Buch

Becky Brandon, geborene Bloomwood, ist endlich angekommen – und das nicht nur im Leben und in der Liebe, nein, in Hollywood! Der Rodeo Drive, der Walk of Fame, die Filmstudios und die Stars: Becky ist in ihrem Element. Und wie kombiniert man seine Leidenschaft fürs Shoppen mit dem Wunsch, selbst einmal über den roten Teppich zu laufen? Ganz einfach – der Shopaholic macht sich als Stylistin für die Stars selbstständig. Das ist nur leichter gesagt als getan, denn die Crème de la Crème von Hollywood ist nicht gerade für jedermann offen, und von Beckys berühmt-berüchtigten Einkaufstalenten hat in der Stadt der Träume tatsächlich noch nie jemand etwas gehört. Doch Becky wäre nicht Becky, wenn sie sich so leicht unterkriegen lassen würde. Und sie wäre auch nicht Becky, wenn ihr nicht allmählich bewusst werden würde, dass auch in Hollywood nicht alles Gold ist, was glänzt …

SOPHIE KINSELLA

Shopaholic
in Hollywood

Ein Shopaholic-Roman

Aus dem Englischen
von Jörn Ingwersen

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Die Originalausgabe erschien 2014
unter dem Titel »Shopaholic to the Stars«
bei Bantam Press, London,
an imprint of Transworld Publishers.


Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2015

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Sophie Kinsella

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Covergestaltung: Favoritbuero

Redaktion: Kerstin von Dobschütz

MR · Herstellung: Str.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-28309-4
V001


www.goldmann-verlag.de

Für Patrick Plonkington-Smythe,
den besten Banker der Welt

Liebe Leserinnen,

ich hoffe, euch gefällt Beckys neuestes Abenteuer! Dieses Mal verschlägt es sie nach Hollywood. Ob sie dort wohl ein filmreifes Happy End findet? Ihr werdet auch feststellen, dass sich schon in dieser Geschichte ihr nächstes Abenteuer anbahnt – und könnt euch also am Ende sicher sein: Becky ist bald wieder zurück!

Happy Reading!

Sophie Kinsella xxx

CUNNINGHAM’S

Rosewood Center · West 3rd Street · Los Angeles, CA 90048

Liebe Mrs Brandon,

vielen Dank für Ihren Brief. Ich freue mich, dass Ihnen der Besuch in unserem Geschäft gefallen hat.

Leider kann ich nicht sagen, ob die Frau, die am Dienstag an der Schminktheke bezahlt hat, »Uma Thurman mit langer, dunkler Perücke« war. Daher kann ich Ihnen weder verraten, »welchen Lippenstift sie gekauft hat«, noch, »ob sie im normalen Leben genauso nett ist«, und ich sehe mich daher außerstande, Ihre Einladung weiterzuleiten, »weil sie bestimmt gern mal einen freien Abend mit einer Freundin hätte und wir uns sicher gut verstehen würden«.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihren bevorstehenden Umzug nach Los Angeles. Leider muss ich Ihnen jedoch mitteilen, dass wir neuen Einwohnern von L. A. keinen Preisnachlass gewähren können, »damit sie sich hier willkommen fühlen«.

Vielen Dank für Ihr Interesse

Mary Eglantine

Abteilung Kundenservice

INNER SANCTUM LIFESTYLE SPA

6540 Holloway Drive · West Hollywood · CA 90069

Liebe Mrs Brandon,

vielen Dank für Ihren Brief ich freue mich, dass Ihnen der Aufenthalt in unserem Spa gefallen hat.

Leider kann ich nicht sagen, ob es sich bei der Frau vor Ihnen im Yogakurs um Gwyneth Paltrow handelte. Es tut mir leid, dass sie so schwer zu erkennen war, weil sie »dauernd auf dem Kopf stand«.

