Aus dem Englischen von Michael Krug

Impressum

Die australische Originalausgabe Seven Ancient Wonders

erschien 2005 im Verlag Pan MacMillan.

Copyright © 2005 by Matthew Reilly

Copyright © dieser Ausgabe 2022 by Festa Verlag GmbH, Leipzig

Published by arrangement with Rachel Mills Literary Ltd.

Titelbild: Arndt Drechsler-Zakrzewski

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-977-0

www.Festa-Verlag.de

www.Festa-Action.de

Für Natalie

Im Altertum prangte auf der Spitze

der großen Pyramide in Giseh ein

prächtiger Schlussstein aus Gold.

Er verschwand in der Antike.

EINE SAMMLUNG VON WUNDERN IN ALLER WELT

Titel einer Sammlung von Dokumenten, verfasst von Kallimachos von Kyrene, Leiter des Museion von Alexandria, verloren bei der Zerstörung der berühmten Bibliothek im Jahr 48 vor Christus

KAUERT IN ANGST, WEINT IN VERZWEIFLUNG, IHR ELENDEN STERBLICHEN.

DENN WAS GROSSE MACHT GIBT,

DAS NIMMT SIE AUCH WIEDER.

DENN WIRD DER BENBEN NICHT BINNEN SIEBEN SONNENUNTERGÄNGEN NACH DER ANKUNFT DES PROPHETEN DES RA AN HEILIGER STÄTTE AUF HEILIGEM BODEN IN HEILIGER HÖHE ANGEBRACHT, WERDEN AM HÖHEPUNKT DES SIEBTEN TAGES DIE FEUER VON RAS UNERBITTLICHEM ZERSTÖRER UNS ALLE VERSCHLINGEN.

4500 Jahre alte Hieroglyphen-Inschrift, gefunden auf dem Gipfel der großen Pyramide von Giseh an der Stelle, an der sich einst der Schlussstein befand.

ICH HABE GRENZENLOSE MACHT BESESSEN UND GESEHEN UND WEISS DARÜBER NUR EINES.

SIE BRINGT MENSCHEN UM DEN VERSTAND.

Alexander der Große

ERSTE MISSION

DER KOLOSS

SUDAN

14. MÄRZ 2006

SECHS TAGE VOR TARTARUS

DIE GRÖSSTE STATUE DER GESCHICHTE

Wie ein Gott ragte sie über der Mündung des Hafens von Mandraki auf, dem wichtigsten Küstenort des Inselstaats Rhodos. Ähnlich wie heute die Freiheitsstatue in New York.

Sie wurde 282 vor Christus nach zwölf Jahren Bauzeit fertiggestellt und war die höchste je errichtete Bronzestatue. Mit einer stolzen Höhe von 33 Metern überragte sie sogar die größten Schiffe, die an ihr vorbeifuhren.

Gefertigt wurde sie in Gestalt des griechischen Sonnengottes Helios – muskulös und stark, mit einer Krone aus Olivenblättern, einer Kette aus mächtigen goldenen Anhängern um den Hals und einer brennenden Fackel in der rechten Hand.

Experten diskutieren bis heute darüber, ob die prachtvolle Statue mit gespreizten Beinen über der Einfahrt zum Hafen stand oder am Ende des langen Wellenbrechers, der eines der Ufer bildete. So oder so muss der Koloss zu seiner Zeit ein beeindruckender Anblick gewesen sein.

Kurioserweise wurde die Statue zwar von den Rhodiern zur Feier ihres Siegs über die Antigoniden errichtet – die Rhodos ein volles Jahr belagert hatten –, der Bau wurde aber von Ägypten finanziert. Tatsächlich von zwei ägyptischen Pharaonen: Ptolemaios I. und dessen Sohn Ptolemaios II.

Während der Mensch zwölf Jahre brauchte, um den Koloss von Rhodos zu erschaffen, brauchte die Natur 56 Jahre, um ihn zu zerstören.

Als die mächtige Statue 226 vor Christus bei einem Erdbeben schwer beschädigt wurde, bot wiederum Ägypten an, sie zu reparieren. Diesmal der neue Pharao Ptolemaios III. Der Koloss schien den Ägyptern mehr zu bedeuten als den Rhodiern selbst.

Aus Angst vor den Göttern, die den Koloss zu Fall gebracht hatten, lehnten die Menschen von Rhodos das Angebot von Ptolemaios III. ab, ihn wiederaufzubauen. Die Reste der Statue blieben fast 900 Jahre als Ruinen unangetastet – bis sie von den 654 nach Christus einfallenden Arabern abgetragen und in Einzelteilen verkauft wurden.

Eine mysteriöse Randnotiz besteht bis heute.

Eine Woche nachdem die Rhodier das Angebot von Ptolemaios III. abgelehnt hatten, den Koloss wieder aufzustellen, verschwand der fast fünf Meter große Kopf der riesigen gefallenen Statue.

Die Rhodier haben immer vermutet, dass er auf einem ägyptischen Frachtschiff weggebracht wurde, das Rhodos in jener Woche verlassen hatte.

Jedenfalls wurde der Kopf des Kolosses von Rhodos nie wieder gesehen.

SUMPF VON ANGEREB

FUSS DES ÄTHIOPISCHEN HOCHLANDS

PROVINZ KASSALA, OSTSUDAN

14. MÄRZ 2006, 16:55 UHR

SECHS TAGE VOR TARTARUS

Die neun Gestalten bewegten sich schnell und tief geduckt zu Fuß durch den von Krokodilen verseuchten Sumpf.

Die Chancen standen haushoch gegen sie.

Ihre Gegner zählten über 200 Mann.

Sie waren nur zu neunt.

Außerdem verfügten die Gegner über massive logistische und technische Unterstützung: Hubschrauber, Flutlichter für nächtliche Arbeiten und Boote jeder Art – Kanonenboote, Hausboote, Kommunikationsboote, drei riesige Baggerschiffe für Grabungen –, ganz zu schweigen von dem provisorischen Damm, den sie errichtet hatten.

Die neun hatten nur dabei, was sie in der Mine brauchen würden.

Und wie die neun gerade erst festgestellt hatten, befand sich noch eine dritte Streitmacht knapp hinter ihnen auf dem Weg zum Berg. Eine wesentlich größere und skrupellosere als die ihrer unmittelbaren Gegner, die schon schlimm genug war.

Mit Feinden vor ihnen und Feinden hinter ihnen schien es ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein. Trotzdem rannten die neun weiter.

Weil sie mussten.

Sie stellten einen Verzweiflungsversuch dar, das letzte Aufgebot. Die letzte Hoffnung der kleinen Gruppe von Nationen, die sie repräsentierten.

Ihre unmittelbaren Rivalen – eine Koalition europäischer Nationen – hatten vor zwei Tagen den nördlichen Eingang zur Mine gefunden und waren mittlerweile weit ins Tunnelsystem vorgedrungen.

