Anthony de Jasay

Der indische Seiltrick

Anthony de Jasay

Anthony de Jasay

Der indische Seiltrick

und die soziale Gerechtigkeit

Aus dem Englischen übersetzt von Burkhard Sievert

Inhaltsverzeichnis

Der Autor und die soziale Gerechtigkeit als indischer Seiltrick

Zum Geleit

Teil 1 – Ist Gleichheit überlegen?

1. Gleichheiten, soziale Gerechtigkeit und der indische Seiltrick

2. Die Rangfolge der Welten nach Worten: Ein Fall für Ungleichheit

3. Gegen Armut und den sie verewigenden Sprachmissbrauch

4. Die „Gerechtigkeit“ ohne Gerechtigkeitsregeln

5. Verteilungsgerechtigkeit ist wie nasser Regen

Teil 2 – Unbeabsichtigte Abtretung, reale Politik und rationaler Mensch

1. Die unbeabsichtigte Abtretung

2. Die Freiheitsvermutung

3. Über die Rechtsanspruchsideologie

4. Menschenrechte und -unrechte

Teil 3 – Vertragstheorie und was sie umgibt

1. Verhalten und Vertrag

2. Geordnete Anarchie und Vertragstheorie

3. Überprüfung der Grundlagen des Liberalismus

Teil 4 – Irrtümer und Unterlassungen

1. Gelackmeierte, Spekulanten, Wegbereiter

2. Wer wird die Wächter bewachen?

3. Können Chancen gleich sein?

4. Moral durch Vereinbarungen

Literaturverzeichnis [S]

Namensverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Der Autor und die soziale Gerechtigkeit als indischer Seiltrick

„Welche Moraltheorie kann jemals irgendeinem nützlichen Zweck dienen, außer wenn sie im Einzelnen zeigen kann, dass alle Pflichten, die sie empfiehlt, auch die wahren Interessen eines jeden Individuums sind?“ David Hume1

Anthony de Jasay wurde am 15. Oktober 1925 in Ungarn geboren und musste 1948 aus seiner Heimat fliehen. Die Umstände seiner Flucht warfen in ihm viele für die politische Philosophie grundlegende Fragen auf: Was rechtfertigt Zwang? Wann, wenn überhaupt, ist der Einsatz von Staatsgewalt gegen die Subjekte legitim? Was, wenn überhaupt, begrenzt die Ausweitung und den Missbrauch staatlicher Macht? Ausgebildet zum Wirtschaftswissenschaftler in Australien, hatte Anthony de Jasay ein Stipendium an der Universität Oxford, bevor er nach Paris zog und im Finanzwesen arbeitete. Im Ruhestand widmete er sich als Privatgelehrter Fragen der Ökonomie und der politischen Philosophie. Anthony de Jasay verstarb am 23. Januar 2019.

Wie bei David Hume spielen auch bei Anthony de Jasay die auf Freiwilligkeit beruhenden Konventionen für das gesellschaftliche Zusammenleben eine gewichtige Rolle. Von drei fundamentalen Grundgesetzen, „das der Sicherheit des Besitzes, das der Übertragung durch Zustimmung und das der Erfüllung von Versprechungen“2 hängen „der Friede und die Sicherheit der menschlichen Gesellschaft“3 ab, die der „Regierung vorangehen“4. „So entsteht die [auf Konventionen beruhende] Rechtsordnung durch eine Art von Übereinkunft oder wechselseitigem Einverständnis, d. h. durch das Bewusstsein des Interesses, das man bei allen voraussetzt, und wobei jede einzelne Handlung geschieht, in der Erwartung, dass andere ebenso handeln werden.“5

Anthony de Jasays Schriftensammlung Der indische Seiltrick konzentriert sich auf „den unvorsichtigen Gebrauch, den Missbrauch und sogar die geradezu Misshandlung der Sprache“6 im modernen politischen Denken. Die „Entzauberung“ linguistischer Tricks ist ein zentrales Buchanliegen. Die Begriffe „Recht“, „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“ usw. werden in der politischen Polemik oftmals zweideutig verwendet, so dass subtile Bedeutungsverschiebungen für das Publikum unbemerkt, ja unvermutet bleiben können. Die Sprache lenkt das Denken. Mit unscharfem Denken oder „Papageiengeschwätz“7 lässt sich die Freiheit weder verteidigen, geschweige denn wiedererlangen. Der korrekte Gebrauch der Begriffe Freiheit und Recht bildet ein stabiles Fundament für eine widerspruchsfreie Argumentation; dies ist der liberale Ansatz zur Beurteilung von Sachverhalten.

