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© 2021 Gunter Maier; Vervielfältigung und Verwertung, auch auszugsweise nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.
Coverdesign: Gunter Maier
Coverlogo: O. Kahn
Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 978-3-755-76389-5
Fachbücher des Autors:
Über den Autor und das Werk:
Gunter Maier ist wissenschaftlicher Autor und verfasst in diesem Rahmen Lehrbücher für die Führungskräfte- und Organisationsentwicklung. Sperotauri ist die Geschichte eines Jugendlichen, der sich vom Tiefpunkt seines Lebens schrittweise zu einer geschätzten und stabilisierend wirkenden Führungsperson entwickelt. Die Ereignisse, Herausforderungen und Gefahren auf seinem beschwerlichen Weg lassen ihn in seiner Entwicklung emotional schnell reifen. In der Folge prägen sich seine Tugenden aus, die wahren Kompetenzen eines Führungscharakters. Schließlich erkennt er alte Weisheiten, verinnerlicht sie und legt sie seinem Handeln zugrunde.
Der dystopische Handlungsrahmen bildet eine nahe Zukunft ab. Es handelt sich um eine Realität, aus der die Annehmlichkeiten unserer modernen Wohlstandsgesellschaft verschwunden sind. Stabilität existiert nicht mehr und Soziabilität wird zum Luxus. In dieser Welt überlebt nur derjenige, der schnell lernt. Doch auch in solch einer bedrohlichen Zeit gibt es Werte und Prinzipien, auf deren Basis eine neue, stabile und vor allem freiheitliche Ordnung geschaffen werden kann ...
Nun ist vorerst Ruhe, die Dinge haben sich neu geordnet, und ich war maßgeblich daran beteiligt. Oft blicke ich zurück auf jenen Tag, an dem sich alles veränderte und ich einen langen Weg antrat ...
Ich war wie gelähmt, als sie an die Tür klopfen. Obwohl, ich wusste ja, dass sie kommen werden, doch irgendwie hatte ich das Ganze noch gar nicht begriffen, sodass ich kurzzeitig mit dem Gedanken spielte, die Tür nicht aufzumachen. Aber es machte ja keinen Sinn, sie wären ja sowieso reingekommen, niemand kann sie aufhalten, und ich schon gar nicht mit meinem tauben Bein. Während ich mich zur Tür schleppte, klopften sie immer heftiger und drohten die Tür einzurammen, wenn ich nicht aufmachen würde. Auf dem Weg zur Tür rief ich laut: „Ich befolge“, so wie es verlangt war, wenn ein Loyaler zum Handeln aufgefordert wurde, und ein solcher wollte ich ja auch vorgeben zu sein.
Als ich die Tür öffnete, standen sie da, zu viert. Zwei in schwarzen Uniformen und zwei Helfer, die in blaue Overalls inklusive Handschuhe und Gesichtsschutz eingekleidet waren. Der Vorderste scannte mich erst einmal mit dem Handscanner ab:
„Du bist... wieso zeigt das verdammte Gerät wieder nichts an? Werden die jemals in der Lage sein, vernünftige Scanner zu bauen... Tsss ... geh zur Seite, sonst nehmen wir dich auch mit. “
Sie stießen mich zur Seite und drängten sich herein. Ihnen folgte ein flaches Board mit einem darauf ausgebreiteten Sack, schwarz, kalt und schmucklos. Sie gingen zielsicher in Opas Zimmer.
Er war erst vor zwei Stunden gestorben, und das wussten sie, so wie sie alles über uns wussten in dieser Stadt. Ich hatte selbst keine Ahnung, an was Opa gestorben war, ich war ja kein Arzt, aber ich vermutete, es war ein Herzinfarkt, Schlaganfall oder etwas Ähnliches gewesen, was ihn in seinem Sessel überraschte. Das Buch, das er zu lesen pflegte, lag geschlossen auf seinem Schoß. Die Brille korrekt gefaltet darauf, als wenn er den Zeitpunkt seines Todes hatte kommen sehen. Es schien, als hätte er das Buch gerade zu Ende gelesen und begonnen darüber nachzudenken. Das hatte er immer gemacht, wenn er sich intensiv mit einem Buch auseinandersetzte, man sah dann förmlich seine Gedanken kreisen, da seine gesamte Gesichtsmuskulatur, insbesondere seine Augenbraunen, dabei in Bewegung gerieten.
Diese Details fielen jedoch nur mir auf, sie interessierte das herzlich wenig. Und so griffen sie ihn unter den Armen und schoben ihn rüde in den Sack, mit dem Kopf voran und dem Gesicht nach unten. Dann zogen sie den Reißverschluss zu und verschwanden direkt wieder, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
Ich folgte ihnen, so gut es halt in meinem Tempo ging, und schloss wieder die Tür. Zurück in Opas Zimmer setzte ich mich auf die Fensterbank und versuchte darüber nachzudenken, was ich tun sollte. Doch ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, mir liefen die Tränen in Strömen die Wangen runter. Er war weg, alles ging so schnell, und er wollte mir doch noch so viel beibringen. Wenn er sich mit mir zusammensetzte, sagte er immer:
„... nun werden wir mal deinen Verstand schärfen, denn den wirst du noch benötigen, um in dieser bizarren Welt überleben zu können ... “
Und dies hatte er immer getan, solange ich denken konnte. Schon als kleines Kind nahm er mich auf seinen Schoß und erklärte mir die Welt, in einer sehr lustigen und bildhaften Weise. Als ich älter wurde, musste ich dann lernen die Dinge zu hinterfragen. Großvater fragte dann immer, ob dies gut oder schlecht sei, wem es nützt und wem es schadet. Oder wie man es anders machen könnte. Ja, er hatte mich zu einem kritischen Menschen erzogen, wenngleich man dies natürlich nicht nach außen zeigen durfte, denn man wollte ja als Loyaler gelten und keine Probleme bekommen.
Großvater hatte viel Zeit mit mir verbracht und eigentlich hat er mich auch erzogen, denn Mutter sah ich selten. Sie arbeitete weit weg in den Textilfabriken und konnte nur selten nach Hause kommen. Aber was blieb ihr anderes übrig, wir mussten ja von irgendetwas leben, und sichere Arbeit war für uns Loyale nur in den Fabriken zu bekommen. Es passte damals ganz gut, als Opa zu uns in die Wohnung zog. Vater starb, als ich zwei Jahre alt war, an den Spätfolgen einer Infektion, die er sich in den Jahren der Anarchie zugezogen hatte. Ich konnte mich leider nur noch dunkel an ihn erinnern.
