. Leb wohl. Ich werde Euch schreiben, versprochen.« Sie umarmten einander. Als Betty sich wieder aufrichtete, spürte sie, wie ihr der dünne Blusenstoff am feuchten Rücken klebte.
»Mach uns stolz, mein Schatz.«
»Ganz bestimmt. Ihr müsst nur in der Zeitung nach mir Ausschau halten.«
Die Mutter schüttelte vor so viel Übermut zwar tadelnd den Kopf, aber Betty nahm auch ihr nachsichtiges Schmunzeln wahr. Obwohl sie bisher stets der Ansicht gewesen war, der Name einer Frau solle nur bei Heirat und Tod in der Zeitung erscheinen, schien Mrs. Robinson ihre Meinung seit Bettys sportlichen Erfolgen allmählich zu ändern.
Betty blickte wieder Richtung Hafen, hob Koffer und Tasche an und verkniff sich ein Stöhnen. Die Sachen waren schwerer als erwartet, aber sie würde auf keinen Fall um Hilfe bitten. Mit zusammengebissenen Zähnen ging sie um den Fahrer herum.
»Viel Glück, Miss«, sagte der.
Sie zog die Augenbrauen hoch. »Ich glaube, davon brauchen Sie mehr als ich. Immerhin sind Sie derjenige, der jetzt mit meiner Mutter weiterfahren muss.«
°
Die Menschenmenge riss Betty mit sich Richtung Gangway, wo sie ihren Koffer einem Steward übergab. Mit einem letzten Blick über die Schulter dachte sie an alles, was sie nun zurückließ: ihr Land, ihre Familie, all das, was ihr vertraut war. Doch der Moment währte nur kurz, denn ebenso fieberte sie dem neuen Abenteuer entgegen.
Am Ende der Gangway stand General MacArthur und begrüßte jedes Mitglied des Olympischen Kaders. Beim gestrigen Empfang der Athleten und ihrer Familien im Ballsaal des Hotels war er Betty steif und unnahbar vorgekommen, aber nun lächelte er freundlich. »Miss Robinson, das schnellste Mädchen im Mittleren Westen. Bereit, Ihrem Land Ehre zu machen?«
Seine Wandlung vom furchtlosen General zu einer Art wohlwollendem Onkel sorgte dafür, dass sie sich unwohl fühlte, so wie einem allzu intime Einblicke unangenehm waren – etwa, jemanden auf der Toilette zu hören oder die dunkle Brustbehaarung eines Mannes durch den Hemdstoff schimmern zu sehen.
Sie zwang sich zu lächeln.
»Schön, schön. Ihre Betreuerin wartet dort hinten und wird Sie zu Ihrer Kabine bringen. Sie sind mit zwei Mädchen ganz aus Ihrer Nähe untergebracht, aus Chicago und St. Louis. Sie werden sich also wie zu Hause fühlen.«
St. Louis? Und was war mit den Kalifornierinnen? Betty verbarg ihre Enttäuschung, indem sie sich artig bedankte und weiterging. Staunend beobachtete sie den Tumult aus Matrosen und Lastenträgern, die durch die Menge manövrierten und Kommandos brüllten, und fröhlich lachenden Athleten, die sich an der Reling drängten, den Menschen im Hafen zuwinkten und ihnen Abschiedsworte zuriefen. Noch nie im Leben hatte sie solch ein Spektakel erlebt.
