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Information zum Buch
»Wenn mein Chef mich mehr loben würden, wäre ich zufriedener.« – »Je mehr ich verdiene, desto glücklicher bin ich.« – »Je leichter mein Job, desto besser das Leben.« Wir alle sind überzeugt von solchen Aussagen – aber stimmen sie tatsächlich? Eben nicht! Viele der vermeintlichen Job-Wahrheiten sind genau betrachtet Lügenmärchen, die nicht nur unseren beruflichen Erfolg, sondern auch unsere Lebensfreude bremsen. Deshalb wird es Zeit, diese Lügenmärchen als solche zu entlarven! Marco von Münchhausen, Nachfahre des berühmten Lügenbarons, zeigt, welch falsche Vorstellungen in den Köpfen der Menschen verankert sind und wie sehr diese Mythen blockieren. Sein neues Buch räumt mit den häufigsten Lügenmärchen rund um die Arbeitswelt auf und verrät, was im Job wirklich erfolgreich macht.
Informationen zum Autor
Dr. Marco von Münchhausen ist Jurist, Trainer, Berater, Autor mehrerer Bestseller und Nachfahre des berühmten Lügenbarons. Mit den psychologischen Hindernissen auf dem Weg zu Erfolg und Zufriedenheit beschäftigt er sich seit vielen Jahren; in Gesprächen mit Berufstätigen aller Ebenen ist er auf die in der Arbeitswelt weitverbreiteten Lügenmärchen gestoßen, mit denen er hier charmant und unterhaltsam aufräumt.
Marco von Münchhausen
Die sieben Lügenmärchen von der Arbeit
... und was Sie im Job wirklich erfolgreich macht
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ISBN der Printausgabe: 978-3-593-38787-1
E-Book ISBN: 978-3-593-40801-9
|11|Er trug einen schicken Dreispitz, flog auf einer Kanonenkugel, ritt auf einem halben Pferd durch Russland und traf auf seinen wunderbaren Reisen zu Wasser und zu Lande die merkwürdigsten Menschen, die ihm von den unglaublichsten Abenteuern berichteten. Kennen Sie Baron Karl Friedrich Hieronymus von Münchhausen, den berühmten Lügenbaron? Stand ein Buch seiner gesammelten Abenteuergeschichten im Regal Ihres Kinderzimmers – oder eine Schallplatte? Erinnern Sie sich an diese merkwürdig-altertümliche Sprache? (»Glaubt’s nur, Ihr gravitätischen Herrn! Gescheite Leute narrieren gern!«) Ich werde immer ein wenig melancholisch, wenn ich dieses alte Buch zur Hand nehme – zumal ich Karl Friedrich Hieronymus ja zu meinen Ur-Ur-Ur-Ahnen zählen darf.
1786 erschien die erste Sammlung phantastischer Geschichten des Lügenbarons, die diesem mit wenigen Ausnahmen in den Mund gelegt wurden – womit er überhaupt nicht einverstanden war. Ja, er hatte zwar in 20 Jahren Hof- und Militärdienst eine Menge erlebt, und ja, er hatte einen starken Hang zum Fabulieren – allerdings »nicht nur aus Spaß an der Sache, sondern bezeichnenderweise auch mit der Absicht, Aufschneidereien und Prahlereien, die Anspruch auf Wahrheit erheben, durch bewusste Übertreibungen zu entlarven« – so Volker Hoffmann, Professor für Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Das Publikum des 18. Jahrhunderts liebte satirische Reisegeschichten und literarische Spitzen gegen die Kompliziertheiten deutscher Gelehrter und hedonistischen Vorlieben französischer Schöngeister. |12|Die »Wunderbaren Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt« wurden in Deutschland und England schnell populär, immer wieder aufgelegt und immer weiter gesponnen.
