Nagel & Kimche

 

Janice P. Nimura

 

DIE

BLACKWELL

SCHWESTERN

 

Wie die ersten Ärztinnen der USA die Frauen in die Medizin brachten

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Katrin Harlaß

Für Clare und David

Für Wissenschaft und Feminismus

Prolog

Am 14. Mai 2018 blockierte eine begeisterte Menge engagierter New Yorker den Gehweg an der Ecke Bleecker und Crosby Street in New York. Sie standen vor einem in die Jahre gekommenen, wenig bemerkenswerten Ziegelgebäude: drei Stockwerke, darüber ein Dachgeschoss mit zwei Gauben und Feuerleiter, im Erdgeschoss eine einfache, ­bodenständige Kneipe. Nach etlichen Reden, von denen alle bis auf eine von Frauen gehalten wurden, enthüllte die »Greenwich Village Society for Historic Preservation« eine Gedenktafel an der Fassade der neuesten Station auf ihrer »Karte bedeutender Orte im Kampf für Bürgerrechte und soziale Gerechtigkeit«. »In diesem Gebäude«, war darauf zu lesen, »etablierte Elizabeth Blackwell, die erste Ärztin Amerikas, das erste von Frauen geleitete und ausschließlich mit weiblichem Personal besetzte Krankenhaus für Frauen.«

Applaus brandete auf, VIPs lächelten, Kameras klickten. Ein Gefühl des Triumphs lag in der Luft: Eine Heldin war zurückgewonnen, die Geschichte weiblicher Handlungsmacht erneuert und, wenn auch nur für einen kurzen Moment, die düstere politische Stimmung aufgehellt. Jemand verkaufte T-Shirts, deren Aufdruck, Schwarz und Pink auf Weiß, die Blicke auf sich zog: »Elizabeth Blackwell: OG MD«. Dann zerstreuten sich die Zelebranten in den lauen Abend, im Kopf das Bild der ersten Ärztin: eine sepiafarbene Heilige, die sich besorgt über ihre dankbaren Patientinnen beugt. Oder vielleicht eine leidenschaftlichere Version, Eliza­beth Blackwell – Original Gangsta der Medizinerinnen, feministische Kämpferin. Beide Vorstellungen hatten etwas für sich. Keine stimmte.

Am 12. Mai 1857 trat in einem Raum, dessen Fenster auf eben diese Straßenecke hinunterblickten, Dr. Elizabeth Blackwell – von zierlicher Statur, nüchtern gekleidet, ernste Miene – in das Sonnenlicht, das in Streifen durch die hohen, schmalen Schiebefenster fiel, um zu einem kleinen Publikum aus Damen und vereinzelten Herren zu sprechen. Den Raum füllten zwei Reihen eiserner Bettgestelle, die mit nicht zu­einander passendem, jedoch sorgfältig geglättetem weißem Bettzeug ausgestattet waren. Die versammelten Gäste hatten sich nicht ohne das eine oder andere schelmische Kichern niedergelassen. Immerhin befand sich die gemischtgeschlechtliche Gesellschaft unziemlicherweise in einem Raum, bei dem es sich genau genommen um einen Schlafsaal für Damen handelte. So makellos wie heute würde er nie wieder sein, doch einstweilen war von Stethoskopen und Skalpellen, Opium und Quecksilber, Blut und Pisse und all den unaussprechlichen Schweinereien im Zusammenhang mit Krankheit und Geburt und Tod nirgendwo etwas zu ­sehen.

Elizabeth räusperte sich, um sich inmitten des Hufgetrappels und Geratters, die vom nahe gelegenen geschäftigen Broadway herüberdrangen, Gehör zu verschaffen. Dann verlas sie steif und feierlich das Dokument, das sie in Händen hielt: »Bei dieser Institution, die heute offiziell eröffnet wird, handelt es sich um ein Krankenhaus für arme Frauen und Kinder mit angeschlossener Apotheke.«[1]

Der Zweck dieser bisher beispiellosen Einrichtung, fuhr sie fort, sei ein dreifacher: Frauen die Möglichkeit zu geben, sich Rat bei Angehörigen ihres eigenen Geschlechts zu holen, und zwar kostenlos; der wachsenden Anzahl weiblichen Medizinstudenten jene praktischen Erfahrungen zu verschaffen, die ihnen von den etablierten Krankenhäusern verweigert würden; und Krankenschwestern auszubilden. Ihr Ton war unaufgeregt und geschäftsmäßig und ließ an keiner Stelle erkennen, dass die meisten New Yorker Bürger – von deren Ehefrauen ganz zu schweigen – die Vorstellung von einer Frau als Arzt ganz ungeheuerlich fanden. Sie sprach weder von der Einsamkeit, noch von den Mühen und Qualen, die sie hatte erdulden müssen, um 1849 als erste Frau in Amerika einen Abschluss in Medizin zu erhalten. Ebenso wenig würdigte sie die etwas größere, jedoch gleichermaßen ernste Frau an ihrer Seite, deren direkter Blick und entschlossener Gesichtsausdruck ihrem eigenen ähnelten: ihre Schwester Emily, die sich ihren Abschluss 1854 genauso hart erkämpft hatte wie sie selbst und ohne die dieser Moment womöglich niemals gekommen wäre.

