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Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 978-3-7557-4563-1
Wie in zahlreichen Publikationen der näheren Vergangenheit demonstriert werden konnte, verfügt die Stereofotografie mitunter über ein hohes Potenzial zur Lösung wissenschaftlicher Probleme. Durch die dreidimensionale Wahrnehmung des Untersuchungsobjektes eröffnen sich dem Betrachter häufig völlig neue Perspektiven, welche die Beantwortung bestimmter Fragestellungen deutlich zu erleichtern vermögen. Gerade dieser Umstand hat dazu geführt, dass die stereoskopische Visualisierung in den vergangenen Jahren in verschiedene Wissenschaftsfelder Einzug gehalten hat. Einen besonderen Stellenwert konnte das mit einfachen Mitteln realisierbare optische Verfahren in den Naturwissenschaften erlangen, da dort vielfach ein besonderer Bedarf nach räumlicher Bildinformation besteht.
Anhand einer Vielzahl an Veröffentlichungen konnte erfolgreich dargelegt werden, dass die Stereofotografie in materialwissenschaftlichen, erdwissenschaftlichen und biologischen Disziplinen in gleichem Maße ihren Zweck zu erfüllen und demzufolge neue Erkenntnisse zu den jeweiligen Untersuchungsobjekten zu liefern vermag. Durch vereinzelte Studien ist diese Fähigkeit der optischen Methode auch für das breite Feld der paläontologischen Forschung attestiert worden. So ist es beispielsweise gelungen, Nanno- und Mikrofossilien wie Coccolithen, Radiolarien, Foraminiferen, Diatomeen und Conodonten einer völlig neuen Betrachtungsweise zuzuführen, welche den Wissenschaftler unter anderem zu einer wesentlich detaillierteren Analyse von oberflächlichen Strukturen befähigt. Die daraus resultierende Zusatzinformation kann etwa im Rahmen der systematischen Kategorisierung der Organismen eine entscheidende Rolle spielen. Neben Kleinstfossilien gelten natürlich jene Versteinerungen von mittelgroßen und großen Lebewesen als bestens geeignet für die stereoskopische Darstellung, wobei in diesem Fall das 3D-Bild vor allem für unterschiedliche Formen der Präsentation genutzt wird.
Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit dem Nutzen der stereoskopischen Fotografie in der Paläontologie. Dabei kommen sowohl mikroskopische als auch makroskopische Anwendungsbereiche des optischen Verfahrens zur Sprache. Einem kurzen Einleitungskapitel, welches allgemeine Informationen zu Paläontologie und Stereoskopie in den Naturwissenschaften bereithält, folgen ein ausführlicher Methodenteil sowie ein Abschnitt mit zahlreichen Bildbeispielen aus Mikro- und Makrokosmos.
Robert Sturm, Herbst 2021
1.1 Grundzüge der Paläontologie
Unter der Paläontologie versteht man ganz allgemein jene Wissenschaft, welche sich mit den Lebewesen des Prä-Holozäns1 befasst. Der Name dieser Disziplin leitet sich aus dem Altgriechischen ab („die Lehre vom alt Seienden") und gelangte im Jahre 1822 erstmalig zur Verwendung. In diesem Jahr nämlich führten die beiden französischen Wissenschaftler D. de Blainville und A. Brongniart besagten Terminus ein und ersetzen damit den zuvor noch gebräuchlichen Begriff der Petrefaktenkunde.2 Die Paläontologie repräsentierte zum damaligen Zeitpunkt freilich nur eine Hilfswissenschaft der Geologie, die in ihrer frühen Phase mit der Bezeichnung Geognosie belegt war. Ganz anders gestaltet sich dieser Sachverhalt in der Gegenwart, wo die paläontologische Wissenschaft schon längst zu einer eigenständigen Forschungsdisziplin avanciert ist und an zahlreichen universitären Lehrstühlen unterrichtet wird.
Im Mittelpunkt der Paläontologie stehen die Fossilien, bei denen es sich in den meisten Fällen um versteinerte Überreste von ausgestorbenen Lebewesen handelt. Der aus dem Lateinischen stammende Begriff des Fossils (fodere wurde erstmals im 16. Jahrhundert von Agricola verwendet. Dieser umfasste zum damaligen Zeitpunkt auch noch Mineralien, Artefakte3 und sogenannte Scheinfossilien. In der modernen Wissenschaft erfolgt lediglich eine Unterscheidung zwischen Körperfossilien (Reste vorzeitlicher Lebewesen) auf der einen Seite und Spurenfossilien (Lebensspuren vorzeitlicher Lebewesen) auf der anderen. Bei den Körperfossilien muss es sich dabei nicht zwangsläufig um Versteinerungen handeln, da von manchen ausgestorbenen Organismen auch noch Gewebe- und Körperteile überliefert sind.4
Der moderne Begriff des Fossils bezieht sich längst nicht mehr nur auf ausgestorbene Lebewesen, da zahlreiche rezente (= holozäne) Organismen bereits in der Vorzeit den Erdball besiedelten und dem paläontologischen Überlieferungsprozess (Fossilisation) unterzogen wurden. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch eine Reihe von ausgestorbenen Lebewesen (z. B. Quagga5, verschiedene Seeanemonen), welche uns nicht in fossiler Form überliefert sind.
Möchte man eine präzise Einordnung der paläontologischen Wissenschaft vornehmen, so hat man diese zunächst klar von der Archäologie auf der einen Seite und der Urgeschichte auf der anderen abzutrennen. Beide genannten Disziplinen rücken den Menschen und dessen kulturelle Entwicklung in ihren Mittelpunkt, wohingegen die moderne Paläontologie auf alle Lebewesen (Einzeller, Pflanzen, Tiere) Bezug nimmt. Die Paläontologie gilt als sehr breites Forschungsfeld innerhalb der Naturwissenschaften und repräsentiert ein bedeutendes Teilgebiet sowohl der Biologie als auch der Geologie. In den frühen 1980er Jahren wurde diesem Umstand im durch amerikanische Forscher neu geprägten Begriff der Geobiologie eine besondere Würdigung zuteil.
1.2 Teildisziplinen der Paläontologie
Die Paläontologie sah sich in den vergangenen Jahrzehnten mit einer kontinuierlichen Vergrößerung ihres Aufgabenbereiches konfrontiert. Dieser Umstand ist vor allem auf die Etablierung immer neuerer Untersuchungsmethoden zurückzuführen. Gegenwärtig wird die wissenschaftliche Disziplin in drei Teilgebiete untergliedert (_ Abb. 16