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Über dieses Buch:

England im Jahre 1301, ein Land im Aufruhr – denn sowohl der ausschweifende Lebenswandel des Thronfolgers als auch der schwelende Konflikt mit dem Erzfeind Frankreich sorgen für immer stärkere Spannungen. Ausgerechnet in dieser heiklen Lage wird in einem abgeschiedenen Kloster die verbannte Geliebte des Kronprinzen tot aufgefunden. Aber wer hätte ein Interesse daran, Lady Eleanor zu ermorden? Hugh Corbett, Oberster Sekretär und Meisterspion der englischen Krone, beginnt zu ermitteln – und stößt dabei auf ein Netz aus Eifersucht, Verachtung und Intrigen, das sich bis in die obersten Kreise beider Länder erstreckt. Schnell erkennt Corbett, dass ihm nicht viel Zeit bleibt, um den Schuldigen zu finden – denn die Zukunft des englischen Königreichs steht auf dem Spiel …

Über den Autor:

Paul Harding ist ein Pseudonym des Schriftstellers Paul Doherty. Er wurde 1946 in Middlesbrough geboren und studierte Geschichte an der Liverpool University und in Oxford. Unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte er zahlreiche Bücher, so zum Beispiel mehrere historische Krimi-Reihen, für welche er vielfach ausgezeichnet wurde - unter anderem mit dem Pulitzer Preis. Viele seiner Fälle basieren auf ebenso wahren wie schockierenden Ereignissen.

Die Website des Autors: www.paulcdoherty.com/

Bei dotbooks erschien die mittelalterliche Spannungsreihe um den englischen Meisterspion Hugh Corbett:

»Die Tote im Kloster - Band 1«

»Der Kapuzenmörder - Band 2«

»Der Mörder von Greenwood - Band 3«

»Das Lied des Todes - Band 4«

»Der Schwur des Templers - Band 5«

»Die Teufelsjagd - Band 6«

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eBook-Neuausgabe Januar 2022

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1992 unter dem Originaltitel »The Prince of Darkness« bei P.C. Doherty. Die deutsche Erstausgabe erschien 1993 unter dem Titel »Der Prinz der Finsternis« bei Eichborn, Frankfurt am Main.

Ins Deutsche übertragen von Rainer Schmidt

Copyright © der englischen Originalausgabe 1992 by P.C. Doherty

The right of P. C. Doherty to be identified as the Author of the Work has been asserted by him in accordannce with the Copyright, Design and Patents Act 1988.

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1993 by Vito von Eichborn GmbH & Co. Verlags KG, Frankfurt am Main

Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung einer Illustration aus dem Codex Manesse

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ah)

ISBN 978-3-98690-142-4

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Paul Harding

Die Tote im Kloster

Ein Fall für Hugh Corbett, Meisterspion von Edward I - Band 1

Aus dem Englischen von Rainer Schmidt

dotbooks.

Kapitel 1

Ein dicker Flußnebel, hochgekocht in der Hitze des Tages, hatte sich von der Seine hereingewälzt und die Nacht noch grausiger gemacht, denn er hatte die Häuser und Paläste von Paris mit seinen grauen, geisterhaften Fangarmen umschlungen. Das Abendläuten war vorüber, und in den Straßen und Gassen von Paris war es still bis auf ein paar stöbernde Katzen und den Abschaum der Pariser Unterwelt, der rattengleich nach leichter Beute witterte. Eudo Tailler, vorgeblich ein Weinhändler aus Bordeaux in der Gascogne, tatsächlich aber ein Agent Edwards I. von England und seines Meisterspions Hugh Corbett, huschte lautlos und mit halb gezücktem Dolch durch eine Gasse auf das dunkle, verfallende Haus zu, das an der Ecke stand.

Es war ein herrlicher Sommertag gewesen, und das Wetter hatte all die Untergangspropheten widerlegt, die wie einst Jeremias verkündet hatten, daß im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts Feuer vom Firmament fallen, Blut emporspritzen und den Himmel besudeln werde. Eudo war im Mittsommer des Jahres 1300 nach Paris gekommen und hatte kaum etwas zu beanstanden gehabt. Seine Vorgesetzten in England sahen dies natürlich anders; sie beharrten darauf, daß Philipp IV., der König von Frankreich, geheime Komplotte schmiede, um das englische Herzogtum Gascogne zu erobern, wozu ihm jedes Mittel recht wäre.

Der Meisterspion des französischen Königs, Seigneur Amaury de Craon, war bereits in England und stocherte in den dunklen Ecken des englischen Hofes herum, immer auf der Suche nach saftigen Skandalen.

Eudo trat hastig in einen dunklen Hauseingang, als die Nachtwache, vier Soldaten mit Speeren und Laternen, an der Einmündung der Gasse vorbeimarschierten. Der Spion lehnte sich an die Tür. Oh, Skandale gab es genug in England, dachte er, und die meisten drehten sich um den Prinzen von Wales und seine frühere Geliebte, Lady Eleanor Belmont, die im Kloster Godstowe eingesperrt worden war. Aber diese schlimme Situation hatte sich noch weiter verschlimmert, weil der junge Prinz vor kurzem die wahre Liebe seines Lebens gefunden hatte – nicht etwa die Tochter eines Aristokraten, sondern einen Mann: den jungen gascognischen Lustknaben Piers Gaveston. De Craon würde sich das zunutze machen, überlegte Eudo, um die Funken des Klatsches zu einem feurigen Skandal anzufachen. Um die Gascogne in ihren Besitz zu bringen, würden die Franzosen den Ruf des Prinzen zerstören, und sollte das nicht gelingen, würden sie heuchlerisch, wie sie waren, darauf bestehen, daß der englische Thronerbe mit der französischen Königstochter Isabella verlobt werde, gemäß dem Friedensvertrag, der England einige Jahre zuvor aufgezwungen worden war.