Anthony de Jasay unterscheidet zwischen Freiheit und Recht. Beide Prototypen drücken Beziehungen zwischen Personen und Handlungen aus. Besteht Freiheit kann eine Person wählen, eine bestimmte für sie realisierbare Handlung auszuführen, es sei denn, sie wird durch eine entgegenstehende Konvention unzulässig gemacht. Im Fall eines Rechts kann eine Person wählen, von einer anderen Person eine bestimmte Handlung zu verlangen, woraufhin die andere Person zur Ausführung der Handlung verpflichtet ist.8 Verträge führen Rechte und Verpflichtungen herbei. „Wenn Eigentum durch Vertrag erworben wird, so erlöschen nach vollständiger Erfüllung der gegenseitigen Verpflichtungen auch die gegenseitigen Rechte und das Eigentum ist somit unbelastet und frei.“9

Das logische Argument für die Freiheit ist die Freiheitsvermutung. Demnach muss der Einsprechende gegen eine Handlung einen Beweis dafür zeigen, dass der Handelnde die Freiheit zu einer Handlung nicht besitzt. Wenn eine Person A eine Handlung ausführen möchte, kann es unendlich viele Gründe unendlich vieler Einsprechenden geben, die gegen die Handlung sprechen. Das Argument funktioniert nach der Regel Sollen-impliziert-Können. A könnte niemals beweisen, dass es keine weiteren Gründe gegen die Handlung gibt, da die Widerlegung einer unendlichen Anzahl von Gründen logisch unmöglich ist. Deswegen kann A die Beweislast für die Legitimität der geplanten Handlung nicht tragen. Im Gegensatz dazu ist jeder konkrete Grund beweisbar, den Einsprechende gegen die fragliche Handlung vorbringen können. Ihre Anzahl von Gründen ist abzählbar endlich. Wenn Einsprechende solche Gründe haben, tragen sie die Beweislast. Sie können zeigen, ob zumindest einer dieser Gründe tatsächlich hinreichend für einen gerechtfertigten Eingriff in die Handlung ist.

Die Freiheitsvermutung beruht auf reiner Logik und ermöglicht eine tatsachenbasierte Legitimitätsüberprüfung einer Handlung. Das Argument ist unwiderlegbar. Denken und Logik sind nicht ohne Selbstwiderspruch bestreitbar, d. h., auch der Widerspruch erfordert logisches Denken. Das Argument greift auf kein Werturteil als Begründung zurück, dann wäre es subjektiv. Es setzt keine Freiheitspräferenz voraus, dann wäre es voreingenommen. Das Argument wird nicht aus Tatsachen abgeleitet, denn ein solcher Übergang von Fakten zu einem Wert, also die Ableitung eines Sollens aus einem Sein, wäre logisch nicht gültig.10 Es benötigt keinen Rückgriff auf das Naturrecht. Es ist nicht utilitaristisch, denn sonst würde es an der logischen Unmöglichkeit interpersoneller Nutzenvergleiche scheitern. Von der Freiheitsvermutung als archimedischen Punkt ausgehend, ist die strikte Analytik die Waffe des Liberalismus. Die Geschichte Davids gegen Goliath lehrt, dass auch der Unterlegene gegen den Übermächtigen gewinnen kann, wenn David seine Stärke ausspielt und damit die schwache Stelle Goliaths trifft. David kann gewinnen, wenn er die Spielregeln in seinem Sinn ändern kann und damit den etatistischen Goliath in die Defensive bringt. Den Status quo kritisch hinterfragend, demonstriert der strikte Liberalismus „Goliaths“ fehlerhafte Logik und seine neidisch motivierten moralischen Unverschämtheiten, die den Forderungen nach „Rechtsansprüchen“, „Solidarität“ und „sozialer Gerechtigkeit“ zugrunde liegen. Davids Fragen decken Goliaths widersprüchliche Argumentationen auf und führen letzteren in Sackgassen. So kann kühles analytisches Schlussfolgern jene wachsende Zahl von Menschen gewinnen, die die Problemursache in der Parteipolitik erkennen. Ihr Multiplikatoreffekt wird entscheidend sein, um den Zeitgeist der allgemeinen Öffentlichkeit der Zukunft zu formen.

