Sabine Thomas
Diese Dinge verschwinden nicht so leicht
Rediroma-Verlag
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Was mich bewegt
Man muss den Dingen
Die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist austragen - und dann
gebären...
Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos still und weit ...
Man muss Geduld haben
gegen das Ungelöste im Herzen
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.
Rainer Maria Rilke, Viareggio bei Pisa,1904
Für meine Schwester Angelika,
meine Wegbereiterin,
meinen Lebensmenschen
1.) Prolog
TEIL 1 – Elisabeth
2.) Essen, Dezember 1986
3.) Meseritz, September 1943
4.) Magdeburg, Dezember 1986
5.) Meseritz, November 1943
6.) Magdeburg, Dezember 1986
7.) Meseritz, Dezember 1943
8.) Essen, Dezember 1986
9.) Stettin, Juni 1944
10.) Essen, Dezember 1986
11.) Schleswig, Januar 1946
12.) Essen, Dezember 1986
13.) Schleswig, Juni 1946
14.) Schleswig, Dezember 1955
15.) Schleswig, Januar 1958
16.) Zwischenstück
Gundula: Kindheit
TEIL 2 – Elisabeth
17.) Essen 1959
18.) Essen 1961
19.) Essen 1962
20.) Essen 1967
21.) Essen 1970
22.) Zwischenstück
Gundula: Jugend
TEIL 3 – Elisabeth
23.) Düsseldorf, Juli 1974
24.) Essen, Oktober 1976
25.) Essen, Januar 1987
26.) Epilog
Als meine Mutter im Sterben lag, war ich nicht imstande, ihr beizustehen. Oder vielmehr, ich ließ sie allein und hoffte das Beste. Sie lag im Koma, und meiner Schwester Lilo hatte man – als sie nach der Operation auf der Intensivstation anrief – knapp mitteilen lassen, die Patientin wäre besser nicht zu besuchen. Sie würde durch einen Besuch nur verstört, und es sei damit zu rechnen, dass sie unruhig reagiere, was nicht gut für sie sei. Ich verließ mich nur zu bereitwillig darauf: Sie würde, wenn ich mich zu ihr setzte, wenn ich ihre Hand hielte und leise zu ihr spräche über uns, Mutter und Tochter, über ihr Leben und meins, nichts davon hören oder spüren. Ich würde den Heilungsprozess dadurch nur aufhalten, vielleicht verhängnisvoll umkehren. Doch wer konnte das schon wissen? Versucht habe ich es nicht.
Am Vorabend ihrer großen Operation hatte ich sie noch im Krankenhaus besucht, und sie hatte mich gebeten, sie in die Kapelle zu begleiten, wo sie ein letztes Mal um ihre Genesung beten wollte. Ich teilte ihren Gottesglauben nicht, dem sich ohnehin oft Zweifel beigesellten. Ich betete nicht mit ihr, setzte lieber darauf, dass sich irgendwie alles zum Guten wenden werde und dass Ärzte, die ihr Handwerk verstünden und wüssten, was sie taten, den Krebs aus ihrer Leber sauber herausschneiden würden. Als ich ihr das sagte, um sie zuversichtlicher zu stimmen, schaute sie mich stumm an. In ihrem Blick flackerte kurz Panik auf, die sie gleich wieder zu verbergen suchte, wohl um mich zu schonen, selbst jetzt, und sie griff nach meiner Hand.
„Weißt du, mein Leben ist oft schwer gewesen“, sagte sie, „und trotzdem war es auch reich. Ich brauchte lange, um das so zu sehen, aber ich brauchte dazu nicht viel. Bloß Geduld.“
„Ach, Mütterchen! Du redest, als ginge es ans Sterben. Du stirbst doch nicht. Du wirst doch bloß operiert.“
Dann schwiegen wir beide, saßen für ein paar Minuten nebeneinander, Hand in Hand, und schauten in einem kurzen, innigen Einvernehmen auf das Kreuz über dem Altar, sie vielleicht auf Gott vertrauend, ich auf die Ärzte, bis sie mich schließlich zum Ausgang der Kapelle begleitete.
Sie blieb in der Tür stehen und sah mir hinterher, während ich zum Parkplatz ging, schnellen Schrittes. Ich war froh, losgekommen zu sein. Erst als ich mein Auto erreicht hatte, drehte ich mich wieder zu ihr um. Sie stand noch immer an derselben Stelle. Bedürftig sah sie aus und sehr zart. Zum ersten Mal bemerkte ich, dass sie jetzt viel kleiner war als ich und dass ihre Haare ganz weiß waren. Sie hob die Hand zu einem flattrigen Winken, getragen noch von dem Moment der Nähe, den wir in der Kapelle geteilt hatten, und ließ den Blick nicht von mir. Selbst auf die Entfernung konnte ich ihren Kummer ausmachen, am leisen Krümmen ihres Körpers und in ihrem Gesicht. Und darin zugleich eine Andeutung, dass sie damit rechnete, mich nicht wiederzusehen. Ein letztes Festhalten ihrer Tochter mit den Augen, in denen etwas unbestimmt Forderndes lag. Abschiedsaugen in einem Unheilgesicht voller betont tapfer getragener Furcht.
Ihr Ausdruck erfüllte mich mit Widerwillen und war mir peinlich, vergeblich versuchte ich, das wegzuschieben. So ist sie, dachte ich, immer ein Hauch zu viel Pathos, zu viel Pose und viel zu viel Festhalten. Ich irrte mich. Da war nichts von Pathos und Pose, nur echtes Empfinden, und sie hatte jedes Recht auf Festhaltenwollen.
Nach der Operation erlangte sie das Bewusstsein nicht wieder. Die Ärzte sagten meiner Schwester, sie seien „nicht ohne Sorge“. Ich verbrachte die folgenden Tage und Nächte in würgender Angst, dem Grauen des Todes überantwortet, der vielleicht schon nach ihr griff und dem ich nicht gewachsen war. Ich schaute ihm nicht ins Gesicht. Ich duckte mich weg, ging meinen Alltagsverrichtungen nach, innerlich fliegend wie im Fieber, und sie starb nach wenigen Tagen, allein, einfach so, und ließ mich schuldbeladen und verstört zurück. Die Schuld überlagerte alle Trauer, und in den folgenden Jahren war ich damit beschäftigt, sie einzuhegen, damit sie nicht ganz die Herrschaft über mich gewann, während ich weiter lebte, einfach so.
Das Grab meiner Mutter wird von Gärtnern gepflegt und nie besucht außer von ihrem ältesten Enkel Konstantin, der zur Zeit ihres Todes neunzehn Jahre alt war. Es ist ein Doppelgrab, zuerst ist mein Vater hinein gekommen. Das letzte Foto von meiner Mutter, ein paar Tage vor der Operation aufgenommen von einer anderen Witwe, zeigt sie auf diesem Grab stehend, im Hintergrund ein Ungetüm von Grabdenkmal, eine fast über die gesamte Breite reichende, braun polierte Steintafel, die oben mit einem asymmetrischen, schwungvollen Bogen abschließt. Die rechte Seite des Steins ist unbeschrieben. Links ist der Name meines Vaters eingemeißelt, Rolf Gronewold, darunter Geburts- und Sterbejahr, 1916 – 1986. Davor bückt sich meine Mutter und bearbeitet die Erde der noch leeren Grabstelle, ihrer künftigen Liegestatt. Sie macht einen Katzenbuckel dabei, ihr Rücken ist rund geworden mit den Jahren.
