Danke Bine

Dieser Roman ist eine Fiktion. Personen und Ereignisse sind reine Erfindungen. Das gilt auch dann, wenn hinter den Romanfiguren Urbilder erkennbar sein sollten

Uwe Drewes

Horst/Holstein

im Dezember 2021

Inhaltsverzeichnis

  1. Urlaub
  2. Fischbrötchen Mafia
  3. Die Tote am FKK
  4. Peter Greif
  5. Alibis und Indizien
  6. Heinz Otto
  7. Der Serienmörder
  8. Tatort Unterharz
  9. Seeluft macht frei
  10. Der lange Arm der Stasi
  11. Abrechnung
  12. Hahnenkämpfe
  13. Perversion und Wahnsinn
  14. Die Schuld

1. Urlaub

Horst Hansen starrte auf seinen großen Kaffeepott. Er war nun seit fünf Jahren verheiratet. Sein 50. Geburtstag stand vor der Tür. Nicht dass er seine Entscheidung, Conny zu heiraten, bereut hätte. Cornelia war nicht nur eine sehr attraktive Frau, sie war auch klug, liebevoll und umsichtig. Doch heute merkte er wieder, dass er kein freier Mann mehr war. Soweit man überhaupt frei sein kann. Auch als lediger Mann war er Bedingungen und Zwängen ausgesetzt gewesen, die seine persönliche Freiheit einschränkten und ihn nicht selten sogar bestimmten. Er beneidete jene schlichten Gemüter, die schon von Freiheit reden, wenn sie das Cabrio öffnen oder mit dem Motorrad fahren können. Was macht frei? Wind im Haar, ne! Nein Hansen ging es nicht um eine philosophische Diskussion über den Freiheitsbegriff. Er war Cop und kein Philosoph. Hansen war sauer, weil Cornelia ihren Urlaub auf dem Darß verbringen wollte. Mit Widerwillen stellte er sich die vollen Strände und Restaurants vor. Gar nicht zu reden von Sturm und Regen. Hatten sie es zu Hause nicht viel schöner? Sie besaßen eine großzügige Villa in traumafter Lage. Zum Waldrand waren es nur wenige Schritte. Ihr Sohn Ole hatte auf ihrem parkähnlichen Grundstück alles, was ein kleiner Abenteurer so braucht. Sogar einen teuren Pool hatten sie sich gegönnt.

Sein Schweigen wurde Cornelia nun doch zu bunt. Betont laut setzte sie ihre Tasse auf den Tisch: „Kannst du bitte mit mir reden! Kommst du nun mit oder nicht?“ Genau das war es, was Hansen so nervte. Sie wollte nicht einen gemeinsamen Standpunkt zum Thema Urlaub beraten, sondern sie erpresste ihn. Für ihn kam es überhaupt nicht in Frage, ohne seinen Sohn Urlaub zu machen. Durch seinen Job als Kripokommissar hatte er wenig Zeit, sich um den niedlichen Jungen zu kümmern. Deshalb wollte er auf jeden Fall den Urlaub mit ihm verbringen. Das war ihm sehr wichtig.

Sie zanken sich nicht zum ersten Mal, wenn es um dieses Thema ging. Aber heute wollte sie es wissen. Sie drückte ihm die Pistole auf die Brust. Hansen löste seinen Blick von der Kaffeetasse und fixierte einen imaginären Punkt an der Decke: „Wenn du das so zugespitzt formulierst, bleibt mir keine Wahl. Ich werde im Urlaub nicht auf Ole verzichten.“

Cornelia fiel im spontan um den Hals: „Ach, das freut mich aber. Ich hole gleich unser Zelt vom Boden. Es liegt da schon seit 12 Jahren. Hoffentlich haben es nicht die Mäuse angefressen.“ Hansen traute seinen Ohren nicht. Hatte die eben tatsächlich von einem Campingurlaub gesprochen? Das kam nun gar nicht in Frage. Barscher als er wollte sagte er: „Das kannst du dir abschminken. Ich mache ganz bestimmt keinen Zelturlaub.“