Ein vor einer Stunde abgefangener Funkspruch verriet, dass diese paneuropäische Truppe – französische Soldaten, deutsche Ingenieure und ein italienischer Projektleiter – soeben die letzte Zugangsfalle auf ihrer Seite erreicht hatte. Sobald die Europäer diese überwunden hätten, würden sie in der großen Höhle sein.

Sie kamen rasch voran.

Demnach mussten sie über die Hürden in der Mine bestens Bescheid wissen.

Tödliche Hürden.

Fallen.

Dennoch war der Vormarsch der Europäer nicht verlustfrei geblieben: Am ersten Tag waren drei Mitglieder ihrer Vorhut grausam in einer Falle umgekommen. Doch der Anführer der europäischen Expedition – ein Jesuitenpriester namens Francisco del Piero aus dem Vatikan – ließ sich von ihrem Tod nicht aufhalten.

Zielstrebig, unaufhaltsam und ohne jedes Mitgefühl trieb del Piero seine Leute weiter vorwärts. In Anbetracht des Ziels stellten die Toten einen akzeptablen Verlust dar.

Die neun eilten weiter durch den Sumpf an der Südseite des Bergs, die Köpfe im Regen eingezogen, während ihre Füße durch den Schlamm stapften.

Sie rannten wie Soldaten – tief geduckt und schnell, zielstrebig und mit sicheren Schritten. In einer geordneten Reihe duckten sie sich unter Ästen hindurch und sprangen über tiefe Pfützen hinweg.

In den Händen hielten sie Gewehre: MP-7, M-16, Steyr-AUG. In Oberschenkelholstern steckten Pistolen verschiedener Art.

Auf dem Rücken trugen sie Rucksäcke unterschiedlicher Größen, alle voll bis oben hin mit Seilen, Kletterausrüstung und merkwürdig aussehenden Stahlstreben.

Und über ihnen schwebte eine kleine Gestalt anmutig über die Baumkronen. Ein Vogel.

Sieben der neun waren tatsächlich Soldaten.

Elitekrieger. Spezialisten für Sondereinsätze. Alle aus verschiedenen Ländern.

Die restlichen zwei Mitglieder waren Zivilisten. Beim Älteren handelte es sich um einen 65-jährigen Professor mit langem Bart. Maximilian T. Epper. Rufzeichen: Wizard.

Die sieben militärischen Mitglieder des Teams hatten etwas martialischere Spitznamen: Huntsman, Witch Doctor, Archer, Bloody Mary, Saladin, Matador und Gunman.

Allerdings hatten sie für diese Mission alle neue Rufnamen erhalten: Woodsman, Fuzzy, Stretch, Princess Zoe, Pooh Bear, Noddy und Big Ears.

Die Namensänderungen gingen auf das neunte Mitglied des Teams zurück, ein zehnjähriges Mädchen.

Der Berg, dem sie sich näherten, bildete den letzten Gipfel in einer Kette, die nahe der sudanesisch-äthiopischen Grenze endete.

Durch das Gebirge floss der Angereb aus Äthiopien in den Sudan. Im Sumpf staute sich das Wasser vorübergehend, bevor es weiter in den Sudan strömte und sich letztlich mit dem Nil vereinigte.

Hauptbewohner des Sumpfs war Crocodylus niloticus, das berüchtigte Nilkrokodil. Es erreichte eine Länge von bis zu sechs Metern und war nicht nur wegen seiner Größe bekannt, sondern auch wegen seiner Verschlagenheit und Angriffslust. Kein anderes Krokodil der Welt verspeiste mehr Menschen – bis zu 300 jedes Jahr.

Während sich die neun dem Berg aus Süden näherten, hatten ihre Widersacher aus der EU auf der Nordseite eine Operationsbasis errichtet, die an eine schwimmende Stadt erinnerte.

Boote mit Kommandoständen, Messen, Unterkünften und Arsenalen. Ein Netzwerk schwimmender Brücken verband die kleine Flotte miteinander. Alle Boote waren zum Brennpunkt ihrer Operation ausgerichtet, zu dem riesigen Kofferdamm, den sie an der Nordflanke des Bergs errichtet hatten.

Man musste zugeben, dass es sich um eine technische Meisterleistung handelte: ein 100 Meter langer, zwölf Meter hoher, gekrümmter Staudamm, der das Wasser des Sumpfs zurückhielt, um ein rechteckiges Tor aus Stein im Fuß des Bergs freizulegen – zwölf Meter unter der Wasserlinie.

Das Portal aus Stein war außerordentlich kunstvoll gestaltet.

Ägyptische Hieroglyphen bedeckten jeden Quadratzentimeter des Rahmens – aber den Ehrenplatz in der Mitte des Sturzes nahm eine Glyphe ein, die man häufig in Pharaonengräbern in Ägypten fand:

Zwei Gestalten, gefesselt an einen Stab mit dem Schakalskopf von Anubis, dem ägyptischen Gott der Unterwelt.

Das hielt das Jenseits für Grabräuber bereit – ewige Knechtschaft unter Anubis. Keine angenehme Art, die Ewigkeit zu verbringen.

Die Botschaft war unmissverständlich: kein Zutritt.

Im Inneren beherbergte der Berg eine uralte Mine, entstanden während der Herrschaft von Ptolemaios I. um das Jahr 300 vor Christus.

Während der Blütezeit Ägyptens wurde der Sudan als »Nubien« bezeichnet, ein Wort, das vom ägyptischen Wort für Gold abgeleitet wurde, nub.

Nubien: das Land des Goldes.

Und das war es wirklich. Aus Nubien hatten die alten Ägypter das Gold für ihre zahlreichen Tempel und Schätze bezogen.

In Alexandria ausgegrabene Aufzeichnungen enthüllten, dass der Mine 70 Jahre nach ihrer Gründung das Gold ausging. Danach erfuhr sie ein zweites Leben als Steinbruch, in dem das seltene Hartgestein Diorit abgebaut wurde. Und als – um das Jahr 226 vor Christus – auch Diorit erschöpft war, beschloss Pharao Ptolemaios III., die Mine für einen besonderen Zweck zu nutzen. Dafür entsandte er seinen besten Architekten – Imhotep V. – und eine Heerschar von 2000 Mann.

Drei Jahre lang arbeiteten sie unter strenger Geheimhaltung an dem Projekt.

Der nördliche Eingang zur Mine hatte als Hauptzugang gedient.

Ursprünglich hatte er sich auf Höhe der Wasserlinie des Sumpfs befunden, und hinter dem Portal hatte sich ein breiter Kanal horizontal in den Berg erstreckt. Über den Kanal wurden früher Unmengen an Gold und Diorit aus der Mine abtransportiert.

Dann jedoch war jener Zugang von Imhotep V. umgestaltet worden.

Mit einem provisorischen Damm ähnlich dem der europäischen Truppen hielten seine Männer das Sumpfwasser zurück, während seine Ingenieure den Eingang um zwölf Meter nach unten versetzten. Der ursprüngliche Zugang wurde zugemauert und mit Erde überdeckt.