Apropos Mutter, ich musste sie informieren. In diesem Fall konnte ich ja das Telefon nutzen, schließlich wussten sie ja schon Bescheid und es bestand wenig Gefahr, dass sie Weiteres über uns erfahren würden. So stieg ich wieder runter von der Fensterbank und ging ins Treppenhaus, um das Gemeinschaftstelefon zu nutzen. Es hing, wie in jedem Wohnblock üblich, zentral im Flur, für jeden zugängig. Es war kostenlos und komfortabel. Das stand im krassen Gegensatz zur Umgebung. Wir wohnten nämlich in einem ziemlich schäbigen Viertel, in dem so ziemlich alles heruntergekommen war. Man musste das Telefon noch nicht einmal anfassen, es genügte, wenn man sich aufrecht auf die dafür vorgesehene Markierung auf dem Boden stellte, seinen Kopf auf das Display richtete und sprach: „Bitte kommunizieren. “
Das Gerät scannte automatisch die Netzhaut der Augen, identifizierte die davorstehende Person und machte Vorschläge für Kommunikationspartner. Als ich mich davor aufrichtete, machte mir das Gerät folgende Empfehlungen: ganz oben das Erziehungsamt, dann ein Jugendheim, anschließend kam eine ganze Reihe von Konsumempfehlungen. Meine Trauer wechselte in Wut: „Wieso kann dieser personalisierte Scheiß nicht mal Pause machen und mich einfach Kontakt mit meiner Mutter aufnehmen lassen?“
Ich schrie in das Mikro: „Mutter! Mutter!“, mehrmals hintereinander. Auf dem Display scrollte dann ein langer Balken nach unten, und irgendwo an dessen Ende tauchte die Fabrik auf, in der meine Mutter arbeitete. Nachdem ich „Bestätigen“ gesagt hatte, war sofort die Verbindung zur Fabrik da. Aber ans Telefon konnte ich Mutter nicht bekommen. Eine automatische Stimme nahm meinen Wunsch auf und stellte in Aussicht, dass man Mutter benachrichtigen würde und sie mich später zurückriefe. Es sei nicht erlaubt, während der Arbeitszeit den Arbeitsplatz zu verlassen. Ende. alles für die
Nun stand ich da, kaum einen Schritt weiter, sodass ich enttäuscht wie- der in Opas Zimmer und zur Fensterbank ging.
Dort angekommen, fiel ich wieder in meine Trauer zurück. Ich konnte eigentlich gar nichts tun, nur dasitzen und warten. Mutter hatte mir mal erzählt, dass es vor der Anarchie Beerdigungen gab. Wenn je- mand starb, versammelte sich die ganze Familie, man organisierte eine Trauerzeremonie und beerdigte den Toten in volle Würde auf einem Friedhof. Dies war die stilgerechte Form, um von seinen Angehörigen Abschied zu nehmen. Irgendwann war dies nicht mehr erlaubt gewesen, aus hygienischen Gründen, wie man offiziell sagte. Es wäre sicherer für die Bevölkerung, wenn man die Toten direkt aus ihrem Umfeld ent- nähme. Und die Angehörigen müssten sich auch selbst nicht darum k ümmern, der zentrale Human-Entnahme-Dienst würde Angehörigen regeln.
„Wie komfortable sie das alles gestaltet haben, oder?“, kommentierte Mutter damals zynisch.
Ja, wie der zentrale Human-Entnahme-Dienst arbeitete, hatte ich an diesem Tag am eigenen Leib erfahren.
Wohin mit meiner Trauer? Das wusste ich immer noch nicht. Ich versuchte mich abzulenken und bewegte mich zu Opas heiligem Schrank, wie er ihn immer bezeichnete. Es war ein mittelgroßer Holz- schrank aus früheren Zeiten, prallgefüllt mit allen möglichen Sachen. Zumeist Bücher, aber auch viele andere interessante Dinge aus seinem Leben. Der Schrank war nie verschlossen gewesen, ich hatte es aber nie gewagt, ohne seine Erlaubnis dranzugehen. Ich genoss es vielmehr, wenn Großvater immer etwas aus dem Schrank holte und mir dazu in aller Ruhe eine Geschichte erzählte. Meist mündete die Geschichte dann in einer Diskussion zu irgendeinem aktuellen Thema, zu dem ich mich äußern musste. Als ich so drüber nachdachte, war es eigentlich immer wieder dasselbe, er fing immer an zu erzählen und ließ mich das Wort zu Ende führen. Das hatte er geschickt gemacht, denn anschließend kam ich immer ins Grübeln.
Schließlich öffnete ich erstmals eigenständig den Schrank. Mir stießen direkt die zwei selbstgemachten Handpuppen aus den fernen östlichen Zonen ins Auge. Großvater hatte sie mir vor langer Zeit - ich muss so fünf Jahre alt gewesen sein - einmal zum Spielen gegeben und sagte, sie heißen Zeynep und Syleiman. Sie wären ihm damals, als man sich noch frei für eine Arbeit entscheiden konnte, in den Koffer gefolgt, als er von einer Geschäftsreise aus dem Osten zurückkam. Er erzählte mir viel über die fernen Länder, seine Erfahrungen mit den Menschen und seinem unbändigen Wunsch, seiner Neugier folgen zu können und dabei stets Neues zu entdecken. Und das hätten Zeynep und Syleiman schließlich auch getan, als sie in den Koffer stiegen. Die beiden wollten unsere Welt kennenlernen und beschlossen ihn zu begleiten. Großvater fragte mich im weiteren Verlauf, was die beiden wohl von unserer Kultur gedacht hätten, als sie damit zum ersten Mal in Berührung gekommen waren. Ich musste damals lange nachdenken, aber dann war mir aufgefallen, dass die beiden Handpuppen lange Gewänder anhatten und keine Hosen wie wir. So sagte ich dann auch zu Großvater, die beiden hätten sich bestimmt über unsere Hosen gewundert.
„Da hast du wahrscheinlich recht“, hatte Großvater bestätigt, „Denn dort, wo die beiden herkommen, ist es sehr heiß, und Hosen sind unbequem in der Hitze. In unseren Breitengraden sind Hosen halt besser, die halten wärmer. Denkst du“, fragte er dann, „wir sollten ihnen Hosen anfertigen und die Gewänder ablegen?“
Ich sagte damals; „]a, lass uns das machen, dann sehen sie aus wie wir. “ Großvater erwiderte dann mit der Frage, ob es denn nicht langweilig wäre, wenn sie wie wir aussähen. Und da musste ich schon wieder lange nachdenken. Schließlich antwortete ich, wir sollten sie fragen. Sie sollten selbst entscheiden, was sie tragen wollten ...
Dieses Gespräch, obwohl es fast schon vergessen hatte, war auf einmal wieder in allen Details präsent. Und so hielt ich die beiden Puppen erneut in der Hand. Die Erinnerungen an die lustigen Momente mit Großvater waren ganz deutlich ...
Aber die Realität spiegelte genau das Gegenteil wider: Er war nicht mehr da. Und das tragische Ereignis war keine drei Stunden her.
