Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:
www.piper.de
© Piper Verlag GmbH, München 2021
Covergestaltung: Büro Jorge Schmidt, München
Covermotiv: imago images / ZUMA Press
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.
Dieses Buch ist anders als alle anderen Bücher über Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. Es ist keine biografische Erzählung. Es ist kein Pamphlet und sicher keine Apologie, und es erhebt auch keinen wissenschaftlichen Anspruch. Es will nicht so sehr den Menschen Joseph Ratzinger beschreiben, sondern vielmehr hartnäckig einer Frage nachgehen: Welche Rolle spielte dieser Mann, der über ein Vierteljahrhundert die katholische Kirche entscheidend prägte, in ihrem Versagen in der Missbrauchskrise? Dabei versuchen wir, so nah an Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. zu sein wie möglich und seine ureigensten Beweggründe nachzuvollziehen: Was wusste er? Was hätte er tun können? Was tat er? Was tat er nicht, und, vor allem, warum? Warum beispielsweise ließ Ratzinger Missbrauchstäter im Priesteramt jahrelang unbehelligt, während er vermeintliche Abweichler in der Doktrin gnadenlos verfolgte? War er sich der Widersprüche seines Handelns bewusst?
Dieses Buch beschränkt sich nicht auf einzelne isolierte Fälle. Es möchte ein größeres Bild zeichnen. Dafür bleiben – mangels Zeit und Raum – nur wenige Pinselstriche. Unsere Methode ist einfach: Wir betrachten Ratzinger als eine Figur in einem komplexen kirchlichen System. Wir bringen seine Biografie in Kontakt mit Ereignissen und Fakten, die zwar längst öffentlich, aber erstaunlich wenig bekannt sind. Wir stellen Ereignisse, Daten und Namen nebeneinander, führen Handlungsfäden zusammen, die uns immer wieder zu Ratzinger führen, die seinen Charakter erhellen, die sein Handeln in neuem Licht erscheinen lassen, die manche Fragen klären und viele andere aufwerfen. So entsteht Seite für Seite ein Bild von diesem Mann, das ganz anders ausfällt als jenes vom schüchternen Gelehrten, vom stillen Helden, vom »Panzerkardinal« oder vom »Mozart der Theologie«. Letztlich wirkt nicht nur das Scheitern seines Pontifikats vor diesem Hintergrund als unvermeidlich, sondern womöglich sogar das Scheitern seiner Kirche.
oder: Ratzingers Geschichte als die eines Helden
In der Frage, wer für die Missbrauchskrise in der römisch-katholischen Kirche verantwortlich ist, wer den massenhaften Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Priester hätte verhindern können, wer geholfen hat, ihn zu vertuschen, wer Täter gedeckt und Opfer zum Schweigen gebracht hat, leuchtet zwischen den Namen vieler inzwischen verurteilter, angeklagter oder zwielichtiger katholischer Würdenträger der Name Joseph Ratzingers als rühmliche Ausnahme hervor. Selbst Gegner bescheinigen dem Kardinal und späteren Papst, dass er den Ernst der Lage und das Leid der Opfer früher als andere gesehen und verstanden hätte. Sie rechnen ihm hoch an, dass er als erster Papst Missbrauchsopfer getroffen hat, und sagen, er hätte entschieden gegen Täter durchgegriffen, und zwar trotz des scharfen Widerstands seiner Kardinalskollegen im Vatikan, die ihn später, in den schwierigsten Momenten seines Pontifikates, alleinließen, bis hin zu seinem historischen Amtsverzicht im Jahr 2013.
Dass ihm bis heute kaum jemand seinen Einsatz gegen den Missbrauch zu danken scheint, macht die Heldenhaftigkeit dieses Mannes in den Augen seiner Anhänger perfekt. Für sie ist er ein verkannter Heiliger. Und auch wenn seine Theologie und Amtsführung in den Augen mancher weltfremd, autoritär oder unbarmherzig gewesen sein mag, in einem sind sich Anhänger wie Gegner Ratzingers bis heute weitgehend einig: Wenn es um die Verfolgung und Verhinderung von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ging, war er unbestechlich und handelte als einer der wenigen frühzeitig und mutig.
Aber stimmt das?
Um beurteilen zu können, was von der Geschichte des einsamen Helden Joseph Ratzinger zu halten ist, muss man sie erst einmal kennen. Daher beginnt dieses Buch mit den zentralen Elementen der Geschichte Ratzingers, die insbesondere von seiner Anhängerschaft propagiert und weit darüber hinaus von vielen bis heute geglaubt wird.
Praktisch alle Weggefährten und Beobachter sind sich einig: Joseph Ratzinger ist von seinem Wesen her ein eher introvertierter Mensch, mehr ein feinsinniger Denker als ein zupackender Politiker. Er gilt nicht nur als ausgesprochen einfach, schüchtern und zurückhaltend, sondern habe zeitlebens ein geradezu kindliches Gemüt bewahrt. Einem seiner engsten Freunde, dem ehemaligen Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner wird die Äußerung zugeschrieben, Ratzinger sei »der Mozart der Theologie, gescheit wie zehn Professoren und dabei fromm wie ein Kommunionkind«[1], und Wolfgang Beinert, ein langjähriger Weggefährte in Ratzingers jungen Jahren, formuliert es so: »Trotz der vielen wichtigen Ämter, die er innehatte, kann man wohl sagen, dass Ratzinger im tiefsten Grunde seines Herzens ein sehr schlichter, einfacher – ja, ein Junge geblieben ist.«[2] In biblischer Sprache könnte man sagen, er war rein, arglos, ohne Falsch (ἀκεραίους[3]). Er meint die Dinge so, wie er sie sagt, und sagt sie so, wie er sie denkt, und denkt, sie seien so, wie er glaubt.