Cornelia Hansen spürte, jetzt wurde es ernst. So einfach wollte und konnte sie aber nicht nachgeben: „Camping ist total schön. Ich bin mit meinen Eltern immer Zelten gewesen. Du wirst sehen, wie toll das für Ole ist. Er kann immer draußen spielen mit den anderen Kids. Das Regenbogencamp von Prerow liegt idyllisch in den Dünen. Direkt am Meer. Da ist sogar FKK erlaubt. Das ist so easy und die Camper sind alle so nett und gesellig.“

Cornelias Argumente bewirkten bei ihrem Mann das Gegenteil. Sein Testosteronspiegel nahm bedrohlich zu. Er war kurz vor einem seiner gefürchteten Wutausbrüche. Dann hatte er keine Selbstkontrolle mehr über das, was er sagte und tat.

Ole hatte mit seinen vier Jahren nicht alles verstanden. Das Thema Camping interessierte ihn aber schon. Er kletterte auf den Schoß seines Vaters und fragte: „Papa was ist Effkacke.“ Diese einfache kindliche Frage entschärfte mit magischer Kraft die Ehekrise. Beide Eltern prusteten los. Horst Hansen gab seinem Jungen einen Kuss und sagte: „FKK ist nichts mit Kacke. FKK ist, wenn du, Mama, Papa und alle anderen Leute nackig sind.“ Ole fing an zu weinen: „Die anderen Leute sollen meine Mami nicht nackig sehen. Das will ich nicht!“

„Huck, ich habe gesprochen“, Hansen strahlte vor Stolz, „wollen wir ihm doch zeigen, wie seine lieben Eltern einen Kompromiss finden. Wir fahren nach Prerow, aber nicht zum Camping. Wir nehmen uns eine Ferienwohnung oder ein Ferienhaus. Da müssen wir uns nicht vor allen Leuten nackig machen. Punkt!“

Welche Mutter hätte vor diesem doppelten Charme ihrer Männer nicht kapituliert. „Einverstanden, ihr Burschen, ich gebe mich geschlagen.“

Kurzfristig eine freie Ferienwohnung an der Ostsee zu bekommen war so gut wie aussichtslos, zumal Cornelia auf Prerow bestand. Wegen der Erinnerungen an die Ferien mit ihren Eltern. Es sei denn, man hatte viel Glück. Und das Glück war der kleinen Familie hold. Ein Stammgast war erkrankt, deshalb konnte sie eine Erdgeschosswohnung mit Terrasse anmieten.

Nun gehörte Horst Hansen nicht zu den Weltmeistern im Verreisen. Auch in dieser Hinsicht war er kein typischer Deutscher. Er verbrachte in der Regel seinen Urlaub in Hamburg. Oder besuchte seinen Freund in Amsterdam. Doch im Unterschied zu seiner Frau besaß er praktische Erfahrungen in der Nutzung von Ferienwohnungen. Als es um das Kofferpacken ging, passte bei ihm alles in seine Reistasche mittlerer Größe. Was Cornelia einpackte interessierte ihn nicht. Er war deshalb sehr überrascht, als er seinen Citroen XM beladen wollte und vor einem großen Haufen Koffern und Taschen stand. „Was um alles in der Welt ist da drin“, fragte er erstaunt, „wir wollen doch nicht auswandern sondern zwei Wochen Urlaub machen.“ Er öffnete einen großen Karton, der vom Transport eines Fernsehgerätes stammte. Ungläubig starrte er hinein. Er zählte auf: „Töpfe, Elektrogrill, Besteck, Geschirr, Kaffeemaschine – warum willst du das alles mitschleppen? Ich glaube, das alles ist schon vorhanden. Moderne Ferienwohnungen sind besser ausgestattet als manche Küche.“ Cornelia blickte ihn skeptisch an: „Glaubst du, oder weißt du? Warst du schon mal dort? Ne, sicher ist sicher. Es soll uns ja an nichts fehlen.“