In diesem Buch möchte ich den Versuch unternehmen, die Geschichten meines frühen Vorfahren fortzuschreiben – allerdings mit verändertem Fokus, denn Jagd- und Lustpartien, Seefahrt und Türkenkrieg, Hühnerhunde, Postkutschen und Bären sind ein wenig aus der Mode gekommen. Wenn Sie heute »bei der Flasche im Zirkel Ihrer Freunde« zusammensitzen, drehen sich Ihre Geschichten um eine andere Welt – möglicherweise häufig um die Welt der Arbeit. Vielleicht gehören auch bei Ihnen folgende Themen zu den Dauerbrennern, die ganze Grillabende anheizen können:
»Die Kollegin hat schon wieder eine Gehaltserhöhung bekommen, obwohl sie überhaupt nichts kann.«
»Mein Job ist furchtbar, aber ich kann doch nicht einfach kündigen. So eine sichere Stelle finde ich nie mehr!«
»Ich bin total gestresst. Jetzt soll ich auch noch den Job von zwei Kollegen übernehmen. Seit dieser Finanzkrise spielen sowieso alle verrückt.«
»Mein Chef verschleudert unglaublich viele Ressourcen. Montags lässt er uns alle in die eine Richtung rennen, mittwochs pfeift er uns zurück und schickt uns in die andere Richtung. Mir ist das egal, ich kriege ja mein Geld.«
»Mein Kollege lässt mich schon wieder hängen, ein richtiges Team-Schwein.«
»Ich reibe mich auf in meinem Job, und wer dankt es mir? Niemand!«
»Ich soll schon wieder in einem Hochseilgarten herumturnen, obwohl sich auf meinem Schreibtisch die Arbeit türmt. Die spinnen doch, diese Personaler.«
Geschichten wie diese interessieren mich sehr. Ich bin ihnen nachgegangen – und habe dabei versucht, die innere Haltung des Lügenbarons |13|einzunehmen. Was wird da erzählt? Wer übertreibt wo? Was ist schlicht und ergreifend gelogen?
Ich habe lange recherchiert, weil ich es zunächst selbst nicht glauben wollte: Es wird unglaublich viel gelogen – aber meistens geschieht das ohne Absicht. Die Lügen nämlich verstecken sich in den Grundannahmen, die hinter vielen Geschichten stecken. Es wimmelt von Überzeugungen, die nicht hinterfragt werden. »Wenn mein Chef mich mehr loben würde, wäre ich zufriedener« ist so eine Annahme – man könnte sie auch einen »Mythos der Arbeitswelt« nennen. Oder: »Stress macht doch nur krank – je weniger ich zu tun habe, desto zufriedener bin ich.« Diese Thesen werden so häufig und in einem solchen Brustton der Überzeugung vorgetragen, dass sich keiner mehr darüber wundert. Aber: Stimmen sie tatsächlich?
Eben nicht! Viele der vermeintlichen Wahrheiten, die sich um den Job drehen, sind in Wirklichkeit Lügenmärchen, die nicht nur unseren beruflichen Erfolg (und damit auch den Unternehmenserfolg), sondern auch unsere Lebensfreude ausbremsen. Ich habe in diesem Buch sieben Grundannahmen unter die Lupe genommen, die mir besonders verbreitet und besonders unglaublich erscheinen – und die besonders viel Schaden anrichten.
1. Lüge: »Je mehr Geld ich verdiene, desto glücklicher bin ich«
2. Lüge: »Nur ein sicherer Job ist ein guter Job«
3. Lüge: »Je leichter der Job, desto besser das Leben«
4. Lüge: »Ob mein Job einen Sinn hat oder nicht, ist doch egal«
5. Lüge: »Ohne mich läuft hier gar nichts«
6. Lüge: »Ohne Lob kann ich nicht arbeiten«
7. Lüge: »Ich habe doch längst ausgelernt – wozu Weiterbildung?«
Es ist es höchste Zeit, diese Lügenmärchen zu entlarven.
Und so gedenke ich also, meine verehrten Damen und Herren, Ihnen sieben Geschichten aus der Arbeitswelt zu erzählen, die mir merkwürdig und unterhaltend scheinen, und die in vielerlei Hinsicht Ihren Glauben übersteigen werden, was ich Ihnen gerne verzeihe, übersteigen sie |14|doch oftmals auch meinen eigenen Begriff. In der Tat sind ja manche Beobachter bisweilen imstande, mehr zu behaupten, als genau genommen wahr sein mag. Daher ist es denn kein Wunder, wenn Leser oder Zuhörer ein wenig zum Unglauben geneigt werden. Sollten indessen einige von der Gesellschaft an meiner Wahrhaftigkeit zweifeln, so muss ich sie wegen ihrer Ungläubigkeit herzlich bemitleiden und sie bitten, sich gut an ihrem aufgepolsterten Sofa festzuhalten, weil ich jetzt beginne, meine Abenteuer ebenso aufrichtig wie ungeschminkt zu erzählen.
Zum Aufbau dieses Buches
Jedes der sieben Kapitel dieses Buches beginnt mit einem Lügenmärchen in der Manier meines Ahnherrn Karl Friedrich Hieronymus. Viele dieser Lügenmärchen gehen auf wahre Erlebnisse zurück – wobei ich mir einen Spaß daraus gemacht habe, die Begebenheiten zu überzeichnen und ein wenig mit der Sprache des 18. Jahrhunderts zu spielen. (Sollten Germanisten unter den Lesern sein, die sich auf dieses Idiom spezialisiert haben, so mögen sie mir kleinere oder größere Stilbrüche verzeihen.)