Das moralische Argument für die Freiheit ist die Ablehnung der Unterwerfungsregel, der Unterwerfung aller unter den Willen einiger. Der Mensch ist frei geboren. Im Gegensatz zum alltäglichen Sprachgebrauch unterscheidet die Philosophie zwischen Ethik beziehungsweise Moraltheorie und Moral. Ethik operiert eher theorieorientiert auf einer Metaebene. Moral dagegen bewertet unter Referenz auf die konkrete Moraltheorie ausschließlich menschliches Handeln, indem sie das Handeln billigt oder missbilligt.11 Der strikte Liberalismus gehört in die Kategorie der deontologischen Ethik, bei der konkrete Handlungen moralisch beurteilt werden und das Handlungsmotiv sowie die Handlungsfolgen für die moralische Handlungsbeurteilung von untergeordneter Relevanz sind.12 Handlungsmotive besitzen keine feststellbaren Tatsachen. Der strikte Liberalismus ruht folglich auf den Begriffen Freiheit und Gerechtigkeit, wobei Freiheit sein oberstes Ziel ist und eine Handlung entweder gerecht oder ungerecht ist. Moralisches Handeln erfordert Freiwilligkeit. „Unter der Maxime ‚suum cuique’ [jedem das Seine] verteilen sich Vorteile und Lasten, indem jeder seine Freiheiten wahrnimmt und seinen Verpflichtungen nachkommt. Ein gerechter Zustand herrscht, solange er nicht durch eine ungerechte Handlung verletzt wird.“13 Die Unterwerfung aller unter den Willen einiger kann moralisch akzeptabel sein, wenn sie freiwillig erfolgt. Erfolgt sie unfreiwillig, dann erweist sich die Legitimität der Regierung als moralisch unvertretbar. Der strikte Liberalismus sieht nur freiwillige Verteilungen als moralisch gerechtfertigt an.

Die einflussreichsten Argumente zur Legitimierung von Politik und Staat, d. h. die Vorstellungen von „Gesellschaftsverträgen“, enthalten einen fundamentalen Widerspruch: Wenn es stimmt, dass keine Leistung aus einem Vertrag erzwungen werden kann und der Staat dafür gebraucht wird, wie kann dann erwartet werden, dass der Staat an den Vertrag gebunden werden kann, an dem er beteiligt ist? Auch die Lösung dieses infiniten Regresses durch eine Verfassung scheitert. Der Versuch staatlicher Machtbegrenzung durch eine Verfassung missachtet die lebendigen Kräfte der Politik, die mit einer Verfassung unvereinbar sind. Edmund Burke würde ausrufen: „Die Sache! Die Sache selbst ist der Missbrauch!“ In einem Zirkelargument beruft die Mehrheit sich auf die Methode der kollektiven Wahl, um diese zu legitimieren, also moralisch zu rechtfertigen.