„Ich jedenfalls nehme das nicht alles mit, das passt auch gar nicht in meinen Kofferraum.“ „Dann nimm doch einen Hänger, haben meine Eltern früher auch gemacht. Wir hatten zwar nur einen Trabbi, aber mit Hänger konnte man damit umziehen.“ Just in diesem Augenblick kam Ole mit seinem Lieblingsspielzeug angefahren, einem Aufsitztrecker mit Hänger. Den wollte er unbedingt mitnehmen und fing an zu plärren, als sein Vater sich weigerte, diesen Wunsch zu erfüllen. Horst Hansen sah nun die Zeit für gekommen, ein Machtwort zu sprechen: „Alles hört auf mein Kommando. Dieses Auto ist jetzt unser Schiff. Mit dem gehen wir auf eine gefährliche Abenteuerfahrt. Ich bin der Kapitän und damit der Bestimmer. Töpfe und Trecker bleiben hier. Sonst überladen wir das Schiff und gehen unter.“

Ole brüllte so laut, dass er rot anlief. Hansen kapitulierte. Er holte aus dem Keller die Dachbox und verstaute einen großen Teil der Koffer und Taschen darin, damit der Trecker in den Kofferraum passte. Allerdings ohne Hänger. Dafür gab ihm Cornelia einen feuchten Schmatz.

Als Hansen endlich losfuhr, beschlich ihn so ein schönes Gefühl von Behaglichkeit. Er mit Kind und Kegel an die Ostsee. Früher unvorstellbar. Höchststrafverdächtig!

Aber jetzt war er glücklich. Er drehte sich um, seinen Sohn anzuschauen. Der war vom Treckerkampf müde und schlief selig. Der Rotz lief ihm aus der Nase.

Gegen den Widerstand Cornelias wählte Hansen für die Hinfahrt die Autobahnroute über den Berliner Ring. Cornelia wollte, wie früher mit ihren Eltern, die kürzere Strecke über Wittenberg und Plau am See fahren. Hansen ging diesmal nicht auf ihre nostalgischen Wünsche ein, sondern fuhr hinter Magdeburg auf die Autobahn A 2 . Dabei knurrte er nur etwas von schnellem Wagen und mehr Sicherheit auf der Autobahn. Kaum dass er seinen Willen durchgesetzt hatte, tat ihm seine Frau auch schon wieder leid.

Es war nun mal so, dass sie in unterschiedlichen Ländern aufgewachsen sind. Jeder, der meint, eine gemeinsame Sprache würde per se eine gemeinsame Lebensweise hervorbringen, irrt sich gewaltig. Nach seiner Erfahrung hatten die Westdeutschen mehr Gemeinsamkeiten mit den Franzosen und Italienern als mit den Ostdeutschen. Seine Frau trug in sich die Erinnerung an die Fahrt mit dem Trabant ihrer Eltern an die Ostsee. Und das viele Jahre lang immer wieder. Horst Hansen dagegen hatte mit seine Eltern die Welt von Dänemark bis zu den Malediven bereist. Irgendwie wollte er die Enttäuschung seiner Frau wiedergutmachen. Er hatte eine Kassette mit Kinderliedern von Reinhard Lakomy besorgt. Sie trugen den Titel „Traumzauberbaum“. Er hörte sie zum ersten Mal. Cornelia war sprachlos. Das hatte sie nicht erwartet.

Verzaubert lauschte sie den bekannten Liedern. Das Küsschenlied mochte sie besonders gern. Leise sang sie den Refrain mit: „Guten Morgen, guten Morgen die Nacht ist verronnen. Guten Morgen, guten Morgen, der Tag hat begonnen.“ Gerührt drückte sie Hansens Hand: „Das war das schönste Geschenk für mich seit langem.“

Eine laute Stimme holte sie aus ihren Träumen „Wann sind wir da?“ „Mensch Ole“, Hansen musste lachen, „das ist wohl die häufigste Frage aller Kinder.“ Cornelia lachte: „Und wie ist die Antwort?“ Und beide mit einer Stimme: „Bald, nur noch drei Stunden.“ Ole quengelte: „Ist drei Stunden lange?“ Hansen versuchte ihn zu beruhigen: „Nein, nicht lange. Bald kannst du an der Ostsee eine Strandburg bauen.“ Ole reagierte mit Heulen: „Ich will nach Hause, Ich will nicht mehr Auto fahren.“ Cornelia versuchte es mit einem altem Hausmittel ihrer Eltern. Sie begann Kinderlieder zu singen, die Ole aus dem Kindergarten kannte. Aber Ole war schon wieder eingeschlummert. Die Harmonie breitete sich erneut im Citroen XM aus, der etwas schneller als erlaubt über die Autobahn rauschte.