Seine Einfachheit und Bescheidenheit behielt er auch als Papst. Menschen, die ihn aus der Nähe kennen, fiel seine geradezu berührende kindliche Frömmigkeit auf. Sie ist tief in der kirchlichen Prägung seiner Kindheit verwurzelt, im dörflichen bayerischen Katholizismus der 1920er- und 30er-Jahre. Wie eng seine Herkunftsfamilie, seine Kindheit und sein Glaube miteinander verflochten sind – und wie einfach sein Glaube trotz seiner akademischen und kirchlichen Laufbahn geblieben ist –, wurde gelegentlich auch vor einer größeren Öffentlichkeit sichtbar. So zum Beispiel, als er beim Weltfamilientreffen in Mailand 2012 auf die Frage eines kleinen Mädchens sagte: »Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie wohl das Paradies aussehen könnte, dann kommt mir immer die Zeit meiner Jugend, meiner Kindheit in den Sinn (…), und ich denke, dass es im Paradies ähnlich sein muss wie in meiner Kinder- und Jugendzeit. In diesem Sinn hoffe ich, eines Tages ›heimzugehen‹, der ›anderen Welt‹ entgegen.«[4] Ein anderer Moment, in dem seine Schlichtheit spürbar wurde, waren seine ersten Worte als neu gewählter Papst auf der Loggia des Petersdomes: Er, der jahrzehntelang Präfekt einer der wichtigsten Behörden des Vatikans gewesen war, der die Weltkirche geprägt hatte wie wenige seiner Generation, nannte sich einen »einfachen und demütigen Arbeiter im Weinberg des Herrn« und fügte hinzu, es tröste ihn, dass Gott auch mit ungenügenden Werkzeugen arbeiten könne. Ebenso schlicht und bescheiden mutete sein Rücktritt vom Papstamt an, ein Schritt mit einer historischen Dimension, unwägbaren Konsequenzen und rechtlichen Komplikationen, der jedem anderen in seiner Situation unerträgliches Kopfzerbrechen bereitet hätte. Für Joseph Ratzinger dagegen war es nach eigenem Bekunden vor allem eine Frage des Glaubens und seiner persönlichen Gottesbeziehung. Seine Antwort auf die Frage, wie er eine Entscheidung von solcher Tragweite treffen konnte, lautete ganz einfach: »Mit dem lieben Gott spricht man ja ausgiebig darüber.«[5] Wer Ratzinger kennt, weiß: Das meinte er wörtlich. Das Kindliche an Ratzinger ist alles andere als kindisch, vielmehr schwingt in Aussagen wie dieser eine ganz besondere Art von Ernsthaftigkeit mit, eine, der doppeldeutige, ironische oder zynische Zwischentöne fremd sind.
Das ist wichtig, denn es hilft zu verstehen, woher gerade in Glaubensdingen jene Geradlinigkeit rührte, die ihn auszeichnet. Man könnte auch sagen: Er ist ein durch und durch korrekter Mensch, der den Glauben und seine hohen moralischen Anforderungen ausgesprochen ernst nimmt. Das bedeutet auch: Es verbindet ihn nichts mit jenen Kirchenmännern, die es gewohnt waren, in moralischen Dingen beide Augen zuzudrücken und ohne Gewissensbisse großzügige Ausnahmen für sich selbst und ihre Freunde zu machen. Und es gibt keinen Zweifel daran, dass es vor allem solche Männer waren, die auch nicht davor zurückschreckten, sexuelle Gewalt gegen Kinder sehenden Auges zu vertuschen, Opfer zum Schweigen zu bringen und ungerührt weitere Opfer in Kauf zu nehmen. Die Mentalität dieser Männer ist Joseph Ratzinger fremd. Mehr noch: Sie ist ihm zuwider. Denn für ihn ist sie ein Verrat an dem, was ihm heilig ist, am christlichen Glauben.
Auch ist ihm schleierhaft, warum Menschen so agieren. Joseph Ratzinger ist kein guter Menschenkenner. Er tut sich schwer, hinter die Fassade und Selbstinszenierung eines Menschen zu blicken, und er war auch als Papst noch nicht auf menschliche Abgründe in seiner vermeintlich vertrauten und vom Glauben geprägten Umgebung gefasst. Er konnte mit diesen Abgründen nicht umgehen, erst recht konnte er sich mit ihnen nicht abfinden. Entsprechend fiel auch seine Reaktion aus, wenn er mit Missbrauchsfällen konfrontiert wurde. Charles Scicluna, viele Jahre Chefankläger an der Glaubenskongregation, arbeitete lange Zeit eng mit Ratzinger an solchen Fällen. Er beschreibt, wie Ratzinger auf Missbrauchsfälle reagierte: »Ich habe Kardinal Ratzinger als einen Mann gekannt, der den Menschen vertraut und von ihnen das beste Verhalten erwartet, und er war schockiert, als er mit Fällen konfrontiert wurde, die zeigten, wie ungeheuerlich bestimmte von Geistlichen begangene Verbrechen waren. (…) Sein Schock angesichts der Realität war sehr tiefgreifend, und er verursachte Kardinal Ratzinger großes Leid.«[6] Das heißt, anders als andere Kirchenmänner konnte Ratzinger schon von seiner Gemütsveranlagung her solche Taten nicht entschuldigen oder relativieren, denn er glaubte ehrlich an die Heiligkeit der Kirche und ihrer Sendung.
Ratzingers Charakter prägt seine Theologie. Das genial Anmutende an ihr ist gerade ihre Einfachheit. Er will keinen abgehobenen theologischen Elfenbeindiskurs führen, er will den Glauben in verständlichen Worten erklären und damit überzeugen, und zwar über rein akademische Debatten hinaus. Sein Wirken als junger, aufstrebender Theologe in der Mitte des 20. Jahrhunderts war ganz wesentlich darauf ausgerichtet, den Glauben vom Ballast der damals dominierenden hochkomplexen neuscholastischen Denksysteme zu befreien und ihn wieder in Kontakt zu bringen mit dem Glauben der einfachen Leute, ihn wieder verständlich zu machen in einer Zeit, in der er anscheinend immer weniger verstanden wurde. Diesem Ziel blieb er durch alle Stationen seiner Laufbahn treu, denn »Ratzinger zielte sicherlich nicht auf eine große Karriere. Er wollte eigentlich nur eines sein, und zwar Professor. Ein Lehrer der Theologie. Und das ist er auch durch alle Karrierestufen eigentlich geblieben. Bis hin zum Pontifikat. Es hat meines Wissens nie einen Papst gegeben, der als Papst (…) ein auf Wissenschaftlichkeit Anspruch erhebendes Werk veröffentlicht hat wie das Jesus-Buch. Und eben zwar als jemand, der Papst ist, aber nicht mit päpstlicher Autorität, sondern der das als Diskussionsbeitrag eines Wissenschaftlers geschrieben hat. Das ist sicher einmalig und sagt etwas aus über seine Persönlichkeit. Er ist im Grunde seines Herzens ein Lehrer der Theologie.«[7]
Um verstehen zu können, worin die genial anmutende Einfachheit von Ratzingers theologischem Stil besteht, muss man sie vor dem Hintergrund der theologischen Standardsprache seiner frühen Zeit betrachten. Das heißt, man muss sich vor Augen führen, wie hölzern und schwer verdaulich, durchsprenkelt mit lateinischen Formeln und vor allem bar jeden Gegenwartsbezuges und jeglicher kritischen Selbstreflexion typische theologische Texte Mitte des 20. Jahrhunderts in aller Regel daherkamen. Als Beispiel kann der »Ott« dienen, ein theologisches Standardwerk, das in über zehn Sprachen übersetzt wurde und im Deutschen insgesamt elf Auflagen erreichte. Auf rund 600 Seiten listet dieses Lehrbuch Satzwahrheiten auf, klassifiziert nach Gewissheitsgraden, angefangen mit »absolut gewiss« (sententia de fide) bis »geduldete Lehrmeinung« (opinia tolerata). Dort heißt es beispielsweise über die Existenz Gottes:
An der Spitze der kirchlichen Glaubenssymbole steht der fundamentale Glaubensartikel: Credo in unum Deum. Das Vatikanische Konzil lehrt: Sancta catholica apostolica Romana Ecclesia credit et confitetur, unum esse Deum. Die Leugnung der Existenz Gottes erklärt dasselbe Konzil als Häresie. Nach Hebr 11,6 ist der Glaube an die Existenz Gottes eine unerlässliche Heilsbedingung (…). Die übernatürliche Offenbarung der Existenz Gottes bestätigt die natürliche Gotteserkenntnis und bewirkt, dass das Dasein Gottes von allen leicht, mit fester Gewissheit und ohne Beimischung von Irrtum erkannt werden kann.[8]
Studierende, die sich mit solchen Texten herumschlugen, lebten in Deutschland aber schon in den 1950ern, erst recht in den 60ern und 70ern, als Ratzingers akademische Karriere ihren Höhepunkt erreichte, in einer Welt, in der nicht nur der Duktus solcher Texte, sondern auch die Rede von »übernatürlicher Offenbarung« oder »unerlässlichen Heilsbedingungen« fragwürdiger wurde. Die Menge der Menschen, die nichts vom Dasein eines Gottes spürten, wuchs; und das war nur eine der vielen Fragen, die junge Theologiestudierende umtrieb. Außerdem stellten sich Fragen nach der jüngeren Vergangenheit. Nach und nach kamen mehr Details über die Verbrechen der Nazis ans Licht. Die Autorität der Elterngeneration, der Politik und Geistlichkeit wurde brüchig. Hinzu kamen neue Thesen der Sprachphilosophie, neue technische Möglichkeiten in der Raumfahrt, der Atomtechnik und den Humanwissenschaften, ganz zu schweigen von neuen Geschlechterrollen und Lebensmodellen. Alles das beschäftigte und prägte junge Studierende nachhaltig. Vor allem aber war die religiöse Sprache für viele von ihnen unzugänglich geworden. Ratzinger schien das zu spüren. Deshalb waren seine Vorlesungen zum Bersten voll. Denn wenn der junge Professor Ratzinger vom Glauben an das Dasein Gottes sprach, begann er nicht mit einem scheinbar unantastbaren Lehrsatz, zu dem er dann auswendig zu lernende Schriftbeweise und Kirchenvätertexte herunterbetete. Er tat nicht so, als wäre alles klar, er schreckte nicht davor zurück, die ungeheure Frage zu stellen:
Was ist das eigentlich, »Gott«? In anderen Zeiten mochte diese Frage problemlos klar scheinen, für uns ist sie wirklich neu zur Frage geworden. Was kann dieses Wort »Gott« überhaupt sagen? Welche Wirklichkeit drückt es aus, und wie kommt den Menschen die Wirklichkeit zu, von der hier gesprochen wird?
Und seine Antwort liefert er nicht im Stile einer Satzwahrheit, sondern er nähert sich ihr mit einem existenzialistischen Impetus:
Wo der Mensch sein Alleinsein erfährt, erfährt er zugleich, wie sehr seine ganze Existenz ein Schrei nach dem Du ist und wie wenig er dazu gemacht ist, nur ein Ich in sich selbst zu sein. Dabei kann die Einsamkeit sich dem Menschen in verschiedenen Tiefen zeigen. Fürs Erste kann sie gestillt werden durch das Finden eines menschlichen Du. Aber dann gibt es den paradoxen Vorgang, dass nach einem Wort von Claudel jedes Du, das der Mensch findet, sich zuletzt als eine unerfüllte und unerfüllbare Verheißung erweist; dass jedes Du im Grunde doch auch wieder eine Enttäuschung ist und dass es einen Punkt gibt, wo keine Begegnung die letzte Einsamkeit übersteigen kann: Gerade auch das Finden und Gefundenhaben wird so wieder zum Rückverweis in die Einsamkeit, zu einem Ruf nach dem wirklich in die Tiefe des eigenen Ich hinabsteigenden, absoluten Du.[9]
Es war ganz wesentlich diese eingängige theologische Sprache Ratzingers, die ihm eine große und begeisterte Zuhörerschaft einbrachte, sowohl in seiner Zeit als Professor als auch später als Bischof, Kardinalpräfekt und Papst. Joseph Ratzinger blieb diesem theologischen Stil und Vorhaben immer treu: Glaubenswahrheiten, die in einer modernen Zeit unverständlich geworden waren, in einer zugänglichen, bestechend einfachen und menschlichen Sprache so auszudrücken, dass die Menschen sie verstehen können. Dabei setzte er sich zunehmend auch von den akademischen Diskursen seiner Theologengeneration ab, die mit den Entwicklungen anderer Disziplinen Schritt zu halten versuchte, deren Fragestellungen aufgriff und deren Methoden für die theologische Forschung nutzbar machte. Die so entstehenden neuen theologischen Ansätze und Theorien erscheinen Ratzinger zu verkopft und abgehoben. Mit einem Seitenhieb auf die damalige Forschung zum »historischen Jesus« bemerkt er schon in seiner Einführung ins Christentum: »Für meinen Teil gestehe ich freilich, dass ich (…) lieber und leichter zu glauben imstande bin, dass Gott Mensch wird, als dass ein solches Hypothesen-Konglomerat zutrifft.«[10]
Nachdem er 1982 Präfekt der Glaubenskongregation (Congregatio pro doctrina fidei, CDF) geworden war, blieb er diesem Anliegen treu. Obwohl er sich in dieser Zeit durch eine Reihe von Instruktionen und Lehrverurteilungen den Ruf des »Panzerkardinals« zuziehen sollte, sah er selbst seine Aufgabe völlig anders. Ganz im Einklang mit seiner Haltung als Theologe ging es ihm als Präfekt darum, den katholischen Glauben gegen seine Kritiker zu verteidigen, und zwar als Dienst am Glauben der einfachen Menschen. Das geht unter anderem aus einem Brief hervor, den er als scheidender Erzbischof an seinen Klerus schrieb. Dort heißt es über seine neue Aufgabe in Rom:
Das Amt, das mir übertragen wurde, hat ja in Deutschland keinen guten Ruf. Das Stichwort »Inquisition« ist nahe bei der Hand; man spricht vom Ketzerjäger. Und einige haben mir das Wort vom »Wachhund« untergeschoben. Wenn ich meinen Auftrag recht verstehe, geht es einfach darum, dem Petrusamt zu dienen, das im Neuen Testament mit verschiedenen Stichworten, wie Binden und Lösen, Schlüsselgewalt, Weiden, umschrieben wird. Der Aspekt, in dem ich mit meinem Teil Hilfe leisten soll, scheint mir am ehesten anzuklingen in dem lukanischen Herrenwort »Stärke deine Brüder« (Lk 22,32). Dem Petrusnachfolger ist damit aufgetragen, das Wort des Glaubens immer neu in diese Welt hineinzusprechen und den Maßstab des Evangeliums aufzurichten.[11]
Das Wort des Glaubens verkünden: Das war seine Aufgabe, und das war sein Ziel, nicht nur wenn er predigte oder wenn er Stellungnahmen herausgab, sondern auch wenn er einzelne Lehrmeinungen von Theologinnen und Theologen verurteilte. Es ging ihm nicht ums Verurteilen. Es ging ihm letztlich darum, den Glauben der Menschen zu schützen und zu stärken. Er hatte die Verantwortung dafür, dass sie nicht durch einen unkontrollierten Wildwuchs aller möglichen theologischen Trends verunsichert wurden. Der Glaube war Eigentum der Getauften, der einfachen gläubigen Menschen, nicht der Gelehrten. Er war Lebensgrundlage, nicht Spekulationsobjekt. Er durfte nicht zum Gegenstand eines intellektuellen Gedankenspiels oder akademischer Selbstbeschäftigung degradiert werden. So sagte Ratzinger es schon in einer Predigt, in der er sich an Silvester 1979 hinter die Lehrverurteilung Hans Küngs stellte: »Nicht die Gelehrten bestimmen, was an dem Taufglauben wahr ist, sondern der Taufglaube bestimmt, was an den gelehrten Auslegungen gültig ist.« Theologen, die sich von diesem Taufglauben entfernen, betrieben wie Küng »Theologie sozusagen im Alleingang, allein mit sich und der modernen Vernunft«.[12] Es ist keine Frage, dass viele Theologinnen und Theologen Ratzingers Verurteilungen für verfehlt hielten. Dabei wird gelegentlich übersehen, dass andere, weniger medial sichtbare und eloquente Menschen Ratzinger dankbar waren. Sie fühlten sich von ihm verstanden und beschützt.