Danach ließ Imhotep den Damm entfernen und das Sumpfwasser über das neue Tor zurückfließen. Über 2000 Jahre lang blieb es verborgen.

Bis jetzt.

Aber es gab einen zweiten, weniger bekannten Zugang zur Mine auf der Südseite des Bergs.

Einen Hintereingang, der Endpunkt einer Gleitbahn, die man während des ursprünglichen Betriebs der Mine zur Entsorgung von Gesteinsabfällen benutzt hatte. Auch dieser Eingang war später umgestaltet worden.

Und ihn suchten die neun.

Angeführt wurden sie vom großen, weißbärtigen Wizard, der in der einen Hand eine uralte Papyrusrolle hielt, in der anderen ein topmodernes Ultraschallbildgerät. An einem schlammigen Hügel, etwa 80 Meter vom Fuß des Bergs entfernt, hielten die neun abrupt inne. Der Schatten von vier krummen Lotosbäumen fiel darauf.

»Da!«, rief der alte Mann, als er etwas auf dem Hügel entdeckte. »Oje. Die Jungen aus dem Dorf haben den Eingang gefunden.«

In der Mitte der schlammigen Erhebung prangte ein winziges quadratisches Loch, kaum breit genug für einen Mann. Stinkender brauner Matsch säumte die Ränder.

Wer nicht danach Ausschau hielt, hätte es wohl übersehen. Allerdings hatte Professor Max T. Epper genau nach diesem Loch gesucht.

Rasch las er von der Papyrusrolle ab:

»Finde im nubischen Sumpf südlich von Soters Mine

unter Sobeks Schergen

die vier Symbole des Unteren Königreichs.

Dort liegt das Portal zum schwierigeren Weg.«

Epper schaute zu seinen Gefährten auf. »Vier Lotosbäume – der Lotos war das Symbol des Unteren Königreichs. Und da Sobek der ägyptische Krokodilgott war, sind seine Schergen Krokodile. In einem Sumpf südlich von Soters Mine … Soter ist ein Beiname von Ptolemaios I. Wir sind richtig.«

Ein kleiner Weidenkorb lag umgekippt neben dem schlammigen Loch – ein Korb, wie ihn Sudanesen auf dem Land benutzten.

»Diese dummen, dummen Jungs.« Wizard trat den Korb weg.

Unterwegs waren die neun durch ein kleines Dorf gekommen. Die Bewohner hatten ihnen erzählt, vier ihrer jungen Männer seien vor wenigen Tagen zur Erkundung der Sümpfe aufgebrochen, angestachelt vom Interesse der Europäer an dem Berg. Einer war ins Dorf zurückgekehrt und hatte berichtet, die anderen seien in einem Loch im Boden verschwunden und nicht wieder herausgekommen.

Der Anführer der neun trat vor und spähte in das Loch hinab.

Der Rest des Teams wartete darauf, dass er das Wort ergriff.

Viel wusste man nicht über den Anführer der Gruppe. Um seine Vergangenheit rankten sich Geheimnisse. Was man wusste, war:

Er hieß West – Jack West jr.

Rufname: Huntsman.

Im Alter von 37 Jahren konnte er sich der Seltenheit sowohl einer militärischen als auch einer universitären Ausbildung rühmen. Er war Mitglied der elitärsten Spezialeinheit der Welt gewesen und hatte zu einem anderen Zeitpunkt am Trinity College in Dublin unter Max Epper Frühgeschichte studiert.

Als das Pentagon in den 1990ern eine Rangliste der besten Soldaten der Welt erstellt hatte, war nur ein Einziger in den Top Ten kein Amerikaner gewesen: Jack West. Er hatte den vierten Platz belegt.

Aber um 1995 herum verschwand West vom internationalen Radar. Von einem Tag auf den anderen. Man sah ihn nicht mehr bei internationalen Übungen oder Einsätzen – nicht mal 2003 beim Einmarsch der Alliierten in den Irak, obwohl er dort 1991 bei Operation Desert Storm bereits Erfahrung gesammelt hatte. Man nahm an, er hatte den Militärdienst verlassen und sich mit seinem Ersparten zur Ruhe gesetzt. Über zehn Jahre lang hatte man nichts mehr von ihm gesehen oder gehört …

… bis jetzt.

Nun war er wiederaufgetaucht.

Von Kopf bis Fuß durchtrainiert, mit dunklem Haar und laserscharfen blauen Augen, die ständig zusammengekniffen wirkten. Angeblich besaß er ein gewinnendes Lächeln, das man jedoch nur selten zu sehen bekam.

An diesem Tag trug er wie der Rest des Teams entschieden nicht militärische Aufmachung: robuste karamellfarbene Segeltuchjacke, abgewetzte Cargohose und Salomon-Wanderschuhe mit Stahlsohlen und den Narben vieler früherer Abenteuer.

Die Hände steckten in Handschuhen, aber wenn man genau auf den linken Ärmel der Jacke achtete, konnte man unter Umständen ein flüchtiges Aufblitzen von silbrigem Stahl erhaschen.

Unter dem Ärmel versteckt befand sich nämlich ein vollständig künstlicher, mechanischer Unterarm. Wie es dazu gekommen war, hatten nicht viele Menschen erfahren. Zu den wenigen, die darüber Bescheid wussten, gehörte Max Epper.

Dank einer Expertenausbildung in Kriegskunst, einer klassischen Ausbildung in Geschichte und eines ausgeprägten Beschützerinstinkts für das kleine Mädchen in seiner Obhut stand etwas über Jack West jr. fest: Wenn jemand diese schier unmögliche Mission erfolgreich durchführen konnte, dann er.

Mit einem kreischenden Ruf stürzte ein kleiner brauner Wanderfalke von der Baumgrenze herbei und landete sanft auf Wests Schulter – der Vogel, der zuvor hoch am Himmel geflogen war. Gebieterisch und wachsam beäugte er den Bereich um West herum. Sein Name: Horus.

West nahm keine Notiz von dem Vogel. Gedankenverloren starrte er in das dunkle, quadratische Loch hinab.

Als er etwas Schlamm wegwischte, kam eine in den Rand gemeißelte Hieroglyphe zum Vorschein:

»So treffen wir uns wieder«, meinte er leise zu dem Zeichen.

Er drehte sich um. »Leuchtstab.«

Man reichte ihm einen Leuchtstab, den er knickte und in das Loch warf.

Der schimmernde Stab fiel sechs Meter tief und erhellte unterwegs einen röhrenförmigen Schacht aus Stein, bevor er – platsch! – im Wasser landete. Sein Schein offenbarte …

Jede Menge Krokodile. Nilkrokodile.

Schnappend, knurrend und grunzend krochen sie übereinander.