Sie ist unter eben dieser Erde begraben, unter der Erde, die sie noch in Ordnung gebracht und bepflanzt hat, bevor sie für ihren Sarg wieder abgetragen wurde, und ihre Hälfte des Grabdenkmals trägt nun auch eine Inschrift:
„Elisabeth Gronewold, geb. Schnur, 1922 – 1993“.
Ein freundlicher, junger Arzt war vorgeschickt worden, um Elisabeth schonend zu vermitteln, was unmöglich schonend vermittelt werden konnte. Er stotterte täppisch. Dennoch hing Elisabeth an seinen Lippen, suchte in seinem Gesicht, das ihr allerdings eher hilflos vorkam, nach etwas, das Zuversicht vermitteln konnte, und hoffte auf erlösende Worte. Endlich eine Diagnose bedeutete endlich eine Behandlungsmöglichkeit.
Sechs Wochen war es her, dass sie Rolf in das Krankenhaus hatte bringen müssen, mit unklaren Symptomen. Er war einfach schwach gewesen, hatte sich kaum auf den Beinen halten können. Ihm war übel geworden, und er schwankte. Der Hausarzt hatte ihn schließlich zur Diagnostik einweisen lassen. Elisabeth war erst ungeduldig mit Rolfs Schwäche gewesen und schließlich doch froh, dass etwas geschah. Die Diagnose jedoch hatte auf sich warten lassen. Sechs Wochen lang. Besuche waren nur während der streng reglementierten Besuchszeiten möglich, zumeist in den Nachmittagsstunden.
Elisabeth kam täglich, natürlich. Manchmal mehrmals täglich.
Lilo, die ältere Tochter, kam, wann immer sie es einrichten konnte. Sie hatte vier Kinder zwischen drei Monaten und zwölf Jahren, und sie musste mit der Bahn aus Düsseldorf nach Essen anreisen.
Gundel, die jüngere, kam mittwochs und sonntags, da konnte sie ihrer Anwaltskanzlei fernbleiben.
Um sechs, wenn das Abendessen kam, musste man das Krankenzimmer verlassen haben.
Lilo hatte das zweite Gesicht. Nach ihrem ersten Besuch am Krankenbett hatte sie Elisabeth beiseite genommen und ihr gesagt: „Das ist das Ende. Ich kann das sehen. Hier kommt er nicht mehr lebend heraus. Es gibt keine Hoffnung.“
Elisabeth hatte ihre Tochter nur befremdet angeschaut. Sie hoffte weiter, Hoffnung war selbstverständlich. Trost forderte sie nicht ein. Wozu auch? Rolf würde leben, wenn man erst einmal herausfand, woran er litt. Er war schließlich noch keine siebzig.
Die Ärzte entschlossen sich endlich, eine erst wenige Jahre zuvor entwickelte Diagnosemethode an Rolf zu erproben, die nannte sich Computertomografie. Eine einzige Untersuchung kostete 20.000 Mark. Die Klinik hatte den Apparat noch nicht lange, es war keine Universitätsklinik. Rolf ließ alles klaglos über sich ergehen. Das sinnlose Liegen unter Aufsicht, doch ohne jede Behandlung. Das quälende Abführen in Vorbereitung der Computertomografie, das nichts erbrachte. Der Darm lag brach und gab nichts her. Wieder quälendes Abführen. Und wieder. Nur einmal sagte Rolf im Ton deutlicher Ungeduld: „Was machen die hier eigentlich mit mir? Das muss doch bald mal funktionieren!“
Ansonsten badete er häufig im Gemeinschaftsbad der Etage. Baden tat ihm wohl, der Auftrieb entspannte seine überschweren, kraftlosen Glieder. Einmal empfing er Gundel während des Bades. In ihren einunddreißig Lebensjahren hatte sie ihn nie nackt gesehen, nicht ein Mal, und Elisabeth war entsetzt, als sie von diesem Besuch hörte.
„Ist doch egal, was liegt schon daran?“, sagte Rolf.
„Was daran liegt? Alles. Alles! Wir können doch nicht jetzt, ausgerechnet jetzt ... Du kannst doch nicht jedes Schamgefühl vergessen in so einer Situation!“
„Was haben wir denn für eine Situation?“
Elisabeth kniff die Lippen zusammen.
Und nun wand sich dieser junge Arzt unbeholfen, verlegen, furchtsam, doch nicht ohne Wärme im Angesicht der Ehefrau, die bald Witwe sein sollte. Seine Gestalt schien sich plötzlich aufzulösen, Elisabeth hörte nur mehr seine Stimme, ein Klang wie von einem bösen Geist, der in ihre Gehörgänge und schließlich in ihre Seele eindrang und sein niederträchtiges Werk aufnahm.
Pankreas-Karzinom. Schwer darzustellen, da hinter dem Magen liegend und deshalb nur in der Computertomografie zu sehen. Doch zu spät. Leider inoperabel. Leider keine Behandlungsmöglichkeit. Leider letal. Man werde alles tun, um zu lindern. Ihr Mann werde keine Schmerzen ... Aber für eine Behandlung eben leider, leider zu spät.
Leider.
Elisabeth versuchte, in dem kalten Nebel, der unmerklich hinter ihre Stirn und um ihr Herz gekrochen war, irgendetwas Klares zu fassen.
„Wie lange noch?“
Die Frage ließ den Arzt sichtlich aufatmen, vielleicht weil sie etwas Handfestes hatte, diese Bitte um eine sachliche Auskunft. Statt Tränen. Statt Flehen.
„Schwer zu sagen, vielleicht drei Wochen. Länger keinesfalls. Der Krebs hat gestreut.“
„Drei Wochen“, echote Elisabeth.
Drei Wochen.
Heute in einer Woche, an Heiligabend, würde ihr Mann siebzig Jahre alt werden. Viel länger würde er nicht haben. Heute in drei Wochen sollte sie Witwe sein. Spätestens.
Heute vor zwei Wochen war ihre Mutter gestorben. Elisabeth kam gerade von ihrer Beerdigung.
„Den nimm du mal“, hatte ihre Mutter geraten, ohne um ihren Rat gebeten worden zu sein übrigens. „Lokomotivführer, das ist was Reelles, da hast du ausgesorgt.“
Sicher, ein Bahnbeamter, das war etwas auf Lebenszeit.
Aber ...