Der Einsatz Joseph Ratzingers gegen Kindesmissbrauch und für eine effektivere kirchliche Strafverfolgung begann, glaubt man seinen Anhängern, mit einem bemerkenswerten Vorgang, der lange Zeit in den Akten der Römischen Kurie verborgen blieb: mit einem Brief im Februar 1988 – rund fünfzehn Jahre bevor der Boston Globe in einer Pulitzerpreis-gekrönten Recherche ausführlich über sexuellen Kindesmissbrauch durch Priester berichtete. In seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation schrieb Ratzinger an Kardinal Castillo Lara, den Präsidenten der damaligen Päpstlichen Kommission für die Codex-Interpretation.[13] Um Anlass und Inhalt dieses Schreibens angemessen beurteilen zu können, lohnt es sich, etwas tiefer in die Logik des katholischen Kirchenrechts einzutauchen.
Das Kirchenrecht, zentral der Codex des kanonischen Rechts (Codex Iuris Canonici, CIC), regelt unter anderem kircheninterne Strukturen und Verantwortlichkeiten. Es enthält Vorgaben darüber, wer in der Kirche welche Rechte und Pflichten hat und wie verschiedene kirchliche Verfahren abzulaufen haben. Entsprechend legt das Kirchenrecht auch fest, wie mit dem Bruch einzelner Regeln umzugehen ist, und in bestimmten Fällen sieht es dafür Strafen vor. Zu den Straftaten, die der CIC erwähnt, gehören unter anderem das Vertreten von Irrlehren, Gotteslästerung, Verunehrung der Eucharistischen Gestalten[14], Verletzung des Beichtgeheimnisses und anderes mehr. Die härteste Strafe, die der CIC kennt, ist die Exkommunikation, die völlige Rechtlosstellung eines Kirchenmitgliedes bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung aller seiner Pflichten. Geringere Strafen können den Verlust bestimmter Privilegien, Ämter oder Rechte beinhalten. Die meisten Ämter und Privilegien sind in der katholischen Kirche unverheirateten, geweihten Männern vorbehalten, die kraft ihrer Weihe dem sogenannten klerikalen Stand angehören. Alle nicht geweihten Gläubigen, die sogenannten Laien, gehören dagegen dem laikalen Stand an. Die härtesten Strafen, die Kleriker treffen können, sind – abgesehen von der Exkommunikation – das einfache Verbot der Amtsausübung (Suspension) oder die Entlassung aus dem Klerikerstand, die manchmal auch Laisierung oder Versetzung in den laikalen Stand genannt wird. Die sogenannte Laisierung müssen wir uns genauer ansehen, um den oben erwähnten Brief Ratzingers zu verstehen, denn interessanterweise gibt es die Laisierung nicht nur als Strafe, sondern auch als Befreiung (Dispens).[15] Wenn ein Priester aus dem Klerikerstand entlassen werden möchte, beispielsweise um heiraten zu können, muss er um diese Dispens selbst ansuchen, und zwar direkt in Rom. Die Laisierung ist in diesen Fällen eine Art höchstkirchlicher »Gunsterweis«, der es Männern, die zu katholischen Priestern geweiht wurden und versprochen hatten, ehelos zu leben, doch noch ermöglicht, eine katholische Ehe einzugehen. Für die Frage, ob, wann und wem diese Gunst im Einzelfall gewährt wird, ist genau die Behörde zuständig, die ab 1982 von Kardinal Ratzinger geleitet wird: die Glaubenskongregation.
