Madina hat den Krieg und seine Schrecken, die gefährliche Flucht hinter sich gelassen. Endlich hat sie das Gefühl, angekommen zu sein, wohnt mit ihrer Familie bei ihrer besten Freundin Laura, trägt keine schlecht sitzenden Kleider aus der Spendenkiste mehr und gehört in der Schule ganz selbstverständlich dazu. Aber dann kippt die Stimmung. Rassistische Schmierereien tauchen auf, und jeden Donnerstag skandiert eine Gruppe auf dem Hauptplatz: »Ausländer raus!«, erst wenige, dann immer mehr. Eine Zerreißprobe, nicht nur für Madina, sondern für alle, die in dem Ort leben. Doch Madina beschließt, nicht wegzuschauen — und sie findet Verbündete. Ein flammender Appell gegen Ausgrenzung und die Spaltung der Gesellschaft!
Julya
Rabinowich
Dazwischen: Wir
Hanser
Immer noch für alle Kinder und Jugendlichen, die mir begegnet sind und ein Zuhause suchten.
Und für Naima.
Ich habe heute im Garten gesessen und den Wolken beim Vorbeiziehen zugesehen. Wie sie sich dehnen und ausfasern und plötzlich weg sind. Wie Papa. Oder sich verändern. Etwas Neues werden. Wie ich.
*
Es ist absurd, Tag für Tag diese Einträge zu schreiben, als ob sich nichts verändert hätte. Alles hat sich verändert. Ich zwinge mich trotzdem dazu. Weil: Was soll ich denn sonst tun? Ich mach das, wie mein Vater es gemacht hat: nach vorne schauen, nie nach hinten. Er hat es gemacht, solange wir auf der Flucht waren. Irgendwann hat er sich umgedreht. Und dann ist er nicht mehr herausgekommen aus diesem Nach-hinten-Schauen, bis es zu spät war. Ich mach das nicht. Ich habe von ihm gelernt.
Also. Nächster Tagebucheintrag. Auch wenn es wehtut.
Heute ist es sonnig.
Nachmittags gehe ich in den Wald. Laufen.
*
Jetzt sind die Ferien zur Hälfte rum, dann geht die Schule wieder los. Aber noch ist es schön heiß, und die Beeren reifen im Garten, und wir gehen fast jeden Tag schwimmen, Laura, Markus und ich. Und am Abend bin ich so müde, so schön schwer wie ein Sack mit einer Tonne Reis. Und dann kann ich meistens nicht schlafen gehen, weil Mama irgendwas braucht. Meine Tante braucht nie etwas.
*
Laura hat einen kleinen Hund gesehen. Nicht in echt. Auf der Website eines Vereins. So ein kleines Baby ist das. Schwarz mit Fledermausohren. Und mit Kinderaugen. Jetzt geht sie ihrer Mutter auf die Nerven, dass sie sich einen Welpen wünscht. Lauras Mutter hat viele schöne Teppiche und ist gar nicht begeistert. Ja, ich finde den Welpen auch süß. Aber meine Mutter hat Angst vor Hunden. Und sie findet sie schmutzig. Ich dürfte nicht einmal im Traum dran denken, dass ich mir so ein Fellknäuel wünschen könnte. Ich glaub, ich bekomme nicht mal eine Schildkröte, wenn es hart auf hart geht. Laura hat nur gelacht, wegen des Schildkrötenvergleichs. Und dann hat sie auch noch gesagt:
»Ach, Madina, du hast ja den Rami.«
Na, vielen Dank. Wenn mein kleiner Bruder nur halb so gut auf mich hören würde wie ein Welpe, wäre es schon klasse. Aber er hört weder auf mich noch auf meine Mutter. Er ist eine echte Pest geworden. Vor einem halben Jahr war er mehr so eine Kinderpest. Jetzt eine ausgewachsene. Und Mama macht gar nichts. Ich finde das schlimm.
Ich hätte ihm schon längst die Ohren lang gezogen.
»Dann geh mal mit ihm Gassi«, habe ich Laura vorgeschlagen, und sie hat sich zerkugelt. Ich schau ihr zu beim Zerkugeln und denk mir, vor ein paar Monaten hätte ich noch mitgemacht. Aber jetzt ist alles anders. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass ich sie überholt habe. Wie bei einem Wettrennen. Sie ist jetzt einfach hinter mir. Auf der Nebenlaufbahn zurückgeblieben. Ich schieb den Gedanken immer weg, weil ich das nicht denken will. Ich will, dass wir immer zusammen sind. Aber jetzt ist es so, dass wir im selben Raum sind und in derselben Freundschaft, aber nicht in derselben Situation.
Moment mal. Das war ja nie anders. Sie war nie in meiner Situation und ich nie in ihrer. Aber wir haben uns früher nicht jeden Tag gesehen, fast rund um die Uhr. Und ich habe einfach so vieles nicht gekannt und so vieles nicht gecheckt, dass es mir gar nicht auffiel.