„Verdammt“, dachte ich, „Was mach ich jetzt nur, was wird geschehen mit mir?“
Ich war auf einmal alleine, und Mutter hätte nicht ihre Arbeit aufgeben können, um sich um mich zu kümmern. Ich hatte schon öfter davon gehört, dass sie Kinder und Jugendliche, die allein zuhause waren, in die Präventiv-Erziehung steckten. Dies war nichts anderes als ein Arrest, in dem man vorsorglich zu einem perfekten Loyalen umerzogen wurde, man hätte ja schließlich auf die schiefe Bahn kommen können. Und da ich ja schon mehrfach negativ aufgefallen war, galt ich als gefährdet. Beim letzten Mal hatte ich in der Schule den Mund etwas zu weit aufgemacht und eine Diskussion über das schlechte Gesundheitssystem provoziert. Ich wusste von Mutter, dass die Versorgung vor langen Zeiten besser war und man sogar kostenlos zu einem Arzt gehen konnte. Doch in dieser Zeit war man froh, wenn es überhaupt ein Arzt im Bezirk gab, und dann war das Problem mit der Bezahlung noch lange nicht gelöst. Meine Provokationen gefielen dem Lehrer natürlich nicht, sodass ich gleich zum Rektor zitiert wurde. Dort musste ich geloben, den eingeschlagenen Weg als Loyaler niemals zu verlassen. Ja, ich war verdächtig und mir ging die Frage nicht aus dem Kopf, ob sie mich nicht doch fortschaffen würden. Ich musste irgendwie die Nerven behalten, obwohl meine Gedanken ständig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin und her sprangen. Das machte mich fast irre.
Und so wandte ich mich wieder dem Schrank zu, in der Hoffnung etwas zu finden, was mir half, mit der Situation klarzukommen. Als ich die Schranktüren etwas weiter öffnete, fiel mir Großvaters Schirm auf. Er hing an der Innenseite der rechten Tür. Das Kuriose an diesem kleinen faltbaren Schirm war, dass er nie benutzt wurde, er war definitiv neu gewesen, als er in den Schrank gelegt wurde. Ich frage Großvater einmal, als wir an einem regnerischen Tag zusammen das Haus verließen, ob wir denn den Schirm mitnähmen.
„Das brauchen wir nicht“, erwiderte er damals.
Natürlich wurden wir beide patschnass, und zuhause wieder angekommen, drückte ich mein Unverständnis aus. Großvater antwortete, dass der Regen etwas Natürliches sei, man müsse ihn so hinnehmen und auch ertragen wie er ist. Man dürfe sich dadurch nicht aus seinem Gemüt bringen lassen, und das gelte übrigens für alles Unangenehme, was das Schicksal so mit sich bringt. Das war es, die Schirmlektion half mir weiter. Welchen Sinn konnte es haben, die Nerven zu verlieren, die Situation war niederschmetternd, aber ich musste versuchen, wieder das Gleichgewicht zu finden.
So setzte ich mich dann auf Großvaters Sessel, legte die Beine hoch, so wie er es immer getan hatte, und dachte an die schönen Momente zurück. Irgendwie hatte ich dann das Gefühl, Großvater wäre in meiner Nähe oder vielleicht auch in mir drin, sozusagen ein Teil von mir. Auf diese Weise verging dann der Nachmittag mit wohl tuenden Gedanken und irgendwann schlief ich ein.
Als ich wach wurde, war es draußen schon dunkel. Ich tastete mit meiner Hand nach dem kleinen Tisch neben dem Sessel, um die Leselampe anzuschalten. Nachdem ich das Licht angemacht hatte und die Hand zurückzog, stieß ich an Großvaters Armbanduhr, sie lag unscheinbar neben der Lampe. Er hatte sie mir immer versprochen, wenn er mal nicht mehr da sein sollte. Er sagte, ich solle sie immer in Notzeiten tragen, da sie mir nicht nur die Zeit, sondern auch den Weg weisen würde. Ich nahm sie in die flache Hand und sah, dass sie stehengeblieben war. Sie zeigte 14.16 Uhr an. Das war ungefähr der Zeitpunkt, zu dem er gestorben war. Seltsam, sie war wohl kaputt gegangen, dachte ich. Kopfschüttelnd stand ich auf und legte sie in den Schrank, auf das oberste Regalbrett, vorne an die Kante.
Plötzlich klingelte es in unserem Flur. Ein Zeichen, dass jemand am Gemeinschaftstelefon nach mir verlangte. Das konnte nur Mutter sein. Ich bewegte mich hastig in das Treppenhaus zum Telefon. Es war in der Tat Mutter am Apparat. Sie war sehr nervös, das sah ich an ihren Augen, als ihr Bild auf dem Display erschien.
„Mutter, du musst nach Hause kommen, Großvater ist gestorben ... sie haben ihn mitgenommen“, stammelte ich in das Gerät hinein.
Mutter antwortete direkt: „Ich komme sofort nach Hause, rede mit niemanden. “
Sie senkte ihren Kopf beruhigend nach vorne, schloss kurz die Augen und legte auf. Das wirkte tröstend auf mich. In einer Zeit, in der man auf seine Worte gut aufpassen musste, sprachen solche Gesten ganze Bände. Mir war jedoch bewusst, dass „sofort“ mindestens zwei Tage bedeutete, denn der Weg von den Textilfabriken nach Hause war lang. Zudem erschwerten die ständigen Kontrollen das Reisen. Als Mutter das letzte Mal unvorhergesehener Dinge nach Hause musste, als die Taubheit in meinen Beinen ganz schlimm war und ich zeitweise gar nicht gehen konnte, berichtete sie, dass sie besonders oft kontrolliert wurde, weitaus mehr als üblich, was schließlich die Reise um einen ganzen Tag verlängert hatte. Großvater kommentierte damals nur: „Wer hektisch wirkt, zieht die Aufmerksamkeit auf sich ... und in Zeiten der Lethargie macht man sich besonders verdächtig “
Aber dennoch, ich hatte Vertrauen, dass Mutter den besten und schnellsten Weg finden würde, und so geduldete ich mich.
Da noch Ferien waren, konnte ich am Folgetag zuhause bleiben. Draußen goss es in Strömen, und so versuchte ich es mir in der Wohnung etwas gemütlich zu machen. Ich wollte eigentlich den TV-Lancer ausprobieren, den Großvater und ich noch zu Beginn der Woche, nachdem uns die Informationsbehörde dazu schriftlich aufgefordert hatte, abgeholt hatten. Zwar sträubte ich mich gegen das Fernsehen, weil man das unentwegte Eintrichtern von Konsum- oder Verhaltensregeln irgendwann satthatte, aber zumindest wäre es an diesem Tag eine brauchbare Ablenkung gewesen. Doch fiel mir brühwarm ein, dass das Gerät noch nicht in der Quarantäne gewesen war. Die Spezialisten aus Block C hatten wir noch nicht erreichen können. Das Ding einzuschalten, ohne auf zusätzliche Überwachungstechnik untersucht zu haben, war mir dann doch nicht geheuer. Ich ließ es somit lieber in seiner Schachtel und stellte diese wieder zurück auf den Tisch. Während ich das tat, richtete ich meinen Blick aus dem Fenster und sah mir den endlosen Regen an. Doch je l änger ich ihn beobachtete, desto weniger empfand ich ihn als unangenehm.