Oh, die Franzosen waren gerissen! So oder so, König Edward von England saß in der Falle. Kein Wunder, daß Eudos Dienstherr Hugh Corbett, Obersekretär der englischen Staatskanzlei, ihm einen Strom von Anweisungen geschickt und ihn angefleht hatte, er möge die geheimen Pläne der Franzosen in Erfahrung bringen. Eudo lächelte. Er war erfolgreich gewesen, und sicher würde er den wohlverdienten Lohn einheimsen. Erst hatte er herausgefunden, daß sich ein Attentäter in England aufhielt, ein Angehöriger der verfluchten Familie de Montfort, der sich an den König heranpirschte und seinen Tod plante. Eudo hatte diese Erkenntnis ein paar Monate zuvor unmittelbar an König Edward geschickt; als er aber dann nichts weiter hörte, hatte er es in seiner jüngsten Depesche an Corbett noch einmal erwähnt.

Er hob die Hand und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er hatte getan, was gefordert war, und jetzt lag es beim König und bei Corbett, wie sie die Nachricht nutzten, die er ihnen schickte. Aber er hatte noch mehr erfahren: Die Franzosen schmiedeten ihre Ränke nicht nur um die frühere Geliebte des Prinzen von Wales, Lady Eleanor Belmont, sie hatten sogar einen Spitzel in Godstowe, wo die Frau eingekerkert war ...

Eudo hörte die Schritte der Wache verhallen. Er zog seinen Mantel zurecht, packte den Dolch und setzte seinen Weg fort.

Der aussätzige Bettler kauerte wie gewöhnlich in einem Winkel der Gasse, dem Haus gegenüber.

»Ist alles in Ordnung?« flüsterte Eudo.

Kaum konnte er die zusammengeduckten, in einen Mantel gehüllten Umrisse des Bettlers erkennen, aber er sah, daß der silbergraue Kopf leise nickte, und eine Knochenhand streckte sich ihm entgegen, um die gewohnte Bezahlung in Empfang zu nehmen. Eudo schluckte, verbarg seinen Abscheu und warf dem Mann eine Münze zu. Dann näherte er sich der Haustür. Wie vereinbart, war sie nicht abgeschlossen. Er hob den Riegel, schlüpfte lautlos hinein und sah sich um. Der gepflasterte Korridor war leer und dunkel. Eine Kerze flackerte kraftlos in einem Messinghalter hoch oben an der Wand und spendete ein wenig Licht auf der wackligen Holztreppe, die er jetzt hinaufstieg. Eudo war zufrieden. Was für ein Glück, daß er Mistress Célèste gefunden hatte, eine dralle junge Hure aus der Normandie, rotbackig und frisch vom Lande. Eudo hatte sich ihres Zaubers bedient, um einen Schreiber aus der Königlichen Staatskanzlei im Louvre-Palast zu ködern und einzufangen. Das Mädel hatte sich als intelligent erwiesen; süß ihre Unschuld beteuernd und dabei allerlei Freuden verheißend, hatte sie dem leichtgläubigen französischen Schreiber ein Geheimnis nach dem anderen abgeschmeichelt.

Oben angekommen, drückte Eudo behutsam die Kammertür auf. Es war dunkel drinnen, und er straffte sich. Irgend etwas stimmte nicht. Sicher hätte Célèste doch eine Kerze brennen lassen? Seine Augen bemühten sich, das Dunkel zu durchdringen. Er roch den schweren Duft von Célèstes Parfüm und erkannte die schlafende Gestalt der jungen Prostituierten auf einer Bettstatt unter dem kleinen, halboffenen Fenster. Eudo entspannte sich und grinste. Vielleicht war das Mädchen müde nach einer arbeitsreichen Nacht. Aber vielleicht konnte er jetzt auch ein paar der Freuden genießen, die der junge französische Schreiber erfahren hatte.

»Célèste!« wisperte er. »Célèste, ich bin es, Eudo.«

Stille folgte auf seine Worte.

»Stimmt etwas nicht?« fragte er leise.

Beunruhigt hielt er inne und spitzte die Ohren.

Er hörte, wie das Haus ächzte und stöhnte, aber es war alt, und der Bettler an der Ecke hätte ihn sicher alarmiert, wenn jemand gekommen wäre. Eudo zog seinen Dolch und trat ans Bett.

»Célèste!« zischte er und schüttelte das Mädchen energisch.

Der Körper fiel herum, und Eudos Mund öffnete sich zu einem lautlosen Schrei. Die Kehle des Mädchens war von einem Ohr zum anderen aufgeschnitten, dickes rotes Blut tränkte das Mieder ihres Kleides und gerann in dunklen Pfützen auf der Bettdecke. Eudo fühlte etwas Warmes, Klebriges an den Fingern. Er atmete tief durch und wich zurück, und dabei schlug er seinen Mantel nach hinten und legte die Hand auf den Schwertgriff. Er trat noch einen Schritt zurück und noch einen, und dann drehte er sich um und stürzte zur Tür. Eine Schattengestalt erhob sich vor ihm, aber Eudo duckte sich auf seine Knie, und im selben Augenblick sauste sein Dolch nach vorn und schlitzte dem Mann den Bauch auf. Dann sprang er wieder auf, stieß den Mann beiseite und polterte die Treppe hinunter. Eine zweite Gestalt erwartete ihn unten, vermummt und bedrohlich. Eudo hielt nicht an, sondern sprang die letzten paar Stufen auf einmal hinunter und prallte gegen den Angreifer, so daß dieser rückwärts gegen die harte Mauer flog. Dann war Eudo draußen in der dunklen, stinkenden Gasse. Er funkelte zu dem Bettler hinüber.

»Du Dreckskerl!« schrie er. »Du verlogener Dreckskerl!« Der Elende wich tiefer in seinen Winkel zurück. Eudo scharrte am Boden herum, hob einen losen Pflasterstein auf und schleuderte ihn dem Bettler krachend an den Kopf, so daß er zu einem stöhnenden Haufen zusammensackte. Eudo bog um die Ecke und rannte auf die Straßenkreuzung zu. Er schluchzte und wimmerte, während seine Brust nach Luft rang und sein Herz wie eine Trommel schlug. Er wußte, es war alles vergebens. Bis jetzt hatte er Glück gehabt, aber wo konnte er hin?