Hansen konnte sein Versprechen von drei Stunden Restfahrzeit fast einhalten. Endlich erreichten sie die Ostsee. Cornelia versuchte sich als Reiseleiterin: „Liebe Urlauberinnen und Urlauber. Wir erreichen soeben die Halbinsel Fischland – Darß – Zingst. Die beliebte Ferieninsel hat eine Länge von 45 Kilometern. An der schmalsten Stelle ist sie nur 500 Meter breit.“ Hansen wusste das nicht: „Echt, nur 500 Meter breit? Kann diese schmale Stelle nicht bei einer Sturmflut überspült werden?“ Cornelia erfreut über das Interesse: „Und damit das nicht passiert, wird die Küstenlinie hier ständig kontrolliert und befestigt. Denn das Fischland ist eine Wasserabtragungslinie. Der hier von der See geschluckte Sand wir weiter östlich am Großen Werder angespült.“ Hansen fand das interessant: „Warum sprichst du immer vom Fischland? Die Insel heißt doch Darß, oder?“ Cornelias Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, hier kannte sie sich aus: „Im allgemeinen Sprachgebrauch sagt am schon Darß, korrekt ist das aber nicht. Die Halbinsel besteht aus drei Teilen, dem Fischland, dem Darß und dem Zingst.“ Hansen fragte weiter: „Und was bedeutet Zingst?“ „So viel wie Heuinsel, der Name kommt aus dem slawischen Zeno“, antwortete Cornelia nicht ohne Stolz auf ihre profunden Kenntnisse. Hansen lachte leise: „Donnerwetter, was habe ich doch für eine kluge Frau. Wenn du mir jetzt noch sagen kannst, was Darß bedeutet, spendiere ich dir heute Abend ein Essen beim Italiener.“ „Kein Problem“, Cornelia klatschte in die Hände, „ auch dieser Name hat slawische Wurzeln. Er geht auf das slawische Wort für Dornenstrauch Draci zurück, was so viel bedeutet wie Dornenort.“

Währenddessen hatten sie den Ortsrand von Prerow erreicht. Die Hausverwaltung konnte man gar nicht verfehlen, lag sie doch direkt an der Hauptstraße. Cornelia atmete erleichtert auf, denn Hansen weigerte sich konsequent, ein Navigationsgerät zu benutzen. Nach seiner Meinung waren diese modernen Dinger nichts für echte Männer. Ein richtiger Mann findet sein Ziel auch ohne. Für Cornelia erwuchs aus diesem Starrsinn immer wieder Stress. Denn Hansen fragte nie nach dem Weg. Das war unter seiner Würde. Er kurvte lieber ewig durch die Gegend, bis er sein Fahrziel endlich gefunden hatte. Aber hier und heute war das nicht nötig. Der Citroen bekam bei der Hausverwaltung sogar einen Parkplatz.

Cornelia war vor Freude sehr aufgeregt. Endlich wieder in Prerow. Sie musste der Dame in der Anmeldung unbedingt berichten, wie gerne sie mit ihren Eltern hier Urlaub gemacht hatte. Die Frau zeigte kein Interesse an Cornelias Erinnerungen. Sie legte die Schlüssel auf den Tresen und sagte: „Sonnenhof, Haus D, Wohnung rechts im Erdgeschoss. Schönen Urlaub. Abreise bitte bis 10.00 Uhr.“

Im Auto dampfte Cornelia vor Empörung: „So was Maulfaules, nein aber auch. Die hätte ruhig netter sein können.“ Hansen grinste: „War sie doch. Norddeutsche reden nicht so viel. Nett heißt für sie nicht viel sabbeln sondern wenig reden. Je weniger man redet, desto vertrauter ist man miteinander, weiß der andere doch auch ohne Worte, was man denkt und fühlt.“