»Hallo, bist du Betty?« Mrs. Allen, die Betreuerin der minderjährigen Athletinnen, bahnte sich keuchend einen Weg durch die Menge und fächelte sich mit einem Blatt Papier Luft zu. »Hast du deine Kabinennummer?«
»Ja.« Betty hielt ihren Ausweis in die Höhe. »Wie schafft General MacArthur es nur, sich die Kabinenaufteilung aller Teilnehmer zu merken?«
»Mir nach«, rief Mrs. Allen, während sie sich durch die Menge schob. »Der gute General MacArthur! Ich glaube, die jungen Athletinnen liegen ihm besonders am Herzen. Wie alt bist du noch mal?«
»Sechzehn.«
»Sechzehn, ist das zu fassen? Damit bist du aber noch nicht einmal die Jüngste. Ein paar der Leichtathletinnen gehen noch zur Highschool, ebenso einige Schwimmerinnen und Turmspringerinnen. Ich glaube, Eleanor Holm ist erst vierzehn, und Olive Hasenfus kann auch nicht viel älter sein. Gütiger Gott, die Hitze ist doch schrecklich, oder? Die New York Post meldet, dass gestern sechs Leute gestorben sind, die Ärmsten! Ich hoffe, auf offener See wird es besser.«
In Anbetracht ihrer Seidenstrümpfe und des eng anliegenden Kostüms aus dickem Baumwollstoff war leicht nachvollziehbar, warum die Frau so schwitzte. Vor einer der Kabinentüren blieb sie stehen und blickte prüfend auf ihre Liste. »Wollen wir mal sehen … hier ist es. Das ist deine Kabine. Es wird ein bisschen eng werden. Eigentlich hätten wir mit einem anderen Schiff fahren sollen, aber dort gab es vor Kurzem einen Brand. Und jetzt wurden wir alle hierhin verlegt – alle dreihundertfünfzig … O Gott, o Gott!«
»Es wird schon gut gehen.«
»Nun ja … ihr werdet aufpassen müssen. Wir sind zusammengepfercht wie die Sardinen. Wenn uns auf Deck C die Turner mit ihren Salti nicht umwerfen, dann erstechen oder erschlagen uns die Fechter und Boxer auf dem Sonnendeck. Vielleicht werden wir auch auf dem hinteren Deck beim Training der Fünfkämpfer erschossen – oder von den Pferden getreten, die auf Deck D in ihren Laufrädern galoppieren. Meine Liebe, das klingt jetzt ungeheuer gefährlich, aber wenn du auf der Hut bist, wird dir schon nichts passieren. Warte auf jeden Fall bis morgen, um die Laufstrecke auf dem Promenadendeck zu testen … Den Speer- und Diskuswerfern haben wir verboten, auf See zu trainieren, das ist einfach zu riskant, und die Fahrradfahrer dürfen nur zu bestimmten Zeiten fahren – ich fürchte jedoch, dass sie trotzdem ständig um uns herumkurven werden.« Sie beugte sich zu Betty vor und flüsterte verschwörerisch: »Die benehmen sich ziemlich rücksichtslos und manchmal auch ein bisschen arrogant, aber wenn du mich fragst, sehen sie auf ihren kleinen Drahtgestellen doch recht lächerlich aus. Und warte nur ab, bis das Schiff mal schlingert, während sie herumsausen. Das wird sie bestimmt von ihrem hohen Ross herunterholen – im wahrsten Sinne des Wortes.« Sie kicherte. »Sobald wir abgelegt haben, wird General MacArthur ein Treffen auf dem Promenadendeck abhalten und den Gruppen ihre Trainingszeiten zuweisen. Folge einfach seinen Anweisungen, dann wird sicher alles reibungslos verlaufen.«
In Bettys Kopf drehte sich alles. Erstochen? Erschossen? Vom Pferd getreten? Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Erneut musterte sie die matronenhafte Mrs. Allen in ihrem verschwitzten Kaufhaus-Kostüm mit den kunstvoll aufgetürmten Haaren. Sie schien nicht der Typ, der übermäßig gefährlich leben wollte.