»Noch mehr von Sobeks Schergen«, murmelte West. »Toll. Einfach nur toll.«

In dem Moment hob der Funker des Teams, ein großer Jamaikaner mit gebleichten Dreadlocks, stark pockennarbigem Gesicht und Armen wie dicken Ästen, erschrocken die Hand zum Ohrstöpsel. Sein richtiger Name lautete V. J. Weatherly, sein ursprünglicher Rufname Witch Doctor, aber im Team nannten ihn alle Fuzzy.

»Huntsman«, meldete er, »die Europäer haben gerade das dritte Tor durchbrochen. Sie sind jetzt in der großen Höhle. Im Augenblick bringen sie irgendeinen Kran rein, um die unteren Ebenen zu überspringen.«

»Scheiße …«

»Es kommt noch schlimmer. Die Amerikaner haben gerade die Grenze überquert. Sie nähern sich schnell hinter uns. Ein großes Aufgebot: 400 Mann, Hubschrauber, Panzer, Luftunterstützung vom Flugzeugträger unterwegs. Und die Bodentruppe wird von der CIEF angeführt.«

Das erregte Wests Aufmerksamkeit.

Die CIEF – Commander-in-Chief’s In Extremis Force, »sief« ausgesprochen – war Amerikas beste Spezialeinheit, die dem Präsidenten persönlich unterstand und praktisch die Lizenz zum Töten besaß. Wie West aus unerfreulicher Erfahrung wusste, wollte man lieber nicht in der Nähe sein, wenn die CIEF eintraf.

Er richtete sich auf. »Wer hat das Kommando?«

In düsterem Ton antwortete Fuzzy: »Judah.«

»Hätte nicht gedacht, dass er selbst kommen würde. Verdammt. Wir sollten uns wohl wirklich besser beeilen.«

West wandte sich an sein Team.

»Na schön. Noddy – du übernimmst Wachdienst. Alle anderen …«

Er zog einen seltsam aussehenden Helm von seinem Gürtel und setzte ihn auf.

»… Zeit, die Sache zu rocken.«

Und so drangen sie in die unterirdische Dunkelheit vor.

Schnell.

Ein Dreibein aus Stahl wurde über dem rohrförmigen Schacht aufgestellt. An einem daran befestigten Seil ließen sich acht der neun, angeführt von West, nacheinander in die Tiefe hinab.

Nur ein Mann, ein dunkelhaariger Spanier – vormals Matador, mittlerweile Noddy –, blieb zur Bewachung des Eingangs oben.

Der Einstiegsschacht

West sauste das Seil hinunter und passierte dabei drei steil geneigte Querstollen, die den Hauptschacht kreuzten.

Seinen Falken trug er in einem Beutel um die Brust, auf dem Kopf einen abgenutzten Feuerwehrhelm mit der Aufschrift »FDNY Precinct 17«. Der verbeulte Helm war mit einem umlaufenden Visier als Augenschutz und links mit einer leuchtstarken, stiftgroßen Taschenlampe ausgestattet. Der Rest des Teams trug ähnliche Helme, unterschiedlich mit Lampen, Visieren und Kameras modifiziert.

Auf dem Weg das Seil hinunter beäugte West die Querstollen. Er wusste, welche Gefahren darin lauerten. »An alle, bleibt wachsam. Berührt nicht, ich wiederhole, nicht die Wände in diesem Schacht.«

Er tat es nicht, sie taten es nicht.

Wohlbehalten erreichte er das Ende des Seils.

Die Vorhalle

West tauchte am Seil durch die Decke an einem Ende eines langen Raums mit Wänden aus Stein auf.

Er ließ sich nicht bis zum Boden hinab, sondern verharrte etwa zweieinhalb Meter darüber.

Im unheimlichen gelblichen Licht des ursprünglichen Leuchtstabs betrachtete er den rechteckigen, etwa 30 Meter langen Raum. Den Boden bedeckte eine seichte Schicht Sumpfwasser, in dem es nur so von Nilkrokodilen wimmelte – kein Quadratzentimeter war frei von den Reptilien.

Und direkt unter West ragten aus dem Wasser die durchnässten, halb aufgefressenen Leichen zweier Sudanesen, die er auf Mitte 20 schätzte. Die Körper rollten leblos herum, als drei große Krokodile mächtige, knirschende Happen aus ihnen rissen.

»Big Ears«, sagte West in sein Kehlkopfmikrofon, »hier unten ist ein nicht jugendfreier Anblick. Sag Lily, sie soll nicht nach unten schauen, wenn ihr zwei das Ende des Seils erreicht.«

»Geht klar, Boss«, ertönte die Antwort mit irischem Akzent über seinen Ohrstöpsel.

West warf eine gelblich schimmernde Leuchtfackel weit nach vorn in die Vorhalle.

Es war, als würde die Kammer lebendig.

Tief eingeritzte Hieroglyphen bedeckten die Wände, Tausende.

Und am anderen Ende der Kammer sichtete West sein Ziel: einen gedrungenen, trapezförmigen Durchgang mehrere Meter über dem wässrigen Boden.

Der schaurige gelbe Schein der Leuchtfackel enthüllte außerdem ein anderes wichtiges Merkmal der Vorhalle – die Decke.

In sie eingelassen führte eine lange Reihe von Haltegriffen zu dem Durchgang auf der anderen Seite. Allerdings ragte jeder Griff in ein dunkles quadratisches Loch, das sich in die Decke erstreckte.

»Wizard«, sagte West, »ich hab hier Haltegriffe.«

»Laut der Inschrift in Imhoteps Gruft müssen wir den dritten und den achten meiden«, antwortete Wizards Stimme. »Darüber sind Fallkäfige. Der Rest ist ungefährlich.«

»Verstanden.«

Rasch durchquerten die acht die Vorhalle, indem sie sich die Griffe entlanghangelten und die beiden verdächtigen ausließen. Ihre Füße baumelten dabei nur knapp über den Krokodilen.

Das kleine Mädchen – Lily – befand sich in der Mitte der Gruppe, klammerte sich an den größten Soldaten und hielt die Arme fest um seinen Hals geschlungen, während er sich von Griff zu Griff schwang.

Der niedrige Tunnel

Ein langer, niedriger Tunnel führte aus der Vorhalle in den Berg hinein.

West und sein Team rannten ihn nach vorn gebeugt entlang. Horus war freigelassen worden und flog vor West durch den Gang voraus. Nur Lily konnte aufrecht laufen.

Wasser tropfte von der niedrigen Decke aus Stein, traf jedoch auf ihre Feuerwehrhelme und kullerte ihnen über die gekrümmten Rücken, nicht in die Augen.

Der Tunnel war perfekt quadratisch – 1,3 Meter breit, 1,3 Meter hoch. Interessanterweise handelte es sich um dieselben Abmessungen wie bei den Gängen im Inneren der großen Pyramide von Giseh.

Wie zuvor im Einstiegsschacht gab es auch in diesem horizontalen Tunnel drei Schächte, die ihn über die gesamte Breite verteilt in Form von Löchern in der Decke und im Boden vertikal kreuzten.