Cornelia sah ihren Mann misstrauisch von der Seite an. Warum wusste sie nie, ob er sie verarschte oder es ernst meinte. Hansen bemerkte ihren Seitenblick, schwieg aber. Er trat auf die Bremse und murmelte in seinen imaginären Bart: „Bitte alle aussteigen. Ihr Sonderzug fährt soeben in den Hof der Sonne ein.“

Cornelia blickte sich misstrauisch um. Das hier sollte nun besser sein als der Zeltplatz? Das musste sie erst noch überprüfen. Ole quengelte: „Ich muss mal groß.“ Da musste sie reagieren, keine Zeit mehr für Vorbehalte. Sie griff die Hand ihres Sohnes und marschierte erhobenen Hauptes in ihre Ferienwohnung. Hansen folgte ihr auf den Fuß. Das Gepäck ließ er auf dem Parkplatz stehen. Er wollte dabei sein, wenn seine Conny zum ersten Mal in ihrem Leben eine moderne Ferienwohnung betrat. Genugtuung erwartete er, wenn sie auf den Luxus reagierte.

Doch statt Begeisterung hörte er sie rufen: „Igitt, das ist doch wohl die Höhe. In diesem Schweinstall bleibe ich keine Minute länger, igitt, igitt. Überall Schmutz und Schimmel.“ Hansen fühlte, wie sich sein Magen zu drehen begann. Was war nun schon wieder los. Er öffnete die Badezimmertür, um sich über den Grund der Protestschreie zu informieren. Ole saß auf dem Klo und baumelte mit seinen Beinchen. Conny kniete auf dem Boden und zeigte mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die geöffnete Dusche. „Siehst du den Dreck, den Schimmel und was weiß ich sonst noch was?“ Hansen kniete sich nun ebenfalls auf den Boden und versuchte angestrengt, die Unsauberkeiten zu entdecken. In der Tat, ganz sauber war die Dusche nicht. Aber auch nicht schlimmer als es für intensiv genutzte Urlaubsunterkünfte üblich war. Mein Gott, ist die pingelig. Das konnte er nicht durchgehen lassen. Die versaute ihm und dem Jungen noch den schönen Urlaub. Er nahm den Jungen auf den Arm, verließ das Badezimmer und sagte laut und deutlich: „Nun lass ma, ich kümmere mich später darum. Jetzt pack erst mal aus. Dann wollen wir alle gleich an den schönen Sandstrand. Du müsstest mir unbedingt noch deinen Campingplatz zeigen.“ Soweit, so gut. An dieser Stelle hätte Hansen schweigen sollen. Tat er aber nicht. Er fügte noch einen Satz an, der für den weiteren Verlauf des Urlaubs von nicht geringer Tragweite sein sollte. Er sagte noch: „Ich bin schon neugierig, wie die Toiletten des Zeltplatzes aussehen.“

Conny schnappte ein. Wortlos leerte sie die Taschen und Koffer. Sie hatte keinen Blick für die umfangreiche Ausstattung der Ferienwohnung. Hansen hatte seinen Fehler bemerkt und bereute ihn. Er bemühte sich, die Stimmung aufzuheitern, indem er auf das eine oder andere in der Einrichtung aufmerksam machte. Aber weder der Geschirrspüler, noch der Kaffeeautomat oder die Mikrowelle fanden Connys Anerkennung. Schließlich war sie für den Strand angezogen und sprach kämpferisch: „Na dann, auf ans Meer. Wollen wir doch unserem feinen Westpinkel mal zeigen, wie hoch die Hygienestandards früher in der DDR waren.“

Der Weg zum Strand war weder kurz noch lang. Er war so wie er war, ungefähr 500 Meter lang. Doch Conny stöhnte demonstrativ ein ums andere Mal. Es war sehr warm, die Badetasche drückte und Ole wollte nicht mehr laufen. „Der Zeltplatz liegt direkt am Strand“, grummelte Conny, „da müssten wir keine Ewigkeit laufen.“ Hansen blieb auf der Holzbrücke zum Strand mit einem Ruck stehen. Er setzte Ole auf seine Schulter, nahm die Badetasche und sagte etwas lauter als angebracht: „Jetzt wollen wir allen Groll in den Sand eingraben. Dann gehen wir zum Zeltplatz, damit uns die Mami zeigen kann, wie schön es dort ist. Machst du mit, Ole?“