Und so beschloss ich, die Zeit zu nutzen, um zum Recycling-Markt zu gehen. Dies hatte ich oft getan, denn ich genoss es, die Menschen zu beobachten, wenn sie versuchten, die Dinge des alltäglichen Lebens für wenig Geld zu erstehen. Der Recyclingmarkt lag am östlichen Ende unserer Stadt, weit draußen. Er war sehr groß und, wenn man sich nicht auskannte, auch sehr unübersichtlich. Die unzähligen kleinen Läden waren in ehemaligen Überseecontainern untergebracht, manchmal standen auch zwei übereinander, was die Ladenfläche quasi verdoppelte. Es war eine regelrechte Containerstadt mit ihrem eigenen Charme und ihren eigenen Regeln. Dort konnte man alles erstehen, von kleinen Ersatzteilen bis hin zu großen alten elektrischen Geräten. Aber auch Textilien oder Baumaterialien waren dort zu finden. Da die Menschen in unseren Bezirken nur wenig Geld zum Leben hatten und neue Waren, obwohl sie einem unentwegt vor die Nase gehalten wurden, fast unerschwinglich waren, war der Recycling-Markt eine echte Alternative. Dem Konsumentenamt war dies natürlich ein ständiger Dorn im Auge. Es gab immer wieder Bemühungen, den Markt zu schließen. Doch die Versuche erwiesen sich als halbherzig, denn nach jedem Schließversuch verlagerte sich das geschäftliche Leben ein Stück weiter nach draußen, und somit wurde das bunte Treiben vorerst toleriert.
Gezahlt wurde auf dem Markt ausschließlich mit Metallgeld. Dem nach der Anarchie eingeführten virtuellen Cash vertraute niemand, sodass die kleinen Messing- und Silberkügelchen in ihren verschiedenen Größen das akzeptierte Zahlungsmittel wurden. Manchmal konnte man sogar Goldkügelchen sehen, aber hier wurde beim Besitzerwechsel streng darauf geachtet, dass niemand zuschaute.
Ich mischte mich immer stundenlang unter die Leute und beobachtete sie ganz genau. Insbesondere das Feilschen um den Preis war ein Spektakel, das mir ausgesprochenen Genuss bereitete. Es war eigentlich immer wieder dasselbe Ritual: Die Verkäufer wollten viel für ihre Waren erzielen und priesen sie in höchsten Tönen an, die Käufer hingegen wollten kaum etwas zahlen und redeten die Waren schlecht. Am Ende stand dann in der Regel eine Einigung in der Mitte und alle waren glücklich. Das war die Standardprozedur, es gab aber auch listige Varianten, seine Preisziele durchzusetzen. Es gab da Verkäufer, die immer versuchten, dem Kunden mehrere Dinge gleichzeitig zu verkaufen. Sie warben mit einem besseren Preis, was den Kunden eine gewisse Freude ins Gesicht zauberte. Zumindest interpretierte ich ihre entspannten Gesichter in diesen Momenten so. Nach einem hektischen Hin und Her verließ der Kunde das Geschäft und war scheinbar zufrieden. Rechnete man aber genau nach, wurde der Kunde oft über den Tisch gezogen. Aber wer hatte schon den Überblick in solch hektischen Situationen?
Als beeinträchtigter Jugendlicher mit einem Gehstock — den nahm ich immer mit, wenn ich lange Wege gehen musste - wurde ich selten ernst genommen und fand deswegen auch kaum Beachtung. Und so konnte ich das ganze Geschehen immer aus nächster Nähe betrachten. Mit der Zeit fiel mir auf, dass eigentlich alles nach immer wiederkehrenden Mustern abläuft und, so begann ich irgendwann zu raten, welches Muster wohl als nächstes erfolgte. Dies war eine Art Wettbewerb gegen mich selbst, bei dem ich versuchte, immer besser zu werden. Ich betrachtete die Menschen genau, wie sie gingen, wie sie redeten, welche Kleidung sie trugen, und ich lernte, daraus Schlüsse zu ziehen über ihre Art zu handeln, also mit welcher Strategie sie versuchten, möglichst erfolgreich zu kaufen oder zu verkaufen.
An diesem Tage beobachtete ich etwas Kurioses. Ich hielt mich in der Nähe eines Containers auf, aus dem alte Bücher verkauft wurden. Alte Bücher waren sehr begehrt, denn es wurden schon lange keine Neuen mehr gedruckt. Die Menschen sagten stets: „Darin befinde sich die Wahrheit, alles, was heutzutage geschrieben wird, ist sowieso nur Täuschung und Manipulation. “
Als ich so da stand und in den Bücherkisten eines Ladens kramte, kamen zwei junge Leute mit Kapuzenjacke und sprachen den Verkäufer unvermittelt nach einem speziellen Buch an. Sie fragten nach dem „Buch der Prinzipien“. Der Verkäufer schien sichtlich angespannt, das bemerkte ich an seinen leichten, aber hektischen Kopfbewegungen. Er schüttelte schließlich den Kopf und schickte die beiden wieder fort. Er hätte dieses Buch nicht, außerdem hätte er schon ewig kein Exemplar mehr in der Hand gehabt, gab er ihnen zu verstehen. Die beiden gingen gleich wieder und verschwanden in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Der Händler aber schien sich nicht beruhigen zu können. Er lief noch eine Zeitlang nervös auf und ab.
Das machte mich neugierig, ich wollte wissen, was es damit auf sich hatte. Das Buch der Prinzipien ... davon hatte ich noch nie gehört. Es machte wenig Sinn, diesen Händler erneut zu fragen und ihm dadurch noch mehr Schweiß auf die Stirn zu treiben. So beschloss ich, mir einen anderen Buchhändler zu suchen und diesen nach dem besagten Buch zu befragen. Ich ging weiter in Richtung Zentrum des Marktes, dorthin, wo die Gassen immer enger wurden und die Gefahr sich zu verlaufen immer größer wurde. Doch es war kein Problem, ich kannte mich ja aus. Ich wusste von einem sehr alten Buchhändler, nicht gerade redselig, aber sicherlich konnte er etwas über das Buch sagen.
Als in an seinem Container ankam, saß er hinter seinen provisorischen Auslagen, eine alte Zeitung lesend. Sein Haar war ganz weiß und die Brille, die er aufhatte, schien älter zu sein als er, so dick war das Horn des Gestelles und vor allem auch die Gläser.
Ich sprach ihn unvermittelt an: „Haben Sie vielleicht das Buch der Prinzipien?“
Er hob daraufhin langsam den Kopf und musterte mich genau. Dann sagte er in leisen Worten: „Junge, du weißt nicht, nach was du fragst, oder? ... Komm rein. “
Er bat mich in seinen Container. Dort nahm er mich nah zu sich und schaltete ein altes Radio an. Mit leiser Stimme sprach er weiter:
„ Wir müssen leise sein, heutzutage wird ja überall mitgehört... das Buch der Prinzipien ... hmmm, ...du weißt, dass es verboten ist. Sie mögen es nicht, wenn es gelesen wird, es könnte viel Unruhe verbreiten. “
Ich ließ nicht locker, ich wollte wissen, was es damit auf sich hatte und bohrte weiter. Er sagte daraufhin: „Man weiß nicht, wer dieses Buch geschrieben hat, aber es enthält Dinge, die sehr machtvoll sind, wenn man versteht, sie anzuwenden ... aber geh jetzt, ich kann dir nicht mehr sagen. “
Ich gab mich zufrieden, nahm meinen Stock und entfernte mich dann langsam von dem Alten. Da es schon recht spät am Nachmittag war, beschloss ich, mich auf den Nachhauseweg zu machen. Der Tag auf dem Markt hatte mich abgelenkt, doch als ich im Zug Richtung Innenstadt saß, kamen die Gedanken an Großvater wieder hoch und die tiefe Trauer stellte sich wieder ein. An diesem Abend ging ich früh zu Bett.