„Wenn ich überhaupt mal heirate, Mutti, dann einen Schneider“, hatte Elisabeth erwidert. „Und außerdem mag ich den Erwin nicht so. Eigentlich dreist, mir hinterher zu laufen. Dieser Nazi. Der weiß ja nicht mal, wie man sich kleidet, der hat gar keinen Geschmack.“
„Geschmack ist nichts wert, wenn das Geld fehlt, Lies“, beharrte die Mutter. „Alle Schneider sind arm.“
„Ja, ja, im Märchen!“
„Im Leben auch, Lies. Die Ärmsten sind immer die Weber, klar. Aber gleich danach kommen die Schneider. Sowas ist doch nichts für dich.“
‚Und du, meine liebe Mutti‘, dachte Elisabeth, ‚du bist doch auch bloß mit einem Schnitter verheiratet. Nennst den Bauer, aber ein Bauer müsste ja wohl Land haben und einen Hof, oder? Wer sich verdingt, ist ein Knecht.‘
Das mit dem Schneider war übrigens nicht ihr Ernst gewesen, sie hatte ihre Mutter nur ein wenig auf den Arm nehmen wollen. Andererseits – jemanden zu haben, der jederzeit ein Kostüm, einen Mantel, ein Kleid nähen könnte, aus Stoffen, die immer im Haus wären, das hatte schon etwas für sich. Elisabeth hatte immer auf sich geachtet, und sie konnte selbst sehr gut nähen, sticken, stricken und häkeln. Geld für Kleidung, die man nähen ließ, war sowieso nicht da, und auch die Bekleidungsgeschäfte waren zu teuer, wenn sie in diesen Kriegszeiten überhaupt etwas anzubieten hatten. Aber Elisabeth hatte selbst ein besonderes Händchen für das Besondere und war auf Konfektionsware nicht angewiesen. Ihre selbst genähten und gestrickten Stücke hatten Pfiff, und so sah sie immer aus „wie aus dem Ei gepellt“, wie ihre Mutter es ausdrückte. Die Mutter war zwar auch immer ordentlich gekleidet, wirkte aber doch, so fand Elisabeth, mit ihren reizlosen Blusen und den darüber gezogenen, immer gleichen, ärmellosen, grauen Trägerröcken oder Kittelkleidern, die bis zur halben Wade reichten, eben wie eine typische Bäuerin. Alles sehr praktisch. Alles ohne Chic.
Sie wusste noch genau, wie sie in der Schule das Stricken, Häkeln und Sticken und von ihrer Mutter das Nähen an der Maschine gelernt hatte, als sie ungefähr zehn, elf Jahre alt gewesen war. Seitdem hatte es sie nicht mehr losgelassen. Wobei ihr selbst nicht ganz klar war, ob es um die Tätigkeit ging oder doch eher um das Herzeigen und Ausführen der fertigen Stücke.
Ihre Mutter hatte immer darauf geachtet, die Kinder gleich zu halten, besonders Elisabeth und deren drei Jahre jüngere Schwester Agnes. Es gab auch noch die jüngste Schwester, Rosemarie, genannt Röschen, die aber ein Nachzügler war und viel zu klein, um sich an den älteren Schwestern zu messen und zurückgesetzt zu fühlen. Elisabeth dagegen war vor allem in Fragen der Kleidung penibel darauf bedacht, niemals schlechter dazustehen als Agnes. Und so bekam jede der beiden, wann immer ein neues Kleid, eine Bluse, ein Rock anzufertigen war, die Gelegenheit, einen eigenen Schnitt und Stoff dazu auszusuchen. War dann das erste Kleidungsstück für Elisabeth fertig, zum Beispiel eine Bluse, genäht von ihr selbst unter Anleitung der Mutter, dann fiel ihr Blick unweigerlich begehrlich auf den Stoff, der schon darauf wartete, ein Bluse für Agnes zu werden. Und oft genug bettelte sie so lange, bis die Mutter nachgab und ihr auch den zweiten Stoff schenkte. Agnes war zum Glück von nachgiebigem, heiterem und unbekümmertem Wesen, dazu uneitel. Es machte ihr nichts aus, dass sie nun ein bisschen länger auf ein neues Stück zu warten hatte. Elisabeth dagegen fand, dass es kaum Wichtigeres gab, als in der Welt eine gute Figur abzugeben und sich erstklassig und abwechslungsreich zu kleiden, und so freute sie sich außerordentlich an den Früchten ihrer Überredungskünste, ungeachtet dessen, dass ihre Mutter dafür eben doch ungerecht zu Lasten ihrer jüngeren Schwester entschieden hatte. Das bereitete ihr außerdem, was sie aber vor sich nie zugab, ein vage hämisches Vergnügen und galt ihr als eine Art Entschädigung dafür, dass der drallen, blonden Jüngeren mit dem offenen Gesicht und den blauen Augen – strahlend blau, wie Kornblumen – alle Herzen zuflogen, ihr dagegen nicht. Und so gesehen war es im Ergebnis gar nicht so ungerecht, wenn sie über mehr Kleidung verfügen konnte als Agnes.
Doch solche Abwägungen gehörten der Vergangenheit an und hatten das Verhältnis der Schwestern zum Glück nicht getrübt. Die beiden waren längst keine Backfische mehr und verdienten ihr eigenes Geld. Elisabeth war nicht Näherin oder Modeverkäuferin geworden, wie alle geglaubt hatten, sondern Buchverkäuferin. Sie hatte das richtig gelernt mit allem, was dazugehörte. Sie konnte Buchhaltung und Stenografie und sie konnte sogar Schreibmaschine blind schreiben. Bücher waren ohnehin ihre zweite große Leidenschaft, sie las, wo sie ging und stand, und so hatte es nahegelegen, daraus einen Beruf zu machen.
Es verstand sich, dass sie ebenso wie Agnes ihren Lohn zuhause ablieferte, aber das Taschengeld, das sie bekam, war doch weitaus großzügiger als zuvor, und so hatte sie sich Stoffe, Wolle und neulich sogar ein gebrauchtes Fahrrad leisten können.
Elisabeth arbeitete schon mehr als drei Jahre lang als gelernte Verkäuferin in dem Buchladen, in dem sie auch ausgebildet worden war, als der Einberufungsbescheid zur Wehrmachthelferin kam. Der Krieg, den Hitler vom Zaum gebrochen hatte, dauerte nun schon vier Jahre, und sie hatte damit rechnen müssen, einberufen zu werden. Sie war nicht die erste, vor ihr hatte es schon ihre Freundin Elinor getroffen, die zum Landdienst gemusst hatte. Und sie wusste natürlich, dass es schon seit Längerem ein Gesetz gab, wonach auch sie im Falle eines Krieges eingezogen werden konnte. So stand es dann auch in dem Bescheid, den sie bekommen hatte. „Wehrgesetz“, war da zu lesen. Und dass „über die Wehrpflicht hinaus jeder deutsche Mann und jede deutsche Frau zur Dienstleistung für das Vaterland verpflichtet“ seien. Nun also war sie an der Reihe, kurz nach ihrem 21. Geburtstag. Den hatte sie am 12. August begangen und war jetzt volljährig, was ihr nichts einbrachte als eine ungeliebte Tätigkeit in einer Wehrmacht, für die sie nichts übrig hatte, wegen eines Krieges, dem sie nichts abgewinnen konnte. Binnen weniger Tage hatte sie ihre geliebte Stellung aufgeben müssen, schon am 1. September sollte sie ihren Dienst antreten. Dabei hatte sie noch Glück, denn sie konnte zu Hause wohnen bleiben. Andere kamen gleich nach Frankreich oder Gott weiß wohin, an Orte, von denen man noch nie gehört hatte. In ihrer Heimatstadt Meseritz aber war, kaum acht Kilometer entfernt, ein Militärlager gebaut worden, fünf Jahre war das jetzt her, in dem Soldaten ausgebildet wurden und von wo aus der Nachschub an Uniformen, Schuhen und Nahrung für die Front organisiert wurde. Es war allgemein als Regenwurmlager bekannt. Dort hatte sie sich, wie es im Einberufungsbescheid hieß, zu melden und weitere Anweisungen entgegenzunehmen. Wahrscheinlich würde sie als Sekretärin eingesetzt werden. Eine andere Verwendung konnte sie sich nicht vorstellen.