An einer Stelle unterlief Lilys Beschützer, dem großen Soldaten namens Big Ears, ein Fehler und er trat kurz vor dem Sprung durch einen der Querschächte auf einen Auslöser.

Aber er erkannte seinen Fehler sofort und bremste abrupt am Rand des Schachts ab.

Prompt schoss ein kraftvoller Schwall Sumpfwasser aus dem oberen Loch, bildete vor ihm eine flüssige Wand und verschwand im entsprechenden Loch im Boden.

Wäre er gesprungen, hätte der Wasserschwall ihn und Lily in die unbekannten Tiefen des unteren Lochs gespült.

»Vorsichtig, Brüderchen«, warnte das Teammitglied vor ihm, nachdem das Wasser verschwunden war. Es handelte sich um die einzige Frau der Gruppe, Mitglied der irischen Elitetruppe Sciathán Fiannóglaigh an Airm, kurz SFA. Alter Rufname: Bloody Mary. Neuer: Princess Zoe. Auch ihr Bruder Big Ears gehörte der SFA an.

Sie streckte sich und ergriff seine Hand. Mit ihrer Hilfe sprang er durch den Querschacht, bevor sie mit Lily zwischen ihnen den anderen folgten.

Die Wasserkammer (das erste Tor)

Der niedrige Tunnel mündete in eine Kammer der Größe einer kleinen Kapelle. Es wirkte unvereinbar, dass der Boden der Kammer aus einem üppigen grünen Grasteppich zu bestehen schien.

Nur handelte es sich nicht um Gras, sondern um Algen. Und unter den Algen befand sich Wasser – ein rechteckiges Becken mit vollkommen flachem, ruhigem Wasser.

Keine Krokodile. Nicht ein einziges.

Am anderen Ende der Kammer, jenseits des langen, ruhigen Beckens, befanden sich knapp über der Wasserlinie drei niedrige, rechteckige Öffnungen in der hinteren Wand, jeweils ungefähr so groß wie ein Sarg.

Etwas trieb im Becken in der Nähe der Eingänge. West erkannte auf Anhieb, worum es sich handelte: um einen menschlichen Körper. Tot.

Der dritte und letzte Sudanese.

Atemlos kam Wizard neben West zum Stehen. »Ah, das erste Tor. O mein Gott, wie clever! Eine Kammer mit falschem Boden, genau wie unter dem Vulkan in Uganda. Ah, Imhotep V. Er hat sich immer an die klassischen Fallen gehalten …«

»Max …«, sagte West.

»Oh, und sie ist mit einer salomonischen Entscheidung zwischen drei Löchern mit Spießen verbunden – drei Löcher, aber nur eines ist ungefährlich. Was für ein Portal. Ich wette, die Decke ist auf Rollen gelagert und …«

»Max. Meinetwegen kannst du später ein Buch darüber schreiben. Was ist mit dem Wasser?«

»Ja, tut mir leid, äh …« Wizard zog einen Messstab aus einem Wassertestkit an seinem Gürtel und tauchte ihn in das von Algen überzogene Becken. Die Spitze verfärbte sich rasch knallrot.

Wizard runzelte die Stirn. »Extrem hohe Werte des Parasiten Schistosoma mansoni. Sei vorsichtig, mein Freund. Das Wasser ist hochgradig verseucht. Es wimmelt darin nur so von Schistosomen.«

»Was ist das?«, fragte Big Ears hinter ihnen.

»Ein mikroskopisch kleiner Egel, der durch die Haut oder jede ungeschützte Öffnung in den Körper eindringt und im Blutkreislauf seine Eier ablegt«, antwortete West.

Wizard fügte hinzu: »Der Befall führt zu einer Entzündung des Rückenmarks, zu Lähmungserscheinungen im unteren Körperbereich und letztlich zu einem Hirnaneurysma und zum Tod. Grabräuber der Antike wurden oft wahnsinnig, nachdem sie in Orte wie diesen eingedrungen waren. Man gab zornigen Göttern und mystischen Flüchen die Schuld daran. Aber höchstwahrscheinlich lag es in Wirklichkeit an S. mansoni. Nur würde einen das Wasser mit solchen Werten innerhalb von Minuten umbringen. Was immer du tust, Jack, fall nicht rein.«

»Okay«, sagte West. »Dann weiter zur Anordnung der Trittsteine.«

»Richtig, richtig …« Hastig zog der ältere Professor ein Notizbuch aus der Jackentasche und begann, darin zu blättern.

Eine »Kammer mit falschem Boden« gehörte zu den in der antiken ägyptischen Welt weitverbreiteten Fallen – vor allem dank ihres äußerst simplen Aufbaus und der unübertrefflichen Effektivität. Dabei verbarg sich ein sicherer Weg aus Trittsteinen unter einer Flüssigkeitsschicht – die aus allem Möglichen bestehen konnte: Treibsand, kochender Schlamm, Teer oder, was am häufigsten vorkam, bakterienverseuchtes Wasser.

Überwinden konnte man eine Kammer mit falschem Boden, indem man die Positionen der sicheren Trittsteine darin kannte.

Wizard fand die gesuchte Seite. »Okay. Hier ist es. Soters Mine. Nubien. Erstes Tor. Wasserkammer. Aha. Ein Raster von fünf mal fünf. Die Reihenfolge der Trittsteine ist 1-3-4-1-3.«

»1-3-4-1-3«, wiederholte West. »Und welches Loch? Ich werde mich schnell entscheiden müssen.«

»Schlüssel des Lebens«, sagte Wizard, der in seinem Notizbuch las.

»Danke. Horus, Brust.« Auf den Befehl hin sauste der Falke sofort zu Wests Brust und kroch in den Beutel, der dort hing.

Dann wandte sich West an die hinter ihm versammelte Gruppe: »Okay, alle herhören. Ihr folgt alle dicht hinter mir. Wenn unser Freund Imhotep V. seiner üblichen Vorgehensweise treu geblieben ist, wird es hektisch, sobald ich auf dem ersten Trittstein bin. Bleibt nah beisammen, wir werden nicht viel Zeit haben.«

West drehte sich um und betrachtete das friedlich wirkende Becken mit dem von Algen bedeckten Wasser. Kurz biss er sich auf die Unterlippe. Dann holte er tief Luft.

Und sprang hinaus in die Kammer, er zielte dabei stark nach links.

Es war ein weiter Sprung – mit einem gewöhnlichen Schritt hätte er die Entfernung nie überwunden.

Wizard beobachtete das Geschehen mit angehaltenem Atem. Aber West platschte nicht in die tödliche Brühe, sondern landete auf der grünen Oberfläche – es sah aus, als liefe er auf dem Wasser.

Die dicken Sohlen seiner Stiefel versanken gerade mal zwei Zentimeter darin. Er stand auf einem Trittstein, der sich unter der algenbedeckten Oberfläche verbarg.