Conny lächelte gequält. Sie begriff, dass sie einlenken musste. Hansen hatte die Grenze seiner Belastbarkeit erreicht, das bemerkte sie intuitiv. Zum Glück lag hinter der kleinen Brücke schon der breite Strand und die kleine Familie konnte endlich ins erfrischende Wasser springen. Hansen baute mit Ole eine große Sandburg, der Groll wurde tief eingegraben. Die Stimmung wurde immer urlaubiger. Conny rekelte die üppigen Proportionen ihres Körpers in der Sonne, so dass Hansen sich schon auf den Abend freute. Er rückte näher an seine Frau heran. Fürs erste musste der Hautkontakt genügen. Alles war auf einmal so leicht und freundlich, die Sonne, der Strand, das Wasser. Dreifach gesegnetes Land, dieses Mecklenburg.

Aber Ole konnte die Situation noch nicht richtig einschätzen. Wie Kinder so sind, sprach er das aus was ihn bewegte: „Wann gehen wir zu Mamis Zeltplatz?“ „Nö mein Freund“, versuchte Hansen ihn abzuwimmeln, „heute nicht mehr, hier ist es doch sehr schön.“ Damit gab sich Conny aber nicht zufrieden. Sie bettelte: „Komm nur, ist doch nicht weit. Da werde ich bestimmt ein paar alte Freunde treffen.“

Sie wartete Hansens Zustimmung nicht erst ab, sondern packte die Badesachen ein und ging mit Ole an der Hand los. Hansen trottete lustlos hinterdrein. Je näher sie dem Zeltplatz kamen, um so dichter wurde der Strand bevölkert. Conny war ganz aufgeregt und glaubte, den einen oder anderen zu erkennen. Sie rief und winkte einigen zu. Die Auserwählten grüßten zwar freundlich zurück, gaben aber nicht zu erkennen, dass sie Conny kannten.

Familie Hansen hatte inzwischen die Düne durchschritten und traf auf die ersten Wohnwagen und Zelte. Mit Interesse beobachtete Hansen einen nackten Mann, der unterm Bauch zwei Würstchen hatte. Eines hielt er mit der Zange, um es auf den Grill zu bugsieren. Das andere wohl besser nicht. Hansen stellte sich das vor und war einmal mehr davon überzeugt, dass er Nacktgrillen für ästhetischen Totschlag hielt. Das Gesicht des Nacktgrillers war vom Zelt verdeckt und nicht zu erkennen. Plötzlich kreischte Conny laut auf und wies mit der Hand auf den unverhüllten Nacktbereich des Mannes: „Aber das kann doch nicht wahr sein. Das muss doch der Heinz Otto sein.“

Und nichts in der Welt, was sie jetzt noch hätte halten können. Sie stürmte ihrem nackten Ziel entgegen, wo ihr Erscheinen lautes Jubeln auslöste. Der nackte Kerl nahm Conny in die Arme und rief laut die dämlichste aller Fragen: „Conny, was machst du denn hier?“

Hansen erkannte die Stimme sofort. Jetzt konnte er nicht einfach verschwinden. Notgedrungen gab er Heinz Otto die Hand und wollte danach seinen Rundgang rasch fortsetzen. Aber so nicht mit Kommissar Otto, das ließ er nicht zu. Er kratzte sich vor Aufregung und Freude am Sack und lud Familie Hansen zum Grillen ein. Conny war sofort einverstanden. Sie entledigte sich ungeniert ihrer Kleidung und zog Ole aus. Hansen beharrte auf sein Recht, eine angemessene Badebekleidung zu tragen. Für Heinz Otto und seine Freunde war das kein Problem, die Nudisten der DDR waren toleranter als ihr späterer Ruf. Niemand wurde gegen seinen Willen ausgezogen.