*
Unsere neue Wohnung ist gleich unter der von Laura. Auf der Wand neben unserer Klingel sind noch vier Löcher zu sehen. Da hing früher ein Schild. Von Lauras Vater. Seine Firma, sein Büro. Laura hasst ihn. Ich hab sie gefragt, warum sie die Löcher nicht einfach zumachen. Diese Löcher, die sie doch erinnern. Sie hat gesagt, dass sie es genau so in Erinnerung behalten will, wie es ist. Ich verstehe das nicht. Ich will nur schöne Gedanken an meinen Vater behalten.
*
Laura möchte ein Hochbeet machen. Dabei ist es schon fast Herbst! Hier wird es schnell kühl, nicht so wie bei uns zu Hause. Im damaligen Zuhause. Eigentlich bin ich ja schon hier zu Hause. Nur die Jahreszeiten sind bei mir noch immer nicht umgestellt.
»Macht nix«, sagt sie. »Ein bisschen Blümchen werden wir wohl noch schaffen.«
Saß da mit ihrem Tanktop auf gebräunter Haut und so hellen Härchen auf Unterarmen, Bauch und Schultern. Diese Härchen habe ich immer so schön gefunden bei ihr. Aber auch bei Markus. Meine sind schwarz und dick wie Fliegenbeine. Ich rasiere meine Waden wie eine Irre. Wenn man einmal damit angefangen hat, kann man nicht mehr damit aufhören, weil sie noch fetter rauskommen als vorher. Und man sich schon an das Glatte der Haut gewöhnt hat. Meine Mutter hat leise geschimpft, als sie es bemerkt hat.
Tina aus unserer Klasse hat mir gesagt, dass ich mich nicht rasieren soll, weil Frauen alle Haare raushängen lassen können, so viel sie wollen. Mama hat mir gesagt, dass ich das ja nicht tun soll, weil ich mich noch nicht rasieren darf. Sollen sie doch einfach machen, wie sie wollen, und mich in Ruhe lassen. Punkt.
Meine Tante hat mich zur Seite genommen und mir ein Rezept mit Zucker verraten, das sie immer verwendet hat. Ich soll aber Mama ja nichts sagen.
»Also«, sagt Laura und steht auf und dehnt ihre Beine und ihre Arme, »wenn ich mich wieder spüre, dann holen wir die Erde und füllen das Beet mal auf.«
Ihre Beine sind echt schön, so schmal und mit ein bisschen Speck am Oberschenkel, gerade so, dass es eine schöne Rundung macht. Meine sind sehniger. Ich mache viel Sport. Und Laura hasst Sport. Laufen gehen wir aber schon. Das habe ich ja von ihr gelernt.
»Ich wollte noch mit Markus einen Film schauen«, sage ich.
»Er ist sowieso noch nicht da.« Laura hat immer eine Erklärung parat, warum ich lieber mit ihr etwas unternehmen soll und nicht mit ihrem Bruder. Ich weiß, dass sie das nicht mag. Vor allem, wenn sie selbst gerade keinen Freund hat.
Ich bin aufgestanden und hab mir am Hintern die Blätter vom Rock abgeputzt. So kurze Shorts wie Laura traue ich mich immer noch nicht zu tragen, auch jetzt nicht, wo Papa weg ist. Meine Mutter würde heulen, glaube ich.
»Es ist nicht wichtig, ob was dabei rauskommt«, sagt Laura mit weisem Gesichtsausdruck, während sie den Plastiksack mit der Erde darin zum Hochbeet wuchtet. »Es ist wichtig, dass man es macht.«
Also, ich weiß nicht. Ich würde schon gerne auch Früchte meiner Arbeit sehen. Aber ich sag das nicht laut.
Wir wühlen in der Erde, und ich denke dran, wie ich mir früher diesen Märchenwald errichtet habe, in meinem Kopf. Um Platz zu haben. Um mich abzulenken. Um weitermachen zu können. Ich habe ihn nicht mehr. Nicht, seit Papa weg ist. Nicht, seit Markus mein Freund ist. Nicht, seit ich erwachsen sein muss wie noch nie in meinem Leben. Das ist Kinderkram. Ich bin jetzt zu alt dafür.
»Was machst du denn für ein Sieben-Tage-Regenwetter-Gesicht?«, fragt Laura und streicht sich Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ihre Hände sind dreckig, sie sieht nach kurzer Zeit aus wie ein Soldat im Tarnmodus.
»Wegen nix.«
Ich schau weg. Ich will nicht darüber reden. Nicht schon wieder. Es bringt nichts.
Es bringt Papa nicht zurück.
Sie legt mir die verdreckte Pratze liebevoll auf die Schulter. Dreck und wohlige Wärme.
»Du weißt, du kannst immer mit mir reden. Ich bin da.«
Ich spüre schon wieder eine dieser fiesen Tränen in meinem Auge, nur so im Augenwinkel, noch nicht startklar. Ich drück das Auge zu und tu so, als wäre mir etwas reingeraten. Ist es ja eigentlich auch. Meine Vergangenheit.
Ich nicke. Dann steh ich auf, wische die Hände an meinem Rock ab und gehe ins Haus.