Sie würde ja wohl kaum Soldaten ausbilden oder mit einer Gulaschkanone an die Front fahren, dachte sie in sich hinein kichernd, als sie am frühen Morgen des 1. September 1943 auf das Lager zu radelte. Je näher sie dem Lager kam, desto mehr verging ihr jedoch die Heiterkeit, und als sie am Tor angelangt war und abstieg, war ihr schließlich ordentlich beklommen zumute. Man hatte merkwürdige Sachen gehört. Das Lager sollte auf einer Art unterirdischer Festung erbaut sein, einem höhlenartigen Tunnelsystem, wie ein Labyrinth verzweigt. Wer einmal da hinein geriete, käme nicht mehr heraus, hieß es. Niemand wusste genau, wozu dieses Höhlengeflecht gut sein sollte. Mal wurde behauptet, dort sei alles vermint, und wenn der Feind einfiele, könne man ihn auf diese Weise in die Luft jagen. Andere behaupteten, das System könne jederzeit mit dem Wasser aus dem Badesee geflutet werden, zu dem man das Flüsschen Regenwurm hinter dem Lager gestaut hatte. Dritte wiederum sagten, es würden dort neuartige Bomben gebaut, durch Spaltung kleinster radioaktiver Teilchen. Die Sprengkraft überträfe alles menschliche Vorstellungsvermögen, und wer der Strahlung ausgesetzt wäre, über Kilometer hinweg, würde verbrennen, zu Asche zerfallen oder langsam und qualvoll sterben.
Und nicht nur die unterirdische Tunnelanlage war den Meseritzern unheimlich. Da gab es auch noch das Gerücht, dass fremdartige Menschen, dunkelhäutig und mit Turbanen auf dem Kopf, auf dem Lagergelände herumspazieren sollten. Das freilich glaubte Elisabeth nicht. Dunkelhäutige Menschen, die sich frei in einem deutschen Militärlager bewegen? Wie sollte das zu Hitlers Rassentheorie passen? Unterirdische Tunnelsysteme, neuartige Bomben, fremdländische Menschen – wahrscheinlich war das alles doch nur dummes Gerede.
Elisabeth schüttelte das mulmige Gefühl ab, straffte sich und schaute sich um. Das Lager sah eigentlich gar nicht mal so abweisend aus. Es lag in einem lichten Wald. Die letzten Meter der Zufahrt waren jeweils rechts und links von zwei nicht sonderlich imposanten Mauern gesäumt, den Ausläufern der Lagereinfriedung, auf einer davon prangte eine Steinskulptur des Reichsadlers mit ausgebreiteten Schwingen in der für die Zeit typischen Form.
‚Bloß nichts Weiches, Natürliches‘, dachte Elisabeth, ‚überall Geraden und Kanten, so eckig wie möglich, bäh.‘
Den Eingang zum Lager bildete einfach der Raum zwischen den beiden Mauern, mit einem simplen Schlagbaum abgesperrt. Was man vom Lager dahinter erkennen konnte, sah nicht unfreundlich aus, eher wie eine Wohnsiedlung mit aufgelockerter Bebauung und individuellen Mietshäusern denn wie eine Kasernenanlage. Weit und breit keine Spur von Tunneleingängen, Labyrinthen und fremdartigen Menschen. Die Septembersonne schien aus Leibeskräften auf die großzügige Anlage mit viel freiem Platz, die sich jetzt menschenleer darbot. Mit gehörigem Abstand voneinander standen ganz unterschiedliche Gebäude, manche lang gestreckt, andere wie normale Mehrfamilienhäuser wirkend, alle hell verputzt oder gestrichen. Im Hintergrund konnte sie Bäume ausmachen, wohl schon wieder Teil des Waldes, dazwischen, soweit sie es erkennen konnte, weitere Häuser, manche größere sogar verziert mit einer Art Fachwerk, andere mit Giebeln aus längs vernutetem Holz, sodass sie wirkten wie Scheunen.
Elisabeth holte tief Luft und sprach einen der beiden Wachleute am Schlagbaum an: „Guten Morgen, ich soll hier ...“
„Heil Hitler!“, schnarrte der Angesprochene und schlug die Hacken zusammen. Er schaute sie streng, fast strafend und auch ein wenig erwartungsvoll an.
‚Dabei sieht der doch im Grunde ganz nett aus, so ein richtiges Milchgesicht noch‘, dachte Elisabeth.
„Ach so, ja, natürlich, auch das“, erwiderte sie. „Können Sie mir sagen, wohin ich mich wenden soll als neue Wehrmachthelferin?“
Der andere Soldat, älter als der erste, trat hinzu, murmelte etwas, das ebenfalls wie „Heil Hitler“ klang, schlug aber nicht die Hacken zusammen.
„Nu lassen Se ma sehen“, fuhr er fort.
Elisabeth wusste nicht sofort, was gemeint war, und zögerte.
„Na, den Einberufungsbescheid.“
„Oh, ja, natürlich, hier.“
Der Soldat versuchte, während er das Papier studierte, vergeblich, ein Schmunzeln zu unterdrücken.
„Nu, Frolleinchen, besonders viele Wörters kenn wa wohl nich, wa? Außer ‚ja, natürlich‘ und dergleichen, wie?“
Elisabeth war nicht nach Scherzen zumute, schon gar nicht mit einem Mann. Sie scherzte nicht mit Männern, nie.
„Und wo soll ich mich denn nun melden?“
„Nu, geh‘n Se ma paar Meter ssur Kommandantur da vorn, und da sacht Ihn Unteroff‘zier Gronewold, wat er für ne Verwendung für sonn schönet Frollein hat.“
„Aha. Verwendung, soso.“
Elisabeth setzte ihre schnippischste Miene auf, warf den Kopf in den Nacken – das konnte sie richtig gut, sie hatte Übung darin –, bückte sich und schob das Rad unter dem Schlagbaum durch, sobald dieser halbwegs weit genug oben war.
„Ach, und einen guten Morgen wünsche ich Ihnen trotzdem, Heil hin, Heil her“, rief sie noch über die Schulter zurück.
Mit dem Schwung des in der kurzen Begegnung wiedererlangten Selbstbewusstseins eilte Elisabeth die vier, fünf Stufen zur Kommandantur hinauf. Die Treppe führte zu einem kleinen, überdachten, halbhoch ummauerten Absatz vor der Eingangstür des Gebäudes. Das Ganze wirkte fast wie eine Terrasse, und Elisabeth begann sich zu fragen, ob sie hier in einer Art Ferienanlage gelandet war. Der Eindruck von Freizeit und Ferien wurde noch dadurch unterstrichen, dass ein junger Mann in Offiziersuniform, seitlich auf der Brüstung halb saß, halb stand, ein Bein ausgestreckt am Boden, das andere lässig schaukelnd, eine brennende Zigarette in der Hand. Das sah derartig nach Müßiggang aus, dass es ihr immer unwahrscheinlicher schien, dass es hier viel für sie zu tun geben würde.