Allerdings musste Ratzinger in den 1980er-Jahren feststellen, dass neben den vielen Schreiben von Priestern, die laisiert werden wollten, um kirchlich heiraten zu können, auch Bittgesuche eingingen, die »alles andere als eines Gnadenaktes würdig«[16] waren. Diese Männer sollten durch die Laisierung eigentlich bestraft werden. Entsprechende Strafverfahren in Gang zu bringen wäre die Aufgabe der jeweiligen Ortsbischöfe gewesen. Weil die Regeln für Strafprozesse aber extrem kompliziert und die Verfahren ungeheuer langwierig waren, hatten die zuständigen Ortsbischöfe sich offenbar entschieden, einen anderen Weg zu gehen: Sie hatten den Straftätern nahegelegt, Bittgesuche um Laisierung zu schreiben, die die Bischöfe dann nach Rom weiterleiteten. Damit ersparten sie sich jahrelange Verfahren mit ungewissem Ausgang. Das störte Ratzinger anscheinend. Er wollte nicht nur sauber zwischen einem Gnadenerweis und einer Strafe unterscheiden, ihm waren wohl auch effektivere Strafverfahren für priesterliche Straftäter ein Anliegen. Und so beschloss er im Februar 1988, Kardinal Castillo Lara von der Kommission für die Kirchenrechts-Interpretation zu schreiben:
Eminenz, bei der Bearbeitung der Dispensgesuche von den priesterlichen Verpflichtungen stößt dieses Dikasterium [Amt der Römischen Kurie] auf Fälle von Priestern, die sich während der Ausübung ihres Dienstes schwerer und skandalöser Verhaltensweisen schuldig gemacht haben, für welche der CIC – nach einem entsprechenden Verfahren – die Verhängung bestimmter Strafen vorsieht, die Versetzung in den laikalen Stand nicht ausgeschlossen. Solche Vorkehrungen müssten nach Ansicht dieses Dikasteriums in einigen Fällen zum Wohl der Gläubigen einer möglichen Gewährung der Dispens, welche ihrer Natur nach einer »Gnade« zugunsten des Bittstellers gleichkommt, vorausgehen. In Anbetracht der Kompliziertheit des vom Codex dafür vorgesehenen Verfahrens ist jedoch vorhersehbar, dass einige Ordinarien bei seiner Umsetzung auf beträchtliche Schwierigkeiten stoßen werden. Daher wäre ich Eurer hochwürdigsten Eminenz für Ihre geschätzte Meinung dankbar, welche Möglichkeit bestehen könnte, in bestimmten Fällen ein schnelleres und vereinfachtes Verfahren vorzusehen.[17]
Was genau meinte Ratzinger mit den »schweren und skandalösen Verhaltensweisen«? Man kann die Taten, für die das römische Kirchenrecht die Entlassung aus dem Klerikerstand als Strafe vorsieht, grob in drei Kategorien einteilen: Neben schwerer Körperverletzung/Mord und der Verunehrung der Eucharistie können auch eine Reihe von Zölibatsverletzungen mit der Entlassung aus dem Klerikerstand bestraft werden, darunter sexueller Missbrauch von Minderjährigen.[18] Wie wir gleich noch sehen werden, wird angenommen, dass es Ratzinger um Letzteres ging, als er von »schweren und skandalösen Verhaltensweisen« sprach. Wie fiel die Antwort aus? Die Meinung der Kommission lautete knapp auf den Punkt gebracht: Die bestehenden Regelungen seien ausreichend. Es solle eben darauf gedrungen werden, dass die Bischöfe ordentliche Strafverfahren einleiteten. Der entscheidende Abschnitt in dem Brief, den Ratzinger nur drei Wochen später aus der Kommission für die Codex-Interpretation erhielt, lautet:
[Diese Päpstliche Kommission vertritt] die Ansicht, dass in geeigneter Weise gegenüber den Bischöfen (vgl. can. 1389) darauf zu dringen ist, dass diese – so oft es sich als notwendig erweist – es nicht versäumen, selbst ihre richterliche wie ihre Zwangsgewalt auszuüben, anstatt Bittgesuche um Dispens an den Heiligen Stuhl weiterzuleiten.[19]
Auf diesen negativen Bescheid antwortete Ratzinger knapp und ausgesprochen förmlich. Er hatte längst einen anderen Weg gefunden, seinem Anliegen Gehör zu verschaffen, nämlich das Ohr des Papstes.
Anfang 1988 war Johannes Paul II. mit Plänen für eine Kurienreform befasst. Die Zuständigkeiten und die Gesamtorganisation des Päpstlichen Verwaltungsapparates sollten neu geregelt werden. Die Neuorganisation erfolgte mit der Apostolischen Konstitution Pastor Bonus. Veröffentlicht wurde sie im Juni 1988, nur wenige Monate nachdem Ratzinger die negative Antwort aus Castillo Laras Behörde erhalten hatte. Die Konstitution sah unter anderem auch eine auf den ersten Blick unscheinbare, aber relevante Änderung in den Kompetenzen der Glaubenskongregation vor. Sie sollte nicht nur wie bisher »über Straftaten gegen den Glauben«, sondern auch »über schwerwiegendere Straftaten gegen die Sitten (…) nach Maßgabe des allgemeinen oder des besonderen Rechts«[20] entscheiden. Der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte war sich sicher, dass dieser Passus »offenkundig auf Betreiben der von Kardinal Ratzinger geleiteten Kongregation aufgrund ihrer eigenen Erfahrung in die Konstitution eingefügt«[21] wurde. Beides, der Brief und die neue Zuständigkeit der Glaubenskongregation für »schwerwiegendere Straftaten gegen die Sitten« schienen zu belegen, dass Joseph Ratzinger schon frühzeitig alles in seiner Macht Stehende tat, damit Priesterstraftäter auch tatsächlich bestraft wurden.
Lange Zeit blieb dieses Engagement jedoch praktisch völlig verborgen. Erst dreizehn Jahre später, im Jahr 2001, wurde die diesbezügliche Kompetenz der Glaubenskongregation erheblich erweitert – bis dahin hatte die Strafkompetenz der Glaubenskongregation in Moralsachen noch wenig Wirkung gezeigt. Denn bei welcher Behörde in der zentralen Verwaltung der Kirche in Rom die Zuständigkeit für Strafverfahren gegen klerikale Missbrauchstäter lag, war den meisten Bischöfen weltweit auch nach Pastor Bonus nicht klar. Viele schickten ihre Fälle an die Kleruskongregation; was allerdings nicht gut funktionierte, um es vorsichtig zu formulieren. Andere Fälle gingen beim Staatssekretariat, der Gottesdienstkongregation und vielen anderen römischen Behörden ein.[22] Um diese nach wie vor herrschende Verunsicherung hinsichtlich der Zuständigkeiten zu beenden, erschien schließlich im Frühjahr 2001 ein neues Päpstliches Dokument mit dem Titel »Sacramentorum sanctitatis tutela« (SST). Wir werden ihm in diesem Buch wieder begegnen, auch weil SST für viele eines der ganz großen Verdienste Ratzingers in der Bekämpfung von Kindesmissbrauch darstellt. Dieses Schreiben verkündete nun ganz offiziell die Zuständigkeit, und zwar die alleinige Zuständigkeit der Glaubenskongregation für »schwerwiegende Delikte« (graviora delicta) gegen die Sitten, inklusive sexuellem Kindesmissbrauch durch Kleriker. Joseph Ratzinger galt als einer seiner maßgeblichen Autoren und war in seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation der Unterzeichner eines Begleitbriefs, datiert auf den 18. Mai 2001, in dem die sogenannten schwerwiegenden Verstöße im Einzelnen definiert wurden.
Ab 2001 war also ganz klar, dass kirchliche Strafprozesse wegen sexueller Handlungen eines Klerikers an einem Minderjährigen von keinem anderen Kirchengericht als der Glaubenskongregation geführt werden durften. Die Folge war eine Flut von Fällen aus aller Welt. Der maltesische Priester und Kirchenrechtler Charles Scicluna, der ab 2002 Chefankläger an der Glaubenskongregation wurde, beschreibt, was damals geschah, so: »Ich kam gerade im Oktober 2002 an die Kongregation, und im November trafen Fälle aus den Vereinigten Staaten ein. Es war eine regelrechte Lawine von Fällen, jeden Tag kamen Dutzende Fälle dazu. (…) Kardinal Ratzinger musste die Fälle wöchentlich überprüfen und entscheiden. Wir legten ihm wöchentlich etwa zwanzig Fälle zur Überprüfung vor. Die Erzählungen waren so ungeheuerlich, so schwerwiegend; man konnte sehen, dass so viele Opfer durch Missetaten verletzt worden waren. Und er war sehr tief berührt und bewegt – und auch verärgert über das, was er las und wovon er Zeuge wurde.«[23]
Ratzinger hatte es also geschafft. In den folgenden Jahren wurde in Tausenden Fällen ermittelt. Laut einer Aussage des Päpstlichen Botschafters bei der UNO in Genf wurden bis 2014 über 3000 Priester verurteilt, von denen über 2500 Sanktionen erhielten und über 800 laisiert wurden.[24] Für diesen Sieg hatte Ratzinger jedoch einen hohen Preis bezahlt: Er hatte sich im Vatikan mächtige Feinde gemacht.