Mrs. Allen räusperte sich. »Ich sehe, dass du ein braves Mädchen bist. Man war den Athletinnen und insbesondere den Läuferinnen gegenüber ja sehr skeptisch. Bestimmt hast du das Gerede gehört, dass es moralisch verwerflich sei … Nun, ich finde das lächerlich. Was ist denn mit den Mädchen, die schwimmen und turmspringen? Wenn überhaupt, dann sind sie diejenigen, die man im Auge behalten sollte. Mal ganz unter uns: Ich glaube, dass sie das andauernde Herumstolzieren in diesen knappen Badeanzügen auf dumme Ideen bringt. Die warten doch nur darauf, dass sie aus Hollywood einen Filmvertrag angeboten bekommen. Und bis dahin sind sie überzeugt, sie könnten sich alles erlauben. Du liebe Zeit, mit deren Betreuerin möchte ich nicht tauschen …« Sie schnalzte bedauernd mit der Zunge. In diesem Moment heulte die Schiffssirene auf, und sie fuhr erschrocken zusammen. »Ich muss zurück zur Gangway, um auch den anderen Mädchen ihre Kabinen zu zeigen.« Sie sah Betty prüfend an. »Du scheinst eher der ruhige Typ zu sein, aber könntest du dich den anderen in deiner Kabine allein vorstellen? Schaffst du das?«
Betty lachte. »Das bekomme ich hin.«
»Alles Gute«, rief Mrs. Allen ihr noch zu, während sie davoneilte.
Betty atmete einmal tief durch und klopfte zaghaft an die Tür, bevor sie eintrat. Zwei junge Frauen lagen in den Kojen, eine von ihnen hinter der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Photoplay versteckt. Die dritte Koje oberhalb der beiden war leer – aufgrund der Höhe offensichtlich die unattraktivste der drei.
»Tut mir leid, Kleine, hier bist du falsch. Der Kindergarten ist woanders«, sagte die aus der Mittelkoje, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und streckte ihre langen Beine auf der dünnen Wolldecke aus.
Betty sah zwischen den beiden Frauen hin und her. Ihre Schwester war bereits Ende zwanzig, weshalb sie zu Hause immer die Rolle des »Babys« eingenommen hatte. Aber damit sollte nun Schluss sein. Mit lautem Rumms stellte sie ihren Koffer ab. »Ich bin Betty Robinson, eure Teamkollegin.«
Die Frau, die unten lag, legte ihre Zeitschrift zur Seite, richtete sich auf und streckte Betty eine Hand entgegen. »Kümmere dich nicht um Dee. Sie hält sich für besonders witzig. Kenne ich dich nicht von irgendwo? Du bist doch auch aus Chicago, stimmt’s?«
Betty musterte die junge Frau. Ihre Freundlichkeit wirkte natürlich, ihr Lächeln aufrichtig.
»Ja, ich trainiere beim Illinois Women’s Athletic Club.«
»Ah! Ich wohne ganz im Süden der Stadt, und zum IWAC zu kommen ist furchtbar umständlich. Deshalb trainiert mich mein Freund. Ich bin Caroline Hale, und das …«, sie deutete nach oben, »ist Dee Boeckmann. Du bist auch Sprinterin?«
»Ja, ich laufe die 100 Meter.«
»Dann wollt ihr es wohl mit den schnellsten Frauen der Welt aufnehmen?«, fragte Dee mit einem Anflug Skepsis. »Wie ich gehört habe, rennt Elta Cartwright wie der Blitz. War sie nicht Erste bei den Olympischen Vorentscheidungen? Dann wären da die Kanadierinnen … Wie nennen sie die noch gleich? Die unbesiegbaren Sechs? Ihr habt ganz schön Konkurrenz.«
Caroline verdrehte die Augen. »Du meine Güte, Dee! Nun hör schon auf, so rumzustänkern, und entspann dich. Das Ganze soll doch Spaß machen, oder?« Sie nahm einen Lippenstift und malte sich die Lippen nach, bevor sie ein zerknittertes Päckchen Lucky Strikes aus ihrer Handtasche fischte. »Willst du eine?«
Betty hatte noch nie geraucht, aber war das hier nicht das Abenteuer ihres Lebens? Warum also nicht? Sie zog eine Zigarette aus dem Päckchen und beugte sich vor, damit Caroline sie anzünden konnte. Der Rauch brannte ihr beim Inhalieren in der Kehle, und sie musste husten, aber es fühlte sich vornehm an, eine Zigarette zu halten. Sie nahm einen weiteren Zug, der zum Glück schon nicht mehr so sehr brannte.