„Verzeihung, guten Morgen, beziehungsweise Heil ... naja, ich ...“
Ihr wurde plötzlich klar, dass der Offizier sie die ganze Zeit im Blick gehabt haben musste. Wie sie auf das Gebäude zugegangen war. Wie sie das Rad an die Mauer gelehnt hatte. Wie sie die Treppe hinauf gelaufen war. Sie sah es an der Art, wie er sie musterte und dabei fein lächelte. Oder eigentlich doch nicht so fein, eher fast … frech. Unwillkürlich versuchte sie, im Geiste mit den Augen des Soldaten durchzugehen, welchen Anblick sie bot, und strich ihr Kleid glatt, besonders den knielangem Faltenrock aus einem zart gelben Material fast wie Seide schimmernd, er war schwer zu nähen gewesen, denn die Falten waren schmal, man musste sehr akkurat arbeiten, und dabei hatte der Stoff immer wegrutschen wollen. Das Oberteil lag eng an und schloss oben mit einem weißen Krägelchen ab. Auch die Puffärmel anzusetzen, fein gefältelt, hatte ihre ganze Kunst erfordert. Es war ihr passend erschienen, am ersten Arbeitstag etwas zu tragen, was ihre Sorgfalt herausstellte. Abgesehen von dem oben engen, aber nicht zu engen Schnitt (der freilich ihre runden, großen Brüste und die schmale Taille betonte, ein Erbteil ihrer Mutter) und den bloßen Unterarmen war ihre Aufmachung zudem recht sittsam, rechtfertigte jedenfalls wohl kaum den unverhohlen abschätzenden Blick des Soldaten.
„Ja?“, sagte der schließlich immer noch lächelnd und sprang von der Brüstung, an deren Rand er die Zigarette ausdrückte.
„Mein Name ist Schnur, und ich soll hier ...“
„Ach, Fräulein Schnur, was für eine Freude!“ Sine Stimme klang plötzlich hell und fröhlich.
Er streckte die Hand aus. „Ich bin Unteroffizier Gronewold, Ihr Vorgesetzter. Gott sei Dank, dass Sie da sind, in der Schreibstube geht es ja drunter und drüber, seit Ihre Vorgängerin krank geworden ist. Bitte kommen Sie, damit ich Ihnen alles zeigen kann.“
Und so nahm der Arbeitstag seinen Anfang. Elisabeth fand stapelweise liegen gebliebene Schreibarbeiten vor, also Akten, in denen vorn jeweils ein Stenogramm lag, das ihre Vorgängerin noch aufgenommen, aber nicht mehr abgetippt hatte. Das Entziffern der Stenogramme war mühselig. Und weitere kamen dazu, denn Unteroffizier Gronewold hatte im Laufe des Tages etliches zu diktieren und rief sie häufig zu sich. Man verwendete, um die Sekretärinnen aufzurufen, in diesem Büro eine Sprechanlage, das war ein zweiteiliges Gerät, dessen Mikrofon auf den Schreibtischen der Vorgesetzten stand, während der Lautsprecher in der Schreibstube angebracht war. Etwas Ähnliches hatte Elisabeth bislang nur beim örtlichen Arzt gesehen. Die Stimme ihres Vorgesetzten („Fräulein Schnur, bitte zum Diktat!“), verzerrt durch den Lautsprecher, war ihr ständiger Begleiter durch den Bürotag. Zwischendurch musste sie auch Telefonverbindungen herstellen. Das fiel ihr anfänglich am schwersten. Zuhause gab es kein Telefon, sie kannte das Telefonieren nur aus dem Buchgeschäft und wusste, wie man über das Fräulein vom Amt eine Verbindung herstellte. Aber hier war sie praktisch selbst das Fräulein vom Amt und musste nun lernen, wie man ein Telefonat durch Einstecken der richtige Stöpsel in die richtigen Buchsen weiterleitete, und das war nicht ganz einfach. Zu ihrer Erleichterung stellte sich ihre Kollegin Fräulein Oberländer, eine beleibte, nicht mehr ganz junge Person, mit der sie die Stube teilte, als hilfsbereit und geduldig heraus, und so beherrschte Elisabeth bald das Bedienen von Hörer und Wählscheibe und Stöpseln in der richtigen Reihenfolge.
Betrat sie das Dienstzimmer ihres Vorgesetzten zum Zwecke der Diktataufnahme, stellte sie immer wieder ein wenig befremdet fest, dass Gronewold so gut wie nie seinen Schreibtischstuhl nutzte, sondern meist – genau wie bei ihrer ersten Begegnung vor der Tür – mit einem Bein auf dem Boden, mit dem anderen in der Luft schaukelnd auf dem Schreibtisch halb saß, halb stehend an ihm lehnte.
Kurz vor Feierabend rief er sie noch einmal zu sich. „Fräulein Schnur, Sie haben sich ja so weit schon sehr gut eingearbeitet, das klappt ja alles ganz fabelhaft. Nun wollen wir aber doch die Förmlichkeiten lassen. Wenn Sie also bitte in Zukunft den Unteroffizier weglassen und nur Herr Gronewold sagen, das würde mich freuen. Einverstanden?“
Auf dem Weg zurück nach Meseritz dachte Elisabeth bei sich, dass es kein schlechter Anfang war, wenn man gleich am ersten Arbeitstag so freudig empfangen wurde und am Ende des Arbeitstages die Freude des Vorgesetzten noch mit auf den Heimweg bekam.
In der Küche saßen Mutti und Agnes und schwatzten, wie es ihre Gewohnheit war. Agnes war früher als Elisabeth zuhause eingetroffen, weil ihr Weg von der Arbeit – sie arbeitete als Bürogehilfin – nicht so weit war. Elisabeth versetzte es immer einen kleinen Stich, wenn sie ihre Mutter und ihre Schwester so traulich beieinander sitzen sah, die Köpfe zusammengesteckt, blond bei blond. Irgendetwas brutzelte dann meist auf dem sorgfältig geschwärzten, blank polierten Herd, und Mutter und jüngere Tochter saßen einander gegenüber am Küchentisch, vielmehr knieten sie auf den Küchenstühlen, das Gesäß auf die Fersen abgesenkt. Elisabeth erschien das immer als ein Bild vollkommener Nähe und Übereinstimmung.
„Ach, Lies, da bist du ja! Wie ist es dir denn ergangen heute? Wie war der erste Tag?“ Das war Agnes.
„Hm, geht so. Viel zu tun. Nette Kollegin.“
„Na, nu, Lies“, ließ sich die Mutter vernehmen, „das ist doch wohl nicht alles. Nu erzähl mal. Ist die Arbeit schwer? Und dein Dienstherr? Kommst du mit dem zurecht?“
„Komm, setz dich doch zu uns, ich mach dir rasch einen Kaffee“, rief Agnes und sprang auf.