Anthony de Jasay überprüft Aussagen mit der Methode der Epistemologie, d. h. durch Falsifizierung und Verifizierung, und grenzt so (subjektive) Meinungen von (objektiver) Erkenntnis ab. Tatsachen besitzen einen „Wahrheitswert“. Tatsachen sind entweder wahr oder unwahr. Aussagen ohne „Wahrheitswert“ sind Meinungen. Auch die Zukunft betreffende Aussagen über menschliche Handlungen besitzen keinen „Wahrheitswert“. „Menschen können nicht festgelegt und vorhergesagt werden wie Objekte ohne Verstand und ohne die Fähigkeit zu lernen und zu wählen.“14 Die Aussage „Da steht ein Pferd auf dem Flur“ besitzt einen „Wahrheitswert“ und lässt sich relativ leicht widerlegen (falsifizieren) bzw. überprüfen (verifizieren). Auch Aussagen über menschliche Handlungen, also Fragen der Freiheit oder der Gerechtigkeit, sind letztendlich feststellbare Tatsachenfragen. Gemäß der Freiheitsvermutung liegt nach der Regel „Sollen impliziert Können“ die Beweislast für die Unzulässigkeit einer Handlung bei dem Einsprechenden. Gesellschaftsverträge besitzen keinen „Wahrheitswert“. Sie entsprechen den normativen Ansichten ihrer Erfinder, sei es Hobbes, Rawls, Rousseau oder Sen und werden von Anthony de Jasay als unlogisch zurückgewiesen. Nur bei echten Verträgen, dem System von freiwilligen Tauschhandlungen, geben alle Parteien den sichtbaren, objektiven Beweis ihrer Interessen durch ihre Handlungen.

Einen breiten Raum in diesem Buch nimmt die Entschlüsselung des Begriffs der „sozialen Gerechtigkeit“ ein. Der Ausdruck „soziale Gerechtigkeit“15 wurde erstmals in der christlichen Soziallehre16 sowie in der Gerechtigkeitsdistinktion John Stuart Mills17 verwendet. Die Bedeutung von Wortkombinationen kann ermittelt werden, indem jedes einzelne Wort auf seine Bedeutung hin untersucht wird. Das Adjektiv „sozial“ ist gleichbedeutend mit dem Wort „gesellschaftlich“. Aufbauend auf der Bedeutung jener Wörter, auf die es bezogen wird, wird die Wortkombination zu einem Ausdruck mit beliebiger Bedeutung. Das Wort Gerechtigkeit18 drückt ein moralisches Werturteil aus. Gerechtigkeit ist selbstverständlich Ungerechtigkeit überlegen. Gerechtigkeit erfordert Regeln, nach denen die Handlungen als gerecht oder ungerecht beurteilt werden. Eine Handlung ist gerecht, wenn sie im Einklang mit den anerkannten einschlägigen Normen steht, sie also nicht gegen Konventionen verstößt. Eine Norm kann auch durch Beschluss herbeigeführt werden, wie es bei einem Vertrag der Fall ist.19 Verträge führen Rechte herbei.20 Die Vertragserfüllung ist gerecht, der Vertragsverstoß ist ungerecht. Wenn eine Handlung gerecht ist, dann sind auch die Handlungsfolgen gerecht: Jedem das Seine. Jede von Dritten auferlegte Regelsetzung führt per Saldo zu Wohlstands- und Freiheitsverlusten. Um dies zu demonstrieren, verwendet Antony de Jasay die Metapher vom Backen eines Kuchens.21 Der Trugschluss, dass Produktion und Verteilung voneinander getrennt seien, geht auf John Stuart Mill zurück.22 In Wirklichkeit finden Produktion und Verteilung gleichzeitig statt und sind voneinander abhängig. Wer welchen Teil des Kuchens bekommt, entscheidet sich, während er produziert wird (und zum Teil schon vorher). Der Grund, warum jeder Produktionsfaktor am Backen des Kuchens beteiligt ist, liegt darin, dass ihm vertraglich oder stillschweigend versprochen wurde, ein bestimmtes Stück davon zu bekommen.23 Dieses Versprechen wird gebrochen, wenn die Regierung die Verteilung, die den Kuchen zum Backen veranlasst hatte, durch eine Umverteilung nach dem Backen außer Kraft setzt. „Sollte man nun aber glauben, dass dieses Verändern nicht auch das gleichzeitige ‚Backen des Kuchens‘ beeinträchtigt, so ist man einfach gutgläubig.“24 Weil bei der Verteilung kein Rest verbleibt, erhält durch eine Umverteilung irgendjemand nicht das, was ihm zusteht.