Conny setzte sich neben ihren Mann auf die Hollywoodschaukel. Ihr nackter Busen bebte. Freudig legte sie ihre Hand auf Hansens behaartes Bein. Hansen flüsterte ihr leise die ihn primär interessierende Frage zu, wie sie Otto erkennen konnte, da sein Gesicht doch verdeckt gewesen war. Conny lachte laut: „Na wir haben doch viele Jahre hier unseren Urlaub gemacht. Heinz und ich sind zusammen zur Schule gegangen. Seine kleine Mischbatterie würde ich unter tausenden erkennen. Hier“, und dabei wies sie auf Ottos Bauch, „hier ist doch sein ovales Muttermahl. Es sieht aus wie ein O. Wir nannten es deshalb auch das Ottomal.“ Beinahe hätte sie in Ottos Intimbereich gegriffen, konnte sich zum Glück aber noch rechtzeitig bremsen.

Hansen gefielen diese intimen Kenntnisse seiner Frau nicht. Er wechselte schnell das Thema: „Kannst du mir erklären, wie sie diese Hollywoodschaukel von Thale nach Prerow transportiert haben. Die passt doch bestimmt nicht in deinen Mercedes?“ Diese Frage gefiel seinem Kommissar. Er zwinkerte pfiffig mit den Augen und holte Luft zu einer ausführlichen Antwort: „Ne, mein lieber Hauptkommissar, mit dem Mercedes kann ich hierher nicht kommen. Dann reden die hier kein Wort mehr mit mir. Ich bin wie in jedem Jahr mit meinem guten alten Trabbi Kombi angereist. Wohlgemerkt ohne Hänger. Die Hollywoodschaukel ist Marke Eigenbau. Ich kann sie bis auf die Größe einer Aktentasche zusammenklappen. Soll ich es mal zeigen?“ Doch gegen diese Absicht legte Conny Widerspruch ein: „Nein, bitte nicht. Ich brauche jetzt dringend einen kühlen Weißwein.“ Otto kam diesem Wunsch unverzüglich nach. Hansen genehmigte sich einige Flaschen Bier und einen guten Wodka. 100 Gramm.

Die Stimmung wurde immer gelöster. Ihre lautstarke Unterhaltung blieb von den Nachbarn nicht unbemerkt. Conny wurde gewahr, dass ihr attraktiver Ehemann den anderen Frauen zu gefallen schien. Zwei Frauen mittleren Alters versuchten, sich an der geselligen Grillparty zu beteiligen. Was unter Campingfreunden nicht unüblich ist. Die ungebetenen nackten Frauen spielten auf Hansens Badehose an. Keck fragten sie nach dem Grund seiner Bekleidung. Ob er etwas zu verbergen hätte. Heinz Otto war nicht in der Lage, doppelzüngige Bemerkungen zu erkennen und clever darauf zu reagieren. Er antwortete statt dessen ehrlich und nicht ohne Stolz: „Das ist mein Chef, Hauptkommissar Hansen. Er kommt aus Hamburg und ist mit unseren FKK – Sitten nicht vertraut.“

„Oh, Hamburg“, die nackte Blondine näherte sich Horst Hansen, „das ist ja aufregend. Kennen sie das Lied vom Hamburger Jung mit dem Tüdelband?“ Hansen schien Gefallen an diesem Flirt zu finden. Er begann zu singen: „An der Eck steiht e Jung mit nem Tüdelband.“ Die nackte Blondine legte den rechten Zeigefinger auf seine Lippen und sang an seiner Stelle weiter:

„Hier am Strand sitzt ein schicker Mann mit Badehos.

Was er wohl darunter zu verbergen hat.

Ein Hamburger Jung hat was jeder andre hat.

Ganz egal ob es klein ist oder groß.