*
»Komm doch raus«, bittet Laura vor der Klotür. Ich sitz drin und starre die Wand an. Was wirklich cool ist: Wir haben jetzt ein eigenes Klo. In dem kann ich sitzen, so lange ich will. Also fast. Meine Mutter ist mit Rami spazieren gegangen, und Tante Amina ist in ihrem Kurs. Alles gehört mir. Unsere zwei Zimmer, unser Klo und unsere Küchenzeile, das ganze Erdgeschoss.
»Ich hab Bauchweh«, lüge ich.
»Glaubst du doch selber nicht«, schießt Laura zurück.
Ich mache auf. Sie steht da und grinst.
»Willst du doch drüber reden?«
»Es ändert nichts«, sage ich und muss gleich darauf so heftig schluchzen, dass mir die Luft wegbleibt, als würde ich in einem See aus Rotz ertrinken. Sie umarmt mich. Rosenduft und Schweiß. Fast wie meine Oma.
»Komm her«, sagt Laura und drückt mich Gesicht voran in ihre Brust hinein, die weich und fest ist und so gar nicht wie die meiner Oma. Ich kuschle mich in sie hinein und drücke die Augen zu, bis ich Spiralen sehe im Dunkeln hinter meinen Augenlidern.
*
Markus hat Freunde mitgebracht. Das hasse ich, wenn er das nicht vorher sagt, sondern einfach macht und ich mich neu einstellen muss auf wechselnde Gesichter. Früher war das aufregend. Aber da habe ich ihn auch nicht jeden Tag gesehen. Mit Laura fühlt sich das richtig an. Mit ihm nicht. Und mit seinen Freunden noch viel weniger. Einer kommt auf einem roten Moped, bleibt ewig draußen vor unserem Gartentor stehen und lässt den Motor laufen, vermutlich weil er hofft, dass Laura ihn endlich bemerkt. Ich stehe entnervt auf und rufe sie, weil mich der Gestank würgen lässt.
»Was hast du denn?«, fragt Markus, genauso genervt von mir wie ich von ihm.
»Es tut mir leid«, sage ich. Und dann gehe ich raus.
*
Ich geh runter und gehe in mein Zimmer, das auch Ramis Zimmer ist. Rami sollte schlafen, tut es aber nicht. Sein Bett ist leer.
»Wo ist Rami«, frage ich meine Mutter, die am Tisch sitzt wie so oft. Das Kinn auf die Hände gestützt, den Blick starr auf ihre Teetasse gerichtet, den Rücken gebeugt. Früher hat sie immer gerade gesessen. Ich muss noch mal fragen, weil sie nicht sofort reagiert.
»Weiß ich nicht«, sagt sie dann, und sie klingt erstaunt über die eigene Hilflosigkeit.
»Sollte er nicht ins Bett?«
»Doch.«
»Ruf ihn doch.«
»Das habe ich schon.«
Ich seufze, ich weiß, dass sie keine Kraft hat, um aufzustehen und ihn suchen zu gehen. Ich streife mir also fluchend meine Strickjacke über und gehe in den Garten, in das Dunkel des Universums, in dem die kleinen Planeten der Solarleuchten aufglühen. Wegen des Bewegungsmelders.
»Rami!«
Keine Antwort.
»Alter, das ist nicht lustig. Komm sofort her, oder es setzt was!«
Irgendwo raschelt etwas im Gebüsch. Eine Katze. Oder ein Dachs. Oder mein verdammter kleiner nerviger Bruder. Ich gehe noch zwei Schritte weiter.
»Du kleines Miststück«, schreie ich. »Mama macht sich Sorgen!«
»Na und?«
Das klingt sehr leise. Und gar nicht überzeugt. Es ist tatsächlich eher eine Frage. Ich gehe in Richtung seiner Stimme. Da hinten sitzt er zusammengekauert unter einem Fliederbusch. Mit hochgezogenen Schultern.
»Wieso sitzt du da?«
»So halt.«
»Komm rein.« Ich will nach ihm greifen, er weicht vor mir zurück, die Äste, unter denen er Platz findet, sind mir im Weg.
»Was soll das?!«
»Geh weg«, sagt er und schiebt die Unterlippe vor. »Geh weg. Ich höre nicht auf euch. Ich höre auf Papa.«
»Der ist jetzt nicht da«, sage ich ein paar Stufen freundlicher. Und strecke die Hand nach ihm aus. Er beißt voll rein, ich lasse das zu.
»Er wird zurückkommen! Er wird! Ich weiß das!«
Ich setze mich in einigem Abstand zu ihm auf den Boden.
»Ich habe Kaugummis da, willst du?«
Er schaut mich nur mit Kulleraugen an, in denen sich das Wasser staut. Ich lege ihm einen Streifen Kaugummi hin, als ob er eine wilde Katze wäre, die ich anlocken muss. Er verkriecht sich weiter ins Dickicht.