Da die „Gesellschaft“ an der Produktion und Verteilung des Kuchens nicht beteiligt ist und nach der Vertragserfüllung alle Rechte und Verpflichtungen am Kuchen erlöschen, verliert die Wortkombination „soziale Gerechtigkeit“ ihre Plausibilität. Für Anthony de Jasay verbirgt sich hinter diesem Begriff etwas anderes, er nennt es „den indischen Seiltrick“, also jenen Trick, bei dem der Zauberlehrling an dem senkrechtstehenden Seil hochklettert. Die Umherstehenden haben nun die Möglichkeit des ungläubigen Staunens oder der Entzauberung dieser Scharlatanerie.

Die Wortkombination „soziale Gerechtigkeit“ behauptet, dass der aktuelle Verteilungszustand „sozial ungerecht“ sei, d. h., sie fordert eine korrigierende Umverteilung. Wenn der aktuelle Zustand ungerecht ist, dann kann nur die Handlung, die zu diesem Zustand geführt hat, ungerecht gewesen sein. Wer genau hat sich ungerecht verhalten? In unserer Kuchenmetapher wurden alle Verträge erfüllt. Weil kein Vertrag gebrochen wurde, hat auch niemand sich ungerecht verhalten.

Die Antithese zur Freiheit ist die die menschliche Autonomie außer Kraft setzende Gleichheit. Die Gleichheit entstammt nicht der moralischen Sphäre und verfügt im Gegensatz zur Gerechtigkeit über keine Regeln. Sonst könnte es zumindest theoretisch einen sozial gerechten Gesellschaftszustand geben, weil die Regeln alle befolgt wurden, oder einen ungerechten, weil eine bestimmte Regel nicht befolgt wurde. Wegen der Regellosigkeit ist der Begriff in seiner Bedeutung unbestimmt. Daher wird der Zustand der sozialen Gerechtigkeit niemals erreicht und es kann immer behauptet werden, dass sie nicht vorhanden ist. Folglich muss die „soziale Gerechtigkeit“ etwas mit Gleichheit zu tun haben. Der zu entzaubernde Begriff hinter der „sozialen Gerechtigkeit“ nennt sich Gleichheit. Es ist ein schwer durchschaubarer Zaubertrick, mit dem „gleich“ durch „sozial gerecht“ eine grundlegende Bedeutungsverschiebung widerfährt und dabei den Moralbezug von gerecht übernimmt. Gleichheit und Gerechtigkeit sind jedoch keine Synonyme, sie sind grundverschieden. Es ist diskutabel, ob „gleich“ besser als „ungleich“ ist, aber „ungerecht“ ist zweifelsfrei „gerecht“ unterlegen. Wäre „ungerecht“ „gerecht“ überlegen, könnte und würde dessen moralisches Werturteil nicht „gerecht“ genannt. In der realen Welt gibt es jedoch unendlich viele Gründe für Ungleichheiten. Es fängt mit der Verschiedenheit im menschlichen Denken und in deren Lebensweisen an. Ihre Vielfalt an unbefriedigten Wünschen lässt sie nach Bedürfnisbefriedigung streben. Diese selbst gesetzten Ziele und Zwecke können sie in Kooperation über Verträge verwirklichen. Durch jeden ausgeführten Vertrag entsteht eine neue Verteilung. Es gibt keinen Grund für Gleichheit, der alle Gründe für Ungleichheit aufheben würde. Deshalb wäre es unsinnig, die Beweislast dafür auf die Seite der Ungleichheit zu legen. Die einzige vernünftige logisch-epistemologische Schlussfolgerung ist, dass die Beweislast für die geforderte Gleichheit dem Gleichheitsbefürworter obliegt. Wer die Beweislast trägt, muss es auch „im Einzelnen zeigen können“25.