Somit kann ich leider weder Ihre Frage beantworten, wie sie »einen dermaßen perfekten Kopfstand hinkriegt«, noch, ob sie »spezielle Gelpacks in ihrem T-Shirt hat«. Entsprechend sehe ich mich auch außerstande, Ihre Einladung auf einen Bio-Tee mit Grünkohlkeksen weiterzugeben.

Mit Freude höre ich, dass Sie Gefallen an unserem Geschenke-und-Lifestyle-Shop gefunden haben. Und hinsichtlich Ihrer Bitte, falls ich Ihrem Mann auf der Straße begegnen sollte, seien Sie versichert, dass ich ihm nichts von Ihrem »kleinen Großeinkauf biodynamischer Unterwäsche« verraten werde.

Vielen Dank für Ihr Interesse

Kyle Heiling

Koordinatorin Fernöstliche Naturheilkunde

Beauty on the Boulevard

9500 Beverly Blvd. · Beverly Hills · CA 90210

Liebe Mrs Brandon,

vielen Dank für Ihren Brief.

Leider kann ich Ihnen nicht bestätigen, dass es sich bei der Frau, die sich die La-Mer-Auslage ansah, um »Julie Andrews mit dunkler Brille und Kopftuch« handelte.

Daher kann ich weder Ihre Frage ausrichten: »Wie sexy war Baron von Trapp im wahren Leben?«, noch Ihre Beteuerung: »Es tut mir leid, dass ich Ihnen das Lied vom einsamen Ziegenhirten vorgesungen habe, ich war nur so aufgeregt.« Ebenso wenig sehe ich mich in der Lage, Ihre Einladung auf einen »kleinen Hausmusikabend bei Apfelstrudel« weiterzureichen.

Darüber hinaus tut es mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir weder »Willkommenspartys für Zugereiste« veranstalten noch entsprechende Werbegeschenke verteilen. Auch nicht Zahnweißer-Kits, damit Sie »nicht unangenehm auffallen«. Dennoch wünsche ich Ihnen alles Gute für Ihren bevorstehenden Umzug nach L. A.

Vielen Dank für Ihr Interesse

Sally E. SanSanto

Beraterin Kundenservice

1

Okay. Keine Panik. Keine Panik.

Irgendwie komme ich hier schon wieder raus. Bestimmt. Es ist ja nicht so, als wäre ich in diesem grässlichen engen Raum gefangen, hoffnungslos, für immer – oder?

So ruhig wie möglich schätze ich die Lage ein. Meine Rippen sind dermaßen eingequetscht, dass ich kaum Luft bekomme, und mein linker Arm klemmt hinterm Rücken fest. Die Erfinder dieser hochelastischen, extrem haltgebenden Synthetikfaser wussten, was sie taten. Mein rechter Arm steht in genauso ungesundem Winkel ab, und wenn ich versuche, die Arme auszustrecken, schneidet mir der Stoff ins Handgelenk. Ich stecke fest. Ich kann nichts machen.

Im Spiegel sehe ich mein Gesicht, aschfahl, unglücklich. Schwarz schimmernde Bänder laufen kreuz und quer über meine Arme. Sollte eins davon vielleicht ein Träger sein? Gehört dieses netzartige Zeug um die Taille?

O Gott. Ich hätte niemals Größe 34 anprobieren sollen.

»Kommen Sie da drinnen zurecht?«

Ich schrecke zusammen. Es ist Mindy, die Verkäuferin, draußen vor der verhängten Kabine. Mindy ist groß und schlank, mit durchtrainierten Oberschenkeln. Sie sieht aus, als würde sie jeden Tag einen Berg raufrennen und hätte noch nie was von KitKat gehört.

Dreimal hat sie mich schon gefragt, ob ich zurechtkomme, und jedes Mal habe ich schrill gerufen: »Alles super, danke!« Doch langsam weiß ich nicht mehr weiter. Inzwischen ringe ich seit zehn Minuten mit diesem figurformenden Schlankstütz-Langarm-Body. Ich kann die Frau nicht ewig hinhalten.