Er sah, wie plötzlich eine Reihe von Soldaten auf der anderen Seite des Platzes erschienen. Trotzig schreiend blieb er stehen. Lebendig würde er sich nicht fassen lassen. Noch immer brüllte er ihnen seine Schmähungen entgegen, als ihn der Armbrustbolzen in den Oberschenkel traf und ihn auf die Pflastersteine schleuderte. Fluchend und stöhnend packte er den Bolzen, der sich tief in sein Fleisch gebohrt hatte, und der wilde Schmerz ließ ihn aufheulen. Keine Belohnung mehr, keine Heimreise nach Bordeaux! Kein Wein! Er hörte dröhnende Stiefelschritte auf dem Kopfsteinpflaster, und ein gepanzerter Fuß stieß ihn gegen die Schulter und warf ihn flach auf den Rücken. Der Hauptmann der französischen Garde nahm den Helm ab und kniete neben ihm nieder.

»Soso, Monsieur«, sagte er leise. »Die Tage des Weins und des Gesangs sind für Euch vorüber.«

Er holte mit seiner gepanzerten Faust aus und versetzte dem englischen Spion einen Schlag auf den Mund, daß dem davon übel wurde.

»Das ist nur der Anfang Eurer Nöte, Monsieur!« zischte er dabei. »Ich habe heute abend Euretwegen zwei gute Männer verloren.« Er packte Eudo bei seinem Wams und zerrte ihn hoch. »Aber kommt – bis zu den Verliesen im Louvre sind es nur ein paar Schritte, und es gibt noch andere, die ein Wörtchen mit Euch reden wollen.«

Lady Eleanor Belmont saß auf der Bettkante. Ihr herzförmiges Gesicht war blaß und ernst; nur ihre Wangen hatten sich leicht gerötet Sie flocht die Finger ineinander, rang und drehte sie, als wolle sie der Erregung, die sie durchflutete, irgendwie Luft schaffen. Sie stand auf und trat an das rautenförmige Fenster. Ein schöner Septembertag; die Sonne wollte bald untergehen, und die Stille in dem Priorat wurde nur vom klaren Gesang der Vögel in den Bäumen vor den Mauern des Nonnenklosters unterbrochen. Eleanor blieb stehen und spähte angestrengt zum Fenster hinaus. Sie war sicher, daß sie Bewaffnete gesehen hatte – einen Reitertrupp: Der blitzende Stahl der Waffen hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie lehnte sich an die Glasscheibe; die Kühle war ihrer heißen Wange willkommen. War da jemand? Waren sie gekommen? Nein, sie hörte nichts außer dem Geplapper der Nonnen, die vor der Komplet im Gänsemarsch durch den Kreuzgang zogen. Eleanor seufzte; vermutlich war das, was sie gesehen hatte, wieder ein Trugbild ihrer fiebrigen Phantasie gewesen.

Sie sah sich in dem Gemach um. Alles war bereit. Sie richtete sich auf und schnappte nach Luft. Ihr Freund, wer immer er war, würde sicher Hilfe schicken. Bald würde dieser finstere Ort hinter ihr liegen; wiedervereint mit ihrem Geliebten, würde sie sich darum bemühen, seine Zuneigung zurückzugewinnen. Edward mochte Prinz von Wales und Erbe der englischen Krone sein, aber Lady Eleanor war zu dem Schluß gekommen, daß sie aus härterem Holz geschnitzt war. Hatte ihr Vater sie nicht bei vielen Gelegenheiten daran erinnert, daß die Belmonts von vornehmer Abkunft waren, kraftvoll und sicher?

Sie würde die Gerüchte ignorieren. Unvermittelt lachte sie, erstarrte dann aber, denn sie hatte ein Geräusch gehört, schleichende Schritte draußen im Korridor. Sie schüttelte den Kopf.

»Lord Edward will mir doch sicher nichts antun?« flüsterte sie.

Es gab böse Menschen, die behaupteten, er wolle ihren Tod, aber das konnte sie nicht von ihm glauben. Oh, freilich, andere mochten solche Wünsche hegen, Angehörige des geheimen Rates des Prinzen – denen würde Eleanor alles zutrauen, besonders dem allgegenwärtigen Piers Gaveston mit der seidenweichen Zunge, der sich ins Herz des Prinzen geschlichen hatte. Bei dem bloßen Gedanken an ihn stampfte Eleanor mit dem Fuß auf.

»Gaveston, der Dämonenanbeter!« zischte sie. »Gaveston, der Satansbraten! Gaveston, der Sodomit!«

Sie beruhigte sich. Und der Rest des Hexenzirkels? Lady Amelia Proudfoot, die Oberin, in deren Nonnenkloster sie sich jetzt befand, und die stummen Schatten der Proudfoot, die Damen Frances und Catherine? Die würden alles tun, um sie hier festzuhalten: Gift, Dolch, Garotte, ein plötzlicher Sturz ...

Eleanor lächelte und schlang sich die Arme um die Schultern. Oh, sie war so vorsichtig gewesen, so wachsam, hatte stets darauf geachtet, was sie gegessen und getrunken hatte und wo sie gegangen war, und höflich hatte sie alle Angebote, auf die Jagd zu gehen, abgelehnt. Schließlich – Lady Eleanor lächelte säuerlich – waren Jagdunfälle nichts Ungewöhnliches. Gewiß, krank war sie wohl gewesen, aber das kam von bösen Säften des Geistes, hervorgerufen von Einsamkeit und banger Unruhe. Tatsächlich wäre sie beinahe verzweifelt, aber endlich war doch Hilfe gekommen. Vor einigen Wochen hatte sie hier in der Kammer eine Botschaft gefunden, verborgen in einer kleinen Ledermappe. Der Absender hatte geschrieben, sie solle guten Mutes sein und sich keine Sorgen machen; weitere Botschaften solle sie in der hohlen Eiche am Galilee Walk hinter der Kapelle suchen. Der Wohlmeinende, wer immer es sein mochte, hatte versprochen, sie heute zu befreien, und so hatte sie ihre Gefährtinnen ersucht, sie allein zu lassen und zur Komplet zu gehen. Nur die Alten, Dame Elizabeth und Dame Martha, waren geblieben, während Lady Amelia und ihre Gefolgsfrauen bald in der Kapelle thronen und sich in ihrer Macht sonnen würden. Lady Eleanor drehte sich um, als sie hörte, wie das alte Gebäude unter ihr knarrte. Ein Spukhaus, sagten die Leute; anscheinend gingen Gespenster hier um. Es war jedenfalls kein Wohnort für eine junge Dame, die Geliebte eines der größten Männer im ganzen Land.