Ein gutes Jahr vor »Sacramentorum sanctitatis tutela«, im April 2000, gab es im Vatikan ein Treffen, bei dem es um Missbrauchsfälle ging und um die Frage, wie man zu effektiveren kirchenrechtlichen Verfahren gelangen könne, um schuldige Priester einer angemessenen Strafe zuzuführen. Bei diesem Treffen wurde offensichtlich, dass längst nicht alle Kurienkardinäle Handlungsbedarf sahen, im Gegenteil: Viele hielten das Problem für aufgebauscht und verstanden seine Dringlichkeit nicht. Tonangeber dieser Fraktion war der damalige Präfekt der Kleruskongregation, Kardinal Darío Castrillón Hoyos.
Wie Castrillón Hoyos, Präfekt der Kleruskongregation, nicht nur dachte, sondern auch handelte, veranschaulicht vielleicht am besten ein Brief, mit dem er ein Jahr später – also im selben Jahr, in dem SST erschien – einen französischen Bischof beglückwünschte, der einen beschuldigten Priester vor der staatlichen Strafverfolgung bewahrt hatte und deswegen selbst zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Castrillón Hoyos schrieb ihm: »Ich gratuliere Ihnen, dass Sie den Priester nicht bei der staatlichen Polizei denunziert haben. Sie haben das Richtige getan, und ich freue mich, einen Kollegen im Bischofsamt zu haben, der in den Augen der Geschichte und aller anderen Bischöfe der Welt das Gefängnis der Denunziation seines Sohnes, eines Priesters, vorzog.«[25] Und er fügte hinzu, dass er Kopien dieses Glückwunschbriefes an andere Bischöfe weiterleiten würde. Ganz auf dieser Linie war bereits seine verweigernde Haltung auf der Zusammenkunft.[26] Viele der damals Anwesenden bemerkten, dass Kardinal Ratzinger eine deutlich andere Position einnahm. Ein Erzbischof erinnerte sich: »Die Rede, die er hielt, war eine Analyse der Situation, der entsetzlichen Dimension des Verbrechens, auf die umgehend reagiert werden musste. Ich hatte das Gefühl, dieser Mann versteht es, er versteht die Situation, in der wir uns befinden. Endlich kommen wir voran.«[27]
Dass Ratzinger es mit SST tatsächlich schaffte, gegen jene kurialen Würdenträger, die der Linie Castrillón Hoyos folgten, die alleinige Zuständigkeit seiner Behörde für Ermittlungen in Missbrauchsfällen durchzusetzen, nahmen ihm einige sehr übel. Einen Einblick in die angespannte Stimmung in Rom konnte auch Jörg M. Fegert gewinnen. Er war Anfang April 2003 zu einer Fachtagung an der Päpstlichen Akademie für das Leben eingeladen. Dem deutschen Kinder- und Jugendpsychiater kam dabei die Aufgabe zu, über die schwerwiegenden Auswirkungen von Kindesmissbrauch für die Betroffenen zu sprechen. Für ihn waren die Differenzen zwischen Ratzinger und vielen anderen Teilnehmern der Tagung deutlich zu spüren. »Ratzingers Motivation – so mein Eindruck – war, Belege für seine Position zu suchen, die durchaus zwischen den einzelnen Dikasterien umstritten waren. Er wollte durch die Konferenz deutlich machen, dass es richtig ist, die zentrale Verantwortung nach Rom zu ziehen.« Über SST gab es Fegert zufolge an der Römischen Kurie und bei Ortsbischöfen auch 2003 »noch eine große Diskussion (…). Er hat ja die Entscheidungszuständigkeit von den lokalen Verantwortlichen abgezogen und in die CDF konzentriert. Es war spürbar, dass das noch auf Empörung und Widerstand stößt.«[28] Fegert beschreibt speziell Vertreter eines anderen römischen Kirchengerichts, der sogenannten Rota Romana: »Leute aus der Rota haben mich direkt angesprochen und in etwa gesagt: Was Ratzinger dem Papst vorgelegt hat, habe dieser auch unterschrieben. Da war also eine richtige Empörung darüber, wie dieses päpstliche Gesetz entstanden ist. Sie haben insinuiert, dass er das dem kranken Papst untergeschoben habe. Das war der Eindruck, den ich damals hatte.«[29] Darüber, wie sehr Ratzinger das persönlich zu spüren bekam und wie nahe ihm das ging, können wir nur mutmaßen.
Das gilt auch für einen anderen, besonders spektakulären Fall, den Fall Maciel, in dem Ratzinger nicht nur eine beeindruckende Schar einflussreicher Kurienkardinäle gegen sich hatte, darunter den Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano und den Präfekten der Religiosenkongregation, Eduardo Martínez Somalo, sondern auch den Sekretär des Papstes, Erzbischof Stanisław Dziwisz, und Papst Johannes Paul II. selbst.[30] Um hier nur das Nötigste über Marcial Maciel zu sagen, dessen Fall noch ein eigenes Kapitel gewidmet ist: Dieser Mann war der Ordensgründer der Legionäre Christi und des Regnum Christi. Über Jahrzehnte hinweg war er außergewöhnlich erfolgreich. Seine Gemeinschaften zogen Scharen junger, begabter Menschen an und unterhielten weltweit Schulen und Universitäten. So konnten viele nicht glauben, dass Maciel jahrzehntelang Kinder und junge Männer sexuell missbraucht haben sollte, als die ersten Beschuldigungen öffentlich wurden. Ratzinger aber, der Opfer Maciels persönlich getroffen hatte, glaubte es. Mehr noch: Er beschloss, schon als Johannes Paul II. im Sterben lag, gegen Maciel zu ermitteln. Im Frühjahr 2005 sandte er daher Charles Scicluna in die USA. Unterstützer Maciels an der Kurie versuchten bis zuletzt die Ermittlungen zu dementieren, aber der neu zum Papst gewählte Benedikt XVI. trieb sie weiter voran, sorgte dafür, dass Maciel 2005 von der Leitung der Legionäre Christi zurücktreten musste, und verurteilte ihn 2006 zu einem Leben in Zurückgezogenheit. Aber nicht nur das: Benedikt XVI. blieb sich auch in dieser Angelegenheit treu und verfolgte ein doppeltes Ziel; er verurteilte den Straftäter, aber das Gute, das dieser geschaffen hatte, rettete er und erhielt es am Leben: Er ließ die Legionäre Christi visitieren und stellte sie unter eine kommissarische Leitung, um die vielen jungen und unschuldigen Mitglieder in ihrem Engagement nicht zu verunsichern. Er wollte sie dabei unterstützen, einerseits der Realität über den Gründer ihrer Gemeinschaften in die Augen zu sehen, aber andererseits trotzdem ihren Weg im Dienst an den Menschen entschlossen fortzusetzen.