‚Zu uns‘, dachte Elisabeth, ‚zu uns, das klingt so verschworen, als ob ich nur hinzu käme, aber eigentlich nicht dazugehöre.‘
Sie griff nach einem Stuhl und hockte sich gleich ihrer Mutter und ihrer Schwester darauf. Agnes hatte mittlerweile den Kessel aufgesetzt, die Kaffeekanne heiß ausgespült, den Porzellanfilter darauf gesetzt, ihn mit einer Melitta-Filtertüte ausgekleidet und Kaffeepulver hineingegeben – was man in diesen Zeiten Kaffeepulver nannte. Seit fast vier Jahren gab es keine Konsumgüter aus Übersee mehr, also dörrte und röstete man Gerstenkörner und mahlte sie als Ersatz. Agnes’ rasche, kleine, anmutige Bewegungen, die immer so leicht aussahen – Elisabeth fand sie stets aufs Neue anziehend, und sie verstand sehr wohl, warum es jedermann ebenso ging. Agnes war fülliger als sie und etwas kleiner, alles an ihr wirkte rundlich und niedlich, auch das Gesicht mit der Stupsnase, und dann immer dieses Fröhliche, Strahlende und zugleich Ungebärdige, das sogar ihr kinnlanges, krauses Haar, nur mühsam durch eine Spange an einer Seite zusammengehalten, ein wenig rechts und links vom Kopf abstehen ließ, all das zusammen war schlichtweg unwiderstehlich. Elisabeth war im Gegensatz zu Agnes gertenschlank, fast etwas knochig und staksig, und ihr Gesicht war lang, schmal und scharf geschnitten mit ausgeprägten Wangenknochen und Augen so tief braun, dass mancher, der zum ersten Mal hineinblickte und das Verträumte darin übersah, zusammenschrak. Ihre Haare allerdings, blauschwarz und schulterlang, ließen sich in dicke, volle Wellen legen und verliehen ihrem Gesicht einen Hauch von Weichheit und Extravaganz. Elisabeth galt allen als ernst, und das hatte sie so sehr verinnerlicht, dass es ihr nicht nur zum Wesenszug wurde, sondern sie es als eine Art Auszeichnung auffasste und bis hin zum Grüblerischen, ja Düsteren kultivierte.
„So, fertig!“ Agnes stellte die Kaffeetasse und die Dose mit Kondensmilch vor Elisabeth ab und setzte sich.
„Danke, Aggi. Ja, also, das ist eigentlich ganz schön da. Sieht gar nicht streng und militärisch aus, und im Lager wohnen sogar ganze Familien, zum Beispiel ein Friseur und ein Lebensmittelhändler, die haben da eigene Häuser, privat, für sich und ihre Familien. Praktisch. Man kann auch mit dem Bus hin und zurück fahren, hat mir Fräulein Oberländer gesagt, es gibt extra einen für die Leute aus dem Lager, kostenlos, der pendelt mehrmals täglich nach Meseritz. Also, wenn es mal regnet, kann ich den auch nehmen.“
„Wer ist Fräulein Oberländer?“, fragte die Mutter.
„Meine Kollegin, ein richtiger Schatz, die zeigt mir alles und ist lieb, auch wenn ich viel frage oder was falsch mache. Mein Dienstherr, also Vorgesetzter, ist Unteroffizier Gronewold, der hat sich wie verrückt gefreut, dass ich die Schreibstube verstärke. Lehnt immer ganz locker so halb am Schreibtisch, wenn er was diktiert. Tja. Ich soll den Gronewold nennen. Ohne Unteroffizier.“
Es war einen Moment still in der Küche.
„Wie alt?“, fragte die Mutter.
„Hm, weiß ich gar nicht so genau. Mitte, Ende zwanzig, würde ich sagen.“
In Aggis Gesicht breitete sich ein strahlendes Lächeln aus.
„Hör mal, der ist doch in dich verschossen, jede Wette!“
„Quatsch, der ist einfach lässig.“
Nach einer weiteren kleinen Pause holte die Mutter tief Luft.
„Lies, nimm dich ja in acht. Man kann den Männern nicht trauen. Die wollen nur das Eine. Alle. Besonders Soldaten.“
Elisabeth kaute auf ihrer Unterlippe. Was mochte das nur sein, das Eine, von dem so oft die Rede war und das angeblich alle Männer wollten? Sie wusste nur, dass man davon Kinder bekam und in größter Schande lebte, wenn man nicht verheiratet war. Undenkbar aber, danach zu fragen, was es denn bedeuten sollte, es war nie denkbar gewesen und war es jetzt erst recht nicht, nicht vor der Achtzehnjährigen.
„Und den Lokomotivführer, den soll ich nehmen, Mutti? Und der will nicht das Eine? Weil er Bahnbeamter ist? Du kannst ganz beruhigt sein. Gronewold ist sowieso Raucher. Und trägt Brille. Kommt nicht in Betracht. Wo ist eigentlich Röschen?“
„In eurem Zimmer und macht Schularbeiten. Was ist denn in dich gefahren?“
„Versucht, Schularbeiten zu machen“, fiel Agnes ein.
Rosemarie, jetzt elf Jahre alt, war ein wenig zurückgeblieben und besuchte die Hilfsschule, ohne messbaren Erfolg. Die Mutter bezeichnete sie immer als „ein bisschen bedatscht“, und Elisabeth zuckte jedes Mal zusammen, wenn sie das hörte. Manchmal sagte die Mutter auch: „Unser Röschen ist eben das dritte Kind, da war wohl nicht mehr so viel Gutes übrig“, und auch daran konnte Elisabeth sich nie gewöhnen, obwohl sie versuchte, diese eigenartigen Aussagen als Ausdruck von gutmütigem Humor zu nehmen. Irgendwo in ihrem Innersten aber hatte sie die Mutter im Verdacht, die drei Töchter zwar gleich zu halten, aber nicht gleich zu lieben. Gleich halten – hieß das nicht im Grunde bloß: „Dir gebe ich das Stück Schokolade gern, weil ich dich liebe, und dir gebe ich ein gleich großes Stück, weil ich gerecht sein will“?
Sie selbst liebte ihre kleinste Schwester auch nicht mal besonders, Röschen war halt da und dazu meistens still, leicht zu übersehen und gar nicht zu hören. Auch heute, beim Heimkommen, im Nachhinein fiel es ihr plötzlich auf, hatte sie nicht gleich an Röschen gedacht. Nein, so nahe wie mit Aggi stand sie sich mit Röschen nicht.
„Sie kommt gleich zum Essen“, sagte die Mutter gerade, als der Schlüssel in der Wohnungstür zu hören war. Elisabeth sprang auf. Da stand er in der Küchentür, ihr Stiefvater, eine drahtige Gestalt, kräftig, nicht sehr groß, mit schon ergrauendem Haar und Augen wie Aggis Augen, blau wie Kornblumen. Die unbekümmerte, fröhliche Ausstrahlung seiner Tochter ging ihm aber ab. Wie immer, wenn er heimkam, legte sich sein Duft nach männlichem Schweiß und Erde über die Küchendünste, und Elisabeth wusste, dass sein Haar immer noch erdig riechen würde, wenn er sich umgezogen und gewaschen haben würde.