Social Justice and the Indian Rope Trick wurde 2015 vom Liberty Fund herausgegeben. Die Übersetzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Liberty Fund. Die aus der Ausgabe des Liberty Fund übernommenen Anmerkungen des Autors sind mit einem [J] gekennzeichnet, die Erläuterungen des Übersetzers mit einem [S]. Ergänzungen des Übersetzers im Fließtext werden von eckigen Klammern eingeschlossen. Anthony de Jasay ist ein herausragender liberaler Denker, der die Kunst der Sprache beherrscht und mit seinem überragenden Aufbau der Argumente zu überzeugen versteht. Die Freiheit des Einzelnen ist der Schlüssel zu Frieden und Wohlstand: Für Freiheit!

Burkhard Sievert

Soest, im Oktober 2021

1 Hume (2012, 1984), S. 142 f. [S]

2 Hume (2004, 1739), S. 516. [S]

3 Ebenda, S. 516. [S]

4 Ebenda, S. 529. [S]

5 Hume (2012, 1984), S. 490 f. [S]

6 Vgl. hier S. 10, Hayek (2011,1988), S. 121–135. [S]

7 Jasay (2008a), S. 177. [S]

8 Vgl. Jasay (2010), S. 184 f. [S]

9 Jasay (2008a), S. 183. [S]

10 Vgl. Hume (2004, 1739), S. 467 f., Mackie (1981), S. 79–92. [S]

11 Vgl. Birnbacher (32013), S. 1–6. [S]

12 Ebenda, S. 49 f. [S]

13 Jasay (2008a), S. 139. [S]

14 Rothbard (1985), S. 52. [S]

15 Synonyme für „soziale Gerechtigkeit“ sind „materielle Gerechtigkeit“, „distributive Gerechtigkeit“, „austeilende Gerechtigkeit“ oder „verteilende Gerechtigkeit“ bzw. „Verteilungsgerechtigkeit“; vgl. Bouillon (2020), S. 11 f. [S]

16 Vgl. Taparelli (1841); s. a. Bouillon (2020), S. 53–57. Zur Ideengeschichte s. a. Hayek (2013, 2003), S. 534, FN 8. [S]

17 Vgl. Mill (2006), S. 94; s. a. Hayek (2013, 2003), S. 214; s. a. Bouillon (2020), S. 57–66. [S]

18 Synonyme für das Wort „Gerechtigkeit“ sind die Wortkombinationen „formale Gerechtigkeit“, „austeilende Gerechtigkeit“ und „kommutative Gerechtigkeit“; vgl. Bouillon (2020), S. 11 f. [S]

19 Vgl. Bouillon (2010), S. 129–142. [S]

20 Vgl. Jasay (2008a), S. 183. [S]

21 Vgl. Ebenda, S. 177 f., Jasay (2020a), S. 192–199. [S]

22 Vgl. Mill (1848), S. 199 f. [S]

23 Vgl. Jasay (2008a), S. 177 f., Jasay (2020a), S. 192–199. [S]

24 Jasay (2008a), S. 178. [S]

25 Hume (2012, 1984), S. 143. Zur Beweislast für Gleichheit vgl. Jasay (2009). [S]

Zum Geleit

Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich, zum Guten wie zum Schlechten. Es passt in eine etwas ungewöhnliche persönliche Geschichte. Ich habe meine Position als Ökonom [an der Universität] in Oxford vor mehr als einem halben Jahrhundert verlassen, habe aufgehört, wissenschaftliche Arbeiten zu veröffentlichen, und bin von der intellektuellen Bühne verschwunden. Ein Vierteljahrhundert später tauchte ich als politischer Philosoph mit The State26 wieder auf, mein erstes und immer noch bekanntestes meiner Bücher. Es markierte meinen Platz abseits sowohl vom klassischen als auch vom amerikanischen Liberalismus, aus Gründen, die meinen Lesern kein Geheimnis sein werden. Ich bin nie wieder an eine Universität gegangen. Seither muss ich wohl gegen den Strom geschwommen sein und bin kaum vorangekommen, obwohl ich hoffe, dass ich zumindest nicht mit dem Hauptstrom abgetrieben worden bin. Der vorliegende Band sammelt meine Schriften zum Liberalismus aus den fünf Jahren von 2008 bis 2012 und ist ein Begleitbuch des Bandes Economic Sense and Nonsense, meinen im gleichen Zeitraum verfassten Essays zur politischen Ökonomie.