»Unglaublich, nicht?«, sagt Mindy begeistert. »Dieser Stoff gibt dreimal so viel Halt wie normales Elastan. Man verliert eine ganze Größe, stimmt’s?«

Möglich, aber außerdem verliere ich mein halbes Lungenvolumen.

»Finden Sie sich mit den Trägern zurecht?«, höre ich Mindys Stimme. »Soll ich in die Kabine kommen, um Ihnen zu helfen?«

In die Kabine kommen? Nie im Leben lasse ich zu, dass hier eine große, braun gebrannte, sportliche Angelena reinkommt und meine Cellulitis sieht.

»Nein, es geht schon, danke!«, rufe ich schrill.

»Brauchen Sie Hilfe beim Ausziehen?«, versucht sie es noch mal. »Manche Kundinnen haben damit anfangs so ihre Probleme.«

Ich sehe förmlich vor mir, wie ich mich am Tresen festhalte und Mindy sich alle Mühe gibt, mich aus dem Schlankstütz-Langarm-Body zu befreien, während wir beide vor Anstrengung keuchen und schwitzen und Mindy insgeheim denkt: Ich wusste doch, dass englische Frauen fette Kühe sind!

Niemals. Im Leben nicht. Mir bleibt nur noch eine Möglichkeit. Ich muss dieses Ding kaufen. Egal, was es kostet.

Ich reiße mit aller Kraft daran und schaffe es, zwei der Träger auf meine Schultern schnappen zu lassen. So ist es besser. Ich sehe aus wie ein gefesseltes Huhn, aber wenigstens kann ich meine Arme bewegen. Sobald ich wieder im Hotel bin, schneide ich mir das Ding mit der Nagelschere vom Leib und werfe es in den Müll, damit Luke es nicht finden und mich fragen kann: Was ist das? Oder: Du meinst, du hast es gekauft, obwohl du wusstest, dass es dir nicht passt? Oder irgendetwas ähnlich Provozierendes.

Luke ist mein Mann, und nur seinetwegen stehe ich hier in einem Sportbekleidungsgeschäft in L. A. Wir ziehen demnächst für seine Arbeit nach Los Angeles und suchen zum nächstmöglichen Zeitpunkt ein Haus. Darum dreht sich diese Woche alles: Immobilien, Häuser, Gärten, Mietverträge. Das volle Programm. Ich bin nur zwischen zwei Besichtigungsterminen ganz, ganz schnell mal rüber zum Rodeo Drive.

Na gut, okay. In Wahrheit habe ich dafür extra einen Besichtigungstermin abgesagt. Aber es musste sein. Ich habe einen guten Grund, mir kurzfristig Sportsachen zu kaufen, weil ich nämlich morgen an einem Rennen teilnehme. An einem echten Rennen! Ich!

Ich packe meine Klamotten zusammen, schnappe mir meine Tasche und trete etwas steif aus der Kabine. Mindy steht ganz in der Nähe.

»Wow!« Sie klingt entzückt, doch ihre Augen sprechen eine andere Sprache. »Das ist ja …«, sie hustet, »… enorm. Ist Ihnen der Body nicht zu … eng?«

»Nein, er passt perfekt«, sage ich und versuche mich an einem unbeschwerten Lächeln. »Ich nehme ihn.«

»Wunderbar!« Sie kann ihr Erstaunen kaum verbergen. »Dann seien Sie doch so nett, ihn auszuziehen, dann kann ich ihn scannen und einpacken …«

»Wissen Sie was?« Ich gebe mir Mühe, nonchalant zu klingen. »Ich behalte ihn gleich an. Könnten Sie meine Sachen in eine Tüte packen?«

»Gern«, erwidert Mindy. Es folgt eine lange Pause. »Sind Sie sicher, dass Sie nicht lieber Größe 36 probieren wollen?«