Mutter war schon da, als ich am nächsten Morgen. Sie hatte mich ausschlafen lassen. Als ich in die Tür zur Küche trat, sah ich sie da am Tisch sitzen, schweigend hinter einer Tasse Kaffee. Die Hände hatte sie vor sich gefaltet. Ich ging auf sie zu, sie stand auf und nahm mich in ihre Arme und drückte mich ganz fest: „Ich bin so froh dich zu sehen, Theo. “
Dann verstummte sie wieder. Ja, es gibt Momente, da macht es keinen Sinn, krampfhaft nach Worten zu suchen, gerade dann, wenn man sein Innerstes zum Ausdruck bringen will. Sie fallen einem sowieso nicht ein. Und dies war einer dieser Momente. Ja, wir waren beide sprachlos, und so nahm ich mir dann auch einen Stuhl und setzte mich zu ihr an den Tisch.
Mutter fragte mich nach einer Weile, wie es geschehen war. Ich erzählte daraufhin, wie Großvater in seinem Sessel starb und wie man ihn abholte. Mutter fragte mich dann gezielt nach Opas letzten Worten und nach seinem Gespräch unmittelbar vorher. Mir war dies unverständlich, war das denn so wichtig, zumal ich mich nicht mehr daran erinnern konnte.
Daraufhin erwiderte Mutter: „Du kanntest doch deinen Großvater ... kein Wort, das er sagte, war jemals unbedeutend gewesen, und er kannte sich auch selbst sehr gut, ich bin mir sicher, dass er ahnte, dass es zu Ende ging. Versuch zu überlegen, was er als Letztes sagte, es könnte wichtig für uns sein. “
Ich begann zu grübeln. Uber was hatten wir geredet an diesem Morgen seines Todestages, was hatte er geäußert?
Mir fiel dann doch etwas ein. Wir hatten weniger miteinander gesprochen, er hatte eher so laut vor sich hingedacht und über das System oder besser über die Kartelle nachgedacht. Ich berichtete Mutter, dass er wohl vermutete, dass sie bald den nächsten Schritt tun werden und wir wachsam seien müssen, wenn wir unsere Freiheit nicht gänzlich aufgeben wollten. Was er mit diesem Schritt meinte, war mir nicht klar gewesen, aber er betonte dann noch, es wäre bald Zeit, das Unkoordinierte zu koordinieren. Dies war wieder einer dieser verschlüsselten Sätze, er mochte es, so zu reden. Ich war mir nie sicher gewesen, was er damit bezweckte — vielleicht, um mich zum Nachdenken anzuregen, vielleicht war es aber auch nur eine Vorstufe seiner finalen Gedanken gewesen?
Mutter schaute auf: „ Wenn ich dies deute, hatte er eine Ahnung, dass uns Schlimmes bevorsteht, und er dachte darüber nach, wie man dem entgegentreten könne. Wir können so nicht weitermachen“, sagte sie dann. „Wir beide müssen uns auf die Suche nach Gleichgesinnten machen, was auch immer dann passiert. “
Wir lebten die ganzen Jahre eigentlich recht zurückgezogen und trauten nur wenigen Menschen, insbesondere nur jenen mit einem stabilen Charakter, denn ihnen konnte man vertrauen.
„Schwankende Persönlichkeiten“, so pflegte Großvater zu sagen, „ziehen dich in den Abgrund, wenn es ihnen schlecht geht, oder sie opfern dich, wenn ein Vorteil dabei winkt. “
Mutter deutete also Großvaters letzte Worte als einen Aufbruch und eine Veränderung, die uns bevorstanden, und wir waren dafür verantwortlich, dass sie erfolgte.
Wir saßen noch eine Weile am Küchentisch, ohne ein Wort zu sagen. Jeder von uns beiden hatte eine Unmenge Gedanken im Kopf, die es erst mal zu sortieren galt. Mutter stand dann aber auf und machte Frühstück. „Es hilft nichts, mit leerem Magen kommen wir auch nicht weiter“, sagte sie.
Während sie so nach und nach die Dinge aus dem Kühlschrank holte und auf den Tisch stellte, begann sie, über die Lebensmittel zu schimp fen. „Wir haben zu essen, ja, aber schmecken tut es nicht. Das, was wir Loyale zum Essen kaufen können, ist das, was die Sorgenden nie zu sehen bekommen. Ich weiß es aus der Fabrik, die Vorgesetzten dort bekommen eine ganz andere Nahrung. Sie schmeckt wohl besser, denn wenn man ihnen bei Essen zuschaut, erkennt man einen Genuss in ihrem Gesichtsausdruck. Ich kann mich schon lange nicht mehr daran erinnern, beim Essen einen Genuss erlebt zu haben. Wir bekommen das Ergebnis der so hochgepriesenen Gentechnik zu spüren, welche zum Einsatz kam, um den Weg aus der Anarchie zu finden. Hörte sich damals ja beruhigend an, aber man fragt sich dann doch, wieso nicht alle dieses Essen bekommen? In der Fabrik vermuten sie, dass sie noch gar nicht wissen, wie sich das Fair-Food auf den Menschen auswirkt. Deswegen werden die Sorgenden mit anderen Lebensmitteln versorgt. “
Zu essen hatten wir an und für sich ausreichend. Die Regale in den Geschäften waren eigentlich immer gefüllt, ich verstand nicht ganz, warum Mutter ihren Frust an der Qualität des Essens abließ. Vielleicht war mein Unverständnis aber darin begründet, dass ich nichts anderes kannte, für mich war Fair-Food normal.
Am Tisch sitzend fing sie dann an, über Großvater zu erzählen. „Ich weiß nicht“, sagte sie mit leiser und trauriger Stimme, „ob Großvater dir in all den Jahren, in denen du mit ihm zusammen warst, viel über seine Lebensgeschichte erzählt hat. Ich glaube es ist Zeit, dir darüber ein wenig zu berichten, sodass du dir ein umfassendes Bild machen kannst, was für ein Mensch er war. “
Wenn ich so nachdachte, hatte Großvater tatsächlich nie viel über seine Vergangenheit erzählt. Es stimmte, ein komplettes Bild hatte ich von ihm nicht im Kopf. All das, was in diesem Moment in meiner Erinnerung war, waren die Stunden der Gespräche mit ihm.