Eleanor setzte sich aufs Bett und nagte nervös an der Unterlippe; erregt erhob sie sich dann wieder, legte ihren Mantel um und spielte mit dem Ring an ihrem Finger; er war das letzte Geschenk des Prinzen an sie, ein großer blauer Saphir, der immer im Licht schimmerte. Sie wandte den Kopf und lauschte. Da war doch noch ein anderes Geräusch, nicht nur das Knarren der Treppe? Jemand war draußen. Sie hörte schleichende Schritte auf der Galerie. Sie näherten sich, oder? Lady Eleanor warf einen Blick zur Tür. Gut, der Schlüssel steckte im Schloß, und es war abgeschlossen. Sie befühlte ihr Haar mit der flachen Hand und schlug dann die Kapuze hoch. Wenn Dame Agatha doch hier wäre! Vielleicht war es dumm von ihr gewesen, sie wegzuschicken. Wieder dieses Geräusch. Wie gebannt stand Lady Eleanor da. Sie sah, wie die Türklinke sich senkte. Plötzlich geriet sie in Panik – doch zu spät! Sie hörte ein leises Klopfen, und sie wußte, sie würde öffnen müssen.

Lady Eleanor beschäftigte auch andere Leute an diesem Tag. Edward, der Prinz von Wales, und sein Günstling, Piers Gaveston, hatten ihretwegen wieder einmal heftig gestritten und sich dann versöhnt, und sie hatten geschworen, sich mit einer Jagd Zerstreuung zu verschaffen. Sie verließen Woodstock Palace mit Soldaten, Pferdeknechten, Jägern und Gefolge, ein munterer, farbenfroh kostümierter Zug mit glatten, wohlgenährten Pferden, prunkvoll aufgezäumt mit scharlachroten und blauen Halftern und versilberten Sätteln und Schabracken. Unter lautem Rufen, dem Schmettern von Trompeten und mit prachtvoll flatternden Brokatbannern bewegte sich die königliche Jagdgesellschaft über die staubigen Pfade von Oxfordshire, die sich um große, nirgends eingezäunte Kornfelder schlängelten, auf denen die Garben sich türmten, derweil die Bauern sich plagten, die Ernte einzubringen.

Immer noch strahlend, stand die Sonne an einem hellblauen Himmel. Das Gras zu beiden Seiten des Weges war erfüllt vom Zirpen der Grillen und dem Geraschel der Mäuse, die vor den Erntearbeitern flüchteten. Eine Lerche schwebte hoch oben am Himmel und sang aus reiner Lust, und in den fernen Bäumen trillerten Amseln und Drosseln sich das Herz aus dem Leibe.

Plötzlich trat ein dunkler Kerl wie eine Vogelscheuche, scheinbar aus dem Nichts, mitten auf den Weg; sein langes Haar war schwarz wie die Nacht und umflatterte das hagere Gesicht wie die Flügel eines Raben. Die Kleider umhüllten den ausgemergelten Leib fast wie Verbände. Prinz Edward hob eine Hand, und die Kavalkade hielt an. Edward hatte den Mann sofort erkannt: Er war ein verrückter Prophet, der seit ein paar Tagen vor den Schloßmauern herumstreunte. Der Kerl behauptete, er komme vom Amboß des Teufels, wie man jenes brennend heiße Sandland im Süden des Mittelmeers nannte. Seine schmutzige, in Lumpen gewickelte Gestalt stand jetzt bewegungslos da, aber seine Augen glühten wie brennende Kohlen.

»Ich bringe eine Warnung!« dröhnte der Prophet. »Eine Warnung vor Tod und Schande. Eine Warnung vor dem weichen, parfümierten Fleisch der Huren, die sich in Federbetten räkeln und von ihrer Lust plärren!« Die feurigen Augen blitzten, und ein sehniger Arm hob sich in zornigem Beben. »Ihr Kupplerinnen, die ihr Wein trinkt aus bauchigen Bechern, seid gewarnt! Der Tod selbst wird dieses Zeitalter läutern! Hört auf meine Worte: Er lauert in diesen düsteren Wäldern. Er besteigt sein fahles Pferd, und bald wird er hiersein! So seid gewarnt, ihr Dirnen und Huren!«

Die seidengewandeten Höflinge hinter dem Prinzen grinsten einfältig, und leise lachend wandten sie sich ab. Der verrückte Prophet näherte sich der großen blonden Gestalt des Prinzen, der unter dem blaugoldenen Banner Englands in nachlässiger Haltung auf seinem Pferd saß. Die Augen des Propheten wurden schmal.

»Bereuet!« zischte er. »Ihr jungen Männer, die es Euch nach dem Fleisch des anderen gelüstet und die Ihr Behagen in verbotener Liebe sucht!«

Der Prinz grinste, hob eine purpurn behandschuhte Hand und berührte seinen kleineren, dunkleren Gefährten.

»Er meint uns, Piers.«

Die Miene des jungen Gascogners verhärtete sich, doch es blieb ein Mädchengesicht mit glatten olivfarbenen Wangen, makellosen Zügen und sauber geschnittenem dunkelrotem Haar. Mädchenhaft und unschuldig – mit Ausnahme der Augen, überraschend hellblau wie ein Frühlingshimmel, vom Regen frisch gewaschen. Hart waren sie und leer.

»Das glaube ich nicht, Mylord«, schnarrte Gaveston. Prinz Edward schüttelte den Kopf und nahm eine Silbermünze aus seiner Börse.