„Nu, Oskar, da bist du ja, das ist schön“, sagte die Mutter. „Das Wasser ist schon heiß, nimmst du den Kessel dann mit ins Schlafzimmer zur Waschschüssel? Seifenlappen und Handtuch liegen schon bereit. Wir können dann auch gleich essen.“
Agnes winkte unterdessen ihrem Vater von Küchentisch aus zur Begrüßung und warf ihm eine Kusshand zu, Elisabeth gab ihm einen Kuss auf die Wange, mit spitzen Lippen allerdings, denn auch sein Gesicht war schmutzig. Sie liebte ihren Stiefvater über die Maßen. An ein Leben mit ihrem eigenen Vater hatte sie dagegen keine Erinnerung. Oskar hatte Elisabeth wie ein eigenes Kind angenommen und sie ohne ein Wort der Klage oder Vorhaltung versorgt und großgezogen, während ihr leiblicher Vater die Mutter früh verlassen und sich danach weder um sie noch um seine Tochter gekümmert hatte. Einmal, da war sie noch ein kleines Kind gewesen, war ihr richtiger Vater auf der Straße vor ihrem Haus plötzlich aufgetaucht. Er hatte so finster und dunkel ausgesehen und war ihr vorgekommen wie der schwarze Mann aus dem Kinderlied, da hatte sie sich gefürchtet, hatte sich einfach umgedreht und war weggelaufen. Nur noch ein einziges Mal war sie ihm danach begegnet, da war er im Buchgeschäft erschienen, ein knochiger, schwarzhaariger Mensch mit schwarzen, tief liegenden Augen und ausgeprägter Nase, ihr Ebenbild in männlich, wie ihr schien.
„Elisabeth, ich bin ...“, hatte er angesetzt, und „ich weiß, wer Sie sind, und ich habe nichts mit Ihnen zu schaffen“, hatte sie erwidert, sich weggewandt und nur hinzugefügt: „Haben Sie noch einen Wunsch, dann schicke ich Ihnen eine Kollegin.“
Da war es an ihm gewesen, sich umzudrehen, und er war grußlos gegangen. Sie hatte aber noch gehört, wie er über die Schulter rief: „Versteh doch, ich durfte ja nicht ...“ Dann war die Ladentür zugefallen. Als er weg war, endlich verschwunden, hatte sie wirklich eine Kollegin in den Verkaufsraum schicken müssen, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte und das Zittern ihrer Beine und Hände endlich aufhörte.
Sie wusste nicht, ob sie richtig gehandelt oder einen verhängnisvollen Fehler gemacht hatte, bis heute nicht.
Doch da war Oskar, der zu jedermann freundliche, wenn auch wortkarge Stiefvater, den sie immer schon Vati genannt hatte, so lange sie denken konnte, und meistens dachte sie, so, wie es jetzt war, war es gut.
Im Ort schätzten sie Oskar, alle schätzten sie ihn und bewunderten ihn auch ein bisschen, weil er Frieda geheiratet hatte, die verlassene Frau mit Kind, und weil er die kleine Lies, die keinen Vater mehr hatte, wie sein eigen Kind großgezogen hatte. Den zugewandten, tatkräftigen Oskar, den Schnitter mit dem gutmütigen, hilfsbereiten Wesen, den mochte man, auch wenn er nicht viele Worte machte. Frieda hatte man lange Zeit nicht gemocht. Frieda, die Leichtfüßige, Leichtlebige, die mit dem offenen, runden Gesicht, die mit den tiefgründigen, seeblauen Augen und dem üppigen Leib; als sie noch jünger war, hatten die Frauen ihre Männer ins Haus gezogen, wenn sie auf der Straße erschien. So wie man die Wäsche abnahm, wenn die Zigeuner in der Stadt waren. Und wahrhaftig starrten die Männer Frieda nach, voller Verlangen und voller Verachtung. Dabei war Friedas Leben sowieso schon nicht leicht gewesen: Die Eltern waren sehr früh gestorben, da war Frieda noch keine achtzehn gewesen, und als Älteste hatte sie zusehen müssen, wie sie ihre beiden jüngeren Schwestern Martha und Trude durchbrachte. Sie war bei ihrem Nachbarn, dem örtlichen Oberförster, in Stellung gegangen, dazu der eigene Haushalt mit den jüngeren Schwestern – schon mit zwanzig hätte sie verhärmt und abgearbeitet sein können, hätten nicht ihr unerschütterlicher, froher Sinn und ihre Fürsorge für die Jüngeren sie immer weiter durchhalten lassen, bis die Schwestern verheiratet, also versorgt waren. Martha freilich war leider an einen Säufer geraten, mit dem sie mittlerweile sechs Kinder hatte. Doch damit fertig zu werden, lag nun bei ihr und nicht mehr bei Frieda. Andererseits war Martha ihre Lieblingsschwester, Frieda hatte Elisabeth sogar Marthas Namen als zweiten gegeben, und so half und tröstete sie, wann und wo es nur ging. Manchmal musste sie auch mit Geld aushelfen, der Schwager vertrank, was er in die Finger bekam, da konnte man nichts machen. Das mit dem Geld sah Oskar freilich nicht gern, seine Gutmütigkeit hatte Grenzen, und das war so eine. Da zweigte sie halt heimlich etwas vom Haushaltsgeld ab, wenigstens ab und zu, und wenn gar nichts übrig war, dann wenigstens etwas Mehl, Kartoffeln oder ein paar Eier und Milch, man konnte die Kinder ja nicht verhungern lassen.
Früher hatte es nicht einen Mann in der Nachbarschaft gegeben, der nicht neidisch auf Friedas Männer gewesen wäre, erst auf Lukaszczek, Elisabeths Vater, und dann auf Oskar. Zupacken konnte sie für zwei, die Frieda, und Begehren wecken dazu. Und weil sie so sinnlich war und weil die Männer sie nicht bekamen, spuckten sie aus, wenn sie sie sahen, die meisten aber heimlich. Oder nur vor den Augen ihrer Frauen.
Elisabeth griff sich den Topf mit den Pellkartoffeln und begann, sie zu schälen. Agnes deckte den Tisch, die Mutter begann, die bereitstehenden Speckwürfel langsam auszulassen, und holte den Quark aus der Kühlkammer, den sie schon am Nachmittag mit feinsten Zwiebelwürfeln und Kondensmilch verfeinert hatte, und rührte ihn noch einmal um. Nun kam auch Rosemarie in die Küche.
„Na, Kleine?“ Elisabeth fuhr ihr durchs Haar. „Bist du zurechtgekommen?“
Rosemarie nickte.
„Soll ich dir noch bei deinen Hausaufgaben helfen?“
Das Kind schüttelte den Kopf.
„Alles fertig?“, setzte die Mutter nach, und es klang wie immer ein bisschen streng.
Wortlos setzte sich Röschen an ihren Platz und schien zu überlegen.