»Nein! Größe 34 sitzt perfekt! Total bequem!«

»Okay«, sagt Mindy nach längerem Schweigen. »Wie Sie meinen. Das macht dann dreiundachtzig Dollar.« Sie scannt den Barcode auf dem Zettel, der an meinem Hals hängt, und ich taste nach meiner Kreditkarte. »Sie joggen gern, was?«

»Ich nehme sogar morgen am Ten Miler teil.«

»Ach was!« Beeindruckt blickt sie auf, und ich gebe mich lässig, bescheiden. Das Ten Miler ist nicht irgendein Rennen. Es ist das Rennen. Es wird jedes Jahr in L. A. veranstaltet, und berühmte Stars laufen reihenweise mit. Selbst E! berichtet darüber! Und ich bin dabei!

»Wie sind Sie an einen Startplatz gekommen?«, fragt Mindy neidisch. »Ich bewerbe mich jedes Jahr für dieses Rennen.«

»Na ja …« Ich mache eine Pause, genieße den Moment. »Ich bin im Team von Sage Seymour.«

»Wow.« Ihr Mund bleibt offen stehen, und ich spüre einen leisen Anflug von Häme. Es stimmt! Ich, Becky Brandon (geborene Bloomwood) laufe im Team eines echten Filmstars! Wir werden gemeinsam Lockerungsübungen machen! Wir werden dieselben Kappen tragen! Wir werden in Us Weekly sein!

»Sie sind Engländerin, stimmt’s?«, unterbricht Mindy mich in meinen Gedanken.

»Ja, aber ich ziehe demnächst hierher. Ich bin hier, um mir mit meinem Mann Häuser anzusehen. Er hat eine PR-Firma und arbeitet für Sage Seymour«, kann ich mir vor Stolz nicht verkneifen.

Mindy ist zunehmend beeindruckt. »Dann sind Sie mit Sage Seymour sozusagen befreundet

Ich spiele an meiner Handtasche herum, zögere die Antwort hinaus. Die Wahrheit ist, dass Sage Seymour und ich nicht wirklich befreundet sind. Ich habe sie noch nicht einmal kennengelernt. Was total unfair ist. Luke arbeitet nun schon eine Ewigkeit für sie, und ich war bereits für ein Vorstellungsgespräch in L. A. und bin jetzt wieder hier, um ein Haus und einen Kindergartenplatz für unsere Tochter Minnie zu finden – aber habe ich Sage bisher auch nur zu sehen bekommen?

Als Luke sagte, er würde für Sage Seymour arbeiten und wir würden nach Hollywood ziehen, dachte ich, wir sehen sie jeden Tag. Ich dachte, wir würden an ihrem pinkfarbenen Pool herumfläzen, dieselben Sonnenbrillen tragen und gemeinsam zur Pediküre gehen. Aber selbst Luke kriegt sie offenbar kaum zu sehen. Er hat nur den ganzen Tag lang Meetings mit Managern und Agenten und Produzenten. Er sagt, er muss sich im Filmgeschäft erst zurechtfinden, und da gibt es viel zu lernen. Was ich mir gut vorstellen kann, denn bisher hat er nur Finanzfirmen und Großkonzerne beraten. Aber muss er denn dermaßen wenig Sinn für Stars und Sternchen haben? Als ich neulich nur ein kleines bisschen frustriert war, sagte er: »Meine Güte, Becky, wir tun diesen Riesenschritt doch nicht nur, um Promis kennenzulernen.« Aus seinem Mund klang das Wort Promis wie Ohrkneifer. Er begreift überhaupt nichts.

Das Tolle an Luke und mir ist, dass wir uns bei fast allem im Leben einig sind, und deshalb sind wir auch so glücklich verheiratet. Aber es gibt doch ein paar Kleinigkeiten, bei denen unsere Meinungen auseinandergehen. Zum Beispiel:

  1. Kataloge. (Die sind kein »Kram«. Sie sind nützlich. Man weiß nie, wann man eine personalisierte Schiefertafel mit einem süßen kleinen Kreideeimer brauchen kann. Außerdem blättere ich zum Einschlafen gern darin herum.)
  2. Schuhe. (Alle meine Schuhe in ihren Originalkartons aufzubewahren ist nicht albern, sondern vorausschauend. Eines Tages werden sie wieder modern sein, und dann kann Minnie sie tragen. Und bis dahin muss er eben aufpassen, wo er hintritt.)
  3. Elinor, seine Mutter. (Lange, lange Geschichte.)
  4. Stars und Sternchen.