»Laß uns wetten, Piers. Der Kerl wird zweifellos von mir reden.« Er strich sich über den Schnurrbart. »Laß uns offen sprechen. Ich bin der einzige hier, über den zu reden sich lohnt.«

Der Prophet mußte ihn gehört haben.

»Ihr, Edward, Prinz von Wales!« schrie er. »Sohn eines größeren Vaters, Träger seines Namens, aber nicht seiner Majestät. Ja, ich warne Euch, Euch und Euren krallenden Lustknaben Gaveston, den Sohn einer Hure!« Die Stimme senkte sich zu einem Zischen. »Sohn einer Hexe, vom Teufel kommst du, und zum Teufel wirst du gehen. Gebt nur acht, Prinz Edward, daß Ihr nicht mit ihm geht; die Heerscharen Satans heulen nach der sündenschweren Seele Gavestons!«

Prinz Edward nickte ernst. »Höchst interessant«, bemerkte er und streckte Gaveston die Hand entgegen. »Dein Silber, Piers.«

Der Gascogner reichte erbost knurrend ein Geldstück herüber.

»Euer Gnaden«, sagte er leise, »laßt mich den Dreckskerl umbringen.«

»Nein, Piers, jetzt nicht. Du wirst nur die Falken erschrecken und uns die Jagd verderben.« Er streichelte dem Gascogner das dunkle Haar. »Sei nicht zänkisch, Piers«, raunte er. »Du wirst von Tag zu Tag mehr wie Vater und Lady Eleanor.«

Edward trieb sein Pferd voran, und der Prophet huschte an den Wegesrand. Gaveston drehte sich um und winkte dem Hauptmann der Garde mit gekrümmtem Finger zu sich heran.

»Bring den Dreckskerl um«, flüsterte er. »Nein, nicht jetzt. Aber bevor er einen Tag älter wird.«

Die Sonne war nicht viel weiter über den Himmel gezogen, als der Leichnam des verrückten Propheten, die Kehle von einem Ohr zum anderen durchgeschnitten, im tiefen Wald in einen schaumgesäumten Sumpf geworfen wurde und dort spurlos versank. Eine Stunde später stieß der Söldnerhauptmann wieder zur königlichen Jagdgesellschaft, die sich zu Pferde durch das dichte, üppige Schilf eines langsam dahinfließenden Flusses bewegte. Der Soldat nickte Gaveston zu, und dieser zwinkerte zurück, grinste und nahm dem Falken, der ruhelos auf seinem Handgelenk hockte, die Haube ab. Die Glöckchen an seinen Fußriemen klingelten eine Warnung vor dem Tod, den er in diese weiche grüne Dunkelheit bringen würde.

»Jetzt habe ich Blut geleckt«, murmelte Gaveston bei sich.

»Ich kann die Jagd genießen.«

Er wartete, bis die Treiber einen großen Reiher aufgestöbert hatten, der seine Deckung verließ und sich hoch über die Bäume erhob. Gaveston hob die Faust, streichelte seinen Lieblingsfalken mit seinem Handschuhfinger und ließ ihn los. Der Falke breitete die dunklen Flügel aus wie der Engel des Todes und flog dem Reiher nach; er stieg hoch in den Himmel, verharrte kurz, segelte eine Weile im Spätsommerwind und fuhr dann mit angelegten Flügeln herab wie ein Pfeil. Mit schrillem Schrei stieß er in einer Wolke von Federn auf den Reiher. Die Höflinge riefen »Oooh!« und klatschten in die Hände, aber dann schrien sie auf, als der alte Reiher den langen Hals zurückbog und seinen dolchspitzen Schnabel tief in den Körper des Falken stieß. Sprach los schaute Gaveston zu, wie sein Falke zu Boden fiel, ein Bündel blutiger Federn, während der Reiher herabkurvte und sich im Schilf verbarg.

»Ganz außergewöhnlich«, sagte der Prinz leise. »Ich habe so etwas schon gehört, aber gesehen habe ich es zum ersten Mal.« Er stieß seinem Gefährten spielerisch in die Rippen. »Eine Warnung, Piers«, flüsterte er. »Du willst zu hoch hinaus. Die Grafschaft Cornwall und den Vorsitz in meinem Rat – aber nicht jetzt!« Er hob einen Finger an die Lippen. »Noch nicht, Piers. Was würde wohl mein Vater dazu sagen – von Lady Eleanor ganz zu schweigen?«

Gaveston funkelte ihn an, und wieder fragte er sich, ob er den Bann dieses Biestes Eleanor Belmont wirklich gebrochen hatte. Prinz Edward wandte sich ab. Würde Gaveston die Warnung beachten? Edward liebte Piers mehr als das Leben, aber er wagte nicht, ihn noch mehr zu bevorzugen. Er warf einen Seitenblick auf seinen Günstling: Gaveston hatte seine Gewohnheiten, aber Edward kannte auch seine dunkle Seite. Er hatte die kleinen gelben Wachsfiguren gesehen, die sein Geliebter verwahrte; eine trug eine Krone und stellte den König dar, die andere war mit einem kleinen scharlachroten Rock bekleidet, in der Farbe einer Hure: Gavestons Beschreibung der Lady Eleanor Belmont. Der Prinz starrte in die Dunkelheit zwischen den Bäumen. So viele Geheimnisse, soviel Anspannung! Wann würde sein Vater sterben? Und, vor allem, wann dieses Biest Eleanor?

Von einem Fenster hoch oben in Woodstock Palace beobachtete Sir Amaury de Craon, Spion, Meuchelmörder und Sondergesandter Seiner allerchristlichsten Majestät, Philipps IV. von Frankreich, wie die Jagdgesellschaft des Prinzen auf dem gewundenen Kiesweg zum Palast zurückkehrte. Flüchtig dachte de Craon an Lady Eleanor, als er die beiden Gestalten betrachtete, die so dicht nebeneinander ritten, vor allen anderen: Lord Edward und Gaveston. Sie plauderten wie David und Jonathan, die von des Tages Jagd zurückkehrten. De Craon schaute wütend hinunter. Lady Eleanor hatte er nicht gemocht, aber Gaveston hätte er mit Vergnügen umgebracht.