Die Kuratoren des neu eingerichteten »New York Infirmary for Indigent Women and Children«, dreizehn Männer und vier Frauen, hatten den Vorschlag, eine der beiden Ärztinnen solle an diesem Tag ihre Geschichte erzählen, abgelehnt. Sie fürchteten wohl, dies könnte abschreckend wirken und die Rednerin wie eine Agitatorin für Frauenrechte erscheinen lassen. Doch Elizabeth, so radikal ihre Wahl, Medizin zu studieren, auch scheinen mochte, war keine Radikale. »Die gründliche, umfassende Ausbildung von Frauen auf dem Gebiet der Medizin ist eine neue Idee und braucht, wie alle anderen Wahrheiten auch, genügend Zeit, ihren Wert unter Beweis zu stellen«, fuhr sie fort. »Frauen müssen, mehr noch als der Öffentlichkeit, den Männern in der Medizin beweisen, dass sie imstande sind, als Ärztinnen tätig zu sein und das Studium der Medizin mit Ernsthaftigkeit zu betreiben. Erst dann werden ihnen die bestehenden Institutionen mit ihren großen Vorteilen der Praxis und vollständigen Organisation geöffnet werden.«[2] Dann übergab sie das Wort an einen Redner: Henry Ward Beecher, den stets etwas müde dreinblickenden, eloquenten, unbändig libidinösen Pastor der Plymouth Church in Brooklyn und wohl berühmtesten Mann New Yorks.

»Niemand auf dieser Welt ist weniger in der Lage, Vorsorge für sich selbst zu treffen, als Frauen und Kinder«, psalmodierte er, um anschließend schwungvoll-begeistert, wenn auch etwas zusammenhanglos, zu verkünden, er glaube »voll und ganz an die Fähigkeiten der Frau«. Die Frau sei vielleicht gar besser für die Medizin geeignet als der Mann. »Ihre Intuition, ihr Empfindungsvermögen und ihr Mutterwitz statten sie dafür aus«, erläuterte er, wobei er sich den gängigen Stereotypen ergab und die Wissenschaft völlig beiseiteließ. »Der Auftritt einer Frau am Krankenbett ist selbst schon Gegenmittel.« Die Blackwell-Schwestern stimmten mit ausdrucksloser Miene in den Beifall der übrigen Zuhörer ein. Diesem gönnerhaften, charismatischen Mann, den sie schon gekannt hatten, bevor er es zu öffentlicher Berühmtheit brachte, die Verkündigung zu gestatten, dass »die Frau von Gott zur Ärztin bestimmt worden«[3] sei, war die beste vorstellbare öffentliche Werbung.

Etliche Jahre früher, im Alter von vierundzwanzig, hatte Elizabeth Blackwell Medizin als Mittel auserkoren, um eine ihrer Überzeugung nach von Gott sanktionierte Wahrheit zu beweisen: dass Frauen, abgesehen von den Beschränkungen, die individuelle Begabung und aufgewendete Mühen ihnen auferlegten, alles sein konnten, was sie wollten, und sie, indem sie ihr volles Potenzial ausschöpften, die Menschheit ihrem Ideal näherbringen würden. Für eine junge Frau, die Krankheit mit Schwäche gleichsetzte, sich kaum für Menschen außerhalb des Kreises ihrer acht Geschwister interessierte und das Geistesleben den Funktionen des Körpers – die sie, offen gesagt, abscheulich fand – bei Weitem vorzog, nicht gerade die naheliegendste Wahl. Doch Gott, so glaubte sie, hatte sie auserwählt, diesen mühsamen Pfad zu beschreiten, und sie wiederum hatte Emily, fünf Jahre jünger und die begabteste unter den Geschwistern, auserwählt, ihr zu folgen.

In den kommenden Jahrzehnten sollte Elizabeth weitaus häufigeren Gebrauch von ihren Schreibutensilien machen als von ihren medizinischen Instrumenten. Die Zeugnisse ihrer eloquenten Rechthaberei sind in Form von dicken, selbstverfassten Konvoluten erhalten, manche privat, andere veröffentlicht. Es war die direkte, unterschätzte Emily, die in aller Stille die Herausforderungen der Medizin selbst annehmen und ihr Leben als praktizierende Ärztin, Chirurgin und Lehrerin verbringen sollte, obwohl sie, ebenso wie ihre Schwester, kaum Empathie besaß. »Es liegt gewiss keine Anziehungskraft in der Versorgung jämmerlicher elender kranker Menschen«, schrieb sie an Elizabeth. »Lediglich als Illustration der Wissenschaft kann ich überhaupt das geringste Interesse an ihnen aufbringen, es sei denn, es wäre möglich, sie zu erheben, und das ist eine schwierige Angelegenheit.«[4]

Die Erwartungen und den Ehrgeiz von Frauen zu wecken, egal, ob sie in den Slums in Fife Points wohnten oder in den Salons der Fifth Avenue verkehrten, war in der Tat eine schwierige Angelegenheit. Die Blackwell-Schwestern meisterten sie gemeinsam. Ihre Geschichte passt nicht auf eine Gedenktafel.

[1] »New York Infirmary for Women and Children«, New York Daily Herald, 13. Mai 1857, S. 3.

[2] Ebd.

[3] Ebd.; »Opening of the New-York Infirmary for Women and Children«, New-York Tribune, 13. Mai 1857, S. 4; »Infirmary for Women and Children«, New-York Times, 13. Mai 1857, S. 8.

[4] Emily an Elizabeth, 1852 oder 1853, Folder 163, Collection MC411, SL.