„Will nicht mehr“, antwortete sie schließlich, und der Mutter reichte das offenbar als Erklärung, denn sie murmelte: „Kannst ja auch nicht den ganzen Tag lernen.“
Der Vater war nun gewaschen und umgezogen und nahm seinen Platz am Küchentisch ein. Elisabeth drückte ihm einen Kuss aufs Haar, das wie erwartet nach Erde roch. Die Mutter tat ihm auf, erst die geschälten Kartoffeln, dann den Quark und schließlich den Speck, alles, was da war. Die weiblichen Familienmitglieder gossen nur ein bisschen Leinöl über ihre Kartoffeln und den Quark, sie mussten nicht so harte körperliche Arbeit verrichten wie der Vater und brauchten kein Fleisch. Mit dem gemeinsamen Essen begann für Elisabeth der schönste Teil des Tages: Die Familie war um den Tisch versammelt, man schwatzte ein bisschen, wie jeden Abend, nur Röschen blieb still, wie jeden Abend, und auch der Vater sprach so knapp wie möglich. Man musste aufpassen, die Themen Hitler und Krieg zu vermeiden, denn Röschens Schweigen verleitete dazu, ihre Gegenwart zu vergessen, und man konnte nie wissen, was sie aufschnappte, und vor allem, was sie arglos in der Schule weitererzählen würde.
Der Vater berichtete nur vom Arbeitskräftemangel auf dem Feld, das war rasch gesagt und mochte noch angehen, es war ja allgemein bekannt.
Seine Arbeit als Schnitter war schwer, besonders in diesen letzten Wochen der Getreideernte, und drückte ihn schon jetzt ein wenig nieder. In Zeiten wie diesen musste er doppelt und dreifach arbeiten, weil die jüngeren Männer aufs Feld der Ehre geschickt worden waren und für die Ernte nicht zur Verfügung standen. Die Ernte musste also von immer weniger Händen eingefahren werden und zog sich länger hin als in den Sommern vor dem Krieg. Immerhin, so sagte er auch, war es jetzt für alle anders als beim Ersten Weltkrieg. Da hatte die Bevölkerung noch gehungert. Jetzt jedoch nicht, sah man davon ab, dass Lebensmittel legal nur auf Lebensmittelkarten erworben werden konnten und die Zuteilungen seit 1939 immer knapper ausgefallen waren. Aber es gab, besonders hier im ländlichen Osten, direkt an der Grenze zum annektierten Polen, etliche Möglichkeiten, zusätzlich an Lebensmittel zu kommen, zumeist auf Kosten der besetzten Gebiete. Die paar Gefangenen aus dem nahe gelegenen Arbeitslager, die zur Feldarbeit ausgeliehen wurden, waren dagegen immer hungrig, ausgemergelt und schwach. Dazu kam ihre Verzweiflung, und so war ihr Beitrag zur Ernte mäßig. Sie wurden angetrieben, angebrüllt, erniedrigt und geschlagen, und Oskar fühlte sich elend, wenn er das mitbekam, obgleich sicherlich nicht so elend wie sie. Mehr als einmal hatte auch Elisabeth gesehen, wie Gefangene aus Polen in langen Zügen durch Meseritz getrieben wurden, Männer, die noch nicht ausgehungert wirkten, doch niedergeschlagen und gebeugt, in schlechten Kleidern und zerfallenden Schuhen, die Gesichter stumpf und erloschen. Das Hungern stand ihnen noch bevor, und mit der Zeit würden sie mehr und mehr verfallen. Man durfte ihnen nichts zu essen geben, das war streng verboten, denn an erster Stelle musste der deutsche Volkskörper ernährt werden. Oskar steckte ihnen trotzdem manchmal heimlich etwas zu. Es waren Zivilisten, keine Kriegsgefangenen. Man trieb sie einfach in ihren Ortschaften in Polen zusammen, und wer zum Arbeitseinsatz nach Deutschland mit marschieren musste, hatte noch Glück, wie man hörte.
Elisabeth schüttelte sich, um den Kopf wieder freizubekommen von Empörung, Mitgefühl und Elend.
Die weiteren Gespräche waren heiter, sie drehten sich um Alltägliches. Vor allem die Mutter trug durch den neusten Klatsch aus der Nachbarschaft zur Abendunterhaltung bei, aufgeschnappt beim Einkaufen – die Nachbarsfrauen hatten sich mit ihrer Existenz ausgesöhnt, jetzt wo sie zweiundvierzig war –, und der Vater hörte kauend zu, ab und zu knurrend, nicht sonderlich interessiert.
Und schließlich unterrichtete Agnes den Vater, dass Lies sich bei der Wehrmacht offenbar schon am ersten Tag gut eingelebt hätte und demnächst ihren Vorgesetzten heiraten werde.
Elisabeth drohte ihr lachend mit der erhobenen Hand und beschrieb noch einmal für Oskar ihren ersten Tag in der Schreibstube der Kommandantur.
Man beendete die Mahlzeit bei bester Laune.
Als Elisabeth an diesem Abend im Bett lag, las sie nicht wie üblich, sondern starrte vor sich hin. War es ein guter Tag gewesen? Ja, es war ein guter Tag gewesen. Hatte sich etwas verändert? Natürlich hatte sich etwas verändert, sie hatte eine neue Stelle angetreten. Und sonst? Nein, nein, nichts Besonderes. Alles wie immer.
„Du, sag mal, Lies ...“, hörte sie Agnes von der gegenüberliegenden Wand her sagen, wo das zweite Klappbett stand.
„Gute Nacht, Aggi“, unterbrach sie sie und löschte das Licht. Nein. Alles wie immer.
Elisabeth hatte, um ihre Mutter noch einmal lebend zu sehen, in die DDR reisen müssen, nach Magdeburg, wo Aggi lebte. Die Mutter wohnte eigentlich in Sommersdorf direkt hinter der deutsch-deutschen Grenze, seit sie und ihr Mann Oskar nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem ostpreußischen Meseritz weggezogen waren. Dieser Teil des zerschlagenen deutschen Reichs war nämlich an Polen gefallen, und Frieda und Oskar hatten nicht in Polen leben wollen. Sie hatten entscheiden müssen: als neue, eingebürgerte Polen in Meseritz bleiben oder umsiedeln und als Deutsche in den Westen gehen, in die sowjetisch besetzten Zone. Vorher hatten in Meseritz aus Polen und Deutschland stammende Menschen gemeinsam gelebt, aber das ging nun nicht mehr, man musste sich festlegen. Frieda und Oskar hatten lieber Deutsche sein wollen, waren nie etwas anderes gewesen als Deutsche. Die Entscheidung war klar gewesen, aber nicht leicht. Gar nicht leicht. Sie hatte den Verlust der Heimat bedeutet. So waren sie DDR-Bürger geworden.
Der Vater lebte seit fast zwanzig Jahren nicht mehr, und nun, da es auch für die Mutter zum Ende hin ging, hatte Aggi sie nach Magdeburg ins Krankenhaus geholt, um in ihrer Nähe sein zu können.
Der Besuch in der DDR verband sich für Elisabeth mit enervierendem Papierkram. Am schlimmsten war aber die Zwangsabgabe von 25 Mark pro Aufenthaltstag, die sie bei der Einreise zu zahlen hatte. Man erhielt dafür zwar 25 Ostmark, die konnte man aber nie im Leben ausgeben. Und man konnte sein Restgeld am Ende auch nicht von Ostmark in Westmark zurück tauschen. Rolf war seit ein paar Jahren Rentner, er bekam wenig mehr als eineinhalb tausend Mark