„Großvater“, so erzählte Mutter weiter, „war früher viel in der Welt unterwegs, bevor sich die neuen Zonen etablierten. Er leitete für die großen Konzerne immer wieder Projekte und war dazu in vielen verschiedenen Ländern tätig. Als ich so alt war wie du, hat er mir immer darüber erzählt. Ich war fasziniert von seinen Geschichten über fremde Kulturen und von seinen Erlebnissen mit den Menschen dort. Man schätzte seine Arbeit, da er sehr verantwortungsvoll mit seinen Aufgaben umging und auch stets Lösungen für Probleme fand, wo andere sich schwertaten.
Es kam dann eine Zeit, in der er neue Chefs bekam, in der Regel jünger als er selbst. Mit ihnen ist er immer weniger klargekommen, da sie Dinge von ihm erwarteten, die er nicht umsetzen konnte. Er hatte mal vor Jahren von einer Situation berichtet, in der er in einen Streit mit seinem Vorgesetzten geriet, weil dieser von ihm verlangte, einem Kunden, in der jetzigen südlichen Zone, das Saatgut für die Felder nicht auszuliefern, da der Kunde im Rückstand mit seinen Kreditzahlungen war. Der Vorgesetzte drängte darauf, ein Exempel zu statuieren, um die anderen Bauern einzuschüchtern. Es wurde zwar nicht so hart dargestellt, aber Großvater brachte es damals auf den Punkt. Er argumentierte, dass es ohne Saatgut überhaupt keine Ernte mehr geben wird und der Kunde nie mehr zurückzahlen könne, was er schuldete. Ein Exempel zu statuieren mache keinen Sinn, da die dürftigen Ernten zu dieser Zeit nicht auf das Verschulden des Bauern, sondern auf die anhaltenden Dürren zurückzuführen seien.
Dieser Klartext hat dem jungen Chef nicht gefallen. In der Folge bekam er keinen Auftrag mehr von dem Konzern und auch nicht mehr von anderen. Wie Großvater viel später von einem verlässlichen Freund erfuhr, führten die Konzerne schon damals im Hintergrund ein üb ergreifendes Punktesystem, das Berater wie er und auch andere Mitarbeiter bewertete, insbesondere ihre Einstellung zum Auftraggeber, ihre Loyalität und auch ihren Hang zur Kritik. Das war ziemlich genau zu der Zeit gewesen, als die allgemeine Heuchelei losging und die Menschen nicht mehr ehrlich zueinander waren. Fortan musste jeder seine Worte mit Bedacht wählen.
Großvater war damals sehr enttäuscht, er fragte sich immer wieder, ob diese Welt denn keinen mehr mit Verstand benötige, sondern nur noch ausführende Erfüllungsgehilfen. Ja, damit war er durchs Netz gefallen, denn richtige Arbeit bekam er nie wieder. Er war dann fortan zu Hause und beschäftigte sich meist mit seinen Büchern. Kurz darauf folgte dann die Anarchie und es brach alles zusammen. “
Das war mir alles so nicht bekannt gewesen, zumindest nicht im De tail. Mich interessierte dann aber, wovon er eigentlich lebte.
„Erst einmal von seinen Ersparnissen“, fuhr Mutter fort, „er konnte sich sehr gut einschränken, und so gelang es ihm, die Zeit zu überbrücken, bis die aufgestiegene Kartellregierung die Sozialrente herausbrachte. Das war übrigens auch die Zeit, in der dein Vater krank wurde und verstarb. Großvater zog dann zu uns beiden. Mit der Arbeit in der Textilfabrik und seiner kleinen Rente konnten wir dann die Dinge angehen. Diese Zeit war sehr hart, denn ich sah keinen Ausweg aus der Misere. Mit Großvater aber hatte ich wieder ein gutes Gefühl, die Dinge in den Griff zu bekommen. Denn er wusste immer genau, was er tat, und man hatte immer das Gefühl der Sicherheit, wenn man in seiner Nähe war oder ihm etwas anvertraute. So war ich mir auch sicher, dass deine Erziehung bei ihm in guten Händen war. “
Es stellte sich mir dann die Frage, weshalb Großvater so weltoffen war, was hat ihn damals bewegt.
„Nun“, antwortete Mutter, „es gab ja die Zeit vor dem Zusammenbruch. Damals waren alle Grenzen offen, man konnte frei reisen und es sich auch leisten. Aber auch Menschen aus anderen Ländern kamen in unser Land und ließen sich hier nieder. Großvater war dadurch geprägt und er hatte zudem viele Sprachen erlernt. Er genoss es, die Menschen zu studieren und entwickelte ein gutes Gespür im Umgang mit ihnen. Als dann, in den Jahren des Chaos die Grenzen wieder aufgebaut und die Zonen gebildet wurden, änderte sich alles. Man sagte damals, es wäre zu unserem Schutz, da man dem zunehmenden Ansturm der vielen Menschen von außerhalb nicht mehr gewachsen war, die in der Folge der langen Bürgerkriege und Katastrophen aus dem Osten und Süden kamen. Seine Generation wuchs nun mal noch in Freiheit und in Frieden auf, und das hat ihn natürlich geprägt. “
Als ich Mutter so beobachtete, fiel mir auf, dass ihre leise Stimme zu Beginn des Gespräches sich nun erhoben hatte und sie statt Traurigkeit eher Stolz zum Ausdruck brachte. Sie trauerte um den Verlust, war aber zugleich auch angetan vom Wesen ihres Vaters, das sie sich selbst mit den Erzählungen in Erinnerung zurückrief. Ich wusste, dass er ein Mann gewesen war, den man nicht einfach brechen konnte. Jemand, der den Kopf nicht hängen ließ und immer versuchte das Beste aus der Situation zu machen, auch wenn sich die Bedingungen zunehmend verschlechterten. Und dieses Bild hatte Mutter wahrscheinlich auch gerade im Kopf, sodass sich die Tränen in ihren Augen langsam auflösten und sich eine Art Hoffnung in ihrem Blick einstellte.
„Wir müssen uns nun aber Gedanken machen, wie es weitergeht“, sagte sie nach einer längeren Pause. „Es wird nicht einfach sein, denn ich muss in die Fabrik zurück und du wirst hierbleiben müssen ... “
Ich fiel Mutter ins Wort, denn ich spürte intuitiv, dass sie den Satz nicht zu Ende bringen konnte. Und so versuchte ich sie zu überzeugen, dass ich alt genug war, um alleine klarzukommen. Schließlich hatte Großvater jahrelang darauf hingearbeitet. Ich hatte auch schon eine erste Vorstellung, wie man das Problem mit der Präventiv-Erziehung umgehen könnte.
Ich erzählte ihr, dass in der Schule immer wieder Projekte liefen, die der loyalen Erziehung dienten. Ich hielt mich immer fern von diesen Veranstaltungen, da man sowieso nur eine Gehirnwäsche erwarten konnte. Da ich nun bald 17 werden würde, schlug ich Mutter vor, mich dort zu engagieren. Als angehender Erwachsener mit kartellfreundlicher Gesinnung würden sie vielleicht meine Lebenssituation dulden und nicht auf den Gedanken kommen, mich in die Zwangserziehung zu stecken. Ich traute mir das zu, und das spürte Mutter wahrscheinlich auch, sodass sie am Ende einverstanden war, es über diesen Weg zu versuchen.