»Schau, Rami«, sage ich. »Ich weiß, es ist echt schlimm für uns. Aber wir müssen weitermachen.«
Dann sitzen wir still da. Ich schaue ihn nicht an, ich schaue in den Sternenhimmel. Bald werden die Perseiden kommen, und ich werde mir etwas wünschen. Ich weiß, was ich bei jeder einzelnen Sternschnuppe wünschen werde. Irgendwann ist der Kaugummi, den ich hingelegt habe, weg. Und irgendwann kommt Rami raus und lehnt sich an mich. Und weint. Ich weine nicht. Ich habe ja jetzt etwas zu tun.
*
Als Rami endlich vor sich hin schnarcht, drehe ich sein Nachtlicht aus und gehe in die Küche. Dort sitzt Mama immer noch. Meine Tante hat sich schon hingelegt. Vielleicht, um Mama Ruhe und Raum zu verschaffen. Ich greife nach der Teekanne. Der Tee drin ist kalt. Und ihre Tasse immer noch voll. Ich setz mich zu ihr und greife nach ihrer Hand. Sie senkt den Kopf ein bisschen, aber nicht schnell genug, ich sehe die Tränen trotzdem.
»Mama.«
»Ich wünschte, ich könnte … ich wünschte, ich könnte mich zusammenreißen«, sagt Mama leise. »Ich versuche es doch jeden Tag. Ich kann es einfach nicht besser.«
Ich schenke mir den kalten Tee ein und nehme einen Schluck. Er hat zu lange gezogen, er schmeckt bitter und ist schwarz wie die Hölle. Ich werfe ein Zuckerstück rein, das sich natürlich nicht auflöst. Ich fühle mich jedes Mal so verloren in solchen Situationen. Jedes Mal. Frau Wischmann sagt, dass Mama eine Unterstützung braucht. Und diese Unterstützung nicht von mir kommen sollte. Wenn ich nur an Frau Wischmann denke, freue ich mich schon auf das Ende der Sommerferien, wenn ich wieder zu ihr gehen kann! Einmal in der Woche habe ich bei ihr einen Zufluchtsort, an dem es echt nur um mich geht. Und das ist sehr gut so, weil ich glaube, dass ich ohne diese Ruheinsel schon längst durchgedreht wäre. Wegen allem. Bei unserem letzten Treffen hat sie es sogar noch ein bisschen deutlicher gesagt: »Deine Mama ist in ein tiefes Loch gefallen. Aber du kannst ihr da nicht allein raushelfen.«
Das tiefe Loch, in das Mama gefallen ist, heißt Depression. Aber sie möchte keine Frau Wischmann für sich allein haben wie ich. Sie will mit niemandem Fremden sprechen. Und zwingen kann ich sie wohl auch nicht. Sie spricht nur mit mir. Und mit meiner Tante. Und ab und zu mit Lauras Mutter. Bei der wir jetzt seit ein paar Monaten wohnen dürfen. Nicht vorzustellen, wie es wäre, wenn wir immer noch im Flüchtlingsheim leben würden. Ein Albtraum wäre das. Ich umarme also Mama, so fest ich kann, und schiebe den Widerwillen weg, der neben dem Mitleid in mir aufwacht. Weil es mir zu viel ist. Weil mir das alles verdammt noch mal zu viel ist. Mama braucht einige Zeit, bis sie die Hände hebt und mich zurückumarmt. Aber als sie es tut, freut mich das, trotz allem.
In der Früh weckt mich Laura mit Türenknallen und einem Bussi. Sie riecht nach Zahnpasta und frischer Seife. Sie kommt gerade aus dem Bad. Sie hat einen Korb, in dem gekochte Eier sind und Brötchen und Butter und süße Marillenmarmelade.
»Selbst gemacht«, sagt Laura und grinst.
»Ich hab mitgekocht, ich weiß es«, sage ich. Ich bin so müde, dass ich die Augen kaum aufkriege.
»Los, los, der frische Morgen wartet.«
Laura setzt den Kaffee in der Küche auf, wirft den Toaster an. Ich setze mich im Bett auf. Die Sonne knallt zum Fenster rein, jemand hat die Vorhänge zurückgezogen. Rami ist nicht da. Und die Sonne, die da reinknallt, steht schon ziemlich hoch am Himmel. Ich habe monumental verschlafen.
»Wo sind denn alle«, gähne ich. Hoffentlich muss ich nicht schon wieder irgendwas geraderichten, was irgendwer von diesen anderen verbockt hat.
»Beim Jahrmarkt. Mit meiner Mama. Alle drei.«
Den Jahrmarkt habe ich komplett vergessen. Die Buden sind ja schon gestern aufgebaut worden. Rami wird einen absoluten Ausnahmetag haben. Mit Karussell und Zuckerwatte. Hoffentlich macht ihn das erträglicher. Wenigstens für ein paar Tage.
Ich krieche im Pyjama in die Küche, ich fühle mich wie eine Mumie, die sich im Gehen einfach auflösen könnte. Laura knallt mir eine Kaffeetasse vor die Nase. Er duftet. Die Brötchen duften auch. Die Marmelade sowieso. Ich trinke den Kaffee mit einem Zug aus und verbrenne mir die Lippen.