Ich meine, wir sind hier in L. A. Der Heimat der Filmstars. Die sind hier das lokale Naturphänomen. Jeder weiß, dass man nach L. A. fliegt, um Filmstars zu begegnen, so wie man nach Sri Lanka fliegt, um Elefanten zu begegnen.

Aber Luke stockte nicht der Atem, als er Tom Hanks in der Lobby des Beverly Wishire sah. Er zuckte mit keiner Wimper, als Halle Berry im The Ivy drei Tische weiter saß (ich glaube, es war Halle Berry). Es berührte ihn kein bisschen, dass wir Reese Witherspoon auf der anderen Straßenseite gesehen haben. (Ich bin mir ganz sicher, dass es Reese Witherspoon war. Sie hatte genau dieselbe Frisur.)

Und er spricht von Sage, als wäre sie nur eine ganz normale Klientin. Als wäre sie eine Investmentbank. Angeblich weiß sie es zu schätzen, dass er mit dem ganzen Zirkus nichts zu tun hat. Und dann meint er noch, dass ich von dem ganzen Hollywood-Trara doch etwas übertrieben begeistert bin. Was total nicht stimmt. Ich bin nicht übertrieben begeistert. Ich bin genau angemessen begeistert.

Aber insgeheim bin ich auch von Sage enttäuscht. Ich meine, okay, wir kennen uns eigentlich gar nicht, aber immerhin haben wir schon miteinander telefoniert, als sie mir mit meiner Überraschungsparty für Luke geholfen hat. (Obwohl sie inzwischen eine neue Nummer hat, die Luke nicht herausrücken will.) Ich hätte ja gedacht, sie würde sich mal melden oder mich zu sich nach Hause einladen oder so.

Wie dem auch sei. Heute wird alles gut. Ich will ja nicht prahlen, aber ich habe es einzig und allein meinem flinken Geist zu verdanken, dass ich an diesem Ten-Miler-Rennen teilnehme. Gestern habe ich zufällig einen Blick über Lukes Schulter auf sein Notebook geworfen, als gerade eine Rundmail von Sages Manager Aran kam. Betreff: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Dann: Liebe Freunde, aufgrund einer verletzungsbedingten Absage ist kurzfristig ein Platz im Ten-Miler-Team frei geworden – hat jemand Interesse, mitzulaufen und Sage zu unterstützen?

Bevor mir überhaupt bewusst war, dass ich mich vorgebeugt hatte, tippten meine Finger: Unbedingt! Ich würde liebend gern mit Sage laufen! Liebe Grüße, Becky Brandon.

Okay, vielleicht hätte ich mit Luke sprechen sollen, bevor ich auf »Senden« drückte. Aber es hieß: »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst«. Also musste ich schnell handeln.

Luke starrte mich nur an und sagte: »Bist du verrückt geworden?« Dann fing er davon an, es sei ein Rennen für echte Athleten und wer denn eigentlich mein Sponsor sei und ob ich überhaupt Laufschuhe besäße. Mal ehrlich. Er könnte mich ruhig etwas mehr unterstützen.

Obwohl er mit den Laufschuhen natürlich recht hat.

»Und sind Sie auch im Filmgeschäft?«, fragt Mindy, als sie mir die Quittung zum Unterschreiben hinlegt.