Wizard stieß den angehaltenen Atem aus.

West auch, wenngleich weniger offensichtlich.

Allerdings währte ihre Erleichterung nur kurz, denn prompt erwachte der Mechanismus der Falle in der Wasserkammer laut und spektakulär zum Leben.

Die Decke begann, sich zu senken!

Die gesamte Decke der Kammer – eine einzige, riesige Steinplatte – bewegte sich rumpelnd nach unten auf das flache grüne Becken zu!

Die Absicht ließ sich nicht übersehen: In etwa 20 Sekunden würde die Steinplatte die Wasserlinie erreichen und den Zugang zu den drei niedrigen rechteckigen Öffnungen am anderen Ende des Raums blockieren.

Somit blieb nur eine Möglichkeit: über die versteckten Trittsteine zu springen und zur richtigen Öffnung zu gelangen, bevor die sinkende Decke die Wasserlinie erreichte.

»Alle Mann los! Bewegung! Folgt mir Schritt für Schritt!«, rief West.

Und während sich die Decke laut über ihm senkte, durchquerte er mit großen, riskanten Sprüngen die Kammer. Bei jeder Landung spritzte Wasser auf. Wenn er nur einen Trittstein falsch einschätzte, würde er im Becken landen, und es wäre vorbei.

Seinen Weg bestimmte die Rasterangabe, die Wizard ihm gegeben hatte: 1-3-4-1-3 auf einem Raster von fünf mal fünf. Was wie folgt aussah:

Schließlich erreichte West die hintere Wand der Kammer, dicht gefolgt von seinem Team. Die breite Decke senkte sich unaufhörlich über ihnen allen.

West betrachtete die drei rechteckigen Löcher in der hinteren Wand. Er hatte solche Öffnungen schon einmal gesehen. Es handelte sich um Spießfallen.

Nur ein Loch würde sicher sein und zur nächsten Ebene des Labyrinths führen. In den anderen beiden würden verheerende Spieße von oben herabsausen, sobald jemand die Öffnungen betrat.

Über jedem der Spießlöcher prangte ein eingemeißeltes Symbol:

Es galt, sich für die richtige Öffnung zu entscheiden – während die Decke hinter West sich fortwährend senkte und demnächst sein Team ins Wasser pressen würde.

»Kein Druck, Jack«, murmelte er bei sich. »Okay. Schlüssel des Lebens, Schlüssel des Lebens …«

Er betrachtete das Symbol über dem linken Loch:

Nah dran, aber nein. Es handelte sich um die Hieroglyphe für Magie. Imhotep V. wollte aufgeregte, panische Entdecker verwirren, die in dieser Stresssituation nicht genau genug hinsahen.

»Wie geht’s voran, Jack?« Big Ears und das kleine Mädchen tauchten neben ihm auf, schlossen sich ihm auf dem letzten Trittstein an.

Die Decke hatte sich mittlerweile um mehr als die Hälfte gesenkt und bewegte sich nach wie vor abwärts. Es gab kein Zurück. Er musste sich für das richtige Loch entscheiden.

»West …«, drängte jemand hinter ihm.

Jack bewahrte kühlen Kopf, betrachtete das Symbol über der mittleren Öffnung …

… und erkannte es als die Hieroglyphe für Anch oder langes Leben, bei den alten Ägyptern auch bekannt als »Schlüssel des Lebens«.

»Das hier ist es!«, rief er.

Aber es gab nur einen Weg, es zu bestätigen.

Er holte seinen Falken aus dem Beutel und reichte ihn dem kleinen Mädchen. »He, Kleines. Falls ich mich irre, passt du für mich auf Horus auf, ja?«

Damit drehte er sich um, bückte sich, hechtete in die mittlere Öffnung, schloss die Augen und wartete darauf, von einem halben Dutzend rostiger Spieße durchbohrt zu werden, die von oben herabsausten …

… aber nichts geschah.

Er hatte sich für das richtige Loch entschieden. Und tatsächlich zweigte in der Dunkelheit am Ende ein enger zylindrischer Gang senkrecht nach oben ab.

»Wir sind richtig!«, rief er zurück, kroch wieder heraus und begann, sein Team hineinzuscheuchen.

Big Ears und Lily gingen als Erste, gefolgt von Wizard …

Die Decke befand sich noch etwas mehr als einen Meter über der Wasseroberfläche.

Als Nächste kletterten Fuzzy und Zoe hinein.

Kaum waren die beiden darin verschwunden, eilte West selbst als Letzter in das Loch. Unmittelbar danach rumpelte die sinkende Steindecke an ihm vorbei und prallte mit einem widerhallenden Bumm! auf das Becken in der Wasserkammer.

Die Gleitbahn und das zweite Tor

Der enge, vertikale Schacht führte aus dem Einstiegsloch etwa 15 Meter nach oben, bevor er in einen langen, steil aufwärtsführenden Tunnel mündete, der sich in das Herz des Bergs erstreckte.

West feuerte in den Tunnel eine neue Leuchtfackel ab, die den Durchgang mit gelblichem Licht erhellte.

Es handelte sich um die uralte Gleitbahn.

Mit der ungefähren Breite eines Autos bestand sie im Wesentlichen aus einer langen, geraden Treppe, flankiert von zwei flachen Steinbahnen entlang der Tunnelwände. Die seitlichen Bahnen hatten einst die Funktion primitiver Eisenbahnschienen erfüllt: Auf ihnen hatten die Bergleute der Antike riesige, mit Abgang gefüllte Behältnisse hinunter- und leer wieder hinaufgeschoben, indem sie die unzähligen Steinstufen dazwischen benutzten.

»Fuzz«, sagte West und spähte den Tunnel hinauf. »Entfernung?«

Fuzzy zielte mit einem PAQ-40 Laserentfernungsmesser in die Dunkelheit.

In der Zwischenzeit drückte West die Sprechtaste an seinem Funkgerät: »Noddy, Meldung.«

»Noch sind die Amerikaner nicht hier, Huntsman«, antwortete Noddys Stimme, »aber sie kommen schnell näher. Laut Satellitenbild sind ihre vorausfliegenden Hubschrauber noch 50 Kilometer entfernt. Beeilt euch.«

»Wir tun, was wir können«, gab West zurück.

Wizard meldete sich zu Wort. »Vergiss nicht, Noddy zu sagen, dass kein Funkkontakt möglich ist, während die Warbler eingeschaltet sind.«

»Gehört?«

»Gehört. Noddy out.«

Fuzzys Entfernungsmesser sendete einen Piepton aus. »Ich hab leeren Raum von … 150 Metern.«

West verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Warum hab ich bloß das Gefühl, dass der Raum gar nicht leer ist?«

Er behielt recht.

Die aufsteigende Gleitbahn enthielt mehrere Fallen: Schächte mit herabschießenden Wasserfällen und knöchelbrecherische Fallgruben.