»Willst du noch einen?«
»Ja, bitte. Ich fürchte, ich brauche heute hundert.«
»Übrigens, ich glaube, ich krieg Mama doch noch rum. Wegen des Hundebabys«
Laura steht mit dem Rücken zu mir und rührt in ihrem Kaffee. Ich schleiche mich an und kuschle mich an sie. Manchmal weiß ich gar nicht, was ich ohne sie machen würde.
»Wir gehen am Abend auch zum Jahrmarkt«, sagt Laura. »Und du kommst diesmal mit. Keine Ausreden.«
Ich spüle mit dem Kaffee um meine Zähne herum wie beim Zähneputzen, damit ich nicht sofort antworten muss.
»Komm schon, Madina.«
Ich schlucke den Kaffee.
»Ist okay«, sage ich. Diesmal wird mir das wirklich keiner verbieten können. Papa ist ja weg.
*
Mama hat zwar versucht, mir zu widersprechen. Aber richtig durchgezogen hat sie es dann nicht. Also gehe ich heute aus. Mit allen anderen. Das ist das absolut erste Mal, das mir das gelungen ist.
»Markus kommt mit?«, hat sie nur gefragt.
»Ja«, habe ich gesagt.
»Das ist gut. Dann übertrage ich ihm die Verantwortung.« Sie hat sich auf den Weg nach oben gemacht, um es Markus persönlich mitzuteilen, dass er auf ganz magische Weise bei Anbruch des Abends verantwortlich für mich sein wird. Als ob ich eine verwunschene Prinzessin wäre, die sich bei Sonnenuntergang in ein Monster verwandelt, das im Zaum gehalten werden muss, um mögliche Schäden abzuwehren. Sie hat auch noch von mir erwartet, dass ich brav mitgehe und übersetze, wie immer. Ich bin die ersten paar Schritte mitgekommen.
Dann stellte ich mich ihr auf der Treppe in den Weg.
»Nein, Mama. Die Verantwortung trage ich. Sonst niemand.«
Sie hat sich am Treppengeländer festgehalten, ohne weiterzugehen, mit sich gekämpft. Mich dann mit einem solchen Elend angesehen wie selten.
»Das ist doch ganz furchtbar«, hat sie gesagt. »Ich wünschte, dein Vater wäre noch hier. Ich wünschte, er würde mich beschützen. Ich will doch nur, dass du es besser hast als ich …«
Ich hab gelächelt.
»Mir geht es gut damit«, habe ich gesagt. »Was ich selbst machen kann, das kann mir niemand wegnehmen. Weißt du.«
*
Später stehen wir in Lauras Zimmer und machen uns schön. Mein Haar ist immer noch kinnkurz, und wenn die Luft feucht ist, wie jetzt eben, dann ringeln sich die Strähnen zu einem dichten Medusenkopf mit sehr kurzen Schlangen. Ich mag meine Locken. Immer noch. Laura hat die Haare knallrot gefärbt, man sieht die Farbränder noch an ihrem Hals und an ihren Händen. Im Bad sieht es aus wie in einem Schlachthaus. Das müssen wir später auch noch sauber machen. Sonst wird es ganz sicher nichts mit dem Hundebaby. Denke ich mal. Laura muss von dieser Notwendigkeit erst überzeugt werden. Manchmal rafft sie echt nicht, wenn sie Dinge macht, die ihre Mutter ziemlich verärgern könnten. Ein Blutbad zum Beispiel.
Laura zieht eine schwarze knallenge Shorts an, aus der ihre Pobacken ein bisschen raushängen. Ich finde das furchtbar. Nicht, weil mir die Pobacken nicht gefallen. Sondern weil mir das so was von peinlich wäre, die bessere Hälfte meines Hinterns zur Schau zu stellen. Dazu will sie ein Top kombinieren, das aussieht wie die Unterwäsche ihrer Mutter.
»Es IST die Unterwäsche meiner Mutter«, klärt sie mich auf Nachfrage auf.
»Denk an das Hundebaby, Laura.«
Ich habe mein schönstes Sommerkleid an: hellgrün mit einem kleinen Muster drauf, luftig, mit schönen schmalen Trägern, die sich auf meinem Rücken überkreuzen. Nicht zu kurz. Aber auch nicht zu lang. Wäre früher undenkbar gewesen. Ist jetzt meine kleine erkämpfte Änderung. Mama lernt, aber nur in klitzekleinen Schrittchen. Ich muss beständig Geduld mit ihr haben. Oder wir krachen zusammen. Und dann weint sie, und ich weine dann irgendwann auch. Wer will schon ständig weinen.
Laura muss solche Unterhaltungen nie führen. Laura nimmt die Stöckelschuhe ihrer Mutter und den Lippenstift, ohne zu fragen. Dann ist sie zwar manchmal böse, aber meistens doch noch gerührt, weil Laura so lebenslustig ist, wie sie sagt. Aber als sie mir auch einen Lippenstift schenken wollte, einen roten, da hab ich abgelehnt.