Dee verzog das Gesicht. »Könntet ihr das bitte draußen machen? Ich fühle mich ein bisschen seekrank.«
»Jetzt schon? Wir haben doch noch nicht mal abgelegt. Nun sei bloß keine Spielverderberin!« Caroline schwang die Füße auf den Boden und balancierte beim Aufstehen die Zigarette zwischen den langen Fingern. Sie grinste. »Aber das ist gar keine so schlechte Idee. Was meinst du, Betty? Sollen wir mal an Deck gehen und schauen, was wir anstellen können? Wenn wir Glück haben, läuft irgendwo Johnny Weissmuller in seiner Badehose herum. Hast du das Schwimmbecken gesehen? Kaum größer als ein Nachttopf!«
»Es gibt einen Swimming Pool?«, fragte Betty erstaunt.
»Na klar! Was hast du denn gedacht, wie die Schwimmer auf der Überfahrt trainieren sollen – im Meer?« Caroline lachte.
»Wieso interessierst du dich eigentlich für Johnny Weissmuller? Ich dachte, du hast einen Freund?«, wollte Dee wissen.
»Aber das heißt doch nicht, dass ich andere nicht angucken darf. Noch habe ich keinen Ring am Finger.« Sie zwinkerte Betty zu, blies eine lange Rauchfahne in die Luft und hielt die Tür auf. »Komm, Betty, stell deine Tasche ab, und wir ziehen los und erkunden das Schiff. Wenn wir Glück haben, trainieren die Jungs jetzt schon ohne Oberteile. Wir sollten uns ein wenig amüsieren – das haben wir uns wirklich verdient. Habt ihr eine Ahnung, was ich gemacht habe, um mir mein Taschengeld für diese Reise zu verdienen?«
»Was denn?«, fragte Betty.
»Ich bin aus einem Flugzeug gesprungen.«
»Absichtlich?«
»Jawohl: Ich habe fünfundzwanzig Dollar dafür bekommen, dass ich mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springe.«
Dee schnaubte. »So ein Leichtsinn! Was hast du dir bloß dabei gedacht?«
Caroline verdrehte die Augen. »Ich habe einzig und allein gedacht, dass das leicht verdiente fünfundzwanzig Dollar sind. Ich brauchte das Geld. Ich bin die Jüngste von elf Kindern, da konnte ich meine Eltern schlecht um Unterstützung bitten. Die sind immer knapp bei Kasse.«
»Und was hat dein Freund gedacht?«, wollte Betty wissen.
»Der hat mich für verrückt erklärt, aber er weiß auch, dass es keinen Sinn hat, mir etwas auszureden, weil ich es dann erst recht machen will. Also hat er nichts weiter gesagt.«
Betty lachte.
Caroline fuhr sich mit den Fingern durch den wuscheligen, dunklen Bob. Mit ihr konnte man bestimmt viel Spaß haben, auch wenn sie nicht aus Kalifornien war. Betty kniff sich ein wenig Farbe in die Wangen und ging zur Tür. Das Auspacken konnte sie sicher auf später verschieben. »Was ist mit dir, Dee? Willst du hierbleiben, um den olympischen Eid auswendig zu lernen?«
Caroline kicherte.
»Nein, ich komme mit«, rief Dee und sprang von ihrem Bett. »Die frische Luft wird mir mit Sicherheit guttun.«
Thornton Township Highschool
15 001 S. Broadway
Harvey, Illinois 60426
27. Februar 1928
Mr. und Mrs. Harold Robinson
3 East 138th Street
Riverdale, IL 60827
Sehr geehrte Mr. und Mrs. Harold Robinson,
dieser Brief soll ein Missverständnis aufklären. Coach Price ist der Meinung, Ihre Tochter verfüge über ein außergewöhnliches sportliches Talent. Er hat am Bahnhof zufällig mitbekommen, wie schnell Betty zu ihrem Zug lief, und war so beeindruckt, dass er sie zu einem Training mit dem Leichtathletikteam der Jungen einlud.