Dass die Menschen trotz allem ihren Glauben an die Kirche nicht verlieren, dass die Ehrlichen und Aufrichtigen ermutigt werden, die Übeltäter bestraft und die Opfer versöhnt, das war der Wunsch Benedikts XVI. Deswegen setzte er sich nicht nur für eine Reform der Strafrechtsordnung ein, sondern unterstützte auch neue geistliche Gemeinschaften, begeisterte auf Weltjugendtagen mit seinen unverwechselbaren Worten junge Menschen, stärkte und ermutigte Priester in ihrer Berufung, unter anderem durch die Ausrufung des Priesterjahres 2009, und nicht zuletzt traf er als erster Papst Missbrauchsopfer, mehrmals, auf vielen seiner Reisen. Es war seine tiefste Hoffnung, dass gerade auch sie es schaffen konnten, der Kirche eines Tages wieder zu vertrauen und sich in ihr neu zu Hause zu fühlen. Und er meinte das so, wie er es sagte. Was auch immer man über ihn sagen mag, ein Zyniker ist Joseph Ratzinger nicht.
Kurz: Joseph Ratzinger ist ein durch und durch einfacher und bescheidener Mensch, der selbst als Papst im Herzen kindlich blieb. Als Theologe entwickelte er einen eigenen, genial anmutenden Stil, der sich ebenso deutlich von hölzernen neuscholastischen Denksystemen der Vergangenheit wie von verkopften akademischen Diskursen der Gegenwart abhebt und somit Millionen von einfachen Gläubigen weltweit erreicht. Vor allem aber setzte er sich sehr frühzeitig, seit den späten 1980er-Jahren, für eine effektivere Bestrafung von klerikalen Missbrauchstätern ein. Trotz seines zurückhaltenden Charakters und trotz der Anfeindungen hochrangiger Gegner traf er in diesem Kampf sehr mutige Entscheidungen, die letztlich zur Verurteilung Tausender Straftäter führten, darunter auch so einflussreiche Männer wie Marcial Maciel. Das ist, im Wesentlichen, die Geschichte des Helden Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Wir werden sehen, was am Ende dieses Buches von ihr übrig bleibt.
oder: Wider die Mär vom frühzeitigen Einsatz
Solange man glaubt, die Missbrauchskrise habe erst in den 2000er-Jahren so richtig begonnen und Kindesmissbrauch durch Kleriker wäre zuvor kaum ein Thema gewesen, weder in Rom noch sonst wo, schon gar nicht im Jahr 1988, so lange erscheint Ratzingers Brief von 1988 als ein außergewöhnlich frühzeitiger Schritt im Kampf gegen klerikale Missbrauchstäter. Davon kann freilich keine Rede sein. Die Missbrauchskrise begann wesentlich früher, deutlich vor 1988. Ratzinger wusste nicht nur darum, sondern er kümmerte sich nachweislich jahrelang nicht ernsthaft darum, auch dann nicht, wenn Fälle direkt auf seinem Schreibtisch landeten.
Kindesmissbrauch gibt es in der Kirche schon seit Jahrhunderten.[31] Allerdings verursachte er lange keine institutionelle Krise. Dazu kam es erst, als Opfer Täter und deren Hintermänner bei der weltlichen Gerichtsbarkeit anzeigten. Wenn man einen präzisen Beginn der Krise nennen möchte, könnte man sagen, sie begann im Sommer 1984 in den USA, genauer, in Louisiana.
In diesem Jahr wurde dort ein Priester der Diözese Lafayette, ein Pfarrer um die vierzig namens Gilbert Gauthe, wegen sexueller Übergriffe gegen Minderjährige vor Gericht gebracht. Als 1985 das Urteil verkündet wurde, horchte das ganze Land auf: Gauthe hatte unter Eid gestanden und war schließlich für schuldig befunden worden, zwischen 1972 und 1983 insgesamt 37 Kinder in Hunderten Fällen sexuell missbraucht zu haben. Einen solchen Schuldspruch hatte es in den USA noch nie gegeben. Der Reporter Jason Berry recherchierte die Hintergründe des Falls. Seine seitenlangen Berichte erschienen in der Times of Acadiana[32] und wurden ab Mitte 1985 von der nationalen Presse aufgegriffen, unter anderem vom National Catholic Reporter und der New York Times[33]; HBO verarbeitete das Ganze zu einem Film mit dem Titel Judgment, der im Oktober 1990 ausgestrahlt wurde.[34] Von Anfang an machten diese Berichte nicht nur deutlich, wie verheerend die Taten waren, sondern vor allem, wie lange Gauthes Vorgesetzte davon wussten und wie ungerührt sie ihn und andere priesterliche Sexualstraftäter trotz allem weiterhin im pastoralen Dienst einsetzten.
Der junge Pfarrer war bei den Kindern beliebt. Gil, wie er von ihnen genannt wurde, organisierte Campingausflüge und war oft von einer Schar von Kindern und Jugendlichen umgeben. Dass er Kinder sexuell missbrauchte, kam erst ans Licht, als einige von ihnen, mühsam nach Worten suchend, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern fanden. Das war nicht leicht. Den Kindern fiel es schwer, das zu benennen, was ihnen angetan worden war. Ein Neunjähriger sagte seiner Mutter: »Gott liebt mich nicht mehr.« Erst als Eltern nach solchen beunruhigenden Aussagen nachhakten, begannen sie zu verstehen, was geschehen war. Ein anderer Junge erzählte, dass Gauthe ihm gedroht hatte, wenn er spräche, würde er »seinen Vater töten und als Priester dafür sorgen, dass er in die Hölle kommt«.[35] Als die Eltern nach Details fragten, was denn genau passiert sei, bekamen sie zur Antwort: »Alles.«[36]
Schon 1972 wurde Gauthe das erste Mal von einer Gruppe von Eltern konfrontiert. Er selbst erinnerte sich später in einer Aussage so: »Sie fragten mich einfach, ob ich mit einem der Kinder etwas gehabt hätte, und ich sagte: ›Ja.‹ Und ich fragte sie, ob sie mir helfen würden, einen guten Psychiater zu finden.« Eine der anwesenden Frauen organisierte einen Termin für ihn, die Eltern zahlten Sitzungen für mehrere Monate, Gauthe ging hin und erzählte seinen kirchlichen Vorgesetzten nichts davon.[37] Nachdem sich Gerüchte verbreiteten und immer mehr Personen vor Ort Verdacht schöpften, unter anderem Ordensfrauen, die an der örtlichen Schule unterrichteten und mitbekamen, dass Gauthe Kinder bei sich übernachten ließ, wurde Gauthe 1973 das erste Mal versetzt. Die Personen, die ihn gemeldet hatten, machten es sich nicht leicht. Eine der Ordensfrauen sagte rückblickend: »Wenn die meisten Menschen wie ich waren, hatten sie Angst, jemanden zu Unrecht zu beschuldigen.«[38]
Ein Jahr später, 1974, wurde Gauthe das erste Mal von seinem Bischof, Gerard Louis Frey, direkt mit einem konkreten Vorwurf konfrontiert. Der Bischof erinnerte sich später: »Ich habe mit Gauthe gesprochen, und er hat zugegeben, dass er einen Fehler gemacht hat, dass (…) es ein Einzelfall, ein Zwischenfall war, dass es nie wieder vorkommen würde.«[39] Ein Jahr später ernannte Bischof Frey Gauthe zum Kaplan der diözesanen Pfadfindergruppe.