Im zweiten Schritt gehe ich der Frage nach, wie das Lügenmärchen in unserem Alltag gelebt wird, oder anders gesagt: Was der wahre Kern des Lügenmärchens sein mag. Es ist der Ausgangspunkt jeder meiner Überlegungen – der Punkt, an dem ich die Recherche jeweils begonnen habe.
Im dritten Schritt wird die Lüge seziert: Was stimmt nicht an unserem Lügenmärchen? Warum geht die Formel nicht auf? Hier stelle ich Argumente vor, die das jeweilige Lügenmärchen infrage stellen.
Im vierten Abschnitt eines jeden Kapitels zeige ich dann Gründe auf, warum wir besser leben und arbeiten können, wenn wir uns von unseren Lügenmärchen frei machen.
Punkt fünf schließlich gibt Ihnen konkrete Hilfestellungen an die Hand, die Sie dabei unterstützen können, tatsächlich Schluss mit der |15|Lüge zu machen und fortan so zu arbeiten und zu leben, wie Sie das selbst wollen – anstatt blind einem Märchen zu folgen.
Am Schluss jedes Kapitels finden Sie dann Fragen zum Selbstcoaching, die ganz gezielt auf Ihr Leben und Ihren Beruf eingehen: Wie leben und arbeiten Sie jetzt? Was möchten Sie ändern, und wie möchten Sie das tun? Angehende und gestandene Manager unter den Lesern finden den zusätzlichen Block Extra-Coaching für Führungskräfte mit Fragen zur Personalführung und Personalentwicklung, die Sie dabei unterstützen können, mit den sieben schlimmsten Lügenmärchen, die in Ihren Teams kursieren, endlich aufzuräumen.
Das Geld, das man besitzt,
mag wohl für viele das Mittel zur Freiheit sein,
doch das, dem man nachjagt,
ist das Mittel zur Knechtschaft.
Jean-Jacques Rousseau
|21|Eines Morgens reiste ich früh aus meinem Hause ab, um zu einem Zuge zu eilen, der mich zu einem Kunden bringen sollte. In diesem Zug begegnete ich einem jungen Manne, der in der Welt der Wirtschaft außerordentliche Dienste geleistet haben muss, so beschwert war er mit Markenuhr, Füllfederhalter, modernsten Klapprechnern, glänzenden Kleintelefonen und Aktenkoffern aus Aluminium, von denen der Eingeweihte weiß, dass sie am Markte für viel Geld gehandelt werden. Er jonglierte beiläufig mit einer extra-entspiegelten UV-Schutz-Designer-Sonnenbrille und einem Schlüsselbunde, von dem, unschwer zu erkennen, mehrere Schlüssel für teure Wagen baumelten. »Warum nehmen Sie den Zug, wenn Sie vortreffliche Wagen Ihr Eigen nennen, mein Herr?«, fragte ich höflich. Der Herr musterte mich, und ließ sich dann herab, mir zu antworten: »Ich hatte heute Lust dazu. Abgesehen davon, raubt mir mein Chauffeur den letzten Nerv. Er wäscht meine Wagen so oft, dass der Lack zu leiden beginnt. Ich habe ihn aus meinem Haus geworfen.« »Das ist ein schweres Schicksal«, erwiderte ich. »Sie sagen es«, antwortete der Herr mit einem gequälten Lächeln. »Solcherart Sorgen hatte ich nicht, als ich in einer Ein-Raum-Wohnung lebte, meine Hemden selbst bügelte, mein Essen selbst zubereitete, und jeden Morgen mit meinem klapprigen Golfe zur Arbeit fuhr. Doch nach zwei Jahren schon beförderte mich mein damaliger Herr in eine herausgehobene Position, die mir mehr Geld einbrachte, was mich sehr beglückte. Als ich nach weiteren zwei Jahren erneut befördert wurde, wiederum zwei