„Wir müssen sehen“, sprach sie weiter, „wie sich die Dinge entwickeln und entsprechend reagieren, es macht wohl wenig Sinn, sich heute einen genauen Plan zu überlegen. Mir geht aber nach wie vor nicht aus dem Kopf, was Großvater in seinen letzten Worten gemeint hat. Du musst Gleichgesinnte suchen, denn ohne Hilfe könnte es doch kritisch werden, wir wissen nicht was auf uns zukommt. “
Mir war nicht klar, wie man das anstellen konnte, schließlich war ja keinem mehr zu trauen. Zu groß ist die Gefahr, ins Visier des Systems zu gelangen, und dann wäre der letzte Rest Freiheit dahin gewesen.
„Oh“, sagte Mutter dann, „ich weiß da einen Trick, er ist auch von Großvater. Als er ihn mir damals erklärte, sagte er, schon die Alten hätten vor vielen hundert Jahren diese List angewandt, um die guten Charaktere von den schlechten unterscheiden zu können, auch damals konnte man nur wenigen Menschen trauen. Frage die betreffende Person um Rat und nimm eine hilfsbedürftige Position ein. Schau anschließend, ob der Rat dir wirklich hilft, und zwar nur dir, oder ob er mit dem Rat eigene Ziele verfolgt, vielleicht sogar deine Hilflosigkeit auszunutzen versucht. Schau auch, ob er sich alles anhört, was du zu sagen hast, oder ob er vorschnell mit einer Antwort herauskommt. Dann ist er nämlich ein Dummkopf, der nicht zuhören will, und genau so gefährlich wie jene, die dich ausnutzen wollen. Halte dich von beiden fern, denn sie bedeuten nur Übel. Beachte diese Regel und du wirst die Gleichgesinnten erkennen können, denn guter Rat ist der Spiegel der Vernunft, pflegte man zu sagen. Schau ihnen auch tief in die Augen, wenn deine Situation sie wirklich beschäftigt und sie sich brauchbare Gedanken machen, wirst du sehen, wie sich ihre Pupillen öffnen. Das Schöne daran ist, dass nur du sie erkennst, es können ruhig andere Leute dabei sein, sie werden nicht bemerken, was du in diesem Moment in Erfahrung gebracht hast. “
Das war mir neu, diesen Trick hatte Großvater mir nicht beigebracht, gut, dass Mutter ihn kannte und an mich weiterreichen konnte. Ich war fasziniert davon, wie einfach es war, die Menschen zu unterscheiden. Allerdings musste ich dies üben, das war mir bewusst. Ein paar Klassenkameraden könnten hierfür vielleicht als Versuchsobjekte dienen, dachte ich mir.
Es war schon Mittag geworden und Mutter wollte sich hinlegen, was verständlich war, da sie die ganze Nacht auf den Beinen gewesen war. Ich fragte sie, ob ich an Großvaters Schrank gehen könne, um mir die Zeit zu vertreiben. Sie war einverstanden, schließlich war er nun unser gemeinsames Erbe.
Als ich den Schrank aber öffnete, überkam mich doch ein befremdliches Gefühl. Es war, als ob ein schlechtes Gewissen in mich fuhr. Der Gedanke, in Großvaters Sachen zu stöbern, ohne seine Erlaubnis zu haben, verschaffte mir nach wie vor Unbehagen. Aber er war nicht mehr da, und vielleicht würden mir seine Dinge helfen, die Zukunft etwas zuversichtlicher angehen zu können. Das wäre ja wiederum in seinem Interesse gewesen, beschwichtigte ich mich selbst.
Ich nahm mir eines der oberen Regalfächer vor. Er war vollgestopft mit alten Büchern, die ich erst einmal im Stapel vorsichtig herauszog und auf den Tisch legte. Ich setzte mich dann und begann, sie nacheinander in die Hand zu nehmen. Sie waren schon sehr alt gewesen, wohl älter als Großvater selbst. Wenn man sie aufschlug, konnte man einen seltsamen Geruch wahrnehmen, nicht unbedingt unangenehm, aber irgendwie anders, schwer zu beschreiben. Ging man mit der Nase dicht heran, roch es ganz stark, weiter entfernt verflüchtigte sich der Geruch. Viele der Büchertitel konnte ich nicht verstehen, sie waren teils in anderen Sprachen beschrieben, manche waren auch in einer alten Schrift verfasst, sodass es sehr mühsam war, sie zu entziffern. So schmökerte ich dann lange Zeit, ohne eigentlich zu verstehen, was ich da vor mir hatte. Das war aber auch nicht so wichtig, denn ich hatte das Gefühl, Großvater sei ganz nah bei mir. Und seltsamerweise hatte ich auch das Vertrauen, dass ich irgendwann schon verstehen würde, wozu man die Bücher benutzen und wie man sie lesen und verstehen kann. Die Zeit des Stöberns wurde natürlich immer wieder unterbrochen durch Erinnerungen, die sich mir ins Gedächtnis schoben. Erinnerungen an die Zeit, als er noch da war. Ich hob dann immer wieder den Kopf und schaute lange aus dem Fenster oder ließ langsam meinen Blick durch das Zimmer schweifen.
Die Schranktüren waren noch weit geöffnet und als ich während meines Schweifens in das obere Regal schaute, fiel mir ein schwarzer metallischer Rand eines Gegenstandes auf. Ich stand auf und fühlte mit der Hand oben im Regal nach. Es war ein Blech, wie ich an der kalten Oberfläche feststellen konnte. Ich zog es hervor und legte es dorthin auf den Tisch, wo vorher die Bücher gelegen hatten. Es sah aus wie ein altes Backblech. So wie man sie früher wohl für den Backofen benutzte, rechteckig und mit einem abgerundeten Rand versehen. Unter dem oberen Rand war in großen Buchstaben eingraviert „Anleitung zum Denken“. Darunter waren viele umrandete Felder graviert, die auch wieder Begriffe wie beispielsweise „Spieler“, „Situation“, „Wege“ beinhalteten.
„Was war denn das?“]^ Großvater war manchmal schon seltsam, und es kostete mich manchmal Mühe, ihn zu verstehen, aber dies hier konnte ich nun wirklich nicht einordnen. „ Was hatte er denn damit bezweckt?“
Ich grübelte lange nach, bis Mutter zur Tür hereinkam. Sie hatte sich mittlerweile etwas ausgeschlafen. Ihr Blick fiel direkt auf den Tisch, auf dem das Backblech lag. Da fing sie unvermittelt laut zu lachen an und sagte: „ Gibt es das alte Blech auch noch?“
Ich verstand nun gar nichts mehr und schaute sie fragend an. Sie spürte wohl, dass ich eine Erklärung benötigte, und so kam sie langsam in das Zimmer herein und setzte sich mir gegenüber.