»Danke dir, Susi«, hab ich gesagt. Seit wir eingezogen sind, darf ich sie Susi nennen. Am Anfang war das ganz komisch, aber mittlerweile gewöhne ich mich daran. So, wie ich mich immer mehr an diesen Alltag hier gewöhne. An Gutes, Leichtes gewöhnt man sich verdammt schnell. »Das ist total lieb von dir. Aber den werde ich nicht tragen. Ich fühle mich verkleidet damit.«
Sie hat ihn in der Handfläche hin und her gerollt. Ein schwarz glänzender Zylinder mit Schönheit drin. Aber eben nicht meine Art von schön.
»Dabei würde er so gut zu deinem Teint passen.«
»Danke, aber ich trage den wirklich nicht.«
Vielleicht eine Spur zu bockig. Vielleicht hätte ich irgendwo in einem Winkel meiner Seele ja doch diesen roten Lippenstift tragen wollen, obwohl er sich so gar nicht mit meinem Selbstbild gedeckt hat. Sie hat geschaut. Wegen meines Widerspruchs. Früher habe ich alles genommen, was sie hergegeben hat. Vieles war wunderschön. Aber eben nicht alles. Ich habe mich nie getraut, etwas abzulehnen. Weil mir das frech erschienen wäre. Und undankbar. Ich will aber nicht mehr lügen. Auch aus Höflichkeit nicht.
»An was denkst du?«, fragt Laura, die gerade den letzten Schliff mit dem Lidstrichpinsel setzt, kühl und präzise wie ein verdammter Chirurg. Solche Routine habe ich noch nicht mal im Ansatz. Immer zittert dabei irgendwas an mir, und ich kleckere nicht, ich klotze.
»Warum?«
»Du hast schon wieder auf deine Unterlippe gebissen.«
»Das siehst du, während du ein Auge zukneifst und das andere bearbeitest?«
»Ich bin omnipräsent, Beste.«
»Omnipotent heißt das.«
Wir lachen. Es ist cool, wenn man jemanden hat, mit dem man sogar in Trauerphasen lachen kann. So jemanden sollte jeder auf Krankenschein bekommen, wenn er ihn nicht schon hat. Echt jetzt. Ich würde mir Laura unbedingt verschreiben lassen, wenn ich sie nicht hätte.
Unten hupt ein Auto. Es ist so ein intensives Hupen, ein langes, lautes, ein Sehnsuchtshupen. Für Laura. Sie verdreht die Augen.
»Nicht der schon wieder …«
Ich weiß, wer. Der Typ aus dem Café, in das wir manchmal gehen, um ein Eis zu essen oder ein Stück Torte. Der kellnert dort. Er kommt von irgendwo aus der Umgebung, und jeden Tag pendelt er rein und macht dabei so einen Lärm mit seinem getunten roten Angeberauto, dass jeder weiß, der Typ ist jetzt da. Und am Abend spielt sich Ähnliches ab. Ich und Laura wissen das ganz besonders genau, weil er bei jedem einzelnen In-die-Stadt-Fahren an unserem Garten vorbeistinkt und hupt. Seit ihm Laura aus lauter Langweile schöne Augen gemacht hat. Obwohl ich sie mehr als deutlich davor gewarnt habe, weil ich nicht einmal aus Todessehnsucht einem solchen Menschen schöne Augen machen würde.
»Ist doch nur Spaß«, hat sie gesagt, und jetzt leiden wir täglich unter dem Huper, der mich mehr nervt als eine Pestbeule am Hintern. Ich schlüpfe in meine Sandalen. Türkise, mit Riemchen und mit kleinem grünen Absatz. Ich fühle mich sehr erwachsen damit. Hat mir Lauras Mutter zum Geburtstag geschenkt. Und ich habe mir geschworen, dass ich einen Job annehmen werde, um ihr zu ihrem nächsten Geburtstag auch etwas Schönes überreichen zu können und nicht bloß blöde Gutscheine und Wiesenblumen wie früher. Gutscheine zum Staubsaugen. Gutscheine zum Wäschebügeln. Gutscheine zum Einkaufengehen. Was ist denn das für ein Geschenk zum Geburtstag? Eben. Aber dann passierte das mit Papa, und ich hatte überhaupt keine Zeit mehr für einen Job.
Draußen ertönt wieder dieses nervenzerfetzende Geräusch. Und er hupt wieder. Und hupt. Und hupt. Laura reißt das Fenster auf.
»Ich fahr euch zum Jahrmarkt«, brüllt er aus dem Angeberauto heraus.
»Danke, aber nein danke!«, brüllt Laura hinunter.
»Komm runter!«
»Wir werden schon abgeholt!«
Er fährt das Fenster hoch wie so ein Scheißritterhelmvisier. Und fährt mit quietschenden Reifen davon.
»Wie der nervt«, flucht Laura.
»Wer holt uns denn ab?«, frage ich, etwas überrumpelt. Ich weiß nämlich von nichts.
»Der Herr Niemand und der Sir Keiner«, lacht Laura.
»Das find ich doof«, sage ich. »Warum lügst du?«
Sie hakt sich bei mir unter.