Das andere und eher ungewöhnliche Merkmal dieses Buches ist die scharfe Fokussierung auf einen lebenswichtigen, aber gefährlich ignorierten Defekt des modernen politischen Denkens, nämlich den unvorsichtigen Gebrauch, den Missbrauch und sogar die geradezu Misshandlung der Sprache. Die Sprache lenkt das Denken. Das hauptstrommäßige politische Denken von Jeremy Bentham und John Stuart Mill bis hin zur Gegenwart ist durch intellektuellen Betrug stark verunreinigt, wenn nicht sogar gänzlich davon definiert. Der Betrug ist gutgläubig, denn Selbsttäuschung schützt ihn vor der Schuld der Schlechtgläubigkeit. Er versucht nicht bewusst, in die Irre zu führen oder davon zu profitieren, Betrug als Wahrheit auszugeben. Er täuscht dennoch und profitiert dennoch davon. Der Grund dafür ist, dass entlang der Wege, Korridore und Kanäle des Unterbewusstseins Überzeugungen, einschließlich der in unseren Urteilen getragenen Werte, nicht unabhängig von unseren existenziellen Interessen sind. Das Argument wiederum ist nicht unabhängig von unseren Überzeugungen, so sehr wir auch gegen die Vermutung protestieren könnten, von Hintergedanken geleitet zu sein. Es bedarf eiserner Disziplin, um die Angelegenheiten von Wahrheit und Falschheit von den Angelegenheiten des Glaubens zu trennen, und Wunschdenken ist natürlich oft die Quelle des Glaubens.

Intellektueller Betrug, so wird uns prägnant vor Augen geführt, ist in das Hauptstromdenken eingedrungen und dominiert es, indem er die Bedeutung einiger Schlüsselkonzepte geformt und verdreht hat. Sprachliche Tricks sind die mächtigen Mittel, dies zu tun, und sind ein zentrales Anliegen des Buches. Sprachliche Tricks sind die Konzepte formenden Werkzeuge. Das Wort „Recht“ in Begriffen wie „Recht auf Freiheit“ und „Eigentumsrechte“ führt implizit eine rechteübertragende Gesellschaft ein, der wir solche Freiheit und solches Eigentum verdanken, die sie uns gewährt. Die Freiheits- und Eigentumsvermutungen werden somit geleugnet oder ignoriert. Verweise auf Gesellschaftsverträge oder kollektive Wahlregeln lehren uns implizit, dass ein Teil der Gesellschaft, z. B. eine Minderheit, zugestimmt hat, sich der Entscheidung eines anderen Teils, z. B. einer Mehrheit, aus eigenem Willen und nicht als Reaktion auf überlegene Gewalt zu unterwerfen. Sie hat nichts zu fürchten, da alle Entscheidungen, denen sie sich unterwerfen muss, durch eine gütige kollektive Wahlregel oder der Verfassung eingeschränkt sind. Sollte sich diese Regel im Laufe der Zeit als weniger gutartig erweisen, zieht es die Theorie der kollektiven Wahl vor wegzuschauen.

Das im Buch vorgestellte Konzept der Gleichheit ist komplexer, als es die gewöhnliche Sprache erscheinen lässt. In seiner vereinfachten Form wird es regelmäßig der Ungleichheit gegenübergestellt, wobei die Ungleichheit ein offensichtlich überlegenes Merkmal des Zustands der Welt ist. Wie die Tiere in George Orwells Farm der Tiere skandieren: „Vier Beine gut, zwei Beine schlecht.“27 Unablässige Wiederholungen reichen weit.