Obwohl ich seine Begeisterung und Initiative im Allgemeinen sehr begrüße, muss ich dennoch auf unsere Schulregeln verweisen: Betty kann nicht mit dem Jungenteam trainieren. Der Leichtathletikverband von Illinois verbietet Mädchen die Teilnahme an schulischen Wettkämpfen, und das aus gutem Grund, denn erwiesenermaßen können Frauen nicht denselben geistigen und körperlichen Anstrengungen ausgesetzt werden wie Männer.
Wie aus Bettys Schulakte hervorgeht, schreibt sie außergewöhnlich gute Noten und wird von allen Lehrern über die Maßen gelobt, so dass ohne den übertriebenen sportlichen Ehrgeiz eine gewiss gesündere und tugendhaftere Zukunft vor ihr liegt. Die Thornton Township Highschool bietet viele hervorragende Möglichkeiten, um den Intellekt und auch die außerschulischen Begabungen ihrer weiblichen Schüler zu fördern.
»Mit Bildung beginnt der Gentleman, doch Lesen, gute Gesellschaft und Selbstreflexion runden ihn ab«, sagte schon John Locke. Wir sind hier gewiss nicht so engstirnig zu glauben, dieser Befund gelte nur für Männer – er kann mit Sicherheit auch auf Frauen angewandt werden. Bei Betty ist ein guter Anfang gemacht. Sie ist eine fleißige Schülerin und befindet sich in guter Gesellschaft, aber sie sollte auch ausreichend Zeit für Selbstreflexion erhalten, um sich auf ihre zukünftige Rolle als Ehefrau, Mutter und verantwortungsvolle Staatsbürgerin vorzubereiten. Gerade in dieser Hinsicht ist es von großer Bedeutung, das noch junge weibliche Gemüt nicht durch sportliche Übungen und Wettkämpfe abzulenken und über Gebühr zu belasten.
Mit freundlichen Grüßen,Rektor Umbaugh
Kanzlei Lee, Maginnis & Finnell
AKTENNOTIZ
5. März 1928
Sehr geehrter Mr. Harold Robinson,
nachdem Sie bei Ihrem gestrigen Treffen mit Rektor Umbaugh darauf bestanden, dem Wunsch Ihrer Tochter Elizabeth »Betty« Robinson zu entsprechen und sie mit dem Leichtathletikteam der Jungen trainieren zu lassen, setzen wir Sie hiermit in Kenntnis, dass die Schulbehörde von Thornton keinerlei Verantwortung für Aktivitäten und deren etwaige Folgen übernimmt, die für weibliche Schülerinnen nicht angemessen sind. Bitte bestätigen Sie in der beigefügten Erklärung, dass Elizabeth ihre sportlichen Übungen außerhalb des schulischen Rahmens und auf eigenes Risiko betreibt.
Mit freundlichen Grüßen,Mr. V. L. Maginnis, Rechtsanwalt
The Chicago Evening Standard
3. Juni 1928
Sportnachrichten
Soldier Field – In ihrem erst zweiten offiziellen Wettlauf errang Elizabeth »Betty« Robinson aus Riverdale beim Hallenturnier des Leichtathletikverbands der Amateure im 100-Meter-Sprint vor Rekordhalterin Helen Filkey den ersten Platz in nur 12 Sekunden – eine neue, wenn auch inoffizielle Weltbestzeit, da sie aufgrund zu starken Rückenwinds nicht offiziell anerkannt werden konnte. Dennoch verschafft dieser Sieg der aufstrebenden Starläuferin die kostenfreie Einladung zu den Ausscheidungswettkämpfen im nächsten Monat in Newark, New Jersey. Zum ersten Mal in der Geschichte werden zu einigen der Leichtathletikdisziplinen der kommenden Neunten Olympischen Sommerspiele in Amsterdam auch Frauen zugelassen. Wir wünschen der jungen Betty alles Glück der Welt bei ihrem Vorhaben, für die Vereinigten Staaten von Amerika eine Medaille zu erringen.