„Du weißt sicherlich nicht, was das ist und wozu es Großvater benutzte. Ich habe vor vielen Jahren genauso dreingeschaut wie du, als er es zum ersten Mal vor sich liegen hatte. Ich fragte ihn damals, was er denn mit diesem alten Backblech wolle und warum er so grübelnd draufschaute. Es war damals übrigens voll mir kleinen beschriebenen Zettelchen. Er wurde ungehalten. Ich dachte in diesem Moment, man könne ihn nicht mehr für voll nehmen, so auf ein Backblech starrend — und dies spürte er auch. Er fing sich natürlich direkt und begann mir zu erklären, was es damit auf sich hatte. Komplizierte Dinge seien schwer zu verstehen und wenn man gar eine Lösung für ein schwieriges Problem suchen müsse, brauche man sein ganzes Gehirn. Nun wäre es so, wenn wir bewusst an etwas denken, haben wir immer nur die wichtigsten und neuesten Tatsachen vor unseren Augen, das ganze Denken drehe sich nur darum. Oft wäre es so, dass man stundenlang nachdenkt und keinen Schritt weiterkomme — und das nerve ihn. Es gäbe aber viele weitere Aspekte, die zu einer guten Problemlösung beitragen könnten, unser Gehirn ist aber nicht in der Lage, an all diese gleichzeitig zu denken.
Deswegen müsse man einen weiteren Teil des Kopfes zur Hilfe nehmen, und zwar die Intuition. Sie befände sich im Hinterkopf und würde ständig arbeiten, ohne dass wir dies registrierten. Um sie nun zur nutzen, müsse man ihr alle wichtigen Informationen zukommen lassen, erst dann könne sie optimal arbeiten und würde einem irgendwann ein gutes Ergebnis in die Hände fallen lassen. Und all diese wichtigen Informationen, manchmal erscheinen sie auch als unwichtig, sammelte er auf seinem Blech. Deswegen all die kleinen beschriebenen Zettel. Denken sei wie Kochen oder Backen. Man bringt alle Zutaten zusammen, vermischt sie und schiebt sie anschließend in den Ofen. Heraus komme nach ausreichender Backzeit ein wohlschmeckendes Gericht. Und mit dem Denken machte er es genauso. Sind alle Zutaten auf dem Backblech, schob er es nach hinten in den Ofen und ließ seine Intuition das Ganze durchbacken. Am nächsten Morgen hatte er dann in der Regel eine gute Idee, wie er sein Problem angehen konnte, oft sah die Lösung ganz anders aus, als noch am Vortag angedacht. Das war seine Erklärung, ich kann mich noch gut daran erinnern. So hatte er damals einige Monate lang immer wieder vor seinem Denkblech gesessen, bis er es irgendwann nicht mehr benötigte. Es war für ihn letztendlich nur eine Hilfestellung gewesen, seine Gedanken zu ordnen ... Ich muss noch mal lachen fuhr Mutter dann fort, „ Großvater hatte schon so seine Marotten. “
Mutter ging anschließend zum Fenster und schaute eine Weile stumm in das trübe Wetter hinaus. Als sie sich wieder herumdrehte, war ihr Lachen verflogen und ihr Blick verriet eine tiefe Hoffnungslosigkeit: „ Wir müssen uns Gedanken machen, wie es nun weitergeht, ich mache mir große Sorgen wegen deiner Beine ... Ich muss auch morgen in der Früh wieder zurück zur Fabrik. Sie würden mich entlassen, wenn ich nicht rechtzeitig wieder da wäre“, sprach sie mit leiser, verzweifelter Stimme.
Ich ergriff daraufhin das Wort und beruhigte sie. Ich versuchte zum Ausdruck zu bringen, dass ich verstanden hätte, was zu tun wäre, in der Hoffnung, ihre Sorgen etwas mildern zu können. Ich versprach ihr, auf mich acht zu geben und auch in der Schule meine Rolle als Loyaler zu spielen. Auch beruhigte ich sie wegen meiner Beine. Ich wüsste mir schon zu helfen, schließlich sei ich kein Kind mehr.
„Ja“, erwiderte sie dann, „das Schicksal verlangt von dir nun, erwachsen zu sein, früher als erwartet. Du darfst auch Großvaters letzte Gedanken nicht aus den Augen verlieren, du musst Gleichgesinnte finden, das wird die Dinge etwas vereinfachen. Komm mal mit, ich muss dir noch etwas zeigen. “
Ich folgte ihr in die Küche. Dort nahm sie einen Schraubenzieher aus der Schublade und schraubte eine Fußleiste von der Wand. Sie bog ein Ende nach vorne, bis ein Hohlraum sichtbar wurde. Darin befand sich ein kleines Säckchen. Mutter zog es heraus und öffnete es vorsichtig. Leicht zur Seite gedreht rollten ihr dann verschieden große Kugeln Metallgeld in die Hand. Am gelblichen Glanz konnte ich erkennen was es war: Kein Kupfer und kein Silber - nein, sie waren aus Gold.
„Das ist für spezielle Probleme“, sprach sie aus. „Solltest du in Schwierigkeiten kommen, greife darauf zurück. Mit Geld kann man heutzutage alles klären. Leider, aber so ist nun mal unsere Zeit. Geh sparsam damit um, du weißt nie, wie du es gebrauchen musst. Und sei immer vorsichtig, besonders mit dem Gold. Nimm stets nur eine Kugel hervor, wenn jemand Verdacht schöpft, dass noch mehrere vorhanden sind, wird er dir folgen. Großvater hatte dieses kleine Depot angelegt, nur wir beide wussten davon. “
Ich schluckte.
„Wenn es ernste Probleme gibt“, wies sie mich weiter an, „dann nutze das Gemeinschaftstelefon. Erzähl mir dann irgendetwas Belangloses. Benutzt du dabei das Wort „verzeih“, weiß ich, dass es ernst ist, und ich werde dann versuchen, eine Möglichkeit zu finden, nach Hause zu kommen ... Oh Gott, in welchen Zeiten leben wir nur, wie hat sich die Welt verändert seit die Kartelle die Macht über uns Menschen übernommen haben? ... Nun bin ich hier in dieser traurigen Stunde und kann dir noch nicht einmal viel helfen... du wirst es alleine meistern müssen ...“, sprach sie weiter und setzte sich anschließend niedergeschlagen an den Tisch.
Ich setzte mich zu ihr und ergriff ihre Hand. Dabei fingen ihre Tränen an zu laufen. Schnell fingerte sie in ihrer Hosentasche und zog ein Taschentuch heraus, um sie abzutrocknen. Es war ihr unangenehm, weinen zu müssen, das spürte ich, aber unterdrücken konnte sie es nicht. Wir saßen noch lange am Tisch, bis in den Abend hinein und holten all unsere Erinnerungen an Großvater hervor. Dies machte uns dann doch wieder etwas Mut; mir wahrscheinlich mehr als Mutter.
Ich brauchte an diesem Abend noch sehr lange, bis ich einschlafen konnte. Zu viele Gedanken gingen mir durch den Kopf.