Gauthe missbrauchte nach eigenen Aussagen Kinder auch in seinem Schlafzimmer, in einem Haus, in dem er gemeinsam mit anderen Priestern wohnte. Doch über Jahre hinweg konfrontierte keiner der Priester in seinem Umfeld ihn jemals damit. Erst 1976 sorgte der verantwortliche Pfarrer in der Pfarrei, in der Gauthe mittlerweile tätig war, dafür, dass Gauthe in psychiatrische Behandlung kam, diesmal auf Kosten der Diözese. (Der Pfarrer hatte zuvor mit den Eltern eines Opfers gesprochen.) Während der Behandlung ging Gauthe ungestört weiter seinen priesterlichen Aufgaben nach. Die einzigen Auflagen, die er vom Pfarrer bekam, bestanden in einem Verbot, Kinder bei sich übernachten zu lassen, und darin, dass sein Schlafzimmer in die obere Etage verlegt wurde. Trotzdem konnte er weiter Ausflüge mit Kindern machen und mit dem Jungen-Basketballteam eine Reise nach Puerto Rico unternehmen. Noch im selben Jahr fragte der Bischof beim zuständigen Pfarrer nach, ob es bei Gauthe neue »Vorfälle« gegeben hätte. Der Pfarrer verneinte. Ein Jahr später, 1977, bekam Gauthe seine erste eigene Pfarrei, St. John’s in Henry, wo er die nächsten fünf Jahre allein im Pfarrhaus wohnte, umgeben von kleinen Jungen, die er häufig zu sich einlud. Die Katastrophe war vorprogrammiert.
1980 erhielt der Bischof einen Brief, unterschrieben von »Concerned Parishioners of St. John’s Parish«. Der Bischof gab den Brief weiter an seine Mitarbeiter, die zu dem Schluss kamen, die Vorwürfe gegen Gauthe wären oberflächlich. Nichts weiter wurde unternommen. Weder der Bischof noch der Generalvikar, Henri Larroque, nahmen Kontakt zu Gauthe auf. Erst als im Juni 1983 schließlich ein Vater aus Gauthes Pfarrei Kontakt zu einem Anwalt herstellte, nahm die Sache Fahrt auf. Dieser Vater hatte erfahren, dass drei seiner Söhne über Jahre hinweg von Gauthe missbraucht worden waren. Der Anwalt, an den er sich wendete, hieß Paul Hebert, selbst ein überzeugter Katholik. Der erinnerte sich: »Mein erster Gedanke war nicht Schadenersatz, sondern nur: Wir müssen diesen Priester loswerden. Es war eine Horrorgeschichte. Ich rief die Diözese in Lafayette an und wollte Bischof Frey sprechen. Monsignore Larroque sagte mir, der Bischof sei in seinem Ferienhaus in Bay St. Louis. Meine Antwort war, dass er sofort zurückkommen sollte. Dann gingen wir zu Larroque.« Der Generalvikar traf sich mit Hebert, dem Vater und zwei der Jungen, drückte sein Mitgefühl aus und versprach, dass er handeln würde. Aber Hebert war das zu zögerlich. »Ich erinnere mich, dass ich Larroque in den nächsten drei Tagen jeden Abend anrief. Ich war besorgt, dass einige Eltern Gauthe etwas antun würden.« Innerhalb weniger Tage waren es vier Familien, die Hebert in diesem Fall rechtlich vertrat. Drei Tage nach dem Treffen mit Hebert brachte Larroque Gauthe einige Dokumente zum Unterzeichnen mit: Er war suspendiert und musste die Pfarrei binnen 24 Stunden verlassen. Das war Anfang Juli 1983. Hebert nahm Kontakt mit anderen Anwälten und mit Psychiatern auf. Die Kinder wurden befragt. Nach und nach kamen weitere Opfer zum Vorschein. Die Diözese holte ihre Anwälte und Versicherungsfachleute zusammen, und man begann außergerichtliche Vergleiche auszuhandeln. Bis Frühling 1984 war kein einziges Wort an die Presse durchgedrungen. Im Juni endeten die Verhandlungen mit einem Vergleich in Höhe von über 4 Millionen Dollar.
Dann geschah etwas noch nie Dagewesenes: Ein Elternpaar, Glenn und Faye Gastal, gaben sich nicht mit einer außergerichtlichen Einigung zufrieden. Sie wollten ein Gerichtsverfahren gegen Gauthe und reichten Klage ein. Dieser Sommer 1984 ist der präzise Moment, in dem die institutionelle Krise begann, denn ab diesem Moment gelang es dem führenden katholischen Klerus nicht mehr, seinen unverantwortlichen Umgang mit klerikalen Sexualstraftätern flächendeckend zu vertuschen, Betroffene zu besänftigen oder einzuschüchtern. Ab diesem Moment wurde ihr Versagen öffentlich angeklagt, aufgedeckt und diskutiert, und zwar über Jahrzehnte hinweg, zunächst in den USA und der englischsprachigen Welt, dann weltweit. Die irische Sozialwissenschaftlerin Marie Keenan stellt rückblickend fest, dass sich durch diese Klage im Fall Gauthe »in der englischsprachigen katholischen Welt die Schleusen öffneten, und in der Lawine, die auf die Berichterstattung in den Vereinigten Staaten folgte, kam der sexuelle Missbrauch von Kindern durch Geistliche auf die öffentliche Tagesordnung«.[40]
Die Lawine, die sich nun löste, nahm schnell Fahrt auf. Schon im nächsten Jahr war nicht mehr nur Gauthe Thema. 1985 war in der New York Times zu lesen, dass sich ein anderer Priester in Louisiana, der ein Heim für Jungen leitete, einer Anklage wegen Missbrauchs an einem zehnjährigen Jungen stellen musste. Und selbst Gauthes Anwalt, Ray Mouton, fand nicht nur Beweise dafür, dass die zuständigen Bischöfe schon lange wussten, dass sein Mandant ein Kinderschänder war, sondern er stieß bald auf Belege dafür, dass es einen weiteren Priester in der Diözese gab, der straflos Kinder missbraucht hatte. Dann fand er noch einen und dann einen weiteren und noch einen. Schließlich wusste er von sieben Tätern im Klerikeramt, alleine in der Diözese Lafayette. Ray Mouton, ein Katholik, verlor binnen weniger Monate seinen Glauben an die Kirche, einen Glauben, den er nie zuvor infrage gestellt hatte.[41]
Sobald es im September 1984 den ersten Medienbericht gab, in dem Gauthes[42][43]