Jahre später die Firma wechselte, um noch mehr Geld zu verdienen, und nach abermals zwei Jahren über so viel Geld verfügte, dass ich mir eine eigene Unternehmung leisten konnte, da war mein Glück noch größer. Denn nun lege ich mir Dinge zu, die mir meine knappe Zeit verschönern und verlängern. So habe ich denn rasende Automobile, Boote und Flugzeuge. Ich habe ein Schwimmbad, einen Golfplatz und ein Kino, damit ich mir die Anreise zu diesen Vergnügungen sparen kann. Ich habe auch einen Hubschrauber, der mich zu meiner Privatinsel bringt, sobald ich ein wenig Zeit habe.« |22|Ich war nicht schlecht erstaunt. »Dann haben Sie wohl ein sehr schönes und angenehmes Leben?«, fragte ich. »Ja«, sagte der Herr. »Meine 52 Bediensteten laufen von morgens bis abends um mich herum, um mir mein Leben angenehmer zu gestalten. Leider muss ich jeden einzelnen von ihnen kontrollieren und antreiben – aber so ist es nun mal mit dem heutigen Personal. Jeden Abend kommen an die 1 000 Gäste, um mit mir auf meinen Erfolg anzustoßen, um Austern zu knacken und Hummer zu speisen. Ja, ich kann wohl sagen, dass Geld mich glücklich macht. Je mehr ich habe, desto glücklicher werde ich.« Als der Zug im nächsten Bahnhofe hielt, erhoben sich 27 flinke Diener, die unbemerkt im Großraumwagen gesessen hatten, rafften wohl an die hundert Gepäckstücke zusammen, und der Herr verließ den Zug mit großem Pompe. Wie sehr ich über diese Begegnung erstaunt war, meine verehrten Damen und Herren, können Sie sich leicht vorstellen.
Finden Sie diese Geschichte übertrieben? Natürlich ist sie das, allerdings nicht ganz frei erfunden! Ich habe mich an die Erzählung eines Bekannten angelehnt, der kürzlich eine ähnliche Story von einem superreichen Inder zum Besten gegeben hat. Geld, viel Geld – das fasziniert uns. Und diese Faszination ist eine Konstante unserer Kultur.
Vielleicht haben Sie in der Schulzeit Goethes Faust gelesen (aus dem die Überschrift zu diesem Unterkapitel stammt). Sicher erinnern Sie sich an den Goldesel aus Ihrem Märchenbuch, der Dukaten hervorbringt als Lohn für den guten Müllergesellen – und an Pechmarie, die wegen ihrer Faulheit von Frau Holle eben nicht mit Gold überschüttet wurde. Möglicherweise kennen Sie das Lied »Wenn ich einmal reich bin« aus dem Musical Anatevka, und vielleicht empfinden auch Sie eine gewisse Faszination, wenn Sie Biografien von Personen lesen, die es »vom Tellerwäscher zum Millionär« gebracht haben – oder die einfach |23|so unermesslich reich und oft auch reichlich crazy sind, wie es Paris Hilton ist oder Michael Jackson war.
Ob Mythos, Märchen, Musical oder Magazin – es ist immer die gleiche Story: Die Protagonisten jagen Geld, Gold und Reichtum hinterher, auf der Suche nach Glück.
»Geld = Glück« – auf diesem Grundgedanken beruht unsere Kultur (insbesondere die protestantische Ethik ist eng verbunden mit dem Streben nach materiellen Gütern), unser Wirtschaftsleben und Leistungsstreben. Und das nicht erst seit den Wirtschaftswunderjahren des vergangenen Jahrhunderts, in denen Sonntagsbraten, Waschmaschine, Pkw und Eigenheim als erste Treppenstufen zum Paradies auf Erden galten.