Klaun, klaun, die Hose woll’n wir klaun….“

Hier wurde sie von Conny unterbrochen. Sie kannte die beiden nackten Grazien und deren nicht vorhandenen sexuellen Grenzen: „So Brigitte und Monika, lasst es genug sein. Komm Horst, wir müssen dann mal los. Ich habe ja noch nicht mal die Koffer ausgepackt.“

Hansen gefiel diese Situation, oh, und wie sie ihm gefiel. Endlich hatte er wieder Oberwasser. Er nahm die Hand seiner Conny und führte sie weg von dieser hemmungslosen Strandparty. Allerdings verzichtete er nicht auf seine Pointe: „Aber vorher gehen wir noch zu den Toiletten. Du wolltest mir doch noch einen Beweis für die hohe Qualität der DDR – Hygiene liefern.“ Und Heinz Otto und seinen nackten Gästen rief er zu: „Bis bald, ich bin schon gespannt auf das Schicksal der Badehose unseres Hamburger Jung.“

Conny zischte ihn nur an: „Das vergiss man besser gleich. Die sehen uns nicht so bald wieder.“ „Schade“, entgegnete Hansen, „euer FKK fing gerade an, mir zu gefallen.“

Der Rückweg zum Sonnenhof fiel dem Harzer Dreigespann noch schwerer als der Gang zum Strand. Sie waren rechtschaffen müde. Hansen zeigte auf den Horizont, wo die Sonne im Meer zu versinken schien. Ole erlebte dieses Naturschauspiel zum ersten Mal. „Was passiert mit der Sonne, wenn sie ins Wasser taucht. Geht sie dann aus“, fragte er seinen Vater. „Nein, mein Junge“, antwortete Hansen gerührt, „die Sonne ist ganz weit weg von der Erde. Sie kann nicht ins Wasser fallen. Das täuscht nur, mach dir keine Sorgen. Morgen früh steht sie wieder am Himmel.“ Conny verfolgte diese Unterhaltung mit einem seligen Lächeln. Sie beschloss, ab sofort ihre Rolle als Urlaubshexe aufzugeben und die Zeit mit ihren beiden Jungs zu genießen. Hansen übernahm gerne die Aufgabe, seinen Sohn für’s Schlafengehen fertig zu machen, Conny bereitete indessen das Abendessen vor. Es war schon beeindruckend, wie gut die Küche ihrer Ferienwohnung ausgestattet war. Nicht schlechter als ihre zuhause. Als die kleine Familie endlich auf der Terrasse Platz genommen hatte, funkelten schon die ersten Sterne am Himmel. Ole schlief schon beim Essen ein. Conny trug ihn liebevoll ins Bettchen. Dann kuschelte sie sich ganz eng an ihren schönen Mann und fragte: „Bist du glücklich und zufrieden?“ Hansen fühlte, dass er jetzt keinen Spaß machen durfte. Sie verdiente eine liebevolle Antwort. Er nahm sie in seine Arme und küsste sie ganz, ganz sanft auf den Mund. „Ja“, antwortete er, „glücklicher und zufriedener als mit euch war ich noch nie.“

2. Fischbrötchen Mafia

Lange bevor Conny und Ole wach wurden, hatte die Sonne ihr Tagwerk begonnen. Hansen hatte Brötchen geholt und den Frühstückstisch auf der Terrasse gedeckt. Conny strahlte vor Glück: „Nein, das ist doch nicht möglich. Du bist ein Schatz.“ Und mit einem kessen Blick fügte sie hinzu: „Dann will ich dir mal vergeben, dass du gestern Nacht gleich eingeschlafen bist. Dafür hast du jetzt einen Wunsch frei.“ Hansen ritt wieder sein Teufelchen, er zog die Augenbrauen hoch: „Lass mich überlegen. Doch, ich weiß schon, was ich mir wünsche. Ich möchte nach dem Frühstück Heinz Otto und seine netten Nachbarinnen besuchen. Du musst nicht mitkommen, wenn du lieber was anderes unternehmen willst.“ Conny kreischte laut. Sie griff die Gießkanne und schüttete deren Inhalt Hansen über den Kopf. Der nahm die Herausforderung prustend an. Er lief ins Bad und kam mit einem Eimer Wasser zurück. Er wurde schon von Ole mit einem Wasserschlauch in der Hand erwartet. Eine herrliche Wasserschlacht begann. Ole sprang mit dem Schlauch quiekend hin und her. So blieb es nicht aus, dass auch die Nachbarn was abbekamen. Die nahmen das nicht krumm, sondern wehrten den Angriff mit Töpfen und Eimern voller Wasser ab. Als alle nass waren, konnte gefrühstückt werden. Zum Glück waren einige Brötchen trocken geblieben.