De Craon holte tief Luft und versuchte seine Wut zu zügeln; er starrte zum Himmel hinauf. Der Tag näherte sich dem Ende. Ein ziemlich kühler Wind ließ die Banner, die vor dem Prinzen hergetragen wurden, flattern und knattern. De Craon fröstelte, er zog den Mantel fester um die Schultern. Mit seinem scharfgeschnittenen spitzen Gesicht, dem rötlichen Haar und dem Ziegenbärtchen sah der Franzose aus wie ein neugieriger Fuchs, der seine herannahende Beute beobachtet. Großer Gott, dachte er erbost, wie war ihm Gaveston verhaßt! Der Gascogner war nichts als der Sohn eines emporgekommenen Lehnsbauern und einer Hexe aus der englischen Provinz Gascogne – jawohl, einer überführten Hexe, die bei lebendigem Leib verbrannt worden war, an ein Faß gekettet, mitten auf dem Marktplatz von Bordeaux. Was sollte er mit Gaveston anfangen? fragte de Craon sich zum x-ten Male. Vor seiner Abreise aus Paris hatte sein Herr, Philipp IV., ihn in sein samtverhangenes Geheimgemach im Louvre geholt und ihm seine Mission erläutert. Sie hatten an einem Tisch gesessen, auf dem nur eine flackernde Kerze in einem Leuchter stand.

»Denkt immer daran, de Craon«, hatte der französische König gesagt, »das Herzogtum Gascogne ist in den Händen Edwards von England. Von Rechts wegen müßte es in meiner sein!« Philipp hatte den Kerzenleuchter umklammert. »Fast wäre es auch dazu gekommen«, fuhr er fort, »aber Seine Heiligkeit der Papst intervenierte. Jetzt hat Edward die Gascogne, und ich habe einen Friedensvertrag.«

De Craon hatte Philipp aufmerksam beobachtet.

»Jedoch«, hatte sein Herr zischend hinzugefügt, »ich gedenke, die Gascogne, den Friedensvertrag und noch sehr viel mehr zu bekommen. Dem Diktat des Heiligen Vaters gemäß sollte Edward I. von England meine Schwester heiraten, und er ist ihr willkommen, aber der unfähige Prinz von Wales soll meine geliebte Tochter ehelichen, sobald sie alt genug für die Vermählung ist. Nun, wenn das geschieht, wird eines Tages mein einer Enkel auf dem englischen Thron sitzen, und ein anderer wird Herzog der Gascogne. So kann diese Provinz, und vielleicht auch England selbst, mit der Zeit von der französischen Krone übernommen werden.« Philipp hatte geschwiegen und sich die blutleeren Lippen geleckt.

»Allein«, war er fortgefahren, »all das liegt in der Zukunft, und es gibt einen direkteren Weg, dem ich folgen könnte. Ihr sollt nach England gehen, um die Verlobung meiner Tochter zu bestätigen, aber Ihr müßt darauf bestehen, daß der Prinz von Wales nicht mit Skandal behaftet ist. Er soll sich von seiner Lieblingshure, Eleanor Belmont, trennen. Andernfalls« – Philipp hatte gelächelt, wie er es nur selten tat – »und im Lichte eines solchen Skandals, werde ich an den Heiligen Vater appellieren, der Vertrag wird null und nichtig sein, und binnen einer Woche sind meine Truppen überall in der Gascogne. Es mag leicht sein, daß der Prinz damit einverstanden ist – wie ich höre, hat er die Frau satt –, und in dem Fall stände mir ein dritter Weg offen.«

Philipp hatte sich erhoben, war um den Tisch herumgekommen und hatte de Craon die allergeheimsten Instruktionen ins Ohr geflüstert. Der französische Gesandte mußte daran denken und lächelte. Vielleicht sollte er diesen Weg jetzt einschlagen. Er ballte erregt die Fäuste: Wenn er es täte, könnte er damit ein paar alte Rechnungen begleichen – nicht nur mit Edward von England, dem umnachteten Prinzen von Wales, und dessen männlicher Hure Gaveston, sondern auch mit Master Hugh Corbett, seinem alten Rivalen und Feind.

Kapitel 2

Hugh Corbett, oberster Sekretär und Meisterspion Edwards von England, hatte einen furchtbaren Traum. Er stand unter den ausladenden Ästen einer Ulme, gleich denen, die das Gelände des Damenstifts Godstowe in Oxfordshire umsäumten. Die spätsommerliche Sonne schien, aber die Luft war still, gespenstisch, ohne jeden Vogelgesang. Neben ihm, an einem Ast des nächsten Baumes, hing ein Leichnam mit gebrochenem Genick, den Kopf zur Seite gelegt; er hing da wie ein Opfer aus alten Zeiten oder wie die Figur des Todes aus dem Tarot. Corbett fühlte den Drang, sich umzudrehen, aber er merkte, daß er es nicht konnte. Sein Blick war starr auf die Fenster des Klosters Godstowe gerichtet, die leeren Augenhöhlen glichen. Kein Laut durchbrach die eisige Stille, abgesehen vom hohlen Kreischen grausam blickender Pfauen und den fernen Kadenzen geisterhaften Nonnengesangs.

In seinem Alptraum ging Corbett über einen saftig grünen Rasen, und die Schatten hinter ihm trieben ihn voran. Kein Lebenszeichen war zu erkennen, als er über den Kiesweg auf das große Tor des Nonnenklosters zuging. Es war unverriegelt und stand halb offen; er stieß es ganz auf und betrat das kalte, dunkle Gebäude. Eine Reihe blakender Kerzen, deren flackernde Flammen den stillen Flur mit tanzenden Schatten erfüllten, bildeten einen Weg, der ihn zum Fuße einer steilen Steintreppe führte. Dort lag wie schlafend die Gestalt einer jungen Frau, das Gesicht halb abgewandt, und eine bleiche Elfenbeinwange lugte unter der Kapuze hervor, die ihren Kopf verhüllte. Corbett ging auf leisen Sohlen auf sie zu, kniete nieder und drehte die Gestalt um; die Arme der jungen Frau fielen schlaff herab wie die Flügel eines gefallenen Vogels Er schob die Kapuze zurück und erwartete, das Gesicht Eleanor Belmonts zu sehen, der ehemaligen Geliebten Lord Edwards, aber dann erkannte er mit einem lautlosen Entsetzensschrei: Die toten, eiskalten Züge waren die seiner Frau Maeve. Über ihm, im tiefen Dunkel des Hauses, begrüßte ein leises, spöttisches Lachen seine Entdeckung – doch als er aufsprang, erwachte Corbett schweißgebadet in seinem Bett im Landhaus zu Leighton.