Western Union Telegraph Company
erhalten in Newark, NJ
am 6. Juli 1928; 13:26 Uhr
HERZLICHEN GLUECKWUNSCH ZUR QUALIFIKATION FUER OLYMPIA. DEINE FREUNDE AN DER THORNTON HIGH GLAUBEN FEST AN DICH. VIEL GLUECK IN AMSTERDAM! REKTOR UMBAUGH
Juli 1928
Fulton, Missouri
Helen klimperte ein paar Töne auf dem Klavier. Der bestickte Wollbezug des Klavierschemels kratzte sie an den Oberschenkeln. Eigentlich sollte sie sich auf Chopin konzentrieren, doch viel lieber sah sie aus dem Fenster ins Freie. Sie seufzte. Nun denn: Je eher sie mit dem Üben fertig wäre, desto eher könnte sie zum Spielen wieder nach draußen. Sie legte ihre Finger auf die vergilbte Tastatur, schlug ein C an und lauschte seinem Widerhall von den farblosen Wohnzimmerwänden. Wenn sie doch nur eine dramatisch anschwellende Melodie spielen könnte, die die stickige Luft und alles hier ein wenig aufwirbelte – wäre das nicht grandios?
Sie versuchte es mit einem Akkord. Nichts änderte sich. Wenn überhaupt, fühlte sich beim Klang des verstimmten Pianinos alles nur noch trüber, noch bedrückender an.
Jede Minute, die Ma sie vor dem Klavier sitzen ließ, bekräftigte nur die Sinnlosigkeit, von einer musikalischen Karriere zu träumen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie einmal Klaviervirtuosin werden würde, erschien ihr so gering wie die, einen Elefanten als Haustier zu bekommen.
Helen unterbrach ihr Spiel und lauschte angestrengt nach Geräuschen aus der Küche. Nichts. Die einzigen Laute kamen von draußen, wo Doogies Krallen über den Holzboden der Veranda schurrten. Helen ging zur Verandatür und spähte nach draußen. Tatsächlich: Die Hündin lag auf ihrem üblichen Platz neben dem Schaukelstuhl und ruderte beim Träumen mit den Pfoten. Helen öffnete die Tür und schlich auf Zehenspitzen über die Veranda. Doogies Lider flatterten, und ohne den Kopf zu heben, beobachtete sie Helen aus halb geöffneten Augen.
Auf der Suche nach etwas Interessantem, einer Möglichkeit zum Spiel, zur Bewegung, ließ Helen ihren Blick schweifen. Neben der Treppe lag eine einzelne Holzschindel. Ohne weiter nachzudenken, denn dazu war es zu heiß, nahm sie sie auf und schob sie sich zwischen die Zähne. Und obwohl sie ihre Zunge von den splittrigen Fasern fernhielt, hatte sie sofort den Geschmack von Staub und trockenem Holz im Mund. Sie schüttelte den Kopf und knurrte, um Doogies Aufmerksamkeit zu erringen.
Nichts.
Das Tier legte nur verdutzt die haarige Stirn in Falten. Erst als Helen sich vorbeugte, in die Hände klatschte und mit den Füßen stampfte, begann die Hündin, mit dem Schwanz zu wedeln. Dann erhob sie sich und streckte nacheinander beide Hinterläufe. Je länger sie Helen beobachtete, desto heftiger wedelte sie mit dem Schwanz.
Abrupt drehte Helen sich um und lief die Stufen hinunter in der Hoffnung, die Hündin würde ihr folgen. Mit jedem Schritt schwitzte sie noch mehr, aber sie musste rennen, musste den Luftzug um sich spüren, egal, wie heiß es war. Sie brauchte Bewegung, um sich von der Eintönigkeit und Langeweile zu befreien.
Entschlossen steuerte sie das vordere Gartentor an. Sie rannte, so schnell sie konnte, drehte den Kopf und sah, dass Doogie neben ihr herjagte. Und in genau diesem Moment stolperte sie über irgendetwas. Vielleicht war es einer von Bobbie Lees Spielzeuglastern oder eine von Mamas Gartenschaufeln, vielleicht stolperte sie auch nur über ihre eigenen großen Füße – sie würde es nie herausfinden.