Einfacher Sprachmissbrauch ist jedoch unzureichend. Das Gute ist selbstverständlich besser als das Schlechte und genauso ist das Gerechte besser als das Ungerechte, aber das Gleiche ist nicht selbstverständlich besser als das Ungleiche. Es bedarf eines stärkeren sprachlichen Tricks, um dies zu erreichen. Soziale Gerechtigkeit, die über die gewöhnliche Gerechtigkeit und ihre Regeln hinausgeht, besitzt keine eigenen Regeln und ist inhaltsleer wie ein Gewand, in dem kein greifbarer Körper steckt. Der Sprachgebrauch füllt mühelos die leere Kleidung aus. Soziale Ungerechtigkeit wird automatisch mit einer gewissen Ungleichheit identifiziert, soziale Gerechtigkeit mit einer gewissen Gleichheit. Die Gleichheit ist der Ungleichheit weder moralisch überlegen noch unterlegen, aber sie sieht überlegen aus, wenn sie das Gewand der sozialen Gerechtigkeit trägt. Das Wort „sozial“ macht die Gewänder nur noch prächtiger und ehrfurchtgebietender. Soziale Gerechtigkeit wird so als moralischer Imperativ etabliert, so wie das indische Seil in dem berüchtigten Trick dazu gebracht wird, sich von selbst in den Himmel zu erheben.

Da „gerecht“ dem „ungerecht“ selbstverständlich überlegen ist, verleiht der semantische Trick, die Gleichheit in das Gewand der sozialen Gerechtigkeit zu kleiden, ihr eine unwiderstehliche moralische Autorität. Den verschiedenen Themen des vorliegenden Buches liegt die allgemeine Vorstellung zugrunde, dass die gesamte politische Ordnung und die Legitimität kollektiver Entscheidungen einen weiteren und vielleicht weniger transparenten sprachlichen Trick als ihre scheinethische Grundlage haben. Die meisten politischen Theorien sind in einem weiten Sinne „vertragstheoretisch“: Sie behaupten, dass es einen Gesellschaftsvertrag des politischen Gehorsams gibt, durch den alle im Voraus zustimmen, sich den Entscheidungen einiger zu unterwerfen. Die Unterwerfung ist ungezwungen, weil sie etwas Gutes fördert. Vertragstheorien werden bereitwillig akzeptiert, weil sie sich der selbstgefälligen, eines Seiltricks würdigen Wahnvorstellung hingeben, dass Menschen ihre Autonomie sehenden Auges abtreten, anstatt sie durch eigenes Verschulden zu verlieren und sich dann zu wünschen, sie hätten es nicht getan. Ein zentrales Essay des Buches, „Unbeabsichtigte Abtretung“, untersucht die Art und Weise, wie dies wahrscheinlich zustande kommt. Selten ist der Widerstand dagegen; wie David Hume mit seinem gewohnt scharfsinnigen Urteilsvermögen uns sagt, resultiert der Gehorsam gegenüber der Regierung nicht aus eindeutiger Zustimmung, sondern aus Duldung.28

Antony de Jasay

26 Jasay (2018): Der Staat. [S]

27 Orwell (2021), S. 33. Und nachdem die Tiere eine egalitäre Gesellschaft errichtet hatten, mussten sie erkennen, dass Machtungleichgewicht die Quelle des Übels ist: „Alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher als andere“, ebenda, S. 117. Wo sich alle Macht in den Händen einer Partei konzentriert, erweist sich das Gleichheitsversprechen in der Praxis als totalitäre Ungleichheit. [S]

28 „[…] den Hauptzweck der Obrigkeit [bildet] die Nötigung der Menschen zur Einhaltung der natürlichen Rechtsnormen. […] ihre genaue Einhaltung muss als Wirkung der Einrichtung einer Obrigkeit angesehen werden, und nicht umgekehrt der Gehorsam gegen die Obrigkeit als Wirkung der Verbindlichkeit eines Versprechens“, Hume (2004, 1739), S. 532. [S]

Teil 1 – Ist Gleichheit überlegen?