Schwer atmend setzte er sich unter dem blau-goldenen Baldachin auf, der sich zwischen den geschnitzten Pfosten seines mächtigen Himmelbetts spannte. Das Fenster klapperte unter dem hartnäckigen Ansturm eines schluchzenden Windes, und Corbett fragte sich, ob er nur geträumt oder ob ihn ein dunkles Trugbild der Nacht heimgesucht hatte. Hastig blickte er nach rechts, aber seine Frau Maeve lag versunken in sanftem Schlummer, und ihr silberblondes Haar war wie ein Heiligenschein auf dem großen Kissen ausgebreitet. Er beugte sich hinüber und küßte sie sanft auf die Stirn. Der einsame Ruf einer jagenden Eule und die Todesschreie irgendeines Tieres in der schattenhaften Finsternis der Bäume draußen erregten seine düstere Stimmung von neuem.

Corbett stand auf, zog seinen Mantel an und entzündete mit Zunder und Kienspan eine Kerze. Er ging zu dem schweren, dicken Wandbehang, der die hintere Wand seines Schlafgemachs bedeckte, und zog ihn beiseite; das Flackerlicht der Kerze ließ die gestickten Figuren darauf zu gespenstischem Leben erwachen. Corbett umfaßte den sinnreich erdachten Hebel, drückte ihn herunter, und die hölzerne Wandtäfelung schwang auf geölten Angeln sanft zurück und gab den Zugang in seine Geheimkammer frei. Dieser exakt quadratische, weißgekälkte Raum war das Zentrum seiner Arbeit, der einzige Ort, an dem Corbett allein sein konnte, um nachzudenken, zu planen und alle erdenklichen Maßnahmen gegen die Feinde des Königs zu ergreifen, in England wie auch im Ausland.

Er streckte sich, und ein Schmerz durchzuckte seine Schulter, wo der wahnsinnige Priester de Luce vor Monaten seinen Dolch hineingestoßen hatte. Corbett hatte überlebt, von Maeve gepflegt, die jetzt seit sechs Wochen seine Frau und seit über zwei Monaten schwanger war. Er lächelte; sie war ein Quell des Glücks, aber nicht hier, nicht in dieser verdunkelten Kammer. Edward I. von England hatte ihm Leighton Manor, das Herrenhaus am Rande von Essex, in Anerkennung geleisteter Dienste geschenkt, aber auch zum Lohn für seine fortgesetzten Bemühungen beim Aufbau eines Netzwerkes von Spionen in England, Schottland, Frankreich und den Niederlanden. Corbett hatte den Auftrag mit Vergnügen angenommen, aber die Erkenntnisse, die er sammelte, brachten weitere Probleme mit sich: Er hatte das Gefühl, er habe Drachenzähne gesät und stehe nun im Begriff, den Wirbelwind zu ernten.

Der Sekretär zündete die Pechfackeln in ihren eisernen Wandhaltern an und trat an seinen mit verschlungenem Schnitzwerk verzierten Eichenholzschreibtisch. Die Geheimnisse, die er hier in verborgenen Fächern und Schubladen versteckt hatte, waren der Grund für seine jetzigen bangen Sorgen. Von einem Stein unter dem Schreibtisch nahm Corbett ein paar Schlüssel, zündete die beiden Kandelaber an, die rechts und links auf dem Tisch standen, setzte sich hin und schloß das Geheimfach auf.

Er zog den Brief des Königs heraus, den er am Abend zuvor erhalten hatte, als er mit Maeve in der großen, dunklen Halle beim Abendessen gesessen hatte. Er war in einer Geheimschrift verfaßt, die Corbett bereits entziffert hatte. Er nahm eine Feder vom Schreibtablett, strich einen Bogen Pergament glatt und begann seine Antwort zu entwerfen und ein Memorandum zu verfassen, eher zur Klärung seiner eigenen Gedanken als zur Unterrichtung des Königs.

Item – König Edward ist alt und verstrickt in den Kampf gegen die schottischen Rebellen, während er zugleich versucht, seinen Besitz in Frankreich zu verteidigen. Die englische Krone ist bankrott. Der König hat nur einen einzigen Ausweg, den Friedensvertrag, den der Heilige Stuhl vorgelegt hat und der die Verlobung des Prinzen von Wales mit der kleinen Tochter des französischen Königs Philipp IV. vorsieht.

Item – der Prinz von Wales ist unfähig und genußsüchtig und womöglich der Männerliebe verfallen. Er wird vom Hexenmeister Gaveston beherrscht und haßt seinen Vater. Der König möchte Gaveston gern verbannen, aber das könnte leicht zu einem Bürgerkrieg führen, der nur den Schotten helfen und sicher auch die Franzosen hereinziehen würde.

Item – Philipp IV. von Frankreich hatte verlangt, daß Eleanor Belmont entfernt werde, und Lord Edward war diesem Ersuchen nur zu gern nachgekommen. Eleanor war buchstäblich unter Hausarrest gestellt worden, und zwar im Damenstift zu Godstowe, das der Prinz von seinem nahe gelegenen Palast in Woodstock im Auge behalten konnte.

Item – stimmten die Gerüchte, daß Lady Eleanor an einem Brustleiden erkrankt war und daß der Prinz ihr Arzneien schickte? Und wenn ja, waren es wirklich Arzneien oder war es Gift?