»Nein, ich bin Stilberaterin.«

»Ach so. Wo denn?«

»Bei … also bei … Dalawear.«

»Oh.« Sie wirkt betroffen. »Sie meinen diesen Laden für …«

»Ältere Frauen. Ja.« Ich hebe mein Kinn. »Ein toller Laden. Wirklich spannend. Ich kann es kaum erwarten!«

Ich bin superpositiv, was diesen Job angeht, selbst wenn er nicht genau das ist, was ich mir erträumt hatte. Dalawear verkauft »Easy Wear-Kleidung« für Damen, »die Komfort statt Stil suchen«. (So steht es allen Ernstes auf dem Plakat. Vielleicht sollte ich sie überreden, es zu ändern in: »Komfort und Stil«.) Beim Vorstellungsgespräch redete die Frau ständig über elastische Bünde und waschbare Stoffe, aber kein einziges Mal über Modethemen. Oder Mode überhaupt.

Die Wahrheit ist, dass in L. A. für eine frisch zugezogene Engländerin kurzfristig nicht allzu viele Jobs als Stilberaterin zur Verfügung stehen. Besonders für eine Engländerin, die möglicherweise nur drei Monate im Land bleibt. Dalawear war der einzige Laden, der überhaupt eine freie Stelle hatte, weil jemand in den Mutterschaftsurlaub geht. Das Bewerbungsgespräch habe ich gerockt – auch wenn man sich nicht selbst loben soll. Ich war dermaßen begeistert von ihren geblümten »Allzweck-Hemdblusenkleidern«, dass ich mir fast selbst eins gekauft hätte.

»Könnte ich bei Ihnen auch ein Paar Laufschuhe bekommen?« Ich wechsle das Thema. »In diesen hier kann ich ja wohl kaum antreten.« Lachend deute ich auf meine Marc-Jacobs-Kitten-Heels. (Zur Information: Einmal habe ich mit solchen Schuhen tatsächlich einen echten Berg erklommen. Aber als ich das gestern Luke gegenüber als Beweis meiner athletischen Fähigkeiten anführte, schüttelte er sich und meinte, diesen Vorfall hätte er komplett aus seiner Erinnerung gelöscht.)

»Okay.« Mindy nickt. »Dafür sollten Sie zu Pump! gehen, unserem Sportfachgeschäft. Das ist gleich gegenüber. Da gibt es Schuhe, Ausrüstung, Pulsmessgeräte … Haben Sie in England eine biomechanische Untersuchung vornehmen lassen?«

Leeren Blickes starre ich sie an. Eine bio-was?

»Lassen Sie sich von den Leuten drüben beraten! Die werden Sie ausstatten.« Sie reicht mir die Tüte mit meinen Sachen. »Sie müssen ja superfit sein. Ich hab mal mit Sage Seymours Physio trainiert. Die war echt hardcore. Und man hört so einiges über das strikte Trainingsprogramm. Waren Sie dafür nicht extra in Arizona?«

Dieses Gespräch fängt an, mich ein wenig zu beunruhigen. Hardcore? Trainingsprogramm? Egal, ich darf mich nicht verunsichern lassen. Ich bin absolut fit genug, um ein Rennen mitzulaufen, selbst wenn es in L. A. stattfindet.

»Ich habe nicht wirklich am Trainingsprogramm teilgenommen«, räume ich ein. »Aber selbstverständlich habe ich mein eigenes – äh … Cardio… Programm… Dingsbums.«

Es wird schon gehen. Ich soll nur rennen. Wie schwer kann das sein?

Draußen auf dem Rodeo Drive spüre ich, wie mich in der warmen Frühlingsluft ein Hochgefühl durchweht. Das Leben in L. A. wird mir gefallen, ich weiß es genau. Alles, was man sich erzählt, stimmt. Die Sonne scheint, die Leute haben strahlend weiße Zähne, und die Häuser sehen aus wie Filmsets. Ich habe mir mehrere Häuser angesehen, und alle haben einen Pool. Als wäre ein Pool so normal wie ein Kühlschrank.