Aber die acht eilten unbeirrt weiter und wichen den Fallen aus, bis sie auf halber Strecke des schrägen Tunnels zum zweiten Tor gelangten.

Dessen Aufbau war simpel: eine drei Meter tiefe Dioritgrube, die vor ihnen abfiel. Die ansteigende Gleitbahn setzte sich fünf Meter dahinter fort.

Allerdings wies der untere Bereich der Grube keine Seitenwände auf, nur zwei breite, gähnende, zweieinhalb Meter hohe Gänge, die rechtwinklig zur Gleitbahn in die Grube mündeten. Gott wusste, was aus ihnen kommen mochte …

»Dioritgrube«, sagte West. »Nichts kann Diorit schneiden außer einem noch härteren Gestein namens Diolit. Da käme man nicht mal mit einem Pickel raus.«

»Sei vorsichtig«, warnte Wizard. »In Kallimachos’ Text steht, dass dieses Tor mit dem nächsten verbunden ist. Indem wir es überqueren, lösen wir den Mechanismus der Falle beim dritten Tor aus. Wir werden schnell sein müssen.«

»Macht nichts«, erwiderte West. »Darin sind wir ziemlich gut.«

Schließlich überquerten sie die Grube, indem sie mit Druckluftbohrern Stahlschrauben in die Steindecke trieben. Jede Schraube wies einen Handgriff auf.

Aber als West auf der anderen Seite am Rand der Grube landete, stellte er fest, dass die erste Stufe auf jener Seite ein großer Auslöser war. Kaum stand er auf der breiten Stufe, sank sie ein paar Zentimeter ab …

… und bumm! Plötzlich erzitterte der Boden, und alle wirbelten herum. Etwas Großes war in den stockdunklen Tunnel vor ihnen gefallen. Dann ertönte von irgendwo dort oben ein bedrohliches Grollen.

»Scheiße! Das nächste Tor!«, rief West.

»Fluchglas …« kam von Lily.

»Später«, sagte West. »Jetzt rennen wir erst mal! Big Ears, schnapp sie dir und komm mit!«

Das dritte Tor

Über die Stufen zwischen den Steinschienen rannten sie die steile Gleitbahn hinauf.

Das bedrohliche Grollen dröhnte weiter aus der Dunkelheit über ihnen.

Sie rannten, kämpften sich den Gang hinauf und hielten nur einmal inne, um eine anderthalb Meter lange Grube mit Spießen zu überwinden, die ihnen den Weg versperrte. Merkwürdigerweise verliefen die Steinbahnen an den Wänden durchgehend seitlich an der Grube entlang. Sie ließ sich daher recht einfach bewältigen, indem sie der Grube mit einem tänzelnden Schritt zur Seite auswichen.

Im Laufen feuerte West ein Leuchtgeschoss in die Dunkelheit vor ihnen ab …

… das die nahende Bedrohung offenbarte.

»Es ist ein Gleitstein!«, rief Wizard. »Als Schutz für das dritte Tor!«

Ein riesiger, quaderförmiger Granitblock mit verheerenden Spitzen an der Vorderseite kam direkt auf sie zu. Seine Form füllte den Gang vollständig aus.

Wie man dadurch umkommen würde, war klar: Wenn der Steinblock einen nicht in die Grube mit den Pfählen stieße, würde er darüber hinweggleiten und einen weiter unten in die Dioritgrube befördern. Der Granitblock würde hinterherfallen und einen zermalmen, noch bevor aus den Seitengängen kommen würde, was immer darin lauerte.

O Mann.

Auf halber Strecke zwischen dem Gleitstein und den acht klaffte im schrägen Boden des Gangs eine Öffnung zu einem horizontalen Durchgang.

Das dritte und letzte Tor.

Die acht rasten den Gang hinauf.

Der Granitblock beschleunigte, pflügte dank der Schwerkraft und seiner gewaltigen Masse schnell auf sie zu.

Ein Wettrennen zum Tor entwickelte sich.

West, Big Ears und das kleine Mädchen erreichten den in den schrägen Boden gehauenen Durchgang und huschten hinein.

Als Nächste folgten Wizard, Fuzzy und Princess Zoe.

Der herabrutschende Granitblock erreichte die Oberkante der Durchgangsöffnung in dem Moment, als sich die letzten beiden Teammitglieder näherten.

»Stretch! Pooh! Schnell!«, drängte West.

Der Erste der beiden – ein großer, dünner Bursche namens Stretch – hechtete los und tauchte den Bruchteil einer Sekunde, bevor der Steinblock die Öffnung vollständig verdeckte, darunter hindurch.

Der letzte Mann kam zu spät.

Er war mit Abstand der Fülligste und Schwerste der Gruppe. Mit seiner olivfarbenen Haut und einem üppigen Bart erinnerte er auch optisch an einen wohlgenährten arabischen Scheich. In seinem Land kannte man ihn unter dem schneidigen Rufnamen Saladin, in dieser Gruppe jedoch hieß er …

»Pooh Bear! Nein! Neee-iiin!«, schrie das kleine Mädchen.

Der Steinblock schlitterte über die Öffnung. Trotz eines letzten, verzweifelten Sprints wurde Pooh Bear vom Rest abgeschnitten und blieb in dem Gang zurück, der Gnade des riesigen Gleitsteins ausgeliefert.

»Nein …«, stieß West hervor und drosch auf die Unterseite des Gleitsteins, der vorbeifegte und den hilflosen Pooh mit sich riss.

»Oh, der arme, arme Aziz …«, murmelte Wizard.

Einen Moment lang trat Stille ein.

Die sieben verbliebenen Mitglieder der Gruppe standen fassungslos schweigend da. Lily begann, leise zu schluchzen.

Dann blinzelte West und riss sich zusammen.

»Kommt schon, Leute. Wir haben eine Aufgabe zu erledigen, und dafür müssen wir in Bewegung bleiben. Wir haben gewusst, dass es kein Kinderspiel wird. Verdammt, wir sind erst am Anfang …«

Er drehte sich um und betrachtete den Korridor, der sie erwartete. Am hinteren Ende hatte man Sprossen in die Stirnwand geschlagen. Sie führten nach oben zu einem runden Ausstieg in der Decke.

Weißes Licht strömte durch die Schachtöffnung nach unten.

Elektrisches Licht.

Künstliches Licht.

»… und es wird gleich viel schlimmer. Wir haben nämlich gerade die Europäer eingeholt.«

Die große Höhle

Als West den Kopf durch den Schachteinstieg steckte, erwartete ihn ein schier unfassbarer Anblick.

Er befand sich am Boden einer gigantischen Höhle mitten im Berg, locker 120 Meter hoch.

Es handelte sich um einen einstigen Steinbruch grob dreieckiger Form, unten breit, nach oben hin verjüngt.

West spähte am südlichsten Ende der Höhle hervor und erblickte gegenüber am nördlichen Ende, vielleicht um die 100 Meter entfernt, die Europäer mit ihren Scheinwerfern, ihren Soldaten … und einem halb aufgebauten Kran.