Item – am vergangenen Sonntag war Lady Eleanor Belmont nicht mit den Nonnen in der Komplet gewesen und hatte nachher auch nicht mit ihnen im Refektorium zu Abend gegessen. Im Gegenteil, sie hatte ihren Freundinnen unter ihnen sogar gesagt, sie sollten sie allein lassen. Das Konventsgebäude, in dem Lady Eleanor ihre Gemächer hatte, war während des Abendgottesdienstes leer gewesen; nur zwei alte Nonnen, Dame Elizabeth und Dame Martha, waren zurückgeblieben. Nach der Komplet gingen alle Nonnen wie üblich ins Refektorium. Nach dem Abendessen (und auch dies war üblich) hatte sich die Priorin mit ihren beiden Stellvertreterinnen, Dame Frances und Dame Catherine, auf einen Rundgang durch das Hauptgebäude begeben; sie waren durch die offene Tür gekommen und hatten Lady Eleanor, in einen Kapuzenmantel gehüllt, am Fuße der Treppe gefunden. Sie behaupteten, sie habe sich bei einem Sturz das Genick gebrochen, aber die Kapuze, die ihren Kopf bedeckte, war nicht verrutscht.

Item – war Lady Eleanor wirklich gefallen? Wenn ja, warum war ihr Gewand nicht in Unordnung? Und warum hatten die alten Nonnen kein Gepolter und kein Geschrei gehört? Und wenn sie gefallen war, wo hatte sie hingehen wollen? Oder wo war sie hergekommen? War es Selbstmord? Berichten zufolge war Lady Eleanor melancholisch, ein Opfer bösartiger Säfte.

Corbett streichelte sich mit der Schreibfeder die Wange und lauschte mit halbem Ohr auf den Wind, der wie ein umherstreifender Geist zwischen den Bäumen stöhnte; ihre Zweige raschelten, und einer klopfte beharrlich ans Fenster. Corbett tauchte die Feder in die blaugrüne Tinte. War Lady Eleanor vielleicht ermordet worden? Und wenn ja, von wem? Von Lord Edward? Er hatte sich im nahe gelegenen Palast von Woodstock aufgehalten. Von Lord Gaveston, der ebenfalls dort gewesen war? Oder von beiden zusammen? Oder hatte jemand aus dem Kloster den Mord begangen? Aus Eifersucht oder auf Befehl von außen? Die Franzosen vielleicht? Zur Zeit hielt sich eine Delegation von Philipp in England auf, angeführt von Corbetts altem Widersacher Amaury de Craon.

Corbett biß auf die Knöchel seiner Hand. De Craon, sein Gegenüber im Französischen Rat, war ein geschickter, verschlagener Mann, der für Edward von England und übrigens auch für seinen obersten Sekretär keinerlei Zuneigung empfand. Über einen Skandal, in den die englische Krone verwickelt wäre, hätten die Franzosen sich diebisch gefreut. Die Belmont war die Geliebte des Prinzen von Wales gewesen, aber man hatte sie vom Hofe verbannt, und so gab es hier nichts mehr auszusetzen. Natürlich war es möglich, daß Gaveston ihren Platz eingenommen hatte, aber die Franzosen konnten nicht beweisen, daß seine Beziehung zu dem jungen Prinzen etwas anderes war als ehrenhafte Freundschaft. Indes, sollte de Craon nunmehr andeuten, daß der Prinz oder Gaveston in einen Mord verwickelt seien, dann könnte Philipp leicht zu dem Entschluß kommen, die Verlobung abzusagen und den Friedensvertrag für null und nichtig zu erklären, und unversehens sahen sich die Engländer in einen kostspieligen und blutigen Krieg gestürzt. Der Sekretär ergriff seine Feder und begann zu schreiben.

Item – von einem Spitzel in Essex hatten sie erfahren, daß der Prinz von Wales insgeheim mit Lady Eleanor Belmont verheiratet gewesen sei. War dies ein weiterer Grund für den Prinzen, das arme Mädchen zu ermorden?

Corbett wurde es plötzlich kalt. Für den Prinzen – oder seinen Vater? Corbett machte sich keine Illusionen über den König oder seinen Sohn; beide waren gleichermaßen skrupellos und selbstsüchtig.

Item – eine Information von Eudo Tailler, einem englischen Spion, der sich geschäftig im Schatten des Louvre-Palastes herumtrieb; Eudo hatte sie vor Wochen herübergeschickt und war dann verschwunden. Seine Botschaft war rätselhaft genug: Ein Mitglied der Familie Montfort sei auf freiem Fuß in England.

Corbetts Angstgefühl nahm zu. Vor vierzig Jahren, acht Jahre vor Corbetts Geburt, hatte Edward I. einen gewalttätigen Aufstand niedergeschlagen, dessen Anführer Earl Simon de Montfort war. Der König, der beinahe die Krone eingebüßt hatte, besiegte die Truppen des Earl bei Evesham. De Montfort war gefallen, und Edward hatte seinen Soldaten befohlen, die Leiche zu zerhacken und den königlichen Hunden zum Fraß vorzuwerfen. Die Überlebenden der Familie de Montfort waren ins Ausland geflohen und hatten, wann immer sie konnten, Attentäter nach England geschickt, die den König und die königliche Familie ermorden sollten. Die Fehde dauerte Jahrzehnte. Ein paar Jahre zuvor hatte der König Corbett selbst dazu benutzt, einen dieser Geheimbünde aufzudecken. Corbett rieb sich das Gesicht, als er sich an die dunkle Leidenschaft Alices, der Rädelsführerin, erinnerte. Wer war dieser neue Meuchelmörder, überlegte er, und wo hielt er sich auf?

»Hugh! Hugh!«

Corbett blickte auf. Maeve stand in der Tür, in einen seiner Mäntel gehüllt. Seinen bangen Sorgen zum Trotz war er hingerissen von ihrer Schönheit: Ihr Haar war wie Silber, ihre Haut leuchtete wie poliertes Gold im Kerzenlicht, und die blauvioletten Augen waren schwer vom Schlaf.

»Was starrst du denn so, Mann?« fragte sie.

»Du weißt, was ich anstarre«, murmelte er.

Er stand auf, drückte die Kerzen aus und führte sie zurück ins Schlafgemach.