Die Straße um mich herum glitzert vor lauter Glamour. Teure Läden und tadellose Palmen und reihenweise teuer aussehende Autos. Autos sind hier etwas völlig anderes. Die Leute fahren in ihren farbenfrohen Cabrios mit offenem Verdeck herum und sehen dabei entspannt und freundlich aus, als könnte man hinüberschlendern und mit ihnen plaudern, wenn sie an der Ampel stehen, ganz im Gegensatz zu London, wo jeder in seiner versiegelten Blechkiste sitzt und den Regen verflucht.

Die Sonne spiegelt sich in den Schaufenstern und Sonnenbrillen und Armbanduhren der Leute. Draußen vor Dolce & Gabbana stopft eine Frau einen Haufen Tüten in ihren Wagen, und sie sieht aus wie Julia Roberts, nur mit blonderen Haaren. Und etwas kleiner. Aber davon abgesehen genau wie Julia Roberts! Auf dem Rodeo Drive!

Gerade schleiche ich mich an, um zu sehen, was für Tüten sie hat, als mein Handy summt. Ich hole es hervor und sehe Gayle auf dem Display. Gayle ist meine neue Chefin bei Dalawear. Wir sind für morgen früh verabredet.

»Hi, Gayle!«, sage ich professionell gut gelaunt. »Haben Sie meine Nachricht bekommen? Sehen wir uns morgen?«

»Hi, Rebecca. Ja, hier bei uns ist alles in Ordnung …« Sie macht eine Pause. »Bis auf eine Kleinigkeit. Wir haben Ihre Empfehlung von Danny Kovitz immer noch nicht bekommen.«

»Ach herrje.« Mist. Danny ist einer meiner besten Freunde und ein ziemlich berühmter Modedesigner. Er hat versprochen, mir eine Empfehlung für Dalawear zu schreiben, aber das ist schon ein paar Wochen her, und er hat es nicht gemacht. Gestern habe ich ihm eine Nachricht geschickt, und er hat versprochen, innerhalb der nächsten Stunde eine Mail zu schreiben. Ich kann nicht glauben, dass immer noch nichts passiert ist.

Das stimmt so eigentlich nicht. Ich kann es sehr wohl glauben.

»Ich rufe ihn gleich an«, verspreche ich. »Tut mir leid.«

Ich hätte Danny nie darum bitten sollen. Aber ich dachte, es klingt cool, wenn ich einen angesagten Modedesigner in meiner Bewerbung erwähne. Und es hat sicher auch genützt. Beim Bewerbungsgespräch wurde ich dauernd darauf angesprochen.

»Rebecca …« Gayle zögert. »Kennen Sie Mr Kovitz? Sind Sie ihm schon mal begegnet?«

Sie glaubt mir nicht?

»Natürlich kenne ich ihn! Lassen Sie mich nur machen. Ich besorge die Empfehlung. Dass sie noch nicht da ist, tut mir wirklich leid. Bis morgen.«

Ich beende den Anruf, drücke Dannys Kurzwahl und versuche, die Ruhe zu bewahren. Es hat keinen Sinn, auf Danny sauer zu sein. Er windet sich dann nur und wird ganz traurig.

»O mein Gott, Becky.« Danny klingt, als wären wir mitten im Gespräch. »Du glaubst ja nicht, was ich für diese Reise alles brauche. Wer hätte gedacht, dass es tiefgefrorene Lasagne gibt? Und ich habe einen herzallerliebsten Teekessel gefunden. So einen musst du haben!«

Deshalb ist Danny im Moment noch fahriger als sonst. Er bereitet sich auf die Teilnahme an einer Promi-Wohltätigkeits-Expedition übers Grönlandeis vor. Alle – wirklich alle – haben ihm gesagt, dass er spinnt, aber er ist wild entschlossen. Immer wieder sagt er, dass er »etwas zurückgeben will«, aber wir wissen alle, dass er es macht, weil er auf Damon steht, den Leadsänger von Boyz About, der ebenfalls teilnimmt.

Allerdings weiß ich nicht so recht, wie man sich auf einer Grönlandexpedition an jemanden ranmachen will. Ich meine, kann man sich denn überhaupt küssen? Kleben die Lippen in der eiskalten Luft zusammen? Wie machen die Eskimos das?