Doch sie stürzte.
Sie segelte über den flachen Untergrund und staunte über die plötzliche Stille. Den braunen, staubigen Gartenweg. Die Felder hinter dem Zaun. Die einsame Scheune. Und dann landete sie mit einem harten RUMMS auf dem Boden!
Ein heftiger Schmerz fuhr ihr durch das Kinn, die Lippen, den Hals. Alles brannte. Reglos und mit tränenden Augen lag sie auf dem staubigen Boden und rang nach Luft. Doogie stupste ihr mit der Schnauze an die Wange, und sie spürte ihren heißen Atem im Gesicht. Helen gab einen gurgelnden Laut von sich, und sie schmeckte Blut. Sie wollte husten, doch irgendetwas schien ihren Hals zu blockieren. Auf einmal sah es aus, als trüge sie über der blassgelben Baumwollbluse einen roten Latz. Helen versuchte, die Holzschindel aus dem Mund zu ziehen, aber es tat zu sehr weh, und so ließ sie die Hände wieder zu Boden sinken.
Hinter ihr klappte die Verandatür. Ma schrie. Bobbie Lee wimmerte. Fußgetrappel. Sie sah die Spitzen von Pas abgewetzten Arbeitsstiefeln und spürte ein Handtuch im Nacken. Stimmen erklangen, mal laut, mal leise, aber was sagten sie? Helen versuchte nicht mehr, sie zu verstehen. Ihr Hals brannte wie Feuer. Sie schloss die Augen und blendete die Umgebung aus.
Doogie bellte aus immer weiterer Ferne.
°
Weiße Laken, weiße Wände. Helen fühlte sich von unnatürlich steriler Leere umgeben. Sie konnte zwar die Augen öffnen, den Kopf jedoch nicht bewegen.
»Helen«, hörte sie Mas Stimme von irgendwo neben sich. »Wir sind im Krankenhaus. Du hattest einen Unfall. Bitte versuche nicht, zu sprechen.«
Sie wollte schlucken, aber es war, als müsste sie einen Felsbrocken verschlingen. Sie würgte und bekam keine Luft. Ihre Augen tränten.
»Schon gut, schon gut«, murmelte Ma, ohne dass Helen sie sehen konnte. Sie wollte sich bewegen, wollte gegen diese überwältigende Starre ankämpfen, aber es ging nicht. Auch umsehen konnte sie sich nicht. Jetzt tränten ihr die Augen nicht nur vor Schmerz, sondern auch vor Verzweiflung.
»Bertie, ist sie bei Bewusstsein?«
»Ja«, antwortete Ma.
»Da ist sie wieder«, hörte Helen eine tiefe und beruhigende Männerstimme, dann tauchte ein runder Kopf mit Brille und grauen Haaren über ihr auf. Dr. McCubbin. »Meine liebe Helen, wir sollten langsam aufhören, uns auf diese Weise zu treffen.« Sie spürte kühle Hände um ihre Wangen, Finger, die ihre Lider hochzogen, ihren Brustkorb befühlten. »Dein gebrochenes Handgelenk ist damals schnell verheilt. Ich fürchte, dieses Mal wird es länger dauern, aber du musst durchhalten. Ich habe einen kleinen Eingriff vorgenommen, und du wirst dich eine ganze Weile müde fühlen. Tatsächlich wird das ein sehr ruhiger Sommer für dich. Du brauchst viel Ruhe und darfst nicht sprechen. Dein Hals ist in einem sehr kritischen Bereich verletzt und braucht viel Zeit, um zu heilen.«
Der Arzt verschwand aus Helens Sichtfeld. Stattdessen sah sie wieder die weiße Zimmerdecke. Sie schloss die Augen. Die Stimme ihrer Mutter zog an ihr vorbei, ebenso die des Arztes. Sie hielt die Augen geschlossen und driftete in tiefen, traumlosen Schlaf.