»Weil es egal ist.«
»Sag ihm doch einfach, dass du nicht mit ihm fahren willst. Der gibt ja sonst nicht auf.«
»Ach vergiss es doch«, lacht Laura.
*
Die Nacht ist um. Und ich sitz immer noch da und schreibe. Es war aufregend, das erste Mal spätabends mit Laura unterwegs zu sein, ich hatte aber auch ein bisschen Angst so ganz allein mit ihr in dem Waldstück, die Bäume mit ihren Ästen und den Schatten dazwischen.
Ich versuchte, nicht in das Dickicht zu schauen. Ich dachte an den Wald, in dem ich mich fast verlaufen hätte, meinen Märchenwald von früher mit den schönen Paradiesvögeln und den gefährlichen Tieren darin. Da habe ich mich doch auch hindurchgewagt. Und der hier ist echt harmlos. Viel harmloser als der Krieg, durch den ich auch gewandert bin. Viel harmloser als die Schweine, die meinen Vater gezwungen haben, zurückzugehen in diesen Krieg. Viel harmloser als alles, was in meiner Heimat zurückgeblieben ist. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah die Sterne über mir: eine riesige Landkarte fremder Welten, leuchtend, blinkend, endlos. Laura erzählte mir einen Witz, den ich mir nicht merkte. Ich lachte trotzdem. Je weiter wir in das Dunkel hineingingen, desto lauter lachte ich.
»Wir haben einen coolen Abend vor uns!«, sagte Laura.
Da dachte ich mir, ja, das haben wir tatsächlich, und ich freute mich drauf.
Von Weitem kann man den anwachsenden Lärm hören: Leute schreien, Leute lachen, aus den Lautsprechern tönt unterschiedlichste Musik, die ineinanderschwappt. Es blinkt rot und grün und blau. Die Leute sehen in diesem Licht aus wie in einem Horrorfilm. Junge und alte, aufgetakelte und zerlumpte. Ich glaube, die gesamte Umgebung ist hier und noch mehr. In der Mitte des Platzes steht eine Krake, auf deren Armen Gondeln befestigt sind, die sich um die eigene Achse drehen, während die Krake sich etwas gemächlicher ebenfalls dreht. Hinter der Krake sind grell beleuchtete Buden mit Würstchen, Cocktails und Zuckerwattezeug, die alle Umstehenden zu Zombies färben, und vor der Krake mehrere Bodenpizzas.
»Die Krake müssen wir ausprobieren!«, kreischt Laura.
»Vor dem Essen oder nach dem Essen?«, frage ich.
»Nachher natürlich.« Laura steuert die nächste Fressbude an. »Wenn schon, denn schon!«
Wir stellen uns an. An uns vorbei fliegt ein Bierkrug. »Hoppla«, sagt Laura und zieht den Kopf ein.
Wir holen uns Bratwürstchen und Pommes, fetttriefende, knusprige, so richtig heftige Pommes, mit Ketchup und Mayo und allem Drum und Dran. Laura setzt sich in den Rasen. Ich setz mich daneben. Wir machen synchron unsere Limodosen auf. Haben wir schon in der Schule so gemacht. Limotrinken wie ein Team!
»Wo ist Markus?«, frage ich.
»Der ist mit seinem Kumpel unterwegs, die Jungs von weiter weg abholen. Sind bald da.«
Irgendwo in mir lauert das unangenehme, angespannte Gefühl, der Huper könnte auftauchen. Aber wenn, habe ich mir vorgenommen, dann werde ich ihn vertreiben, wenn Laura es nicht schafft. Auch wenn er viel älter ist als ich. Drauf geschissen.
Ein paar Mädchen gehen an uns vorbei, die wir aus der Schule kennen. Wir grüßen, wir winken, wir quatschen ein wenig. Dann ziehen sie ab. Es ist so unfassbar cool, dass sie mich genauso freundlich anreden wie Laura! Endlich ist es so, dass es normal ist, mit mir zu reden. Ich bin kein seltsamer Fremdkörper mehr. Ich bin jetzt eine von ihnen. Jedenfalls glaub ich das. Es fühlt sich anders an als im Jahr davor. Sehr anders. Letztes Jahr schwankten die meisten zwischen schweigen und angespannt komisch mit mir reden. Ich habe im Flüchtlingsheim gelebt, und ich kannte mich noch überhaupt nicht aus. Und irgendwann habe ich mich ausgekannt, jedenfalls mehr als meine Eltern. Und dann waren meine Eltern deshalb auch noch sauer auf mich. Es war eigentlich ein wirklich verrücktes Jahr. Aber Laura war immer an meiner Seite, und das macht dieses Jahr erträglich. Und streckenweise schön. Bis Papa verschwand.
Wir setzen uns in so eine Krakensaugnapfgondel.
»Sag deinem Würstchen auf Wiedersehen!«, kreischt Laura. Die Gondel schwingt leicht an, schwingt leicht zurück, der Krakenarm knarzt und knarrt, als er sich immer weiter in die Höhe schraubt und an Geschwindigkeit gewinnt. Auf halber Höhe, als mir klar wird, dass meine Schuhe schon sehr weit über dem Boden hängen, wird mir kurz mulmig. Wir haben abgehoben, und alles dreht sich. Laura schreit. Und lacht. Ich werde stiller. Mein Haar schlägt mir ins Gesicht, ich hebe den Kopf, die Sterne kreisen um meine Stirn.