»Danny«, sage ich ernst und reiße mich von der Vorstellung zweier Eskimos los, die an ihrem Hochzeitstag zusammenkleben und verzweifelt mit den Armen rudern. »Danny, was ist mit meinem Empfehlungsschreiben?«

»In Arbeit«, sagt Danny prompt. »Ich bin dabei. Wie viele Thermounterhosen sollte ich einpacken?«

»Du bist überhaupt nicht dabei! Du hast gestern versprochen, es mir zu schicken! Morgen habe ich einen Termin bei denen, und die wollen mir nicht mal glauben, dass ich dich kenne!«

»Aber natürlich kennst du mich«, sagt er, als wäre ich blöd.

»Aber das wissen sie nicht! Es ist meine einzige Chance auf einen Job in L. A., und ich brauche eine Empfehlung. Danny, wenn du nicht kannst, sag es einfach, dann bitte ich jemand anders.«

»Jemand anders?« Nur Danny kann dermaßen tödlich gekränkt klingen, wenn er im Unrecht ist. »Warum solltest du jemand anders darum bitten?«

»Weil der es vielleicht tatsächlich tut!«, seufze ich und gebe mir Mühe, nicht laut zu werden. »Hör mal, du brauchst nur eine kleine E-Mail zu schreiben. Wenn du willst, diktiere ich sie dir. Liebe Gayle, ich kann Ihnen Rebecca Brandon als Stilberaterin empfehlen. Mit freundlichen Grüßen, Danny Kovitz. Am anderen Ende der Leitung bleibt es still, und ich frage mich, ob er sich Notizen macht. »Hast du das mitbekommen? Hast du es dir aufgeschrieben?«

»Nein, ich habe es mir nicht aufgeschrieben.« Danny klingt pikiert. »Das ist die mieseste Empfehlung, die ich je gehört habe. Glaubst du, mehr hätte ich über dich nicht zu sagen?«

»Na ja …«

»Ich spreche keine persönliche Empfehlung aus, die ich nicht ernst meine. An der ich nicht ausgiebig gefeilt habe. Ein Empfehlungsschreiben ist eine Kunstform

»Aber …«

»Du willst eine Empfehlung? Dann komme ich und gebe dir deine Empfehlung.«

»Wie meinst du das?«, frage ich verdutzt.

»Ich werde bestimmt nicht drei lausige Zeilen per Mail schicken. Ich komme nach L. A.«

»Du kannst doch nicht extra nach L. A. kommen, nur um mich jemandem zu empfehlen!« Ich muss lachen. »Wo bist du eigentlich? New York?«

Seit Danny groß rausgekommen ist, weiß man nie, wo er sich gerade herumtreibt. Allein in diesem Jahr hat er schon drei neue Showrooms eröffnet, sogar einen im Beverly Center hier in L. A. Man sollte meinen, dass er damit genug zu tun hat, aber ständig kundschaftet er neue Städte aus oder geht auf »inspirative Recherchetrips« (Urlaub).

»San Francisco. Ich wollte sowieso rüberkommen. Ich brauche noch Sunblocker. Meinen Sunblocker kaufe ich immer in L. A. Schick mir eine SMS mit der Adresse. Ich werde da sein.«

»Aber …«

»Das wird bestimmt super. Du kannst mir helfen, einen Namen für meinen Husky auszusuchen. Jeder von uns soll die Patenschaft für einen Hund übernehmen, aber vielleicht übernehme ich die ganze Meute. Diese Erfahrung wird mein Leben verändern …«

Wenn Danny erst mal von Erfahrungen anfängt, die das Leben verändern, ist er schwer zu bremsen. Ich beschließe, ihm zwanzig Minuten über Grönland zuzuhören. Vielleicht fünfundzwanzig. Aber dann muss ich los, um mir meine Laufschuhe zu kaufen.