Das zweifellos auffälligste Merkmal der Höhle war die anthrazitfarbene Felswand aus Diorit.

Sie erstreckte sich über die gesamte Höhe und ragte hinauf in die Dunkelheit außerhalb der Reichweite der Flutlichter der Europäer – eine gewaltige schwarze Wand.

Als es noch ein Steinbruch war, hatten die alten Ägypter die Dioritschicht systematisch so abgebaut, dass vier schmale Vorsprünge in der Felswand entstanden waren. Sie sah aus wie ein 30-stöckiges Bürogebäude, das man in vier stufenartige Etagen unterteilt hatte. Jeder Vorsprung erstreckte sich über die gesamte Breite der Wand, allerdings gefährlich schmal, kaum breit genug für zwei Mann nebeneinander.

Und als wäre das noch nicht anspruchsvoll genug, hatte Imhotep V. die ohnehin schon ungewöhnliche Anlage zu einem Meisterwerk der Sicherungstechnik ausgebaut.

Kurzum, er hatte Hunderte Fallen in der Höhle verteilt.

Die vier schmalen Vorsprünge verliefen hin und her und stiegen stetig an, bevor sie an einer in den Fels gehauenen Leiter endeten, die zur nächsten Ebene führte.

Die einzige Ausnahme bildete die Wandleiter zwischen der ersten und zweiten Ebene: Sie befand sich genau in der Mitte der Höhle, gleich weit entfernt vom nördlichen und vom südlichen Eingang, als wollte Imhotep V. damit einen Wettlauf von Rivalen fördern, die gleichzeitig eintrafen.

Da jeder schmale Vorsprung aus reinem Diorit bestand, wären Wurfanker nutzlos – sie würden an dem extrem harten schwarzen Gestein niemals Halt finden. Um ganz nach oben zu gelangen, musste man jede Ebene durchqueren und ihre Fallen bewältigen.

Und davon gab es jede Menge!

In unregelmäßigen Abständen sprenkelten kleine gewölbte Brüstungen die gewaltige Felswand, spannten sich über die Vorsprünge und verbargen Fallen.

Hunderte basketballgroße Löcher durchsiebten die Felswand und enthielten Gott weiß was für todbringende Flüssigkeiten. Und wo keine Löcher möglich waren, schlängelten sich lange Steinrutschen die Felswand herab. Sie wirkten ein bisschen wie umgedrehte Schornsteine und endeten mit offenen Auslässen, die verheerende Flüssigkeiten über unachtsame Eindringlinge ausschütten würden.

Beim Anblick der Löcher nahm West in der Luft den unverwechselbaren Geruch von Öl wahr – ein Hinweis darauf, was aus einigen der Öffnungen herausschießen könnte.

Und dann war da noch ein Merkmal.

Die Narbe.

Dabei handelte es sich um eine große, gezackte Spalte, die sich den gesamten Weg herab quer durch die Felswand und durch die Vorsprünge erstreckte. Sie erinnerte an ein ausgetrocknetes Flussbett, nur dass es senkrecht statt waagerecht verlief.

Oben in der Höhle bestand sie aus einer einzigen dicken Spalte, die sich nach unten hin verbreiterte und zu zwei kleineren Narben verästelte.

Aus einer unbekannten Quelle hoch oben im Inneren des Bergs ergoss sich ein plätschernder Wasserfall die Narbe entlang herab.

Um diese Spalte auf den vier Felsvorsprüngen zu überwinden, musste man über einen gerade mal 30 Zentimeter breiten Sims balancieren oder über die schmale Lücke hinwegspringen – in beiden Fällen vor Löchern in der Felswand oder sonstigen dunklen Nischen.

Der Wasserfall speiste einen breiten See am Fuß der Felswand – einen See, der West und sein Team von der europäischen Truppe trennte; einen See mit ungefähr 60 Nilkrokodilen darin, die alle entweder schliefen, durch das Wasser platschten oder übereinanderkrochen.

Und ganz oben in der kolossalen Anlage ein kleiner Durchgang aus Stein, der zum sagenumwobenen Schatz dieser Mine führte: zum Kopf eines Wunders der Antike.

West spähte über den Rand der Schachtöffnung zu den Europäern mit ihrem halb fertigen Kran.

Während er hinsah, schleppten Dutzende Männer weitere Teile des mächtigen Krans in die Höhle und übergaben sie an Techniker, die ihrerseits die Montage der Teile an der wachsenden Maschine überwachten.

Inmitten des Treibens sichtete West den Anführer der europäischen Expedition, den Jesuiten del Piero, die Hände hinter dem stocksteifen Rücken verschränkt. Der 68-jährige del Piero hatte schütteres, zurückgegeltes schwarzes Haar, geisterhaft graue Augen, tiefe Falten im Gesicht und den ernsten Ausdruck eines Mannes, der sein Leben lang stirnrunzelnd auf andere herabgeschaut hatte.

Wests Aufmerksamkeit jedoch fesselte die zierliche Gestalt, die neben del Piero stand.

Ein kleiner Junge.

Schwarzes Haar, noch schwärzere Augen.

Wests Augen weiteten sich. Er hatte diesen Jungen schon einmal gesehen. Vor zehn Jahren …

Der Junge an del Pieros Seite hielt die Hände in derselben gebieterischen Haltung hinter dem Rücken verschränkt wie der alte Jesuit.

Er schien ungefähr in Lilys Alter zu sein.

Nein, korrigierte sich West in Gedanken. Er ist genauso alt wie Lily.

Wests Blick schwenkte zurück zum Kran.

Es war ein cleverer Plan.

Sobald der Kran fertig wäre, würde er die Europäer über den ersten Felsvorsprung und direkt auf den zweiten heben.

Dadurch könnten sie nicht nur etwa zehn kleinere Fallen umgehen, sondern auch die gefährlichste in der gesamten Höhle: die Meisterfalle.

West wusste davon aus dem Kallimachos-Text – und er vermutete, del Piero und die Europäer könnten eine Kopie des Vatikans davon haben. Andererseits konnten sie auch aus anderen antiken Texten über Imhotep V. darauf aufmerksam geworden sein.

Während alle verschiedenen Imhoteps charakteristische Fallen erschaffen hatten, stammte von Imhotep V. die sogenannte »Meisterfalle«, die weit vor dem innersten Heiligtum des Systems ausgelöst wurde. Dadurch wurde die letzte Etappe des Wegs zu einem Spießrutenlauf gegen die Zeit. Oder wie Wizard zu sagen pflegte: »Fallen zu überlisten ist eine Sache, sie unter Zeitdruck zu überlisten eine völlig andere.«

Allerdings war die Meisterfalle nicht so plump, dass sie das gesamte System zerstörte. Stattdessen setzte sie sich wie die meisten von Imhoteps Fallen von selbst für den nächsten Einsatz zurück.

»Kamaté!«