»Schrei mit mir!«, brüllt Laura. »Komm schon, Madina!«
Und sie krallt sich in meinen Arm, und das gibt mir Kraft, und ich reiße den Mund ganz weit auf und schreie mit ihr mit, damit unsere Stimmen in eine Stimme fließen und über die Krake steigen und über die Buden, hoch hinauf zum Sternenhimmel, der sich immer rasender um uns dreht.
Ich hab übrigens natürlich gekotzt. Macht nix.
Und als wir schon das halbe Taschengeld von Laura in Getränke und Süßzeug umgesetzt haben, als ich mich so richtig entspanne und sogar mit Laura ein bisschen herumtanze zu der Superlautdröhnmusik, als es echt, echt, wirklich echt Spaß macht, zu sein wie alle anderen, in dem Moment hör ich seine Stimme.
»Laura! Laura! Hey!«
Ich wusste es einfach. Der Huper würde sich nicht so schnell abwimmeln lassen von einem simplen »Wir sind mit anderen unterwegs«.
»Wo ist denn deine Begleitung, Laura?«
Er hat schon einiges getrunken, er schwankt, während er auf uns zugeht. Er trägt ein cooles T-Shirt und eine Jeans mit Riss am Knie und aufdringliche Cowboystiefel. Er hat knallblaue Augen, über denen die Lider jetzt auf Halbmast hängen. Er könnte sogar hübsch sein, wenn er nicht so besoffen und gruselig wäre. So verdammt, verdammt gruselig. Er stolpert auf uns zu. Laura grinst. Aber auch nur auf Halbmast.
»Du bist ja ganz allein hier!«, lallt er und streckt den Arm nach Laura aus. Laura weicht zurück.
»Die kommen gleich.«
»Vielleicht seid ihr aber auch wirklich ganz, ganz allein hier.«
»Geht dich einen Scheißdreck an«, sagt Laura. Ihr Grinsen ist verschwunden. Sie schaut in die Menge. Markus ist immer noch nicht da, und die Mädels von vorhin sind weg.
»Komm, tanz mit mir«, nuschelt er und will wieder nach ihr greifen. Ich spüre, wie meine Wut hochkocht. Ich kann gar nicht anders, ich stelle mich vor Laura. Er verengt die Augen zu noch kleineren Schlitzen.
»Sie will das nicht. Und sie wird das nicht.«
»Verzieh dich!«
Ich spüre Lauras Atem hinter mir, schnell und warm in meinem Nacken.
Ich stell mich noch breiter hin.
»Ich hab gesagt, verzieh dich, du … du …« Er scheint nach Worten zu suchen. Es dauert, bis er sie findet. »Du Kameltreiberin!«
Ich kapiere zuerst gar nicht, was er meint. Ich hab noch nie ein echtes Kamel gesehen.
»Zieh Leine«, sagt nun auch Laura.
Daraufhin wird er noch etwas lauter. Und geht auf mich zu.
»Du gehörst sowieso nicht hierher, Flüchtlingsgesindel.«
Ich muss schlucken. Ich habe solche Worte schon gehört, aber es ist lange her. Und ich habe sie noch nie gehört, während ich in der Nacht allein unterwegs war. Und noch nie so aggressiv. Ich sehe mich um, die Menschen gehen an uns vorbei. Es bekommt offensichtlich keiner mit, dass wir Hilfe bräuchten.
»Du hast einem von hier überhaupt nix zu sagen!«
Nun steht er schon recht nahe vor mir, seine Alkoholfahne schlägt mir ins Gesicht.
Ich sehe mich panisch nach allen Seiten um. Wir weichen weiter zurück, Richtung Zuckerwattebude, in der eine dicke Frau steht und die bunten wolkigen Wattestückchen unermüdlich um die Holzstöckchen dreht, ihre Finger bewegen sich geschickt wie die Finger einer Hexe über dem Zauberkessel.
»Na, so still auf einmal?«
Ich mach noch einen Schritt rückwärts und stoße an Laura, die wiederum an die Holzwand der Bude stößt. Die Frau sieht auf.
»Bitte helfen Sie uns«, sage ich.
»Was ist denn hier los?«
In diesem Augenblick dreht sich der Huper um die eigene Achse, wie die Zuckerwattebäusche um die Stäbchen, wie die Finger der Frau, dreht sich und neigt sich und entlässt dabei einen gewaltigen Strahl gelber Kotze aus seinem Mund.
»Du hast wohl etwas über den Durst getrunken, junger Mann!« Die Alte kommt heraus und wischt sich die klebrigen Hände an der bunten Schürze ab. »Zeit, nach Hause zu gehen.«
Wir nutzen die Gelegenheit und tauchen in der Menge unter. Die Musik dröhnt.
Final Countdown.