Es scheint uns schon in die Wiege gelegt zu sein, dieses tief in der Psyche verankerte Evolutionsprogramm, immer etwas mehr besitzen zu wollen, als wir gerade haben. »Geld ist für Menschen das, was Käse für die Mäuse ist: eine Belohnung«, erklärte der Schweizer Ökonom Ernst Fehr jüngst in einem Zeit-Artikel. »Bekommt eine Maus ein Stück Käse, freut sie sich. Man erkennt das daran, dass ihr Gehirn Glückshormone auslöst.« Beim Menschen der Antike sei das vermutlich ähnlich gewesen. Er war nicht deshalb zufrieden, weil er Geld bekam, sondern weil er sich damit Brot kaufen und seinen Hunger stillen konnte. Der moderne Mensch aber sei anders gestrickt. Seine Hormone strömen, sobald er Geld bekommt – ganz gleich, ob er gerade Hunger hat oder nicht, oder ob er schon alles besitzt, »wie jene Millionäre, die um weiterer Millionen willen Steuern hinterziehen«. Er fühlt sich belohnt. Denn, so Fehr, »Geld ist nicht mehr nur ein Tauschmittel, es ist zur eigenständigen Größe geworden. Der Mensch will es besitzen, weil es ihm ein gutes Gefühl verschafft.«
Wenn er dagegen Gefahr läuft, es zu verlieren, kann Panik ausbrechen. »Die Angst ums Geld ist wie die Angst vorm Verhungern«, erklärte der Psychiater Borwin Bandelow in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Bandelow beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Urängsten der Menschen. Diese zeigen sich etwa, wenn an der Börse Panik ausbricht: Da folgen Banker plötzlich nicht mehr ihrer Vernunft, |24|sondern überlassen ihren Emotionen das Ruder. Man kann, so Bandelow, diese überraschende Verhaltensänderung auf den banalen Gedanken zurückführen, dass sie plötzlich Angst vor dem Verhungern haben. »Wann immer ein Tier vor dem Verhungern ist, läuft nichts mehr über das Vernunftsystem. Diese Urangst des Verhungerns steckt auch bei den Menschen hinter der Verlustangst um das Geld.«
Geld ist also für uns zum einen überlebenswichtig, von existenzieller Bedeutung, zum anderen ist es das vermeintlich wichtigste Mittel, um Glück und Erfüllung zu erlangen. Es ist etwas, mit dessen Hilfe wir glauben, unsere tiefsten Wünsche verwirklichen zu können. Es ist eine Projektionsfläche für das, was wir uns wünschen: »Liebe, Freiheit, Alles« – um ein Graffiti zu zitieren, das ich neulich auf einem kleinen alten Auto in Frankfurt am Main sah.
Wir leben in einer »Geldgesellschaft«, in der das Geld eher den Menschen als der Mensch das Geld im Griff hat. Und da fast alle nach der Gleichung »Geld = Glück« und damit auch »viel Geld = viel Glück« handeln, fällt es schwer zu erkennen, dass dies möglicherweise eine riesige Illusion ist. Doch was ist nun die Wahrheit?
Bei Münchhausens Lügenmärchen war und ist es jedem Leser sofort erkennbar, dass sie frei erfunden, völlig unrealistisch, einfach unwahr sind – genauso, wie das bei der hier vorgesponnenen Geschichte vom reisenden Millionär der Fall ist. Im Alltag erkennen wir den Illusionscharakter der Formel Geld macht glücklich häufig nicht, was auch nicht verwundert, hat sie doch – wie so viele Lügengeschichten – einen wahren Kern.
Wenn es um die »Angst vor dem Verhungern« geht, ist Geld sehr wohl essenziell für die Lebenszufriedenheit und das Glücksempfinden eines Menschen. Bis zu einer bestimmten Einkommensstufe, die zur Abdeckung der Grundbedürfnisse einschließlich Bildung und medizinischer |25|Versorgung erforderlich ist, spielt die finanzielle Situation in Sachen Glück und Unglück eine entscheidende Rolle. Insofern schneiden auch Länder mit hohem Einkommen bei der Frage nach der Zufriedenheit im Leben relativ gut ab. Das Einkommen, das zum zufriedenen Leben reicht, liegt in Industrieländern zwischen 20 000 und 40 000 Euro im Jahr – so zumindest die Einschätzung der Deutschen Bank, die in ihrem Unternehmer-Magazin Results das Thema Glücksforschung aus Bankersicht unter die Lupe genommen hat.
Wenn allerdings die Grundbedürfnisse erfüllt sind, dann macht mehr Geld nicht automatisch mehr Spaß, sondern es gilt, was schon Großmutter wusste: »Geld macht nicht glücklich(er)«, oder wie es Wissenschaftler heute ausdrücken: »Glück und Geld haben eine Nullkorrelation.« Geld beruhigt sicherlich, aber glücklicher macht es nicht.
Denken Sie an die Generation, die Deutschland in den Wirtschaftswunderjahren zum Exportweltmeister gemacht und seine Wirtschaftsleistung vervierfacht hat. Sind sie heute zufriedener als in den 1950er Jahren?
Entwicklung von Einkommen und Glück in den USA
Quelle: Richard Layard, Die glückliche Gesellschaft. Kurswechsel für Politik und Wirtschaft. Frankfurt/New York, Campus 2005
|26|In den 1970er Jahren begann der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Richard Easterlin diese Frage zu erforschen und kam zu einem damals erstaunlichen Ergebnis: Trotz Wirtschaftswachstum und den damit einhergehenden Einkommenssteigerungen ist in den westlichen Ländern die Lebenszufriedenheit nicht gestiegen. Diese Erkenntnis ist als das so genannte Easterlin-Paradoxon in die Wirtschaftsliteratur eingegangen.